Current Social and Economic Issues

GA 332b — Stuttgart

Aufruf zur Begründung eines Kulturrats!

Drucksache

Letzte Fassung, Juni 1920

Der von Dr. Rudolf Steiner verfasste Aufruf «An das deutsche Volk und an die Kulturwelt» gibt die Anregung zur Dreigliederung des sozialen Organismus. Er fordert:

  1. Die völlige Verselbstständigung des Geisteslebens, einschließlich des Erziehungs- und Schulwesens. Er weist auf das geistige Unvermögen unserer Zeit, insofern es seine Ursachen in der Aussaugung der Geisteskultur durch den Staat hat. Er verlangt die vollständige Selbstverwaltung dieser Kultur aus den rein sachlichen und allgemein-menschlichen Gesichtspunkten heraus.
  1. Die Einschränkung des Staatslebens auf alle diejenigen Lebensverhältnisse, für die alle Menschen voreinander gleich sind. Auf diesem Boden ist auf streng demokratische Art mit Umwandlung der gegenwärtigen privatkapitalistischen Besitz- und Lohnarbeitsverhältnisse vor allem ein solches allgemeines Menschenrecht zu erreichen, das den Arbeiter als völlig freie Persönlichkeit dem Arbeitleiter, der nur noch geistiger Arbeiter ist, gegenüberstellt.
  1. Ein Wirtschaftsleben, in dem der Arbeiter dem Arbeitleiter so gegenübertritt, dass zwischen beiden ein freies Gesellschaftsverhältnis über die Leistungen vertragsmäßig zustande kommen kann, sodass das Lohnverhältnis völlig aufhört. Dazu ist die völlige Sozialisierung des Wirtschaftslebens notwendig. Nur aus der sachgemäßen Bildung von entsprechenden Genossenschaften, die aus den Berufen einerseits, den Konsumenten- und Produzentenbedürfnissen andererseits entstehen, kann eine Wertregulierung der Güter hervorgehen, die allen Menschen ein menschenwürdiges Dasein sichert.

Weite Kreise des deutschen Volkes, die die Vorschläge Dr. Rudolf Steiners in sich aufgenommen haben, sind durchdrungen von der Erkenntnis, dass es in dem gegenwärtigen Zeitpunkte tiefster Not die weltgeschichtliche Aufgabe des deutschen Volkes ist, durch Aufnahme dieses Impulses nicht nur sich selbst vor dem Sturz in den Abgrund zu bewahren, an dessen Rand es die bisher leitenden Kreise durch ihr Unverständnis gegenüber den Menschheitsforderungen der neueren Zeit gebracht haben, sondern dass dadurch auch der Keim gelegt werden kann zur Befreiung aller Menschen von der Unterdrückung durch die Macht der alles verschlingenden Wirtschaftspolitik und der in seinem Dienste stehenden imperialistischen Staaten.

Die breiten Massen des arbeitenden Volkes sind durch die völlige Einspannung in das Wirtschaftsleben des seelenverödenden Kapitalismus in leibliche und seelische Not geraten. Sie erwarten daher eine Besserung ihrer Lage von einer rein wirtschaftlichen Umwälzung. Sie erheben die Forderung nach Sozialisierung des Wirtschaftslebens. Eine einseitige Sozialisierung des Wirtschaftslebens würde jedoch nur eine Scheinsozialisierung sein. In ihr würde die bisherige Zwangsherrschaft des Kapitalismus ersetzt werden durch einc alles nivellierende und jede freie menschliche Entfaltung hemmende Bürokratie, die zu einer völligen Mechanisierung aller menschlichen Tätigkeit und damit zu einer Entmenschung des Menschen führen müsste. Dieser Gefahr kann nur begegnet werden durch eine gleichzeitig erfolgende Befreiung des Geisteslebens von staatlicher Bevormundung und wirtschaftlicher Abhängigkeit. Ein selbstständiges Geistesleben wird durch die Pflege aller menschlichen Anlagen und Fähigkeiten in der Lage sein, dem Wirtschaftsleben, das sich sonst selbst verzehren müsste, ständig neue aufbauende Kräfte zuzuführen.

Das deutsche Volk war bis zum Ausbruch der Weltkriegskatastrophe stolz auf sein Geistesleben. Und doch war dieses Geistesleben, trotz all seiner so laut gepriesenen Errungenschaften, weder in der Lage, die Gedanken abzugeben für eine soziale Ordnung im Innern, die den neueren Menschheitsforderungen hätte gerecht werden können, noch konnte es seine Aufgabe nach außen erfüllen. Dass Deutschland in den letzten fünf Jahrzehnten nicht vermochte, sich eine weltgeschichtliche Mission zu setzen, hat es in die Weltkriegskatastrophe hineingetrieben; durch das Fehlen des Bewusstseins von einer solchen Mission während des Weltkrieges musste es in ihm unterliegen. Der russische Osten hätte vom deutschen Geistesleben Form und Ausdruck für seine geistige Sehnsucht empfangen können. Stattdessen erhielt er - den «Frieden» von Brest-Litowsk, der aus ganz anderen denn aus geistigen Untergründen hervorgegangen ist. Dem vom Westen her andringenden imperialistischen Kapitalismus konnte Deutschland kein eigenes politisches Wollen entgegensetzen - es kapitulierte vor den abstrakten Vierzehn Punkten Wilsons.

Durch die Dreigliederung des sozialen Organismus hätte das deutsche Volk dem Westen das Vorbild einer gesunden Sozialisierung des Wirtschaftslebens geben können, dem Osten hätte es ein starkes, auf sich selbst gestelltes, von mystischer Verschwommenheit freies Geistesleben darbieten können.

In unserer Zeit tiefster Not müsste endlich im deutschen Volke die Erkenntnis für seine geistige Aufgabe wieder erwachen. Es müsste den Weg finden zu den Vorkämpfern für ein freies deutsches Geistesleben, den Herder, Lessing, Schiller, Goethe, zu dem großen Schöpfer des Planes der Idealhochschule, Fichte, zu dem Verherrlicher des wahren akademischen Wesens, Schelling, und zu Hegel. Es müsste den Menschheitsforderungen der neueren Zeit Verständnis entgegenbringen und einsehen, dass, wenn auch die Forderungen der Revolution in dem Bewusstsein der breiten Massen sich zunächst einseitig auf dem Wirtschaftsgebiet geltend machen, ihre in den Tiefen der Seelen treibenden Kräfte doch auf Anerkennung von Menschenrecht und Menschenwürde abzielen. Es müsste erkennen, dass in ihnen der Seelenimpuls zur Freiheit lebt. Dann würde sich ihm die Einsicht ergeben, dass wirkliches Heil für die Menschheit nur erwachsen kann, wenn das geistige Leben im umfassendsten Sinn auf die individuelle menschliche Freiheit gestellt wird, und dass es die Aufgabe gerade des deutschen Geistes ist, die Freiheit des Geisteslebens zu verwirklichen.1 Daher muss jetzt gefordert werden, dass der Staat die Geisteskultur freigebe und dass das gesamte Geistesleben sich seine freie Selbstverwaltung, aus den rein sachlichen und allgemeinmenschlichen Gesichtspunkten heraus, schaffe. Dies gilt in erster Linie für das Erziehungs- und Schulwesen. Man wird erst richtig erziehen, wenn in die Frage: Wie erzieht man alle Menschen zu wahren lebenstüchtigen Menschen? - niemand hineinzureden hat als diejenigen, die nur aus der Menschennatur selbst heraus der Erziehung und dem Unterricht ihre Ziele setzen. Dann wird die Schule ihre Aufgabe nicht mehr darin erblicken, die heranwachsende Jugend für bestimmte, ihr von außen vorgeschriebene Zwecke abzurichten, sondern darin, voll entwickelte, freie Menschen zu bilden. Diese werden sich dann ganz von selbst in ein lebendiges Verhältnis zu ihren Pflichten im Dienste der Allgemeinheit setzen. In einem selbstständigen Geistesleben werden alle Schulen freie Einrichtungen sein des geistigen Gliedes des sozialen Organismus, dessen Angehörige getragen sein werden von dem Vertrauen der Allgemeinheit. Die Mittel für Erziehung und Unterricht werden nicht mehr auf dem Umweg über den Staat aufgebracht werden; der Geistesorganismus wird vielmehr, soweit seine wirtschaftlichen Verhältnisse in Betracht kommen, selbst ein Glied des Wirtschaftslebens sein und aus diesem seine Existenzmittel direkt beziehen, ohne dass sich dadurch eine Abhängigkeit des Geistesorganismus von Wirtschaftsinteressen ergeben kann.

Das erste Ergebnis auf dem Gebiete des Bildungswesens wird die Entstehung einer Grundschule sein, die eine aus dem für alle Menschen gleichen Gesichtspunkte einer wahren psychologischen Anthropologie aufgebaute Einheitsschule sein wird. Im Sinne einer pädagogischen Ökonomie wird diese Schule sich aufbauen auf einem wahren Verständnis für den werdenden Menschen. Sie wird sein Denken, Fühlen und Wollen so zur Ausbildung bringen, dass eine in sich gefestigte Persönlichkeit entsteht, deren Seele tragende Kraft für das ganze Leben entfaltet. In dieser freien Schule werden auch wahrhaft menschenbildende Künste und Fertigkeiten gepflegt werden können, die der Staat nicht pflegt, weil er kein Interesse an ihnen hat. Als hervorragende Willensbildner werden alle Kunstübungen wirken. Eine solche Grundschule wird für alle physischen und geistigen Arbeiter eine brauchbare Bildungsgrundlage liefern. Auf die Grundschule werden sich aufbauen einerseits die Mittelschule, deren einzige Aufgabe in der Vorbereitung für das Hochschulstudium bestehen wird, andererseits die mittleren Fachschulen. Diese werden zu den Berufen, auf die sie vorbereiten, eine lebendige Beziehung entwickeln durch ein ständiges Hinüber und Herüber der Lehrkräfte zwischen ihrer Betätigung im Lehrfach und der Ausübung eines praktischen Berufes. Ein solcher Brauch wird sich auch für die Hochschulen einbürgern.

Einschneidend wird sich die Befreiung des Geisteslebens auf dem Gebiete des Hochschulwesens geltend machen. Die Autonomie der Hochschulen wird sich wiederherstellen. Das staatliche Berechtigungswesen und alle Staatsprüfungen werden in Wegfall kommen. Stattdessen werden künftig die Zeugnisse der freien Schulen und Hochschulen Bekundungen der Fähigkeiten und Kenntnisse sein, die sich die Schüler durch deren Absolvierung erworben haben. Unabhängig vom Geistesleben wird der Staat diejenigen, die er innerhalb des staatlichpolitischen Lebens anstellen will, auf seinem eigenen Boden auf ihre Eignung für die von ihm zu vergebenden Stellen prüfen können.

Jeder staatliche oder wirtschaftliche Einfluss auf den Lehrgehalt der einzelnen Wissenschaften selbst wird aufhören. Die Wissenschaft und ihre Lehre werden wirklich frei sein.

Aus dem Gesagten ergeben sich die folgenden Grundforderungen, deren Erfüllung im dreigliedrigen sozialen Organismus möglich ist:

  1. Befreiung der Unterrichtstätigkeit von jeder staatlichen Aufsicht. Einrichtung der Grundschule nur nach pädagogisch-didaktischen Gesichtspunkten und Verwaltung derselben nur durch Persönlichkeiten, die innerhalb der Selbstverwaltung der Geisteskultur stehen.
  1. Abschaffung des staatlichen Berechtigungswesens für Mittel- und Fachschulen.
  1. Autonomie der Hochschulen.

Wir stellen diese Fragen hiermit zur öffentlichen Diskussion. Wir wenden uns an alle diejenigen, denen die Kultur im weitesten Sinne des Wortes am Herzen liegt, vor allem an die Vertreter der Wissenschaft und Kunst, der Erziehung und des Unterrichts, insbesondere auch an die Eltern und nicht zuletzt an die akademische Jugend. Wir wenden uns ferner an die Auslandsdeutschen, die auf ihren vorgeschobenen Posten die ungesunde Vermengung des kulturellen Lebens mit den staatlichen und wirtschaftlichen Interessen stets besonders schmerzlich empfunden haben. Wir fordern alle auf, die gewillt sind, mitzuwirken im Sinne der Emanzipation des Geisteslebens, sich mit uns zusammenzuschließen zur Bildung einer Gemeinschaft, deren Aufgabe es sein wird, das gesamte Unterrichts- und Erziehungswesen im Sinne des oben Charakterisierten umzugestalten. Wir sind erfüllt von der Hoffnung, dass es durch die gemeinsame Arbeit einer solchen freien Vereinigung von Menschen, die auf den verschiedensten Gebieten des Geisteslebens tätig sind und die durchdrungen sind von der Erkenntnis, dass die Befreiung der Geisteskultur höchste Lebensnotwendigkeit ist, möglich sein wird, den Grundstein zu legen zur Organisation eines freien, auf sich selbst gestellten Geisteslebens.

Stuttgart, Pfingsten 1919
Champignystraße 17
Der Arbeitsausschuss des Bundes für
Dreigliederung des sozialen Organismus [Es folgen 179 Unterschriften]



  1. Die philosophische Begründung dieser Forderung ist gegeben in Rudolf Steiners «Philosophie der Freiheit», in neuer Auflage erschienen 1918, Philosophisch-Anthroposophischer Verlag, Berlin W, Motzstraße [Anm. im Aufruf] ↩

German original of Call for the Establishment of a Cultural Council! · ← Previous · Next →