From a Unitary State to the Tripartite Social Organism

GA 334 — 18 April 1920, Dornach

7. Ansprache vor dem Schweizer Staatsbürger-Verein

Meine sehr verehrten Anwesenden! Auf Ihren Wunsch darf ich Ihnen heute einiges auseinandersetzen über den sozialen Impuls, der unter dem Namen der Dreigliederung des sozialen Organismus der Welt gegenübertreten will — gegenübertreten will zunächst von hier aus. Und er darf gerade von hier aus in die Welt getragen werden aus dem Grunde, weil hier Geisteswissenschaft getrieben werden soll und eigentlich heute schon weiteste Kreise begreifen könnten, daß eine Gesundung der allgemeinen Weltenverhältnisse doch nur durch eine geistige Vertiefung kommen kann.

Es erwartet uns nach diesem kurzen Vortrage noch die Besichtigung des Baues, und Sie werden daher begreifen, daß ich mich kurz fassen will, und Sie nur aphoristisch auf das Wesentlichste des Dreigliederungsgedankens heute hinweisen kann.

Dieser Dreigliederungsgedanke ist nicht etwa ganz neu, sondern er ist entsprungen aus einer jahrzehntelangen Beobachtung der europäischen, namentlich der mitteleuropäischen Verhältnisse und namentlich aus der Beobachtung derjenigen Verhältnisse, welche zu der Schreckenskatastrophe der letzten fünf bis sechs Jahre geführt haben.

Für denjenigen, der heute zu Ihnen spricht, kamen diese Verhältnisse, unter denen ein großer Teil der Welt heute furchtbar leidet, nicht überraschend. Es war im Frühling des Jahres 1914, da hielt ich vor einem kleineren Kreise in Wien — gerade in Wien, Sie wissen ja, der Weltbrand ist von Wien ausgegangen! - eine Reihe von Vorträgen. Innerhalb dieser Vorträge mußte ich sagen, einfach unter der Verpflichtung, möchte ich sagen, gegenüber der Zeit heraus, daß man sich nicht soll beruhigen dabei, immerfort nur die Großarugkeit der Entwickelung der Gegenwart in allen möglichen Worten zu preisen, sondern daß man hinschauen soll auf dasjenige, was sich vorbereite. Und ich mußte dazumal sagen — also es war im Frühfrühling des Jahres 1914, viele Wochen vor dem Ausbruche des Weltkrieges!: Wer die sozialen Verhältnisse Europas mit einem gewissen Kennerblick überschaut, der kann gewisse Erscheinungen, namentlich in unserem Wirtschaftsleben, nur vergleichen mit einer Art sozialer Krebskrankheit, die in kürzester Zeit zu einem furchtbaren Ausbruch kommen müsse.

Sehen Sie, jemanden, der im Frühling des Jahres 1914 so etwas gesagt hat, den hat man als einen verträumten Idealisten angesehen, der pessimistische Ansichten hegt. Und diejenigen, die sich dazumal «Praktiker» gedünkt haben, die haben gesprochen davon, daß die allgemeine politische Lage sich entspanne, daß die besten Beziehungen zwischen den Regierungen Europas seien und so weiter.

Heute darf wohl darauf hingewiesen werden, daß nicht der Idealist dazumal Unrecht gehabt hat mit seiner Vorhersage, sondern die zehn bis zwölf Millionen Menschen, die seither durch den Weltbrand getötet worden sind, und die dreimal soviel, die zu Krüppeln geschlagen sind innerhalb der zivilisierten Welt, die liefern wohl den hinlänglichen Beweis dafür, daß der «Idealist» dazumal solche Worte sprechen durfte.

Man wird an die Stellung, die dazumal die Leute, die sich praktisch dünkten, einnahmen, auch heute in einer gewissen Weise wiederum erinnert. Denn auch heute wird demjenigen kaum voll geglaubt, der davon spricht, daß wir keineswegs am Ende des europäischen Niederganges sind, sondern daß wir immer weiter und weiter hinunter uns bewegen werden auf der schiefen Ebene, wenn nicht in einer genügend großen Anzahl von Menschen die Erkenntnis aufdämmert, wie diesem allgemeinen Niedergange entgegenzusteuern sei.

Auch heute wird mancher sagen, man rede pessimistisch, wenn man eine solche Prognose stellt. Man redet nicht pessimistisch, man redet nur aus einer Erkenntnis der Verhältnisse heraus.

Und so wie man heute, gewissermaßen durch Geisteswissenschaft gestärkt, einen tieferen Blick in die Verhältnisse tun kann, so konnte man es seit Jahrzehnten. Man konnte sorgfältig beobachten, wie sich die einzelnen Staatenverhältnisse untereinander in Europa immer mehr und mehr zu gegensätzlichen entwickelten, wie dasjenige, was als Maßnahme getroffen worden ist, durchaus nicht hinlänglich war, um das, was sich überall als Zündstoff anhäufte, zu bewältigen. Und man mußte voraussehen dasjenige, was kommt: die Schreckensjahre, die wir nun scheinbar hinter uns haben.

Heute darf aber gesagt werden, daß eben vor diesen furchtbaren Jahren keine, wenn ich mich so ausdrücken darf, keine Ohren da waren, um diese Dinge zu hören. Es mußte erst über einen großen Teil Europas die furchtbare Not kommen, die jetzt da ist. So mußte man sich sagen dazumal, es waren nicht Ohren da um zu hören, und man muß auch heute noch warten damit, ob man wirklich gehört werde. Dennoch, trotz der Not, trotz der furchtbaren Lehre, die uns die letzten Jahre gebracht haben, kann man nicht sagen, daß gerade die Idee der Dreigliederung, die aus einer sorgfältigen Beobachtung der Verhältnisse hervorgegangen ist, in entsprechender Weise heute schon aufgenommen werde. Und da möchte ich Ihnen denn gleich im Anfange von dem Grund sprechen, warum man sich so sehr gegen diese Idee von der Dreigliederung stemmt, warum man sie für eine Art Utopie, für eine Art Phantasiegebilde hält.

Sehen Sie, das kommt davon her, weil Verhältnisse so verwickelter Art, Verhältnisse, die die Verheerung, das Chaos so ausgebreitet hatten, eigentlich noch niemals da waren in der ganzen Menschheitsentwickelung! Die Menschheit hat viel durchgemacht; zu bestimmten Zeiten ist auch über Europa viel niedergegangen. Verhältnisse, wie sie jetzt sind, waren in der Zeit der geschichtlichen Entwickelung wirklich noch nicht da.

Es haben es die Umstände mit sich gebracht, daß früher kleine Gruppen der Menschheit ergriffen worden sind von Niedergangserscheinungen. Selbst als das große Römische Reich seinem Niedergange entgegenging, da war das im Verhältnis zu der ganzen Erde doch ein kleines Gebiet. Heute werden durch die Verquickung der Verhältnisse, die wir eigentlich über die ganze zivilisierte Erde ausgebreitet haben, die Niedergangserscheinungen sichtbarer. Kein Wunder, daß daher es auch notwendig ist, nun nicht eine kleine Idee, wie man auf dem oder jenem beschränkten Gebiet, das oder jenes verbessern kann, heute fruchtbar machen kann, sondern daß eine umfassende Idee nötig ist, eine Idee, die wirklich auch so tief eingreift, wie die Verwirrung tief ist. Eine solche Idee möchte die Dreigliederung des sozialen Organismus sein. Außer dem, daß sie hervorgegangen ist aus der Beobachtung der wirklichen Verhältnisse, ist sie auch hervorgegangen aus der Betrachtung der geschichtlichen Zeitpunkte, in denen sich die Menschheit in der Gegenwart befindet. Und auch deshalb, weil sie eigentlich mit der ganzen zivilisierten Menschheit der Gegenwart rechnet, diese Dreigliederungsidee, deshalb kommt man ihr so ablehnend entgegen. Man hält sie für eine Utopie, man hält sie für irgend etwas, was ausgedacht ist. Sie ist aber das Wirklichste, oder will wenigstens sein das Wirklichste, das sich in die gegenwärtigen Verhältnisse hereinzustellen hat.

Wenn wir nämlich die Entwickelung der geistigen, der staatlichen, der wirtschaftlichen Verhältnisse in der Gegenwart überblicken, so müssen wir sie anschließen an dieselbe Entwickelung der letzten drei bis vier Jahrhunderte. Was weiter zurückliegt, das hat einen ganz anderen Charakter. Die letzten drei bis vier Jahrhunderte, und namentlich das 19. Jahrhundert und bis in unsere Tage herein, haben die Menschheit in einen ganz besonderen Entwickelungszustand hineingebracht. In einzelnen Teilen bemerkt man das noch nicht. Mit vollem Recht ist hier von der Gesundheit des Schweizer Volkes gesprochen worden. Auf sie muß für die Zukunft gerechnet werden. Aber es ist dazu auch notwendig, damit diese Gesundheit bleibe, daß man sich keinen Illusionen hingibt, daß etwa gegenüber all dem jetzt Zusammenbrechenden ein kleines Gebiet jetzt isoliert bleiben könnte. Dieses kann nicht sein.

Sehen Sie, es gibt heute in Mittel- und Südosteuropa große Gebiete, von denen Sie wissen, wie sehr sie unter dem Herabkommen der Valuta leiden. Dieses Herabkommen der Valuta, dem Volkswirtschafter tritt es entgegen, ich möchte sagen, als eine große Erscheinung gegenüber kleinen Erscheinungen, die es früher auch immer gegeben hat. Man wußte, wenn die Valuta auf irgendeinem Gebiete fällt, dann wird dadurch die Einfuhr in das betreffende Gebiet etwas untergraben; die Ausfuhr wird dadurch um so mehr gefördert. Dieses Gesetz, es läßt sich nicht mehr anwenden auf die Verheerungen der Wirtschaftsverhältnisse, die in Mittel- und Osteuropa eingetreten sind.

Aber bis jetzt hat sich bloß gezeigt, welches die Nachteile des Sinkens der Valuta in gewissen Gebieten sind! Sie werden nicht sehr lange dazu brauchen, um einzusehen, wie groß die Nachteile des Steigens der Valuta in einem Lande sind! Die werden kommen, und es wird gar nicht so lange dauern, dann werden die Länder mit sinkender Valuta, wo die Wirtschaftsverhältnisse zurückgehen, nicht allein stehen in ihrer Sorge, es werden die Länder mit steigender Valuta mit furchtbaren Gefühlen an ihre hohe Valuta denken.

Diese Dinge, die zeigen dem, der in die Verhältnisse hineinschauen kann, nur, wie dadurch, daß heute im Grunde das Wirtschaftsgebiet der Erde doch eine Einheit bildet, trotz aller Staatengliederungen, wie das Wohl und Wehe eines kleinen Gebietes der Erde von dem Wohl und Wehe der ganzen Erde abhängt. Daher kann auch heute nur über die sozialen Verhältnisse in ganz internationalem Sinne gedacht werden.

Überblickt man dasjenige, was uns eigentlich in die heutige Lage hineingebracht hat, so muß man sagen: Wir sehen, wie weit wir es gebracht haben - heute sieht man es noch nicht -—, aber man könnte eigentlich sagen, man könnte es sehen an der Mißbildung des europäischen Ostens, an der Mißbildung von Rußland. Man muß schon sagen: Solche Dinge sind tief bezeichnend, wie wir sie jetzt zum Beispiel — ich will eine Kleinigkeit erwähnen, aber sie ist tief bezeichnend -, wie wir sie jetzt aus Rußland lesen. Sie konnten lesen, daß Trotzki die Leute aufgefordert hat, den 1. Mai nicht zu feiern, sondern am 1. Mai zu arbeiten. Ich bitte Sie, da drüben in Rußland soll das Ideal der Sozialisten in großem Maßstab verwirklicht werden - ein Paradies wurde den Leuten versprochen. Dasjenige, was das Proletariat durch Jahrzehnte hindurch als sein Manifestationszeichen bezeichnet hat — die Maifeier —, das ist etwas, was da abgeschafft werden muß. Es ist nur ein Ausdruck für dasjenige, was da alles abgeschafft werden muß! Man hat lange Zeit gesprochen von dem Schlimmen des Militarismus, gewiß mit Recht davon gesprochen. In Rußland wird gegenwärtig die Arbeit militarisiert. In Rußland wird gegenwärtig gesagt, es sei ein Unsinn, daß der Mensch hier auf dieser Erde über seine eigene Person verfügen solle. Eine Freiheit des Verfügens über seine eigene Person könne es nicht geben. — Das zeigt so recht die Früchte in dem extremen Falle, zu dem es die Entwickelung der letzten drei bis vier Jahrhunderte gebracht hat. Auf diese Dinge muß man hinschauen. Man muß sich klar darüber sein, daß dieser Staat — ich meine jetzt nicht den einzelnen Staat, sondern den Staat überhaupt -, der sich aus ganz andersartigen Verhältnissen eben im Laufe dieser letzten drei bis vier Jahrhunderte entwickelt hat, daß dieser sich überladen hat mit Dingen, die der Staat als solcher nicht besorgen kann. Denn warum?

Sehen Sie, wir müssen, um solche Dinge wirklich nüchtern und klar, ohne Phantastik, zu betrachten, uns schon zu dem Gedanken aufschwingen, daß das ganze Leben der Menschheit etwas Ähnliches ist wie das Leben des einzelnen Menschen. Wir können nicht das Leben des einzelnen Menschen so beschreiben, daß wir immer sagen: Nun, wenn der Mensch vierzig Jahre alt ist, so ist er mit vierzig Jahren in der Welt die Wirkung der Ursache, die mit dem neununddreißigsten Jahre da war, die im neununddreißigsten Jahre sind die Wirkung von dem achtunddreißigsten Jahre und so weiter. Das kann man nicht sagen, sondern es ist eine innere gesetzmäßige Entwickelung im Menschen. Der Mensch bekommt durch eine innere Gesetzmäßigkeit um das siebente Jahr herum die zweiten Zähne. Er macht andere Entwickelungsstadien durch in späteren Jahren. Es lebt im Inneren des Menschen ein gewisser Impuls, der ihn in einer gewissen Zeit für etwas reif macht. So ist es auch mit der ganzen Menschheit. Dasjenige, was in der ganzen Menschheit heraufgekommen ist im Laufe der letzten drei bis vier Jahrhunderte, das ist etwas, dem die Menschheit nicht entgehen kann.

Man konnte gar nicht anders innerhalb der Menschheit, als den Ruf ertönen lassen nach Demokratie. Was man auch für Ideale hingestellt hat, im äußeren sozialen Leben, das Ideal der Demokratie, das ist dasjenige, das am allermeisten die Menschheit der Gegenwart ergriffen hat, und auch ergreifen muß. Es muß dasjenige, was Staat ist, demokratisch werden, demokratisch werden im weitesten Umfange. Gerade in der Schweiz sollte man so etwas empfinden, wo man ja die alte Demokratie hat, aber wo man auch wahrnehmen wird nach und nach die Notwendigkeit, diese Demokratie von gewissen Gebieten zu entlasten.

Was heißt denn Demokratie? Demokratie heißt: die Möglichkeit, daß die Menschen in bezug auf dasjenige, was für alle gleiche Angelegenheiten sind, was für jeden mündig gewordenen Menschen Angelegenheit des Lebens ist, daß darüber die Menschen, sei es durch Referendum, sei es durch Vertretung, selber entscheiden. Das ist zuletzt das Ideal der Demokratie, das gleiche unter den Menschen in bezug auf die Entscheidungen jetzt alles desjenigen, was von mündig gewordenen Menschen gleich ist - nach diesem strebte der Staat. Aber was strebte der Staat, der sich eben im Laufe der Geschichte entwickelt hat, der aus ganz anderen Verhältnissen hervorgegangen ist, bloß an? Zwei Gebiete können niemals im Menschenleben demokratisch entschieden werden: das eine Gebiet ist dasjenige des Geisteslebens und das andere Gebiet ist dasjenige des Wirtschaftslebens. Gerade, wer es ehrlich meint mit der Demokratie, der muß sich klar darüber sein: Wenn volle Demokratie werden soll, dann muß aus dem Gebiete des bloß demokratischen Staates ausgesondert werden auf der einen Seite das Geistesleben, auf der anderen Seite das Wirtschaftsleben.

Wer beobachten kann auf diesem Gebiete, der kann an naheliegenden Beispielen einsehen, wie unmöglich es ist, in das demokratisch politische Gebiet das Geistesleben als solches hineinzutragen. Ich will nicht von den hiesigen Verhältnissen sprechen, das kommt mir nicht zu; aber es geht ja gar nicht, diese Verhältnisse nur von einem kleinen Gesichtspunkte heute ins Auge zu fassen, sondern man muß die ganze Welt überblicken, die ganze zivilisierte Welt wenigstens.

Sehen Sie sich aber den ehemaligen, bis zum Jahre 1914 und darüber hinaus scheinbar bestandenen deutschen Reichstag an, so haben Sie so recht das Beispiel, wie sich der Staat - ob er nun mehr oder weniger demokratisch ist, darauf kommt es nicht an in diesem Falle - überladen hat mit rein geistigen Angelegenheiten. Sie haben unter den Parteien des deutschen Reichstags eine sehr große Partei gehabt, das sogenannte Zentrum. Es spielt gegenwärtig wiederum in jener Metamorphose des alten Reichstags, die man Nationalversammlung nennt, eine Rolle, das Zentrum. Dieses Zentrum hat keine anderen Interessen gehabt, als lediglich religiöse, das heißt geistige Angelegenheiten. Kam irgendeine wirtschaftliche, kam eine politische Frage in Betracht, so wurde sie entschieden durch irgendeinen Kompromiß, den man von dem Zentrum aus mit anderen Parteien schloß. Aber es ist ganz selbstverständlich, daß dieses Zentrum immer nur das Interesse hatte, seine eigenen geistigen Interessen zu fördern. Kurz, führt man den Gedankengang zu Ende, so zeigt es sich, daß dasjenige, was nur geistige Angelegenheit ist, nicht hineingehört in das politische Parlament.

Nehmen Sie das Wirtschaftsleben. Sehen Sie, Österreich, das ist ja das Land, das so recht zeigt, ich möchte sagen, das ein Schulbeispiel für das ist, was sich entwickelt hat unter den neueren Verhältnissen, dafür, daß eben die Länder zugrundegehen müssen. Nur, Österreich ist das Schulbeispiel für Zugrundegehendes!

Derjenige, der, wie ich selber, dreißig Jahre seines Lebens in Österreich zugebracht hat, und sehen konnte die Entwickelung im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, der konnte alle die Verhältnisse heraufkommen sehen, die sich dort entwickelt haben, konnte sehen alle die neueren sozialen Zustände eintreten. Da dachte man auch in Österreich ein Parlament zu machen. Aber wie machte man dieses Parlament? Man machte vier Kurien: die Kurie der Städte, die Kurie der Länder, der Gemeinden, die Kurie der Großgrundbesitzer lauter Wirtschaftskurien, Wirtschaftsassoziationen wurden gemacht, und in das politische Parlament hineingewählt. Die entschieden dann von ihrem wirtschaftlichen Gesichtspunkte aus über dasjenige, was öffentliches Recht sein sollte. Da haben Sie das andere Beispiel! An dem deutschen Reichstag haben Sie das Beispiel, wie sich eine rein Geistiges erstrebende Partei als ein Störenfried entpuppt im rein wirtschaftlichen Parlament. In Österreich haben Sie ein Parlament aufgebaut auf reinen wirtschaftlichen Kurien, und wer beobachten konnte die Verhältnisse, der weiß, daß dieses Parlament niemals imstande war, dasjenige zu bewältigen, was zum Beispiel gerade in Österreich notwendig gewesen wäre: die geistigen Verhältnisse, insoferne sie sich kundgegeben haben in den weltlichen Verhältnissen der Nationalitäten, zu regeln.

In Österreich konnte man noch etwas anderes sehen. Da war der Staat nur politisches Gebiet. Dreizehn offizielle Sprachen waren da. Diese dreizehn offiziellen Sprachen, man konnte sie nicht unter einen Hut bringen; man konnte sie unter dem Eindrucke nicht unter einen Hut bringen, denn die Leute mit den verschiedenen Sprachen hatten in Österreich die verschiedensten geistigen Interessen. Man hat versucht, auf privatem Wege manches zu erhalten. Oh, ich war oft dabei, wie man, wissen Sie, solche langen Strohfäden, die in den sogenannten Virginia-Zigarren stecken, wie man die amerikanisch versteigert hat zugunsten der Schulvereine! Damit wurden die Schulvereine gegründet, um aus den geistigen Interessen selber heraus etwas zu tun, was der Staat als solcher nicht tun konnte. Aber man war zu sehr versessen in die Einheitsstaat-Idee, als daß solche privaten Begründungen eine größere, breitere Wirkung erzielen konnten. Und so könnte ich Ihnen bis morgen früh erzählen von der Unmöglichkeit, gewisse Dinge zusammenzuhalten, die der moderne Staat zusammenhalten will.

Die Mittelstaaten Europas und Rußland, sie haben am eigenen Leib erfahren müssen, daß dieser Einheitsstaat nicht bestehen kann so, wie er bisher bestanden hat. Diejenigen, die noch nicht von diesem Schicksal betroffen sind, die glauben heute noch, es läßt sich abwenden. Es wird sich nicht abwenden lassen, wenn man nicht zum Rechtlichen die Idee faßt, wie aus dem menschlichen Willen heraus den Zuständen abgeholfen werden könne. Da ist es doch, wo wirklich aus reichlicher Beobachtung heraus und aus der Erwägung der geschichtlichen Verhältnisse heraus, die Idee der Dreigliederung einsetzen will. Sie sagt: Immer ehrlicher und ehrlicher müssen die Menschen im Streben nach Demokratie werden. Dann aber muß das demokratische Prinzip sich beschränken auf das bloße Staatsprinzip, in dem jeder Mensch über alles, was alle mündig gewordenen Menschen angeht, in gleicher Weise zu entscheiden hat. Wie gesagt, entweder durch Referendum oder durch Vertretung. Dann aber muß ausgesondert werden von diesem Staatsgebilde, von dem, was streng parlamentarisch zu verwalten ist, muß ausgegliedert werden auf der einen Seite das gesamte geistige Leben. Dieses gesamte geistige Leben, es ist ja immer mehr und mehr in den letzten Jahrhunderten in die Macht des Staates gekommen, und noch heute betrachten die meisten Menschen das als einen großen Vorzug der modernen Staatsidee, das Geistesleben, namentlich das Schulwesen, aufzusaugen. Da kämpft man noch sehr gegen die furchtbarsten Vorurteile. Aber man sieht eben in der Welt die Zusammenhänge nicht.

Wenn Sie sich aber fragen: Woher ist es denn eigentlich gekommen, daß wir heute nicht nur vor lauter Klassenkämpfen, sondern vor dem Gutheißen der Klassenkämpfe stehen? Daß wir stehen vor jeglichem Mangel an Verständnis der Menschen untereinander? Daß wir es erleben, daß in Rußland ein paar Hunderttausende von Menschen heute tyrannisch herrschen über Millionen von Menschen und vorgeben, demokratisch zu sein, woher ist denn das alles gekommen? Es hat sich langsam vorbereitet. Man braucht an ein einziges Wort zu denken - ich habe darauf aufmerksam gemacht in meinem Buche «Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart» —, um einzusehen, warum aus dem Irrtum heraus ein großer Teil der Menschheit heute, derjenige Teil der Menschheit, der das Proletariat enthält, aufsteht und glaubt: Nur aus dem heraus, was Ihnen ja sattsam bekannt ist, irgendeine Umgestaltung der Verhältnisse bewirken zu können. Das einzige Wort, das man zu nennen braucht, das ist dasjenige, was man hören konnte in allen, allen sozialdemokratischen Veranstaltungen durch Jahrzehnte: es ist das Wort «Ideologie». Und dieses Wort Ideologie, meine sehr verehrten Anwesenden, das weist hin auf den ganzen Gang, den die materialistische Weltanschauung in der neueren Zeit genommen hat.

Man mag über die früheren Verhältnisse der Menschheit denken wie man will, wir wollen ganz gewiß nicht die früheren Verhältnisse wieder heraufführen, wollen vorwärts und nicht zurück; aber man muß doch sagen: Man schaue sich den Menschen der Vorzeit an! Er wußte, daß in seiner Seele etwas lebt, das eine unmittelbare Verbindung hat mit dem Geistigen, das die Welt durchzieht. Was weiß schließlich der Mensch seit der Mitte des 15. Jahrhunderts von diesen Zusammenhängen seines Inneren mit einem Geistigen in der Welt! Die Sonne, sagt man ihnen, das ist ein glühender Gasball. Was wissen die Menschen heute über die Sterne, über die Sonne! Fragt man unsere Gelehrten: Wovon ist die Erdenentwickelung ausgegangen? — da wird gesagt: Das war einstmals ein Dunstnebel; da haben sich Sonne und Planeten abgeschnürt im Laufe von Tausenden von Jahren. Darein haben sich ja auch die Menschen ergeben, das einzusehen! Ich habe schon öfter hingewiesen auf die Schilderung von Herman Grimm, der sagte: Künftige Menschen werden große Mühe haben, den Wahnsinn zu begreifen, der in dieser Kant-Laplaceschen Idee von dem Herkommen der Erde aus dem Urnebel spricht. — Aber heute betrachtet man das als eine große Entwickelung und Wissenschaft.

Dasjenige, was da gepflegt worden ist, das hat dann die mannigfaltigsten Strömungen aus sich herausgetrieben, und diese Strömungen, die sind eingeflossen in das Proletariat. Und im Grunde genommen ist dasjenige, was heute in Rußland von Trotzki und Lenin vertreten wird, nur die letzte Konsequenz desjenigen, was unsere Gelehrten an den Universitäten als Materialismus gelehrt haben.

Hier in der Schweiz war ein Mann, der viel gepoltert hat, schon in den siebziger Jahren, der aber durchschaut hat, was sich naht. Man hatte ihn nicht gern, weil er viel gepoltert hat, Johannes Scherr. Aber neben manchem Poltern hat er auch Wichtiges gesehen. Und er hat in den siebziger Jahren bereits gesagt: Wenn man hinschaute auf die wirtschaftliche Entwickelung, wenn man hinschaute auf das geistige Leben, wie es immer mehr und mehr herunterkommen mußte, so wird man zuletzt dahin kommen, daß Europa sich sagen muß: Unsinn, du hast gesiegt!

In den letzten fünf bis sechs Jahren konnte man es und bis heute kann man es noch immer sagen: Unsinn, du hast gesiegt!

Ideologie, was heißt es denn? Das heißt nichts anderes als: Alles geistige Leben ist schließlich nur ein Rauch, der aufsteigt aus dem bloßen wirtschaftlichen Leben. Die wirtschaftlichen Verhältnisse sind die einzige Realität, so predigt der Marxismus in allen Tonarten. Und dasjenige, was sich aus den wirtschaftlichen Verhältnissen ergibt, ist dasjenige, was der Mensch als seinen Seeleninhalt in sich trägt. Recht, Sitte, Religion, Wissenschaft, Kunst: alles Ideologie. Das ist die Saat, die aufgegangen ist: Ideologie, Unglaube an das geistige Leben.

Woher kommt dieser Unglaube? Dieser Unglaube, er kommt von der Verquickung des geistigen Lebens mit dem Staatsleben in den letzten Jahrhunderten. Denn das geistige Leben, meine sehr verehrten Anwesenden, kann nur gedeihen, wenn es ganz allein auf seinen eigenen Boden gestellt ist. Denken Sie sich - ich will nur das Schulwesen herausgreifen, denn es ist das wichtigste Gebiet des öffentlichen Geisteslebens —, das Schulwesen ist so geordnet, daß diejenigen, die lehren, diejenigen, die erziehen, zu gleicher Zeit die Verwalter des Lehr- und Erziehungswesens sind. Denken Sie sich, daß der Lehrer der untersten Schulklasse niemandem anderen zu gehorchen hat, als wiederum jemandem, dem er nicht gehorcht, sondern dessen Rat er wiederum befolgt, der selber wieder im Unterrichts- und Erziehungswesen drinnensteht. Jemand, der so weit entlastet wird, daß er zu gleicher Zeit verwalten kann das Unterrichts- und Erziehungswesen, so daß niemand hineinspricht von irgendeinem politischen Departement in das geistige Leben selbst, daß das geistige Leben selber auf seinen eigenen Füßen steht. Sie können das in meinem Buche nachlesen. Ich habe versucht, die Sache so anschaulich wie möglich zu machen, daß nur ein solches, auf sich selbst gestelltes Geistesleben uns von all den schädlichen Wirkungen befreien kann, die uns in das Unglück gestürzt haben. Aber nur ein solches auch, das unmittelbar aus dem Geistigen heraus geschöpft wird, kann im Grunde wiederum den Glauben an den Geist, den Zusammenhang mit dem Geist wiederum erzeugen.

Ich möchte anschaulich werden. Wir haben in Stuttgart, weil dort noch ein Schulgesetz, ich möchte sagen, eine kleine Lücke läßt, die Waldorfschule gegründet. Diese Waldorfschule ist eine wirkliche Einheitsschule, denn es sind die Kinder der Arbeiter der WaldorfAstoria-Fabrik neben den Kindern der Fabrikanten und so weiter alle nebeneinander; es ist eine wirkliche Einheitsschule, eine vollständige Volksschule, bis ins vierzehnte, fünfzehnte Jahr hinein, herausgekommen.

Ich habe für die Lehrer, die ich selber ausgewählt habe, einen pädagogischen Kursus gehalten, um so die Lehrer für diese Schule vorzubereiten, wo nur gelehrt werden soll nach Menschenkenntnis, nach der Anschauung desjenigen, was aus dem Menschen herauswill; wo nicht nach irgendwelchen Vorurteilen gelehrt werden soll, es müsse so und so sein, sondern aus dem Beobachten desjenigen, was durch den Menschen hereinkommt in die Welt, was daraus gelehrt werden soll. Ich habe darüber in den verschiedensten Zeitschriften, auch hier darüber berichtet, wie die Methoden in der Waldorfschule eingerichtet worden sind. Dasjenige aber, was ich Ihnen jetzt erwähnen will, ist dieses: Nicht wahr, wenn man einen solchen Lehrgang hält für die Art und Weise, wie unterrichtet und erzogen werden soll, dann richtet man sich nach dem, was die Menschenkenntnis, was die wirkliche Geisteswissenschaft ergibt. Aber im heutigen Schulwesen gibt es noch etwas anderes. Da gibt es auch dasjenige, was die Pädagogen glauben, daß es das richtige ist für die Erziehung des Kindes. Dann aber ist immer mehr und mehr etwas anderes gekommen. Ich mußte es mir anschauen, gerade weil ich ganz praktisch vorgehen mußte, als ich die Waldorfschule mit Bezug auf ihren geistigen Inhalt begründete. Da sind aus dem politischen Leben herauskommend die Verfügungen: Erste Klasse: das und das muß durchgenommen werden, das und das ist das Lehrziel. Zweite Klasse: Das und das muß durchgenommen werden, das ist das Lehrziel. — Sehen Sie, das kommt vom politischen Leben herüber! Ist es nicht mit Händen zu greifen, daß das nicht hineingehört, daß der, der nicht hineinschaut, der nichts vom Lehren und Erziehen versteht, daß der die Vorschriften geben muß? Die Vorschriften muß lediglich der geben, der Pädagoge ist, und der soll auch nicht hinübergerufen werden, als Experte in das Ministerium, sondern der soll im lebendigen Erziehen und Unterrichten drinnenstehen. Das geistige Leben muß aus sich selbst heraus auch auf allen Gebieten des Schulwesens, auf seinen eigenen Boden gestellt werden. Dann wird der Geist wiederum die Menschen ergreifen.

So daß man sagen muß: Der Staat verwirklicht ehrlich die Demokratie, indem er sich entlastet von dem Geistesleben, das ganz auf Sachkenntnis und Fachtüchtigkeit gestellt ist, in dem man ja wahrhaftig nicht durch Majoritäten entscheiden kann, sondern nur nach dem, was man weiß. Da handelt es sich darum, daß wirklich nur das Fachliche und das Sachliche entscheidet, daß die Entscheidungen kommen aus der Eigenverwaltung des Schulwesens. Das ist das eine Gebiet, das ausgeschieden werden muß aus dem Staatlichen. Das andere Gebiet ist das wirtschaftliche. Sehen Sie, woher kommt denn all dasjenige, was heute die Welt immer mehr und mehr hineintreibt in eine allgemeine Wirtschaftskrise? Woher kommen denn solche Dinge, wie sie zum Beispiel 1907 in Europa von einzelnen Leuten sehr gut bemerkt werden konnten? Aber es ging dazumal, wenn auch nicht ohne Schmerzen, so doch noch ohne größere Katastrophen für die Weltwirtschaft vorüber, ich möchte sagen, nur mit dem Wehtun von einigem vorüber. Dann war wiederum ein Gejubel bei allen vorhanden über die großen wirtschaftlichen Fortschritte und «wie wir es so herrlich weit gebracht» haben in der neueren Zeit. Man hat nicht bemerkt, wie sich an ganz charakteristischen Erscheinungen dasjenige zeigt, was sich jetzt allmählich zur allgemeinen Weltkrisis entwickelt. Diese charakteristischen Erscheinungen ...

Alle diese Dinge haben sich im kleinen und im großen überall abgespielt. Sie sind im wesentlichen darauf zurückzuführen, daß seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts allmählich das Geld eigentlich der Regent geworden ist über das gesamte Wirtschaftsleben. Das Geld als Regent über das gesamte Wirtschaftsleben; was bedeutet denn das? Sehen Sie, ob es sich um Weizen handelt - denn Sie müssen auf den Geldwert sehen -, er kostet so und so viel Franken. Wenn Sie Röcke kaufen, wenn Sie bloß auf den Geldwert sehen: Franken. Kurz, das Geld, das spezifiziert sich nicht, das richtet sich nicht nach der Konkretheit des Wirtschaftslebens. Das ist etwas, was so dasteht im außerwirklichen Leben, wie die abstrakten Begriffe im Geistesleben, mit denen man auch keinen Hund hinter dem Ofen hervorlockt in Wirklichkeit. Nur, daß die abstrakten, phantastischen Begriffe nicht so viel Unheil anrichten, wie diese verallgemeinerte Abstraktheit des Geldes. Man kann gerade darauf hinweisen, wie im Laufe des 19. Jahrhunderts der Geldleiher allmählich zum eigentlich treibenden Motor in unserem Wirtschaftsleben geworden ist. Während vorher bloß der wirtschaftliche, ökonomische Mensch derjenige war, auf den es angekommen ist. Es ist allmählich auch die Möglichkeit entstanden, daß sich die Staaten in das Wirtschaftliche hineingestellt haben, so daß die Staaten selber Wirtschaftende geworden sind.

Wenn man einmal unbefangen die Kriegsursachen untersuchen wird, wird man feststellen: durch rein wirtschaftliche Verhältnisse sind die gekommen, und mußten kommen, weil sich solche Verhältnisse, wie ich sie angeführt habe, herausgebildet haben. Da wiederum liefert ein sorgfältiges Studium Aufschlüsse über dasjenige, um was es sich handelt: daß man zurückkommen muß zu einem Zusammenkommen des Menschen mit dem wirtschaftlich Produzieren selber. Der Mensch muß wiederum herangeführt werden an dasjenige, was er produziert. Der Mensch muß wiederum zusammenwachsen mit Weizen und mit Roggen und mit dem allem, was er sonst hervorbringt, und er muß das Wirtschaftsleben wandeln nach dem, was er hervorbringt. Und die Menschen dürfen es nicht erzwingen, dieses Geld rein zu vermehren. Ohne daß man an diese Dinge denkt, kommt man nicht weiter. Eine Gesundung des Wirtschaftslebens ist nur möglich, wenn der Mensch wieder mit der Wirtschaft zusammengeführt wird, aus dem Bedürfnis der Wirtschaft heraus arbeitet.

Das aber kann nur kommen, wenn man nicht vom Staate aus organisiert, sondern wenn man die Menschen, die in den entsprechenden Wirtschaftszweigen drinnen stehen, zu Assoziationen kommen läßt, wenn man Interessenwirtschaft lediglich baut auf Sachkenntnis und Fachkenntnis und Fachtüchugkeit im Wirtschaftsleben. Zweierlei ist notwendig: erstens, daß man dasjenige kann, was man produzieren will, und zweitens, daß man das Vertrauen der Menschen hat. Das aber kann man nur haben, wenn man in dem entsprechenden Wirtschaftszweig drinnensteht und mit ihm zusammengewachsen ist.

Dadurch aber ergeben sich die einzelnen Berufe, dadurch ergeben sich die Gesetzmäßigkeiten der Produktion und Konsumtion. Dagegen können die einzelnen Wirtschaftsweisen nur dadurch in ein bestimmtes Verhältnis zueinander gebracht werden, indem die einzelnen Assoziationen selbständig arbeiten, kein Staat und keine Obrigkeit hineinredet. So wie namentlich das Geistesleben vom Staatsleben abgesondert auf seine eigenen Füße gestellt werden muß, so das Wirtschaftsleben ebenfalls. Das Geistesleben kann einzig und allein gedeihen, wenn der einzelne Mensch, der die Fähigkeiten hat, diese Fähigkeiten auch zum Besten seiner Mitmenschheit entfalten kann. Das Geistesleben wirkt am idealsten und am sozialsten dann, wenn die einzelne Individualität, die begabt ist, wirken kann im Dienste ihrer Mitmenschen. Das Wirtschaftsleben wirkt am besten da, wenn diejenigen, die auf irgendeinem Gebiete produzieren, oder wenn die Konsumentenkreise so sich miteinander verbinden, daß einfach durch das Bestehen der Assoziationen und Verbindungen ein reales, nicht vom Gelde abhängiges Vertrauen da ist, wenn das Kreditwesen ein reales, nicht ein bloß fingiertes ist, wie es in der abgelaufenen Periode der Fall war, und wenn man weiß, daß man irgendeinen Produktionszweig unterstützen kann, weil in diesem Produktionszweige die Leute drinnenstehen, die man nun kennengelernt hat, und die zusammengewachsen sind mit ihrem Produktionszweig.

Das ist gewiß in kleinen Verhältnissen noch der Fall; in den großen Verhältnissen, die den eigentlichen Verderb herbeigeführt haben, ist es nicht der Fall. Sehen Sie, ich konnte Ihnen nur skizzieren, um was es sich bei der Dreigliederung handelt. Ich konnte Ihnen nur zeigen, daß gewissermaßen die Menschheitsentwickelung bis zu dem Punkt gekommen ist, in dem dasjenige, was man dem Staate als ein Einheitsgebilde aufgeladen hat, getrennt sein will in drei selbständige Gebiete: in das sich selbständig verwaltende Geistesleben, in das selbständig sich verwaltende Staatsleben demokratischer Art, das im besonderen das Rechtsleben sein wird, und in das selbständig sich auf eigene Füße stellende Wirtschaftsleben, das wiederum ein gesondertes Gebiet darstellt. Allein das ist das Wesentliche: Ablesen an dem, wohin die zivilisierte Welt heute streben sollte, und eigentlich auch streben will, nur daß es den Menschen noch nicht zum Bewußtsein gekommen ist, und daß die Menschen festhalten wollen an den alten Verhältnissen.

Sehen Sie, es ist sehr merkwürdig, wie man gerade am Sozialdemokratismus sehen kann, so wie er sich heute entwickelt, das konservativste Prinzip. Denn, was will denn dieser Sozialdemokratismus? Er will den Staat zu einer einzigen großen Genossenschaft machen, durch die er alles militarisieren könnte. So könnte man heute sagen, wenn man auf Rußland sieht, wo alles militarisiert wird. Vom Militarisieren der Arbeit spricht man ja schon aus russischen Verhältnissen heraus, weil gerade die Sozialdemokratie marxistischer Färbung sagt: Der Staat ist da. Dem laden wir nun alles auf, die Erziehung und das Wirtschaftsleben und alles laden wir ihm auf. — Das ist das Ungesunde! Gerade der sozialistische Gedanke stellt die letzte, ungesundeste Konsequenz desjenigen dar, was sich in den letzten Jahrhunderten heraufentwickelt hat.

Das Gesunde ist, einzusehen, daß dasjenige, was dem Staate aufgeladen worden ist, was er aus seinem Demokratischen heraus nicht entscheiden kann, von ihm losgetrennt und auf eigene Beine gestellt werden muß, das Geistesleben und das Wirtschaftsleben. Man kann ja natürlich begreifen, daß sehr viele Menschen heute auf solche Ideen nicht eingehen können, denn es ist dem heutigen Menschen einmal anerzogen, den Staat als dasjenige zu betrachten, was am besten durch eine gewisse Allmacht wirkt. Man meint es eigentlich doch nicht ernsthaft mit dem demokratischen Gedanken, wenn man dem Staate alles aufhalsen will. Man meint es mit dem demokratischen Gedanken nur dann ernsthaft, wenn man dasjenige demokratisch behandelt sehen will, was gleich behandelt werden kann unter allen mündigen Menschen. Wenn es auf den einzelnen Menschen ankommt, auf seine Fähigkeiten, die er durch seine Geburt aus anderen Welten in diese Welt hereinträgt, dann handelt es sich darum daß diese Welt, diese geistige Welt, auch aus diesen Fähigkeiten heraus organisiert werden muß. Beim wirtschaftlichen Leben handelt es sich darum, daß man nicht über alles eine abstrakte Organisation spannt, was die Geldwirtschaft durch ihre eigene Wesenheit ist, sondern daß aus dem konkreten Wirtschaftsleben heraus gewirtschaftet werden könne. Aus dem konkreten Wirtschaftsleben heraus können sich aber nur Assoziationen bilden, die sich zusammenschließen, und die durch ihr gegenseitiges Verhältnis wirklich das erreichen, was ein gesundes Verhältnis zwischen Konsumierenden und Produzierenden sein kann. Gewiß, ein solcher Gedanke, der gewissermaßen auf alles dasjenige eingeht, was heute nach dem Niedergange hindrängt, und der einsieht, daß der Niedergang nicht anders aufgehalten werden kann, als indem man gründlich nach einer Neubildung sucht, ein solcher Gedanke kann nicht gleich verstanden werden. Man sieht ein, daß er nicht gleich verstanden werden kann. Denn die Menschen sind doch eigentlich daraufhin organisiert, immer sich zu denken: Ja, jetzt geht es schlecht, aber es wird schon wieder besser werden. Aus irgendeinem Winkel heraus, so meinen sie, wird die Besserung kommen. So hat man es auch gemacht zum Beispiel in Deutschland während des Krieges. Immer, wenn es schlecht gegangen ist, hat man gewartet, daß aus irgendeinem Winkel heraus die Besserung kommen werde. Sie ist nicht gekommen! So sollte man auch heute nicht warten, daß von irgendwoher, man weiß nicht woher, zunächst schon wiederum die Verhältnisse besser werden! Nein, die Menschheit ist heute — das bezeugt gerade das Auftreten der Demokratie -, die Menschheit ist heute in einem gewissen Grade dazu aufgerufen, sich reif zu benehmen. Reif ist man aber nur dann, wenn man nicht von irgend etwas Unbestimmtem erwartet, es wird die Besserung kommen, sondern wenn man sich sagt: Die Besserung kann nur von dem eigenen Willen kommen, von einem einsichtigen Willen, der die Wirkung durchschaut. [Lücke] Wenn doch nur ein Prozent der heutigen zivilisierten Menschheit sich durchringen könnte zu einer klaren Erkenntnis der Gefahr für die ganze zivilisierte Welt, und sehen könnte, sehen könnte, wie nötig die Zustände nach Dreigliederung streben! Aber die Dreigliederung wird überall mit Füßen getreten. Wenn nur ein Prozent der Menschen bis zu einem gewissen Grade die Dinge einsehen würde, so würde es besser werden. Denn nur durch die Menschen kann die Besserung kommen! Das Schlimmste war für die Menschheit immer der Fatalismus.

Aber das Allerschlimmste heute ist eben dieser Fatalismus! Neulich konnten Sie hier in einem Blatte, das in Basel erscheint, einen Brief eines Deutschen lesen, der da sagt: Wir müssen es in Deutschland nun einmal hinnehmen, durch den Bolschewismus durchzugehen. Dann, wenn wir durch den Bolschewismus durchgegangen sind, dann wird — man weiß nicht woher! — das Bessere kommen.

Das ist der furchtbarste Fatalismus. Das ist die Folge davon, daß man im Grunde genommen das tiefste Wesen des Christentums heute noch nicht versteht. Der Christus ist für alle Menschen in die Welt gekommen. Er ist in die Welt gekommen nicht bloß für das eine Volk, aus dem er hervorging; nicht bloß für den einen Volksgott kämpfte er, denn er hat gelehrt: Nicht dieser eine Volksgott, sondern dasjenige, was der Gott ist für alle Menschen, das ist es, worauf es ankommt. Haben nicht in den letzten fünf bis sechs Jahren die Menschen zu dem alten Jehova wieder zurückgeschaut, haben sie nicht überall für die Volksgötter gekämpft, indem sie diese Volksgötter mit dem Christus-Namen belegt hatten? War es der wirkliche, allen Menschen zukommende Christus, von dem sie gesprochen haben? - Nein, es war nicht der allen Menschen zukommende Christus, von dem gesprochen wurde; es waren die einzelnen Volksgötter! Und man spricht ja von den einzelnen Völkern in diesem Sinne heute wie damals als denjenigen, die in sich verkörpern ihre gesonderten Ideale. Man muß das Christentum wiederum als ein allgemeines verstehen; aber nicht bloß mit Worten, sondern mit reifen Ideen.

Sehen Sie, indem ich so heute nur ein paar skizzenhafte Gedanken angab in dieser kurzen Zeit, aber indem ich immer wieder und wiederum zu den Leuten gesprochen habe über Dreigliederung, da traten auch solche Menschen auf, die heute «gute Christen» sind, das heißt mit Phrasen sind sie aufgetreten. Sie redeten von allem möglichen; aber man sollte es heute doch sagen, meinten sie, daß das Christentum erfüllt, der Christus wirklich werden soll. — Ich konnte nur erwiedern: Es gibt ein Gebot: Du sollst den Namen deines Gottes, den Namen deines Herrn nicht eitel aussprechen. — Ist man deshalb ein schlechter Christ, weil man nicht immer den Christusnamen auf der Zunge führt? Der Christus wollte nicht immer bloß angeredet sein mit dem Namen «Herr! Herr!» — sondern er wollte eine Gesinnung unter die Menschen bringen, die, so ausgestaltet, konkrete Formen annimmt, die nicht immer sich bloß auf seinen Namen berufen, sondern die in seinem Sinn soziale Zustände herbeiführen, die alle Menschen gleich umfassen.

Es mag mit äußeren Worten scheinbar nicht vom Christentum die Rede sein in der Dreigliederung, aber diese Dreigliederung des sozialen Organismus ist im Sinne des echten, wahren, praktischen Christentums gedacht. Und man wird doch noch einmal einsehen — das ist meine tiefe Überzeugung, meine sehr verehrten Anwesenden -, daß die Idealisten, die heute von Dreigliederung sprechen, die eigentlichen wahren Praktiker sind. Und die anderen, die sagen: Ach, Schwärmereien! — das sind diejenigen, die heute so sprechen, na, wie zum Beispiel fast gleichlautend der Außenminister des deutschen Reichstags und der österreichischen Delegation im Monat Juni 1914 gesprochen haben. Diese beiden praktischen Herren, die haben etwa das Folgende, fast Gleichlautende in Berlin und Wien gesagt: Unsere freundnachbarlichen Beziehungen zu Petersburg sind die allerbesten, die es gibt. In der politischen Lage ist eine Entspannung eingetreten; wir gehen friedlichen Zuständen in Europa entgegen - im Mai, Juni 1914! Mit England schweben Unterhandlungen, so sagte man in Berlin von den Praktikern aus, die demnächst zu befriedigenden Resultaten führen werden. — Die befriedigenden Resultate kamen dann im August 1914! So haben die «Praktiker» gesprochen, so haben die Praktiker die Dinge vorausgesehen.

Man sollte das bedenken, meine sehr verehrten Anwesenden, wenn man heute in einem solchen Vorschlage, wie sie diese Dreigliederung des sozialen Organismus ist, einen bloßen Idealismus einiger Schwärmer sieht, während man darinnen sehen sollte das Allerpraktischeste, das am allermeisten mit der Wirklichkeit Rechnende, das sich in unsere Zeit hineinstellen will!

Ich danke Ihnen, meine sehr verehrten Anwesenden, daß Sie anhören wollten, was ich vorzubringen hatte. Ich kann nur um Ihre Nachsicht bitten, da ich in der kurzen Zeit, die mir zur Verfügung stand, selbstverständlich nur einige reine Gedanken ohne die nötigen Beweise vor Sie hinstellen konnte, die Sie aber in den entsprechenden Büchern und Zeitschriften, die auch hier in der Schweiz zu haben sind, und die Sie auch in der «Sozialen Zukunft» finden können, die von Dr. Boos herausgegeben wird. Ich konnte Ihnen nur einige Leitgedanken hinstellen; und ich hoffe nur, daß diese Leitgedanken in Ihnen vielleicht doch die Empfindung hervorrufen können, daß es sich jedenfalls in diesem Impuls von der Dreigliederung des sozialen Organismus nicht um einen zufällig hingeworfenen Ideeneinfall handelt, sondern daß diese Dreigliederung des sozialen Organismus herausgegriffen ist aus den tiefsten Nöten der heutigen Menschheit, die aber zu gleicher Zeit die heutige Menschheit aus ihren Nöten wirklich herausführen kann, aus dem Chaos und dem Niedergang herausführen will zu einem wirklichen Neubau, nach dem sich heute so viele Menschen, und zwar mit Recht, doch sehnen.

[Schlußwort des Veranstalters.)

German original of Address to the Swiss Citizens · ← Previous · Next →