Current Social and Economic Issues

GA 332b — 22 June 1922

Ansprache an der dritten ordentlichen Generalversammlung

Rücktritt Rudolf Steiners Als Vorsitzender Des Aufsichtsrates Des «Kommenden Tages Ag»

Protokollarische Aufzeichnung Stuttgart, 22. Juni 1923

Ansprache Rudolf Steiners zu Punkt 4 der Tagesordnung [Wahl des Aufsichtsrats]:

Zu diesem Punkte, meine sehr verehrten Anwesenden, werde ich selbst etwas zu sagen haben, es betrifft die Tatsache, dass die Angelegenheiten der Anthroposophischen Bewegung ja in der letzten Zeit eine solche Gestalt angenommen haben, dass es mir in der Zukunft unmöglich ist, neben meiner Tätigkeit für die Anthroposophische Bewegung im engeren Sinne auch noch andere Tätigkeiten von der Art zu übernehmen, wie es zum Beispiel war die Stelle des Vorsitzenden im Aufsichtsrat des «Kommenden Tages». Die verehrten Anwesenden - und das sind ja wohl die zahlreicheren -, die Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft sind, wissen ja, dass sich, insbesondere in den letzten Jahren, die Verhältnisse der anthroposophischen Bewegung sehr geändert haben. Auf der einen Seite steht ja mit einer wirklich außerordentlich großen Deutlichkeit, dass eine solche, ich will nicht gerade sagen, die spezifisch-anthroposophische, aber eine solche Geistesbewegung, wie sie eben auch die anthroposophische ist - wie gesagt, es könnte aber auch von ähnlichen Geistesbewegungen, von Geistesbewegungen überhaupt dabei gesprochen werden - dass das in den tiefsten Bedürfnissen einer immer größeren Anzahl von Menschen liegt, und dass daher die Anthroposophische Bewegung, die ja als eine - wenn ich so sagen darf - Teilbewegung in diesem großen Strom seit nun mehr als 20 Jahren besteht, dass die anthroposophische Bewegung mit jedem Tag, könnte man sagen, mehr Anforderungen an diejenigen stellt, die zu ihrer Pflege schon einmal vom Schicksal ausersehen sind, und es stellt sich ja schon seit längerer Zeit heraus, dass neben alledem, was mir obliegt, für die anthroposophische Bewegung, eine fruchtbare Tätigkeit für anderes tatsächlich nicht mehr möglich ist, wenn nicht die Aufgaben, die ich nun schon einmal für die Anthroposophische Bewegung habe, dadurch gestört, beeinträchtigt werden sollen. Das Letztere darf aber in keinem Falle geschehen, darf nicht geschehen auf der einen Seite wegen eben der steigenden Anforderungen an die Anthroposophische Bewegung und wegen des sich immer mehr und mehr verbreitenden Interesses, das eben eine Ausdehnung meiner Arbeit gerade nach dieser Hinsicht, nach dieser Richtung verlangt. Auf der anderen Seite hat diese Anthroposophische Bewegung durch Unzähliges, was man nur als missverständlich bezeichnen muss, heute mit einer Gegnerschaft zu rechnen, die auch, nun, ich möchte sagen, wenn ihr in der richtigen Weise begegnet werden soll, Arbeit und vor allen Dingen Sorge und dergleichen bewirkt.

Sodass ich gar nicht anders konnte, meine sehr verehrten Anwesenden, als, allen diesen Dingen Rechnung tragend, vor kurzer Zeit den Entschluss fassen, von der Stelle des Vorsitzenden des Aufsichtsrates des «Kommenden Tages» und überhaupt von dem Aufsichtsrate zurückzutreten, was ich hiermit tue in ganz offizieller Form. Die Sachen liegen ja so, dass ich ja in praktischer Beziehung meine Tätigkeit in der letzten Zeit für den «Kommenden Tag» auf dasjenige zurückziehen musste - eben durch die anderen Anforderungen -, das ja in der kommenden Zeit auch wird verbleiben müssen. Wenn ich gerade für den «Kommenden Tag» diejenige Arbeit leisten soll, die einfließen muss in seine verschiedenen Institutionen, und wenn ich die ja wirklich immer mehr und mehr in Anspruch nehmende Arbeit für die Waldorfschule, an der ja in gewisser Beziehung der «Kommende Tag» außerordentlich interessiert auch ist, wenn ich diese Arbeit leisten soll, die also in positiver substanzieller Weise in Form von meinen Ratschlägen dem «Kommenden Tag» wird zu leisten sein, so werde ich gerade mir zugestehen müssen, dass ich dann umso mehr von der Tätigkeit zurücktrete, die auch ohne mich und vielleicht ohne mich besser als mit mir wird geschehen können in der Zukunft.

Der Aufsichtsrat und das Direktorium des «Kommenden Tages» sind ja durch ihre hingebungsvolle, regsame, umsichtige Tätigkeit eine absolut sichere Gewähr für alle diejenigen, welche als Aktionäre und sonst am «Kommenden Tag» interessiert sind, dass dieser Kommende Tag auch nach meinem Rücktritt in der fruchtbaren Weise, wie er sich es vorgesetzt hat, und wie es im Interesse der Aktionäre liegt, und der Welt überhaupt liegt, dass er in dieser Richtung arbeiten wird. Ich muss sagen, dass die Lage, die ganze Situation des «Kommenden Tages» ja eine solche ist, dass ich heute diejenigen, die Aktionäre sind, und deren Vertrauen zum «Kommenden Tag» vielleicht ein wenig damit zusammenhängt, dass ich vor Jahren die Stellung des Vorsitzenden im Aufsichtsrat übernommen habe, dass ich diejenigen, deren Vertrauen mit dieser Tatsache zusammenhängt, wirklich in dringender Weise nur bitten kann, kein Quäntchen von diesem Vertrauen wegzunehmen, sondern es im Gegenteil im stark vergrößerten Maße der ja ausgezeichneten Leitung des «Kommenden Tages» auch fernerhin entgegenzubringen. Ich möchte sagen, es war mir von allem Anfang an klar, als ich vor drei Jahren die Stellung des Vorsitzenden des Aufsichtsrates übernahm, dass das nur für eine verhältnismäßig kurze Zeit gelten könne.

Denn die Lage, die jetzt da ist, war durchaus vorauszusehen, und trotzdem es mir dazumal natürlich auch vor Augen stand, dass ein größerer Teil meiner Arbeit für die Anthroposophische Bewegung beeinträchtigt wird, ... so tat ich es doch.

Nicht wahr, der «Kommende Tag» ist ja dadurch entstanden, dass sich eine Anzahl von Persönlichkeiten, die aus der Anthroposophischen Bewegung hervorgegangen sind, für eine solche im sozialen und namentlich für die Zukunft tragkräftigen Sinn, für eine solche so gestaltete Unternehmung einsetzen wollten. Der «Kommende Tag» sollte gegründet werden als eine Art Musterbeispiel für das, was man tun soll durch den Zusammenschluss von Unternehmungen, Zusammenschluss namentlich von Persönlichkeiten, die im Wirtschaftsleben in sozialer Beziehung interessiert sind. Durch diesen Zusammenschluss sollte der «Kommende Tag» als eine Art Musterbeispiel begründet werden. Die Persönlichkeiten, die ihn begründeten, wandten sich dazumal zu mir um Rat. Wir haben zusammen die Präliminarien, zusammen die Intentionen, die Grundsätze herausgearbeitet, und versuchten in der ersten Zeit den «Kommenden Tag» in diejenige Richtung hineinzubringen, in die er hineingebracht werden sollte.

Die eigentliche Initiative ist nicht von mir ausgegangen. Ich war sozusagen von Anfang an in der Rolle eines Ratgebers. Nun fand ich es damals ganz natürlich, dass dazumal die Freunde an mich herantraten und auch wünschten, dass ich die Stelle des Vorsitzenden des Aufsichtsrates übernehme, dass ich überhaupt im Aufsichtsrat darinnen sei. Aber dasjenige, was dazumal für die erste Zeit das wünschenswert machte, wenn das auch durchaus maßgebend war für die damaligen Entschlüsse, so kann es nicht für ein weiteres Verbleiben im Aufsichtsrat maßgebend sein. Und das alles zusammen mit dem, dass ich der ausgezeichneten Leitung ganz gewiss bin - ich kann Ihnen sagen, dass ich nicht zurücktreten würde, wenn nicht der «Kommende Tag» auf absolut sicheren Beinen stehen würde und in einer zukunftssicheren Situation wäre -, da das der Fall ist, da man das volle Vertrauen eben haben kann zu dem «Kommenden Tag», auch wenn ich mich zurückziehe, vielleicht auch noch mehr, wie ich schon erwähnt habe, dann, meine sehr verehrten Anwesenden, werden Sie Ihr Vertrauen dem «Kommenden Tag» nicht entziehen. So werden Sie einsehen, dass die Gründe für meinen Rücktritt maßgebende gewesen sind, und ich bitte Sie, diesen Rücktritt in dem Sinn aufzunehmen, wie er eben charakterisiert worden ist.

Es obliegt mir nur vor allen Dingen gelegentlich dieses Augenblickes, in allerherzlichster Weise vor allen Dingen zu danken den anderen Mitgliedern des Aufsichtsrats für ihre hingebungsvolle Arbeit, für die außerordentlich schwierige Arbeit, die in den ersten Jahren geleistet werden musste, für die - ich möchte schon sagen — unter einer immer wachsenden Gegnerschaft leidenden und schwere Sorge machenden Arbeit.

In besonderer Weise auch darf ich diesen Mitgliedern des Aufsichtsrates danken für die herzliche Weise, in der dieses Zusammenwirken stattgefunden hat; sowohl denjenigen Mitgliedern des Aufsichtsrates, welche Träger der ursprünglichen Ideen des «Kommenden Tages» sind, als auch denjenigen, die als Betriebsratsmitglieder den Gesetzen gemäß zum Aufsichtsrat hinzugetreten sind. Wer eben mitgearbeitet hat in den letzten drei Jahren an der Gestaltung und weiteren Durchführung der Ideen und Angelegenheiten des «Kommenden Tages», der weiß eben, welche hingebungsvolle Arbeit notwendig ist, um die Dinge in sachgemäßer und entsprechender Weise zu leisten. Aber ich glaube, dass ja immer mehr und mehr sich das Gefühl geltend machen wird, wie stark den Mitgliedern des Aufsichtsrates zu danken ist für ihre Hingabe, und es wird daher begreiflich erscheinen, dass ich aus wirklich den herzlichsten Empfindungen heraus dem Aufsichtsrat meinen Dank zum Ausdruck bringe, und ihm wünsche, dass seine Arbeit in der nächsten und in der ferneren Zukunft von den schönsten Früchten getragen werden möchte.

An zweiter Stelle habe ich in der herzlichsten Weise zu danken dem Vorstand, allen voran dem umsichtigen, hingebungsvollen, so außerordentlich sachlich wirkenden Direktor des Vorstandes, Herrn Emil Leinhas, den anderen Mitgliedern des Vorstandes insgesamt für ihr hingebungsvolles Wirken. Es ist ja in der letzteren Zeit überhaupt für gesellschaftliche, für wirtschaftliche Unternehmungen nicht gerade leicht geworden, die Direktionstätigkeit auszuüben. Es braucht einer nicht nur außerordentlich aufreibenden Arbeit, es braucht vor allen Dingen einer fortwährenden Gedankensorgfalt, einer fortwährenden Umsicht, die im Einzelnen zu schildern ja weder hier notwendig noch auch nur möglich ist. Aber wenn man das alles mit angesehen, wenn man sozusagen das alles mitzumachen hatte, wenn man von Tag zu Tag immer zu sehen hatte, wie insbesondere von der Leitung unseres Vorstandes in der letzten Zeit und seit dem Beginne immer eigentlich gearbeitet worden ist, so wird man es auch begreiflich finden, dass ich aus einer ganz besonderen inneren Befriedigung und herzlichen Empfindung heraus auch den Mitgliedern des Vorstandes, allen voran dem Direktor, Herrn Emil Leinhas, bei meinem Abgange jetzt den herzlichsten Dank zum Ausdruck bringe. Damit verbinde ich noch den herzlichsten Dank für alle diejenigen, die aus dem engeren Kreise der Anthroposophischen Bewegung, aus weiteren Kreisen heraus überhaupt den Bestrebungen des «Kommenden Tages» ihr Interesse, ihre Aufmerksamkeit zugewendet haben, und einfach durch ihre Anteilnahme, durch ihre Teilnahme innerhalb des Kreises der Aktionäre dem «Kommenden Tag» die Möglichkeit des Bestandes gegeben haben. Ihnen allen sage ich bei meinem Rücktritt den allerherzlichsten Dank! Ich bitte Sie nun, meinen Rücktritt vom Posten des Vorsitzenden des Aufsichtsrates, vom Aufsichtsrat überhaupt zur Kenntnis zu nehmen. Damit sind wir eben angekommen beim vierten Punkt der Tagesordnung, und da ich meinen Austritt hiermit vollzogen habe, also nicht mehr die Verantwortung trage, bitte ich den stellvertretenden Vorsitzenden des Aufsichtsrates, Herrn Dr. Unger, den weiteren Vorsitz in dieser Generalversammlung zu führen.

German original of Resignation of Rudolf Steiner as Chairman of the Supervisory Board of “Kommender Tag AG” at the · ← Previous · Next →