From a Unitary State to the Tripartite Social Organism

GA 334 — 19 March 1920, Zurich

6. Dreigliederung und Gegenwärtige Weltlage

Was man soziale Programme oder dergleichen nennen könnte, schwirrt heute in endloser Zahl durch die Luft, herausgefordert wahrhaftig mehr als zu irgendeiner anderen Zeit, durch alles das, was in der Gegenwart an Kräften wirkt, die in die Zerstörung hineinführen. An Vorschlägen, wie sich aus dieser Zerstörung heraus etwa ein Neuaufbau entwickeln soll, fehlt es eigentlich nicht. Wenn dennoch das, was man nennen kann die Idee von der Dreigliederung des sozialen Organismus, sich, durch die Not der Zeit gedrängt, Geltung verschaffen will unter diesen mancherlei Vorschlägen, so geschieht es zunächst hauptsächlich aus der Anschauung heraus, daß mit dieser Idee der Dreigliederung des sozialen Organismus etwas gegeben ist, was, wenn man es seiner inneren Wesenheit nach erfaßt, nicht irgendwie gleichgestellt werden kann mit programmartigen Vorschlägen oder sozialen Idealen in abstraktem Sinne. Was ich Ihnen hier darbieten möchte, soll durchaus durchdrungen sein von der Erkenntnis, daß ja heute die große Gefahr für all dergleichen Dinge vorliegt, in das Utopistische zu verfallen. Man braucht nur daran zu denken, wie im Grunde genommen, wenn es auch da oder dort in der europäischen Welt noch nicht hinlänglich bemerkt wird, alles, wovon man geglaubt hat, daß es feststehe in der hergebrachten wirtschaftlichen, juristischen, geistigen Ordnung, einem gewissen Zerstörungsprozeß unterliegt und wie sich dieser Zerstörungsprozeß im Laufe der letzten vier bis fünf Schreckensjahre der europäischen Zivilisation nur allzu deutlich gezeigt hat.

In einer solchen Zeit kann man nicht auf das oder jenes, was schon da ist, was seine Wirklichkeit bewahrt hat, aufbauen. Es haben sich ja sozusagen die’ festgeschraubtesten Institutionen durch die letzten Jahre ad absurdum geführt. Und da liegt es selbstverständlich nahe, gewissermaßen aus einem ganz neuen Fundament heraus zu bauen. Das kann dann der Mensch nur, indem er aus dem Gedankenfundament heraus baut, und da zeigt es sich denn alsbald, daß die Grundlagen nicht leicht zu finden sind, die einen gediegenen Aufbau möglich machen. Denn man hat zunächst scheinbar gar keinen Anhaltspunkt, ob das, was man aus den Gedanken heraus in die Wirklichkeit umsetzen will, auch irgendwie in dieser Wirklichkeit sich begründen läßt. Und alles das, was nicht von vornherein durch seinen Inhalt selbst zeigt und erweisen kann, daß es sich voll in die Wirklichkeit hineinstellen kann, ist ja utopistisch.

Gerade der Gefahr des Utopistischen möchte nun die Idee der Dreigliederung des sozialen Organismus entgehen, und sie möchte ihr dadurch entgehen, daß sie im Grunde genommen gar nicht etwas aufstellt, was man eine soziale Lebensauffassung, was man ein soziales Programm nennt, sondern daß sie hinweisen will auf eine besondere Art, wie Menschen im öffentlichen Leben zusammenwirken können, damit den Kräften der Zerstörung Kräfte des Neubaus, der Neuentwickelung entgegengestellt werden können.

Ich möchte sagen, dasjenige, wovon die anderen angeben, daß es geschehen soll, das soll der Idee der Dreigliederung nach erst entstehen, wenn ein solches Zusammenarbeiten von Menschen und Menschengruppen einmal stattfinden kann, von dem die Idee der Dreigliederung des sozialen Organismus sprechen will. Man steht nicht, wenn man auf diesem Boden steht, auf dem Standpunkt, daß man irgendwie allwissend ist, daß man Prophet ist, der angeben kann, wie sich diese oder jene Institution in der Zukunft zum Heil der Menschheit ausnehmen soll, sondern man will nur das Urteil der Menschen, die etwas zu sagen haben, in einer Weise aufrufen, daß durch das Zusammenarbeiten der Menschen dieses Urteil auch sachliche Wirklichkeit werden kann.

Der Anlaß zu dieser Idee von der Dreigliederung des sozialen Organismus liegt eigentlich bei demjenigen, der sich erlaubt, zu Ihnen zu sprechen, weit zurück. Er ist zu suchen in jahrzehntelangen Lebenserfahrungen, die sich auf die sozialen Verhältnisse der verschiedensten Gegenden Europas beziehen, namentlich aber Mitteleuropas und der Teile Mitteleuropas, die gerade an ihrem Schicksal in der letzten großen Kriegskatastrophe zeigen, wie das, was bisher soziale Struktur der Menschheit, der zivilisierten Menschheit Europas war, aus sich selbst nach etwas Neuem hintendiert, wie es den Kräften nicht gewachsen ist, die, ich möchte sagen, aus den Tiefen der Menschheit sich heute an die Oberfläche bewegen wollen. Man kann, wenn man unbefangen das geschichtliche Leben betrachtet, namentlich in dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, in den Jahren des 20. Jahrhunderts, die 1914 vorangegangen sind, durchaus sehen, wie dasjenige, an dem man so dogmatisch festhält, das man heute noch, wenn es auch in vielen Gebieten Europas erschüttert ist, doch noch immer als etwas betrachtet, an dem man nicht rütteln soll, wie der Einheitsstaat, der alle Gebiete des öffentlichen Lebens seit drei bis vier Jahrhunderten allmählich erfaßt hat, eigentlich seiner Aufgabe gegenüber gewissen großen Menschheitsforderungen nicht mehr gewachsen ist, wie er nicht fähig ist, zu gleicher Zeit zu umfassen das geistige Leben, das staatlich-politische oder Rechtsleben im engeren oder auch im weiteren Sinne, und das Wirtschaftsleben. Daher entstand für diejenigen, die sich mit der Idee von der Dreigliederung zuletzt befaßten, der Gedanke, gerade da einzusetzen und die Frage aufzuwerfen: Welche Gestalt muß der bisher als eine notwendige Einheit angesehene Staat annehmen gegenüber den drei hauptsächlichsten Lebensgebieten der Menschheit, gegenüber dem geistigen Gebiet, gegenüber dem rechtlich-politischen Gebiet und gegenüber dem wirtschaftlichen Gebiet? Und nun will ich, bevor ich zu einer Art Begründung übergehe, mir zuerst erlauben, Ihnen in einer kurzen Skizze darzulegen, wie das Zusammenarbeiten der Menschen gedacht werden soll, damit nun wirklich aus der sozialen Struktur heraus die Aufgaben bewältigt werden können, die den Menschen aus diesen drei hauptsächlichsten Lebensgebieten erwachsen.

Zusammengefaßt ist im Grunde genommen erst in den letzten drei bis vier Jahrhunderten das Leben dieser drei Gebiete. Sie brauchen sich nur zu erinnern — um eines anzuführen —, wie mit der “ Entwickelung der mittelalterlichen Verhältnisse in die neuzeitlichen herauf Schulen, bis in die Universitäten herauf, nicht Gründungen des Staates waren, sondern Gründungen waren von Kirchengemeinschaften oder anderen Gemeinschaften, die ihre Entwickelung neben den Ansätzen zum staatlichen Leben gehabt haben. Erst im Laufe der drei bis vier letzten Jahrhunderte entstand die Anschauung, daß der Einheitsstaat seine Macht auch ausdehnen müsse zum Beispiel über Schulen, über Universitäten und dergleichen. Ebenso kann man sagen: auch das Wirtschaftsleben war getragen von unter wirtschaftlichen Impulsen gefaßten Korporationen, es war geführt von denjenigen Persönlichkeiten, die Vereinigungen gebildet haben nur aus wirtschaftlichen Antrieben heraus. Und erst wiederum im Laufe der drei bis vier letzten Jahrhunderte hat der Staat auch über das Wirtschaftsleben seine Macht ausgedehnt, so daß diese Zusammenfassung von Geistesleben, Rechtsleben und Wirtschaftsleben eigentlich etwas ist, was erst in der neueren Zeit in seiner vollen Bedeutung heraufgezogen ist, wenn es auch seine Ansätze selbstverständlich, weil ja alles im geschichtlichen Leben der Menschen sich voraus ankündigt, schon früher da und dort gezeigt hat.

Demgegenüber möchte die Idee von der Dreigliederung des sozialen Organismus jedes dieser drei Gebiete auf seinen selbständigen Boden stellen. Sie geht davon aus, daß ein gewisser Impuls mit einer inneren Notwendigkeit im Laufe der neuesten Geschichte, ich möchte wieder sagen, aus den Tiefen des menschlichen Fühlens und Empfindens heraufgezogen ist an die Oberfläche des geschichtlichen Werdens. Und das ist - man kann es, ich glaube, selbst wenn man noch so befangen ist, nicht leugnen -, daß im öffentlichen Leben trotz allem, was heute hervortritt, der mächtigste Impuls der ist nach der Demokratie. Dieser Impuls tritt wie etwas Elementares auf in der Menschheitsentwickelung. Man kann sagen: Wie in dem einzelnen Menschen einer bestimmten Epoche seines Lebens, sagen wir, die Geschlechtsreife auftritt, so tritt in der Entwickelung der europäischen Menschheit, sich vorbereitend seit dem 15. Jahrhundert, die Tendenz nach der Demokratie hervor.

Versucht man in den verschiedenen Formen, die für das demokratische Zusammenleben der Menschen gefordert werden, das Wesentlichste herauszufinden, so ist es zum Schlusse doch dieses — wenigstens ergibt sich dies als das einzig Vernunftmögliche —, daß die Angelegenheiten des Staates besorgt werden sollen aus dem Zusammenarbeiten und Zusammenurteilen aller mündig gewordenen Menschen, die in diesem Zusammenarbeiten, in diesem Zusammenurteilen als Gleiche angesehen werden, so daß jeder als ein Gleicher dem anderen gegenübersteht, gleichberechtigt in seinem Urteil, gleichberechtigt in dem Beitrag, den er zum sozialen Leben zu leisten hat, auch gleich in allem, was er von diesem sozialen Leben zu fordern hat. Dies ist zunächst die abstrakte demokratische Forderung. Sie wird konkret dadurch, daß wichtigste Empfindungen und Gefühlsimpulse mit ihr im neueren geschichtlichen Leben der Menschheit sich verbinden. Man kann auch sagen, daß diese demokratische Tendenz in die Staatsgebilde Europas eingezogen ist in der verschiedensten Weise kämpfend gegen dasjenige, was aus feudalen, aus anderen Gesellschaftsordnungen heraufgezogen ist. Es hat sich der demokratische Zug mehr oder weniger hineingeschoben in die altgebliebenen Formen. Aber der Drang dazu prägte sich ganz deutlich in der neueren Geschichte aus. Indem so die Staaten nicht umhin konnten, zu ihren früheren Kräften die demokratische Kraft irgendwie hinzuzufügen, wenn es auch manche, ich möchte sagen, nur schandenhalber getan haben, so dehnten sie dieses demokratische Prinzip auch über die Gebiete des Geisteslebens und des Wirtschaftslebens aus.

Nun aber kam dadurch herauf in der Entwickelung der neueren Menschheit ein bedeutsamer Widerspruch im ganzen öffentlichen Leben. Gerade derjenige, der es ernst und ehrlich meint mit der Verwirklichung des demokratischen Triebes, der muß eigentlich diesen inneren Widerspruch im modernen öffentlichen Leben bemerken. Es ist der Widerspruch, den ich in der folgenden Weise charakterisieren möchte: Das Geistesleben kann sich bis in seinen wichtigsten Teil, in das Schulleben hinein, nicht aus etwas anderem herausentwickeln als aus den Fähigkeiten der Menschen, die durchaus individuell voneinander verschieden sind. In dem Augenblick, wo man das nivellierende Demokratische ausdehnen will über dasjenige, was einzeln in individueller Gestalt erwachsen will zum Blühen und Gedeihen des Geisteslebens, in dem Augenblick muß immer das Geistesleben in irgendeiner Weise leiden, muß immer in irgendeiner Weise sich gedrückt fühlen. Deshalb glaube ich: derjenige gerade, der es ehrlich meint mit der demokratischen Tendenz, so daß er sagt, überall da, wo nur im öffentlichen Leben Demokratie sein kann, muß sie sein, der muß sagen: Dann muß man von all dem, worüber alle mündig gewordenen Menschen entscheiden als Gleiche, dasjenige ausscheiden, worüber wahrhaftig nicht alle mündig gewordenen Menschen als Gleiche ein sachgemäßes Urteil haben können. Indem dieser Gedanke bis in seine äußersten Konsequenzen verfolgt wird, indem man sich auch prüft, ob man wirklich alles berücksichtigt, was dabei in Betracht kommt, kommt man doch dazu, sich zu sagen: gerade wenn man Demokratisierung des modernen Staatslebens anstrebt, muß man herausschälen das ganze Geistesleben aus diesem Staatsleben, aus dem politisch-juristischen Leben.

Das Geistesleben muß auf seinen eigenen Boden gestellt werden. Es muß so stark auf seinen eigenen Boden gestellt werden, daß diejenigen, die zum Beispiel unterrichten, von der untersten Schule bis zu den höchsten Stufen des Unterrichts hinauf zu gleicher Zeit die Verwalter des Erziehungs- und Unterrichtswesens sind, daß zusammenhängt Verwaltung des Erziehungs- und Unterrichtswesens mit dem gesamten irgendwie gearteten Geistesleben eines zusammengehörigen sozialen Organismus. Nur wenn man - ich möchte konkret sprechen —- demjenigen, der in der Schule steht und unterrichtet, zu gleicher Zeit nur soviel zu seiner Aufgabe macht, daß im übrigen zugleich Zeit bleibt, daneben Verwalter des Unterrichtswesens zu sein von der .untersten Stufe bis zu der obersten Stufe, nur dann, wenn man solche Institutionen schafft, daß derjenige, der im Geistesleben zu wirken hat, insbesondere unterrichtet und erzieht, mit nichts anderem zu tun hat als wiederum mit Unterrichtenden und Erziehenden, wenn der ganze geistige Organismus cine selbständige Einheit, auf sich selbst aufgebaut, ist, können alle Kräfte, die in der Menschheit veranlagt sind, auf dem Gebiet des geistigen Lebens wirklich entfesselt werden, dann kann das Geistesleben sich in seiner vollen Fruchtbarkeit entwickeln. Das scheint doch wohl zunächst wenigstens in einer Art abstrakten Form auf die Notwendigkeit hinzuweisen, das Geistesleben, das auf seine eigenen Prinzipien, auf seine eigenen Impulse aufgebaut werden muß, abzugliedern von all dem, was im Demokratischen aufgeht.

Ebenso aber muß, wie das Geistesleben abgegliedert werden muß von dem bloßen Staatsleben, auf der anderen Seite von diesem abgegliedert werden auch das Wirtschaftsleben. Da betritt man allerdings ein Gebiet, auf dem man heute weniger Gegner findet als beim Geistesleben. Beim Geistesleben, insbesondere beim Schulwesen, ist es in den letzten drei bis vier Jahrhunderten üblich geworden, denjenigen allein als einen aufgeklärten Kopf zu betrachten, der die Macht des Staates über das Schulwesen als das Richtige betrachtet, der sich gar nicht denken kann, daß man ohne in Klerikalismus oder dergleichen zu verfallen, wiederum zurückgehen könnte zur Selbständigkeit des Geisteslebens.

Beim Wirtschaftsleben liegen im Grunde die Dinge ähnlich. Während das Geistesleben es zu tun hat mit demjenigen, was als Fähigkeit im Menschen veranlagt ist, was in freier Weise entfaltet werden muß, was gewissermaßen der Mensch durch seine Geburt hier ins physische Dasein hereinträgt, hat es das Wirtschaftsleben zu tun mit dem, was auf der Erfahrung aufgebaut sein muß, was aufgebaut sein muß aus dem, wohinein man wächst, indem man in einem bestimmten Wirtschaftsgebiet mit seiner Berufstätigkeit aufgeht. Daher kann im Wirtschaftsleben wiederum das nicht maßgebend sein, was aus dem demokratischen Leben stammt, sondern nur dasjenige, was aus fachlichen und sachlichen Untergründen heraus ist.

Wie lassen sich diese fachlichen und sachlichen Untergründe dem Wirtschaftsleben geben? Eigentlich alle nicht durch eine Art von Korporation, durch eine Art von Organisation, die man heute so sehr liebt, sondern einzig und allein durch dasjenige, was ich nennen möchte Assoziationen. So daß sich aus den Menschen, die sich in die Berufe hineinleben, die wirklich sach- und fachkundig auf dem Gebiet des Wirtschaftslebens werden, Assoziationen bilden. Nicht daß man die Menschen organisiert, sondern daß sie sich zusammenschließen nach sachlichen Gesichtspunkten, wie sie sich ergeben aus den einzelnen Wirtschaftszweigen heraus, aus dem Verhältnis von Produzenten und Konsumenten, aus dem Verhältnis der Berufszweige und Wirtschaftszweige. Da ergibt sich — das können Sie in meinen Schriften deutlicher nachlesen in seinen Einzelheiten - sogar ein gewisses Gesetz, wie groß solche Assoziationen sein dürfen, wie sie sich zu gestalten haben, wodurch sie schädlich werden, wenn sie zu groß werden, wodurch sie schädlich werden, wenn sie zu klein werden. Man kann durchaus dadurch ein Wirtschaftsleben begründen, daß man es auf solche Assoziationen aufbaut, indem man alles das, was innerhalb solcher Assoziationen aus rein wirtschaftlichem Impuls heraus in der sozialen Struktur bewirkt wird, eben nur auf das Sachliche und Fachliche stellt. Es weiß gewissermaßen jeder, an wen er sich zu wenden hat mit dem oder jenem, wenn er weiß, er ist so oder so durch die soziale Struktur der Assoziationen mit dem anderen zusammengekettet, er hat sein Produkt in einer solchen Weise durch eine Kette von Assoziationen zu leiten und dergleichen.

Ich kann natürlich hier, da ich kurz sprechen muß, nur die Prinzipien der Sache skizzieren. Und so, möchte ich sagen,-muß sich das geistige Leben selbständig ausbauen aus seinen eigenen Kräften heraus, indem diejenigen, die es leisten, zu gleicher Zeit die Verwalter sind; ebenso das Wirtschaftsleben aus seinen eigenen Gesichtspunkten heraus, indem diejenigen, die im Wirtschaftsleben tätig sind, sich zusammenschließen nach Grundsätzen des Wirtschaftslebens. Ist das Wirtschaftsleben selbständig, dann wird sich dasjenige, was nur beruhen kann auf dem gleichen Urteil aller mündig gewordenen Menschen, als der Inhalt des dritten Gliedes des sozialen Organismus, der eigentlichen staatlichen Gemeinschaft, ergeben.

Ich weiß sehr gut, daß viele Menschen einen wahren Schrecken bekommen, wenn man ihnen von dieser Dreigliederung des sozialen Organismus, die sich als notwendig erweisen soll für die Zukunft, spricht. Aber das geschieht nur aus dem Grunde, weil man gewöhnlich glaubt, nun soll der Staat auseinandergesplittert werden in drei Teile: Wie sollen diese drei Teile dann zusammenwirken? — In Wahrheit wird gerade dadurch, daß diese drei Teile zu ihrer vollen Entfaltung gebracht werden auf die Art, wie ich es allerdings nur skizzieren konnte, die Einheit aufrecht erhalten, denn der Mensch als Einheit steht ja in allen drei Gliedern darinnen. Er wirkt mit in irgendeiner Weise an dem geistigen Organismus. Wenn er Kinder hat, so ist er interessiert an dem geistigen Organismus durch die Schule. Mit seinen geistigen Interessen ist er irgendwie verstrickt in den geistigen Organismus. Er trägt das, was er aus dem geistigen Organismus hat, da er mitwirkend ist als mündig gewordener Mensch im demokratischen Staatswesen, in seinen Taten, in seinem Leben auch in dieses demokratische Staatswesen hinein. Das aber, was öffentliches Recht, was öffentliche Sicherheit, öffentliche Wohlfahrt und so weiter ist, was angeht jeden mündig gewordenen Menschen, das wird auf dem Boden des einheitlichen Staatswesens entwickelt. Und mit den Verfassungen der Seele, die man da entwikkelt im unmittelbaren Wechselverhältnis von Mensch zu Mensch, tritt man wieder ein im Wirtschaftsleben in sein spezielles Gebiet, in dem man verkettet ist durch verschiedene Assoziationen, in denen man tätig ist. Man trägt das, was man aus dem Geistesleben, aus dem Staatsleben hat, in dieses Wirtschaftsleben hinein, befruchtet es durch das, hält es aufrecht, bringt Recht und bringt geistige Befruchtung hinein in dieses Wirtschaftsleben. Der Mensch selbst bildet die Einheit zwischen dem, was nicht Gliederung in Stände ist.

Man hat mir vielfach eingewendet, da würde man wiederum zurückgehen auf dasjenige, was im alten Griechenland Nährstand, Wehrstand, Lehrstand umfaßt hat. Ein solcher Einwand bezeugt nur, wie sehr oberflächlich man heute oftmals solche Dinge betrachtet. Denn nicht um eine Gliederung der Menschen selber, nicht um eine Einteilung in Stände, sondern darum handelt es sich, daß das äußere Leben in seinen Einrichtungen dreigegliedert wird. Gerade dadurch, daß der Mensch sich drinnen befindet in einem solchen dreigegliederten sozialen Organismus, ist es möglich, daß alle Stände aufhören, daß wirkliche Demokratie eintritt. Darauf weist, ich möchte sagen, für jeden Unbefangenen mit einer inneren Notwendigkeit gerade die Entwickelung der modernen Staaten.

Sehen wir denn nicht, daß sie auf der einen Seite dem notwendigen Impuls nach Demokratie Rechnung tragen müssen, aber dann die Demokratie wiederum verderben lassen dadurch, daß selbstverständlich aus dem Geistesleben heraus der Fähige im demokratischen Staatsleben immer mehr Gewicht haben wird als der weniger Fähige? In den Dingen, wo es auf die Fähigkeit ankommt, ist das ganz gerechtfertigt, zum Beispiel im geistigen Gebiet. Dagegen muß das eigentlich demokratische Staatswesen frei und rein gehalten werden von solchen übermächtigen Einflüssen besonders befähigter Persönlichkeiten, denn es muß eben ein Gebiet geben nach der Grundforderung der modernen Menschheit, in dem sich nur geltend macht dasjenige, was allen Menschen, die mündig geworden sind, in gleicher Weise zukommt.

Das wirtschaftliche Gebiet zeigt im besonderen Maße, wie unmöglich es ist, das einwirken zu lassen, was der Mensch durch seine besondere Artung sich als Fähigkeit im Wirtschaftsleben erwirbt. Er erwirbt sich dadurch vielleicht eine wirtschaftliche Übermacht. Sie darf aber nicht zu einer sozialen Übermacht werden. Sie wird es nur dadurch nicht, daß dasjenige, was wirtschaftliche Macht ist, was innerhalb des Wirtschaftslebens verbleibt, unmöglich zu einer politischen, zu einer rechtlichen Übermacht werden kann. Alles dasjenige, was heute gerade zur Karikatur der sogenannten sozialen Frage geführt hat, das würde überwunden werden, wenn man sich einlassen wollte darauf, daß das Wirtschaftsleben auf seinen eigenen Boden gestellt würde und das demokratische Staatsleben gerade dadurch ehrlich und aufrichtig wiederum auf seinen eigenen Boden sich stellen könnte. Die neueren Staaten lehren durch ihre Entwickelung, wie notwendig die Hinwendung der Menschheit zu solchen Prinzipien ist. Und daher gestatten Sie mir, daß ich Ihnen neben den geschichtlichen Impulsen, die man aufnehmen muß, um hingewiesen zu werden auf diese Idee der Dreigliederung des sozialen Organismus, zunächst einmal, ich möchte sagen, die zwei subjektiven Quellen noch etwas charakterisiere, aus denen seit langen Jahren sich mir dieser Impuls von der Dreigliederung des sozialen Organismus ergeben hat.

Die eine Quelle ist die, daß man mit geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen, die ich mir ja als meine Lebensauffassung zu vertreten erwählt habe, über gewisse Entwickelungsbedingungen der Menschheit sich anders unterrichten kann, als aus der heute gang und gäben materialistisch-naturwissenschaftlichen Weltanschauung heraus. Diese heute gang und gäbe materialistisch-naturwissenschaftliche Weltanschauung kann eigentlich zu einer wirklichen Erkenntnis des geschichtlichen Werdens der Menschheit nicht kommen, denn das, was wir heute «Geschichte» nennen, ist im Grunde genommen mehr oder weniger eine Fable convenue. Wir treiben heute so Geschichte - und wollen dann für die sozialen, für die politischen Aufgaben der Gegenwart aus dieser Geschichte etwas lernen —, daß wir uns vorstellen, das Folgende im Menschenwerden ist immer die. Wirkung des Vorhergehenden, dieses Vorhergehende wiederum die Wirkung eines Weitervorhergehenden und so weiter. Eine wirklich sachgemäße, nicht bloß auf Analogien beruhende Vergleichung des ganzen Werdens der Menschheit mit dem Werden des einzelnen Menschen könnte einen heilen von diesem Irrtum.

Wenn ich den einzelnen Menschen sich entwickeln sehe, dann muß ich sagen: Was bei ihm auftritt in den ersten Lebensjahren, in den mittleren Lebensjahren, am Ende des Lebens, das stellt sich nicht bloß so dar, daß ich von Ursache und Wirkung sprechen kann. Ich kann wahrhaftig nicht sagen, daß der Mensch, der fünfunddreißig Jahre alt wird, organisch nur dasjenige erlebt, was die Wirkung ist dessen, was er mit zwanzig oder fünfundzwanzig Jahren erlebt hat, sondern wir sehen, indem der Mensch sich entwickelt, wie aus seinem Organismus heraus, aus seinem ganzen organischen Sein und Wesen heraus gewisse Entwickelungsimpulse, Entwickelungskräfte aufsteigen, die sich zu bestimmten Zeitepochen ganz besonders wirksam zeigen.

So muß man für den einzelnen Menschen sagen, es gibt für ihn Lebensepochen: Wenn der Zahnwechsel eintritt ungefähr um das siebente Jahr herum, da finden wir, wenn wir nur ein Organ haben, die Sache zu beobachten, daß das ganze Seelenleben des Kindes anders wird, daß das Kind von einem nachahmenden Wesen zu einem solchen wird, das Bedürfnis hat, unter eine gewisse Autorität zu kommen, nach Urteilen von Menschen sich zu richten, während es früher nachahmte. Wiederum bei der Geschlechtsreife setzt auch deutlich eine Umwandlung des Seelenlebens ein. Man kann auch für spätere Epochen diese Umwandlung des Seelenlebens bemerken, wenn man nur ein Organ dafür hat.

Wie für den einzelnen Menschen nicht bloß Ursache und Wirkung dastehen, sondern wie aus den Tiefen seines Wesens die Entwickelungskräfte aufschießen, so ist es der Fall mit der ganzen Menschheit. Und studiert man Geschichte wirklich sachgemäß, dann findet man — um nur eines anzuführen — so um die Mitte des 14., 15. Jahrhunderts solch einen Einschnitt in der Entwickelung der ganzen zivilisierten neueren Menschheit. Da findet man gerade jenen Übergang, der aus elementarer Notwendigkeit der Entwikkelung heraus die neuere Menschheit mit ihren Forderungen eigentlich erst hat entstehen lassen. Oh, es ist ein großer Unterschied zwischen dem, was der Mensch als das Richtige für sich ansieht zu einem menschenwürdigen Dasein seit diesem 15. Jahrhundert, und dem, was der Mensch des Mittelalters dafür angesehen hat.

Seelengeschichte — wir haben sie eigentlich gar nicht getrieben -, wie sie aus der Geisteswissenschaft hervorgehen kann, deren Repräsentant unser Bau in Dornach ist, die führt einen dazu, dasjenige, was ich das demokratische Prinzip genannt habe, als etwas in der neueren Menschheit so Auftretendes anzusehen, wie man die Eigenschaften ansieht, die auftreten im einzelnen Menschen, sagen wir im Alter der Geschlechtsreife. Durch dieses Hinblicken auf die Tatsache, daß die neuere Menschheit eben eine ganz andere ist, und daß auch bei der ganzen Menschheit wie beim einzelnen Menschen Rechnung getragen werden muß seinen Entwickelungsprinzipien, dadurch ergibt sich die Stärke der Überzeugung, daß Demokratie etwas ist, wogegen man sich nicht stemmen kann, daß man aber, weil Demokratie etwas ist, was aus dem elementarsten Menschenwesen heraufsprießt, gerade deshalb den sozialen Organismus dreigliedern muß, damit dasjenige, was demokratisch geordnet werden kann, eben in der Entwickelung der Menschheit zu seinem Recht kommt. Das ist das eine, dieses geisteswissenschaftliche Hinblicken auf die Entwickelungsimpulse der Menschheit. Das andere ist die Beobachtung der Tatsachen des Völkerlebens.

Da kann ich Ihnen allerdings nur einzelne Beispiele angeben. Aber es ist immerhin interessant, an einzelnen Beispielen die Unmöglichkeit zu sehen, daß die neueren Einheitsstaatsgebilde aus ihrer Einheit heraus zu einer wirklich lebensfähigen sozialen Struktur kommen. Es ist nur notwendig, um das zu zeigen, eben auf einzelne Beispiele hinzuweisen. Sie werden es begreiflich finden, daß ich als Nicht-Schweizer nicht gerade die Schweiz als naheliegendes Beispiel anführe. Ich brauche nur zu erwähnen, daß, was bei einzelnen Staatsgebilden Europas in so hohem Maße schon eingetreten ist, auch bei den anderen nach und nach eintreten wird, und daß es recht große Kurzsichtigkeit ist, wenn man immer wiederum darauf baut: Ach, bei uns ist es noch anders, wir brauchen uns nicht um das zu kümmern, was sonstwo geschieht.

Nun wähle ich vielleicht als ein Beispiel den Osten Europas, Rußland, nicht bloß deshalb, weil Rußland durch sein heutiges tragisches Schicksal besonders bedeutsam ist für die Menschenbetrachtung, sondern weil Rußland nach den praktischen politischen Urteilen der führenden englischen Politiker auch das Land ist, an dem sich am alleranschaulichsten, ich möchte sagen, wie an einem im Völkerleben sich abspielenden Experiment zeigen muß, was für Bedürfnisse und was für Unmöglichkeiten im modernen Völkerleben walten. Nur einiges aus diesem russischen Volkswesen lassen Sie mich Ihnen hervorheben.

Da tritt uns, mitten hineingestellt in den Ihnen ja sattsam bekannten russischen Absolutismus in den sechziger Jahren, die merkwürdige Einrichtung der Semstwos entgegen. Landschaftsversammlungen, wo sich die Vertreter des landschaftlichen Lebens, diejenigen Menschen, die im Wirtschaftsleben oder in sonstigen Lebensgebieten in einzelnen Landschaften drinnenstehen, in gewissen Versammlungen zusammenfinden, um, ich möchte sagen, nach Art eines Rates oder dergleichen, eines Kantonsrates, über diese Angelegenheiten zu beraten. Rußland ist von den sechziger Jahren an mit solchen Semstwos erfüllt. Sie leisten eigentlich eine fruchtbare Arbeit; sie arbeiten zusammen mit etwas anderem, was Althergebrachtes in Rußland ist: den Mir-Organisationen der einzelnen Dorfgemeinden, eine Art Zwangsorganisation zum wirtschaftlichen Leben des Dorfes. Da haben wir drinnenstehend erstens altdemokratische Gebräuche in der russischen Bauernorganisation, wir haben aber in dem Auftreten der Semstwos etwas Neueres, was durchaus nach dem Demokratischen hintendiert. Aber etwas höchst Merkwürdiges zeigt sich. Und dieses Merkwürdige wird noch auffälliger, wenn wir eine andere Erscheinung betrachten, wie sie sich ergeben hat in Rußland, bevor die Weltkatastrophe das alles vernichtet oder in ein anderes Licht gestellt hat.

In Rußland hat sich ergeben, daß sich die Menschen der verschiedensten einzelnen Berufe untereinander assoziiert haben, und wiederum, daß Assoziationen entstanden sind von Beruf zu Beruf Bankkassenbeamte, Bankkassenausträger haben Assoziationen gebildet. Diese Assoziationen haben sich wiederum zu umfassenderen Assoziationen zusammengetan. Wer nach Rußland gekommen ist, hat eigentlich seine Begegnungen gehalten nicht mit einzelnen Menschen, sondern er stieß überall, wo er mit irgend etwas zu tun hatte, auf solche Assoziationen.

Das alles schob sich hinein in das sonstige Staatsleben des Absolutismus. Nun, wenn man diese Semstwos, wenn man die Assoziationen, wenn man selbst die Mir-Organisation studiert, so bemerkt man eines. Gewiß, diese Organisationen erstrecken sich auch auf manche andere Gebiete des Lebens, Schuleinrichtungen und dergleichen, aber da leisten sie nichts Besonderes. Wer sich auf ein unbefangenes Studium dieser Assoziationen einläßt — denn schließlich gestalteten sich die Semstwos auch nicht zu Korporationen, sondern eigentlich zu Assoziationen, die Landwirte verbanden sich mit denen, die im Auigange des industriellen Lebens standen und so weiter —, wenn das auch alles einen solchen Charakter bekam, der wie eine öffentliche Einrichtung aussah, in Wirklichkeit hatte man es mit Assoziationen zu tun, und sie alle leisteten Gutes. Aber was sie leisteten, leisteten sie eigentlich nur auf dem Boden des Wirtschaftslebens. Und wir können sagen: In diesem Rußland zeigt sich das Merkwürdige, daß ein auf Assoziationswesen begründetes organisches System entsteht. Es erweist sich weiter, daß der russische Staat unfähig ist, irgend etwas mit dem anzufangen, was da im Werden ist. So daß wir sagen können: Indem die Notwendigkeit der frühkapitalistischen Entwickelung, wie sie in Rußland auftritt, zu wirtschaftlichen Organisationen führt, müssen sich diese aus einer inneren Notwendigkeit heraus neben die politischen Institutionen hinstellen.

Nun, etwas anderes Eigentümliches tritt in Rußland auf im 19. und im Beginn des 20. Jahrhunderts. Ja, gewiß, der Absolutismus gründet seine Schulen; aber diese Schulen sind nichts anderes als, ich möchte sagen, ein Spiegelbild für die Bedürfnisse des absolutistischen staatlichen Lebens. Nun, ein Geiistesleben entwickelt sich in Rußland, ein intensiveres Geistesleben, als der Westen Europas annimmt. Aber wie muß dieses Geistesleben sich entwickeln? Durchaus in Opposition, ja in revolutionärem Aufruhr gegen alles, was russisches Staatswesen ist. Man sieht, dieser stramm einheitlich organisierte Staat splittert sich auseinander in drei Glieder, aber will sich eigentlich bloß auseinandersplittern. Er kann es aber nicht. Er zeigt uns gerade an dem, was er erlebt, wie unmöglich es ist, mit dem Einheitsstaat diese drei vorzüglichsten Lebensgebiete der Menschen Zusammenzupressen.

Ich kann Ihnen das auch nur skizzieren. Wenn man im einzelnen studiert, wie sich diese drei Glieder im russischen Staatsleben dann hineinentwickeln in den Weltkrieg, wie sich aus dem Weltkrieg herausentwickelt zuerst die wirklich wesenlose Herrschaft Miljukows, wie sich dann aber unter Kerenski etwas herausentwickelt, was man nennen kann die Umwandlung des Absolutismus in ein demokratisches Staatswesen, aber noch durchaus mit dem Glauben an die Allmacht des Einheitsstaates, dann kann man gerade an dem sehen, woran nach kurzer Regierungszeit Kerenski scheitern muß, wie dieser demokratisch werden wollende russische Staat in die Unmöglichkeit versetzt ist, die wichtigsten Fragen, eine wirtschaftliche Frage, die Agrarfrage eigentlich nur anzufassen, weil in der Agrarfrage die Assoziationen des russischen Lebens so sind, daß an ihnen das, was an Demokratie versucht wird aus dem alten Absolutismus heraus, zerbricht.

Gewiß, es zeigt sich alles eben auch in einer bestimmten konkreten Weise. Man kann nicht alles gleich darin sehen. Aber wer es unbefangen überblickt, dieses Werden Rußlands, sein Hineinsteuern in eine unmögliche sozialdemokratische Struktur, weil eben zersplittert ist der Einheitsstaat an der Unmöglichkeit, die drei Lebensgebiete zusammenzufassen, der wird sehen, daß gerade dieses Beispiel von Osteuropa ein sehr bedeutungsvolles ist und daß die weitblickenden englischen Politiker wohl recht haben, die gerade Rußland betrachten als dasjenige Feld, auf dem sich wie in einem Weltexperiment zeigt der Hergang der Entwickelung der Menschheit.

Man könnte ganz Europa überschauen von solchen Gesichtspunkten, man würde überall sehen, wie der Einheitsstaat allmählich sich auflöst. Wenn er auch in manchen Gegenden noch festgefügt erscheint, er wird sich auflösen, weil er nicht bewältigen kann das richtige Zusammenwirken der drei menschlichen Lebensgebiete. Sehen Sie nur, wie in der neueren Zeit da, wo zum Beispiel der politische Sinn, die politische Gesinnung ganz das innerste Wesen des Menschen erfüllt, wie da die politische Gesinnung nicht Herr werden kann über das wirtschaftliche Leben.

In dieser Beziehung bildet ein gutes Beispiel Frankreich. Frankreich hat sich aus seiner Revolution im 18. Jahrhundert heraus das gerettet, was nun wirklicher innerer demokratischer Sinn ist, wenn auch dieser demokratische Sinn mit einem großen Konservatismus in bezug auf das Familienleben gepaart ist. Wenn auch vieles zwischen dem Demokratischen an philiströses Patriarchales erinnert, so ist doch im tiefsten Wesen der Gesinnung des Franzosen die Tendenz nach der Demokratie vielleicht, wenn auch nicht am reinsten, so doch am stärksten unter der europäischen Menschheit ausgesprochen. Dieser demokratische Sinn suchte sich zunächst im Staatsleben auszugestalten. Gerade durch diese Ausgestaltung des demokratischen Sinns im französischen Staatsleben ist dieses auf der einen Seite abstrakt zergliedert worden in seine Departements; aber diese Departements sind wiederum in eine Einheit zusammengefaßt worden. Das alles als Frucht der Französischen Revolution.

Man braucht nur eines zu betrachten in dieser Struktur des französischen Staates: die Stellung des Departementspräfekten, und man wird sehen, in welch unorganischer Weise verknüpft ist das politisch-rechtliche, das staatliche Element mit dem wirtschaftlichen Element. Der Präfekt ist eigentlich nichts anderes von einer gewissen Seite her als das ausführende Organ der Pariser Regierung. Die Pariser Regierung hat, ich möchte sagen, wie zu ihren vielen Händen die verschiedenen Departementspräfekten. Aber der Departementspräfekt wiederum muß in Verbindung stehen mit den wirtschaftlichen Interessengruppen seines Departements. So daß, wenn eine Wahl in Frankreich ist, gewiß der Präfekt diese Wahl leiten wird, aber sie wird doch nicht anders ausfallen, als sie ausfallen kann aus dem, was der Präfekt den wirtschaftlichen Interessengruppen zugesteht.

So sehen wir, wie in Frankreich Parteien vorhanden sind, Parteien unter Parteidevisen, unter Parteischlagworten wohl auch, wie aber diese Parteischlagworte viel weniger Reales bedeuten als dasjenige, was herauswächst aus den wirtschaftlichen Interessen des Departements. In dieser Beziehung ist das Studium der einzelnen Tatsachen des französischen Lebens außerordentlich interessant. Gerade an Frankreich sieht man, wie ein richtiges Zusammenwirken des rechtlich-staatlichen Wesens und des wirtschaftlichen Wesens zu einer gewissen öffentlichen Wahrheit sich nicht umgestalten kann, weil das staatliche Element das wirtschaftliche nicht bewältigen kann.

Ich selbst habe, ich möchte sagen, jahrzehntelang aus unmittelbarer Anschauung das studiert, was da notwendig führen mußte zum Untergang, sagen wir Österreichs. Dieses Österreich konnte gar nicht anders als auf irgendeine Weise zugrundegehen. Denn als das neuere demokratische Leben heraufzog, da mußte es auch so etwas wie Demokratie in sein Staatsleben hereinbringen, in dieses Staatsleben, das vor allen Dingen seine geistige Struktur hatte von einer solchen Vielgestaltetheit in den Völkerschaften, daß eigentlich dreizehn offizielle Sprachen in Österreich vorhanden waren, das auf der anderen Seite ein kompliziertes Wirtschaftsleben hatte, an den Orient auf der einen Seite hin angelehnt, an Deutschland und an den Westen Europas auf der anderen Seite, an Italien und so weiter. Als nun auch etwas Demokratisches hineingebracht werden sollte in dieses österreichische Staatsleben, da wurde es so gebildet, daß man einen Reichsrat gestaltete. In diesen Reichsrat wurden gewählt vier verschiedene Sektionen: Die Kurie der Handelskammern, die Kurie der Großgrundbesitzer, die Kurie der Städte, Märkte und Industrialorte und die Kurie der Landgemeinden. Geht man genauer auf den Grund: lauter Vertreter wirtschaftlicher Interessen, die wurden in das österreichische Parlament gewählt, da sollten sie den Staat gestalten. Sie brachten selbstverständlich nichts zustande, als daß sie die wirtschaftlichen Interessen metamorphosierten in staatliche Interessen, und es entstand überhaupt nichts von wirklichem Staate, sondern es entstand ein Konglomerat von wirtschaftlichen Interessen, gegen das sich dann aufbäumte das geistige Leben der verschiedenen Nationen, etwas, was notwendig aus inneren Gründen seiner Zersplitterung entgegengehen mußte.

Etwas anderes noch können wir beobachten, was aber viel internationaler und universell ist, und wir werden daran sehen, wie alles, was unbefangen betrachtet wird im neueren Leben der Menschheit, nach dieser Dreigliederung hintendiert. Denn nehmen Sie das Auffälligste, was heraufgezogen ist, nehmen Sie, ich sage ausdrücklich nicht die soziale, ich sage die sozialdemokratische Frage. In Rußland hat sich ja, weil das alte Staatsleben, als es sich demokratisieren wollte, zersplittert an der Unmöglichkeit, die drei Lebensgebiete so einheitlich zusammenzufassen, wie man es aus demokratischer Staatsauffassung heraus will, in Rußland hat sich 1a ergeben, daß etwas völlig Fremdes wie darübergestülpt wurde über das russische Volkstum, und daß das, was nun heute in Rußland entfaltet wird, selbstverständlich nichts anderes ist als etwas, was notwendigerweise das soziale Leben, das es trifft, in den Untergang hineinführen muß. Was praktisch die Sozialdemokratie, die auf den Marxismus schwörende sozialistische Richtung leisten kann, vor allen Dingen für die wahrhaftig doch von dem innersten Menschen geforderte Demokratie, das zeigt sich gerade an dem traurigen Zustand des heutigen Rußland, von dem schon berichtet werden kann, daß die Ideale der gutgläubigen Arbeiter so erfüllt werden, daß man jetzt unter der Notwendigkeit der Verhältnisse genötigt ist, den Achtstundentag in den Zwölfstundentag zu verwandeln, daß man anstelle der gewöhnlichen Organisation, in der der Arbeiter vermeint seine Freiheit zu finden, ein Militär- Arbeitsregiment einrichtet, das viel tyrannischer zu werden verspricht, als jemals das preußische Militärregiment tyrannisch war. Das sind die Früchte des Leninismus, des Trotzkismus!

Sie können auch nicht anders sein. Sie zeigen nur an dem radikalsten Auswuchs, wie sich aus dem Proletariat heraus — denn die heutige russische Herrschaft gegenüber den vielen Millionen des russischen Volks umfaßt ja nur ein paar Millionen von Industriearbeitern, und im Grunde genommen ist dort heute eine Tyrannei der wenigen Millionen Industriearbeiter vorhanden -, wie sich eben die sozialdemokratische Strömung entwickelt hat. Wodurch hat sie sich entwickelt? Ja, wir können sagen: diese Sozialdemokratie, die sich besonders dadurch charakterisiert, daß sie alles Leben der Menschheit nur von der wirtschaftlichen Produktion herleitet, daß sie alles geistige Leben nur wie eine Ideologie anschaut, wie etwas, was als ein Rauch aufsteigt aus der wirtschaftlichen Produktion, diese Sozialdemokratie, wie konnte sie entstehen?

Diese Sozialdemokratie, die unter marxistischem Einfluß steht ich meine nicht den gesunden Sozialismus, selbstverständlich -, ist eigentlich die Sünde der bürgerlichen Strömungen, die in der neueren Zeit heraufgezogen sind, das Ergebnis der Sünde der bürgerlichen Strömungen, könnte ich auch sagen. Denn sieht man überall hin, würde man so, wie ich es an zwei Beispielen, an Frankreich und Rußland gezeigt habe, die ganze zivilisierte Welt durchgehen in ihrer Entwickelung in der neueren Zeit, würde man überall sehen: das Wirtschaftsleben ist ein solches geworden, das durch die Technik seinen Stempel aufgedrückt erhalten hat, das den Menschen hinweggeholt hat von seiner früheren Verbindung mit seinem Beruf, ihn an die abstrakte, gleichgültige Maschine, in die gleichgültige Fabrik hineingestellt hat — und das Proletariat, es hat im Grunde genommen nichts anderes kennengelernt als das Wirtschaftsleben.

In der neueren Zeit hätte man notwendig gehabt, dieses immer größer und größer werdende Proletariat hineinzustellen in eine soziale Struktur. Man konnte nicht aus dem, was die geschichtliche Entwickelung in der Menschheit heraufgebracht hat, etwas gewinnen, wodurch man gewissermaßen eine einheitliche Struktur ausgedacht hätte über diejenigen, die die Führenden sind im Wirtschaftsleben, im geistigen Leben und so weiter, und diejenigen, die mit der Hand arbeiten müssen. Man hatte gewissermaßen unterlassen, aus den alten Kräften neue Kräfte herauszuentwickeln. Aus den alten Fürstenstaaten entstanden nicht wirkliche Einrichtungen, die von der Demokratie getragen gewesen wären. So muß man sagen, daß eigentlich das, was moderne Sozialdemokratie ist, dadurch entstanden ist, daß von den führenden Ständen, von den führenden Leuten in der neueren Geschichte das nicht bewältigt werden konnte, was das Wirtschaftsleben heraufgebracht hat. Man hat die Staaten eben so organisiert gelassen, daß sie das immer wuchtender und wuchten.der werdende Wirtschaftsleben nicht umfassen konnten. Und so zeigt sich gerade an der Nichtbewältigung dessen, was mit der Entstehung des Proletarischen in den Menschenseelen heraufgezogen ist, die Tatsache, daß aus dem, was man sich vom Staate vorstellen konnte, nichts Fruchtbares für eine mögliche Struktur des sozialen Organismus hervorgehen konnte.

Und so könnte ich noch vieles anführen, es würde Ihnen zeigen, daß tatsächlich aus dem, was man beobachten kann, die Notwendigkeit folgt, die drei hauptsächlichsten Lebensgebiete des Menschen und der Menschheit auf ihren eigenen Boden zu stellen.

Über diese Notwendigkeit konnte man wahrhaftig auch sprechen, bevor diese furchtbare Katastrophe in der Welt heraufgezogen ist und die zerstörenden Kräfte so klar geoffenbart hat in den letzten vier bis fünf Jahren. Aber ich glaube nicht, daß die Menschheit in der Zeit vor 1914, wo man nur in Illusionen lebte über das, was man als einen großen, gewaltigen Aufschwung in der neueren Menschheit empfand, für ein Verständnis dieser Notwendigkeit irgendwie zu gewinnen gewesen wäre. Jetzt sind Zeiten heraufgezogen, in denen man nicht bloß theoretisch zu beweisen braucht, daß eine solche Notwendigkeit besteht, sondern in denen Staaten, die ganz besonders den Gefahren des Einheitsstaates ausgesetzt waren, hinweggefegt worden sind in ihrer alten Form und vor der Notwendigkeit stehen, sich ganz neu aufzubauen.

Wir sehen das östliche ehemalige russische Staatswesen zersplittert, vor der Notwendigkeit, sich neu aufzubauen, aber auch vor der Ohnmacht, sich in gedeihlicher Weise neu aufzubauen, indem es sich gefallen lassen muß, daß ihm übergestülpt wird etwas, was niemals aus dem eigenen Volkstum heraus erwächst, sondern was wie eine allgemeine sozialistische Schablone, die auf alles anwendbar ist, über das Volkstum drübergestülpt wird. Und wir sehen zum Beispiel an Deutschland, wo eine verunglückte Revolution, die Revolution vom November 1918, wirklich viel erkennen läßt, wie aus den Verhältnissen heraus sich nur ein Chaos, ein wirkliches Chaos, ergibt. Und das Auffallendste, ich möchte sagen, eigentlich Herzzerreißende, im Leben des heutigen Deutschland ist, daß die Menschen überall, wo man auf sie trifft und über öffentliche Angelegenheiten mit ihnen zu sprechen hat, sich ratlos zeigen. Warum zeigen sie sich ratlos? Aus dem einfachen Grunde, weil das Dogma von dem Einheitsstaate in den Seelen festgewurzelt ist und weil die furchtbaren Lehren der letzten vier bis fünf Jahre wahrhaftig noch nicht hinreichend waren für die Menschen, um dieses Dogma aus ihnen auszutilgen. Ich habe manchen einzelnen gefragt, woher es denn kommt, daß man so schläft, daß man niemanden gewinnen kann zum Aufraffen für irgend etwas Positives nach der Richtung des Aufbaus. Die Leute gestanden ruhig: Ja, wir waren so und so lange im Schützengraben, wir haben nicht gewußt, ob wir in acht Tagen noch leben, es mußte uns allmählich gleichgültig werden, ob wir in acht Tagen noch leben; sollte es uns jetzt nicht gleichgültig sein, was für soziale Einrichtungen in acht Tagen gemacht werden? Man fügt sich in so manche Seelenstimmungen hinein. So hat manch einer, wahrhaftig nicht bloß einer gesagt.

Gewiß, die Zeitverhältnisse machen manches erklärlich, aber etwas Größeres, etwas Bedeutsameres ist die historische, die rein menschliche Notwendigkeit. Da gibt es nur ein Entweder-Oder. Und ich glaube, auch hier könnte schon eingesehen werden - da die Zustände wahrlich nicht weit weg sind, die geeignet sind, ihre Wellen nach ganz Europa hineinzuwerfen -, was eingesehen werden soll: das ist das Unmögliche, die drei Lebensgebiete, Geistesleben, Staatsleben, wirtschaftliches Leben in eine Einheit zusammenzubringen. Die Notwendigkeit sollte eingesehen werden, jedes dieser drei Gebiete auf seinen eigenen Boden zu stellen.

Ich weiß sehr wohl, wieviel sich aus den alten Anschauungen heraus gegen diese Dreigliederung des sozialen Organismus einwenden läßt. Wer aber die gegenwärtige Weltlage, wie ich sie an einzelnen Beispielen zu schildern versuchte, ins Auge faßt, der wird sich sagen: von allen anderen, mehr utopistisch gearteten Vorschlägen, unterscheidet sich dieser nach der Dreigliederung des sozialen Organismus dadurch, daß er nicht ein Programm gibt, daß er durchaus nicht auftritt mit der Prätention des Alleswissens, sondern daß er sagt: Wenn die Menschen sich sozial so gliedern, daß ihr Bestes selbständig in einem freien emanzipierten Geistesleben, dasjenige, worinnen alle mündig gewordenen Menschen gleich sind, in einem selbständigen demokratischen Staatsleben, dasjenige, worinnen alles aus wirtschaftlichen Unterlagen heraus sich entwickeln muß, in einem selbständigen Wirtschaftsleben herauskommt, dann wird dadurch gerade, daß die Menschen aufgerufen werden zu einem sozialen Wirken, so etwas wie die Lösung der sozialen Frage zustande kommen.

Denn ich glaube nicht, daß derjenige, der das Leben kennt, mitgehen kann mit der oberflächlichen Anschauung, als ob die soziale Frage etwas wäre, gestern entstanden, für die man nur irgendwelche Ideen zu haben oder irgendwelche Schlüsse aus dem Leben zu ziehen braucht, um ein Programm zu zimmern, und dann wird die soziale Frage gelöst sein. Solche Mixturen gibt es viele. Aber auf diesem Boden des Alleswissens steht der Impuls für die Dreigliederung des sozialen Organismus nicht. Er ist durchdrungen von der Überzeugung, daß die soziale Frage allerdings heraufgekommen ist, daß man sie überhaupt nicht von heute auf morgen oder mit irgendeinem Einzelnen lösen kann: sie wird immer in der Zukunft da sein, sie wird unser Leben durchdringen, und die Lösung kann nur darin bestehen, daß man fortlaufend unter solchen Einrichtungen steht, daß die täglich neu kommenden Schwierigkeiten nach und nach überwunden werden. Das ganze Leben in der Zukunft wird darin bestehen, daß es eine Art Lösung der sozialen Frage ist.

Von dem, was die einzelnen Menschen wirken werden, indem sie in naturgemäßer Weise in dem dreigegliederten sozialen Organismus arbeiten und urteilen können, davon erhofft der Impuls für die Dreigliederung dasjenige, was man eine Lösung der sozialen Frage nennen könnte. Er will nicht die soziale Frage theoretisch lösen, er will den Menschen die Möglichkeit geben, daß alle im Zusammenwirken, Zusammenurteilen die soziale Frage lösen. Aber selbst das, was als Vorschlag gemacht werden kann - ich habe Ihnen heute nur eine Skizze geben können -, diese Charakteristik der drei Gebiete des sozialen Organismus, selbst das wird keineswegs von den Trägern dieses Gedankens als etwas betrachtet, was irgendein Dogma sein könnte. Das ist es allein, was ich möchte: daß es diskutiert würde, daß möglichst viele Menschen durchdrungen wären von dem, was die Not der heutigen Zeit lehrt, daß aus den besten Kräften des Menschenwesens heraus das getan werde, was zu einem Aufbau führen kann.

Wenn so die guten Willen von den verschiedensten Seiten zusammenwirken, dann kann eine fruchtbare Diskussion entstehen. Und auf eine solche fruchtbare Diskussion kommt es eigentlich denen an, die die Träger des Gedankens von der Dreigliederung des sozialen Organismus sind. Wenn diese glauben müssen, daß sie nicht hätten hervortreten können, bevor die Not der Weltkatastrophe eingetreren ist — einigen Optimismus haben sie jetzt; allerdings, ich möchte sagen, einen traurigen Optimismus: daß die sich immer weiter verbreitende Not die große Lehrmeisterin werden muß, daß gerade aus der Not die Menschen werden erkennen müssen, daß so etwas, wie es sich heute aussprechen will - ich will nicht sagen schon in dem Inhalt, den wir zu geben vermögen über die Idee der Dreigliederung des sozialen Organismus, sondern in dem Impuls, den wir der öffentlichen Diskussion geben möchten durch diese Idee —, daß das irgendwie ernst genommen werden muß. Viel wird davon abhängen, daß solche Dinge ernst genommen werden können. Noch immer breitet sich aus über der europäischen Menschheit, überhaupt über der modernen zivilisierten Menschheit etwas wie eine Schläfrigkeit der Seelen, und wenn auch diejenigen, die heute schon wirken in der Bewegung für die Dreigliederung des sozialen Organismus, das eine oder andere aus ihren Überzeugungen getan haben, sie wissen: das Richtige wird erst kommen, wenn eine genügend große Anzahl von Menschen sich auf die Einzelheiten der Sache einläßt.

Wir haben ja schon die Möglichkeit gehabt, in der Waldorfschule in Stuttgart eine Freie Schule zu begründen, in der Kinder zwischen dem sechsten, siebenten und dem vierzehnten und fünfzehnten Lebensjahre in einer achtklassigen Volksschule nach den Grundsätzen eines freien Geisteslebens unterrichtet werden, so daß sie aus einem freien Geistesleben heraus in eine soziale Ordnung hineinwachsen. Wir haben das Verschiedenste auf diesem Gebiet versucht, und auch wirtschaftliche Dinge sind in Aussicht genommen, wo wir versuchen wollen, die verschiedensten Zweige des wirtschaftlichen Lebens unter die Gesichtspunkte der Dreigliederung zu stellen, sie zu organisieren, sie zu finanzieren nach diesen Gesichtspunkten; denn es wird vielleicht ganz besonders notwendig sein, um überzeugend zu wirken, daß das Vorbild, daß das Beispiel dastehe. Aber um dieses Beispiel in genügendem Maße zur Wirkung zu bringen, um es überhaupt in die Wirklichkeit hineinzustellen, ist eben vor allen Dingen notwendig, daß eine genügend große Anzahl von Menschen sich an der Diskussion darüber beteiligt, was der Impuls für die Dreigliederung des sozialen Organismus eigentlich will.

Zu diesem und nichts anderem möchte ich gern ein wenig angeregt haben mit den allerdings ganz skizzenhaften Ausführungen, die ich in dieser kurzen Zeit am heutigen Abend habe geben können.

Es folgt eine Diskussion, in welcher verschiedene Fragen und Einwände gegenüber den Ausführungen des Vortrages laut geworden waren.

Schlußwort

Eigentlich muß ich gestehen, daß wirkliche Einwendungen nicht vorgebracht worden sind. Ich begreife sehr gut, daß angelehnt an das, was ich heute abend gesagt habe, die verschiedenartigsten Fragen gestellt werden können, und ich glaube, daß es unmöglich ist, in einem einstündigen Vortrag eine solche Frage so erschöpfend zu behandeln, daß nicht Hunderte und Tausende und vielleicht noch mehr Fragen im Anschluß daran gestellt werden können. Ich möchte deshalb auch nur einiges bemerken, das vielleicht statt einer Antwort auf die verschiedenen Fragen, die ja wirklich mehrere Tage dauern müßte, wenigstens einige Andeutungen geben kann. Zunächst mit Bezug auf dasjenige, was der Herr Vorsitzende zuletzt gesagt hat, daß keine klaren Formulierungen vorliegen über das, was die Dreigliederung eigentlich will. Sehen Sie, ich habe versucht, in meinem Buch «Die Kernpunkte der sozialen Frage», so gut es geht bei einer solchen Bewegung, die im Grunde genommen erst am Anfang ihres Wirkens ist, einzelne dieser Probleme zu besprechen, wie zum Beispiel das schon dargestellte der Zirkulation der Produktionsmittel, die ich an die Stelle der undurchführbaren Vergesellschaftung der Produktionsmittel zu setzen habe und so weiter. Sie werden in den «Kernpunkten der sozialen Frage» mehr solcher Einzelheiten finden, als vielleicht vermutet wird. Ich muß immer wieder betonen: wie ich versuche, diesen Dreigliederungsimpuls zu fassen, so ist er eigentlich aus dem ganzen, vollen Leben herausgeschöpft, und das ganze, volle Leben hat eigentlich Dimensionen nicht nur nach zwei Richtungen, sondern immer auch Dimensionen nach den Tiefen, und da sind zuweilen die abstrakten Formulierungen nicht so einfach mit Konturen zu umschließen, wie man das vielleicht wünschenswert findet, weil natürlich die einzelnen Probleme erst ausgebaut werden müssen. Das bitte ich doch zu berücksichtigen, daß die Bewegung am Anfang steht und daß ich am Schluß meines heutigen Referates, wenn ich es so nennen darf, eigentlich aufgefordert habe gerade zu einer Diskussion. Ich glaube, daß erst aus einer Diskussion das recht Fruchtbare herauskommen wird.

Nun möchte ich doch auf einzelne Fragen wenigstens andeutend eingehen. Ein wesentliches Mißverständnis zwischen Herrn Dr. S. und mir wird gerade dadurch heraufgekommen sein, daß ich ja gar nicht spreche, wie der Herr Doktor das aufgefaßt hat, von drei Parlamenten. Ich sehe gerade das Wesentliche dieser Dreigliederung nicht darin, daß man etwa heute das Einheitsparlament in drei Parlamente teile, sondern daß man ein Parlament im heutigen Sinn nur hat für dasjenige, was demokratisch verwaltet respektive orientiert werden kann, daß aber die beiden anderen Gebiete eben nicht parlamentarisch verwaltet werden, sondern verwaltet werden aus dem, was sich aus ihnen selbst heraus ergibt. Es ist mir sehr schwer, in abstrakten Begriffen diese konkreten Dinge zu besprechen. Ich möchte daher die Antwort gewissermaßen aufbauen.

Ich habe gerade bei dem Einrichten der Waldorfschule mich wiederum eingehend befassen müssen mit all dem, was sich, ich möchte sagen, einem wie ein Querschnitt ergibt: das Ergebnis staatlicher Verwaltung für das Schulwesen. Nicht wahr, ich hatte von zwei Seiten her die Waldorfschule zu konstituieren. Das eine war, dasjenige zugrunde zu legen, was ich glaubte, aus den bloßen Anforderungen des geistigen Lebens selbst als Impuls der Waldorfschule zu geben Auf der anderen Seite durfte ich selbstverständlich nicht in die Luft bauen. Das heißt, ich mußte eine Schule schaffen, bei der es möglich ist, daß die Schüler, die abgehen, zum Beispiel mit dem vierzehnten Jahr oder auch meinetwillen dazwischen abgehen, sich wiederum anschließen können an das andere Schulleben. Da mußte ich selbstverständlich mich mit den Lehrplänen auseinandersetzen. Nun, nicht wahr, da stieß ich zunächst — ich bitte, zu verzeihen, daß ich auf ganz Konkretes eingehen muß, aber ich glaube mich so am besten zu verständigen -, da stieß ich auf die Lehrpläne. Die Lehrpläne sind staatlich festgesetzte Umschreibungen des Lehrstoffes, des Lehrzieles und so weiter. Etwas anderes ist es, wenn man als pädagogischer und didaktischer Künstler rein aus der Wesenheit des Menschen studieren kann, wie vom siebenten zum vierzehnten Jahre das abläuft, was an den Menschen da herangebracht werden soll. Ich stehe auf dem Standpunkt der Überzeugung, daß durchaus von dem sich entwickelnden Menschen für jedes Jahr die Lehrziele abgelesen werden können.

Nun möchte ich, daß derjenige die Lehrziele festsetzt, der im lebendigen Unterricht drinnensteht, und nicht derjenige, der herausgerissen wird und Staatsbeamter wird, der also übergeht von dem lebendigen Lehren zur Demokratie. Ich möchte also, daß das, was das geistige Leben umfaßt, von denen verwaltet wird, die noch drinnenstehen, die dieses geistige Leben aufbauen. Also es kommt darauf an, daß die ganze Struktur der Verwaltung aufgebaut ist auf dem Gefüge eines Geisteslebens selbst. Nicht wahr, ich mußte zum Beispiel heute noch die Einteilung treffen, daß die Kinder, wenn sie drei Klassen absolviert haben, sich wiederum anschließen können — um dazwischen Freiheit zu haben —, nach weiteren drei Jahren, mit dem zwölften Jahre, wiederum sich anschließen können. Also ich mußte einem Äußeren gerecht werden.

Das ist das Wesen der Dreigliederung. Sie steht überall auf einem realen Boden, muß auch aus einem realen Boden heraus arbeiten. Aber wenn man einen realen Boden hat, hat man nicht irgend etwas Unbestimmtes. Das Geistesleben ist doch da, es hat doch eine Verwaltung, einfach dadurch, daß der eine in der Position, der andere in einer anderen Position steht. Ich möchte nun in dieser Loslösung des Geisteskörpers vom Staatskörper einfach, daß die Verwaltung sich hierarchisch gestalte, und ich glaube — selbstverständlich ist das natürlich etwas, was jetzt nicht so schnell ausgeführt werden kann -, daß die hierarchische Verwaltung alle Unvollkommenheiten haben wird. Ich weiß, was ganz besonders von Dozenten eingewendet wird, aber vielleicht sind sogar zu solchen Übergängen manchmal größere Unvollkommenheiten notwendig, damit man auf etwas Vollkommenes kommt, aber worum es sich handelt, das ist, daß sich nach und nach nur aus den rein pädagogischen und didaktischen Bedingungen und weiteren Bedingungen des Geisteslebens eine rein didaktische Körperschaft des Geisteslebens bildet, die so verwaltet, wie es im Sachlichen begründet ist, nur etwas abstrakt anklingend an die Klopstocksche «Gelehrtenrepublik», und daß so etwas auf dem Gebiet des Geisteslebens tatsächlich möglich ist, wenn man nur den guten Willen hat, es zu begründen.

Ich denke mir, daß dann sehr deutlich hervortreten wird — lassen Sie mich etwas Konkretes erwähnen, ein Beispiel herausgreifen -, daß die Pädagogik, hochschulmäßig betrieben, zu den schlechtesten Disziplinen bis jetzt gehört hat, wenigstens in ganz Mitteleuropa. In der Regel ist sie irgendeinem Pädagogen aufgehalst worden, der sie im Nebenfach betrieben hat. In einer solchen Gelehrtenrepublik kann derjenige, der sich tüchtig erweist, drei Jahre abgerufen werden, kann Pädagogik lehren, dann wiederum zurückkehren in das Lehrfach.

Was aber die äußere Konstitution betrifft, muß ich sagen, es ging im kleinen bis jetzt vorzüglich bei unserer Lehrerschaft der Waldorfschule in Stuttgart. Da ist gleich eingangs die Frage aufgetaucht: Wer wird der Direktor sein? — Selbstverständlich niemand; wir haben einfach gleichberechtigte Lehrer durch alle Klassen, und einer aus dieser Lehrerschaft, der etwas weniger Stunden hat als die anderen, der besorgt die Verwaltungsdinge. Dabei sieht man schon jetzt, daß die tüchtigen Lehrer auch eine gewisse Autorität über die anderen haben, eine naturgemäße Autorität, und ein gewisses hierarchisches System bildet sich heraus. Das braucht aber gar keine Beantwortung der Frage zu sein, wie der Herr Oberrichter L. gemeint hat: Wer befiehlt? — sondern das macht sich von selber. Ich werde mich natürlich hüten, Namen zu nennen; aber es bildet sich dies heraus. Also auf dem Gebiet des Geisteslebens....

Wie fragen Sie die Eltern über den Lehrstand? Das ist doch Diktatur!

Fachlich-sachlich! Gewiß, nennen Sie es meinetwillen Diktatur, auf den Namen kommt es mir da nicht an. Insofern ist es eine Diktatur, als nicht der einzelne entscheidet. Da Sie Wissenschafter sind, werden Sie es leicht verstehen, wenn ich sage: über die Richtigkeit des pythagoräischen Lehrsatzes schadet es nicht, wenn eine «Diktatur» entscheidet, weil eine gewisse Notwendigkeit in der Sache liegt.

Und der Religionsunterricht?

Da handelt es sich darum, daß manche theoretischen Fragen nunmehr übergehen in didaktische Fragen. Beim Religionsunterricht, wie er geordnet ist in der Waldorfschule, wobei ich nicht sagen will, daß er immer so geordnet wird, weil vielleicht auch da eine Entwickelung stattfindet, handelt es sich darum, daß es zunächst meinetwillen opportun oder so etwas ist, daß zum Beispiel dasjenige, was ich geben konnte als einen pädagogischen und didaktischen Unterrichtskurs, sich nur in der Methodik äußert, nicht in der Weltanschauung, sondern in der Handhabung des Unterrichts. Die Waldorfschule soll nach keiner Richtung hin eine Weltanschauungsschule sein. Das ist nur dadurch zu erreichen gewesen, daß meine Einrichtungen sich alle auf das Pädagogisch-Didaktische bezogen und aus dem heraus arbeiten. Die Kinder, die von katholischen Eltern kommen, haben ihren katholischen Religionsunterricht, die Kinder, die von evangelischen Eltern kommen, haben ihren evangelischen Religionsunterricht von dem jeweiligen katholischen und evangelischen Pfarrer. Nun, da gab es sich, daß eine große Anzahl Proletarierkinder und auch Anthroposophenkinder da waren und daß auch verlangt wurde ein freier Religionsunterricht. Und die Kinder, deren Eltern einen freien Religionsunterricht verlangen, die bekommen von uns ihren freien, aus unseren Überzeugungen hervorgehenden Religionsunterricht. Also in dieser Frage entscheidet eine Gefühlswahrheit, verbunden mit gewissen sozialen Triebkräften.

Die Dinge nehmen sich natürlich im Werden anders aus als nach einiger Zeit. Aber gerade an der Praxis zeigt es sich, daß man vorwärtskommen kann, wenn man für die geistigen Angelegenheiten kein Parlament will. Deshalb kann ich auch nicht mit den «drei Parlamenten» mitgehen, kann auch nicht die Frage beantworten, «wenn der Kerenski drei Parlamente gehabt hätte. . .»; das ist es eben, daß er in seinem einen die Agrarfrage hätte lösen sollen und gescheitert ist daran. Ich sehe zum Beispiel keinen Kausalnexus zwischen Dreigliederung und dem, was vorher war, ich wollte nur darauf aufmerksam machen, daß dasjenige, was vorher war, scheiterte an den drei Lebensgebieten, die ich nicht als zwei oder vier oder noch mehr nehmen kann, weil es nur drei sind.

Dr. S.: Den Einwand habe ich auch nicht im Ernst erwogen.

Dr. Steiner: Das habe ich auch nicht anders aufgefaßt! Ich frage mich nun, nachdem der Staat gescheitert ist an der Einrichtung der drei Parlamente, die er bildete, wie man durch einen neuen Anfang weiterkommen kann, nicht durch einen Kausalnexus, wobei aber allerdings dasjenige bestehen bleiben muß, was Gutes ist. Sie sehen, die Elemente der Beantwortung Ihrer Fragen liegen in dem, was Sie sagten. Auch auf wirtschaftlichem Gebiet wünsche ich kein Parlament; um Gottes willen keine Demokratie auf wirtschaftlichem Gebiet! Aber eine nun nicht hierarchisch, sondern aus der Sache selbst hervorgehende Ordnung.

Nun stehen durchaus nicht einfach nebeneinandergeordnet diese Gebiete, sondern wenn Sie meine «Kernpunkte» nachlesen, so werden Sie finden, daß die Zirkulation der Produktionsmittel im wesentlichen mitbestimmt wird gerade durch das, was im Geistigen bestimmt wird, so daß also das Geistige direkt herüberwirkt in das Wirtschaftliche. Und so wird vieles im wirtschaftlichen Leben i in bezug auf die Stellung, die einer hat, bestimmt aus der Organisation herüber. Ich will also sagen, in der geistigen Organisation wird es sich ja auch handeln um die Feststellung, ob ein Mensch zu dem oder jenem fähig ist und dafür ausgebildet wird; davon hängt es ab, in welche wirtschaftliche Position er hineingestellt werden kann. Das muß natürlich nun gemeinschaftlich geschehen zwischen dem Wirtschaftlichen und dem Geistigen. Dadurch, daß er zu diesem oder jenem befähigt ist, wird er schon einem anderen übergeordnet sein, der in einer anderen Position drinnensteht. Daraus entwickelt sich nichts Hierarchisches, aber in einem gewissen Sinne auch nichts Bürokratisches. Jedes bürokratische Parlament für das Wirtschaftswesen führt nur zur Auflösung des Wirtschaftswesens. So daß also das Wesentliche bei mir liegt in der Art und Weise, wie die drei Glieder organisiert sind, und man kann nicht sagen: jeder wird in drei Parlamenten drinnenstehen; es ist nur ein Parlament, in dem jeder drinnenstehen kann, aber nur auf der Urteilsfähigkeit eines jeden mündig gewordenen Menschen beruhend. Also sagen wir, um das wichtigste Gebiet herauszuheben: alle Rechtsfragen. Die Rechtsfragen sind tatsächlich so, daß sie zum mindesten im Interesse jedes mündig gewordenen Menschen liegen, und ich möchte sagen, selbstverständlich, jeder mündig gewordene Mensch ist ja auch nicht idealiter gleich fähig mit jedem anderen mündig gewordenen Menschen. Dafür aber ergibt ein gewisses arithmetisches Mittel doch das Entsprechende in bezug auf die Rechtsfragen. Da müßte man jetzt auf die Theorie der Rechtsbegründung überhaupt zu sprechen kommen. Das Recht beruht eigentlich nicht auf dem Urteil, sondern auf der Empfindung, auf den Gewohnheiten, die aus dem Wechselspiel der zusammenwohnenden Menschen entstehen. Darüber läßt sich urteilen, wenn zusammengehörige Menschen darüber urteilen. Ich glaube nicht, Herr Doktor $., daß der einzelne Mensch deshalb das richtige Recht zu finden braucht, aber zusammen werden sie es finden. Das macht die Demokratie. Ich sehe viel Wichtigeres im Wechselspiel als im einzelnen. Also ich möchte die mündig gewordenen Menschen im demokratischen Parlament haben und sie da beschließen lassen hauptsächlich über Rechtssachen, aber mit Recht auch über Wohlfahrtseinrichtungen, weil da auch jeder mündig gewordene Mensch entscheiden kann; selbstverständlich in vielen Dingen nicht über das

Sachliche und Fachliche.

Nun, der Achtstundentag, der ist etwas, was überhaupt für die Dreigliederung des sozialen Organismus ernsthaftig doch nicht in Frage kommen kann, denn was heißt eigentlich Achtstundentag? Ich muß gestehen, ich renommiere nicht, aber den größten Teil des Jahres arbeite ich viel mehr als acht Stunden und finde es durchaus nicht irgendwie übertrieben, und ich glaube nicht, daß es möglich ist, ohne eine Untergrabung unseres wirklichen sozialen Lebens einen solchen Achtstundentag festzulegen. In meinen «Kernpunkten der sozialen Frage» finden Sie deshalb ausgeführt, daß alles das, was sich auf die Zeit der Arbeit bezieht, innerhalb des demokratischen Staatswesens festgesetzt wird, und .auf Grundlage dessen kommen dann die Verträge zustande über die Verteilung der Erträgnisse, nicht Arbeitsverträge, sondern Verträge über die Verteilung des Ergebnisses zwischen dem, was ich Arbeitsleiter nenne, und zwischen dem, was ich eben Arbeiter nennen muß.

Also das im Rechtsparlament?

Im Rechtsparlament wird die Zeit und die Art der Arbeit bestimmt. Da ist der Handarbeiter ganz gleich mit dem geistigen Arbeiter, denn der geistige Arbeiter kann nicht seine Interessen geltend machen. Man kann sich gegenseitig verständigen mit gutem Willen, aber man kann nicht irgendwelche Anforderungen stellen, die sich auf das Wirtschaftsleben selbst beziehen, nicht Export und Import nach parlamentarischen Gesetzen regeln, sondern das muß studiert werden aus den wirtschaftlichen Bedingungen heraus, aus sachlich-fachlichen Vorkenntnissen heraus. Dadurch, daß ich zwanzig Jahre in einem Betrieb stehe, habe ich auch einen anderen moralischen Kredit bei meinen Mitmenschen, als wenn ich nur ein Jahr drinnenstehe. Im demokratischen Leben kommt es nicht in Betracht, ob ich ein frecher junger Dachs mit einundzwanzig Jahren bin, um über irgend etwas zu urteilen. Im Wirtschaftsleben kommt es einfach darauf an, daß die Lebenserfahrung in Rechnung gezogen wird. Das ist einfach notwendig zum Heil der Menschheit.

Ich habe absichtlich die Frage des Achtstundentages gestellt. Wenn man nun einen Vierstundentag hätte, was kann der Leiter machen? Mir liegt an dem Achtstundentag gar nichts. Ich arbeite auch mehr. Ich meine die Regelung der Arbeitszeit.

Gut. Die Sache ist diese: Wenn das demokratische Parlament einen Vierstundentag beschließt, so wird dieser Vierstundentag innerhalb des Wirtschaftslebens entweder ausreichen, um das Wirtschaftsleben zu führen, oder er wird nicht ausreichen. Nicht wahr, dann wird es sich darum handeln, daß jeder wiederum aus seiner mündig gewordenen Vernunft einsieht - die Änderung ist nämlich auch notwendig auf demokratischem Weg durchzuführen -, daß auf demokratischem Weg wiederum die Änderung zustande komme, nicht auf einem anderen Weg, nicht dadurch, daß der wirtschaftlich Mächtigere etwa einen Druck ausüben kann. Also das, was besteht als Rechtsverhältnisse des Wirtschaftslebens, gehört hinein in das demokratische Parlament. Was aber die wirtschaftliche Frage ist — nicht wahr, was ist nicht eine wirtschaftliche Frage? Man kann sagen: Kann man denn das geistige Leben überhaupt trennen von dem wirtschaftlichen Leben? — Hier hat man mit Recht die Geldfrage eingewendet: es kostet etwas. Nun, darum sehe ich im Wirtschaftsleben Assoziationen entstehen aus den einzelnen Zweigen des Wirtschaftslebens, die sich verweben, von verwandten und nichtverwandten Zweigen, Produktion, Konsumtion und so weiter. Dies im einzelnen zu schildern, würde zu weit führen.

Worauf es ankommt, ist das: die verschiedenen Angehörigen des Geisteslebens, die sind in ihrer Verwaltung des Geisteslebens das, was ich geschildert habe für das Geistesleben; als Teilnehmer am Wirtschaftsleben bilden sie wirtschaftliche Konsumenten und sind Glieder, Assoziationen, die zum Wirtschaftskörper gehören. Was ich trenne, ist das Leben; es ist nicht eine abstrakte Trennung in drei Körperschaften, sondern es ist das Leben, das gegliedert wird. Nicht wahr, das geistige Leben wird tatsächlich hierarchisch verwaltet, aber das wirtschaftliche Leben all der geistig Wirkenden, das steht im Wirtschaftsleben der Assoziationen drinnen. Also in ihrem Wirtschaften sind Lehrer und so weiter auch durchaus Wirtschaftskörper, Wirtschaftsorganisationen. Und so-wirken die Verschiedenen tatsächlich durcheinander. Und das läßt sich ja wirklich nur im einzelnen verfolgen; wie schließlich, wenn man Chemie darstellen will, in einer Stunde auch nicht alles vorgebracht werden kann, sondern man muß eben auf das verweisen, was dann im einzelnen durchzuführen ist.

Daß aber, um eine Frage des Herrn Oberrichters L. zu beantworten, leichter gewisse Fragen dem einfach mündig gewordenen Menschen zu behandeln und zu beantworten sind als sachliche Fragen, ich meine, das ist doch schließlich auf der Hand liegend. Gewisse Sozialisten — sie sind wirklich nicht mehr dutzend-, sondern schockweise aufgetreten in der Zeit, nicht wahr, als man plötzlich in Deutschland drüben sich wieder regen durfte -—, gewisse Sozialisten haben sich vorgestellt, wie man die einzelnen Zweige organisieren kann und so weiter, indem sie das, was sie als politische Agitatoren gelernt haben, daraufgestülpt haben auf das Wirtschaftsleben. Das ist ja das große Unglück in der heutigen politischen Diskussion, daß eigentlich die Leute eine gewisse Schulung nur erlangt haben bei dem rein politischen Kampf, bei den Wahlen und so weiter, aber nun nicht eingehen können auf das Wirtschaftsleben.

Im Grunde genommen haben sozialistische Agitatoren zumeist keinen Dunst vom Wirtschaftsleben und für die Bedingungen des Wirtschaftslebens erst recht nicht. Und so sind die verschiedensten Utopien aufgestellt worden, wie man nun das oder jenes gliedern kann. Ich will zum Beispiel erwähnen, wie Industriezweige, die auf einem feinen, minuziösen Ineinandergreifen von ganz Verschiedenem beruhen, mit ihrem Export zurechtkommen sollen, wenn sie nach einer Möllendorffschen Planwirtschaft oder dergleichen organisiert werden sollen. Es kommt darauf an, gewisse Dinge, die nur aus einem Wirtschaftsorganismus heraus verwaltet werden können, nicht regierungsmäßig, sondern aus sich selbst heraus zu verwalten.

Charakteristisch ist es zum Beispiel, wenn gesagt wird: Man kann heute die Schule nicht herausnehmen aus dem Staate, man läßt sich das nicht gefallen, und in einem sozialistischen Staat ist es nicht notwendig. — Wer die Verhältnisse, die in der Menschheit wirklich sind, nicht die, die in den Köpfen der politischen Agitatoren spuken, kennt, der muß sich sagen: im sozialistischen Staate wäre es erst recht notwendig! Da wäre vor allen Dingen zum Heile der Menschen erst recht notwendig, mindestens die Schule aus dem herauszunehmen, was da im sozialistischen Staat, wie er marxistisch vorgestellt wird, mit der Menschheit beabsichtigt wird.

Also ich glaube, wenn der gute Wille vorhanden ist, gerade auf das einzelne einzugehen — mir ist der Einwand von den drei Parlamenten schon wiederholt gemacht worden -, ich will gerade sachlich die Dreigliederung haben, nicht etwa, um bloß drei Gruppen von Menschen zu haben, drei Häuser nebeneinander; es werden wirklich nicht drei Häuser sein. Wenn ich richtig verstanden werde, so wird man wahrscheinlich finden, daß man sich schon begegnen kann in den konkreten Lösungen, die ich für einzelne Fragen schon gegeben habe, für andere, wenn ich noch einige Zeit zu leben habe, noch geben werde - lieber wäre es mir, wenn sie andere geben werden -, ich glaube, man wird schon durchaus zurechtkommen.

Ich möchte hier wiederum betonen: nicht um ein Alleswissen kann es sich handeln, sondern es handelt sich darum, daß versucht worden ist, einmal ohne Utopie das festzustellen, was bis ins einzelne geschehen soll, auszugehen davon, daß die drei Lebensgebiete ganz verschiedene Lebensbedingungen haben, und daß dann, wenn die Menschen so zusammenwirken von den drei Lebensgebieten, qualitativ verschieden zusammenwirken, also nicht bloß parlamentarisch quantitativ, sondern qualitativ, daß dann erst die konkreten Feststellungen sich in der richtigen Weise ergeben werden.

Geradeso muß ich sagen: für mich steht diese Dreigliederung des sozialen Organismus so fest, daß ich dieses Feststehen vergleichen möchte ungefähr, also natürlich cum grano salis, mit dem Feststehen des pythagoräischen Lehrsatzes. Man kann ihn auch nicht überall, in allen Fällen beweisen, aber man kann beweisen, daß man ihn brauchen kann. Die Dreigliederung braucht durchaus nicht abstrahiert zu sein von allem einzelnen, aber sie ist in allen Einzelheiten anwendbar, in diesem Falle praktisch anwendbar, indem in dem dreigliedrigen Organismus eben das Staatsleben, Wirtschaftsleben und Geistesleben so organisiert wird — es wird eine Praxis erreicht werden.

Die ja natürlich sehr weitgehenden Fragen des Herrn Oberrichters L. zu beantworten, würde, glaube ich, heute abend zu lange dauern; aber es ist vielleicht doch ersichtlich, daß es sich hier überall darum handelt, von der konkreten Gestaltung der Wirklichkeit auszugehen, und daß es daher mit abstrakten Antworten außerordentlich schwierig ist, weil man eben in der vollen Wirklichkeit drinnenbleiben will.

Ich möchte nur noch darauf zurückkommen: ich finde es auch außerordentlich interessant, daß innerhalb des französischen Volkstums gerade der Syndikalismus heraufgekommen ist, und glaube, daß man diese Frage am besten löst, wenn man das Vergesellschaften studiert. Es ist sehr interessant, die verschiedenen Nuancen des englischen und des französischen Sozialismus zu studieren. Der englische Sozialismus ist im Grunde genommen eine abgeschwächte kapitalistische Methode. Es ist eigentlich durchaus dasjenige, was im Kapitalismus wirkt. Also das rein wirtschaftliche Element ist eigentlich in der englischen Arbeiterfrage im großen nur eben auf die Interessen des Arbeiters zugespitzt; aber es ist nicht ganz herausgegangen, so daß der englische Sozialismus eine wirtschaftlich opportunistische Färbung hat.

Der deutsche Sozialismus hat mit einer militärischen Tüchtigkeit und mit militärischem Organisationsgeist den Marxismus aufgenommen, und er hat eine stramme militärische Organisation bekommen. Und wer, wie ich, gewirkt hat in einer Arbeiter-Bildungsschule, die ganz aus der Sozialdemokratie herausgewachsen war, allerdings auch durch seine nichtmarxistische Orthodoxie, also durch seinen Nicht-Marxismus herausgeworfen worden ist, indem man gesagt hat: Nicht Freiheit, sondern ein vernünftiger Zwang der kann schon darüber urteilen. Der deutsche Sozialismus ist im Grunde genommen etwas, was ganz drinnensteht in demselben Geist, der den preußischen Militarismus hervorgebracht hat.

Der französische Syndikalismus ist doch das — wirklich ohne irgendeiner Volksart etwas zugute sagen zu wollen oder ohne dem Deutschen etwas anzuhängen -, der französische Syndikalismus ist doch dasjenige, was ich durch seinen assoziativen Charakter als den besten Anfang gerade zu dem sehen muß, was ich mir als die Assoziation im Wirtschaftsleben denken muß. Und gerade wenn ich es vergleiche mit dem englischen und mit dem deutschen Sozialismus, dann sehe ich doch, daß es hervorgeht aus demselben, was ich versuchte zu charakterisieren, aus der demokratischen Gesinnung. Es sind zwei Seiten; die eine Seite hat sich gezeigt bei dem Bürgertum, die andere Seite bei den Arbeitern. Und was sich bei dem Bürgertum eben mehr kapitalistisch und rentiermäßig ausgestaltete, das ist beim Arbeiter die syndikalistische Ausgestaltung. Es ist nur Avers- und Revers-Seite.

Also ich glaube, daß diese drei verschiedenen Nuancen, die englische, französische und die deutsche Nuance des Sozialismus, zusammenhängen mit den Qualitäten des Volkstums.

Und da kommt man dann auf eine Frage, die ich für außerordentlich wichtig halte. Man soll eben auch nicht von einem allgemeinen Sozialismus ausgehen und soll nicht glauben, daß es einen abstrakten Sozialismus gebe, sondern soll fragen: Wie muß ein jedes Volkstum aus seinen eigenen Entitäten heraus behandelt werden? Und derjenige, der von westeuropäischen Beobachtungen kommt, sie hier in der Schweiz noch bebrütet hat, nach Rußland geht und dem russischen Volk etwas ganz Fremdes aufdrängt, der zerstört eigentlich das, was sich aus dem russischen Volk heraus hat bilden können. — Aber, wie gesagt, es können heute nicht alle sozialen Fragen mehr gelöst werden.

German original of Threefolding and the Present World Situation · ← Previous · Next →