From a Unitary State to the Tripartite Social Organism

GA 334 — 6 January 1920, Basel

2. Die Geisteswissenschaftlichen Grundlagen Der Leiblichen Und Seelischen Gesundheit

Bevor ich anschließend an die gestrigen einleitenden Ausführungen über Wege und Ziele der Geisteswissenschaft morgen zu jenen wichtigen, insbesondere das Interesse der Gegenwart unmittelbar berührenden Konsequenzen dieser Geisteswissenschaft schreiten werde, welche den geisteswissenschaftlichen Gesichtspunkt für die: sittlichen, sozialen und religiösen Kräfte des Menschenwesens behandeln, möchte ich heute eine Betrachtung einfügen über dasjenige, was Geisteswissenschaft zu sagen hat über leibliche und seelische Gesundheit des Menschen. Gerechtfertigt wird eine solche Betrachtung wie die heutige ja auch deshalb sein, weil schließlich der Mensch sich nur dann menschenwerte und menschenwürdige sittliche Ziele setzen, soziale Aufgaben stellen und ein entsprechend religiöses Leben aus den Untergründen seiner Seele wird hervorbringen können, wenn zugrunde liegt diesen seinen Zielsetzungen und Hervorbringungen das, was man nennen kann seine auf leiblicher, seelischer und geistiger Gesundheit ruhende Tüchtigkeit.

Sie werden von vornherein voraussetzen, daß, wenn im geisteswissenschaftlich-anthroposophischen Sinne über die Grundlage des Gesundseins gesprochen werden soll, dann gerade die geistigen und seelischen Faktoren, die dabei in Betracht kommen, besonders berührt werden. Nun stößt man aber mit einer solchen Betrachtung sofort auf eine der ältesten und zu gleicher Zeit, man darf sagen, strittigsten Fragen menschlicher Weltanschauung: auf die Frage nach dem Zusammenhange des Seelisch-Geistigen in der Menschenwesenheit mit dem Leiblich-Physischen überhaupt. Vieles ist nachgedacht, vieles ist nachgeforscht worden mit den Mitteln verschiedener wissenschaitlicher Gebiete über diese Frage: Wie verhält sich eigentlich das Geistig-Seelische des Menschen zum Leiblich-Physischen?

Die hier gemeinte Geisteswissenschaft muß sich auf den Standpunkt stellen, daß sie diese Frage so, wie sie gewöhnlich gestellt wird, nicht von vornherein schon als eine richtig gestellte ansehen kann. Man fragt gewöhnlich: Wie verhält sich des Menschen Geist oder Seele zu seinem Leib, zu seiner physischen Organisation? Man berücksichtigt dabei nicht, ob das, was wir die unter die Willkür gestellte Seelenverfassung und Seelentüchtigkeit des Menschen nennen können, nicht vielleicht in verschiedener Weise bei verschiedenen Menschen ein besonderes Verhältnis begründet zwischen Geist und Leib, ob nicht eingreifen könnte durch gewisse Verhältnisse der Mensch gerade durch diese Kräfte, die er in seiner Seele entwickelt, in seine leibliche Organisation. Und diese Frage kann eigentlich nur eine geisteswissenschaftliche Betrachtung behandeln, wie diejenige ist, die ich mir erlaubte gestern vor Ihnen anzustellen. Denn gerade wenn wir das in Betracht ziehen, was die Wissenschaft des Abendlandes in dem Sinne, wie sie gestern charakterisiert worden ist, zu ihren Triumphen geführt hat, so müssen wir sagen: es ist dies nicht ein Element, das zum Menschen hinführt, sondern es ist ein Element, das in einer gewissen Beziehung eigentlich vom Menschen entfernt.

Was strebt der Wissenschafter, welcher die Grundsätze der letzten drei bis vier Jahrhunderte angenommen hat, für seine Wissenschaft besonders an? Er strebt besonders an, solche Vorstellungen über die äußeren Dinge und auch über den Menschen zu gewinnen, in die sich möglichst wenig, ja womöglich gar nicht einmischen die menschlichen Gefühle und Willensimpulse. Je mehr man alles das, was man das Subjektiv-Persönliche nennen kann, auseinanderzuhalten vermag von wissenschaftlicher Betrachtung, um so mehr glaubt man das Ideal dieser wissenschaftlichen Betrachtung erfüllt. Der Physiker, der Biologe glaubt heute seiner Aufgabe nicht mehr nachkommen zu können, wenn er irgend etwas, was nur innerlich in der Seele erfaßt werden kann, in seine Feststellungen einmischt.

Wenn ich erinnern darf an dasjenige, was ich als ein allerdings einer weiten Vergangenheit angehöriges Ideal orientalischer Weltbetrachtung gestern charakterisierte, so muß gesagt werden: da dort der ganze Mensch herangezogen wurde zu jener Umwandlung, zu jener Entwickelung der Menschennatur, die im Orient die Grundlage zu einer Weltanschauung bildeten, so war diese Methode das völlige Gegenbild von dem, was uns heute als wissenschaftliches Ideal erscheint.

Nun muß man, wenn man sich solchen Dingen hingibt, heute gar viele Vorurteile abstreifen, die da gelten, ich möchte sagen, als Selbstverständlichkeit, die aber in kurzer Zeit keine Selbstverständlichkeiten mehr sein werden, sondern Vorurteile, die durch die Menschheitserziehung der letzten drei bis vier Jahrhunderte bedingt sind.

Wenn man wirklich eingeht auf den Grundcharakter desjenigen, was all unser durch die Wissenschaft imprägniertes Denken kennzeichnet, so findet man, daß eigentlich vor diesem Denken heute nur ein Teil, ein Glied der ganzen Menschennatur Gnade finder: dasjenige, was man nennen kann das intellektualistische Element, das Element, das zu den gefühls- und willensfreien Gedanken aufsteigt, das nichts hinzutun will aus der eigenen, subjektiven Menschennatur zu diesem Vorstellen. Dadurch aber nimmt gerade an der wichtigsten wissenschaftlichen Arbeit der ganze Mensch als solcher nicht teil, sondern nur dasjenige vom Menschen, was eben der Träger des intellektualistischen Seelenlebens ist.

Was ich gestern charakterisierte als das wahrhaft abendländische Streben nach einer geisteswissenschaftlichen Weltanschauung, das will wieder, ohne etwa zurückzukehren zu orientalischen Idealen, aus der ganzen Menschennatur heraus die Seelenkräfte entwickeln, die eine Weltanschauung produzieren. Daher mußte ich gestern etwa in der folgenden Weise die Erkenntniswege charakterisieren, die zu einer solchen anthroposophisch orientierten geisteswissenschaftlichen Weltanschauung führen. Während der Mensch, der bloß wissenschaftlich ist, mit seinen Experimenten oder mit seiner Naturbeobachtung zusammen das intellektualistische Vorstellen entwickelt, muß derjenige, der zu einer geisteswissenschaftlichen Anschauung aufsteigen will, aus den Tiefen seines Seelenlebens heraufholen geläuterte Gefühle, geläuterte Willensimpulse. Er muß sich allerdings versenken in eine Gedankenwelt. Er muß ebenso intellektualistisch arbeiten können wie nur der exakteste Wissenschafter. Aber er steht mit seinem Menschen in anderer Weise als dieser exakte Wissenschafter zur Intellektualität. Er versenkt sich in Ideenwelten, er versenkt sich in dasjenige, was sonst nur der blasse, schattenhafte Gedanke liefert. Aber so, wie man sonst nur an den Ereignissen des äußeren Lebens mit seinen Sympathien und Antipathien, mit seiner ganzen Gefühlswelt teilnimmt, wie man sonst nur an den Forderungen des Lebens mit seinen Willensimpulsen teilnimmt, so begleiten bei demjenigen, der den Weg in die geistige Welt hinein suchen will im Sinne dieser Geisteswissenschaft, das Fühlen, das Wollen, die Sympathien und Antipathien den Gedanken, die Ideen. Mit der Art und Weise, wie die Ideen wirken, wie sie sich zueinander stellen, verbindet man ein innerliches Sympathie- und Antipathie-Element, ein innerliches Wollen, das man sonst nur etwa dem Menschen von Fleisch und Blut oder der Natur in geringerem Sinne entgegenbringt oder das man entwickelt, wenn man Hunger oder Durst hat, oder wenn andere Aufgaben des gewöhnlichen Lebens gestellt sind. So innerlich lebendig wie im Wollen unter dem Einflusse von Hunger und Durst, wie in den Gefühlen, die man zu geliebten oder gehaßten Menschen entwikkelt, so innerlich lebendig ist man bei den Methoden, die zur geisteswissenschaftlichen Einsicht führen sollen. Der ganze Mensch mit seinem Fühlen und Wollen nimmt teil an diesen Methoden. Das entwickelt eben andere Erkenntnisse, andere Verhältnisse zur Außenwelt und auch zu den anderen Menschen als bloß das intellektualistische Treiben.

Wenn nun diejenigen Erkenntnisse, die auf diese Weise Inhalt der ‚Geisteswissenschaft werden - die ja allerdings für die weitesten Kreise der gegenwärtigen Menschheit ein Buch mit sieben Siegeln sind, nicht etwa, weil die Geisteswissenschafter dieses Buch mit sieben Siegeln versiegeln, sondern weil diejenigen, die herangehen sollten an diese Geisteswissenschaft, damit sie nicht heranzugehen brauchen, erst mit den sieben Siegeln ihrer Vorurteile und ihres Hohnes und Spottes es versiegeln -, wenn dieser Inhalt der Geisteswissenschaft dann von den Menschen aufgenommen wird, wenn sich die Seele des Menschen mit ihm vereint, so wirkt er daher auch anders als der Inhalt des bloß intellektualistischen Wissens. Er ergreift unmittelbar die ganze Seele des Menschen. Er gießt Energien, Kräfte in diese ganze Seele des Menschen. Und wenn der Inhalt der Geisteswissenschaft so gewonnen ist, daß er entspricht den großen weltgesetzlichen Zusammenhängen, dann gießt er gewissermaßen dieselben Kräfte in die menschliche Seele, aus denen der menschliche Organismus aufgebaut ist. Denn der menschliche Organismus ist aus den Kräften der Welt heraus aufgebaut. Das geisteswissenschaftliche Erkennen geht wiederum zurück zu diesen Kräften der Welt. Also muß es ein innerliches Zusammenstimmen zwischen demjenigen geben, was aus der Weltgesetzlichkeit heraus erkannt wird durch Geisteswissenschaft, und dem, was bei der Organisation des Menschenwesens entsteht als der Mensch selbst, indem der Mensch aus den Grundlagen der Weltenordnung heraus seine eigene Organisation empfängt.

Das aber hat zur Folge, daß ein ganz anderes Verhältnis besteht zwischen dem, was man als Inhalt der Geisteswissenschaft aufnimmt, und der ganzen Entwickelung des Menschen, als zwischen dem, was nur den Intellekt beschäftigt, wie die Naturwissenschaft oder wie heute die Sozialwissenschaft und ähnliches, und diesem Menschen selbst. Aber es gibt etwas, was dieses Verhältnis verhüllt. Dadurch ist es schwierig für den, der noch nicht in den eigentlichen Sinn der Geisteswissenschaft eingedrungen ist, sich über solche Dinge genaue Vorstellungen zu machen. Durchaus muß gesagt werden: Wie die gesunde Natur des Menschen in gesunder Art aus der Welt heraus organisiert ist, so wird in gesunder Art das gewonnen, was Inhalt der Geisteswissenschaft ist, und kann daher, da es den ganzen Menschen begreift, nicht nur auf den Intellekt, sondern wiederum auf den ganzen Menschen zurückwirken. Wenn man das sagt, so wird heute derjenige, der der Geisteswissenschaft gegenüber Laie ist, etwa folgenden Schluß ziehen. Er wird sagen: Gewiß, ich will dir zunächst hypothetisch zugeben, du ziehst als Geisteswissenschafter gesunde Gedanken aus deiner Weltbetrachtung. Gedanken, die intellektualistisch schattenhaft sind, die wirken nicht auf den menschlichen Organismus; die deinigen sind unter der Inanspruchnahme der ganzen Menschennatur gefaßt, sie wirken also auf den menschlichen Organismus, also wird man sie brauchen können, nehmen wir hypothetisch an, im Sinne der gesunden Menschennatur. Sagen wir also: diejenigen Gedanken, die du durch deine Geisteswissenschaft als gesunde Gedanken entwickelst, werden wir so anwenden, daß wir uns mit ihnen erfüllen, sie auf uns wirken lassen, dann werden sie wie eine Arznei eben gegen Abirrungen der menschlichen Natur von der Gesundheit wirken können.

So naheliegend diese Hypothese wäre, und soviel Glauben sie auch bei gewissen abergläubischen Menschen gefunden hat, so wenig entspricht sie so, wie ich sie jetzt eben ausgesprochen habe, der Wirklichkeit. Und hier ist es nötig, gerade, ich möchte sagen, das Fundament zu berühren, das gelegt werden muß, damit man in der richtigen Art das Zusammenwirken zwischen gesundem Geistig-Seelischen und gesunder Leiblichkeit einsehen kann. Wenn der Mensch durch die Geburt oder durch die Empfängnis aus geistigen Welten in das physische Dasein tritt, indem er sich umkleidet mit einem physischen Leib, so sehen wir ja, wie dasjenige, was geistig-seelisch sich mit diesem physischen Leib umkleidet, Zeit braucht, um sich auszuwirken. Das Kind kommt mit seinen Anlagen in der physischen Welt an. Aber es muß heranwachsen. Wir können verfolgen, wie von Monat zu Monat, von Jahr zu Jahr, von Jahrzehnt zu Jahrzehnt in der physischen Organisation erst dasjenige herauskommt, was geistig-seelisch im Menschen veranlagt ist. Wer sich durch die hier gemeinte Geisteswissenschaft die Möglichkeit erwirbt, einzudringen in den wirklichen Zusammenhang zwischen Geistig-Seelischem und Leiblich-Physischem, der kommt nun nicht durch irgendeine logische Phantasie, sondern durch eine eindringliche, ganz gewissenhafte und durch lange Zeiten fortgesetzte Beobachtung des Lebens zu folgender Erkenntnis:

So wie die Gesamtnatur des Menschen Zeit braucht, um sich als Geistig-Seelisches einzugliedern der physischen Organisation, so bedarf alles das, was wir geistig-seelisch aufnehmen, erst der Zeit, um sich einzugliedern in die physisch-leibliche Organisation. Wenn ich also als achtjähriges Kind oder als zwanzigjähriger oder erst als fünfzigjähriger Mensch irgend etwas aufnehme von geistig-seelischem Inhalt, wenn irgend etwas meine Seele ergreift von solchem Inhalte, dann ist dieser Inhalt im Verhältnis zu meiner leiblichen Organisation da, wo er in meine Seele eintritt, so jung wie die Seele eines Kindes in bezug auf die leibliche Organisation, und es braucht ein solcher seelischer Inhalt Zeit, um sich im Leibe auszuwirken. Man kann daher nicht hoffen, daß man nach Art amerikanischer Gedankenheilungskunst Gedanken erfinden kann, die dem Menschen wie eine flüssige Medizin eingegeben werden und die unmittelbar wirken. Nein, zu jener Umwandlung, die der geistig-seelische Inhalt erfährt dadurch, daß er immer mehr und mehr das Leiblich-Physische durchdringt, bedarf es Zeit. Der eine geistig-seelische Inhalt braucht weniger, der andere mehr Zeit, aber Zeit muß verfließen zwischen dem Augenblick, wo ein geistigseelischer Inhalt abstrakt aufgenommen wird, wo wir ihn erkenntnismäßig durchdringen, und dem Zustande, wo er uns durchorganisiert hat.

Was ich Ihnen hier erzähle, das ist nicht irgendeine Idee, die man leichtfertig anknüpft an die Lebenserscheinungen, sondern das ist etwas, was in so gewissenhafter Weise gefunden wird wie nur irgendein Laboratorium- oder Klinik-Ergebnis, ja viel gewissenhafter. Man geht bei solchen Untersuchungen zunächst aus von den Wegen, die das gewöhnliche alltägliche geistige Aufnehmen im Menschen durchmacht, indem der Mensch erinnerungsmäßig dasjenige später wieder aus seinen Seelentiefen hervorzaubern kann, was er einmal in diese Seele hinein aufgenommen hat. An den Wegen, die das Seelenleben mit Bezug auf die Erinnerung macht, gehen ja die allermeisten Menschen im Leben einfach vorbei; sie beobachten nicht, wie es ganz anders sich erlebt, wenn wir uns an etwas erinnern, was wir vor Jahrzehnten erlebt haben, und an etwas, was wir vor drei Tagen erlebt haben. Das eine und das andere holen wir aus den Seelentiefen herauf, gewiß. Das aber, was wir vor drei Tagen oder selbst noch vor drei Jahren erlebt haben, das erweist sich vor dem, der Beobachtungsvermögen hat für solche Dinge, als etwas, was, ich möchte sagen, aus geringen Tiefen des Seelenlebens heraufgeholt wird, was noch durchaus seelischer Inhalt ist. Dasjenige, an das man sich vielleicht als älterer Mensch als an die Erlebnisse seiner Kindheit erinnert, das holt man aus Seelentiefen herauf. Beobachtet man den Vorgang, so schaut man, wie das schon innig verflochten ist mit der ganzen Leiblichkeit, wie es wie ein seelisches Blut unsere Leiblichkeit durchdringt, wie es stark den Charakter angenommen hat, den die Kräfte haben, die das Gewohnheitsmäßige in uns bezeichnen.

Das ist freilich nur der Anfang jener ausführlichen Methode, durch die beobachtet wird, wie im Laufe der Zeit erst dasjenige, was wir als geistig-seelischen Inhalt aufnehmen, sich vereint mit dem Leiblich-Physischen. Daraus aber werden Sie einsehen, wie Geisteswissenschaft verlangen muß, daß ihre Art, leibliche, seelische _ Gesundheit zu pflegen, nicht nur unter die augenblicklich wirkenden Künste gerechnet werde, sondern wie sie appelliert an dasjenige, was erstens Kindererziehung ist, zweitens was Volkserziehung und Volksleben ist. Denn mit Voraussicht, ich möchte sagen, mit einem prophetischen Gesichte muß Geisteswissenschaft in bezug auf das Gesundsein des Menschen wirken.

Durchschaut man das, was ich hier berühre, dann merkt man erst, was es bedeutet, wenn in die Erziehungsmethode geisteswissenschaftliche Impulse aufgenommen werden, wenn tatsächlich unsere Kinder so erzogen werden, daß die Erziehungsantriebe in geisteswissenschaftlichem Sinne gehalten werden; und dann werden die Dinge, die man den Kindern beibringt, durchdrungen, nicht etwa mit geisteswissenschaftlichen Theorien — davor braucht die Welt keine Angst zu haben -, aber mit geisteswissenschaftlicher Gesinnung, mit geisteswissenschaftlicher Seelenverfassung, vor allen Dingen mit geisteswissenschaftlichem pädagogischem Feuer. Dadurch wird schon in das Kindergemüt das gesenkt, was sich dann verbinden soll mit der seelischen und physischen Organisation, was heranwächst und was, weil es gesund ist, in gesunder Weise verwächst mit der menschlichen Organisation und sie gesund und stark macht, widerstandsfähig macht gegen äußere Einflüsse.

Wenn die Welt einmal die volle Bedeutung dessen, was hier Geisteswissenschaft leisten kann, einsehen wird, dann werden allmählich nicht verschwinden, aber von geringerer Bedeutung werden alle die schönen - ich sage das nicht ironisch, sondern durchaus im ernsten Sinne -, all die schönen Theorien von Infektionskrankheiten und dergleichen, die heute nur in einseitiger Weise betrachtet werden. Es wird viel mehr als auf die Art, wie die Bazillen und Bakterien einziehen in unseren Organismus, darauf gesehen werden, wie stark wir von der Seele und vom Geiste geworden sind, um diesen Invasionen zu widerstehen. Diese Stärke wird in der menschlichen Natur kein äußeres Heilmittel bedingen, aber das Heilmittel, das innerlich den Menschen stärkt vom Geiste und von der Seele aus durch einen gesunden geisteswissenschaftlichen Inhalt. Damit wird allerdings öffentliche Gesundheitspflege gerade durch Geisteswissenschaft auf eine wesentlich andere Grundlage gestellt, als die sich träumen lassen, die glauben, daß nur im Fortgange der gegenwärtigen Ansichten das Heil der menschlichen Entwickelung liegen könne.

Ich möchte unter vielem nur auf eines aufmerksam machen, auf das ich von anderen Gesichtspunkten aus auch hier in dieser Stadt schon einige Persönlichkeiten aufmerksam gemacht habe. Heute legt man zum Beispiel in der Erziehung, im Unterricht einen ungeheuren Wert auf die sogenannte Anschauung, mit Recht, denn innerhalb gewisser Grenzen ist es gut, wenn man das Kind unmittelbar hinführt vor das äußerlich oder innerlich Anschaubare und seine Vorstellungen, seine Begriffe sich ihm einbilden läßt so, daß es sie selbst abzieht. Aber nicht alles kann in dieser Weise an das Kind herangebracht werden, wessen es bedarf zu seiner Entwickelung für ein menschenwürdiges Dasein. Und so muß in das Kind vieles einziehen bloß dadurch, daß es hinaufsieht zu seinem Erzieher, zu seinem Unterrichter als zu seiner Autorität, zu dem, der ein gewisses Feuer im Erziehen, im Unterrichten entwickelt, der Imponderabilien mit seinem Feuer von sich in das Kind hinüberleitet. Da wird es dann manches geben können, was das Kind aufnimmt in dem Glauben, die Autorität glaube an das; es versteht es aber noch nicht. Dann können die Zeiten eintreten vielleicht nach fünfzehn, zwanzig Jahren, nachdem das Kind die Schule verlassen hat, wo es sich erinnert: das hast du dazumal gelernt und nicht verstanden, jetzt bist du reif geworden, jetzt holst du es rein gedächtnismäßig aus deinem Seelenquell herauf. Jetzt verstehst du es. Wer das Seelenleben des Menschen kennt, der weiß, daß ein solches durch späteres Reifwerden vermitteltes Verstehen desjenigen, was man schon Jahre, vielleicht Jahrzehnte in der Seele getragen hat, Kräfte entwickelt, die innerlich den Menschen erstarken; es gießt in den Willen nichts eine solche Energie hinein vom Innersten der Seele aus wie das Verstehenlernen von etwas durch seine eigene Reifekraft, von etwas, was man vor Jahren auf Autorität, auf Mitteilung hin aufgenommen hat. So kann verbunden werden Pädagogik mit ideeller, mit spiritueller Hygiene. Wenn einmal wirklich unsere öffentliche Gesundheitspflege durchzogen werden wird mit solchen weitgehenden Anschauungen, dann wird erst das Geistige, das in der Menschheit wurzelt, seine für die Menschheit so heilsamen Energien wirklich entfalten können. Während all das, was wir nur aufnehmen durch den Intellekt und seine Ausbildung, gewissermaßen vom Menschen losgelöst ist und daher auch nicht auf den Menschen zurückwirken kann, wird das, was aus der ganzen Menschennatur herausgeholt ist, das Geisteswissenschaftliche, auch zurückwirken können auf diese ganze Menschennatur. Und wir haben, wenn wir auch in der Medizin nicht bloß auf Augenblickserfolge, sondern auf eine Gesundheitspflege sehen, die mit den Weltgesetzen, also auch mit den Zeitgesetzen rechnet, wir haben die Möglichkeit, ungeheuer Günstiges in dieser Richtung zu wirken. Nur ist leider die gegenwärtige Menschheit so geartet, daß sie gar nicht gern hinschaut auf dasjenige, was sich dem Augenblick entzieht und was mit seiner Wirkung, ich möchte sagen, ins Große geht. Der gegenwärtige Mensch möchte sich am liebsten von den Weltgesetzen die Erlaubnis nehmen, krank zu werden, wenn es ihm beliebt - Sie verstehen, daß ich das nicht in ganz wörtlichem Sinne meine, aber es ist so etwas unter den Neigungen der Menschennatur — und dann möchte er wiederum im Augenblicke geheilt werden können. Auf was aber gesehen werden muß, das ist, daß die innerliche starke Energie entwickelt werde in einzelnen Volkserziehungen, ja durch das ganze Leben hindurch in den Menschen die gesundenden, die Heilkräfte von der Seele, vom Geiste aus wirklich zur Entfaltung zu bringen. Von diesem Gesichtspunkt aus wird man einsehen, daß leibliche und seelische Gesundheit gar sehr davon abhängt, daß ein so starkes, ein so energisches Seelenleben in den Menschen heranentwickelt werde, daß dieses starke, energische Seelenleben wirklich auch in das leibliche Wesen eingreifen kann.

Dazu ist wiederum die Ausdehnung der Betrachtungsweise über größere Zeiträume notwendig. Dasjenige, was auf unsern Intellekt wirkt, wirkt nicht zu gleicher Zeit auf unsern Willen. Und wir können uns allerdings, wenn wir niemals auf unsern Willen gewirkt haben, in irgendeinem Lebensalter mit noch so gesunden Ideen und Gedanken anstrengen, um vom Intellekt aus auf unsere Seele zu wirken, wir werden keinen Erfolg haben. Denn vom Intellekt aus greift nicht unmittelbar irgendein geistig-seelischer Inhalt in die Menschennatur ein. Wir müssen auch auf den Willen einwirken. Auf den Willen wirken wir ein durch alles das, was unser Interesse an der Welt erregt, was unsern Anteil, unsere liebevolle Teilnahme an der Welt erregt. Menschen gehen oftmals durch die Welt, ich möchte sagen, mit einem gewissen Schwachsinn. Gewiß, es gibt auch tiefer liegende Ursachen, aber eine der Ursachen des Schwachsinns ist, daß man nicht verstanden hat bei solchen Menschen, als sie noch Kinder waren, weitgehende, tiefeingreifende Interessen für alles, was in ihrer Umgebung wirkt und lebt, zu entfalten, denn dieses Interesse-Entfalten, das wirkt auf den Willen. Und nur, wenn der Wille in dieser Weise gestärkt wird, kann später dasjenige, was auf den Intellekt wirkt, auch wiederum auf den ganzen Menschen Einfluß gewinnen. Das Schlimmste, was dem Menschen in bezug auf seine leibliche und seelische Gesundheit passieren kann, ist, daß seine leiblich-physische Organisation sich abtrennt von seinem seelisch-geistigen Wesen. Geradezu experimentell wird diese Abtrennung der physischen Organisation des Menschen von seinem seelisch-geistigen Wesen beim Mediumismus herbeigeführt. Da sehen wir, daß das geistig-seelische Wesen geradezu gelähmt, eingeschläfert wird für eine gewisse Zeit, damit das Leiblich-Physische, mit dem aber auch Geistiges immer verbunden ist, wie automatisch wirkt. Von einem richtigen Gesichtspunkt aus angesehen ist das mediale Wesen nichts anderes als eine wirkliche Krankheit, ein wirklicher Mißklang zwischen dem ganz unenergisch gewordenen Geistig-Seelischen und dem daher die Oberhand gewinnenden Leiblich-Physischen. Daher ist auch immer Mediumismus, wenn er radikal ausgedehnt wird, verbunden mit der Willensläihmung, mit der ganzen Seelenlähmung des betreffenden Mediums. Und da das Moralische nur aus der seelischen Energie erquellen kann, so ist in der Regel auch ein gewisses moralisches Herabkommen mit dem Mediumismus verbunden. Gerade aus der Einsicht in den Zusammenhang zwischen geistig-seelischer Gesundheit und physisch-leiblicher Gesundheit kann alles, was Schattenseite des Mediumismus ist, auch wirklich eingesehen werden.

Wenn diejenigen, die ohne Kenntnis des eigentlichen Wesens der Geisteswissenschaft über diese urteilen, nur nicht allzu oft diese Geisteswissenschaft zusammenwerfen würden mit all den Verirrungen des Zeitgeistes oder überhaupt der neueren Zeit, auf die ich hier hinweise! Es ist allerdings leichter, zu appellieren an den geistlosen Mediumismus, um etwas zu erfahren über die geistige Welt, als zu appellieren an die Geisteswissenschaft, die Anstrengungen fordert. Wenn man an den Mediumismus appelliert, so läßt man sich über den Geist berichten von einem Medium, bei dem man erst den Geist ausschaltet. Es ist eine bequeme Methode, zum Geiste zu kommen. Geisteswissenschaft verlangt allerdings, daß man nicht bei einem anderen den Geist ausschalte, um über den Geist etwas zu erfahren, sondern daß man den Geist in sich selber zur höheren Entfaltung und Entwickelung bringe, damit er seine Kräfte hineingeleiten kann in die geistige Welt, daß sie dort die Eigentümlichkeiten der geistigen Welt erfahren. Wollte man vorurteilslos die Geisteswissenschaft betrachten, so würde man geradezu sehen, wie sie das Universalheilmittel ist gegen solche Verirrungen, wie diejenigen sind, auf die ich jetzt mit ein paar Worten hingedeutet habe.

So kann man sagen: Gesundheitspflege ist eine notwendige Konsequenz desjenigen, was Geisteswissenschaft hineintragen will in die Menschheitsentwickelung. Aber selbstverständlich ist die Menschennatur mannigfaltigen Einflüssen unterworfen. Niemand darf dasjenige, was ich bisher besprochen habe, so deuten, als ob ich meinen wollte, daß durch die Pflege der Geisteswissenschaft etwa einmal alle Krankheiten aus der Welt geschafft werden sollten. Das meine ich durchaus nicht. Krankheiten haben ihre Ursachen. Wichtiger als die Erkenntnis ihrer Ursachen ist der Prozeß ihrer Heilung. Und hier handelt es sich darum, daß allerdings die Geisteswissenschaft auch etwas zu sagen hat nicht nur über jene Gesundheitspflege, die geisteswissenschaftliche Grundlagen hat, sondern daß sie, wie über alle Lebenspraxis, so auch über die Medizin selber etwas zu sagen hat. Es ist eine zwar von vielen geleugnete, weil sie sich in diesem Punkt den wahren Tatbestand nicht gestehen wollen, aber doch eben bestehende Tatsache, daß viele wirklich gründlich denkende Menschen, die durch das medizinische Studium heute gegangen sind, wenn sie sich dann losgelassen fühlen auf die leidende Menschheit, von den herbsten Seelenqualen befallen werden, weil ihnen dann vor Augen tritt, welche Anforderungen der menschliche Organismus, wenn er vom Gesunden abirrt in das Kranke hinein, an die menschliche Einsicht stellt, und wie wenig gerade aus den Erkenntnismitteln und Erkenntnismethoden der rein naturwissenschaftlichen Betrachtungsweise für dieses medizinische Wirken gewonnen werden kann. Gerade an der Medizin zeigt sich so recht die Schattenseite der bloßen naturwissenschaftlichen Betrachtung, die übrigens mit Bezug auf die Anschauung über die bloße äußere Natur auch eine Lichtseite hat. In der Medizin ist die Schattenseite da. Denn man muß nur das Folgende beachten: Diese Naturwissenschaft, noch einmal sei es gesagt, legt ihren Hauptwert darauf, den Menschen ganz auszuschalten, indem sie intellektualistisch die Welt betrachtet und intellektualistisch mit den Experimenten zusammen ihre Naturgesetze sucht. Man lernt das, was man aus der Beobachtung lernen kann von der Wirksamkeit dieser oder jener Heilmittel auf den kranken Menschen, von der Wirksamkeit überhaupt dieses oder jenes Naturprodukts auf den Menschen. Aber es fehlt einem das innere Anschauen von dem Zusammenhange erstens der ganzen Menschennatur, zweitens aber von dem Zusammenhange zwischen dem, was draußen in der Natur hervorgebracht wird, sei es als Nahrung, sei es als Heilmittel, und der menschlichen Wesenheit selber. Und man merkt erst, wenn man in solch unbefangener Weise von der bloßen Naturwissenschaft zur Medizin fortschreiten möchte, was es heißt, den Menschen ausschalten von der Betrachtungsweise, und nachher das, was man durch eine solche Betrachtungsweise gewonnen hat, auf die Natur des Menschen anwenden. Das rächt sich, daß Naturwissenschaft alles, was in der Menschennatur aufsprießen kann, ausschaltet, um, wie sie sagt, zur rechten Objektivität zu kommen. Da kommt sie zur Objektivität. Allein in dieser Objektivität ist der Mensch nicht drinnen. Der Mensch schaltet erst sich selbst aus. Kein Wunder, daß er in der Wissenschaft, die er nun ausbildet, den Menschen nicht drinnen hat. Nun soll man anwenden diese Wissenschaft auf den Menschen. Man kann es nicht, weil man auf den Menschen keine Rücksicht genommen hat.

Das volle Gegenteil findet statt bei dem, was anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft anstrebt. Da wird der ganze Mensch aufgerufen, um über den Menschen und über die Welt Urteile zu gewinnen. Da allerdings werden die Erkenntnisse auch anders fundiert. Um mich in diesem Punkte klarzumachen, möchte ich auch heute daran erinnern, wie die Geisteswissenschaft, die hier gemeint ist, im Grunde genommen nur eine Ausgestaltung desjenigen ist, was in dem ersten Elemente wie eine neue Erkenntnis der Natur begründet worden ist durch den vielverkannten Naturforscher, nicht den Dichter Goethe. Gerade deshalb nennen wir ja unseren Bau draußen auf dem Dornacher Hügel das Goetheanum, weil wir Goetheanismus treiben wollen, allerdings nicht Goetheanismus, wie ihn die Goethe-Forscher treiben, die glauben, der Goethesche Geist habe 1832 aufgehört, und man müsse studieren, was dieser Goethesche Geist hervorgebracht hat, um Goethe-Wissenschaft zu treiben. Nein, wir treiben einen Goetheanismus, der nicht zurückgeht auf 1832, sondern der ein Goetheanismus ist durch den fortwirkenden Goethe-Geist heute vom Jahre 1920. Aber was bei Goethe noch ganz elementar auftritt, kann heute eben in einer höheren Ausbildung vom Entwickelungsgang der Menschheit ergriffen werden.

Nun will ich etwas scheinbar recht Fernliegendes erwähnen, an dem ich aber werde anschaulich machen können, wie man vom Goetheanismus ausgehend zu den höchsten Höhen der Geisteswissenschaft kommt. Goethe ging nach den Ähnlichkeiten, den Verwandtschaften namentlich in der Natur der Lebewesen. Ihm ist es klar geworden, wie die ganze Pflanze nur ein kompliziertes Blatt ist und ein einzelnes Pflanzenblatt eine ganze Pflanze, nur einfach gestaltet. So sah Goethe in jedem Gliede eines Organismus die Metamorphose, die Umwandlungsform des anderen Gliedes. So hat er gesucht, woher die rätselvollen, für den unbefangenen Beobachter nämlich rätselvollen, Formen der menschlichen Schädelknochen herkommen. Als er, er erzählt es selbst, einmal auf den Judenkirchhof in Venedig ging, da fand er einen besonders glücklich gespaltenen Schafschädel liegen. Die Knochen waren so auseinandergefallen, daß ihre Form unmittelbar auf Goethes Seele wirkte. Und so, wie er diese Form anschaute, da sagte er sich: Ja, diese Schädelknochen sind nichts anderes als umgestaltete, metamorphosierte Rückgratsknochen. Wenn sich die einfachen fast ringförmigen Rückenwirbelknochen — so ist Goethes Ansicht - so umwandeln, daß gewisse Fortsetzungen stärker anwachsen, gewisse Wülste sich abflachen, so entsteht durch ein umgebildetes Wachstum des einfachen Rückenwirbels der Schädelknochen. Dadurch konnte Goethe zum ersten Mal dasjenige aussprechen, was mit einer gewissen Modifikation ein Ergebnis auch unserer heutigen menschlichen Anatomie ist, daß die Schädelknochen umgewandelte Rückenmarkwirbel sind. Ich darf im Zusammenhange damit, weil es ja auch die Sache, die ich meine, erläutern wird, eine Art persönlichen Eriebnisses erzählen. Mir lagen ja diese Goetheschen Anschauungen seit dem Ende der siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts besonders nahe. Nun, ich habe bereits dazumal begonnen zu schreiben über die Goethesche naturwissenschaftliche Weltanschauung. Auch diese Anschauung von der Umwandlung der Schädelknochen, der Wirbelknochen in Schädelknochen bildete ein Bestandstück desjenigen, was ich für die Goethesche Weltanschauung näher ausarbeitete. Aber ich sagte mir, wie könnte es einem so universellen Geiste wie Goethe entgangen sein, daß man ja, wenn man von der Umbildung der Wirbelknochen in Schädelknochen spricht, fortschreiten müsse zu der Anschauung von der Umbildung des einfachen Nervengebildes im Rückenmark in den komplizierten Bau des Gehirns, so daß man auch anschauen müsse das Gehirn als eine Umwandlung des einfachen Nervengebildes, das eben im Rückenmarkwirbel drinnensitzt. Und als ich dann am Ende der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts nach Weimar berufen wurde, um mitzuarbeiten am Goethe- und Schiller- Archiv für die Neuherausgabe oder überhaupt erste Herausgabe der noch unveröffentlichten Goetheschen Schriften, da war es mir selbstverständlich eine liebe Aufgabe, nun zu untersuchen, ob vielleicht irgendwo etwas zu finden sei von einer Spur, daß Goethe auch diese Anschauung von der Formumwandlung des Gehirns aus einfachen Nervenganglien schon hatte. Und siehe da, als ich ein Notizbuch mit schlecht geschriebenen Bleistiftstrichen aus den neunziger Jahren des 18. Jahrhunderts in die Hand bekam, da stand von Goethe aufnotiert diese Anschauung über das menschliche Gehirn ganz so, wie ich es vermutet hatte!

Ich weise Sie dabei hin auf eine andere Anschauungsweise — bei Goethe tritt sie allerdings noch elementar nur zutage -, auf eine andere Anschauungsweise, als die die Naturgesetze bloß intellektualistisch beobachtende ist. Ich weise Sie auf eine Betrachtungsweise hin, wie sie instinktiv in Goethe sitzt, die den ganzen Menschen zu Hilfe nimmt. In der Art von zergliedernder analytischer Experimentiermethode, die heute in der Naturwissenschaft üblich ist, kommt man nicht darauf, solche Umwandlungen richtig zu sehen, denn man muß da alles berücksichtigen, nicht bloß dasjenige, was man messen und zählen kann. Man muß auch dasjenige berücksichtigen, was man nur seiner Intensität, seiner Qualität nach beobachten kann. In der Geisteswissenschaft muß man noch weiter vorrücken. Da muß man die Dinge tatsächlich beobachten nach Eigenschaften, die ihnen der Geist der Welt, das Seelische der Welt aufprägt, die man bei der äußerlichen wissenschaftlichen Methode eben nicht findet.

Dann kommt man zu solchen Resultaten wie demjenigen, von dem man glauben könnte, daß es vielleicht nur ein Aperçu sei, das aber kein Aperçu ist, sondern das Ergebnis einer geisteswissenschaftlichen Arbeit, von der ich sagen darf, daß ich mehr als dreißig Jahre an ihr gearbeitet habe, jenes Ergebnis, das den Menschen gliedert in drei, ich möchte sagen, Unterglieder seiner Natur. Gewöhnlich nimmt man an, daß das, was im Menschen geistig ist, Seelisches ist, an sein Sinnes-Nervensystem gebunden sei. Das ist ja die heutige einseitige Anschauung — derjenige, der die Entwickelung der Wissenschaft kennt, der begreift, daß das hat so kommen müssen -, daß der Mensch heute glaubt, das geistig-seelische Leben hänge einzig und allein an dem Nervensystem. Sie können nachlesen, was ich über diesen Punkt zu sagen habe aus geisteswissenschaftlichen Untersuchungen heraus, in meinem vor zwei Jahren erschienenen Buch «Von Seelenrätseln». Da versuchte ich zu zeigen, daß an das Sinnes-Nervensystem als sein Werkzeug in der menschlichen Natur nur gebunden ist das intellektualistisch-sinnliche Leben, dasjenige, was sinnlich die Gegenstände beobachtet und sie intellektuell verarbeitet. Dagegen ist das Gefühlsleben des Menschen gebunden unmittelbar, nicht bloß mittelbar, an das rhythmische Leben im Menschen, jenes rhythmische Leben, welches einschließt das Atmungssystem, das damit zusammenhängende Blutzirkulationssystem, und das mit dem Träger des intellektualistischen Systems in einer eigentümlichen Art zusammenhängt, und zwar so: Wir haben in uns als wichtigsten Bestandteil unseres Gehirns das sogenannte Gehirnwasser. Unser Gehirn ist allerdings zunächst ein Nervenorgan, das weiterzuverarbeiten hat dasjenige, was durch die Sinne vermittelt wird. Aber dieses Gehirn schwimmt im Gehirnwasser. Und dieses Gehirnwasser, das ausfüllt unsere Haupteshöhle, unsere Rückenmarkshöhle, es hat eine besondere Aufgabe. Atmen wir aus, senkt sich das Gehirnwasser von oben nach unten. Das Zwerchfell steigt in die Höhe, das Gehirnwasser steigt dadurch nach unten; umgekehrt beim Einatmen. So daß wir in einem fortwährenden Rhythmus des auf- und absteigenden Gehirnwassers drinnen sind.

Dieser Rhythmus des auf- und absteigenden Gehirnwassers ist der äußere Träger des Gefühlslebens im Menschen. Und durch die Wechselwirkung desjenigen, was die Gehirnnerven erleben, mit dem, was als solcher Rhythmus erfolgt durch das Gehirnwasser, entsteht das, was Austausch zwischen den Gefühlen und den Gedanken ist.

Hier liegt ein Punkt, wo anthroposophisch orientierte Erkenntnis der Menschenwesenheit einen weiten Weg wird durchzumachen haben, wenn der Mensch richtig in seiner seelisch-geistigen und seiner physischen Wesenheit verstanden werden soll. Nur dann, wenn man jene Erkenntnismethoden in sich entwickelt, welche charakterisiert sind in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», in meiner «Geheimwissenschaft», in anderen meiner Schriften, dann lernt man wirklich erkennen indem man ein innerliches Seelenerleben hat, das solches zu durchschauen vermag -, wie sich abtrennen läßt Gefühlsleben von intellektuellem Leben. Sonst vermischen sie sich. Und der Mensch mit der gewöhnlichen Wissenschaft lernt gar nicht erkennen, daß das Gehirn, daß der Nerven-Sinnes-Apparat nur Träger des Intellektuellen ist, während das Rhythmische im Menschen Träger des Gefühlslebens ist.

Und ebenso ist Träger des Willenslebens der Stoffwechsel, überall, wo er vorkommt, der Stoffwechsel; auch der Stoffwechsel im Gehirn ist Träger des Willenslebens. Aber mit der Nerven-Sinnestätigkeit, mit der rhythmischen Tätigkeit, mit der Stoffwechseltätigkeit ist das Wesen des Menschen in bezug auf seine Funktionen erschöpft. Das ist der ganze Mensch. Diesen ganzen Menschen sucht aus den Erkenntniskräften wiederum des ganzen Menschen anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft zu erfassen. Daher, weil sie zu Hilfe nimmt alles dasjenige, was nicht bloß aus dem Intellekt, was aus dem Gefühlsleben und was aus seinem Träger, aus der rhythmischen Tätigkeit des Menschen kommt, weil sie auch aus dem, was geistig im Stoffwechsel webt und lebt, ihre Erkenntnisse hervorholt, kann sie den ganzen Menschen erfassen. Dadurch lernt sie eigentlich erst erkennen, was Lunge, was Leber, was Milz, was die anderen Organe im Menschen bedeuten; denn das läßt sich nur auf dem Weg erkennen, der zu Hilfe nimmt die geistige Imprägnation der Dinge.

Dadurch erlangt man eine intuitive Menschenerkenntnis, und man schafft den Weg zu einer intuitiven Medizin. Dadurch, daß man den Menschen betrachtet wie einen Mechanismus, lernt man ihn nicht erkennen. Man lernt nur das Mechanische an ihm erkennen. Dadurch, daß man den Menschen so erfaßt, daß man die Goethesche Anschauungsweise, die intuitiv ist, noch weiter ausdehnt, noch weiter vergeistigt, dadurch werden einem erst die einzelnen Organe des Menschen in ihren Metamorphosen durchschaubar. Dann aber, wenn man kennengelernt hat, was diese einzelnen Metamorphosen des menschlichen Organismus bedeuten, dann kann man den Menschen, den man jetzt erfaßt hat, in die Natur wiederum hineinstellen. Wenn man die Natur erst so erkennt, daß man den Menschen ausschaltet, dann kann man den Menschen auch nicht wiederum in die Natur hineinstellen. Lernt man den Menschen so, wie ich ihn geschildert habe, wirklich kennen, so kann man ihn auch wieder in die Natur hineinstellen. Man studiert seine Organologie, und man lernt erkennen die tiefe Verwandtschaft, die zwischen dem Menschen und dem Kosmos besteht. Dann geht einem der Zusammenhang auf zwischen dem Nahrungsmittel, das aus der äußeren Natur genommen wird, und der menschlichen Organisation. Dann geht einem aber auch der Zusammenhang auf zwischen dem Heilmittel, das aus der äußeren Natur oder auch aus dem seelischen bei der geistigen Heilung genommen wird, und der ganzen Menschennatur.

Nur skizzieren konnte ich diese Anschauungsweise über den Menschen. Aber was ich da skizziert habe, das ist der Weg aus der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft heraus in eine intuitive Medizin, in diejenige Medizin, nach der, ich möchte sagen, sich heute so viele sehnen, die vorurteilslos den Gang des medizinischen Studiums durchgemacht haben und dann auf die leidende Menschheit sich losgelassen fühlen. Sie vermissen in demjenigen, was auf sie gewirkt hat in Menschenerkenntnis und Menschenheilungskunst, das intuitive, das geistige Element. Gerade in der Medizin zeigt sich am intensivsten, wozu es eine Wissenschaft bringt, welche den Menschen ausschließt bei ihren Methoden.

Oh, ich weiß, daß ich mit dem, was ich also ausspreche, noch vor einer Mauer von Vorurteilen in der Gegenwart stehe. Aber diese Mauer von Vorurteilen, sie muß wieder und wiederum angesprochen werden. Es wird lange dauern, bis man den hier skizzierten Weg von einer größeren Anzahl von Menschen wird versucht finden, weil er allerdings weniger bequem ist als derjenige Weg, der heute eingeschlagen wird. Denn so, wie die ganze Pflanze schon im Goetheschen Sinne ein kompliziertes Blatt ist, so ist der ganze Mensch gewissermaßen aus drei Menschen zusammengesetzt: aus dem denkenden und durch die Sinne aufnehmenden Menschen, aus dem rhythmischen Menschen, aus dem Stoffwechselmenschen. Jeder stellt in einer gewissen Weise einen Menschen dar, und man muß aus den drei Menschen sich die Gesamtnatur des Menschen aufbauen. Und jedes Glied des Menschen steht in einer anderen Beziehung zur äußeren Natur. Das aber, was jener geheimnisvolle Zusammenhang zwischen Heilmittel und Krankheit ist, das kann nur der hier gekennzeichneten intuitiven Medizin aufgehen.

Ich weiß auch, daß es viele Menschen heute noch als eine Anmaßung der hier gemeinten Geisteswissenschaft empfinden, daß sie neben manchem anderen nun auch noch an die Reform der Medizin denke. Sie muß daran denken aus einer heiligen Verpflichtung gegenüber dem Menschheitsfortschritt. Denn sie muß einsehen, wie niemals der Weg, den die Naturwissenschaft zum Segen auf so vielen Gebieten in den letzten drei bis vier Jahrhunderten gegangen ist, ein heilsamer werden kann für die Behandlung des kranken Menschen. So, wie der Künstler selber kein wirklicher Künstler sein kann, wenn er nur intellektuell die ästhetischen Gesetze kennt, so kann der Arzt kein Heiler sein, wenn er nur dasjenige kennt, was heute Naturgesetze sind. Er muß sich mit seinem ganzen Menschen einleben können in das Weben und Wesen der Natur selber. Er muß untertauchen können in die schaffende und webende Natur. Dann wird er mit innigem Anteil verfolgen können auch jene Wege, welche die Natur einschlägt beim Kranksein. Dann wird ihm aufgehen aus der Anschauung des gesunden Menschen die Anschauung des kranken Menschen.

Nicht nur daß Geisteswissenschaft hinzuweisen hat auf eine Hygiene, die sie aus geistigen Kräften heraus gewinnt, Geisteswissenschaft muß die Perspektive eröffnen auf eine intuitive Medizin. Wer sich einläßt auf diese Geisteswissenschaft, der wird vernehmen, wie ich heute nur in großen Strichen und im allgemeinen, im Abstrakten einen Weg charakterisiert habe zu einer intuitiven Medizin, wie aber manches von dem, was ich hier skizziert habe, schon ausgebaut ist, wie manches nur wartet auf den Moment, an dem die offiziellen Vertreter medizinischen Wissens kommen und sich die Einsicht aneignen, daß es aufgenommen werden müsse. So in bezug auf physische Krankheiten des Leibes, so in bezug auf Erkrankungen der Seele selber. Man muß heute schon wie unbescheiden erscheinen, wenn man auf das hinweisen will, was aus guten Erkenntnisgrundlagen heraus für Menschenheil und Menschenwesen Geisteswissenschaft glaubt leisten zu können.

Ich möchte den Übergang zu dem, was ich morgen werde auseinanderzusetzen haben über die sittliche, die religiöse und soziale Natur des Menschen, dadurch gewinnen, daß ich jetzt zum Schlusse hinweise darauf, wie gerade auf einem solchen Gebiet, wie dem einer wirklichen intuitiven Medizin, es das Ideal des Geisteswissenschafters wäre, einmal sich aussprechen zu können vor denjenigen, die ganz sachverständig sind. Würden sie sich einfinden und würden sie ihre Sachverständigkeit vorurteilslos sprechen lassen, dann würden sie sehen, welche Befruchtung gerade diese Sachverständigkeit erfahren könnte von seiten der Geisteswissenschaft. Geisteswissenschaft fürchtet die Kritik der Sachverständigen nicht. Geisteswissenschaft ist kein laienhafter Dilettantismus. Geisteswissenschaft versucht zu schöpfen aus tieferen wissenschaftlichen Grundlagen heraus, als die gewöhnliche heutige äußere Wissenschaft ist. Geisteswissenschaft weiß, daß laienhafter Sinn, nicht Sachverständigkeit dasjenige ist, vor dem sie sich vielleicht fürchten könnte, wenn sie sich nicht das Fürchten längst abgewöhnt hätte aus leicht begreiflichen Gründen. Vor Sachverständigkeit, vor Vorurteilslosigkeit hat Geisteswissenschaft keine Scheu zu tragen, sich nicht zu fürchten. Ste weiß: je sachverständiger man ihre Ergebnisse betrachten wird, desto mehr wird man im positiven Sinne auf sie eingehen. Gerade an dem, was einem als Perspektive einer intuitiven Medizin vorschweben kann, möchte man erinnern an ein altes Wort, dessen Universalwert ich heute nicht untersuchen möchte, das aber in einem gewissen eingeschränkten Sinne ganz gewiß für diejenige Anschauungsweise gelten muß, die sich willig zeigt, ihre Anwendung zu finden in der Behandlungskunst des kranken Menschen. Alte Weise haben gesagt: Gleiches werde nur von Gleichem erkannt. Um den Menschen zu heilen, muß man ihn erst erkennen. Was vom Menschen heute in der Wissenschaft sich betätigt, ist nicht der ganze Mensch, darum nicht der Mensch, darum nicht ein dem Menschen Gleiches. Wenn der ganze Mensch aufgerufen wird zur Erkenntnis des Menschen, dann wird Gleiches — der Mensch - von Gleichem - von dem Menschen - erkannt werden. Und dann wird eine Menschenerkenntnis und eine Menschenbehandlungskunst entstehen, welche auf der einen Seite des Menschen Gesundheit erhalten wird im sozialen Zusammenleben, soviel sie nur erhalten werden kann, und welche auf der anderen Seite die Krankheit so behandeln wird, wie sie nur aus der Zusammennahme aller wirklichen Heilfaktoren heraus behandelt werden kann.

German original of The Spiritual Foundations of Physical and Mental Health · ← Previous · Next →