From a Unitary State to the Tripartite Social Organism

GA 334 — 17 March 1920, Zurich

Ungeist und Geist in der Gegenwart und für die Zukunft

Unter den irgendwie maßgeblichen Urteilen, die in der Gegenwart abgegeben worden sind über die heutige so chaotische Weltlage, ist zweifellos eines der allerbedeutsamsten dasjenige des Engländers John Maynard Keynes, der in seinem Buch «Die wirtschaftlichen Folgen des Versailler Friedensschlusses» eine solche Beurteilung der gegenwärtigen allgemeinen Weltenlage gebracht hat. Keynes ist ganz zweifellos auch durch seine äußeren Verhältnisse zu einem solchen Urteil berufen. Er war während der Kriegszeit zugeteilt dem englischen Schatzamt, war in der Lage, selbstverständlich aus den sich ihm da ergebenden Untergründen heraus, sich eine Grundlage für ein entsprechendes Urteil zu bilden. Auf der anderen Seite war er unter den Abgesandten, unter den Mitarbeitern des Versailler Friedensschlusses selbst. Allerdings trat er schon im Juni 1919 von dieser Stellung zurück. Und dieser Rücktritt wie auch die Schlüsse, zu denen er in seinem Buch über die wirtschaftlichen Folger des Friedensschlusses kommt, sie sind gerade dasjenige, was ein bedeutungsvolles Licht wirft auf die Art und Weise, wie sich diese Persönlichkeit zu der Weltlage der Gegenwart stellt. Auch Keynes gehörte ja zu denjenigen, welche zunächst wahrscheinlich wohl noch bei ihrem Gang nach Versailles in der von Amerika herübergekommenen, mit so großer Glorie empfangenen Persönlichkeit Woodrow Wilson etwas wie einen Propheten und Ordner der gegenwärtigen Weltlage sahen. Er ist gründlich von diesem Urteil abgekommen. Und derjenige, der wie ich, auch in den Zeiten, in denen Woodrow Wilson von einer ungeheueren Menschenmenge geradezu zu einem Weltbefreier erklärt worden ist, der — auch von dieser Stelle aus habe ich das getan - hier in der Schweiz unumwunden sein Urteil dahin abgegeben hat, daß die inhaltsleeren und abstrakten Auseinandersetzungen Woodrow Wilsons und seine Manifeste zu einem wirklichen Neubau der zerstörten Zivilisation nichts beitragen können, der darf wohl hinweisen heute auf ein solches maßgebendes Urteil. Keynes schildert in seinem Buche geradezu, was die Persönlichkeit anbelangt, mit einer intensiven Plastik — möchte man sagen. Er schildert, wie Woodrow Wilson in Versailles ankommt, wie er an den Versammlungen teilnimmt, wie sein Denken ein langsames ist, wie er gewissermaßen überall hintennach hinkte. Während die anderen schon weit vorne sind mit ihrer Beurteilung der Dinge, ist er noch weit zurück bei irgend etwas, das man vor fünf, sechs oder vor zehn Sätzen gesprochen hat, geradezu ein Mann, der an der Langsamkeit seines Denkens leidet. Vieles andere wird plastisch geschildert in bezug auf die Persönlichkeit dieses angeblichen Weltenbefreiers.

Aber auch auf die anderen führenden Persönlichkeiten, die bei diesem Friedensschlusse tätig waren, kommt Keynes zu sprechen, eindringlich zu sprechen. Er schildert, wie Clemenceau ein Mann ist, der eigentlich die ganze Entwickelung der europäischen Menschheit seit den siebziger Jahren verschlafen hat, der eigentlich nichts anderes wollte bei diesem Friedensschlusse, als in einem gewissen Sinne die Welt wiederum zurückschrauben zu dem, was in den siebziger Jahren innerhalb Europas vorhanden war. Und er schildert dann nicht minder anschaulich und plastisch, wie Lloyd George eigentlich allen überlegen ist, wie er einen gewissen Instinkt hat, um zu erfühlen dasjenige, was bei den Persönlichkeiten seiner Umgebung gedacht und getan und gewollt wird. Und man sieht aber aus alledem, wie schwer es heute selbst einem scharfsinnigen Beschreiber wie Keynes wird, sich nach und nach durch die Gewalt der Tatsachen ein Urteil zu verschaffen. Das ist es ja, was immer mehr und mehr beiträgt zu dem Chaotischwerden unserer gegenwärtigen Weltenlage, daß gerade die führenden Persönlichkeiten, die‘die Angelegenheiten, die das öffentliche Leben der letzten Jahrzehnte an die Oberfläche gebracht hat, daß die so gar nicht gewachsen sind den großen Anforderungen, welche die heutige Zeit stellt. Gerade das geht aus dem angezeigten Buche und seinem Urteil hervor. Man sieht daraus, daß alles dasjenige, was an zerstörenden Mächten in der Welt wirkt, durchaus nicht in irgendeine Urteilsordnung gebracht werden kann von denjenigen, die eben durch das öffentliche Leben zur Führerschaft berufen worden sind. Und da Keynes sah, daß nichts irgendwie bei dieser Konferenz herauskommen könne, was zu einer heilsamen und gedeihlichen Weiterentwickelung der europäischen Zivilisation führt, so legte er eben sein Amt nieder gleich in den Anfängen der Verhandlungen. Und wie er nun sein Urteil aufbaut, das ist außerordentlich bedeutsam. Und eigentlich hat man in der Gegenwart nur nötig, auf Urteile, die auf solchen Unterlagen ruhen, etwas Wirkliches zu bilden. Das Urteil von Keynes ist, ich möchte sagen, errechnet. Nur diejenigen Persönlichkeiten können eigentlich in der Gegenwart mitsprechen, die einen gewissen Sinn und Instinkt haben, aus noch vorhandenen Kräften in einer gewissen Weise die Zukunft mit aller Nüchternheit zu errechnen. Auf sie zu hören hat man deshalb besondere Veranlassung, weil ja weitaus die größte Zahl der heutigen Urteile abgegeben wird aus irgendwelchen völkisch-chauvinistischen oder sonstigen Vorurteilen heraus, während die Zahl derjenigen gering ist, die in objektiver Weise aus der Sprache der Tatsachen selber heraus sich ihr Urteil diktieren lassen. Zu ihnen gehört Keynes. Er hält Umschau über dasjenige, was vor allen Dingen in bezug auf Ökonomisches aus dem hervorgehen könne, was die drei genannten führenden Persönlichkeiten in Versailles gebraut haben, was wirklich gerade im wirtschaftlichen Leben der europäischen Zivilisation nach und nach erfolgen müsse, wenn nichts anderes eintritt, als daß die Kräfte wirken, die dazumal in Versailles zur Geltung gebracht worden sind. Und Keynes errechnet - ich sage ausdrücklich und ich betone es sehr stark —, Keynes errechnet, daß aus diesem Friedensschlusse nichts anderes folgen könne, als der wirtschaftliche Ruin Europas. Selbstverständlich muß mit dem wirtschaftlichen Ruin Europas verbunden sein der geistige und der politische Ruin.

So ist das Buch über die wirtschaftlichen Folgen des Versailler Friedensschlusses schon durch diesen seinen Inhalt interessant genug. Aber in gewisser Beziehung wird es noch interessanter durch seinen Schluß. In diesem Schluß gesteht Keynes ganz unverhohlen, daß er eigentlich keine Ahnung habe von demjenigen, was zu tun oder zu wollen sei, um aus dem Chaos, in das wir hineintreten, herauszukommen. Und er sagt, indem er dieses Geständnis macht, etwas eigentlich außerordentlich Bedeutungsvolles, in einen einzigen Satz faßt er dieses bedeutungsvoll zusammen. Er sagt, man könne nur erhoffen, daß irgendein Heil für die europäische Zivilisation erfolge aus dem Zusammennehmen aller in Betracht kommenden Kräfte zu einer neuen Seelenverfassung und zu neuen Imaginationen.

Meine sehr verehrten Anwesenden, das sagt ein Mann, der drinnengestanden hat in den Verhältnissen, der berufen war mitzutun, der durch seine Auseinandersetzung zeigt, daß er ein Mensch ist, der im weitesten Umfange nüchtern rechnen kann. Eine neue Seelenverfassung, ein Zusammennehmen aller Kräfte zu einer neuen Anschauung der im öffentlichen Leben der Menschheit tätigen Gewalten, wo sind diese zu finden? Wie ist zu diesen zu kommen?

Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, es bedarf wohl nur einiger Unbefangenheit, so wird man zugeben müssen, daß dazu der erste Schritt sein müsse der: in voller Vorurteilslosigkeit das Wesentliche im öffentlichen Leben der Gegenwart zu erforschen; sich zu fragen: Welches sind denn eigentlich die wirksamen Kräfte in diesem öffentlichen Leben der Gegenwart? In früheren Vorträgen, die ich hier zu halten die Ehre hatte, habe ich darauf hingewiesen, welcher Art von geschichtlichen Betrachtungen es verdankt werden soll, auf wirklich wirksame Kräfte im Leben der Menschheit zu kommen. Da muß man vor allen Dingen auf gewisse Symptome sehen, durch die anschaulich wird dasjenige, was in den Tiefen der Menschheitsentwickelung wirkt. Und deshalb möchte ich, um etwas, was vielleicht zum Hervorragendsten gehört unter den Kräften, die mit am Zerstörungswerk gearbeitet haben, möchte ich hinweisen gerade auf die Weltanschauungsgrundlage der Gegenwart, allerdings so, wie sie sich herausgebildet hat im Laufe der letzten drei bis vier Jahrhunderte. Nicht als ob ich die Meinung erwecken wollte, als ob eine Weltanschauung, die begründet wird in einsamer Denkerstube, nun etwa hingehen würde und wirkte auf jede einzelne Seele, und daß die öffentlichen Angelegenheiten gewissermaßen aus einer solchen Weltanschauung heraus zustande kämen. Das ist ja ganz gewiß nicht der Fall. Aber so wie dasjenige, was öffentliche Angelegenheiten sind, herauswächst aus dem Wollen, aus dem Empfinden, aus dem Gemütsleben, aus den Gedanken der Gesamtverfassung des Menschen, so wächst eben auch die Weltanschauung heraus aus dieser Gesamtverfassung des menschlichen Lebens, namentlich der menschlichen Seele. Und man kann sehen wie an einem Symptom, wie die Menschen eines Zeitalters beschaffen sind in ihrem ganzen Wirken, in ihrem ganzen Tun, wenn man gewissermaßen das Symptom der Weltanschauung ins Auge faßt, insofern man auf die gerade in der Gegenwart maßgebenden, zur Geltung gekommenen Weltanschauungen hinweisen will. Dieses Maßgebende charakterisiert sich ja insbesondere dadurch, daß alles dasjenige, was nicht durch Tradition von alten Zeiten in unsere Weltanschauung hineingekommen ist, sich herausentwickelt hat aus dem Boden der Naturwissenschaft, die auf äußere materielle Beobachtung allein ihre Erkenntnisse bauen will. Was zeigt denn, tiefer betrachtet, diese naturwissenschaftliche Weltanschauung?

Derjenige kann sie vielleicht allein richtig beurteilen, der sie bewundern kann. Und in früheren Vorträgen habe ich diese meine Bewunderung für die naturwissenschaftliche Weltanschauung gewiß stark genug zum Ausdruck gebracht. Nicht von irgendeiner Bekämpfung dieser naturwissenschaftlichen Weltanschauung, die auf ihrem Gebiete gewiß außerordentlich berechtigt ist, sollen diese Ausführungen, die ich hier entwickele, getragen werden. Diese naturwissenschaftliche Anschauung hat namentlich in ihren technischen und wirtschaftlichen Konsequenzen zu großartigen Zivilisationsfrüchten für die Menschheit geführt. Aber nehmen wir an, es gäbe heute irgendeinen Geist — er ist schon kaum mehr möglich erstens bei dem großen Gebiete naturwissenschaftlicher Erkenntnis, zweitens bei ihrer Spezialisierung —, aber nehmen wir an, es gäbe heute einen Geist, welcher den ganzen Umschwung der naturwissenschaftlichen Anschauung von der Mathematik und von der Mechanik bis herauf in die Biologie und bis herauf in dasjenige, was über die Biologie für die menschliche Seelenkunde gewonnen werden kann, umspannte: ein solcher Geist, er würde in gewissen Gebieten des Naturschaffens und Naturseins ganz zweifellos bedeutsame Einblicke gewinnen können. Allein, wenn ein solcher Geist mit völliger Klarheit sich die umfassende große Menschheitsfrage stellte: Was ist eigentlich der Mensch in seinem eigenen Wesen und in seinem ganzen Verhältnis zur Welt? — dann müßte gerade derjenige, der auf dem Boden der Naturwissenschaft ganz fest steht, der die Tragweite der naturwissenschaftlichen Erkenntnis gerade richtig zu beurteilen vermag, er müßte sagen: für die Beantwortung dieser Fragen nach dem Menschenwesen und nach dem Verhältnis des Menschen zu dem übrigen Kosmos vermag die naturwissenschaftliche Weltanschauung nichts zu sagen. Diese Frage bleibt gerade von der neusten physischen naturwissenschaftlichen Erkenntnis unbeantwortet. Wie der Mensch hervorgegangen ist in äußerlicher physischer Entwickelung von niederen, tierähnlichen Formen, zu seiner heutigen Menschengestalt, darüber sind schon großartige Erkenntnisansätze vorhanden. Was der Mensch ist in seinem Verhältnis zu geistigen Welten, davon haben gerade diese Erkenntnisansätze den Menschen weit abgeführt. Wer sich das nicht unbefangen eingestehen kann, der wird auch kein Urteil darüber gewinnen können, aus welchen inneren Impulsen heraus die gegenwärtige Menschheit wirkt, indem sie die öffentlichen Angelegenheiten organisiert oder auch öffentliche Organisationen zerstört. Denn mögen wir uns auch nicht immer bewußt sein wie aus dem, was wir über das Wesen des Menschen und seine Stellung zur Welt bewußt denken, mögen wir uns auch nicht immer bewußt sein, welche Gedanken wir in dieser Stellung hegen, diese Gedanken, so unbewußt, so instinktiv sie sein mögen, sie wirken in unseren Empfindungen, in unseren Willensentschlüssen. Sie werden daher doch die Schöpfer des ganzen öffentlichen, geistigen, politischen und wirtschaftlichen Lebens. Wer nur die Dinge richtig ansehen will, der wird gewahr werden, wie auch die wirtschaftlichen Zusammenhänge, da sie doch von Menschen gemacht werden, Menschen aber wiederum aus ihren Seelenimpulsen heraus handeln, wie auch die wirtschaftlichen Zusammenhänge der Welt durchaus ein Abbild desjenigen darstellen, was der Mensch über sich zu empfinden vermag und über sein Verhältnis zur Welt. Nun müssen wir sagen: groß ist geworden die naturwissenschaftliche Weltanschauung über alles dasjenige, was außermenschlich ist. Über den Menschen selber vermag sie keine Antwort zu geben. Groß ist sie, wenn über die Reiche, die untermenschlich sind, Auskunft verlangt wird. Wie aber verhalten sich die Auskünfte, die wir uns erobern als Menschen zu dem, was wir aus unseren Ideen, aus unseren inneren Seelenimpulsen einfließen lassen sollen in das soziale Leben, überhaupt in das Zusammenleben von Mensch zu Mensch und in Menschengruppen? Kann man denn irgendwelche Antriebe empfangen von denjenigen Gebieten, die außerhalb des Menschen liegen, für das menschliche Wirken, für das menschliche Zusammenleben? Das zeigt sich am besten, daß man das nicht kann, wenn man das Verhältnis des Menschen zur Sprache beobachtet.

In der Sprache lebt im Grunde genommen doch alles dasjenige, was Mensch zu Mensch führt. Durch die Sprache beherrschen wir auch das wirtschaftliche Leben. Durch die Sprache inaugurieren wir die äußeren politischen und geistigen Verhältnisse. Nun gibt es ein höchst Merkwürdiges, das nur leider nicht oft genug gründlich betrachtet wird. Wenn wir versuchen, unsere Sprache anzuwenden für die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse, so können wir eigentlich niemals etwas anderes tun, als die Worte, die Redewendungen, auch alles dasjenige, wodurch wir Naturgesetze ausdrücken, jene Naturgesetze, die wir heute so bewundern als den großen Fortschritt der neueren Menschheit, wir können nichts anderes als dasjenige, was wir uns gebildet haben in den Worten als Ausdruck für innere Seelenverhältnisse oder für Verhältnisse am Menschen, auf die Natur hinaus auszudehnen. So feinsinnige Geister wie Goethe, die bemerkten das. Deshalb sagte Goethe: Der Mensch begreift gar nicht, wie anthropomorphistisch er ist. -— Wenn wir sagen: eine elastische Kugel stößt die andere -, und wir daraus die Gesetze des elastischen’ Stoßes in der Physik ableiten, so gehen wir im Grunde genommen aus von dem, was wir in der Wortbedeutung für den Stoß haben, den wir in unserem eigenen Organismus ausführen. Und derjenige, der nur richtig nachforschen will, wird sehen, daß alles dasjenige, was nur überhaupt von der Sprache angewendet werden kann auf die Naturwissenschaft, die das Außermenschliche behandelt, vom Menschen her genommen werden muß.

Wie ist denn unsere Sprache zu einem Inhalte gekommen? - Sie wäre zu einem sehr geringen Inhalte gekommen, wenn wir nur das Muhen der Kuh und andere tierische Laute nachahmen könnten. Wie ist denn unsere Sprache zu einem Inhalte gekommen? Wer unbefangen den Entwickelungsgang der Menschheit betrachten kann, der findet, daß aller Inhalt der Sprache davon herkommt, daß die Menschheit in Zeiten, die allerdings hinter unserer Zivilisation zurückliegen, eine gewisse instinktiv-geistige Erkenntnis hatte, ich sage: eine instinktiv-geistige Erkenntnis hatte mit den natürlichen elementaren Nachempfindungen, die in der menschlichen Seele aufsteigen. Mit den Willensimpulsen, mit dem bildhaften Vorstellen, die sich im Mythus, in Mythologie auslebten, kamen dem Menschen geistige Anschauungen, und aus diesen geistigen Anschauungen heraus bildete er sich den Seeleninhalt, der dann zum Inhalt seiner Sprache wurde in der neueren Zeit, die groß ist dadurch, daß sie in einer gewissen Weise verachtungsvoll hinsah auf dasjenige, was instinktive geistige Fähigkeiten dem Menschen einer früheren Zeit gegeben haben. In dieser neueren Zeit, in der man vorzugsweise groß geworden ist in bezug auf die Naturwissenschaft, in dieser neueren Zeit haben unsere Worte keinen neuen Inhalt bekommen. Und eines ist geschichtlich bedeutsam gerade in den letzten zwei bis vier Jahrhunderten: Unsere Sprache, alle Sprachen unserer zivilisierten Welt haben ihren alten Inhalt verloren. Kein neuer Inhalt konnte in sie ergossen werden, weil dasjenige, was einen solchen Inhalt nicht geben kann, die bloße Naturerkenntnis, dasjenige ist, was gerade in dieser Zeit groß geworden ist. Und in der Zeit, die wir in anderer Beziehung so bewundern müssen, spielte sich das ab, was man nennen kann Entleerung der zivilisierten Sprachen von ihren alten geistigen Inhalten.

Was wurden die zivilisierten Sprachen dadurch, daß sie ihren alten Instinktinhalt verloren haben und ihnen die Naturwissenschaft keinen neuen geben konnte? — Sie wurden dasjenige, was nun in der Gegenwart bis zu einem gewissen Höhepunkt gestiegen ist. Sie wurden dasjenige, was sich ausbildete zur Phrase, und wahrhaftig nichts, was nur in einem eingeschränkten Gebiete einen Sinn hätte, sondern man nennt dasjenige, was heute Weltherrschaft ausübt, wenn man heute von Phrase spricht. Und die vier bis fünf Schreckensjahre, die wir hinter uns haben, sie haben die Weltherrschaft der Phrase auf ihrem Höhepunkt gezeigt. Wir leben heute geradezu unter der Weltherrschaft der Phrase. Was gibt es gegen diese Weltherrschaft der Phrase für ein Heilmittel? Einzig und allein die Gewinnung eines neuen geistigen Inhaltes, eines bewußten geistigen Inhaltes. Der alte, durch die frühere Menschheit auf instinktivem Wege gewonnene geistige Inhalt, der die Sprache zur Summe von Worten, nicht von Phrasen gemacht hat, er ist dahin, an ihn kann die wirklich an der Gegenwart hängende Menschheit nicht mehr glauben. Ein neuer bewußter geistiger Inhalt muß erobert werden.

Das, meine sehr verehrten Anwesenden, ist es, was die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft, die ihren Repräsentanten in dem Dornacher Bau hat, in ganz bewußter Weise anstrebt: bewußte geistige Erkenntnis zu dem naturwissenschaftlichen Erkennen, das über alles Außermenschliche so großartige Aufschlüsse gibt, hinzuzuerobern mit derselben Gedankenklarheit, logischen Strenge, mit derselben wissenschaftlichen Gewissenhaftigkeit hinzuzuerobern geistige Erkenntnis, die nun Auskunft geben kann über die große Frage nach dem Wesen des Menschen und nach der Stellung des Menschen zum übrigen Kosmos. Allerdings, gestehen muß man sich, bevor man zu einer solchen Erkenntnis vorschreiten kann, daß eben die äußere naturwissenschaftliche Methode zwar in ihrer Gewissenhaftigkeit nachgeahmt werden muß heute von jeder Erkenntnis, daß sie aber selbst nicht zur Geist-Erkenntnis führen kann. Um zur Geisteserkenntnis zu kommen ist notwendig, daß der heutige Mensch vor allen Dingen diejenigen inneren Fähigkeiten zur Geltung bringt, welche gerade auf dem Boden der hier gemeinten anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft erwachsen sollen. Ich habe dargestellt, wie der Mensch durch sein eigenes Seelenleben zu solchen Erkenntnissen kommen kann, zum Beispiel in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» und im zweiten Teil meiner «Geheimwissenschaft». Allerdings dann ist eines notwendig - ich habe es ja auch hier schon des öfteren hervorgehoben -, eines ist notwendig für den Menschen, dem er sich heute nur höchst widerwillig ergibt. Es ist dasjenige notwendig, was ich nennen möchte intellektuelle Bescheidenheit. Auf seine intellektuelle Entwickelung ist ja der heutige Mensch so stolz. Intellektuelle Bescheidenheit, sie macht sich erst dann geltend, wenn man sich zum Beispiel sagt: Angenommen, man gebe einem fünfjährigen Kind einen Band von Goethes Lyrik in die Hand. Was wird das Kind mit dem Band Goethes lyrischer Gedichte anfangen? Es wird ihn wahrscheinlich zerreißen oder es wird spielen damit. Es wird ganz gewiß, nicht dasjenige von dem Band Goethes lyrischer Gedichte haben, was der Erwachsene haben kann, und was eigentlich das ist, wozu der Band Goethescher Lyrik bestimmt ist. Es müssen in dem Kinde erst nach und nach die Fähigkeiten heranerzogen werden, welche es bestimmen können, welche ihm möglich machen können, den Band Goethescher Lyrik in der rechten Weise auf sich wirken zu lassen. Für diese Entwickelung der kindlichen Fähigkeiten gibt man einiges zu im Menschenleben heute. Daß aber der Mensch etwa, wenn er erwachsen ist und nur ausgerüstet ist mit den Fähigkeiten, die man eben im normalen äußeren sinnlichen Menschenleben heute sich aneignen kann, daß er dann vor der Welt selber so stehen könnte, wie das fünfjährige Kind vor dem Band Goethes lyrischer Gedichte, daß er durch das eigene In-die-Hand-Nehmen seiner Seelenfähigkeiten sich erst entwickeln müsse, um aus dem, was ihm in der Welt vorliegt, etwas herauszuziehen, was sich vergleichen läßt mit dem, was das Kind erst, wenn es erwachsen ist, aus dem Band Goethes lyrischer Gedichte herauszieht, also, was es mit dem Band Goethes lyrischer Gedichte mit fünfundzwanzig Jahren anfängt - ja, das zuzugeben, dazu will sich der Mensch der Gegenwart in seinem intellektuellen Hochmut nicht bequemen. Das aber muß vor allen Dingen geltend gemacht werden, daß zur wirklichen Menschenerkenntnis, zum endlichen Erfüllen des apollinischen Ausspruches «Erkenne dich selbst» notwendig ist ein In-die-Hand-Nehmen der menschlichen Seelenfähigkeiten. Wie das im einzelnen möglich ist, das wird Gegenstand des morgigen Vortrages sein.

Heute will ich nur im allgemeinen hervorheben, daß es allerdings möglich ist, daß der Mensch durch eine gewisse Behandlung seines Denkens, die ich dann morgen schildern werde, dieses Denken sich erkrafte, daß es nicht mehr passiv an den Erscheinungen dahin geht, sondern daß es innerlich wie durch einen Willen ergriffen wird, aktiv wird, daß es intensiver wird, daß es auftritt so, daß der Mensch durch innere Erfahrung im unmittelbaren Erleben weiß: jetzt ist das Denken ein geistig-seelisches Schauen geworden. Während man mit dem gewöhnlichen Denken abhängig ist von seinem Denkapparat, von seinem Leibe, von dem Nervensystem, und während man gerade, wenn man das Denken etwas entwickelt, diese Abhängigkeit genau durchschaut, weiß man auch, daß wenn das Denken auf den entsprechenden Wegen, die in den angegebenen Büchern geschildert sind, sich erkraftet, es frei wird vom Leibe, es eine Tätigkeit wird, die nicht mehr durch das Instrument des Leibes geführt wird. Gewisse Meditationen, denen man sich hingibt mit derselben Objektivität, wie man im chemischen Laboratorium ein Experiment macht oder auf der Sternwarte die Sterne beobachtet, erkraften dieses Denken und befreien es von dem Werkzeug des Leibes. Es muß nur dazu kommen, wenn dann dieses Denken gebraucht werden soll für ein wirkliches Weltschauen, daß Selbstzucht des Willens eintrete. Wenn Selbstzucht des Willens mit innerem Meditieren sich zu einem willensdurchtränkten Denken entwickelt, das unabhängig vom Leibe ist, dann erst tritt Geist-Erkenntnis ein, bewußte Geist-Erkenntnis, die nun wiederum dem Menschen das geben kann, was ihm einstmals eine instinktive Geist-Erkenntnis gegeben hat: Inhalt für seine Rede, Inhalt für die Sprache. Damit der Mensch in sich den Impuls fühle, aus sich selbst heraus seiner Sprache einen Inhalt zu geben, setzte in einer gewissen Beziehung die Menschheitsentwickelung aus, hörte auf das alte instinktive Geist-Erkennen, trat das äußere Naturerkennen an dessen Stelle, was der Sprache keinen Inhalt geben kann. Aber der Mensch muß aus den Zeichen der Gegenwart heraus erkennen, daß er durch bewußtes inneres seelisches Arbeiten, durch Entwickelung seines. Denkens zum seelischen Schauen sich wiederum Selbsterkenntnis, Menschheitserkenntnis erwerben müsse und dadurch allein das entstehen kann, was unserer Sprache wiederum Inhalt gibt, was beseitigen kann die Weltherrschaft der Phrase.

Aber solch eine Erkenntnis gibt zu gleicher Zeit die Einsicht, daß eben die Außenwelt, indem wir sie mit unseren Sinnen betrachten, wir hineinwachsen im Verlaufe unseres Lebens zwischen Geburt und Tod, daß diese äußeren Betrachtungen uns nicht das eigentlich Geistige geben können, daß dieses, der eigentlich geistige Inhalt, von uns in die Welt hineingetragen wird, daß wir ihn selbst mitbringen, indem wir aus geistigen Welten — wie gesagt, über diese Dinge werden wir morgen genauer sprechen — durch die Geburt heruntersteigen in diese physische Welt, daß wir hinschauen müssen, wenn wir von dem geistigen Inhalt sprechen, auf dasjenige, was die Menschen hereintragen, was sie nur durch das Instrument ihres Leibes nach und nach von Jahr zu Jahr entwickeln. Nicht dasjenige, was als immer reicherer Welteninhalt in der äußeren Erfahrung an uns herantritt, das bringt in die Wirklichkeit den Geist, sondern dasjenige, was wir als Menschenindividualität durch unsere Geburt in die Welt hereintragen. Die Menschen fürchten sich nur heute vor demjenigen, was der Mensch selber in die Welt hereinträgt. Sie fürchten sich, weil sie glauben, daß, wenn er es geltend macht, es in die Phantastik führen würde. Allein es gibt durchaus Methoden, diese Phantastik zu vermeiden. Derjenige aber, der durchschaut, wie im Grunde genommen doch aller geistige Inhalt aus den menschlichen Individualitäten kommen muß, der wird ohne weiteres zugeben, daß eine gedeihliche Entwickelung dieses Geisteslebens nur kommen könne, wenn dem Menschen die volle menschliche Entwickelungsmöglichkeit gegeben ist, wenn er in seiner geistigen Entwickelung und in den Darlegungen und Offenbarungen seines Geistes von keinen äußeren Mächten, die nur hier in der physischen Welt dienen, abhängig ist. Denn mit dem Heraufkommen der reinen naturwissenschaftlichen Erkenntnis, jener Erkenntnis, die nur durch das Außermenschliche Auskunft gibt, ist eben, wie organisch damit verbunden, auch heraufgekommen die Abhängigkeit des Geisteslebens jetzt nicht von dem, was der Mensch durch die Geburt in die Welt hereinträgt, sondern von dem, was das äußere Staatsleben feststellt, von dem, was das Wirtschaftsleben aus dem Menschen macht. In derselben Zeit, in der die Naturwissenschaften groß geworden sind, haben wir die Omnipotenz des Staates aufs höchste entwickelt gesehen dadurch, daß der Staat seine Fangarme ausstreckt über alles dasjenige, was Geistesleben ist; er hat das Schulleben angefangen zu organisieren, das Wirtschaftsleben ist auf der anderen Seite maßgebend geworden für das Einleben derjenigen Persönlichkeiten, die eben in dieses Geistesfeld kommen konnten. Das aber ist Hand in Hand gegangen damit, daß der Mensch verloren hat die Möglichkeit, herauszugebären aus sich selbst einen geistigen Inhalt, seinen Worten einen geistigen Inhalt zu geben. Daher hat sich entwickelt im Zeitalter der Naturwissenschaft die Abhängigkeit des Geisteslebens von den politischen, von den wirtschaftlichen Mächten, und es hat sich unter diesem Einflusse entwickelt die Weltherrschaft der Phrase.

Das ist das erste Glied in den nach der Zerstörung hin arbeitenden gegenwärtigen Organisationen: die Weltherrschaft der Phrase, die inhaltsleere Rede. Wenn der Mensch nicht in der Lage ist, geistige Substanz, die er unmittelbar aus seiner Verbindung mit der Geisteswelt schöpft, in die Worte hineinzulegen, müssen die Worte zur Phrase werden, müssen die Worte allmählich in den Menschen sich so eingewöhnen, daß der Mensch gewissermaßen nur sich forttragen läßt von den Mechanismen der Sprache. Und das sehen wir nur leider allzu deutlich in der neueren Zeit heraufkommen: dasjenige, was mit Urgewalt hervorbricht aus dem geistig-seelischen Inneren des Menschen, was sich gewissermaßen nur entlädt in der Sprache, das verschwindet. Das Leben in den Mechanismen der Sprache wird immer intensiver und intensiver, und es ist an seinem Höhepunkt angelangt in den letzten Jahren. Weil die Menschen, indem sie miteinander redeten über die zivilisierte Welt hin, redeten unmittelbar oder mittelbar durch den Druck eigentlich von nichts, und indem die Worte nur in ihrem Mechanismus sich abspielten, entwickelte sich dasjenige, was an chaotischen Kräften zur Zerstörung hintrieb.

Ich weiß sehr gut, daß in der Gegenwart wenig Neigung dafür vorhanden ist, auf diese Intimitäten des menschlichen Lebens einzugehen, wenn von den Ursachen des gegenwärtigen Chaos die Rede sein soll. Aber niemand wird über diese Ursachen klare Begriffe und klare Urteile gewinnen, der nicht auf diese Intimitäten des menschlichen Seelenlebens eingehen will. Nicht früher auch wird in die öffentlichen Angelegenheiten wiederum Harmonie anstelle des Chaos kommen, nicht früher, als bis durch geistige Vertiefung, durch wirkliche Geisteswissenschaft in dem Menschen wiederum der Drang entsteht, seinen Worten einen vollen Inhalt zu geben. Denn dasjenige, was allerdings zuerst auf wissenschaftlichem Gebiete auftritt, was auf wissenschaftlichem Gebiete geboren wird, es drängt sich hinein in die übrigen Lebensgewohnheiten, es wird im öffentlichen Leben zu dem Tonangebenden. Und wer einen Sinn hat für Lebensbeobachtung, der sieht, wie im Alltagsleben zuletzt sich nur die letzten Konsequenzen von dem abspielen, was zum Schluß doch als das Charakteristische vorhanden ist da, wo man Weltanschauungen macht. Allerdings, die Zusammenhänge, die da auftreten, die Menschen wollen sie schon seit langem nicht ordentlich überschauen. Hier in der Schweiz hat einmal ein polternder Geist gewirkt, ich nenne ihn ausdrücklich einen polternden Geist, damit Sie sehen, ich überschätze ihn nicht, Johannes Scherr. Er hat durch seinen polternden Ton und sein polterndes Urteil manches sich verdorben, was allerdings auch an gesunden Gedanken in dem war, was er öffentlich zu sagen hatte. Er hat in den sechziger, siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts aus einer wirklich eindringlichen Beobachtung des geschichtlichen, sozialen Lebens heraus ein sehr bedeutsames Urteil gefällt. Er hat gesagt: Wenn der materialistische Ungeist, der nurmehr sich stützt auf dasjenige, was der Mensch in der Außenwelt erschaut und erlebt, wenn der fortherrscht, wird er einziehen auch in alles dasjenige, was der Mensch in den äußeren öffentlichen Angelegenheiten tut; er wird eingehen in das Wirtschafts-, in das finanzielle Leben, und es wird sich eine soziale Struktur entwickeln, die endlich dazu führen wird, daß man sagen muß: Unsinn, du hast gesiegt!

Meine sehr verehrten Anwesenden! Auf solche Leute hört man nicht gern. Auch dieses Urteil des Johannes Scherr hat man überhört. Aber jetzt nach fünfzig Jahren muß für denjenigen, der auf alles, was mit der sogenannten Weltkriegskatastrophe zusammenhängt, hinschaut, gesagt werden: Die Worte dieses Weltenbeobachters Johannes Scherr, die in dem Satze gipfelten: Ihr werdet sagen müssen: Unsinn, du hast gesiegt, — die Worte haben sich erfüllt! Denn dieser Johannes Scherr hat gut gesehen, wie sich herausgepreßt hat allmählich aus dem menschlichen Leben dasjenige, was Geist ist, wie an die Stelle des Geistes der materialistische Ungeist getreten ist, und er hat aus dieser Beobachtung eine wahre Prophetie machen können. Die Welt weiß eben nicht, daß dasjenige, was zuerst nur Weltanschauung, nur Theorie ist, daß das im Grunde genommen nach zwei Generationen moralisches, öffentliches Wirken wird, Tat wird. Oh, man sollte gewisse Zusammenhänge in der Welt viel, viel besser bemerken! Man sollte sich ein viel gründlicheres Urteil, ein reales Urteil über gewisse Dinge verschaffen!

Hier hat auch einmal ein Philosoph gewirkt, Avenarius. Er ist ein Geistesverwandter von Mach, der wiederum einen Schüler vor ganz kurzer Zeit hier in Zürich wirken hatte. Diese Leute haben auf dem Weltanschauungsfelde die Konsequenzen gezogen des gegenwärtigen materialistischen Ungeistes — ich nenne ihn Ungeist, weil eben bloße Naturerkenntnis in unsere Sprache keinen substantiellen Inhalt hineingießen kann. Sie haben, die Philosophen, Avenarius und so weiter, die Weltanschauungskonsequenzen gezogen aus dem materialistischen Ungeist der Zeit. Die Philosophie, die sie gewonnen haben, und die ganze Art und Weise, wie solche Leute wie Avenarius sich darlebten, ist gut bürgerlich. Niemand wird selbstverständlich diesen Leuten ansehen, daß sie etwas anderes sind, als brave Staatsbürger. Aber heute sollte man etwas anderes notifizieren. Heute sollte man einmal aus den Tatsachen heraus die Frage studieren: Welches ist die Staatsphilosophie des Lenin und Trotzki geworden? Welches ist die Staatsphilosophie der Bolschewisten? — Das ist die Avenariussche, die Machsche! Da ist nicht bloß der zeitliche Zusammenhang, daß eine Anzahl dieser Leute hier in Zürich studiert haben, da ist der innere Tatsachenzusammenhang, daß dasjenige, was in den menschlichen Seelen als Weltanschauungsgedanke in einer Generation lebt, in der dritten Generation zu Taten wird. Und an diesen Taten kann man die Ursachen sehen, wie sie in der Welt spielen. Aber die heutige Menschheit will nur abstrakt logische Urteile und begreift nicht, daß etwas, was logisch erschlossen ist, noch kein Tatsachenurteil, kein Tatsachenschluß ist, daß man mit wirklichem geistigem Schauen hineinblicken muß in den realen Zusammenhang, in den Wirklichkeitszusammenhang, und dann das scheinbar Unähnlichste, die bourgeoise Weltanschauung des Avenarius, die aber aus materialistischem Ungeiste hervorgegangen ist, wieder auflebt tief in demjenigen, was alle menschliche Gesellschaft von Grund aus zerstört, was zu den Totengräbern hinführt der ganzen europäischen Zivilisation.

Damit ist zu gleicher Zeit angedeutet, daß allerdings diese Weltherrschaft der Phrase nicht etwas ist, was nur auf einem engen Gebiete gilt. Es ist etwas, was als eine Grundkraft unser ganzes öffentliches Leben, vor allen Dingen auf dem Gebiete des Geistes durchzieht. Und eher wird kein Heil sein, als bis das Geistesleben sich emanzipiert von dem, was sich gerade als die Grundlage zu diesem Phrasentum ergeben hat, bis sich das Geistesleben emanzipiert von dem äußeren politischen oder Rechtsleben, von dem Wirtschaftsleben, und allein auf dasjenige gebaut wird, was der Geist selber aus sich hervorbringt, das heißt, dasjenige, was der individuelle Mensch produziert aus dem, was er durch die Geburt aus der Geisteswelt in die sinnliche Welt hereinträgt. Zu geistigem Inhalt zu kommen ist allein der Weg, die Weltherrschaft der Phrase zu überwinden. Und mit der Phrase innig im Bunde ist etwas anderes. Weil die Phrase nicht den Zusammenhang des Wortes mit den Inhalten verbindet, so wird das Wort sehr leicht in dem Zeitalter der Phrase zum Träger der Lüge. Und von der Phrase zur Lüge führt ein gerader Weg. Daher auch die Herrschaft, der Siegeszug der Lüge in den letzten vier bis fünf Jahren, der wiederum so viel Anteil hat an dem Zerstörungsprozesse, dem wir entgegengehen, wenn nicht Geist an die Stelle des Ungeistes gerufen wird!

Nun, sehr verehrte Anwesende, das auf dem einen Gebiete des öffentlichen Lebens, auf dem Gebiete des Geisteslebens. Aber es gibt noch andere Gebiete. Sie alle aber, Sie sind abhängig in einer gewissen Beziehung von dem Geistesleben. Wird das Geistesleben beherrscht von der Phrase, von der inhaltslosen Rede, so ist auch dasjenige, was aus dieser Rede kommt, was namentlich im Zusammenhange mit der Rede innerhalb der sozialen Gemeinschaft gelernt werden kann, nicht geeignet, in die Gefühle, in die Empfindungen hinein sich auszuleben. Dasjenige aber, was in den Gefühlen und Empfindungen im sozialen Zusammenleben sich entwickelt, was sich in dem Wechselverkehr von Mensch zu Mensch entzündet, indem der eine Mensch mit dem anderen mitfühlt, das ist Sitte, das ist dasjenige, was aus der sozialen Gemeinschaft heraus zur Gewohnheitssitte wird. Und nur aus dieser Gewohnheitssitte kann sich geschichtlich das Recht entwickeln. Aber dieses Recht kann sich nur entwickeln, wenn in die Empfindungen, die im Wechselverkehre zwischen Mensch und Mensch stattfinden, nicht die Phrase sich hineinlebt, wenn in diese Empfindungen das substanzerfüllte Wort, die gedankengetragene Rede sich hineingliedern. Und im Zeitalter der Phrase kann auch die Empfindung zwischen Mensch und Mensch sich nicht in entsprechender Weise entzünden, kann sich nur ergeben ein äußeres Verhältnis von Mensch zu Mensch. Die Folge ist daher, daß in dem Zeitalter, wo sich auf dem Gebiete des sozialen Geisteslebens die Phrase entwickelt, sich auf dem Gebiete des sozialen Fühlens statt des unmittelbar substantiellen Verhältnisses von Mensch zu Mensch die Konventionen entwickeln, das inhaltlose Verhalten des Menschen zum Menschen, das höchstens durch äußere Verträge geregelt werden kann, daß man selbst zwischen Völkern schwärmt von Verträgen, weil man zum elementaren Ausleben desjenigen, was von Mensch zu Mensch enthüllt werden kann, nicht kommt. Dieses Zeitalter der Konvention, es macht ein zweites Gebiet unseres öffentlichen Lebens so inhaltsleer: Es verödet das menschliche Zusammenleben, wie die Phrase das Geistesleben, das Seelenleben verödet.

Das ist es, was hinführt ebenso zum bloßen äußeren Menschen, nicht zu dem aus dem Inneren des Menschen geborenen Recht. Denn dieses Recht, es kann sich nur entzünden, wenn das gedankengetragene Wort vom Kopfe zum Herzen fließt. Wie das wirkliche Recht, das im sozialen Leben allein gedeihen kann, zu dem wirklichen Geistesleben, das von substantiellem Geiste erfüllt ist, gehört, so gehört die Konvention zu dem Geistesleben, das in der Phrase lebt. Damit haben wir zwei Gebiete unseres öffentlichen Lebens in der Gegenwart charakterisiert.

Das dritte Gebiet, aus dem das öffentliche Leben hervorgeht, ist das menschliche Wollen. Zu einem bewußten Wollen, zu einem Wollen, welches nun den Menschen hineinstellt in die menschliche Gesellschaft so, daß dieser Mensch in die Gesellschaft hineinträgt etwas, was aus seiner menschlichen Natur selber fließt, zu einem solchen Wollen kann es nicht kommen, wenn dieses Wollen nicht getrieben werden kann von wirklichen substantiellen, geistigen Gehalten. Die Phrase ist ungeeignet, ein wirkliches bewußtes Wollen hervorzurufen. Wie das Geistesleben zur Phrase wird, wenn es abhängig wird vom äußeren Staats- oder Rechtsleben, abhängig vom äußeren Wirtschaftsleben, wie das Rechtsleben selber in der Konvention aufgeht, wenn es nur gespeist werden kann von der Phrase, so wird das Gebiet des wirtschaftlichen Lebens, das Gebiet des äußeren menschlichen Zusammenlebens, statt von wirklicher Lebenspraxis von bloßer Lebensroutine getragen, wenn das Wollen nicht angetrieben wird vom Geiste. Neben der Phrase, neben der Konvention sehen wir daher heraufkommen in dem Zeitalter, aus dem sich unsere Gegenwart entwickelt hat auf dem Gebiete des Lebens und auf dem Gebiete der äußeren Darstellung des Lebens, auf dem Gebiete des Wirtschaftslebens überall die Routine.

Was damit gemeint ist: unser Wirtschaftsleben ist von der Routine beherrscht —, es wird vielleicht klar werden dadurch, wenn ich sage: Einer wirklichkeitsgemäßen Betrachtung unseres öffentlichen Lebens hat sich ergeben, daß auf dem Gebiete des Wirtschaftslebens jenes Chaos aufhören müsse, das in der Gegenwart herrschend ist, wo Jeder nur aus seinem Egoismus heraus erwerben will und keiner den Zusammenhang kennt, in den sich sein eigenes Produzieren hineinstellt gegenüber dem Produzieren der Gesamtheit. Erst wenn man durchschaut, daß dieses Wirtschaftsleben, das allmählich in das Chaos hineingekommen ist, nur gesunden kann dadurch, daß sich die verschiedensten Berufs- und Lebensgebiete miteinander assoziieren, daß zusammengehörige Menschen in verschiedenen Berufen sich wirklich auch ineinandergliedern, so daß Assoziationen entstehen von Beruf zu Beruf, daß Assoziationen entstehen zwischen den Konsumenten eines Berufes mit den Produzenten des Berufes, kurz, daß unser Wirtschaftsleben eine Struktur erhalte, so daß die Produzenten sich innerlich organisierend mit ihren Konsumenten zusammenschließen, so daß der einzelne, der konsumierend oder produzierend in einem Beruf steht, erschauen kann, wie sich sein Konsumieren und Produzieren in irgendeinen wirtschaftlichen Kreislauf hineinordnet - nur dann, wenn der Mensch in einer solchen Organisation lebt, wenn unser Wirtschaftsleben auf Assoziation gegründet ist, nur dann sieht der einzelne Mensch, wie er beiträgt durch dasjenige, was er produziert oder wie er mitwirkt durch dasjenige, was er konsumiert, zu dem Wirtschaftsprozeß. Dann weiß der einzelne Mensch nicht nur zu handhaben in irgendeiner Lebensroutine das oder jenes, dann weiß er, daß dasjenige, was er tut, hineingehört in den Gesamtprozeß des wirtschaftlichen Lebens der Menschheit. Dann wirkt er aus anderen Antrieben heraus. Dann wird dasjenige, was er tut, nicht beherrscht von einer oberflächlichen Routine, sondern von Lebenspraxis, die nur gegeben ist, wenn man eine Idee damit verbinden kann, wenn man sich selber wirtschaftlich in den Gesamtorganismus der Menschheit hineinstellt. Dadurch, daß das Leben der Phrase Platz gegriffen hat, daß im Wechselverkehr der Menschen die Konvention Platz gegriffen hat, dadurch fanden die Menschen auch nicht die Gelegenheit, sich in dieser Weise zu assoziieren, dadurch wurden sie hinweggewiesen von den Aufgaben, in denen sie stehen, wurden sie zu bloßen Routiniers. Und die Routine breitete sich aus von dem einzelnen mechanischen Tun zum Mechanismus unserer gesamten Organisation und unserer gesamten Finanzwirtschaft. Aus der phraseerfüllten Zeit wurde die Zeit der Routiniers. Und die Routiniers führten herbei jene Katastrophe, die an der Oberfläche dies oder jenes zeigt, die aber in ihren Tiefen die Ursachen zeigt, die auf dem Gebiete liegen, das eben jetzt charakterisiert worden ist.

Wenn wir so unbefangen, ohne Sympathie und Antipathie, dasjenige prüfen, was das Leben der Gegenwart beherrscht, so müssen wir sagen: Auf dem Gebiete des Geisteslebens die Phrase, auf dem Gebiete des Rechtslebens die Konvention, und auf dem Gebiete des Wirtschaftslebens die Routine. Zum Heile können allein die Kräfte führen, die ich mir erlauben werde morgen zu schildern, also wenn an die Stelle der Phrase tritt die von substantiellem Geist, von angeschautem Geiste erfüllte Rede, die nur kommen kann in einem auf sich selbst gestellten Geistesleben, das herausträgt, was der Mensch hereinzutragen hat in das äußere Leben, das nicht so beherrschen will dieses Geistesleben wie die Naturgesetze, die gewonnen werden durch die äußere Erfahrung. An die Stelle der Konvention desjenigen, was äußerlich festgesetzt ist, muß das lebendige Wechselspiel treten, das entstehen kann, wenn auf streng demokratischem Boden alle mündig gewordenen Menschen für dasjenige, was allgemein menschliche Angelegenheiten sind, was der Mensch nicht durch seine Geburt hereinträgt, sondern was sich erst im menschlichen Zusammenleben der mündig gewordenen Menschen entwickeln kann, eintreten. Aus der Routine, die haften bleibt am vergänglichen Wirtschaftsobjekte, kann sich nur die wahre Lebenspraxis entwickeln, wenn der Mensch aus dem phrasenfreien, gedankenerfüllten Worte zu einer solchen Weltanschauung kommt, daß er weiß: er muß Assoziationen begründen, die bezeugen, die offenbaren, daß dasjenige, was bewirkt wird auf dem Boden des Wirtschaftslebens, noch mehr ist als dasjenige, was man durch die Maschine zustande bringt, daß es ein Glied ist in dem Gesamtprozesse der Menschheitsentwickelung auf der Erde. Darinnen wird man nicht stehen, wenn man als Routinier an seiner Maschine, in seiner Fabrik, in seiner Bank oder sonst irgendwo steht, darinnen wird man nur stehen, wenn von einem zu dem anderen Menschen ausgehen die Fäden der Assoziation, wenn der Mensch von dem anderen Menschen erfährt, wie er in seinem Konsumieren, in seinem Produzieren mit der ihm nächstliegenden sozialen Organisation zusammenhängt. Da wird sich in dem, was diese Menschen zusammen wirken, in diesen Assoziationen ergeben, daß sie in ihrem Wirtschaftsleben etwas begründen, was mehr ist als der Mensch im Wirtschaftsleben haben kann. Der Mensch muß wirtschaften, aber er erhebt sich mit seinem ganzen Menschenwesen aus dem Wirtschaften heraus aus dem Vergänglichen zum Ewigen. Und er wird erfahren aus seinem Wirtschaftsleben, daß er gerade, indem er hier im Leben ein Praktiker wird, an der Praxis eine Schule hat, deren, Ergebnisse er noch durch den Tod hindurchtragen kann.

So ergibt sich gerade aus einer mehr nach dem Geiste hin trachtenden Beobachtung über das gegenwärtige Leben aus den drei charakteristischsten Herrschaftsgebieten, dem der Phrase, dem der Konvention, dem der Routine, die Notwendigkeit, zu wirken nach einer Dreigliederung des sozialen Lebens, nach einer Gesundung unseres Geisteslebens durch seine Selbständigkeit, nach einer Gesundung unseres Rechtslebens, das nur befreit werden kann von der Konvention, wenn die lebendige demokratische Wechselwirkung eintritt zwischen allen mündig gewordenen Menschen, nach einer Gesundung des Wirtschaftslebens, indem durch die Selbständigkeit des Wirtschaftslebens die Routine aufgehoben wird zugunsten einer wirklichen Lebenspraxis. Das kann aber nur geschehen, wenn Mensch mit Mensch sich assoziativ verbindet; denn nur durch dieses soziale Zusammenwirken entsteht aus dem, was der einzelne erwirtschaften kann, etwas, was die ganze Menschheit über sich selbst von der bloßen Materie zum Geiste hinführt. Phrase bedeutet tet auf dem Gebiete des Geisteslebens den Ungeist; Konvention bedeutet auf dem Gebiete des staatlichen, des Rechtslebens den Ungeist; Routine bedeutet den Ungeist auf dem Gebiet des Wirtschaftslebens. An die Stelle des Ungeistes muß der Geist treten. Daß er es könne, mit welchen Kräften er es könne, das will ich mir erlauben, morgen zu schildern. Denn allein, wenn da tritt an die Stelle der Phrase wiederum die gedankengetragene Rede, dadurch aber wiederum der Geist, wahres Geistesleben, nur dadurch, daß an die Stelle der Konvention das vom menschlichen sozialen Fühlen erfüllte Rechtsleben tritt, und nur dadurch, daß an die Stelle der wirtschaftlichen Routine die durchgeistete Wirtschaft, die vom Geiste geordnete, assoziatnonendurchtränkte Wirtschaft tritt, dadurch allein wird unser ganzes öffentliches Leben geheilt werden können von dem, woran es krankt in der Gegenwart, man muß das sagen: woran es zugrunde gehen müßte, wenn kein Heilungsprozeß eintreten würde.

In der Gegenwart bemerken wir nur leider zuviel die Phrase, die Konvention, die Routine. Wir sehen das Ergebnis: das Chaos. Für die Zukunft brauchen wir das gedankengetragene Wort, den von Substanz erfüllten Geist, das aus dem Zusammenwirken aller mündig gewordenen Menschen sich ergebende lebendige Recht. Das ist an dieser Stelle Geist statt des Ungeistes. Auf dem Gebiete des Wirtschaftslebens brauchen wir die aus dem Geiste hervorgehenden Assoziationen, brauchen die Ablösung der Routine durch die wahre, geistgetragene Wirtschaft. Das bedeutet auf dem Gebiete des Wirtschaftslebens Ablösung des Ungeistes der Gegenwart durch den Geist für die Zukunft. Und allein dadurch können wir aus pessimistischen Stimmungen, die ja aus der Beobachtung des äußeren Lebens heraus heute nur allzu gerechtfertigt sind, uns erheben zu gewissen Zukunftshoffnungen, daß wir gar nicht bauen auf dasjenige, was uns irgendwo heute zugeworfen werden könnte als Hoffnung für die Zukunft, sondern daß wir bauen auf den eigenen menschlichen Willen, der da setzen will aus seiner Kraft, aus seiner Ausdauer, aus seinem Feuer heraus, aus der Gegenwart heraus für die Zukunft den Sieg des Geistes über den Ungeist.

[Es folgt eine kurze Aussprache).

Schlußwort

Es hat zunächst der erste Herr Diskussionsredner seine Ausführungen dahin gipfeln lassen, daß er hinwies auf eine internationale Sprache als auf ein Verbindendes in der Menschheit. Ich möchte nicht, weil das nur wirklich durch ausführliche Erörterungen entschieden werden kann, auf das Pro und Kontra eingehen, das man geltend machen kann gegenüber einer solchen internationalen Sprache. Allein ich will annehmen, daß diejenigen ein gewisses Recht haben, die sich bestreben, eine solche internationale Sprache zu begründen. Man kennt dasjenige, was nach dieser Richtung versucht und getan worden ist. Nun ja, mit der vereinsmäßigen Art, in der eine solche Sprache bisher getrieben worden ist, ist es ja noch nicht getan, denn eine solche Sprache müßte noch ganz andere Wege zu den Menschen finden, als sie bisher gefunden hat, wenn sie eine wirklich praktische Bedeutung haben sollte. Ich will aber durchaus nicht gerade gegen eine solche Sprache sprechen. Denn sehen Sie, ich weiß auf der einen Seite, daß dasjenige, was künstlich entsteht in unserer heutigen Zeit, auch die charakteristischen Eigenschaften all dessen an sich trägt, was unsere heutige Zeit eben hervorbringen kann, ein gewisses Verstandesmäßiges, ein gewisses Intellektualistisches. Und ich kann nicht umhin zu bekennen, daß mir doch scheint, daß gerade dasjenige, was uns heute heruntergebracht hat, der Intellektualismus, das Anti-Elementarische, wesentlich auch beim Aufbau der heutigen versuchten internationalen Sprache tätig war. Ich kann sehr gut würdigen die Anschauung derjenigen, die sagen: was soll schließlich aus jener Ursprünglichkeit des menschlichen Sich-Offenbarens in der Dichtung, in der Rede, die wirklich im Innerlichsten mit der Menschenwesenheit zusammenhängt, werden, wenn wir eine abstrakte Sprache über die ganze Menschheit ergießen? Ich habe aber auch auf der anderen Seite wirklich ganz wunderschöne Dichtungen in Esperanto gehört, und ich muß sagen, ich habe schon versucht, eine gewisse Objektivität in dieser Frage zu gewinnen.

Allein dasjenige, meine sehr verehrten Anwesenden, was ich heute vorgebracht habe, das wird durchaus nicht berührt von der Frage nach einer solchen Sprache. Denn eben, hypothetisch angenommen, es glückte, eine solche Sprache in die Menschheit zu ergießen, sie würde auch nichts anderes in sich enthalten können als Phrasen, wenn wir eben nicht zu einem neuen Aufleben des substantiellen Geistes kämen. Ob wir schließlich auf Esperanto Phrasen drechseln oder auf englisch oder auf deutsch oder französisch oder auf russisch, das ist ganz gleich. Dasjenige, worauf es ankommt, ist, daß wir die Möglichkeit finden, substantiellen Geist ins Russische, ins Deutsche, ins Englische, ins Französische und ins Esperanto zu bringen. Und das ist eine der Fragen, die ich heute behandelt habe.

Also wie gesagt, ich will nichts gegen die Bestrebungen derjenigen sagen, die nach einer solchen abstrakten Sprache gehen. Ich glaube, daß vielleicht der eine Gesichtspunkt nicht ganz unfruchtbar sein könnte, wenn es gelänge, für dasjenige, was nun wirklich im internationalen Wirtschaftsleben zum Beispiel lebt, eine internationale Sprache zu haben, daß dann vielleicht gerade die Möglichkeit gegeben wäre, für das eigentliche Geistesleben, das ja doch immer aus der Individualität hervorgehen muß, die anderen Sprachen zu befreien — was nur dann sein kann, wenn sie sich ganz individuell entwickeln können, wie der Geist überhaupt sich individuell entwickeln muß, wenn sie nicht durch irgendwelche Eroberer-Herrschaftsgelüste von seiten der politischen Mächte in ihrer Entwickelung gestört werden. Ich glaube aber allerdings, daß die Hoffnungen der Esperantisten und ähnlicher Leute auf einem viel schwächeren Boden noch sind, als die Hoffnungen derjenigen, die glauben, daß wenn sich nur eine genügend große Anzahl von Menschen heute zusammenfinden kann, um an einer Erneuerung unseres Geisteslebens vom wirklichen Geiste aus mitzuwirken, daß dann eine bessere Zeit anbrechen könne, selbstverständlich keine vollkommene. Zu dem Erhoffen eines irdischen Paradieses kann derjenige nicht gehören, der die Wirklichkeit durchschaut. Ich glaube, daß die Menschen der letzteren Art doch noch auf einem festeren Wirklichkeitsboden stehen, als die Erhoffer einer internationalen Sprache.

Was von seiten des zweiten Diskussionsredners vorgebracht worden ist, war ja im wesentlichen eine Art Interpretation desjenigen, was ich in einem Teil meiner Ausführungen gesagt habe, und ich möchte nur bemerken, daß nicht vergessen werden darf, wenn man heute über solche Dinge spricht, aus solchen Grundlagen heraus redet, wie es für meinen heutigen Vortrag versucht worden ist, daß dann notwendig ist, daß man den Menschen nicht so auffasse, als ob man einfach an ihn herantreten könne und durch Belehrung ihn besser machen könne. Ich habe oftmals für die reine Lehrmethode im öffentlichen Leben das Bild gebraucht: Wenn ich einen Ofen vor mir habe, dann kann ich sagen: sieh einmal, es ist deine Ofenpflicht, das Zimmer zu erwärmen, dein kategorischer Imperativ ist es, das Zimmer zu erwärmen. Ich kann nun fortpredigen, mit aller Kantschen Einsicht kann ich fortpredigen, es wird nicht warm. Wenn ich stumm bleibe und bloß Holz in den Ofen lege und es anzünde, wird der Ofen ohne alles Predigen das Zimmer erwärmen. So ist es auch mit Bezug auf den Menschen. Wenn der ganze Mensch in Frage kommt, wenn nicht nur das in Frage kommt, was etwa in dem Menschen ein theoretisches Echo liefern kann, wenn der ganze Mensch in Frage kommt, nützt Predigen außerordentlich wenig, denn da hat man es ja zu tun vor allen Dingen mit dem Drinnenstehen des Menschen in einer sozialen Ganzheit. Und der Mensch in einer sozialen Ganzheit ist etwas anderes als der einzelne, individuelle Mensch. Verlangt man von dem einzelnen individuellen Menschen, er solle durch ein konzentriertes Gedankenleben irgendwie zur Besserung der Menschheit beitragen, dann muß es erst möglich sein, daß ein solches konzentriertes Gedankenleben in fruchtbarer Art sich entwickelt. Das ist nur in einem freien Geistesleben letzten Endes möglich. Weitere Ausführungen finden Sie in den «Kernpunkten der sozialen Frage». Es handelt sich also weniger heute darum, daß man dasjenige untersucht, was dem einzelnen Menschen frommt, sondern was man herbeiführen muß in dem menschlichen sozialen Organismus, damit der einzelne wirklich zu seiner Entfaltung kommen könne.

Ich habe in den neunziger Jahren, 1894, meine «Philosophie der Freiheit» zum ersten Mal veröffentlicht. Darinnen finder sich als Konsequenz einer geistigen Weltanschauung auch eine gewisse Ethik, die gerade auf den individuellen Menschen gebaut ist. Aber es ist da die Voraussetzung gemacht, und diese Voraussetzung muß jeder machen, der das Freiheitsproblem in ernstem und wirklichkeitsgemäßem Sinne erfaßt, daß tatsächlich dann, wenn es möglich ist, Intuitionen zu haben, die des Menschen wirkliche Freiheit begründen, daß dann aus diesem einzelnen Menschen auch hervorkommen könne dasjenige, worauf man bauen könne im sozialen Zusammenleben. Aber auf dieses soziale Zusammenleben muß fortwährend der Blick gerichtet werden. Daher darf ich sagen, daß in gewissem Sinne die Ergänzung zu meiner «Philosophie der Freiheit» meine «Kernpunkte der sozialen Frage» sind. Wie meine «Philosophie der Freiheit» untersucht, woraus beim einzelnen Menschen die Kräfte zur Freiheit kommen, so untersuchen meine «Kernpunkte der sozialen Frage», wie der soziale Organismus beschaffen sein muß, damit der einzelne Mensch sich frei entwickeln kann. Und das sind im Grunde genommen die beiden großen Fragen, die uns im öffentlichen Leben der Gegenwart beschäftigen müssen. Eine wirkliche Antwort auf diese Frage wird zu gleicher Zeit einiges Licht in das Chaos bringen können.

Ich möchte bemerken, daß ich den heutigen und den morgigen Vortrag so eingerichtet habe, daß gewissermaßen der heutige Vortrag mehr eine Zeitkritik sein sollte, auf dasjenige hinweisend, was bisher ist in der Gegenwart, daß diese Gegenwart so geworden ist, wie wir sie, in ein Chaos hineintreibend, ausgerüstet mit ungeheueren Zerstörungskräften sehen. Morgen möchte ich gerade dasjenige ausführen, was getan werden soll, damit das Volksleben im weitesten Umfange und das Leben der zivilisierten Menschheit überhaupt sich wiederum herauswinden könne aus dem Chaos. Ich möchte zeigen, wie die Kräfte, die schon im Menschen liegen, und die namentlich im menschlichen Zusammenleben liegen, entfesselt werden können, wie sie heute aber gefesselt sind. Daher wird das Positive, auf das der letzte Redner offenbar hinweisen wollte, mehr in meinem morgigen Vortrage als in meinem heutigen zur Geltung kommen. Allein es mußte gerade darauf hingewiesen werden, woran wir kranken, damit aufgebaut werden kann auf dieser Erkenntnis der Gegenwart eine Erkenntnis des Willens, die notwendig ist für eine gedeihliche Entwickelung in der Zukunft.

Ich möchte zum Schlusse aber doch das eine noch erwähnen. Derjenige, der es ernst meint mit den großen Fragen der Gegenwart, der darf nicht in einem althergebrachten Sinne ein Anhänger von so etwas Ähnlichem sein wie einem «Tausendjährigen Reich» und dergleichen, der darf nicht der Meinung sein, daß wir hier ein Paradies auf Erden begründen können, sondern der muß der Meinung sein, daß jede Wirklichkeit nur die ihr gemäßen Daseinsbedingungen entfalten kann, daß man innerhalb des Lebens zwischen Geburt und Tod nur dann zu einem Ja in diesem Leben kommen könne, wenn man in der Lage ist, dasjenige, was das Leben im Physischen an Unvollkommenheiten hat, ständig zu ergänzen durch den Ausblick auf ein geistiges Leben: Einer der größten Fehler unserer Zeit ist der, daß eine große Anzahl von Menschen allmählich alles, was das Leben lebenswert macht, beanspruchen will von dem bloßen äußeren Leben. Und geradezu werden so heute die sozialen Fragen formuliert: Wie muß das äußere Leben beschaffen sein, damit es dem Menschen alles dasjenige gibt, was er ungefähr von einem Paradiese sich vorstellt? Wer die Frage so stellt, wird niemals zu einer. Antwort kommen. Zu einer wahren, echten Antwort kann man nur kommen, wenn man mit einem Wirklichkeitssinn erfüllt ist. Und dasjenige, was ein solcher Wirklichkeitssinn geben kann als Antwort auf die große Frage der Gegenwart, davon werde ich mir dann erlauben morgen zu sprechen.

German original of Anti-spirit and Spirit in the Present and for the Future · ← Previous · Next →