From a Unitary State to the Tripartite Social Organism

GA 334 — 18 March 1920, Zurich

5. Die Geistigen Kräfte in der Erziehungskunst und im Volksleben

Gestern erlaubte ich mir auszuführen, wie in den Niedergangserscheinungen unserer Zeit drei zerstörende Mächte wirken: die Weltherrschaft der Phrase, die Weltherrschaft der Konvention, die Weltherrschaft der Routine. Und ich versuchte gestern schon anzudeuten, wie treten müsse an die Stelle der Phrase wiederum die gedankenerfüllte Rede, der von geistiger Substanz durchdrungene Gedanke, der sich durch die Sprache ausleben kann im sozialen Leben der Menschen. Und ich versuchte damit im Zusammenhang anzudeuten, wie an die Stelle der Konvention treten müsse gerade durch die Wiederbelebung des Geisteslebens dasjenige, was auch aus der lebendigen Wechselwirkung der im demokratischen Sinne miteinander lebenden mündigen Menschen allein entstehen kann. Und anzudeuten versuchte ich, wie an die Stelle der bloßen Routine, der geistlosen Routine, treten müsse die durchgeistigte Lebenspraxis.

Wenn man zunächst alle diese Dinge nur von außen her charakterisiert, so scheinen sie eigentlich auch Oberflächentatsachen unseres gegenwärtigen Lebens nur zu berühren. In Wahrheit aber drängen sie hin gerade zu demjenigen, was auf der einen Seite im Allerintimsten der Menschenwesenheit wurzelt, was auf der anderen Seite aber auch wiederum sich auslebt in den bedeutsamsten, eingreifendsten und für das Leben maßgebenden sozialen Tatsachen.

Nun habe ich schon gestern angedeutet, wie man an einem bestimmten Symptom aufsuchen müsse eine der Grundursachen unserer gegenwärtigen, von so vielen Zerstörungskräften durchsetzten Zivilisation. Ich habe darauf aufmerksam gemacht, daß seit drei bis vier Jahrhunderten es im wesentlichen die naturwissenschaftliche Erkenntnis ist, welche die Grundlage unserer Weltanschauung abgibt, derjenigen Weltanschauung, die Neues begründen

will. Was sonst in unserem sozialen Leben vorhanden ist, es sind die traditionellen Impulse zur Weltanschauung. Was neu fruchtet, was die Menschen wirklich bewegt seit drei bis vier Jahrhunderten, das ist die Frage: In welcher Art kann aus den naturwissenschaftlichen Grundlagen des menschlichen Erkennens eine Weltanschauung fließen? Kein Wunder, daß unter dem Drang, auf diese Weise eine Weltanschauung zu begründen, gerade diejenigen Kräfte des menschlichen Seelenlebens sich ausgebildet haben, die geeignet sind, eine solche Weltanschauung ins Leben zu rufen. Eine ganz bestimmte Art des Denkens und eine ganz bestimmte Art des Wollens hat sich in diesen letzten Jahrhunderten herausgebildet und ist in unserer Gegenwart bis zu einem gewissen Höhepunkt des Wirkens gekommen. Die Naturforschung betont ja immer wieder und wiederum, daß es für sie, für ihre gewissenhafte Methode darauf ankomme, die Welt der Tatsachen zu erforschen, so daß nichts einfließe in dasjenige, was ausgemacht wird über die Tatsachen selbst, daß da nichts einfließe von dem, was aus dem Menschen, aus der menschlichen Persönlichkeit selbst kommt. Vergeblich haben solche Geister wie Goethe, die einsahen, zu welcher Einseitigkeit bloßes Naturerkennen, vom Menschen abgesondertes Naturerkennen führen müsse, aufmerksam darauf gemacht, wie wirkliches, zu einer umfassenden Weltanschauung brauchbares Erkennen nicht abgesondert werden dürfe vom Menschen, wie selbst die äußere physikalische Tatsache im Zusammenhange mit dem in der Welt stehenden Menschen betrachtet werden müsse. Allein auf der anderen Seite kann man doch sagen, daß diese vom Menschen abgesonderte Betrachtungsweise wiederum ihre großen Triumphe gefeiert hat dadurch, daß sie die Welt der Technik zu dem gebracht hat, was diese eben heute ist. Das alles aber konnte nur unter dem Einflusse einer gewissen Art des Denkens entstehen; jenes Denkens, das sich hingibt entweder dem, was die Natur durch sich selbst der Beobachtung darbietet, oder demjenigen, was wir im Experimente darstellen können. Die Sprache der Tatsachen selber zu verstehen, es ist das Ideal dieses Denkens.

In dieses Denken fließt wenig von dem hinein — derjenige, der gerade neben Geisteswissenschaft auch mit Naturwissenschaft in gewissenhafter Weise, in methodischer Weise zu tun gehabt hat, der weiß es, was menschlicher Wille ist, von dem, was uns impulsiert, indem wir äußerlich im Leben unsere Aufgabe vollziehen, indem wir mit anderen Menschen in Berührung und in Beziehung treten, indem wir mit anderen Worten ins soziale Wesen uns hineinstellen. Ja, die großen Triumphe der Naturwissenschaft und der Technik sind nur möglich geworden dadurch, daß gewissermaßen der Mensch denken gelernt hat in der Weise, daß dieses Denken so wenig wie möglich von seinem Wollen beeinflußt ist. Eine Art von Denkgewohnheit, kann man schon sagen, ist unter dem Einflusse dieser Tatsache im Laufe der letzten drei bis vier Jahrhunderte entstanden.

Nun kann man mit einem solchen Denken Großartiges erkennen auf dem Gebiete der mineralischen Welt, der pflanzlichen Welt noch, weniger schon der tierischen Welt und — wie ich gestern schon angedeutet habe — gar nichts erkennen mit Bezug auf das wahre Wesen des Menschen. Und daß man neben diesem, ich möchte sagen, willensentblößten Denken kein anderes Denken ausgebildet hat, das hat seinen Grund in einer gewissen Weise in der Furcht vor alle dem, was in unser Denken hineinkommt, wenn der Mensch von sich aus, von seinem Willen, diesem Denken seine Struktur, seine Organisation gibt. Phantastik, Willkürlichkeit kann auf diesem Wege durch das menschliche Wollen in das Denken hineinkommen. Und immer wieder und wiederum wird darauf hingewiesen, wie phantastisch die Weltanschauungen gewisser Philosophen sich ausnehmen, die allerdings menschliches Wollen in ihr Denken hineingelegt haben, gegenüber den sicheren Ergebnissen, zu denen Naturforscher gekommen sind, die ganz allein sprechen ließen dasjenige, was die Natur ihnen selbst oder das Experiment sagte.

Man hat eben nicht gewußt, daß es möglich ist, das Denken des Menschen mit dem Willen so zu durchdringen, daß bei diesem wohlgeschulten, willengetragenen Denken ebenso jede Willkür verschwindet, wie sie verschwindet gegenüber jenem Denken, das sich nur mit äußeren Tatsachen oder mit Experimenten befaßt. Um ein solches Denken, das vom Willen durchdrungen ist, aufzufinden, dazu gehören allerdings mit Energie, Sorgfalt und Geduld vollbrachte innerliche Seelenübungen. Dazu gehört, daß der Mensch, der ein Geistesforscher werden will, der wirklich eindringen will in die geistige Welt, aus der allein heraus Erkenntnis des Menschen erfließen kann, daß der Mensch sich immer wieder und wiederum durch lange Zeiten und mit innerlicher Seelenmethodik Gedanken vorhält, an denen er nichts anderes entwickelt, als innerliches Wollen, daß er an diesen Gedanken ein solches Wollen entwickelt, wie man es sonst nur in der äußeren Welt entwickelt. In der äußeren Welt liebt man, haßt man, man nimmt diese oder jene Tätigkeit auf, weist diese oder jene Tätigkeit ab. Man hat es in der äußeren Welt zu tun mit etwas, worüber man bloß Ansichten haben kann. Man hat es mit dem zu tun, was Krisen in sich enthält. Dasjenige, was man da in der äußeren Welt durch seinen Willen erkennt, oder wovon man bekämpft wird, das muß man hineintragen, wenn man Geistesforscher werden will, in die Welt seiner Gedanken, und man wird nach und nach bemerken, daß diese Gedanken wirklich willengetragene Mächte werden, von innerer Gesetzmäßigkeit durchtränkt. Sie müssen nur das, was ich jetzt eben in scheinbarer Abstraktheit gesagt habe, so hinnehmen, daß die Arbeit, die damit charakterisiert wird, die innere Seelenarbeit, eine solche ist, die lange Zeit in Anspruch nimmt, die wahrhaftig nicht weniger methodisch, wenn auch auf geistigem Felde, durchgeführt wird, als alles dasjenige, was wir mit den exaktesten Präzisionsinstrumenten für unsere chemischen oder physikalischen Experimente durchführen. Wie der Chemiker oder der Physiker exakt seine Experimente durchführt, so führt der Geistesforscher dasjenige durch, was Abwägen des einen Gedankens an dem anderen ist, Wirkung des einen Gedankens auf den anderen. Er kommt dadurch dazu, daß das abstrakte Denken, das gerade unter dem Einfluß des naturwissenschaftlichen Forschens im Laufe der drei bis vier letzten Jahrhunderte sich herausgebildet hat, zu einem innerlich lebendigen Denken aufsteigt, zu einem Denken, das mehr ein Bildanschauen geistiger Art ist als das gewöhnliche abstrakte Denken. Das ist die eine Seite, die ausgebildet werden muß zu wirklicher Menschenerkenntnis, weil es unmöglich ist, jenes abstrakte Denken zu gebrauchen für diese Menschenerkenntnis, die eine Geist-Erkenntnis sein muß, eine Geistanschauung, das in der Naturwissenschaft seine großen Triumphe feiert. Allein dieses Denken, das in der Naturwissenschaft voll am Platze ist, dieses Denken hat insbesondere im sozialen Leben im weitesten Sinne gewisse, ich möchte sagen, unmögliche Ergebnisse. Je abstrakter unser Denken wird, desto rechthaberischer im einzelnen Menschen wird es. Gewiß, man wird sehr kritisch, man wird gewissenhaft, man wird methodisch, wenn man das in den letzten drei bis vier Jahrhunderten großgezogene Denken anwendet. Aber man wird doch in bezug auf seine soziale Eingliederung in die ganze Menschheit oder in einen Teil der Menschheit rechthaberisch. Man forsche nur einmal nach und man wird sehen, wenn man sich an das Denken hält, das die Naturwissenschaft groß gemacht hat: Man gewöhnt sich daran, immer recht zu haben — und der andere hat auch recht! Und die Menschen, das würde das Extrem sein, könnten sich im Grunde genommen eigentlich gar nichts mehr mitteilen.

Leben wir nicht mitten in diesem Zustande? Findet nicht heute derjenige, der durch eine prüfungsreiche Lebenserfahrung gegangen ist und durch Jahrzehnte gerungen hat mit den Problemen, der genötigt ist, aus der heutigen Menschheitserziehung heraus diese Probleme in den gangbaren gebräuchlichen Formen der geisteswissenschaftlichen Begriffe darzustellen, findet er nicht überall die jüngsten Leute, die kommen und sagen mit ihrer anderthalb Jahrzehnte höchstens dauernden Erfahrung: Das ist mein Standpunkt, das denke ich, das setze ich entgegen den reichen Lebenserfahrungen. Und schließlich, abstrakt genommen, kann man diesen Lebensanfängern, die ebensogut logisch denken können wie die lebenserfahrenen Greise, man kann ihnen nicht einmal unrecht geben, denn dasjenige, was den Nerv ausmacht unseres gegenwärtigen wissenschaftlichen Erkennens, das ist im Grunde nicht gebunden an menschliche Entwickelungen, das ist etwas, was man erreicht, wohinein man sich findet, und was man schließlich, wenn man einen gewissen Grad von Erwachsenheit erreicht hat, eben erlangt. Und so kann man sagen: Dieses abstrakte Denken, dieser Intellektualismus, der es heute zu einem hohen Grade an Vollkommenheit gebracht hat, der gibt jedem etwas, was er eigentlich jedem anderen mitteilen möchte, aber was der andere schon von sich selber aus weiß. Man möchte sich mitteilen im sozialen Leben. Man kann sich nicht mitteilen, weil der andere nicht geneigt ist, die Mitteilung zu empfangen, sondern höchstens ihr seinen Standpunkt entgegenzustemmen.

Was die Naturwissenschaft groß macht, das ist unanwendbar im sozialen Leben, denn der Mensch gibt dadurch etwas, möchte etwas geben, was kein anderer eigentlich empfangen will, weil er es schon zu haben glaubt. Wer nur richtig durchdenkt dasjenige, was die wirkliche Grundrichtung unseres ganzen heutigen Seelenlebens ist, der wird vieles von dem, was heute in unserem sozialen Leben an Zerstörungskräften vorhanden ist, was die Menschen auseinandertreibt, statt sie zusammenzuführen, er wird es zum Teil in dem sehen müssen, was ich jetzt als eine Eigentümlichkeit und soziale Konsequenz des abstrakten, gerade für die Naturwissenschaft tauglichen Denkens charakterisiert habe.

Über dieses Denken hinaus wird Geisteswissenschaft führen, weil sie kultiviert dasjenige, was unbewußt bleibt in dem heute gebräuchlichen Denken, weil sie das Wollen - das ist es eben, was unbewußt bleibt — in dieses Denken hineindrängt, weil sie willentliches Denken entwickelt. Und aus dem willentlichen Denken heraus kann wirkliche Menschenkenntnis erfolgen. Aber das ist nur das eine Element.

Das andere ist, daß gerade unter dem Einfluß dieser Denkweise, wie sie in der naturwissenschaftlichen Weltanschauung hervorgetreten ist, der Mensch auch dazu gekommen ist, gegenüberzustellen dem willensentblößten Denken das gedankenentblößte Wollen. Aus dieser Zweiheit besteht im Grunde genommen der heutige Mensch, aus jenem Seelenelemente, das man nicht anders bezeichnen kann, als willensentblößtes Denken, und aus dem anderen Seelenelemente, das man bezeichnen muß als gedankenentblößtes Wollen. Geisteswissenschaftliche Erkenntnis, sie sucht ebenso, wie sie den Willen hineinzuschieben versucht in das Denken, den Menschen, der ein Geistesforscher werden will, dazu zu bringen, seinen eigenen Handlungen, seinen eigenen Willensergebnissen mit einer solchen Objektivität gegenüberzustehen, wie man sonst nur gegenübersteht äußeren Tatsachen. Der Mensch muß werden, wenn er sich auf den Weg des Geistesforschens begibt, ein treuer Beobachter dessen, was er selber tut, was er selber will. Gewissermaßen muß er sich ideell zunächst herausheben und muß wie in einem Höheren von sich selbst neben sich einhergehen. Und dieses Höhere neben sich selbst muß den Menschen so beobachten in allem, was er tut, wie man sonst nur beobachtet, wenn man äußere Naturtatsachen oder das Experiment beobachtet. Denn dann lernt man an etwas Gedanken entwickeln, was gerade in den letzten drei bis vier Jahrhunderten am allermeisten, besonders bei gewissen radikalen extremen Kreisen, nur beherrscht und impulsiert wird von den persönlichsten Emotionen. Man lernt erkennen dasjenige in Gedanken, worauf man sonst eigentlich gar nicht sieht, dessen Gedanken sonst völlig im Unbewußten bleiben.

Und deshalb, weil der Mensch in diese beiden Elemente zerfällt, sehen wir auch heute auseinandergerissen auf der einen Seite die abstrakt naturwissenschaftliche Erkenntnis, die nur auf das Außermenschliche geht, und die sozialen Impulse bloß als persönliche Instinkte wirksam. Wir sehen, wie die Naturwissenschaft auf gewisse Höhen gestiegen ist, wie man aus der Erziehung, die man aus diesem naturwissenschaftlichen Denken gewonnen hat, jetzt zum Beispiel im Osten — und es wird nicht beim Osten verbleiben, leider — Grundsätze daraus gewinnen will für das soziale Zusammenleben der Menschen, wie sich aber in diesem Osten zeigt, daß man mit naturwissenschaftlicher Sozialpolitik nichts anderes kann, als wüsteste menschliche Instinkte organisieren, organisieren so, daß die Organisation die Menschheit in den Untergang hineintreiben muß.

Diese Dinge hängen zusammen mit dem, was in den letzten Jahrhunderten groß geworden ist, und man muß sie in diesem Zusammenhange betrachten. Erst dann, wenn man den Willen kultiviert im Denken, wie ich es angedeutet habe, dann das Denken im Wollen kultiviert — die genaue Beschreibung können Sie in meinen Büchern «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» und im zweiten Teile meiner «Geheimwissenschaft», und in ähnlichen Büchern finden -, erst dann, wenn man eine solche Geisteswissenschaft auf diese Art begründet, die in das wirkliche Wesen des Menschen eindringen kann, wird eine solche Wissenschaft nicht machtlos gegenüberstehen der ganzen menschlichen Persönlichkeit. Ja, unsere gegenwärtige Wissenschaft, sie steht der ganzen menschlichen Persönlichkeit machtlos gegenüber, denn dasjenige Denken, in das nicht der Wille hineinpulsiert, es ist eine Beschäftigung bloß des menschlichen Kopfes, es ist Intellektualismus, der keine mitteilende Kraft für das Leben hat. Geistige Erkenntnis, wie sie nach und nach zu einer Weltanschauung sich formt aus solchen Grundlagen heraus, wie ich sie jetzt nur andeuten konnte, Geisteswissenschaft ist etwas, was nicht nur die menschlichen Gedanken, den menschlichen Intellekt, sondern was die ganze menschliche Persönlichkeit ergreift. Weil sie aus dem Willen hervorgegangen ist, aus dem willengetragenen Denken, stellt sie dieses menschliche Denken hinein in die soziale Gemeinschaft, und weil sie den Gedanken hineinträgt in das Wollen, kann sie auch Gedanken im Menschen anregen, welche wahrhaftige Lebenspraxis hervorbringen, nicht bloß Routine, sondern Lebenspraxis, die eben nur beruhen kann auf Ideen, auf geistgetragenem Wollen.

Solche geisteswissenschaftliche Weltanschauung, wir brauchen sie heute vor allen Dingen auf dem Boden desjenigen Geisteslebens, das für die Öffentlichkeit das Allerwichtigste ist, wir brauchen sie auf dem Boden der Erziehungskunst. Und gerade in der Erziehungskunst kann man die innere Wahrheit desjenigen erforschen, was ich als Prinzipien einer Geisteswissenschaft eben charakterisiert habe. In der schon erwähnten «Waldorfschule», die unter der Ägide unseres Freundes, des Herrn Molt in Stuttgart errichtet worden ist, ist versucht worden, auf geisteswissenschaftlicher Grundlage Pädagogik als Erziehungskunst zu begründen. Diese Waldorfschule will nicht eine Weltanschauungsschule sein. Diejenigen Menschen sagen die Unwahrheit, welche sagen, sie will eine Schule sein, in die anstelle alter Weltanschauungen anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft schon in das Kind hineingetragen wird. Darum handelt es sich gerade bei dieser Schule nicht, sondern darum handelt es sich, daß das, was als Geisteswissenschaft hier gemeint ist, eben den Willen des Menschen erfassen kann, sein Handeln durchdringen kann und daß dasjenige, was in anderen Weltanschauungen nur Gedanke, Idee bleibt, bei der anthroposophisch orientierten geisteswissenschaftlichen Weltanschauung methodisch gefaßt werden kann. Daher handelt es sich bei der Waldorfschule in Stuttgart nicht darum, was man inhaltlich an die Kinder heranbringen will, sondern es handelt sich darum, daß unsere Geisteswissenschaft in ihr Methode wird, wird dasjenige, was die Grundlage abgibt zu der Verrichtung im Lehren, im Erziehen, zum Handeln, zum Wollen des Lehrers.

Dazu gehört aber allerdings, daß diese Pädagogik, diese Erziehungskunst gebaut werde auf wirkliche Menschenkenntnis. Wirkliche Menschenkenntnis ergibt sich nur mit den Methoden, die ich heute andeutend charakterisiert habe. Da lernt man erkennen, wie aus dem inneren Seelisch-Geistigen heraus vor allen Dingen gewisse Epochen sich unterscheiden lassen in dem werdenden Menschen. Diese Epochen, sie sind dasjenige in der menschlichen Wesenheit, worüber man heute oftmals selbst in der Wissenschaft, die sich sehr exakt dünkt, oberflächlich hinweggeht. Man sieht ja in dem Kinde gewisse Vorgänge, wenn um das siebente Jahr herum der Zahnwechsel eintritt. Aber derjenige, der tiefer hineinschaut in die menschliche Natur, der sieht auch, wie in dieser Zeit des Zahnwechsels im Kinde eine vollständige Metamorphose des ganzen Seelenlebens vor sich geht. Während in der ersten Zeit, von der Geburt bis zum siebenten Jahre, alles, was das Kind treibt, wozu das Kind sich geneigt, befähigt fühlt, herausstammt aus dem Prinzip der Imitation, der Nachahmung, aus einem Sich-Hineinfühlen in alles dasjenige, was die Umgebung tut, beginnt mit dem Zahnwechsel ungefähr gegen das siebente Jahr beim Kinde die Epoche, wo es durch seine inneren Fähigkeiten auf Autorität hin angelegt ist. Wie durch das selbstverständliche elementarische Leben wird das Kind bis zum siebenten Jahr hin selbst in seinen Handbewegungen, in der Formung seiner Sprache dasjenige tun, was die Erwachsenen seiner Umgebung tun. Es wird sich ganz hineinverweben in dasjenige, was ausströmt selbst von den Imponderabilien der Gedanken- und Vorstellungsrichtungen der Umgebung. Vom siebenten Jahr an braucht das Kind in seiner Umgebung den, von dem es glauben kann: der weiß in gewissem Sinne das Richtige; es braucht die Autorität. Man mag heute noch so sehr gegen Autorität wettern, man sollte berücksichtigen, daß Autorität vom siebenten Jahr an ungefähr bis zu dem Jahre, wo die Geschlechtsreife eintritt, etwas ist, unter dessen Einfluß der Mensch stehen muß, wenn er sich gesund entwickeln will. Denn eine zweite Epoche in der menschlichen Kindheit ist diese vom Zahnwechsel bis zu der Geschlechtsreife, bis zum vierzehnten Jahre ungefähr. Ungefähr, sage ich; hier ist nicht irgendein Zahlenspiel in Frage kommend, sondern es sind die wichtigen Abschnitte, die Umänderungen der Lebensmetamorphosen sind es, die in Frage kommen. Mit diesem vierzehnten Jahre ungefähr wird der Mensch geschlechtsreif. Da tritt eine vollständige Umwandlung seines Seelenlebens ein, da tritt dasjenige ein, was ihn innerlich befähigt, selbständig zu urteilen, der Welt sich entgegenzustellen mit dem, was als Urteil in seinem Inneren entsteht, während er vom siebenten bis vierzehnten Jahr recht gedeiht, wenn er neben sich die Autorität haben kann, zu der er aufschaut.

Nun sind es gerade die Jahre vom Zahnwechsel bis zu der Geschlechtsreife, in denen man das Kind zu betreuen hat in Unterricht und Erziehung während seiner sogenannten Volksschulzeit. Aber auch in dieser Zeit kann man noch gewisse Epochen, Unterepochen unterscheiden. Dasjenige, was als Nachahmungstrieb aus der innersten Wesenheit des Menschen heraus bis zum siebenten Jahre waltet, es erstreckt sich noch in seiner Abschwächung, aber deutlich sich offenbarend, über das siebente Jahre hinaus bis ins neunte Lebensjahr hinein. Und derjenige, der sich aneignet durch Geisteswissenschaft einen lebendigen Sinn, wie in jedem einzelnen Kinde zum Vorschein kommt dieses Zusammenspielen von Nachahmungsfähigkeit, von Autoritätsbedürfnis in allem Lernen und gegenüber aller Erziehung, der wird in jedem Kinde, selbst wenn er die größte Klasse vor sich hat, ein eigenes Erziehungsproblem sehen können. Denn ein solcher Mensch als Erzieher und Lehrer wird nicht hingegeben sein können irgendeiner Normpädagogik, nicht einer Pädagogik, die wiederum abstrakte Grundsätze etwa aufstellt aus dem Intellektualismus heraus: so muß man erziehen, oder so muß man erziehen — nein, derjenige, der durch Geisteswissenschaft zum Lehrer geworden ist, der sieht in dem werdenden Kinde etwas, was der Künstler in jedem einzelnen, das er schafft, sieht: immer wieder ein Neues und ein Neues. Da gibt es nicht abstrakte pädagogische Grundsätze, da gibt es ein lebendiges Sich-Hineinfinden in das Kind, ein Herausschaffen aus dem Kinde selbst, ein Rätsellösen desjenigen, was im Kinde verborgen ist, was durch die Leiblichkeit als ein Geistig-Seelisches heraus will. Denn das ist das Eigentümliche beim Geist-Erkennen, das vor allen Dingen in der Erziehungskunst zur Anwendung kommen muß, daß dieses Geist-Erkennen den Menschen zurückführt zur unmittelbaren Lebendigkeit. Das ist beim Intellektualismus, beim abstrakten Erkennen nicht der Fall. Wenn ich abstrakt irgend etwas aufgefaßt habe, nun, da habe ich es aufgefaßt, da trage ich es dann weiter ins Leben fort. Da erinnere ich mich höchstens an dasjenige, was ich schon gelernt habe. So ist es bei der Geist-Erkenntnis nicht. Derjenige, der nur einige Schritte in dieser Geist-Erkenntnis gemacht hat, der weiß, daß diese Geist-Erkenntnis nichts gibt, woran man sich bloß erinnern kann. Ebensowenig gibt Geist-Erkenntnis etwas, woran man sich bloß erinnern kann, wie dasjenige, was ich heute gegessen und getrunken habe, mir etwas geben kann, woran ich mich morgen und die folgenden Tage bloß erinnern kann; man ist nicht zufrieden als Mensch, wenn man sich nur erinnern soll an dasjenige, was man gegessen hat vor vier Wochen. Aber man ist zufrieden als Mensch, der eine abstrakte Erkenntnis aufgenommen hat, wenn man sich an das erinnert, was man vor vier Wochen gelernt hat oder sich angeeignet hat. Mit Geist-Erkenntnis ist es nicht so. Geist-Erkenntnis verwebt sich dem menschlichen Wesen, geht hinunter, wird verdaut und muß immer neu belebt werden, geht so hinein in die Erscheinungen des Lebens.

Wenn irgend jemand ein großer Geistesforscher wäre in seinem vierzigsten Lebensjahre und er würde nicht fortpflegen immertort den lebendigen Umgang mit dem, was zu erkennen ist, er würde gegenüber dem seelisch-geistigen Inhalt so verhungern, wie jemand verhungern würde, der mit seinem vierzigsten Jahre zu essen aufhörte. Abstrakte Erkenntnis, wie sie die Naturwissenschaft groß gemacht hat, die kann zufrieden sein mit Erscheinungen. Die ist einmal abgeschlossen. Geist-Erkenntnis bringt den Menschen in lebendigen Zusammenhang mit seiner Umgebung, muß immerfort erneuert werden, wenn sie nicht absterben soll, wird im Leben ähnlich, wie auf einem niedrigeren Gebiete Essen und Trinken.

Indem man so etwas ausspricht, sollte die Welt erkennen, wie radikal verschieden diese Geist-Erkenntnis von derjenigen ist, von der man heute glaubt, daß sie die einzig mögliche ist. Aber stellen Sie sich vor, diese Geist-Erkenntnis durchdringend alles dasjenige, was der Erzieher und der Unterrichter tun will, so durchdringend seine Handlungen, seine Gedanken, wenn er das Schulzimmer betritt, wie das Eisen unser Blut belebt - stellen Sie sich vor eine Gesinnung, die aus einer Geist-Erkenntnis kommt und die weiß: du mußt jedes einzelne Individuum besonders anfassen, du kannst dir nichts merken, du mußt jedem Kinde als einem neuen Rätsel gegenüberstehen — das gibt erst eine wirkliche Pädagogik, eine lebensvolle Pädagogik. Man redet heute viel davon, man soll die Individualität erziehen. Man gibt auch allerlei schöne abstrakte Grundsätze darüber dadurch wird man nichts erreichen. Erreichen für unsere Leben fordernde Zeit wird man nur dadurch etwas, daß man eine Pädagogik als Kunst begründet. Diese Pädagogik als Kunst, die hineinschaut jederzeit aufs neue in den Menschen, sie vergißt die Erkenntniswissenschaft, wie der Künstler alle Ästhetik und alles wegwirft, wenn er positiv schaffen will. Was nützen uns alle Grundsätze über das Schöne, wenn wir den Ton formen wollen! Derjenige, der weiß, was künstlerisch Schaffen ist, der gibt mir recht darin. Was nützen uns alle pädagogischen Regeln, wenn wir dasjenige, was als Seelisch-Geistiges im Kinde ist, zu enträtseln beginnen und entwickeln sollen? Da handelt es sich darum, daß wir als Pädagogen zu Künstlern werden. Das können wir werden, wenn in unsere Zivilisation Geisteswissenschaft als ein lebendiger Bestandteil eindringt. Dann werden wir aber auch sehen, wie wir in der Zeit, wo zwischen dem siebenten und neunten Jahre der Nachahmungssinn mit dem Autoritätssinn sich die Waage hält, wie wir da gerade den Willen ausbilden müssen, wie wir da nicht auf den Intellekt des Kindes zu große Bedeutung legen dürfen. Da dürfen wir vor allen Dingen nicht unkünstlerisch an das Kind heranbringen, was durch menschliche Konvention festgelegt ist. Wir dürfen nicht dasjenige, was bloß zum Intellekt spricht, als Konvention an das Kind heranbringen. Das sind auch die Buchstabenformen, das ist auch Schreiben, Lesen. All das beruht, so wie wir es heute haben, denn wir sind nicht mehr in der Zeit der alten Bilderschrift, auf menschlicher Konvention. Wir müssen davon loskommen. Daher wird in der Waldorfschule versucht, Lesen und Schreiben — zunächst Schreiben — aus dem Künstlerischen hervorzurufen. Es wird versucht, zuerst solche Formen zu zeichnen, ja auch zu malen, aus denen sich dann aufbauen lassen die Buchstabenformen; also erst das Künstlerische, daraus dann das Intellektualistische. Damit aber dasjenige, was eigentlich die Kindesnatur begehrt in diesem Zeitalter, in der richtigen Weise aufsprossen kann, muß alles auf diesen künstlerischen Unterricht angelegt sein. Und jetzt, wo wir erst einige Monate in der Waldorfschule unseren Unterricht geben, jetzt sehen wir, wie wirklich aus dem Künstlerischen sich heraus arbeiten läßt, wie es möglich ist, vor allen Dingen im Musikalischen, im Gesanglichen, im Eurythmischen, in beseelter Tonkunst — denn das ist für das Kind noch die Eurythmie -, wie es möglich ist, in alledem dem Kinde etwas zu geben, das seine Natur fordert, das seine Natur will, das aber zu gleicher Zeit den künstlerischen Sinn biegsam macht, den künstlerischen Sinn geneigt macht, die ganze Welt in künstlerischer Weise entgegenzunehmen. Dann kann man, wenn das neunte Jahr herankommt, wo der Mensch sein Verhältnis setzen kann zwischen dem Ich und der Außenwelt, dann kann man experimentell zusteuern auf dasjenige, was Naturbeschreibung ist, dann kann man Wissenschaft hervorrufen aus dem Künstlerischen.

Allerdings muß da darauf Rücksicht genommen werden immer — so sonderbar, so trivial es klingt, es muß gesagt werden -, daß der Mensch Mensch ist. Nicht Rücksicht darauf, daß der Mensch Mensch ist, nimmt die Einrichtung, wie wir sie heute vielfach haben, des sogenannten Stundenplanes. Nichts Unpädagogischeres gibt es, als dem Kinde beizubringen Dreiviertelstunden das, nachher gleich Dreiviertelstunden etwas ganz Entgegengesetztes. Dreiviertelstunden Religion, Dreiviertelstunden Rechnen, Dreiviertelstunden Schreiben und so weiter. Wir suchen in der Waldorfschule alles hervorzuholen aus den Gesetzen, die im Seelisch-Geistigen des Kindes sich selber aussprechen. Da ist allerdings nötig, daß man irgend etwas, zum Beispiel Rechnen, durch drei, vier, fünf bis sechs Wochen einzig und allein treibt, ohne Stundenplan, und erst wenn man ein bestimmtes Pensum aufgearbeitet hat, geht man zu etwas anderem über. Das wird Konzentration des Unterrichtes. Es kann dann am Ende des Schuljahres durch Wiederholungen alles, was in Betracht kommt, zusammengefaßt werden. Aber der Stundenplan, der ist eigentlich der Feind jeder wirklichen Erziehungskunst.

Und auf diese Weise gelangt man dazu, nicht nur in bezug auf die erzieherische und unterrichtende Führung des Kindes etwas zu erringen, sondern man gelangt dazu, aus der Entwickelung des Kindes selber die Notwendigkeiten des Lehrplanes abzulesen. Als ich für die Lehrer der Waldorfschule den pädagogischen Kursus abgehalten habe, der sie vorbereitet hat zu ihrer Aufgabe, da war ich vor allen Dingen darauf bedacht, einen Lehrplan auszuarbeiten, der eigentlich das bloße Ergebnis desjenigen ist, was das Kind verlangt . vom sechsten, siebenten bis zum achten, neunten Jahre, vom neunten Jahre bis zum zwölften Jahre, vom zwölften Jahre bis zur Geschlechtsreife. Ablesen aus dem, was elementar die Menschennatur entwickelt, dasjenige, was getan werden soll, man kann es, wenn man Sinn und Verständnis für das Menschenwesen durch Geisteswissenschaft hat, von Jahr zu Jahr, und man kann es, wenn man das Schulzimmer betritt, mit tiefem pädagogischen Sinn ablesen dem, was einem die Gesichter der Kinder sagen, die vor einem sitzen. So wird versucht - ich kann es Ihnen nur skizzieren, kann selbstverständlich nicht diese Dinge bis in alle Einzelheiten schildern -—, durch Geisteswissenschaft unmittelbares Leben hineinzubringen in eines der wichtigsten sozialen Gebiete, in die Erziehungskunst.

Alle Abstraktionen, alles dasjenige, was die Technik groß macht, das ist nicht fruchtbar da, wo es sich darum handelt, die Menschen zusammenzubringen. Wirkliche Erziehungskunst, sie wird ihre Quellen suchen müssen in der Geisteswissenschaft. Sie wird es nur können, wenn im Sinne der Dreigliederung des sozialen Organismus das geistige Leben befreit ist vom staatlichen, befreit ist vom wirtschaftlichen Leben. Eigentlich nur dadurch, daß das Württembergische Schulgesetz noch ein Loch hat, in das man hineinschlüpfen konnte, war es möglich, die Waldorfschule in dieses Loch hineinzubringen als eine freie Schule, in der wirklich verfahren werden kann nach pädagogisch-künstlerischen Prinzipien. Um die Geisteswissenschaft anzunehmen, braucht man nicht Geistesforscher zu werden. So wie man die moderne Astronomie oder die moderne Chemie annehmen kann und man nicht Astronom oder Chemiker zu werden braucht, wie man dazu nur den gesunden Menschenverstand nötig hat, so hat man auch nur den gesunden Menschenverstand nötig, wenn man sich nur nicht von Vorurteilen beeinflussen läßt, um dasjenige aufzunehmen, was der geisteswissenschaftliche Forscher aus den Tiefen der Seele an die Oberfläche fördert. Aber wenn man sich durchdringt mit dem, was aus willengetragenen Gedanken, aus gedankengetragenem Wollen heraus erkannt wird, dann bekommt man auch die nötige Lebensbegeisterung, die der heutigen schlafenden Menschheit fehlt und die kommen muß, wenn es besser werden soll.

Bevor nicht von einer genügend großen Anzahl von Menschen energisch verlangt wird dasjenige, was notwendig ist zu einem Neuaufbau, wird es nicht aus irgendwelcher Ecke von selbst heraus kommen. Die heutige Menschheitsentwickelung ist dazu veranlagt, aus dem Wollen, aus dem bewußten Wollen heraus die großen Lebensziele zu fordern. Jene Politik haben wir lange genug getrieben, die immer diplomatisch hinschaut auf dasjenige, was dort [Lücke] und nach der man sagt: es wird sich schon wieder geben. Heute sehen die Menschen, wie es täglich schlechter wird; jeden Tag von neuem glauben sie, es bleibe bei dem, was gerade eingetreten ist. Man hat nicht den geringsten Sinn dafür, daß erkannt werden muß im Niedergange die Kraft des Aufganges. Und so wird man, wie in der Erziehungskunst, auch im Volksleben suchen müssen selbst diejenigen Kräfte, die zum Neuaufbau führen können. Es können auch da nur jene Kräfte sein, welche da kommen aus dem Geiste, aus der Erkenntnis des Geistes, aus dem Anschauen des Geistes. Wie stehen sich doch jene zwei Seelenelemente in unserem sozialen Leben, in unserem Volksleben heute gegenüber, auf die ich hingedeutet habe! Das abstrakte Denken, das eigentlich jeder Mensch hat — es ist ja ganz gleichgültig, ob man herausgewachsen ist aus der Schusterwerkstätte, der Sohn des Schusters ist oder [Lücke], wenn man es bis zu einer Stufe des Denkens gebracht hat. Dieses Denken, es ist unabhängig vom Persönlichen, von diesem Denken aus hat man seinen Standpunkt. Aber diese Standpunkte sind ja alle eigentlich nicht notwendig, denn jeder Mensch hat eigentlich das Recht für seinen eigenen Standpunkt, und er könnte eigentlich mit diesem Standpunkt als ein Einsamer durch die Welt ziehen. Man braucht gar nicht miteinander zu leben, wenn jeder «seinen Standpunkt» hat, wenn keiner dem anderen etwas zu sagen hat.

Das aber ist das Eigentümliche bei der Geist-Erkenntnis, daß sie von diesen «Standpunkten», von diesem Stehen auf Standpunkten ganz loskommt, daß sie eigentlich wird etwas, was Menschen empfänglich macht für das Leben, für eine wahre Schule. Derjenige, der sich mit Geisteswissenschaft in dem Sinne, wie sie hier als anthroposophisch orientierte gemeint ist, wie sie durch den Dornacher Bau repräsentiert wird, bekannt macht, für den wird jeder einzelne Mensch, dem er im Leben begegnet, ein interessantes Problem. Das Kind selbst, das ist ja wichtig gerade für die Erziehungskunst; das Kind wird ein interessantes Problem. Und so wie man im physischen Leben Hunger fühlt gegenüber der äußeren Natur, wie man sich verbinden muß mit der äußeren Natur, so fühlt man als Geisteswissenschafter das Bedürfnis, sich immer und immer mit dem auseinanderzusetzen, was andere Menschen meinen, was andere Menschen denken, empfinden und wollen. Geisteswissenschaft bringt uns im weitesten Umfange mit den Menschen zusammen.

Heute kann der Geisteswissenschafter vor allen Dingen sagen: wenn er andere Weltanschauungen liest, oh, er läßt sie anders auf sich wirken als andere Menschen. Er fragt weniger nach dem, was Irrtum oder Wahrheit ist, denn das ist ja zumeist nur der eigene Standpunkt, der darüber entscheidet, und über diesen Standpunkt habe ich mich ja gerade ausgesprochen. Aber wie groß auch der vermeintliche Irrtum sein mag, der von dem oder jenem hervorgebracht wird denkend oder handelnd, dasjenige, was der Mensch uns darlebt, es ist die Ergänzung unseres eigenen Wesens, wenn wir uns von Geisteswissenschaft durchdringen. So wie der Naturforscher das Bedürfnis hat, sich mit dem Experiment auseinanderzusetzen, so hat der Geistesforscher das Bedürfnis, sich mit allem Menschlichen auseinanderzusetzen. Begründet er eine Weltanschauung, so wird sie zu einem sozialen Impuls, weil sie die Menschen nicht auseinanderbringt, weil sie die Menschen zusammenführt; weil sie wiederum individuelles Leben hineinbringt in dasjenige, was sonst nur abstrakter Standpunkt ist, den jeder jedem gegenüber haben kann. Der Geistesforscher, er tritt dem kleinen Kinde gegenüber, das vielleicht nur lallen kann, vielleicht nicht einmal lallen kann, das aus elementaren Blicken heraus ihm Geheimnisse durch das noch ganz kindliche Auge enthüllen kann. Er empfängt Offenbarungen von allem Menschlichen. Dadurch wird dasjenige, was Geisteswissenschaft zu sagen hat, wenn man es nur einmal aufnehmen wird in das menschliche Leben, zum Impuls für soziales Zusammensein der Menschen. So wie die naturwissenschaftliche Erkenntnis herausgeholt hat aus der menschlichen Sprache den Gedankeninhalt, so wie sie die Phrase geschaffen hat, so wird Geisteswissenschaft in unsere Sprache hineingeheimnissen lebendige geistige Substantialität, und unsere Sprache wird dadurch, daß Geisteswissenschaft den Menschen zum Menschen führt, zu dem wichtigsten sozialen Besserungsmittel für die kommende Zeit werden.

Und gerade dadurch, daß die Erkenntnis auf der einen Seite so abstrakt geworden ist, ist der Wille abhängig geworden von den bloßen Emotionen, von den bloßen persönlichen Instinkten, wie ich heute auch ausgeführt habe. Dadurch, daß Geisteswissenschaft herausschafft ihre Inhalte aus dem gedankengetragenen Willen, dadurch ist das, was sie dem Menschen geben kann, die Grundlage für weitergehende Interessen, als sie das bloß persönliche Fühlen, . der bloß persönliche Egoismus geben kann. Was ist denn zum Schluß in den letzten drei bis vier Jahrhunderten im sozialen Leben das Ausschlaggebende geworden? Das Ausschlaggebende ist der Egoismus geworden. Wenn man sich nicht erheben kann durch die Erkenntnis, [Lücke] zu dem Menschlichen, wenn das Menschliche uns nicht durchdringen kann, dann können wir im sozialen Leben nur den Egoismus geltend machen. In dem Augenblicke aber, wo wir das Geistesleben in seiner Selbständigkeit haben, und dadurch jene Selbständigkeit begründen können in der Erziehungskunst, die ich heute skizziert habe, und in dem Augenblick, wo wir unser Wollen von Ideen durchdringen, können wir in unserem Wirtschaftsleben den Weg finden von Mensch zu Mensch, können aus den Berufsständen, können aus dem Zusammenfügen von Konsumenten und Produzenten Assoziationen bilden, können bilden eine Wirtschaftsstruktur im sozialen Organismus, die aufgebaut ist gerade auf demjenigen, was ein Mensch vom anderen lernen kann, was ein Mensch vom anderen erfahren kann. Lebensroutine wird sich verwandeln dadurch in Lebenspraxis. Je innerlicher man betrachtet das Menschenleben, je mehr man auf das Menschenleben selbst hinsieht, desto mehr drängt sich aus jeder Ecke die Notwendigkeit der Dreigliederung des sozialen Organismus heraus. Und wie auf der einen Seite das Wirtschaftsleben befruchtet wird durch ein von Ideen durchdrungenem Wollen, auf der anderen Seite das Geistesleben [Lücke], so wird dasjenige, was zwischen Mensch zu Mensch sich abspielt - in der heutigen Zeit spielt es sich eigentlich nur als Konvention ab, und zwar so sehr, daß man Konvention auch will in Form des Völkerbundes zwischen den Völkern -, zum lebendigen Elemente im staatlichen Rechtsleben, das als ein selbständiges Glied im dreigliedrigen sozialen Organismus den anderen selbständigen Gliedern, dem selbständigen Geistesleben, dem selbständigen Wirtschaftsleben gegenüberstehen soll. Aber Sie sehen zugleich gerade an dem Beispiel der Erziehungskunst, wie in das Volksleben, in das soziale Leben hereingreift die Geisteswissenschaft, wie diese Geisteswissenschaft es sein muß, auf deren Grundlagen aufgebaut werden muß die Struktur des dreigliedrigen sozialen Organismus. Oh, zu was allem ist man gekommen in der neuesten Zeit unter dem Einflusse der zwei geschilderten Seelenelemente! Da haben wir auf der einen Seite das, ich möchte sagen, über alle menschliche Individualität hinausgreifende abstrakte Denken, das gleich ist bei allen Menschen, die es zu der Fähigkeit dieses logisch abstrakten intellektualistischen Denkens gebracht haben. Weil das gleich ist, deshalb ist auch notwendig, daß dasjenige, was der Mensch doch nicht als abstrakter Mensch erlangen kann, was er erwerben will in der sozialen Gemeinschaft, daß sich das auf das Untermenschliche, auf die bloßen Instinkte, auf die egoistischen Instinkte aufbaut. Und so sehen wir, wie in der Zeit des Darwinismus, wo man bemerkt hat im Tierreiche den allerdings auch da nur eingeschränkt geltenden Kampf ums Dasein, wie es gekommen ist, daß Naturforscher Sozialpolitiker, Sozialwissenschafter werden wollten, und nun auch im Menschenleben den Kampf ums Dasein statuieren wollten als das Selbstverständliche. Ja, es ist sogar wahr, daß der Kampf ums Dasein im Menschenleben wüten würde, wenn nur die Instinkte des Egoismus im sozialen Leben tätig sein könnten. Und [diesen Kampf ums Dasein wollen] auch Lenin und Trotzki statuieren; sie werden nur den Egoismus organisieren. Das weiß jeder, der das Menschenleben heute durchschauen kann. Alles übrige wird eine Maske sein. Wir sehen schon heute die innere Unwahrheit des Leninismus, der den Leuten goldene Berge verspricht, kurze Arbeitszeit, und jetzt bereits dabei angekommen ist, zwölfstündige Arbeitszeit zu statuieren, weil sich das als eine Notwendigkeit herausstellt innerhalb des Mechanismus, den man da einführen will.

Aber niemals wird im Menschenleben das, was in ihm als abstraktes Denken vorhanden ist, was bei allen Menschen gleich ist, Ja sagen können zu diesem Kampf ums Dasein, das wird immer unzufrieden sein mit diesem Kampf ums Dasein, das wird immer nach Harmonie, nach Überwindung des Kampfes ums Dasein hinstreben. Wenn wir aber nicht dazu gelangen, hineinzugießen wirkliche Geistigkeit in den abstrakten Intellektualismus, so wird die Welt der Abstraktion zu schwach sein, um aus dem sozialen Leben den Egoismus herauszubringen. Und auf der anderen Seite wird der Egoismus brutal bleiben, wenn in ihn nicht hineingegossen wird dasjenige, was nur Geist-Erkenntnis, Geistesschau über den Menschen bringen kann. Dasjenige, was im Menschen heute dualistisch auftritt, auf der einen Seite der abstrakte Intellektualismus, auf der anderen Seite das bloße Walten der Instinkte, es kann nur seinen Ausgleich finden dadurch, daß beides durchdrungen werden kann vom Geiste. Werden die Gedanken vergeistigt, dann werden sie an den individuellen Menschen herangebracht und machen diesen individuellen Menschen zu dem, der nicht nur recht haben will, der nicht nur dasjenige geben kann, was die anderen nicht wollen, sondern der sich mit den anderen Menschen fortwährend auseinandersetzen muß, fortwährend mit den anderen Menschen gewissermaßen anstelle der Phrasensprache die Gedankensprache führen muß. Die wird aber nur geführt aus einem Geistesleben heraus, das nicht bloß auf die Erinnerung gebaut ist, sondern das wie Hunger und Durst auf die tägliche Erneuerung, auf die Metamorphose des Lebens gebaut ist, das immerfort sich erneuern muß, wenn es auch bis zum Höchsten schon gediehen wäre. Das kann nur geschehen, wenn die Instinkte durchdrungen werden von denjenigen Gedanken, die auf die Art entstehen, wie ich das heute geschildert habe. Dann wird der Mensch innerhalb seiner wirtschaftlichen Assoziationen dasjenige wollen können, was über den einzelnen Menschen hinausgeht. Dann wird das Wirtschaftsleben durchgeistigt sein können. Es ist schon so, wo man die Welt auch anfaßt heute, wo man hineinschaut ins wirklichkeitsgemäße Leben, da ergibt sich die Notwendigkeit zu dem, was man als Dreigliederung des sozialen Organismus fordern kann. Das ist nicht eine Utopie. Als Utopie bezeichnen die Dreigliederung nur diejenigen Menschen, die keinen Wirklichkeitssinn haben, die selber Utopisten sind, und die daher alles dasjenige, was ihnen in ihre Utopien nicht hineinpaßt, zur Utopie erklären.

Dasjenige, was der Welt entgegengehalten wird als der Impuls der Dreigliederung des sozialen Organismus, es ist aus dem vollen Leben herausgegriffen. Es zeigt aber auch, daß dieses volle Leben heute fordert eine Durchdringung mit dem, was lebendig in Geistesschau ergriffen werden kann. Diese Geistesschau ist dem Menschen notwendig. Und ehe man nicht erkannt, daß der Mensch nicht ein bloßes Naturwesen ist, ehedem wird man nicht zu einer Lösung der heute so drängenden sozialen Probleme kommen können. Vor Jahren, als der theoretische Materialismus in seiner Blüte stand, da haben sich die Leute ereifert, die schon durchschauen konnten, daß dieser theoretische Materialismus auch zum praktischen Materialismus führen müsse, sie haben sich ereifert gegen diesen Materialismus. Aber man kann doch nicht umhin zu sagen, daß schließlich die Menschen, die theoretische Materialisten geworden sind, wie Haeckel und ähnliche, nicht auch gescheite Menschen gewesen sind. Man steht da der eigentümlichen Erscheinung gegenüber, daß wahrhaft helle Köpfe Materialisten geworden sind. Warum? Sie sind Materialisten geworden, weil das Denken, das sich im Laufe der letzten drei bis vier Jahrhunderte als das abstrakte Denken entwickelt hat - gerade für den Geistesforscher wird das klar —, materialistisch erklärt werden muß. Dasjenige Denken, das die Naturwissenschaft groß macht, das ist an das Werkzeug des Gehirns, an das Werkzeug des menschlichen Leibes gebunden. Das Denken hört mit dem Tode auf. Allein wenn wir den Willen hineingießen in unsere Gedankenoperationen, wenn wir uns nicht nur leiten lassen von Naturbeobachtung und Experiment, wenn wir das Denken durchgießen mit demjenigen, was aus dem Willen aufsteigt, dann ergibt sich etwas, was leibfrei werden kann, was wirklich seelisch-geistig Ist. Der Materialismus hatte recht für dasjenige Denken, das gerade in den letzten drei bis vier Jahrhunderten groß geworden und auf seinen Höhepunkt gekommen ist in die Gegenwart herein. Das muß man materialistisch erklären. Daher sind die gescheitesten Menschen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Materialisten geworden, weil ihnen schließlich nur vorlag das große Rätsel: Wie ist es mit dem gewöhnlichen Denken, das gerade in der Naturwissenschaft zu solcher Höhe kommt? Das muß materialistisch erklärt werden. Der Materialismus auf seine Art ist in vollem Recht, und keiner kann im Sinne anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft Spiritualist sein, der nicht weiß, daß der Materialismus auf seinem eingeschränkten Gebiete sein Recht hat. Wer nun die Frage stellt: Entweder Materialismus oder Spiritualismus? — der ist auf dem Holzwege. Denn der Materialismus hat sein Gebiet, und man muß sich klar darüber sein, daß der Mensch, will er das Seelisch-Geistige retten, auch über das Denken hinauskommen muß, auf das er heute so stolz ist. Und ebenso wird niemals eine wirkliche soziale wünschenswerte Ordnung eintreten können, wenn der Mensch nur aus den gewöhnlichen egoistischen Emotionen heraus diese sozialen Ordnungen begründen will, denn die können nur den Kampf ums Dasein begründen, nicht einen Leninschen sozialen Traum. Eine wirkliche soziale Ordnung kann der Mensch nur begründen, wenn er das Geistig-Seelische, wie es heute geschildert ist, und wie es angeregt in ihm wird durch jene Weltanschauung, die aus der Geistesschau kommt, in dieses soziale Leben hineingießt. Dann wird der Mensch erkennen und durch das Leben bewahrheiten können, was Goethe vorschwebte, als er seinen Blick richtete auf das Wesen des Menschen und sich fragte: Wie steht eigentlich der Mensch zur Natur? — Goethe sagte sich: Wenn wir alles das überblicken, von den wunderbaren Sternen oben bis zu all dem, was sich in den verschiedenen Reichen darbietet als Natur um uns herum, müssen wir den Menschen anschauen, gegenüberstehend dieser Natur, wie er diese Natur in sich aufnimmt, wie er sie umformt, wie er sie als etwas Neues in sich schaffend erstehen läßt, eine höhere Natur durch den Menschen im Menschen schaffend, eine höhere Natur, die geist-seelisch, seelisch-geistig ist. Das drückt Goethe so schön aus, indem er sagt:

«Indem der Mensch auf den Gipfel der Natur gestellt ist, so sieht er sich wieder als eine ganze Natur an, die in sich abermals einen Gipfel hervorzubringen hat. Dazu steigert er sich, indem er sich mit allen Vollkommenheiten und Tugenden durchdringt, Wahl, Ordnung, Harmonie und’ Bedeutung aufruft, und sich endlich bis zur Produktion des Kunstwerkes erhebt, das neben seinen übrigen Taten und Werken einen glänzenden Platz einnimmt.» Und wie die Ergänzung zu diesem Gedanken ist der andere, der in dem Buche über Winckelmann steht, in dem auch der eben genannte zu finden ist, wenn Goethe sagt: «Wenn die gesunde Natur des Menschen als ein Ganzes wirkt, wenn er sich in der Welt als in einem großen, schönen, würdigen und werten Ganzen fühlt, wenn das harmonische Behagen ihm ein reines freies Entzücken gewährt; dann würde das Weltall, wenn es sich selbst empfinden könnte, als an sein Ziel gelangt aufjauchzen und den Gipfel des eigenen Werdens und Wesens bewundern. Denn wozu dient all der Aufwand von Sonnen und Planeten und Monden, von Sternen und Milchstraßen, von Kometen und Nebelflecken, von gewordenen und werdenden Welten, wenn sich nicht zuletzt ein glücklicher Mensch unbewußt seines Daseins erfreut?»

Aus solcher Gesinnung heraus, die den Menschen durch die Natur, über die Natur zu sich selbst, zum Seelisch-Geistigen führt, aus solcher Gesinnung heraus kann nur dasjenige entstehen, was unser soziales Leben aufbauen soll. Aber es wird nur entstehen, wenn der Mensch durch seinen Willen seine Blicke hinlenkt auf dasjenige, was ihm die Erforschung des Geisteslebens selber geben kann.

Daher muß gesagt werden: Nicht in äußeren Institutionen und in ihrer Umgestaltung sollen wir dasjenige sehen, was uns weiterführen kann. Wie wir auch äußere Institutionen umgestalten mögen, es wird doch zu keinem Neuaufbau führen. Zu einem solchen kann nur führen, wenn der Mensch dasjenige, was in ihm gegenwärtig zur Zerstörung neigt, in seinem eigenen Inneren selber aufsucht. Denn alles Äußere, was im Leben des Menschen entsteht, wird von dem Menschen selbst, von dem innersten Wesen des Menschen gemacht. Nur durch Umlernen, nur durch Umdenken können wir vorwärtskommen. Daher kann es nicht früher besser werden, als bis eine genügend große Anzahl von Menschen den Mut aufbringt zum Umdenken, zum Umlernen. Und schließlich wird dasjenige, was einstmals wiederum als aufbauende Kräfte über die Menschheit kommen kann, hervorgehen müssen aus dem Mute zur Erhebung zum wirklichen Geiste, damit dieser, wie ich schon gestern am Schlusse sagte, nach und nach, aber wirksam den Ungeist beseitigen könne.

[Es folgt eine Aussprache.]

Schlußwort

Meine sehr verehrten Anwesenden! Ich habe eigentlich keinen besonderen Anhaltspunkt aus den Ausführungen des Herrn B. heraus, um irgend etwas Erhebliches in diesem Schlußwort zu sagen, denn er hat das Beispiel erbracht, wie man aus dem abstrakten Denken der Gegenwart heraus dasjenige beurteilt, was eben aus dem geistbefruchteten Denken heraus gern gesagt sein möchte. Und daher möchte ich für diejenigen der verehrten Zuhörer, welche etwa auch, aber vielleicht doch berechtigt, mißverstanden haben könnten dasjenige, was ich über den Lehrplan gesagt habe, einige Worte hier anbringen.

Was ich über den Lehrplan gesagt habe, das ist das, daß er auf Konzentration hinarbeiten sollte. Ich habe nicht gesagt, daß keine Abwechslung da sein sollte. Abgesehen davon, daß man ja streiten könnte, ob diese Abwechslung nach drei bis fünf Wochen geschaffen werden soll für das Rechnen, oder ob das besser ist oder das, das ist eine rein didaktische Frage, die sich nicht agitatorisch behandeln läßt, sondern nur sachlich. Aber abgesehen davon: man hat auf Konzentration im Unterricht zu arbeiten, daß man also ein gewisses Pensum so aufzuarbeiten hat, daß einen der Stundenplan dabei nicht geniert, daß man wirklich drei bis sechs Wochen, so lange es notwendig ist, ein Pensum durcharbeitet, ohne durch etwas anderes unterbrochen zu sein. Selbstverständlich wird dabei der Wesenheit des Kindes voll Rechnung getragen. Damit Sie mich nicht mißverstehen, möchte ich Ihnen ausführen, wie es etwa in irgendeiner Klasse der Waldorfschule zugeht. Nehmen wir die fünfte Volksschulklasse. Ich könnte ebensogut die erste anführen. Da beginnt der Unterricht einige Minuten nach acht Uhr morgens. Da wird zunächst in den ersten zwei Stunden eben auf diese Konzentration in dem hingewirkt, was sonst in den gewöhnlichen Schulgegenständen durch den Stundenplan dekonzentriert, ohne alle Konzentration verteilt wird auf kurze Zeit. So daß also in diesen zwei ersten Stunden bis etwa ein paar Minuten nach zehn Uhr in konzentrierter Weise auf das hingearbeitet wird, was man sonst als Inhalt der Schulgegenstände anschaut. So daß also in dieser Zeit, sagen wir, durch eine genügend große Anzahl von Wochen, Rechnen getrieben wird, dann wieder Sprachlehre durch eine Anzahl von Wochen und so weiter. Dann kommt anschließend dasjenige, was eine Konzentratiion dadurch möglich macht, daß man es in einer gewissen Weise treibt; schon bei den kleinsten Kindern wird bei uns fremdsprachlicher Unterricht getrieben, französischer und englischer Unterricht, so daß schon die ersten Klassen fremdsprachlichen Unterricht bekommen. Und es übt einen großen Eindruck aus, wenn man die kleinen Sputze kommen sieht in ihre Stunden und sieht, wie sie tatsächlich mit einer großen Freude Fortschritte in den wenigen Wochen schon gemacht haben im fremdsprachlichen Unterricht. Da wird mit ihnen tatsächlich auf das Gebrauchen der Sprache hin gearbeitet. Also fünf bis sechs Wochen ist es bei der ersten Klasse schon so der Fall; da wird dann bis elf Uhr Französisch, bis zwölf Uhr Englisch getrieben. Dann gehen die Kinder nach Hause. Und an einigen Nachmittagen — die Kinder haben genug frei, das gehört auch zur Abwechslung, daß sie nun wieder hinauskommen -, an einigen Nachmittagen, wenn sie nun wieder kommen, haben sie Gesang, Musik und Eurythmie, beseeltes Turnen, beseelte Bewegungskunst. In dieser beseelten Bewegungskunst haben die Kinder nicht bloß physiologisches Turnen, das auch getrieben wird, sondern durchgeistigte Bewegung. Sie haben gleichsam eine stumme Sprache in der Eurythmie gegeben. In das finden sich die Kinder außerordentlich gut hinein. Und wenn öfter einmal an solchen Tagen, wo die Kinder zu besonderen Festlichkeiten zusammengerufen werden, dann Eurythmieaufführungen sind, dann drängen sich die Kinder dazu, dann sieht man, wie das alles lebt. So daß also davon gar keine Rede sein kann, daß keine Abwechslung sei oder keine Rücksicht auf dasjenige, was der Natur des Kindes entspricht, genommen werde. Wenn nun aber gesagt wird: Wenn es den Kindern zu langweilig wird, muß etwas anderes kommen - ja, meine sehr verehrten Anwesenden, das ist gerade die Aufgabe, daß es niemals den Kindern zu langweilig wird! Die Kinder werden höchstens einmal ungezogen, weil sie irgend etwas sticht, aber aus Langweiligkeit — dafür muß Sorge getragen werden — wollen sie niemals, daß der Unterricht irgendwie aufhöre. Und ich konnte mich schon in dieser kurzen Zeit, da ich ja zweimal durch längere Zeit die Schule besucht habe und den Unterricht eigentlich immer in meiner Hand habe, ich konnte mich überzeugen, wie auf diese Weise tatsächlich Leben in den ganzen Unterricht hineingebracht wird.

Meine sehr verehrten Anwesenden, wenn man nicht durch Schwätzen, sondern durch die Tat dasjenige begründen will, was gleiches Recht für alle ist, so muß man sich wirklich nicht in geschwätziger Weise über den Unterschied zwischen Unternehmer und Arbeitern aufregen, der da heute trotz allen Geschwätzes doch noch vorhanden ist; er ist einfach als eine Tatsache da, und wenn man heute redet, so kann man nun wahrhaftig diesen Unterschied vorläufig nicht hinwegwischen. Es handelt sich darum bei der Waldorfschule, daß in der Tat das Proletarierkind sitzt neben dem Unternehmerkind. Die Kinder werden in vollständiger Einheit erzogen, und da wird durch die Tat gleiches Recht für alle begründet! Während mit allem Geschwätz und allem agitatorischen Herumreden: es müssen nicht «Unternehmer» und «Arbeiter» da sein, man noch nichts erreichen wird, sondern sie müssen gleiches Recht haben. Kurz, mit Schwätzen läßt sich die Frage nicht lösen, einzig und allein dadurch, daß man Ziele schafft, und vor allen Dingen die wirkliche Lösung der sozialen Frage ins Auge faßt. Dadurch, daß man immer dann, wenn es sich um die Tat handelt, hineinschwätzt mit agitatorischen Phrasen, dadurch kann doch nicht ein einziger Schritt zur Besserung jemals gemacht werden! Das ist es, worauf es heute ankommt, zu unterscheiden zwischen Tat und Schwätzen. Wenn man diesen Unterschied nicht machen wird zwischen den Schwätzern und denjenigen, die etwas tun wollen, wird man nicht auf einen grünen Zweig kommen, sondern es werden die Schwätzer alle soziale Ordnung geradezu totreden. Mit schönem Geschwätz ist in unserer heutigen Zeit nichts zu erreichen, wenn dieses Geschwätz noch so sehr von Gleichberechtigung ausgeht. Gleichberechtigtheit muß begründet werden, von Gleichberechtigtheit bloß zu schwätzen, damit ist gar nichts erreicht.

Eine andere Frage, meine sehr verehrten Anwesenden: Muß heute dem wirtschaftlich Bedrückten nicht die materielle Vorbedingung geschaffen sein, damit ihm die Möglichkeit geboten wird, Geistiges aufzunehmen? Ich habe gerade in der letzten oder in der vorletzten Nummer der Zeitschrift für «Dreigliederung des sozialen Organismus», die in Stuttgart erscheint, einen Artikel geschrieben: «Ideen und Brot» -, um entgegenzutreten dem landläufigen Vorurteil, daß, wenn von seiten der Gesättigten und auch heute noch Sich-sättigen-Könnenden immer wieder und wieder darauf hingewiesen wird: Es braucht ja nichts anderes getan zu werden, um die soziale Frage zu lösen, als daß die Leute arbeiten. Das ist leicht gesagt! Es handelt sich darum, daß die Leute ein Ziel sehen, einen Sinn in ihrer Arbeit! Aber auf der anderen Seite ist auch nichts damit getan, wenn immer gesagt wird von der anderen Seite: Erst muß den Leuten Brot geschaffen werden, dann werden sie geistig hochkommen, oder dann kann man dafür sorgen, daß sie geistig hochkommen. Geistige Arbeit ist es ja, welche dazu führt, daß das Brot erarbeitet werde. Man muß organisieren, man muß in einer gewissen Weise dasjenige, was gearbeitet wird, in irgendeine Struktur bringen, in eine soziale, sonst kann das Brot nicht entstehen. Wenn jetzt über Mitteleuropa eine furchtbare Hungersnotwelle sich ausbreitet, so ist ja diese Hungersnotwelle -— wenn es auch vorher selbstverständlich nicht gut war, darüber wollen wir uns jetzt nicht unter halten - nicht gekommen dadurch, daß plötzlich das Brot sich entzogen hat dem Menschen, sondern daß die Menschen in eine soziale Ordnung hineingekommen sind durch die Kriegskatastrophe, innerhalb welcher kein Brot erarbeitet wird, innerhalb welcher keine Ideen wirken, die das Brot erarbeiten lassen. Die Ideen, die bis 1914 von den Leuten angebetet worden sind, die die Führenden waren, die sind ad absurdum geführt durch die letzten fünf bis sechs Jahre, die sind abgetan. Wir brauchen neue Ideen! Und wenn man sich nicht entschließt, sich zu sagen: Wir brauchen neue Ideen -, durch diese neuen Ideen wird die soziale Ordnung organisiert, dadurch wird das nötige Brot geschaffen; wenn man sich nicht entschließt dazu, dann kommen wir doch in keiner heilsamen Weise zur Weiterentwickelung in die Zukunft hinein. Es ist sehr merkwürdig, wie sich, ich möchte sagen, im einzelnen Falle zeigt, daß die Menschen sich nicht eingestehen wollen, wie eigentlich die Wahrheit liegt und läuft. Einer der Radikalsten war gewiß bis zum Jahr 1914 der Fürst Krapotkin. Als er wieder nach Rußland gegangen war, da hörte man bald danach: Ja, wenn wir nur von dem Westen Brot bekommen, dann wird es schon besser gehen! — Und daneben hörte man, daß er eine «Ethik» schreibt. Sehen Sie, das ist dasjenige, was uns zugrunde gerichtet hat, daß die Leute auf der einen Seite das materielle Leben haben, auf der anderen Seite ein abstraktes Geistesleben, und daß von dem abstrakten Geistesleben nichts hereinspielt in das wirklich materielle Leben. Der Geist zeigt sich nicht dadurch, daß man ihn anbetet, der Geist zeigt sich dadurch, daß er fähig wird, auch die Materie zu beherrschen und zu organisieren. Das ist gerade das Schlimme, daß unsere Bekenntnisse es dahin gebracht haben, dem Menschen einen schönen Inhalt bloß geben zu wollen, wenn er aufgehört hat zu arbeiten, oder höchstens eine Direktive auf der ersten weißen Seite des Hauptbuches, wo steht: «Mit Gott» — wenn auch das, was da in Soll und Haben verarbeitet wird, durchaus nicht immer rechtfertigt, daß da steht: «Mit Gott»! Aber darinnen zeigen sich die Niedergangserscheinungen unserer Zeit, daß wir die Macht verloren haben, über das, wozu wir uns geistig bekennen, den Übergang zu finden zum materiellen Leben, daß geradezu die Gesinnung herrschend wird, die da sagt: Ach ja nicht verknüpfen das materielle Leben mit dem Geist! Der Geist ist etwas ganz Erhabenes, den muß man frei halten vom materiellen Leben! — Nein, nicht dazu ist der Geist da, daß man ihn freihält vom materiellen Leben, daß man ihn, wenn man aus der Fabrik herausgeht, ihn als Sonntag-Nachmittag-Sensation nur haben kann, wenn auch noch so edler Art, sondern dazu ist der Geist da, daß man ihn durch das Tor der Fabrik hineinträgt, daß die Maschinen nach dem Geiste gehen, daß die Arbeiter nach dem Geiste organisiert sind. Dazu ist der Geist da, daß er das materielle Leben durchdringe! Und daran sind wir zugrunde gegangen, daß das nicht der Fall ist, daß wir ein abstraktes Geistesleben neben einem geistlosen, von bloßen Routiniers beherrschten materiellen Leben haben. Eher wird es nicht besser, bis der Geist so mächtig wird, daß er die Materie beherrschen kann. Nicht der der Materie fremde, weltenfremde Geist ist es, zu dem Geisteswissenschaft führen will, sondern der Geist, der die Menschen beherrschen kann, den man nicht nur findet, wenn man froh ist, daß man aus der Fabrik hinausgehen kann, sondern den man froh und freudig in die Fabrik hineinträgt, damit jeder einzelne Handgriff im Lichte dieses Geisteslebens geschehe.

Diejenigen, die in dem Sinne, wie es hier gemeint ist, den Geist wollen, die wollen wahrhaftig nicht einen unpraktischen Geist, die wollen den Geist, der in der Welt wirklich nicht nur etwas zu schwatzen hat, nicht nur etwas zu sagen hat, was einen in freien Stunden erfreuen kann, sondern einen Geist, der dadurch, daß er die Materie beherrscht, das Leben durchorganisiert, mit dem Leben sich innig verbinden kann. Von diesem Geiste beziehungsweise von seiner Annahme wird es abhängen, ob wir, wenn wir ihn verleugnen, immer tiefer und tiefer in das Unglück hineinsegeln wollen oder nicht. Zwischen diesem «Entweder-Oder» muß man heute entscheiden. Je mehr Menschen entscheiden werden dahin, daß sie sich zu diesem tätigen Geist aufraffen, desto besser wird es für die Zukunft der Menschheit sein.

Das ist dasjenige, was ich zu meinen heutigen Worten noch hinzufügen wollte.

German original of Spiritual Forces in Education and in National Life · ← Previous · Next →