Current Social and Economic Issues
GA 332b — 15 May 1922
An die Mitglieder der Anthroposophischen und der Freien Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland
Offener Brief Rudolf Steiners
Betreffend Seinen Rücktritt Als Vorsitzender Des Aufsichtsrates Des «Kommenden Tag A.G.»
Meine lieben Freunde! Die Entwicklung und die Aufnahme der anthroposophischen Bestrebungen in der Gegenwart macht eine Änderung meiner Arbeitsweise notwendig. Anthroposophie hat sich auf der einen Seite als ein Seelenbedürfnis einer immer größer werdenden Anzahl von Menschen ergeben; sie sieht sich auf der andern Seite Missverständnissen und unrichtigen Beurteilungen vieler immer mehr gegenübergestellt.
Das erfordert, dass ich den gesteigerten Anforderungen nach Pflege des anthroposophischen Bedürfnisses mehr entgegenkomme, als dies seit der Zeit der Fall sein konnte, seit praktische Institutionen von mancherlei Art sich durch die Zielsetzungen der Freunde unserer Sache gebildet haben. Diese Institutionen sind in durchaus berechtigter Art aus den Absichten dieser Freunde aufgrund der anthroposophischen Bewegung entstanden. Und es war auch begreiflich, dass bei diesen Freunden, als sie nach der Verwirklichung solcher praktischen Ideen strebten, der Wunsch entstand, mich selbst in den Verwaltungen der entsprechenden Institutionen drinnen zu sehen. - Ich bin diesem Wunsche entgegengekommen, obwohl ich mir bewusst war, dass dieses Entgegenkommen einer naturgemäßen Verpflichtung mich von meiner eigentlichen Aufgabe, der Pflege des Zentralen der anthroposophischen Arbeit, für einige Zeit zu stark wegziehen würde.
Für eine verhältnismäßig kurze Frist musste ich den Wünschen der Freunde entsprechen. Aber ebenso muss ich jetzt mich auf den Standpunkt stellen, dass ich weiterhin nur innerhalb dieses Zentralen des anthroposophischen Lebens mit seinen künstlerischen und pädagogischen Auswirkungen tätig sein darf. Ich muss ganz der Anthroposophie als solcher sowie ihren künstlerischen und Schulbestrebungen und Ähnlichem gehören und den Institutionen wie «Kommender Tag» usw. nur insoweit, als die geistigen Anregungen der Anthroposophie in dieselben hineinfließen. Von allem Verwaltungsmäßigen dieser Institutionen muss ich mich im Interesse der anthroposophischen Sache zurückziehen. Nur dadurch wird es möglich sein, dass durch mich in dieser Sache so intensiv gearbeitet werde, wie es angesichts von deren eigenen Anforderungen und der rasch wachsenden Gegnerschaft nötig ist.
Das sind die Gründe, welche mich bewegen, jetzt von dem Amte des Vorsitzenden im Aufsichtsrate des «Kommenden Tages» zurückzutreten. Ich bitte die Freunde der anthroposophischen Sache, dies nicht so aufzufassen, als ob dadurch eine Änderung in der intensiven, sach- und idealgemäßen Arbeit des «Kommenden Tages» einträte. Diese Arbeit ist in guten Händen; und ich bitte, fernerhin keinen Grad des Vertrauens ihr zu entziehen. Ich bin der Überzeugung, dass alles besser gehen werde, wenn ich selbst jetzt diese Arbeit auch formell in die Hände lege, von denen sie gut getan wird, und mich der Sache widme, die mir vom Schicksal zugeteilt ist. Was ich als geistige Anregungen dem Klinisch-therapeutischen Institut, dem Kommenden-Tag-Verlag, den Forschungsinstituten, den Zeitschriften usw. geben kann, wird diesen besser zufließen, wenn ich aus der eigentlichen Administration herausgelöst bin. Praktisch wird sich innerhalb derselben nichts Wesentliches ändern, da ich genötigt war, schon in der letzten Zeit durch die dargelegten Verhältnisse in den für die Zukunft als notwendig geschilderten Zustand hineinzuwachsen. Es wird also nur der faktisch entstandene Zustand auch offiziell festgelegt.
So hoffe ich denn, dass mein Austritt aus dem Aufsichtsrat des «Kommenden Tages» als eine Vertrauenskundgebung meinerseits für dessen Leitung aufgefasst und zu einer solchen auch bei den Mitgliedern der Anthroposophischen Gesellschaften werden wird. Er soll das Vertrauen stärken, nicht schwächen. Wäre Grund zu einer Schwächung vorhanden, so müsste ich bleiben. Die Sache liegt aber so, dass ich der sachkundigen, umsichtigen Leitung fernerhin unnötig und daher verpflichtet bin, zu der anthroposophischen Sache im engern Sinne zurückzukehren.
Dies bitte ich als Begründung des jetzt notwendigen Schrittes aufzufassen.
Rudolf Steiner