From a Unitary State to the Tripartite Social Organism

GA 334 — 7 January 1920, Basel

3. Die Sittlichen und Religiösen Kräfte im Sinne der Geisteswissenschaft

Eine Anschauung von der Welt, wie sie ja auch die geisteswissenschaftliche sein will, muß sich dadurch bewähren, daß sie dem Menschen eine Stütze gibt für dasjenige, was er im Leben braucht. Stütze für das Leben muß das sein, was wir nennen können moralische Tüchtigkeit, moralische Kraft. Stütze für das Leben muß aber auch unter anderem dasjenige sein, was wir nennen können die innere Seelenverfassung, die dem Menschen werden kann dadurch, daß er sich in dem großen Weltenganzen als ein Glied fühlt, daß er sich so eingegliedert fühlt in das Weltenganze, wie es entspricht dem, was man nennen kann sein religiöses Bedürfnis. Was nun zunächst die innere moralische Kraft des Menschen betrifft, so hat Schopenhauer ein treffliches Wort gesprochen, wenn auch die weiteren Ausführungen, die er an diese Worte in seiner Art geknüpft hat, recht anfechtbar erscheinen. Er sagte: Moral predigen ist leicht, Moral begründen ist schwierig. — Dies ist tatsächlich ein wahres Lebenswort. Denn einsehen im allgemeinen, was das Gute ist, was das moralische Leben von uns fordert, das ist als eine Sache des Intellektes verhältnismäßig leicht. Dagegen heraufholen aus den Urkräften der Seele diejenigen Antriebe, die im Menschen notwendig sind, damit er sich in das Lebensgefüge als ein moralisch Kraftvoller hineinstellt, das ist schwierig. Das aber heißt erst Moral begründen. Moral begründen heißt nicht bloß sagen, was gut, was moralisch ist. Moral begründen heißt an den Menschen solche Impulse heranbringen, welche, indem er sie in sein Seelenleben aufnimmt, in ihm eine wirkliche Kraft, eine wirkliche Tüchtigkeit werden.

Nun steht der Mensch unserer gegenwärtigen Zivilisationsstufe mit Bezug auf sein sittliches Bewußtsein in einer ganz eigenartigen Weise in der Welt drinnen, in einer Weise, die durchaus nicht immer voll bewußt beobachtet wird, die aber der Grund ist für mancherlei Unsicherheit und Haltlosigkeit, die sich im Leben der Menschen geltend machen. Wir haben auf der einen Seite unser intellektualistisch orientiertes Wissen, unsere Erkenntnis, die es uns möglich macht, in die Naturerscheinungen einzudringen, die es uns möglich macht, das Weltenganze in unser Vorstellen bis zu einem gewissen Grade aufzunehmen, die es uns möglich macht, in einem allerdings, wie wir in den zwei letzten Betrachtungen hier gesehen haben, sehr eingeschränkten Maße uns auch Vorstellungen über das Wesen des Menschen zu machen.

Neben dem, was da in uns aufleuchtet als unsere Erkenntnisfähigkeit, als alles dasjenige, was, ich möchte sagen, dirigiert wird von unserer Menschenlogik, neben all dem macht sich geltend, muß sich geltend machen im Menschen ein anderes Element seines Wesens, dasjenige, aus dem ihm seine sittliche Pflicht, seine sittliche Liebe, kurz, die Antriebe zum moralischen Handeln quellen. Und man muß sagen: der moderne Mensch lebt auf der einen Seite in seinen Erkenntnisfähigkeiten und ihren Ergebnissen, auf der anderen Seite lebt er in dem, was seine moralischen Antriebe sind. Beides sind Seeleninhalte. Aber es ist für diesen modernen Menschen im Grunde genommen zunächst wenig Vermittlung zwischen beiden, so wenig Vermittlung, daß zum Beispiel Kant den Ausspruch tun konnte: Zweierlei sei ihm das Wertvollste in der Welt, der gestirnte Himmel über ihm, das moralische Gesetz in ihm. — Aber gerade diese Kantsche Vorstellungsart, die in dem modernen Menschen west, sie kennt keine Brücke zwischen dem, was zur Erkenntnis der Welt auf der einen Seite führt, und dem, was moralische Impulse auf der anderen Seite sind. Wie unvermittelt betrachtet Kant das Erkenntnisleben in seiner «Kritik der reinen Vernunft», das moralische Leben in seiner «Kritik der praktischen Vernunft».

Und wir müssen eigentlich sagen, wenn wir völlig ehrlich sind gegenüber unserem Zeitbewußtsein, daß hier ein Abgrund liegt zwischen zweierlei Erlebnissen der Menschennatur. Indem die heutige Wissenschaft sich Vorstellungen macht über den Gang der Weltenentwickelung in den verschiedensten Wissensgebieten, betrachtet sie das Geschehen der Natur von den einfachsten Lebewesen, ja von der unorganischen Natur an bis herauf zum Menschen. Sie macht sich Vorstellungen darüber, wie etwa dieses uns unmittelbar vorliegende Weltenganze entstanden sei. Sie macht sich auch Vorstellungen, in welchen Vorgängen das einstmalige Ende dieses uns zunächst vorliegenden Weltenganzen sich abspielen könnte. Aber nun quillt aus dem Menschen, der doch eingesponnen ist in diese Naturordnung, das hervor, was er seine sittlichen Ideale nennt. Und diese sittlichen Ideale empfindet der Mensch so, daß er eigentlich sich selbst nur als wertvoll fühlen kann, wenn er diesen Idealen folgt, wenn eine Übereinstimmung ist zwischen ihm und diesen Idealen. Der Mensch macht seinen Wert abhängig von diesen sittlichen - Idealen. Aber wenn wir uns vorstellen, daß einstmals durch die Naturkräfte, die dem Menschen zugänglich werden durch seine Erkenntnis, das uns zugängliche Weltenganze seinem Ende entgegengeht, wo bleibt für das heutige Zeitbewußtsein dasjenige, was der Mensch aus seinen sittlichen Idealen, aus seinen moralischen Antrieben heraus schafft? Wer ehrlich ist, wer nicht in Nebuloses einhüllt dasjenige, was heutiges Zeitbewußtsein ist, der muß sich sagen: Diese sittlichen Ideale sind vor der gegenwärtigen naturwissenschaftlichen Anschauung etwas, wonach sich der Mensch im Leben zwar richten muß, wodurch aber nichts entsteht, was einstmals triumphieren könnte, wenn die Erde mit dem Menschen selbst ihrem Untergang entgegengeht.

Es ist für das heutige Zeitbewußtsein, das muß man sich nur gestehen, keine Brücke zwischen den Erkenntnisfähigkeiten, die zum Naturwissen führen, und den Fähigkeiten, welche uns beherrschen, indem wir sittliche Wesen sind. Dem Menschen wird nicht alles bewußt, was in den Tiefen seiner Seele vorgeht. Vieles bleibt unbewußt. Aber was da unten unbewußt rumort, das macht sich geltend im Leben durch Disharmonien, durch seelische oder sogar leibliche Krankheitserscheinungen. Und wer nur unbefangen sehen will in dasjenige, was heute vorgeht, der wird sich sagen müssen: d wogt unser Leben, und da sind die Menschen in diesem Leben drinnen mit allen möglichen seelischen und leiblichen Zwiespalten. Und das, was da wogt, das wogt auf aus einer Tiefe herauf, in der allerdings so etwas tätig ist wie jene schwachen Menschheitskräfte, die keine Brücke bauen können zwischen dem moralischen Leben und dem Naturerkennen. Anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft stellt sich zu diesen Fragen in der folgenden Art. Sie muß verlassen alles dasjenige, was auf der einen Seite nur theoretische Anschauung der äußeren Wirklichkeit ist. Sie muß also alles das erkennen — das habe ich in den beiden letzten Vorträgen hier ausgeführt —, was den Menschen gewissermaßen bei dieser Anschauung von der Natur ausschalten möchte, damit nur ja eine rechte Objektivität entstehen könne.

Was ich als Weg in die geistige Welt charakterisierte, das stellt sich ja - ich möchte zusammenfassend das noch einmal sagen — etwa in der folgenden Art dar: Zunächst muß sich derjenige, der diesen Weg in die geistige Welt hinein gehen will, einer gewissen inneren seelisch-geistigen Arbeit hingeben. In meinen Büchern habe ich zusammenfassend dieses innere Üben, dieses innere geistig-seelische Arbeiten eine Meditations-, eine Konzentrationsarbeit genannt. Diese Arbeit bringt den Menschen in die Lage, sich seinem Vorstellungsleben anders gegenüberzustellen, als das im gewöhnlichen Leben geschieht, wenn wir die Naturerscheinungen oder auch das soziale Leben verfolgen. Es ist ein vollständiges Zusammensein mit den Vorstellungen, die sonst nur schattenhaft die äußeren Eindrücke begleiten. Wie wir sonst, so sagte ich, mit unserem Gefühl, mit unseren Sympathien und Antipathien Menschen oder der Natur oder sonst etwas im physischen Leben gegenüberstehen, wie wir Tatsachen gegenüberstehen mit unseren Willensemotionen, so stehen wir als einer, der den Weg in die geistige Welt sucht, den bloßen Vorstellungen gegenüber. Wie Vorstellungen auftreten, das regt uns auf, das fordert unsere Sympathie und Antipathie heraus, das regt unsere ganze Lebenskraft an. Das wird für uns ein Schicksal. Wir machen, während wir äußerlich ganz ruhig sind, innerlich etwas durch, was durchaus nicht schwächer ist als dasjenige, was wir sonst als Lebensschicksal in der äußeren Welt durchmachen. Wir verdoppeln gewissermaßen unser Leben. Während wir sonst in Aufregung geraten, Sympathie und Antipathie entwickeln, Willensimpulse geltend machen nur im äußeren Leben, äußeren Ereignissen gegenüber, tragen wir das, was uns sonst nur in dieser äußeren materiellen Welt beschäftigt, hinein in unser inneres Gedankenleben. Können wir dies — und jeder Mensch kann es, wenn er in der Art sich übt, wie ich es beschrieben habe in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» oder in meiner «Geheimwissenschaft» -—, kommt der Mensch dazu, dies wirklich auszuführen, so tritt für ihn zuletzt ein Augenblick ein, in dem er Bilder der Welt nicht nur hat, wenn er seine Sinne öffnet, wenn er hört oder sieht, sondern wo er Bilder hat rein aus dem Vorstellungsleben heraus, so vollinhaltliche Bilder wenn ich den Ausdruck gebrauchen darf -, so vollsaftige Bilder, wie sie sonst nur durch die Sinneswahrnehmung uns kommen. Die kommen durch dieses also verstärkte und verschärfte Vorstellungsleben. Ohne das Sinneswahrnehmen zu haben, leben wir in einer Welt von Bildern, wie sie uns sonst nur werden durch die Sinneswahrnehmung.

Damit ist aber ein anderes bedeutsames Erlebnis verknüpft — diese Dinge können nur als Erlebnisse verstanden werden, abstrakte Logik, sogenannte Beweisführung führt nicht an sie heran -, ein anderes Erlebnis ist damit verbunden: Wir lernen wissen durch solches Üben, was es heißt, eine geistig-seelische Tätigkeit unabhängig von der leiblichen Tätigkeit zu entwickeln. Es tritt der Augenblick für den Menschen ein, wo er sich -— wenn ich mich so ausdrücken darf — mit Recht gestehen darf, ein Materialist zu sein, so sonderbar und paradox das klingt. Er darf in diesem Augenblick sagen: jawohl, im gewöhnlichen Leben sind wir ganz abhängig von dem Werkzeug unseres Leibes. Da denken wir durch das Werkzeug unseres Nervensystems. Aber das ist eben gerade das Charakteristische dieses äußeren Lebens, daß wir es durchmessen, indem wir das Geistig-Seelische nur dann entwickeln können, wenn es sich der leiblichen Werkzeuge bedient. Aber dieses Geistig-Seelische ist nicht angewiesen darauf, sich bloß der leiblichen Werkzeuge zu bedienen. Es kann sich durch die geschilderten Anstrengungen loslösen von dem leiblichen Werkzeug, kann leibfrei werden. Man kann noch soviel spekulieren und philosophieren mit dem Materialismus. Wenn man nur das gegen ihn ins Feld führt, was man wissen kann aus dem gewöhnlichen Leben, wird man ihn nie widerlegen, denn für das gewöhnliche Leben hat der Materialismus Recht. Widerlegen kann man den Materialismus nur durch die spirituelle Praxis, dadurch, daß man im unmittelbaren Erleben loslöst das Seelisch-Geistige von dem Leiblichen. Man stellt in Bildern vor - ich nannte es in den genannten Büchern imaginatives Vorstellen oder Imagination -, man stellt in Bildern vor, aber außerhalb des Leibes, wobei das «außerhalb» selbstverständlich nicht räumlich, sondern unabhängig vom Leibe vorzustellen ist. Das ist die eine Seite desjenigen, was man kennenlernen muß innerhalb der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft, um die Brücke, die auf die Art nicht geschlagen werden kann, wie wir es geschildert haben, wirklich zu schlagen. Was man auf diese Art erlangt als Inhalt der imaginativen Erkenntnis, das ist nicht im Menschenleibe, das ist außerhalb des Menschenleibes und gibt die praktische Erklärung, daß unser innerstes Wesen, bevor es sich mit diesem Leibe umkleidet hat, in der geistig-seelischen Welt war. Denn man ist nicht nur außerhalb des Leibes, man ist außerhalb der Zeit, in der man mit dem Leibe lebt. Man erlebt auf diese Art wirklich das Vorgeburtliche, oder sagen wir, das vor der physischen Empfängnis Liegende im Menschen. Wie ein Licht von außerhalb in das Zimmer hereinscheint, so scheint unser vorgeburtliches Leben in dieser Imagination in unser gegenwärtiges Leben herein.

Was da hereinscheint, das sind jetzt nicht bloß Gedanken, das hat einen lebendigen Inhalt. Dieser lebendige Inhalt enthüllt sich als etwas ganz Besonderes. Er enthüllt sich als ein gewisser, ich möchte sagen, Intelligenzinhalt. Während wir also auf die Art, wie ich es geschildert habe, das Vorstellungsleben pflegen, schärfen, erkraften, kommen wir aus uns selber heraus in einen Willensinhalt hinein, der aber zu gleicher Zeit etwas Lebendiges hat. Es ist der Willensinhalt, der dasjenige in uns schafft, was sich mit dem physischen Leib umkleidet, was wir nicht durch Vererbung, was wir überhaupt nicht aus der physischen Welt haben.

Zur Erkenntnis der Unsterblichkeit gelangt die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft nicht durch spekulatives Verarbeiten des gewöhnlichen Lebens, sondern durch die Kultivierung einer Erkenntnisfähigkeit, die zunächst im gewöhnlichen Leben nicht da ist. Was heute für uns besonders wichtig ist, ist aber, daß wir Menschen auf diese Weise außerhalb unseres physischen Leibes gelangen, sogar außerhalb der Zeit, in der unser physischer Leib lebt. Man gelangt da zu Ideen, die für den größten Teil der gegenwärtigen Menschen noch schwer vorstellbar sind, die aber ein wichtiges Glied in der Entwickelung der Menschheit nach der Zukunft zu werden bilden müssen.

Und jetzt stellt sich etwas sehr Merkwürdiges heraus, wenn man nicht nur nach der einen Seite hin, nach der des Vorstellungslebens Übungen macht, sondern wenn man auch nach der Seite des Willenslebens Übungen macht. Wir Menschen leben, ich möchte sagen, so, wie Faust das Leben durchmacht, der da sagt: Ich bin nur durch die Welt gerannt. -— Wir rennen durch die Welt. Gewiß, wir machen eine Entwickelung durch zwischen Geburt und Tod, von Monat zu Monat, von Jahr zu Jahr, von Jahrzehnt zu Jahrzehnt; aber wir machen diese Entwickelung durch, indem wir uns gewissermaßen der äußeren Objektivität überlassen‘ Hand aufs Herz, wie viele Menschen tun es denn anders, als sich vom Leben, sei es vom Kindesleben, wo die Erwachsenen sie erziehen, sei es von dem späteren Leben und seinem Schicksal tragen lassen? Sie werden vollkommener, weil die Welt sie vollkommener macht. Aber was tun denn die meisten Menschen anderes, als daß sie sich eben dem Strom des Lebens überlassen? Mit diesem Sich-Überlassen dem Strom des Lebens kommt man allerdings nicht auf den hier gemeinten geisteswissenschaftlichen Weg. Da ist notwendig, daß man in Selbsttätigkeit seine Selbstzucht übernimmt, daß man tatsächlich an sich so arbeitet, daß man nicht nur durch das Leben, das an einen durch das Schicksal herantritt, sich weiterentwickelt, sondern daß man sich weiterentwickelt dadurch, daß man sich vornimmt: du willst dir diese oder jene Gesinnungsrichtung einpflanzen. Jetzt arbeitet man daran, diese Gesinnungsrichtung sich einzupflanzen. Man kann im kleinen, man kann im großen so etwas unternehmen. Aber es ist ein großer Unterschied, ob man irgend etwas an sich selbst, in der Zucht seines eigenen Wesens nur ausführt, indem man sich dem Leben überläßt, oder ob man diese Zucht des eigenen Selbst wiederum durch das eigene Selbst in die Hand nimmt. Man lernt durch dieses In-die-Hand-Nehmen den Willen in seiner Wirksamkeit kennen; denn man lernt erkennen, was für Widerstände diesem Willen entgegenstehen, wenn man ihn nun in Selbstzucht kultivieren will. Oh, man lernt auf diese Weise allerlei kennen, man verstärkt vor allen Dingen die eigenen Kräfte des Geistig-Seelischen, und man wird sehr bald bemerken, wenn man solche Übungen in Selbstzucht ausübt - aber man muß sie jahrelang ausüben -, daß einem dann innere Kräfte zuwachsen. Diese inneren Kräfte, die sind von solcher Art, daß wir sie nicht in der äußeren Natur finden. Sie sind von solcher Art, daß wir sie auch nicht in dem gewöhnlichen Seelenleben finden, das wir vor unseren Übungen in uns getragen haben. Diese Kräfte entdecken wir erst, wenn wir eben eine solche innere Übung mit uns anstellen. Diese Kräfte sind zu etwas ganz Bestimmtem imstande: Sie sind imstande, die moralischen Antriebe, die sonst wie instinktiv, wie unbestimmt und getrennt von den Erkenntnisfähigkeiten aufquellen in der Seele, in unser eigenes Selbst viel bewußter aufzunehmen. Aber verstehen Sie mich recht, nicht in das Selbst, das wir entwickeln in unserem Leibe, sondern in dasjenige Selbst, das wir entwickeln, wenn wir auf die vorhin geschilderte Weise aus unserem Leibe heraustreten mit unserer Imagination. Nicht können wir die wahre Gestalt der moralischen Antriebe in unseren sinnlichen Leib, in unser sinnliches Erkennen hereinbekommen; aber wir bekommen das, was so isoliert dasteht, daß Kant es ganz isoliert als kategorischen Imperativ hinstellte, wir bekommen das herein in unser Selbst, das sich vom Leibe getrennt hat.

Und dann wird das, was ich vorhin geschildert habe als Imagination, als Bildvorstellungen, durchtränkt von dem, was man nennen kann die objektive Kraft der sittlichen Impulse; es wird durchtränkt von der sittlichen Inspiration. Wir erkennen jetzt, daß dasjenige, was in uns als sittliche Imperative, als sittliche Ideale aufquillt, nicht bloß in uns wurzelt, daß es im Weltenganzen wurzelt. Wir lernen, indem wir außerhalb unseres physischen Menschen sind, erkennen, daß dasjenige, was in seiner wahren Gestalt nicht innerhalb der physischen Organisation erscheint, in dieser seiner wahren Gestalt, in der wir es erkennen durch imaginatives Anschauen, objektive Kräfte der Welt sind.

Solch eine Anschauung kann dem Menschen aufgehen, der richtig mit seinem gesunden Menschenverstand das aufnimmt, was der Geistesforscher zu sagen vermag aus seiner Anschauung der geistigen Welt heraus. Wer sich mit solcher Anschauung durchdringt, der fühlt gegenüber dem, was heute populäre öffentliche Vorträge sind, etwas ganz besonderes. Es klingt vielleicht sonderbar, wenn ich das ausspreche, aber ich möchte sagen: Wer dieses Inspirierte in der Imagination, das sich deckt mit den sittlichen Kräften, die im Menschenleben sind, unbefangen aufnimmt und sich vorstellt, wie in der Gegenwart durch Geist-Erkenntnis so etwas durchschaut werden kann, der möchte sich am liebsten denken: wenn doch solch eine Erkenntnis die Menschen ergreifen könnte, nur so stark wenigstens, wie sie ergriffen werden, wenn sie hören, die Röntgenstrahlen oder die drahtlose Telegraphie sind gefunden worden! Man möchte angesichts desjenigen, was sich da in die Seele eines Geistesforschers senkt, sagen: es ist sehr notwendig für die Zivilisation der Gegenwart, daß die Menschen dahin kommen, das auf geistigem Wege an Kräften für Menschenerstarkung zu Findende ebenso zu schätzen wie das, was nützlich und förderlich sein kann im äußeren Leben.

Damit haben wir, wie ich glaube, an eine wichtige Zivilisationsforderung der Gegenwart gerührt. Die geisteswissenschaftlichen Erkenntnisse sind, ich sage es noch einmal, keine Spekulation, sie sind Erlebnisse. Und daß sie von so wenigen heute noch angenommen werden, das beruht darauf, daß die meisten sich blenden lassen von den materialistischen naturwissenschaftlichen Anschauungen, sich ihre Vorurteile selber in den Weg werfen, ihren gesunden Menschenverstand nicht anwenden, daher nicht in der richtigen Weise

prüfen können, was der Geisteswissenschafter sagt. Sie sagen immer: wir können das ja nicht selber sehen, was der Geistesforscher sagt. Ich möchte wissen, wie viele Leute, die an die Venus-Durchgänge glauben, jemals einen Venus-Durchgang gesehen haben! Ich möchte wissen, wie viele Leute, die da sagen, das Wasser besteht aus Wasserstoff und Sauerstoff, jemals in einem Laboratorium beobachtet haben, wie man feststellt, daß Wasser aus Wasserstoff und Sauerstoff besteht und so weiter. Es gibt doch eine Logik des gesunden Menschenverstands. Durch sie kann man prüfen, was der Geistesforscher sagt. Ich kann gewiß vor denjenigen, die ihren gesunden Menschenverstand gebrauchen, keine Illusionen hinmalen, keine Phantastereien vor sie hinschwätzen, denn sie können achtgeben durch ihren gesunden Menschenverstand, ob ich rede wie ein Schwärmer oder ob ich in logischen Zusammenhängen rede, ob ich rede wie jemand, der Idee auf Idee stellt, wie man das auch in der exaktesten Wissenschaft tut. Wer sich eine solche gesunde Menschenerkenntnis und Menschenanschauung erwirbt, der wird unterscheiden können, ob er einen Phantasten vor sich hat oder einen Menschen, der dadurch, daß er seine Anschauung in gesunde logische Formen zu kleiden weiß und auch sonst nicht den Eindruck eines Schwärmers macht, ernst zu nehmen ist. Vieles im Leben müssen wir auf diese Art entscheiden; warum sollten wir dasjenige, was zum Wichtigsten gehört: die Einsicht in die Weltenordnung, nicht so entscheiden? Auf eine andere Art läßt sich zunächst für den, der nicht selbst Geistesforscher werden kann - bis zu einem gewissen Grade kann aber jeder ein Geistesforscher werden, wie ich es in den genannten Büchern dargestellt habe -, auf eine andere Art läßt sich das nicht feststellen; denn Geisteswissenschaft ist etwas Erlebtes, etwas, was erfahren werden muß, nicht etwas, was nur durch logische Schlußfolgerungen erreicht wird.

Lernt man also die Weltanschauungen durch, ich möchte sagen, die Kombination zwischen Imagination und inspirierter Sittlichkeit kennen, dann lernt man noch etwas anderes kennen, dann lernt man erkennen, was es mit dem Widerspruche für ein Bewenden hat zwischen der sogenannten Naturkausalität, der Naturnotwendigkeit, und dem Elemente, in dem der Mensch als in seiner Freiheit lebt. Denn nur in dem Elemente der Freiheit können wir mit unseren sittlichen Impulsen leben. Wir sehen hinaus in die äußere Natur. Überwältigend wirkt auf die Naturanschauung, die sich in den letzten drei bis vier Jahrhunderten herausgebildet hat, dasjenige, was man den notwendigen Zusammenhang des Folgenden mit dem Vorhergehenden, was man die allgemeine Ursächlichkeit nennt. So stellt sich die Natur einschließlich der Menschenwesenheit dar, als ob alles von einer Naturnotwendigkeit ergriffen wäre. Dann stünde es aber schlimm mit unserer Freiheit; dann könnten wir nicht anders handeln, als die Naturnotwendigkeit in uns das Handeln erzwingt. Freiheit wäre eine Unmöglichkeit, wenn die Welt so beschaffen wäre, wie die in den letzten drei bis vier Jahrhunderten beliebt gewordene naturwissenschaftliche Anschauung will.

Aber wenn man den Standpunkt errungen hat, den ich eben geschildert habe, den Standpunkt der Beobachtung außerhalb des menschlichen Leibes, dann stellt sich einem alles dasjenige, was von Notwendigkeit durchdrungen ist, gewissermaßen als eine Art Naturleib dar. Und dieser Naturleib treibt an allen möglichen Stellen eine Naturseele, einen Naturgeist hervor. Der Naturleib ist gleichsam dasjenige, was ausgeworfen und abgeworfen hat die werdende Welt; der Naturgeist, die Naturseele ist dasjenige, was in die Zukunft hinüberwächst.

So wie, wenn ich einen Leichnam vor mir sehe, dieser Leichnam keine Möglichkeit mehr hat, etwas anderem zu folgen als den Notwendigkeiten, die veranlagt hat das Geistig-Seelische, das in ihm gewohnt hat, so hat dasjenige, was leichenhaft ist an der äußeren Natur, nichts in sich von Antrieben als Notwendigkeiten. Aber an jeder Stelle sprießt hervor, was in die Zukunft hinüberwächst. Unsere Naturwissenschaft ist nur gewohnt worden, den Naturleichnam zu beobachten, sieht daher überall nur die Notwendigkeit. Geisteswissenschaft muß dazukommen. Die wird das überall sprießende, sprossende Leben sehen.

Damit aber ist der Mensch auf der einen Seite in die Naturkausalität hineingestellt, auf der anderen Seite hineingestellt in dasjenige, was auch da ist, aber keine Kausalität enthält, sondern etwas enthält, was gleich ist mit dem innerlich erlebten Elemente der Freiheit. Dieses Element der Freiheit erleben wir so, wie ich es dargestellt habe in meiner «Philosophie der Freiheit», wenn wir uns erheben zum innerlich durchsichtigen, reinen Denken, das aber eigentlich ein Ausfluß unserer Willenstätigkeit ist. Das Genauere finden Sie in dieser meiner «Philosophie der Freiheit».

So trägt uns dasjenige, was wir uns erringen, indem wir uns eine Erkenntnismöglichkeit schaffen außerhalb des menschlichen Leibes, hinein in eine Welt, wo der Gegensatz erklärlich wird zwischen Naturnotwendigkeit und Freiheit. Wir lernen die Freiheit selber in der Welt kennen. Wir lernen uns fühlen in einer Welt, in welcher die Freiheit west.

Wenn ich Ihnen so etwas schildere, dann schildere ich es Ihnen nicht, um Ihnen gewissermaßen nur den Inhalt desjenigen, was ich schildere, zu zeigen, sondern ich möchte Ihnen das, was ich schildere, aus dem Grunde darstellen, weil ich daran zeigen möchte, wie der Mensch in eine gewisse Seelenverfassung kommt, indem er sich mit Erkenntnissen, die aus solchen Regionen herausgeholt sind, durchdringt, indem er sich belebt mit solchen Erkenntnissen.

Wie wir, wenn wir meinetwillen ein außerordentlich freudiges Ereignis erleben, von Freude durchdrungen werden, wie manche Menschen, wenn sie so und soviel Mosel getrunken haben, von jener Stimmung ganz durchdrungen werden, die eben vom Moselwein kommt, so kann auch die ganze Seelenverfassung des Menschen ergriffen werden von etwas so Real-Spirituellem, das den Menschen durchdringt. Wann ist seine Seelenverfassung von etwas ergriffen worden, von dem sie zunächst nur im äußeren Leben, dann aber schattenhaft ergriffen ist? Wenn gegenüber den sittlichen Verpflichtungen der kategorische Imperativ oder das Gewissen sich regt. Aber der Inhalt dieses Gewissens wird jetzt hell, und er wird auch eine andere Gefühlsnuance annehmen. Denn was ist eigentlich geschehen — ob der Mensch nun selber ein Geistesforscher ist, ob er das, was der Geistesforscher bringt, durch seinen gesunden Menschenverstand aufnimmt und als Erkenntnisse seiner Seele einverleibt —, was ist denn mit dem Menschen geschehen? Er ist mit etwas zusammengegangen, hat sich mit etwas zusammengeschlossen, mit dem man nur zusammenkommt, wenn man aus sich herausgeht, wenn man sich seiner selbst entfremdet. Sie finden keine bessere, realistischere Definition der Liebe und des Liebesgefühls als dasjenige, was man schildern kann als die Seelenverfassung, die einen überkommt, wenn man leibfrei hineindringt in die Wesenhaftigkeit der äußeren Welt. Wirken die sittlichen Imperative sonst wie ein Zwang, so können sie in eine solche Form gegossen werden, daß sie durchdrungen erscheinen von derselben Stimmung, von der die geisteswissenschaftlichen Erkenntnisse durchdrungen sein müssen. Diese sittlichen Antriebe, diese moralischen Imperative können lernen von dem, was man als Seelenstimmung bekommt im Aufnehmen von Geisteswissenschaft; diese Moral kann durchwärmt werden von dem, was in Geisteswissenschaft leben muß im höchsten Sinne: von Liebe.

Das versuchte ich wiederum zu zeigen in meiner «Philosophie der Freiheit», daß des Menschen würdigster Antrieb für das sittliche Handeln die Liebe ist. Innerhalb der modernen Geistesentwickelung war von diesen Dingen schon einmal, mehr instinktiv die Rede, als es heute schon sein kann, wo wir eben in der Geisteswissenschaft, wenn wir wollen, vorgeschritten sein können. Kant sprach einstmals von der zwingenden Pflicht, von dem, ich möchte sagen, den Menschen bändigenden kategorischen Imperativ, der nichts gestattet von Einmischung irgendeiner Sympathie. Was man tut aus sittlicher Pflicht, tut man, weil man es muß. Kant sagt deshalb: Pflicht, du erhabener, großer Name, der du nichts bei dir führest, was Einschmeichelung oder dergleichen bedeutet, sondern nur strengste Unterwerfung. — Schiller fand dieses sklavische Unterwerfen unter die Pflicht nicht menschenwürdig. Und er setzte entgegen dieser Kantschen Ausführung das, was er so schön, so großartig ausgedrückt hat in seinen «Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen».

Aber wir brauchen nur ein kleines Epigramm zu nehmen, das Schiller geprägt hat gegen diesen Kantschen rigoristischen, starren Pflichtbegriff, so haben wir einen wichtigen menschlichen Gegensatz in bezug auf das sittliche Leben: «Gerne dien’ ich den Freunden» - sagt Schiller - «doch tu ich es leider mit Neigung. Und so wurmt es mich oft, daß ich nicht tugendhaft bin.» Er meint, im Kantschen Sinne müßte man nicht gerne den Freunden dienen, sondern sich gehorchend der Pflicht unterwerfen. Das aber, was das Menschenleben erst menschenwert machen kann, das ist, wenn erfüllt wird, was Goethe in ein paar Worten ganz monumental sagt: Pflicht, wo man liebt, was man sich selbst befiehlt. — Aber die Stimmung, zu lieben, was man sich selbst befiehlt, sie kann nur angefeuert werden aus jener Verfassung der menschlichen Seele, die im Erwerben der Geisteswissenschaft zustande kommt.

So ist, wenn man sich in die Geisteswissenschaft vertieft, nicht etwas neben dem Leben herlaufend, wie Moral predigen, sondern es ist darinnen eine Kraftentwickelung, welche das sittliche Wollen unmittelbar ergreift. Es ist ein Begründen der Moral da. Es ist dasjenige da, was in den Menschen hineingießt die sittliche Liebe. Geisteswissenschaft predigt nicht bloß Moral, Geisteswissenschaft, wenn sie in ihrem vollen Ernst, in ihrer vollen Kraft genommen wird, begründet die Moral, doch indem sie nicht Worte der Moral gibt, sondern Kraft zur tugendlichen Liebe, zur liebenden Tugend gibt.

Geisteswissenschaft ist eben nicht bloß Theorie, sie ist Leben. Und wenn man Geisteswissenschaft sich aneignet, so ist es nicht bloß ein Nachdenken, so ist es etwas wie ein Aufnehmen des Lebens wie beim Atmen selber. Das ist es, was diese Geisteswissenschaft der modernen Zivilisation auf sittlichem Gebiete leisten möchte, was sie ihr leisten muß. Denn in alten Zeiten, ich habe das vorgestern angedeutet, hatte mam ‘auch eine Geisteswissenschaft, aber eine instinktive. Woher kam die Geisteswissenschaft der alten, vor Jahrtausenden sich entwickelnden orientalischen Weisheit? Es war ein dumpfes, traumhaftes Sich-Verbildlichen der Welt. Es kam herauf aus den menschlichen Instinkten, aus dem menschlichen Triebleben. Instinktiv war diese Geisteswissenschaft. Die Menschen sahen hinein durch eine Art Hellsehen in die Natur. Und dieses Hellsehen war verbunden mit ihrem Blute, war verbunden mit ihrer äußeren Leiblichkeit. Mit diesem Blute, mit dieser äußeren Leiblichkeit waren aber auch verbunden die damaligen sittlichen Antriebe. Beides kam aus einer Quelle. Die Menschheit - ich habe es gerade in diesen Tagen immer wieder gesagt - macht eine Entwickelung durch und glaubt, wir könnten so sein wie die Menschen vor Jahrtausenden; das kommt dem gleich, zu glauben, der erwachsene Mann könnte gleich sein dem Kinde. Wir können nicht mehr auf dem Standpunkt der primitiven hellseherischen Künste des alten Orients oder des alten Ägyptens stehen. Wir sind vorgerückt zum Galileismus, zum Kopernikanismus. Wir sind vorgerückt zu demjenigen Anschauen, das im Intellekt aufgeht. In jenen alten orientalischen Anschauungen war der Intellekt noch nicht entwickelt. Dafür müssen wir aber auch aus dem Geiste heraus, nicht aus dem Instinkte heraus die Impulse unseres sittlichen Handelns holen. Das ist heute das Schlimmste, daß die Menschen, indem sie von Idealen oder Lebensimpulsen reden, immer alles verabsolutieren. Wenn heute irgendein Parteimensch oder ein schwärmerischer Theoretiker, der das tausendjährige Reich herbeiführen möchte, auftritt, da sagen sie: dies oder jenes will ich für die Menschheit und sie denken sich dabei, das, was sie da aussprechen, sei gut für die Menschheit in alle folgenden Zeiten hinein und über die ganze Erde hin. Das sei im absolutesten Sinne gut. Wer wirklich hineinschaut in das Leben der sich entwickelnden Menschheit, der weiß, daß dasjenige, was gut ist, was gültig ist für die Weltanschauung, immer nur für ein gewisses Zeitalter entsprechend ist, daß man die Natur dieses Zeitalters kennen muß. Ich habe bei früheren Vorträgen hier öfter gesagt: Geisteswissenschaft, anthroposophisch orientiert, wie ich sie hier ausspreche, bildet sich nicht ein, etwas Absolutes zu sein. Sie glaubt aber, daß sie aus dem Herzen der Gegenwart und der nächsten Zukunft heraus so redet, daß sie für Menschenseelen das sagt, was diese Menschenseelen in der Gegenwart und in der nächsten Zukunft brauchen. Sie weiß aber sehr gut, diese Geisteswissenschaft: wenn in fünfhundert Jahren wiederum jemand sprechen wird von den großen Weltenrätseln und von den Menschheitsangelegenheiten, so wird er in anderen Tönen, in anderer Art sprechen, denn es gibt nichts Absolutes in diesem Sinne, nichts ewig Dauerndes.

Gerade dadurch wirken wir im Leben, daß wir es in seiner Lebendigkeit, in seiner Metamorphose auch da, wo wir drinnenstehen, entsprechend aufzufassen vermögen. Leichter ist es, in Abstraktionen absolute Ideale aufzustellen, als erst sein Zeitalter kennenzulernen und aus dem Wesen dieses Zeitalters heraus das zu sprechen, was ihm angemessen ist. Dann, wenn aus dem Aufnehmen der geisteswissenschaftlichen Impulse der Mensch sich so, wie das angeführt worden ist, durchdringt mit dem, was ihm vom Geiste kommt, dann wird er wissen, daß er als Mensch Geist ist, Seele ist, dann wird er wissen, daß er lebt durch die Welt als Geist und Seele. Und dann wird er jeden anderen Menschen als Geist und Seele ansprechen. Ein Ungeheures, möchte man sagen, wird hervorgehen, wenn das zur, Geisteswissenschaft wird im Menschenleben, zu dieses Menschenleben durchtränkender Gesinnung wird so, daß man mit vollem Bewußtsein dem anderen Menschen entgegentritt wie einem Rätsel, das man zu lösen hat, weil man mit jedem Menschen in ein Unendliches, in geistige Untergründe und Abgründe hineinblickt.

Was sich da bildet aus diesem wirklichen Anschauen des Mitmenschen als Geist und Seele, das wird sozial-sittliche Kräfte geben, welche die Grundlage werden bilden müssen für eine wirkliche Behandlung der so brennenden sozialen Frage in unserer Zeit. Ich kann mir nicht anders vorstellen, als daß ‚diejenigen geradezu gewisse Seelenqualen leiden, die das ganze Wesen der sozialen Frage durchschauen und zu gleicher Zeit die heutige Menschheitsverfassung auf sich wirken lassen. Wir leben in einer Zeit, wo die soziale Frage gelöst sein will in einer bestimmten Weise. Wir leben zugleich in einer Zeit, in der die Förderer der sozialen Ordnung durchseelt sind von den antisozialsten Trieben, wo einem die Forderung nach sozialer Gestaltung des Lebens wie der Widerpart erscheint zu dem, was in den Menschenseelen als antisoziale Triebe lebt. Man mag die schönsten Programme aufstellen, man mag sich noch so schönen Vorstellungen hingeben über das, was werden soll zur Lösung der sozialen Frage, ein Weg zur Lösung kann sich nur finden, wenn Geist geschaut, gefühlt, empfunden wird unter den Menschen, wenn die Menschen so einander gegenübertreten, daß sie in ihren Mitmenschen achten, schützen, ehren, lieben Geist und Seele, nicht bloß dasjenige, was man heute im Mitmenschen neben sich hat.

Darum habe ich in meinem Buch «Die Kernpunkte der sozialen Frage» die Absonderung des Geisteslebens von dem übrigen sozialen Leben gefordert, damit dieses Geistesleben nur auf seine eigenen Untergründe gestellt werden kann, unabhängig vom Staatlichen und unabhängig von wirtschaftlichen Impulsen rein der Menschennatur folgen kann. Nur ein solches freies Geistesleben wird wirklich auch soziale Triebe, soziale Auffassungen und Gesinnungen unter die Menschen verbreiten. Auch die soziale Sittlichkeit hängt daran, daß die Menschen in ihre Seelenverfassung das aufnehmen, was ihnen werden kann im Verfolge dessen, was man zu sagen hat aus den Forschungen der Geisteswissenschaft heraus.

Und das, worin der Mensch als in einem werten und würdigen Ganzen ruhen muß, damit er sich nicht als bloßer einsamer Weltenwanderer fühle, sondern als ein Glied des Weltenganzen, das religiöse Element, es kann in dem Sinne, wie das der moderne Mensch braucht, wohl auch nur angefacht und angefeuert werden durch dasjenige, was als Stimmung errungen wird im Verfolgen der Geisteswissenschaft.

Diejenigen Ereignisse der Weltenordnung oder der menschlichen Entwickelung, auf die die religiösen Empfindungen hinschauen, sie stehen als Tatsache da. Als Tatsache steht da zum Beispiel das Mysterium von Golgatha. Als Tatsache steht da, was im Beginn unserer Zeitrechnung in Palästina sich abgespielt hat als die Menschwerdung des Christus in dem Jesus. Man muß unterscheiden diese Tatsache, diese objektive Tatsache, von der Art und Weise, wie der Mensch sich nähert dem Verstehen, dem Anschauen einer solchen Tatsache. In den Zeiten, in denen das Christentum sich zuerst ausgebreitet hat, da konnte es strömen innerhalb der Menschheitsgesinnungen, die noch herübergekommen sind aus dem alten Orient, man verstand das, was in Palästina als das Ereignis von Golgatha geschehen ist, mit den Vorstellungen, die in gewisser Weise aus alten Zeiten, aus urtümlichen Menschheitsanschauungen stammten. Durch die Jahrhunderte hindurch waren die Menschen, die es sein konnten, ehrlich und aufrichtig, indem sie das Ereignis von Golgatha verstanden durch solche Vorstellungen. Dann kam aber die Zeit, in welcher der Galileismus auftauchte, in welcher Giordano Bruno in einer so merkwürdigen Weise für die menschliche Anschauung den Raum überwand, indem er zeigte, daß, was da oben blaues Firmament ist, nur dasjenige ist, was in uns selber lebt, die Grenzen, die wir selber setzen, während in einem weit ausgedehnten Raumesmeere die Sterne sind in einer Unendlichkeit. Es kam alles dasjenige, was Kopernikus brachte, was gebracht wurde in die neuere Weltanschauung des Äußerlichen durch die Geister, die gelebt haben bis heute. In dieser Zeit haben die Menschen innerlich sich gewöhnt an ein anderes Anschauen der Welt, als dasjenige war, durch das zuerst das Christentum begriffen worden ist. In dieser Zeit muß auch ein neues Verhältnis gewonnen werden zu den religiösen Grundlagen der Menschheitsentwickelung. Nicht handelt es sich darum, etwas zu erschüttern an den Tatsachen, die der religiösen Entwickelung der Menschheit zugrunde liegen. Es handelt sich aber darum, heute an das moderne Menschengewissen 'so zu appellieren, daß der Mensch der heutigen Zeit aus seiner Seelenverfassung heraus so, wie er es muß, das Christus-Ereignis verstehen könne.

Die meinen es mit der Religion am ehrlichsten und am ehrerbietigsten, die da sagen: ein neuer Weg muß auch zu den alten Tatsachen auf religiösem Boden gesucht werden. Geisteswissenschaft, anthroposophisch orientiert, wird die beste Vorbereitung, in der modernen Art das Christentum oder andere religiöse Inhalte zu verstehen. Diejenigen meinen es nicht ehrlich mit dem religiösen Leben, die das nicht zugeben, denn sie wollen Wege bewahren zu den Grundlagen des religiösen Lebens, denen heute der Mensch, wenn er sonst den Anschauungen seiner Zeit huldigt, nicht huldigen kann.

Wir haben es in der neueren Zeit zum Materialismus gebracht. Gewiß, verschiedene Arten von Menschen sind die Veranlasser des Materialismus geworden; aber unter diesen Menschen sind auch die, welche bewahrt haben gewisse alte Lebensgewohnheiten in der Menschheitsentwickelung, Lebensgewohnheiten, die dahin gingen, daß man den Bekenntnissen ein Monopol gegeben hat auf alles das, was über Geist und Seele zu sagen ist. Dadurch, daß die Bekenntnisse allein das Recht hatten, zu entscheiden, was man glauben müsse über Geist und Seele, dadurch kam es, daß die Naturforschung ohne Geist forschte. Die Naturforschung glaubt heute, sie habe ihre Gestalt dadurch angenommen, daß es eben so sein müsse beim Naturforschen, daß man ausschalten müsse den Geist. O nein, die Naturforschung ist so geworden, weil in früheren Zeiten es verboten war, über die Natur mit Geist zu forschen, denn über den Geist und über die Seele hatte die Kirche zu entscheiden. Und heute setzt man die Gewohnheiten fort und posaunt sie noch dazu aus als vorurteilsloses wissenschaftliches Urteil.

Man sehe nur einmal nach bei solchen Forschern, die im Sinne von materialistischer Forschung aufs höchste gelobt werden müssen, wie zum Beispiel bei dem Jesuitenpater und Ameisenforscher Wasmann, dem ausgezeichneten materialistischen Forscher auf dem Gebiete der Naturforschung, ein Forscher, der aber auch nicht ein Quentchen Geist hineinfließen läßt von demjenigen, was das Dogma ist. Da muß Geist und Seele herausbleiben. Deshalb: äußere Wissenschaft materialistisch. Nicht zum geringsten Teile sind die Träger der Bekenntnisreligionen die Begründer des modernen Materialismus. So paradox das heute klingt, es ist so: weil die Kirche in die Naturbetrachtung den Geist hineinzutragen nicht erlaubte, deshalb ist die Naturwissenschaft geistlos geworden. Die anderen haben sich das nur als Gewohnheit angeeignet. Anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft muß in die Naturforschung wieder den Geist hineintragen. Noch einmal möchte ich sagen: Nicht steht diese Geisteswissenschaft auf dem Boden, daß der Geist nur wie beim Materialismus zuweilen Logierbesuche oder kurze vorübergehende Besuche machen soll, damit der Mensch sich überzeugen kann, daß es einen Geist gibt — nein, diese Geisteswissenschaft will zeigen, daß im Kleinen und Großen, in allem Materiellen immer und überall Geist ist, daß man immer und überall den Geist verfolgen kann. Dadurch aber, daß anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft immer und überall im Materiellsten den Geist erforscht, darlegt, daß es ein Materielles neben dem Geist ebensowenig als Selbständiges gibt, wie es Eis in dem Wasser als Selbständiges gibt Eis ist verwandeltes Wasser, ist Wasser abgekühlt, Materie ist Geist, verfestigt. Man muß es im einzelnen nur in der richtigen Weise erklären. Indem anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft zeigt, wie überall, wo Materie ist, wo äußeres Leben ist, Geist waltet und den Menschen dazu bringt, sich mit dem waltenden Geiste zu verbinden, liefert sie auch heute die Antriebe zu einer wirklichen religiösen Vertiefung.

Aber man erlebt ja auf diesem Felde gar mancherlei. Sehen Sie, ein Erlebnis von einem sogar gutwilligen Manne ist das Folgende. Da sagt jemand: die Geisteswissenschaft, wie sie der Steiner gibt, ich kann sie nicht prüfen; sie mag Wahrheiten enthalten, aber man soll sie ganz fernhalten von jeglichem religiösen Leben, denn das religiöse Leben, das muß fern von aller Kenntnis ein unmittelbares Verhältnis, eine unmittelbare Einheit des Menschen mit Gott darstellen. Und nun sagt der Betreffende sehr merkwürdig: wir haben in unserer Zeit zu viel von religiösem Interesse, von religiösem Erleben, die Menschen wollen nur immer erwas Religiöses erleben. Sie wollen religiöses Interesse haben. Das braucht man alles nicht in der Religion. In der Religion braucht man nur unmittelbare Einheit des Menschen mit Gott. Weg, sagt der betreffende Kirchenmann, mit allem religiösen Interesse, mit allem religiösen Erleben.

Nun, ein vorurteilsloser Mensch muß heute sagen, wenn die Menschen heute auch noch nach einem unklaren religiösen Erleben lechzen, wenn sie auch noch ein unklares religiöses Interesse in sich erwecken, so ist das eben der Anfang zu jener Sehnsucht, wirklich einen Weg, wie ich ihn Ihnen jetzt geschildert habe, in das religiöse Element hinein zu finden. Wer es ehrlich und aufrichtig mit dem religiösen Leben meint, der sollte ergreifen jenen Trieb des religiösen Interesses, des religiösen Erlebens. Statt dessen verpönt der Kirchenmann religiöses Erleben, religiöses Interesse. Man fragt heute, wo wirkliches religiöses Verständnis ist, bei denen, die so sprechen, oder bei denjenigen, die versuchen, so zu sprechen, wie ich heute zu Ihnen gesprochen habe. Allerdings, man muß auch da an ihren Früchten die Leute erkennen.

Ein Mann, der auch ein Kirchenmann, aber allerdings daneben auch noch Universitätsprofessor ist, versuchte in einem Vortrag vor kurzem eine Widerlegung der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft. Zwei junge Freunde von mir waren in diesem Vortrag, und sie konnten nachher in der Diskussion sprechen. Weil der Zusammenhang es ergab, so brachten diese beiden jungen Leute, die aber gut aufgenommen hatten die Impulse der Geisteswissenschaft, Worte der Bibel vor, um zu beweisen, wie übereinstimme das, was in der Bibel steht, wenn es richtig verstanden wird, mit demjenigen, was auf diesem Gebiete anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft zu sagen hat. Und da wußte sich der Vorsitzende, der ein richtiger Kirchenmann war, nicht anders zu helfen, als daß er sagte an einer Stelle: Hier irrt Christus! Es konnte ihm erwidert werden: Also du glaubst an einen Gott, der irrt! Schöne religiöse Gesinnung. Sie treibt sonderbare Blüten heute. Religiöse Gesinnung ist nur echt, wenn sie ins wirklich moralische Leben übertritt. Da macht man allerdings sonderbare Erfahrungen. So ziemlich das Allergemeinste, was gesagt werden kann, finde ich jetzt durch eine ganze Reihe deutscher Zeitungen über dasjenige, was als soziale Konsequenz auftritt in dieser anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft, vom Anfang bis zum Ende erlogen. Aber die Menschen finden es mit einer Moral heute vereinbar, allerdings in einer Zeit, in der das Folgende als Moralkonsequenz religiöser Praxis, sagen wir, geschehen kann. Vor kurzem hat auch in einer Stadt ein Domkapitular, also ein Kirchenmann von der katholischen Art, einen Vortrag gehalten über diese hier vertretene Geisteswissenschaft, und am Schlusse hat er gesagt: überzeugen Sie sich aus den gegnerischen Schriften, was der Mann für eine Weltanschauung vertritt, denn seine eigenen Schriften und die seiner Anhänger dürfen Sie nicht lesen. Die hat nämlich zum Lesen für Katholiken der Papst verboten.

Die Empfehlung, etwas kennenzulernen aus dem Übelgewollten, aus den übelwollendsten gegnerischen Schriften, das ist moralische Konsequenz mancher religiösen Praxis der Gegenwart. Kein Wunder, daß aus solchen Untergründen des Lebens über die Welt hin sich das ergossen hat, was wir in den letzten fünf Jahren erlebt haben. Oder war es nicht ein An-die-Oberfläche-Treiben von Lüge und Menschenhaß und vielem anderen, was aber wurzelte und heute noch wurzelt in den Tiefen der Menschenseelen? Sollte die Tatsache, die man erlebt hat, nicht Veranlassung geben, ganz ernstlich mit sich zu Rate zu gehen, ob nicht ein gründliches Umlernen notwendig sei? Ist nicht an die Oberfläche des Welthistorischen in der Gegenwart so etwas wie welthistorische Unmoral gekommen? Oder ist es religiöse Gesinnung, die sich in den letzten fünf Jahren in der Welt ausgelebt hat? Die Gesinnungen, die nicht Jahrhunderte, die Jahrtausende Zeit gehabt hätten, an der Verbesserung der Menschheit zu arbeiten, Sie sehen heute ihre Früchte! Die Theologie des 19. Jahrhunderts weiß nichts mehr von der Geistigkeit des Ereignisses von Golgatha. Diese Geistigkeit, dieser göttliche Christus in dem Menschen Jesus, auf dem Wege anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft wird er wieder gefunden werden. Von da aus wird er wiederum in die Menschenseelen einziehen, um sie zu veranlassen, daß sie nicht bloß predigen von Moral, sondern daß in ihnen begründet werde das richtige Triebhafte, das richtige Impulsive des moralischen Wirkens und Arbeitens in der Welt. Ist nicht eine Erneuerung, ein Aufbau augenscheinlich notwendig? Stellt sich diese Notwendigkeit nicht heraus, wenn man die Ereignisse der letzten fünf bis sechs Jahre betrachtet, sieht man nicht da die Früchte desjenigen, was jahrhundertelang unter der Oberfläche gelebt hat und jetzt heraufgekommen ist? Sollte das nicht Beweis sein, daß gründliche religiös-moralische Arbeit notwendig ist?

An dieser Arbeit, deren Notwendigkeit jeder Unbefangene heute zugeben muß, wenn er nicht mit seiner Seele schläft innerhalb der großen Ereignisse der Zeit, möchte die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft mitarbeiten. Und wer sie kritisieren, wer sie verdammen will, der sollte erst die gründliche Frage aufwerfen: will sie ehrlich mitarbeiten an dem wirklichen Fortschritt der Menschheit? — Und wenn er sich gewissenhaft davon unterrichtet hat, so daß er ein Urteil darüber hat gewinnen können, dann wird sich erst zeigen, inwiefern diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft ein Recht hat, mitzuarbeiten. Denn sie möchte ehrlich und aufrichtig an dem notwendigen Fortschritt, an dem notwendigen Umdenken und Umlernen der Menschheit mitarbeiten.

German original of Moral and Religious Forces in the Sense of Spiritual Science · ← Previous · Next →