From a Unitary State to the Tripartite Social Organism
GA 334 — 4 May 1920, Basel
9. Geisteswissenschaft (Anthroposophie) Im Verhältnis Zu Geist Und Ungeist In Der Gegenwart
In diesen drei Vorträgen möchte ich von einer gewissen Seite her eine Art zusammenfassenden Bildes geben von dem Wollen der geisteswissenschaftlichen Bewegung, von jenem Wollen, das hervorgeht aus den klar ersichtlichen Aufgaben der Gegenwart selber und aus dem, was man erkennen kann an Menschheitsaufgaben für die nächste Zukunft.
Ich möchte heute in einer Art Einleitung Bemerkungen machen über das Wesen der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft und über die Notwendigkeit einer geisteswissenschaftlichen Bewegung innerhalb des Zivilisationslebens der Gegenwart. Ich möchte dann morgen insbesondere zeigen, wie diese Geisteswissenschaft zu einer tieferen Erkenntnis, einer lebensvoll erfaßten Erkenntnis des menschlichen Seelen- und Geisteswesens, und von da aus dann zu einer Vertiefung des sittlichen, des moralischen Bewußtseins führt. Ich möchte dann auch zeigen, wie sich diese Geisteswissenschaft zu den religiösen Bekenntnissen der Gegenwart stellen muß, und ich möchte endlich im dritten Vortrage zeigen, wie die Kalamität in der Gegenwart aus den psychologischen Eigentümlichkeiten der heute über die Erde verbreiteten Völker hervorgeht, wie sie hervorgegangen sind aus der geschichtlichen Entwickelung dieser Völker. So daß ich gewissermaßen vorschreiten möchte von einer Charakteristik der Geisteswissenschaft zu einer Betrachtung über die gegenwärtige Zivilisation, beleuchtet vom geisteswissenschaftlichen Standpunkte aus.
Wenn man heute äußerlich, oberflächlich, wie es schon einmal dem Geschmacke sehr vieler Zeitgenossen entspricht, von so etwas hört, wie die Geistesbewegung ist, deren äußerer Repräsentant der Dornacher Bau ist, so hat man sofort das Gefühl: So etwas kann ja eigentlich nur für den Sonntag sein, denn an allen Wochentagen haben die Menschen ihre nützlichen Beschäftigungen, die geregelt sind, die vielleicht einmal durch irgendwelche Ereignisse in vier oder fünf Jahren große Unregelmäßigkeiten gezeigt haben, die aber wieder aufgebaut werden, insofern sie zerstört sind — aber man hat nicht das Gefühl, daß so etwas, das mit diesen Alltagsaufgaben der Menschheit zu tun habe, entstehen könne durch eine geistige Bewegung. So ist denn auch die Meinung entstanden, daß alles dasjenige, für das der Dornacher Bau der äußere Repräsentant ist, eben eine sektiererische Bewegung sei, eine Art neue Religionsbildung sein wolle, und überläßt es höchstens denjenigen, die mit einem gewissen, aus dem einen oder anderen Beweggrund hervorgehenden Fanatismus an dem Alten hängen, alle möglichen Kampfesarten gegen eine solche Bewegung zu suchen.
Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, neben allem anderen möchte ich gerade heute gleich beim Ausgangspunkte dieser Betrachtung darauf hinweisen, daß die Geistesbewegung, die hier gemeint ist als anthroposophisch orientierte, in den letzten Wochen daran gegangen ist, sehr praktische Tätigkeiten zu entfalten. So wie an anderen Orten, so ist auch hier eine ganz praktische Tätigkeit im Gange, indem versucht wird, durch eine — bitte, es kann sogar paradox klingen, wenn man im Namen einer geisteswissenschaftlichen Bewegung spricht —, durch eine «Aktiengesellschaft zur Förderung wirtschaftlicher und geistiger Werte» dem niedergehenden gegenwärtigen Leben einen Aufbau entgegenzusetzen. Ganz praktische Tätigkeiten sollen in der nächsten Zeit begonnen werden. Und da soll auch gezeigt werden, wie dasjenige, was gemeint ist mit der anthroposophisch orientierten geisteswissenschaftlichen Bewegung, wirklich nicht eine Summe von Sonntagnachmittags-Predigten ist, sondern etwas, was innig zusammenhängt mit dem, was unsere Zeit an neuen Einschlägen auch des praktischen Lebens braucht.
Lassen Sie mich deshalb auch ausgehen von einer charakteristischen Darstellung des praktischen Lebens nach einer bestimmten Richtung hin, um dann gerade von da aus intimer das Wollen anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft charakterisieren zu können. Es haben manche Leute, die heute aus mehr oder weniger Ideologie, aus Utopismus heraus das soziale Leben reformieren wollen, ja auch schon bemerkt, worauf ich jetzt hinweisen will; aber sie haben es nicht so bemerkt, daß sie haben hinschauen können auf das Prinzipielle, auf das es ankommt.
Man kann, wenn man verschiedene Bewegungen des 19. Jahrhunderts verfolgt, die seit der Mitte des Jahrhunderts darauf ausgingen, an die Stelle der Gold- und Silberwährung, der Doppelwährung, die Goldwährung als einheitliche Währung zu setzen, man kann bemerken, daß diese Anhänger des, sagen wir, Monometallismus, unter einem ganz bestimmten Gesichtspunkte die Sache anfaßten. Sie sagten - und man kann das aus unzähligen Parlamentsberichten der europäischen Volksvertretungen konstatieren -, es müsse sich unter dem Einflusse der einheitlichen Goldwährung über die ganze zivilisiierte Welt hin der Freihandel entwickeln, der Freihandel als der eigentliche Träger des ungehinderten Wirtschaftslebens, der nicht beeinträchtigt werde durch allerlei Zollschranken, Schutzzölle und so weiter. In allen möglichen Tonarten ist dieses von der Förderung des Freihandels durch den Monometallismus, durch die Goldwährung, besprochen worden. Aber was ist eingetreten unter dem Einfluß der Goldwährung? Gerade dort, wo diese Goldwährung in radikaler Weise eingedrungen ist, ist überall das Gegenteil von dem gekommen, was die gescheiten ökonomischen Praktiker vorausgesagt haben! Überall hat sich die Notwendigkeit ergeben, zu Schutzzöllen zu greifen, einschließlich der amerikanischen Staaten. Das heißt, diejenigen, die über die Goldwährung gesprochen haben aus ihrer praktischen Lebenskenntnis heraus oder aus nationalökonomischer Wissenschaft heraus, sie haben sich fast alle über dasjenige geirrt, was in der Wirklichkeit wurzelte.
Nun kann man sagen: Sind denn die Menschen alle dumm gewesen? Haben denn die Menschen wirklich keine Logik gehabt? Haben sie so wenig verstanden von dem Leben, daß das Gegenteil von dem eingetreten ist, was sie vorausgesagt haben? Ich bin nicht der Ansicht, daß die Leute etwa lauter Dummköpfe gewesen wären, die im Laufe des 19. Jahrhunderts sich für den Freihandel auseinandergesetzt haben, ich finde sogar, daß das sehr gescheite Leute gewesen sind, daß sie mit scharfer Logik gesprochen haben und dennoch nichts getroffen haben von der Wirklichkeit! Dasjenige, was nicht eingesehen wird, wenn man heute eine solche Sache bespricht, ist eben, daß man im Sinne derjenigen Denkungsweise, die sich im Laufe der letzten drei bis vier Jahrhunderte in der zivilisierten Welt herausgebildet hat, sehr gescheit sein kann und dennoch mit seinem Urteil wirklichkeitsfremd sein kann, daß man sich für einen großen Praktiker halten und die unpraktischsten Ratschläge geben kann, die nur irgend möglich sind. Und im Grunde genommen waren es diese unpraktischen Ratschläge, die im Laufe der letzten Jahrzehnte die Menschheit in ihre furchtbare Katastrophe hineingetrieben haben. Man hat insbesondere in Deutschland sehen können, wie die wirkliche Beherrschung der Zustände allmählich übergegangen ist in das Urteil der großen oder kleinen industriellen und kommerziellen Führer des Staates. Andere Leute sind mehr oder weniger abhängig geworden von den industriellen und kommerziellen Führern. Viel größer war der Einfluß der kommerziellen und industriellen Führer, als man eigentlich denken möchte. Erst während des Krieges hat sich gezeigt, wie eigentlich alles auf die Urteile von diesen Seiten gehört hat, und wie verhängnisvoll die Urteile von diesen Seiten aus geworden sind.
Und daran konnte man eben sehen, daß sich das ganze öffentliche Leben gewissermaßen summiert aus dem Urteile solcher angeblichen Praktiker heraus. Das aber hat die Summe gegeben, die als die verhängnisvolle Katastrophe über die zivilisierte Menschheit in den letzten fünf bis sechs Jahren hereingebrochen ist und die noch lange nicht abgeschlossen ist.
Was anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft überhaupt veranlaßt aufzutreten, das ist die Bemerkung dieser Tatsache. Das war der Grund, warum gerade von der Seite her, von der diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft geltend gemacht wird, immer wieder und wiederum auf die praktische Auslebung dieser Geisteswissenschaft hingewiesen werden muß. Ich weiß, wie es einzelne Menschen, selbst die kleine Gruppe hier in Basel überrascht hat, als ich vor vielen Jahren darauf hingewiesen habe, daß wir ja mit einer sozusagen halbpraktischen Tätigkeit begonnen haben, nämlich Mysterienspiele aufzuführen. Das haben schon manche «Mystiker» für etwas gehalten, das man eigentlich nicht tun sollte; denn da verschwägert man sich schon in einer gewissen Richtung mit praktischen Maßnahmen, die man nötig hat. Aber ich habe dazumal gesagt: Mein Ideal wäre es, nicht etwa bloß Spiele aufzuführen, sondern eine Banktätigkeit zu entfalten, um gerade das Praktischste des Lebens mit derjenigen Denkweise zu durchdringen, welche notwendig ist, wenn man fruchtbare Geisteswissenschaft treiben will. Indem ich immer davon überzeugt sein mußte, aus sachlichen Untergründen heraus, daß man nicht durch ein ungesundes, kurzsinniges Denken zu den Ergebnissen kommt, zu denen Geisteswissenschaft kommen will, sondern gerade durch ein gesundes, umsichtiges und geistesgegenwärtiges Denken, und daß man lernen kann an Geisteswissenschaft das Denken so zu schulen, wie man es unter der materialistischen Betrachtungsweise der letzten Jahrhunderte eben nicht schulen konnte; daß man gerade praktisch werden kann für das Leben durch die gesunde Denkweise, die notwendig ist, wenn man Geisteswissenschaft in dem Sinne, wie es hier gemeint ist, treibe. Ich möchte sagen: Es fällt gewissermaßen als ein Nebenprodukt ab die gesunde Behandlung des Lebens. Man ist gedrängt, wenn man nicht blöde, nebulose, sondern wahre Einsicht in das Weltwesen durch Geisteswissenschaft erwerben will, nicht ein schwafelndes, nebuloses Denken zu entfalten, sondern ein Denken von viel größerer Klarheit, als man es heute gerade in der Wissenschaft gewöhnt ist. Und entfaltet man dieses Denken, gibt man sich Mühe, das zu verstehen, was Geisteswissenschaft verstanden wissen will, dann schult man das Denken nebenbei so, daß man auch in praktischen Gebieten des Lebens richtig und sachgemäß denken kann und nicht mehr voraussagt, der Monometallismus werde den Freihandel entwickeln, wenn die Verhältnisse so liegen, daß unter der Goldwährung gerade die Schutzzölle kommen!
Es entsteht gerade auf diese Art von Weltbetrachtung, die hier die Anthroposophie genannt wird, Lebenspraxis, wirkliches Untertauchen in die Realität im Gegensatze zum Materialismus, der überall nach dem Intellektuellen, nach dem bloß äußeren Betrachten der Welt hintendiert und unfruchtbar bleibt, mit Ausnahme des einzigen Gebietes, wo er fruchtbar sein konnte, wo er von Triumph zu Triumph geführt hat: dem der äußeren Technik. Um aber nach dieser Richtung klar zu sehen, ist es notwendig, daß dasjenige, was ich von den verschiedensten Gesichtspunkten im Laufe der Jahre hier über das Wesen anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft entwickelt habe, wenigstens mit ein paar Worten heute noch einmal berührt wird. Anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft geht im Grunde von der intimsten innersten menschlichen Seelentätigkeit aus. Sie macht geradezu diese menschliche Seelentätigkeit zur Methode geisteswissenschaftlicher Forschung. Aber indem dasjenige, was in den Tiefen der Menschennatur als Tätigkeit, als Wesen liegt, durch diese Geisteswissenschaft erkundet wird, wird der Mensch zu gleicher Zeit hingewiesen auf das ganze Universum, auf das natürliche Universum und auf das soziale Universum. Der Mensch wird gerade dadurch in die Tiefen der Welt hineindringen, daß er lernt, in sachgemäßer Weise in die Tiefen des eigenen Wesens hineinzuschauen.
Von zwei Dingen im menschlichen Erleben muß die Geisteswissenschaft ausgehen: Erstens von einer Weiterentwickelung des Vorstellungslebens und zweitens von einer Weiterentwickelung des Willenslebens. Wir entwickeln in einem gewissen Sinne dasjenige, was Vorstellen, Denken ist, entweder für die äußere praktische Welt oder auch für die landläufige Wissenschaft. Und wir entwickeln unsern Willen, insoferne wir eingespannt sind, ich möchte sagen, in instinktiv heraufgetriebene soziale Zustände. Geisteswissenschaft aber führt dazu, anzuerkennen, daß ebenso, wie man die noch unentwickelten Kräfte des Kindes so entwickeln kann, daß es dann als erwachsener Mensch sich mit einem gewissen Vorstellen, mit einem gewissen Wollen in die Welt hineinstellen kann, daß man ebenso dasjenige, was der Mensch heute aus einer gewissen Bequemlichkeit heraus betätigt, weiter entwickeln kann als das alltägliche und auch das wissenschaftliche Vorstellen und Wollen. Dazu ist allerdings notwendig, daß man sich zuerst in einem gewissen Sinne eine richtige Menschenerkenntnis erwirbt. Man muß die Möglichkeit gewinnen, hinzuschauen auf den werdenden Menschen. Man wird ja ohnedies lernen müssen, auf den werdenden Menschen zu sehen, was sich als Notwendigkeit gerade für eine Reform des Erziehungswesens ergibt. Dieses Erziehungswesen wird reformiert werden müssen. Man wird es tun, wenn man einsehen wird, daß ein großer Teil der sozialen Verwirrung der heutigen Tage von dem verfehlten Erziehungs- und Unterrichtswesen herrührt. Aber man wird nicht früher das Erziehungswesen reformieren können, bevor man nicht mit einer wirklichen Sachkenntnis den werdenden Menschen betrachtet, diesen werdenden Menschen, der in jedem einzelnen Exemplar ein Rätsel darstellt, das in einem gewissen Sinne gelöst sein will. Wir betrachten das werdende Kind. Welche wunderbaren Ereignisse treten uns entgegen, wenn wir das Kind in den ersten Wochen, in den ersten Monaten, in den ersten Jahren seines Heranwachsens betrachten, wenn wir wirklich nicht hinwegschauen über dasjenige, was von Woche zu Woche, von Monat zu Monat, von Jahr zu Jahr geschieht, sondern uns vertiefen in diesen werdenden Menschen: was für Wunder des Geschehens, des Weltgeschehens treten uns da entgegen!
Gewöhnlich sieht man zum Beispiel auf so etwas, wie es der Zahnwechsel ist, eben nur ganz äußerlich hin. Man betrachtet nicht dasjenige, was mit dem Zahnwechsel zugleich als eine völlige Umwandlung der ganzen kindlichen Seelenverfassung vor sich geht. Bis zum Zahnwechsel lebt das Kind so, daß es im Grunde genommen als innersten Instinkt Nachahmung desjenigen hat, was in seiner Umgebung durch Menschen geschieht, namentlich durch diejenigen Menschen, mit denen es durch Blut oder Erziehung zusammengewachsen ist. Jede Handbewegung, die das Kind macht, können wir begreifen, wenn wir wissen, wie das Kind hingegeben ist an die Menschen seiner Umgebung; und im Grunde ist jede Handbewegung eine Nachahmung, wenn auch manchmal so, daß sich das Nachahmewesen kaschiert. Aber wer beobachten kann, merkt, daß zum Beispiel auch in der Sprachbildung eine Angliederung, eine nachahmende Angliederung an die Umgebung vorhanden ist.
So sehen wir, wie das Kind in den ersten Lebensjahren ein Nachahmer ist. Und indem wir das Kind so betrachten und sehen, wie von Woche zu Woche, von Monat zu Monat, von Jahr zu Jahr aus den innersten Tiefen heraus dasjenige wächst, was sich dann überträgt in Form, in Geste, in Bewegung und Handlung, in Laut, in Gedanken, wenn wir das beobachten bei dem Kinde, so werden wir bemerken — wenn man es nicht anders kann, so werden wir meinetwillen durch Hypothese zunächst zu der Vorstellung kommen -, wie das Seelisch-Geistige nun an dem Leiblichen arbeitet. Und vertieft man sich in eine solche Beobachtung, schaut man hin, wie das Seelisch-Geistige an dem Leiblichen arbeitet, dann kann man nicht anders, als diese Arbeit des Seelisch-Geistigen an dem Leiblichen bis hinein in das Innerste zu verfolgen. Dann wird man sich sagen: Da geschieht etwas Bedeutsames durch den ganzen Organismus hindurch, was sich um das siebente Jahr herum auslebt in den zweiten Zähnen, die die Milchzähne ersetzen. Da ist gewissermaßen in diesem Zahnwechsel ein Schlußpunkt.
Und was tritt dann auf bei dem Kinde, wenn der Zahnwechsel abgeschlossen ist? Das tritt auf — jeder kann das, indem er sich an sein eigenes Leben zurückerinnert, klar und deutlich bemerken -, daß dann bei dem Kinde die Vorstellungen, die vorher in einer gewissen Weise flüchtige waren, die kamen und gingen, die chaotisch waren, daß diese Vorstellungen sich in strengere Konturen formen, daß sie sich so fest gestalten, daß sie gewissermaßen kristallisieren, um dann zu bleibenden Erinnerungen zu werden.
Das Erinnerungsvermögen tritt allerdings bei manchen Menschen schon früher auf, aber die festumrissene Erinnerung, die zu Gedanken gestalteten Erinnerungen, die treten dann auf. Und wer dann diese Vorstellungsreihe verfolgt, der wird nicht umhin können, sich zu sagen: Ja, das ist ja dieselbe Tätigkeit; bis zum Zahnwechsel hin war eine geistig-seelische Tätigkeit, um die Zähne herauszutreiben. Diese geistig-seelische Tätigkeit wirkte im Organismus. Jetzt hat sie ihre Tätigkeit, ihr Feld abgeschlossen. Jetzt tritt sie als geistig-seelische Tätigkeit selber auf. Die festumrissenen Gedanken, die Gedanken, die der Erinnerung mächtig sind, diese Gedanken treten jetzt auf. Was haben sie früher getan? Sie waren es, die im Organismus gearbeitet haben, um die Zähne herauszuarbeiten; dieselbe Tätigkeit, die später im Denken und im Erinnern lebt, lebte im Organismus, war dort tätig, um die Zähne herauszutreiben. Es ist gewissermaßen eine organische Tätigkeit, metamorphosiert, umgewandelt zu einer geistig-seelischen Tätigkeit. Und als solche geistig-seelische Tätigkeit lebt sie nun weiter im Menschen.
Sehen Sie, von diesen Dingen geht in streng methodischer Weise anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft aus. Sie sagt sich: Man versuche nur einmal hinzuschauen, wie in starker Weise in den ersten sieben Lebensjahren dasjenige im Organismus tätig ist, was später nur als Gedankenarbeit, als Erinnerungsarbeit wirkt. Nun sage man sich, man nähme diese verstärkte Tätigkeit des Denkens, des Vorstellens auf, man halte sich daran, nicht bloß die umgeserzte geistig-seelische Tätigkeit der späteren Jahre in seiner Seele arbeiten zu lassen, sondern die stärkere Tätigkeit, die imstande war, nicht bloß Gedanken zu Erinnerungen zu formen, sondern die Zähne herauszutreiben. Das ist aber nur ein Teil der Tätigkeit, der größere, intensivere, bis zum siebenten Jahre. Diese stärkere Tätigkeit wird in Angriff genommen durch dasjenige, was anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft das Meditieren nennt. Meditieren ist nichts anderes als ein verschärftes Denken, als ein intensiver gemachtes Denken, als ein ausgebildetes Denken. Die Meditation besteht darin, daß man einen Gedanken oder eine Gedankenreihe - für den einen Menschen ist das gut, für den anderen jenes, das Genauere findet man mitgeteilt in den Schriften: «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», in «Die Geheimwissenschaft im Umriß», «Vom Menschenrätsel» und «Von Seelenrätseln» und so weiter —, diese Meditation, die hier gemeint ist, besteht darin, daß man einen Gedanken oder eine Gedankenreihe intensiv in den Mittelpunkt des Bewußtseins stellt und dann so stark seelisch-geistig in dieser Gedankenreihe tätig ist, daß man nun nicht bloß jene abstrakte, intellektualistische Gedankentätigkeit entfaltet, die man in der gewöhnlichen Wissenschaft oder im gewöhnlichen Leben hat, sondern jene intensive Gedankentätigkeit, die, wären wir noch Kinder unter sieben Jahren, in unseren Organismus eingreifen würde, im Organismus drinnen brodeln und kochen würde. So aber trägt sie uns, nachdem wir sie als seelisch-geistige Tätigkeit treiben, dahin, daß wir lernen mit Gedanken zu leben wie mit Realitäten. Man sehe einmal nach, wie die Menschen im alltäglichen Leben oder in der gewöhnlichen Wissenschaft dem Gedanken, dem Urteil gegenüber leben; die regen sie nicht auf. Es regt einen Menschen auf, wenn er mit einem befreundet ist und der ihn schädigt oder er verliebt ist in einen anderen, oder Hunger oder Durst hat und so weiter. Die Dinge des Leibes regen den Menschen auf; die Gedanken nicht in der gleichen Weise.
In dem Gedanken lernt man sich bewegen durch das Meditieren, wie man sich bewegt im Alltag. Und nach und nach wird es so, daß man merkt, man macht ja innerlich durch dieses Meditieren einen Ruck durch. Während man im gewöhnlichen Leben eine Art Führung in seiner Gedankenwelt hat durch die Außenwelt, während man sich hingibt den Gedanken, die uns umgeben je nachdem sie kommen durch die ungezügelten Erinnerungen, auftauchen, wieder verschwinden und so weiter, besteht das Meditieren darinnen, daß man aus dem eigenen Willen heraus seine Gedanken in das Bewußtsein hineinbringt, daß man einen Gedanken so handhabt, wie man meinetwillen die Hand bewegt, wenn man mit der Hand irgend etwas ausführt. Und man bekommt nach und nach tatsächlich das Gefühl, daß man denken lernt, wie man sonst greifen oder sonst gehen gelernt hat: daß die Gedankentätigkeit sich als etwas vom Menschen Abgesondertes ergibt. Wenn man so vordringt zu einer solchen Gedankentätigkeit, die intensiver ist als die gewöhnliche Gedankentätigkeit, zu einer Gedankentätigkeit, von der man innerlich erlebt: Wäre man noch Kind, würde dieses Denken, das man im Meditieren entwickelt, sogar in das Wachstum, in die Gestaltung des Leibes eingreifen — wenn man dieses Denken entwickelt, dann lernt man das kennen, was es heißt: im Denken selber, im Vorstellen leibfrei sich einer Tätigkeit hingeben.
Es ist ja ganz richtig, daß das gewöhnliche Denken ganz an das Gehirn gebunden ist. Und das lernt man gerade dann erkennen, wenn man dieses leibfreie Denken, zu dem man sich nur durch meditative Entwickelung erheben kann, kennenlernt. Dieses Denken, das ebenso in die Willkür gestellt ist wie die Handbewegungen, wie die Beinbewegungen, das man durch Anstrengung vollführen kann, unter dem man ermüdet, das man nach einer bestimmten Zeit so unterlassen muß, wie man unterlassen muß die Anstrengung des äußeren Leibes, wenn man dieses Denken so kennenlernt, so von innen kennengelernt hat, dann hat man überhaupt erst ein Erlebnis von dem schaffenden Denken, von dem schaffenden Vorstellen. Dann ergreift man in dem Menschen ein Wesen, das ätherisch-denkerisch ist und das zugleich dasjenige ist, das durch die Geburt oder sagen wir durch die Empfängnis aus übersinnlichen Welten heruntergestiegen ist, und eben als Plastiker, als Architekt am menschlichen Leibe mitgearbeitet hat. Wir haben dasjenige erfaßt, was am menschlichen Leib arbeitet, und wir haben damit lebensvoll uns zurückversetzt in das, was wir Menschen waren, bevor wir in diesen physischen Leib heruntergestiegen sind und den Leib angenommen haben, der uns gegeben worden ist durch die Vererbung von Vater, Mutter und so weiter. Wir haben ein Erlebnis von dem Vorgeburtlichen oder von dem Leben vor der Empfängnis, ein Erlebnis von dem, was unser übersinnliches Dasein war vor dem jetzigen physischen Dasein.
Durch die Ausbildung des Denkens erweitert sich unser Menschenleben über Geburt und Empfängnis hinaus. Das, was ich Ihnen hier erzähle, ist geradeso sicheres Ergebnis einer strengen methodischen Untersuchung, die auf den Wegen wandelt, die ich Ihnen hier skizzierte, wie irgendein chemisches Resultat. Nicht sicherer ist dasjenige, was die Chemie im Laboratorium oder die Astronomie auf der Sternwarte zuwegebringt als dasjenige, was so aus der Intimität des entwickelten menschlichen Gedankenlebens als Erkenntnis der übersinnlichen Menschenwesenheit vor der Geburt hervorgeht; es ist einfach weiterentwickeltes Denken, welches die Methode liefert, in die übersinnliche Welt einzudringen. Dieses Denken liefert allerdings dann die Möglichkeit, auch etwas zu sagen über dieses vorgeburtliche Leben. Darauf wollen wir morgen zurückkommen. Ich möchte aber jetzt hinweisen auf die andere Seite desjenigen, was im Menschen entwickelt werden muß, damit er aufsteigt von der sinnlichen Erkenntnis zu der übersinnlichen Erkenntnis. Dieses andere ist der Wille. Und um die Bedeutung dieser Willensentwickelung einzusehen, brauchen Sie nur daran zu denken, wie weit entfernt dasjenige ist, was wir den Inhalt unserer sittlichen Ideale, der sittlichen Impulse nennen, von dem, was äußeres Naturgeschehen, was auch Naturgeschehen im Menschen ist. Das ist ja gerade die Sorge der philosophischen Weltanschauung, daß die sogenannten Ideale nicht herangebracht werden können an das Naturdasein. Da beschreiben auf der einen Seite die Geologen und Astronomen, wie unsere Erde mit alledem, was zu unserem Planetensystem gehört, aus einem Urnebel nach ewigen, ehernen Gesetzen hervorgegangen ist, wie sie sich abgespalten hat, wie Pflanzen sich entwickelt, Tiere sich entwickelt haben bis herauf zum Menschen. Dann verfolgen sie das, um Hypothesen darüber aufzustellen, wie das alles wiederum zugrunde gehen wird. Aber bedenken wir: In diese Welt stellt sich nicht hinein die Welt der Ideale, die Welt desjenigen, was wir uns vorsetzen müssen, wenn wir ein menschenwürdiges Dasein führen wollen, die Welt desjenigen, unter dessen Einflusse wir unsere Handlungen ausführen; alles dasjenige, was zu unserem Gewissen spricht, das stellt sich nicht hinein. Aber, meine sehr verehrten Anwesenden, was hat denn das für eine Bedeutung für alles das, was vor sich geht als rein natürliches Dasein? Keine Brücke kann geschlagen werden in der heutigen Weltanschauung von dem sittlichen Ideal zu dem, was sich natürlich entwickelt. Hin schaut der Astronom, der Geologe auf einen Endzustand der Erde, wenn alles entweder dem Wärmetod verfallen wird, oder, wie andere beschreiben, vereist sein wird und so weiter, da wird dasjenige, was jetzt Erdenleben ist, ein grandioses Grab sein. Was wird geworden sein aus dem, was wir die sittlichen Ideale nennen? Sie sind gleichsam wie der menschliche Gedanke, Gedanken, die wie hinhusehen über dem natürlichen Dasein für eine solche materialistische Weltanschauung. Wer vom Gesichtspunkt der hier gemeinten Geisteswissenschaft ausgeht, theoretisiert nicht über diese sittlichen Ideale, sondern sucht auf einem anderen Wege das Leben zu vertiefen. Er versucht vor allen Dingen, etwas in die menschliche Willkür hereinzubekommen, was sonst nur so vom Menschen betrachtet wird, daß er sich ihm in passiver Weise überläßt.
Und wiederum hilft uns, um das, was ich meine, zu begreifen, wenn wir die zweite Epoche des menschlichen Lebens, die Epoche vom Zahnwechsel bis zur Geschlechtsreife mit unbefangenem Auge betrachten. Wir sehen wiederum, wie sich in dem Kinde vom 7. bis 14. Jahre nach und nach gewisse Kräfte herausentwickeln, die ihre Kulmination erleben im 14., 15. Jahre. Wir sehen, wie da zunächst die individuelle Liebe auftaucht, wie alles dasjenige, was mit der Fortpflanzung des menschlichen Geschlechtes zusammenhängt, auftaucht. Aber gewöhnlich verfolgen wir nicht, wie ein Geistig-Seelisches vom 7. bis zum 14., 15. Jahre wiederum so arbeitet wie in den ersten sieben Lebensjahren und einen Abschluß findet, so daß es frei wird und gewissermaßen erlöst wird aus der organischen Tätigkeit mit dem 14., 15. Jahre. Wenn wir den Knaben in seiner Entwickelung betrachten, dann finden wir — in einer etwas anderen, hier nicht weiter zu erörternden Weise, mehr seelisch ist es beim weiblichen Geschlecht —, wir finden den Abschluß dieser Lebensepoche in der Umänderung der Stimme, in dem anderen Timbre, den da die Stimme annimmt. Was ist das eigentlich, was da in die Sprache hineingeschossen ist? Beobachtet man unbefangen, so findet man: Es ist der Wille, wie es in den ersten sieben Lebensjahren das Vorstellungsleben war, das sich dann zu einem erinnerungsfähigen Gedanken formt, jetzt ist es der Wille, der in den Organismus hineinschießt, der sich dem Organismus eingliedert und von jetzt ab als freier Wille die Sprache durchdringt, während bis dahin das Kind bis zum 14., 15. Jahre in seiner Sprache nicht frei war, sondern - man kann das nachweisen — unter dem Einflusse der Umgebung gestanden hat. So daß wir uns sagen können: In der zweiten Lebensepoche ist dasjenige, was später als Wille auftritt, das Organgestaltende. Und es tritt, im Jünglingsalter dann, im 17., 18. Jahr bis in die Zwanzigerjahre hinein zutage, indem es den Jüngling durchglüht mit Idealen. Es ist frei geworden dasjenige, was gearbeitet hat an dem, was dann als Geschlechtsliebe, als Menschenliebe überhaupt, erscheint. Was da frei geworden ist nach dem 14., 15. Lebensjahr in der Geschlechtsreife, es hat gearbeitet bis zum 7. Jahr; der Wille ist es- erst der Wille, der an das Organ gebunden ist, dann der frei werdende Wille. Nimmt man das wiederum auf, und zwar in der Weise, daß man jetzt an den Willen sich wendet und das, was man gewöhnlich eigentlich passiv als Mensch hinnimmt, ins Aktive verwandelt, dann wird man sehen, daß sich eine zweite, besondere geistig-seelische Kraft in der menschlichen Innerlichkeit entwickelt. Man erreicht das dadurch, daß man beobachtet, wie man sich sagen kann: Siehst du auf deinen Lebensweg zurück, so bist du eigentlich von Jahr zu Jahr — das wird weniger bemerkt -, jedenfalls aber von Jahrzehnt zu Jahrzehnt ein anderer geworden. Das Leben, äußere Verhältnisse, Leiden, Freuden, alles mögliche greift in das Leben ein. Und jeder von Ihnen frage sich, ob er nicht im Laufe der Jahrzehnte ein anderer geworden ist? Das aber hat man nicht in seiner Gewalt. Das Leben schleift einen ab. Das Leben macht einen zu einem anderen.
Geisteswissenschaftliche Methode besteht gerade darin, daß man auf diesem Gebiete auch die Entwickelung selbst in die Hand nimmt, daß man ernster, als man das sonst tut, zum Beispiel die sittlichen Lebensideale nimmt, diese sittlichen Lebensideale sich selber einverleibt, prüft, wie man irgend etwas, das man sich vorsetzt, so gestalten kann, daß man es will, wie man essen will, wenn man hungrig ist. Dazu kann man es bringen. Man kann es dazu bringen, daß das, was sonst nur abstrakte moralische Ideale sind, Instinkt wird, daß es innerlicher Trieb wird. Dann allerdings nähert sich dasjenige, was sonst, wie ich gesagt habe, über der Natur schwebt, von dem man nicht einsehen kann, was es eigentlich für eine Bedeutung hat, es nähert sich das dem menschlichen inneren organischen Werden. Ja, wenn das vielen auch paradox klingen wird, es tritt ein Zeitpunkt ein, wo auf einen moralische Impulse so wirken, wie sonst auf den Geschmack die Speisen wirken. Man hat nicht mehr nur das abstrakte Gefühl gegenüber irgend etwas, was man für gut oder schlecht findet, sondern man bekommt eine innerliche Antipathie gegen etwas moralisch Ungeheuerliches oder Schlechtes oder auch nur Tadelnswertes, wie man eine Antipathie bekommt gegen das, was schlecht schmeckt. Was sonst in abstrakten Höhen schwebt, nähert sich intim dem, was sonst im Geschmack, im Geruche lebt. Man bekommt ein Gefühl davon, wenn man nur einen Arm hebt, so ist dasjenige, was man sich vorsetzt, wirksam im Stoffwechsel des Armes. Man bekommt mit anderen Worten, wenn man also seine menschliche Entwickelung aktiv in die Hand nimmt, ein Gefühl von dem Durchdringen des Geistig-Seelischen gegenüber dem Physisch-Leiblichen. Wie man im Denken, wenn man es entwickelt, frei wird von dem Leiblichen, so wird man es durch die andere Entwickelung, die ich jetzt erörterte, die einfach dasjenige, was vom 7. bis 14. oder 15. Lebensjahr hin im Organismus wirkt, so intensiv aufnehmen, daß da die Liebe nicht bloß so wirkt wie sonst im Leben, im sozialen oder im individuellen Leben, sondern daß die Liebe so wirkt, daß sie organisch uns erst zum Leibe gestaltet. Wenn man nun jene Intensität der Liebe auf die eigene Selbsterziehung anwendet, dann erlangt man in dem Willen dasjenige, was stark genug ist zu wirken, wenn auch dieser Leib der Erde oder den Elementen übergeben wird. Hat man einmal eingesehen, wie der Wille die Macht besitzt, auf den Leib zu wirken, wie der Wille nicht bloß sittliche Impulse in uns abstrakt veranlagt, sondern wie der Wille uns nötigt, die sittlichen Impulse zu empfinden, wie sonst Speisen durch den Geschmack empfunden werden, dann hat man auch begriffen, wie dieser Wille eingreift in das eigene menschliche natürliche Dasein, wie er eingreift in das gesamte natürliche Dasein des Universums. Dann erlangt man durch diese andere Seite der Entwickelung die Möglichkeit, zu begreifen, was nach dem Tode ist. Wie man durch die Entwickelung des Vorstellungslebens das vorgeburtliche Leben als ein Übersinnliches, als ein Ewiges begreift, so durch die Willensentwickelung das Leben nach dem Tode. Es erweitert sich dasjenige, was der Mensch hier erlebt in dieser physischen Welt durch dasjenige, was Geisteswissenschaft zutage fördert, eben über diese physische Welt hinaus, aber nicht so, daß man nur spekuliert über die physische Welt hinaus, sondern daß man tatsächlich, um zu dem zu kommen, was ich jetzt geschildert habe, ein Gedanken- und Willensleben entwickeln muß, das mit der Wirklichkeit verbunden ist. Man entwickelt das Gedankenleben so wirklich, daß man es in den Kräften hat, in denen es uns selber gestaltet, indem wir ins Leben eintreten. Man ergreift das Willensleben in einer so starken Wirklichkeit, daß man es hat, wie es wirken wird noch, wenn unser Leib mit allen seinen Instinkten und natürlichen Trieben zerfallen sein wird.
Dann, wenn dieses erreicht ist, hat man etwas, was so auftreten kann wie der Inhalt meiner «Geheimwissenschaft» etwa. So wie man von einer äußeren naturwissenschaftlichen Wissenschaft aus über die Außenseite der Welt spricht, so kann man über die Innenseite der Welt sprechen. Es braucht nicht jeder ein Geisteswissenschafter zu werden, um die Geisteswissenschaft einsehen zu können. Der unbeirrte Menschenverstand führt dahin, diese Geisteswissenschaft begreifen zu können. Wie viele Geistesforscher es geben wird in der Zukunft, darüber brauchen wir uns ja gar nicht zu unterhalten. Es mag viele, es mag wenige geben. Aus meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» werden Sie ersehen, daß jeder bis zu einem gewissen Punkte ein Geisteswissenschafter werden kann, nämlich selber hineinschauen kann, wenn er nur seine natürlichen Gaben entwickeln will, in das übersinnliche Weltenwesen. Um in dem hier gemeinten Sinne Geistesforscher zu werden, ist vielleicht schon aus dem Grunde manchen nicht möglich, weil vieles notwendig ist, was der Mensch im gewöhnlichen Leben ja nicht eigentlich anstreben kann. Denken Sie nur, wenn einer ein Chemiker wird, wieviel er dann abgesondert vom übrigen Leben im Laboratorium zubringen muß, wie er in einem gewissen Sinne auf manches verzichten muß im anderen Leben. So ist es bei jeder einzelnen menschlichen Betätigung im Leben. Bedenken Sie nur, was es bedeutet, wenn jemand sich bekannt machen muß mit einer Welt, die ganz verschieden ist von der, in der wir täglich vom Aufwachen bis zum Einschlafen leben, mit einer Welt, die ganz andere Gesetze hat, obwohl diese Gesetze hier wirksam sind, aber im Verborgenen. Das prägt dem Menschen etwas ein, was zu gleicher Zeit der Quell von Leid, von Schmerzen ist. Und jeder wirkliche Geistesforscher wird Ihnen sagen: Dasjenige, was ihm das Leben an Freuden gebracht hat, nimmt er dankbar hin und möchte den Weltenmächten immerzu in einem demütigen Gebete danken für das, was er an Freude erleben durfte. Aber seine Erkenntnis verdankt er nicht eigentlich seinen Freuden, die in einer gewissen Weise einschläfern über die eigentliche Wesenheit des Lebens — die Erkenntnisse verdanken wir dem Leid. Und vertiefte Leiden sind es geradezu, die durch unsere Seelen ziehen, wenn wir eine bestimmte Stufe erstiegen haben in dem Hinausgehen aus der sinnlich-wirkenden Welt, wie ich es Ihnen heute geschildert habe.
Dann kommt das andere. Denken Sie nur, ich habe es ja selbst gesagt, das Denken wird etwas, wie das Greifen oder Gehen: Es wird in die Willkür des Menschen gestellt. Wir sind sonst gewöhnt, unwillkürlich zu denken, das Denken so automatisch fortlaufen zu lassen. Dieses Denken muß sich so umgestalten — wenigstens für die Zeit, in der man im Geistigen forscht -, wie wir sonst willkürlich Hände und Beine bewegen. Man muß nun genau unterscheiden lernen — und das lernt man sorgfältig, wenn man zum richtigen Weg im Geistesforschen angeleitet wird —, man muß nun sorgfältig lernen zu trennen das Leben, das man in der physischen Welt führen muß und das Leben, das in die geistige Welt hineinführt. Denn hier in der physischen Welt muß man leben können wie ein anderer Mensch. Nicht diejenigen sind die wirklichen Geistesforscher, welche aus einem gewissen Hochmut oder aus einer Wollust der Seele heraus lebensfremd werden, die sich hingeben können mystisch und dabei das Leben verachten, die vielleicht von der übrigen Menschheit sich absondern, sich allerlei absonderliche Kleider anziehen und dergleichen oder sagen: Wir gehören zu einer ganz anderen Menschensorte. — Diejenigen sind vielmehr die wirklichen Geistesforscher, denen man das gar nicht anmerkt, weil sie im äußeren Leben geradeso drinnen stehen wie die anderen, ja noch praktischer, weil sie dasjenige durchdringen mit den wirklichen Gesetzen des äußeren Lebens, die man gar nicht in der äußeren Welt kennenlernen kann, sondern nur aus der übersinnlichen Welt; denn alles Sinnliche ist ganz abhängig von der übersinnlichen Welt. Daher sagte ich schon öfter, am meisten wird diese Geisteswissenschaft, die hier gemeint ist, ihre Ideale erfüllt sehen, wenn sie gerade in die verschiedenen praktischen Zweige des Lebens hineinwirken kann. So zum Beispiel sagte ich, würde es ganz besonders eine Erfüllung dieses anthroposophischen Ideales sein, wenn man mit einer Anzahl von Ärzten sprechen könnte über dasjenige, was Geisteswissenschaft für eine Erneuerung der Medizin werden könnte. Das hat sich nun mittlerweile schon erfüllt: In Dornach draußen ist ein Kursus vor Ärzten und angehenden Medizinern gehalten worden über dasjenige, was der Arzneiwissenschaft zugeführt werden kann gerade von dieser anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft.
Wahrhaftig, alles liegt näher dieser anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft, was fruchtbares Wirken auf die praktischen Lebenstätigkeiten ist, als das wesenlose Herumstreiten mit denjenigen, die ja aus einem blinden Fanatismus oder viel Schlimmerem heraus verleumderisch sich auftun, um als eine religiöse Sekte diese Geisteswissenschaft hinzustellen, weil sie eine allgemeine Abneigung haben gegen jeden menschlichen Fortschritt. Denjenigen, denen es mit dieser Geisteswissenschaft ernst ist, kommt es nicht auf das Herumstreiten mit Bekenntnissen an, sondern ihnen kommt es auf ernsthafte Arbeit auf allen praktischen Gebieten des Lebens an.
Das ist es, was vor allen Dingen von Dornach aus geleistet werden will und wogegen einfach, ich möchte sagen, all das Geschwafel, das sich jetzt erhebt von allen Seiten her, grotesk ist. Man versuche nur einmal, sich bekanntzumachen mit dem, was wirklich gewollt wird und man wird sehen, daß das ganz anders aussieht als dasjenige, was jetzt durch einen großen Teil der Presse geht. Das ist es, um was es sich handelt, daß in der Tat durch die geschilderte Methode, durch die der Mensch in sein eigenes Wesen tiefer hineindringt, er auch tiefer in die Welt hineindringt. Man lernt erkennen auf der einen Seite die Wirklichkeit, die uns ins Dasein bringt; man lernt erkennen auf der anderen Seite die Wirklichkeit, die uns aus dem Dasein hinausträgt. Dadurch aber gewinnt man auch die Möglichkeiten, tiefer in das Leben selbst hineinzusehen. Heute gehen die Menschen aneinander vorbei, wissen gar nicht, wie der Einfluß des einen Menschen auf den anderen ist, nicht nur der, der durch die äußere sinnliche Leiblichkeit vermittelt wird, sondern wie tatsächlich Seele auf Seele, Geist auf Geist wirkt. Es fürchten sich die Menschen fast, an diese Wirkungen von Seele auf Seele, von Geist auf Geist zu denken. Aber ehe man nicht dahin gelangt, einzusehen, wie die Menschen als geistige Wesen aufeinander wirken, ehe wird man auch nicht eine richtige Vorstellung von dem gewinnen, was übersinnliche Welt ist.
Der Geistesforscher muß durchaus sich angewöhnen, unbefangen in die übersinnliche Welt hineinzuschauen und dabei seinen Platz in der sinnlichen Welt auszufüllen. Diese Notwendigkeit, in einer ganz anderen, viel bewußteren Weise das Leben in der Welt hier zu regeln, wenn man Geistesforscher ist, das gehört wiederum zu den Dingen, die vielleicht nicht jedermanns Sache ist, neben vielem anderen. Aber es genügt ja, wenn dasjenige, was einzelne Geistesforscher als Ergebnisse mitteilen, einfach in den gesunden Menschenverstand aufgenommen wird. Die Geisteswissenschaft hat nicht Sorge, daß sie nicht begriffen wird von unbefangenen Denkern. Nein, sie weiß, daß, je unbefangener man ihr entgegentritt, je sachgemäßer, je weniger dilettantisch, je wissenschaftlicher man ihr entgegentritt, sie um so mehr verstanden werden wird. Sie fordert geradezu heraus, sie so exakt und ernst zu nehmen wie möglich. Dann wird man schon sehen, daß man nicht mehr in der Weise über sie sprechen kann, wie man über sie spricht, wenn es sich um bloß oberflächliche Bekanntschaft handelt. Der gesunde Menschenverstand kann durchaus Ja sagen zu dem, was als geisteswissenschaftliche Ergebnisse auftritt; aber es wird an den gesunden Menschenverstand dann eine gewisse Anforderung gestellt, eine Anforderung, die man heute noch nicht liebt, aber weil man sie nicht liebt, hat man sich in die Katastrophe hineingebracht, die die Menschheit in den letzten fünf bis sechs Jahren durchmachen mußte.
Sehen Sie, wenn man meine «Geheimwissenschaft» nehmen und lesen würde mit derjenigen Gesinnung, die man heute besonders liebt, dann ist sie strohern, dann haben Sie auch ein Recht, darüber zu schimpfen. Sie ist nicht in der Lage, Ihnen so viel zu sagen, wie Ihnen gesagt wird, wenn Sie sich in ein Kino setzen und da Bilder vor Ihnen abrollen. Sie brauchen nicht viel zu arbeiten. Sie können da passiv sein. Wenn Sie einem Vortrag zuhören, der mit Lichtbildern gemacht wird, können Sie auch schlafen. In den Zwischenteilen können Sie Ihre Aufmerksamkeit passiv den Lichtbildern hingeben. Anders schon ist es mit einem solchen Vortrag, wie ich ihn mir erlaube. Da muß man in einer gewissen Weise selbst mitgehen, wenn er eine Bedeutung haben soll für den Menschen. Aber erst in der Literatur — meine «Geheimwissenschaft» hat für niemand einen Inhalt, der nicht darauf eingeht, sie selbst zu erarbeiten. Sie ist gewissermaßen nur eine Partitur, und man muß sich den Inhalt aus einer aktiven inneren Tätigkeit selbst erarbeiten; dann hat man ihn erst. Dadurch aber erwirbt man sich als Betrachter dessen, was der Geistesforscher erkundet hat, dann erwirbt man sich aktives Denken, jenes Denken, das untertaucht in die Wirklichkeit, das mit der Wirklichkeit sich verbindet. Man erwirbt sich ein Denken, das nicht mehr sagt: Wenn wir die Goldwährung einführen, werden wir Freihandel begünstigen. Dieses Denken, ganz außerhalb der Wirklichkeit stehend, ist unreal gegenüber der Wirklichkeit. Man schult sich an einem Denken, das mit der Wirklichkeit innig verbunden ist und das auch in praktischen Fällen sich orientieren kann an der Wirklichkeit. Das andere Denken ist ungeschult. Das geschulte Denken, das gewissermaßen als ein Nebenprodukt der geisteswissenschaftlichen Bestrebungen abfällt, bewirkt, daß man gegenüber den Forderungen, die heute das Leben stellt, ein praktischer Mensch wird.
Deshalb darf auch diese Geisteswissenschaft geltend machen, die scheinbaren Praktiker, die illusionären Praktiker, die — ja, wie soll ich sagen, großmäulig darf ich wohl nicht sagen -, die großmäulig alles gewußt haben, was da wird im Geschäfts- und anderen Leben, und die das Leben so zerschlagen haben, wie es zerschlagen worden ist, die werden ersetzt werden müssen durch diejenigen Menschen, welche etwas zu sagen wissen über den wirklichen Gang des Lebens, weil sie gelernt haben, etwas zu sagen über das Leben, insofern es das Verhältnis des Menschen zum Universum betrifft.
Da darf ich immer wiederum auf die Tatsache hinweisen, die ja immerhin nachweisbar dasteht, es war im Früh-Frühling 1914, wo ich einer kleinen Gesellschaft in Wien, in jenem Orte, von dem der Weltenbrand ausgegangen ist, gesagt habe: Wir stehen in einer sozialen Entwickelung Europas drinnen, die uns zeigt, wie das öffentliche Leben leidet wie an einem sozialen Karzinom, wie an einer sozialen Krebskrankheit, die in der nächsten Zeit zum furchtbaren Ausbruch kommen muß. — Das im Früh-Frühling 1914. Etwas später haben fast gleichlautend Männer, die sich ja auch für Praktiker rechnen, zum Beispiel der deutsche Auswärtige Minister, der österreichische Auswärtige Minister, ihren Parlamenten beziehungsweise Delegationen gesagt: Die allgemeine politische Entspannung macht großartige Fortschritte. Wir sind in freundnachbarlichen Verhältnissen zu Rußland, und wir werden dank dieser freundnachbarlichen Verhältnisse demnächst in eine Epoche europäischen Friedens eingehen. — In Deutschland sagte man: Wir haben Verhandlungen mit England, die zwar noch nicht zum Abschlusse gekommen sind, die aber versprechen, in der nächsten Zeit zum Abschlusse zu kommen und ein langdauerndes Friedensverhältnis zwischen Deutschland und England hervorrufen werden. — Das alles etwa im Mai 1914! Das haben die Praktiker gesagt. Der andere, der gesagt hat: Wir leiden an einem sozialen Karzinom, der war der Träumer, der Phantast, der verrückte Anthroposoph. Die Praktiker aber, auf die die Menschen gehört haben, die haben gesagt, was ich Ihnen erwähnt habe. Ihre Praktik hat sich so erfüllt, daß in den nächsten Jahren zehn bis zwölf Millionen Menschen totgeschlagen worden sind und dreimal so viel zu Krüppeln!
Wie sich aber hier die Voraussagen erfüllt haben, wie sich auf dem Gebiete des Monometallismus erfüllt hat, wie sich im Kleinen die Maßnahmen auswirkten dieser scheinbaren Praktiker, die dem wirklichen Leben doch fremd gegenüberstehen, das hat sich alles in den letzten fünf bis sechs Jahren gezeigt. Gegenüber der Zivilisation der Menschheit macht Geisteswissenschaft heute geltend, indem sie sagt, wie man sich in den Inhalt der Geisteswissenschaft vertiefen muß, um ein solches Denken anzuwenden, das nicht nur logisch ist, sondern wirklichkeitsgemäß. Ich sagte ausdrücklich, ich halte sie nicht für dumm, die Monometallisten, aber ich halte sie für Leute, deren Denken nicht untertauchen kann in die Wirklichkeit, deren Denken wirklichkeitsfremd ist. Ich weiß, wie viele Menschen das heute nicht glauben, daß man gerade durch geistige Vertiefung hineinkommt in das wirkliche Leben!
So steht Geisteswissenschaft zum Geiste unserer Zeit; so steht sie zum Ungeiste unserer Zeit. Wie äußert sich dieser Ungeist? Nun, die Menschheit hat eigentlich den Intellektualismus erst in den letzten drei bis vier Jahrhunderten erhalten. Sie hat sich entwickelt aus einer Urweisheit heraus, die allerdings mehr instinktiv, mehr traumhaft war, die daher abglimmen mußte. Die Intellektualität mußte aufkommen. Wir sind an einem Punkte der intellektualistischen Entwickelung angekommen, von dem wir uns wieder entfernen müssen, um wiederum Geistiges zu erkennen, was der bloße Intellekt niemals kann. Alles, auch unsere Wissenschaft, Medizinisches, Jurisprudenz, alle einzelnen Wissenschaften sind bei Wirklichkeitsfremdheit heute angelangt, mit Ausnahme allein der unorganischen Wissenschaften und der Technik mit ihrem Gefolge. So hat sich die Intellektualität in den letzten Jahrhunderten entwickeln müssen. Es war früher eine instinktive geistige Erkenntnis da, sie ist abgedämmert eine Weile. Eine neue geistige Erkenntnis muß sie wieder ersetzen.
Aber wir haben die Erbschaft dieser alten geistigen Erkenntnis in uns, und eines der bedeutendsten Teile dieser Erbschaft, das ist unsere Sprache selbst, das sind alle unsere Zivilisationssprachen. Dasjenige, was in unserer Sprache lebt, ist nicht hervorgegangen aus einer solchen Weltbetrachtung, wie sie in den letzten drei bis vier Jahrhunderten geübt wurde. Hätten die Menschen nicht schon die Sprachen gehabt, aus einer solchen Seelenbetätigung heraus, wie sie zum Intellektualismus geführt hat, hätten die Menschen nimmermehr die Sprachen entwickelt. Die Sprachen sind altes Erbgut. Sie sind hervorgegangen aus einer Zeit, in der man, wenn auch instinktiv, das Geistige erfaßt hat. Was sind sie geworden in der Zeit des Intellektualismus? Sie sind zu dem geworden, was unser öffentliches Leben allmählich in den Zustand der Phrasenhaftigkeit gebracht hat. Wir leben, weil wir den alten geistigen substantiellen Inhalt verloren haben, der in dem Worte war, wir leben mit der Sprache in der Phrase und wir sind darauf angewiesen, durch geistige Vertiefung wiederum substantiellen Gehalt für unsere Sprachen zu finden. Die Phrase aber ist die Schwester der Lüge. Und fragen Sie sich unbefangen, wie die Lüge ihren Siegeszug in den letzten fünf bis sechs Jahren durch die Welt getragen hat, wie wir in dem Zeitalter der Phrase leben! Unser geistiges Leben steht ganz im Zeichen der Phrase. Das ist der Ungeist im geistigen Leben der Gegenwart: die Phrasenhaftigkeit. Aus der Phrasenhaftigkeit, aus diesem Teil des Ungeistes kommen wir nur heraus, wenn wir uns wieder erfüllen können mit der anthroposophischen Geisteswissenschaft. Will man geistigen Inhalt mit geistiger Substanz, dann werden durch unsere Worte wiederum geistige Inhalte klingen. Heute redet der Mensch Worte und Worte, weil er den geistigen Inhalt verloren hat. Das ist der eine Punkt, worauf hingewiesen wird von geisteswissenschaftlicher Seite aus in dem Dreigliederungsgedanken für den sozialen Organismus, daß das Geistesleben von der Phrase beherrscht ist, daß ein Weg gesucht werden muß - wir werden über diesen Weg noch zu sprechen haben in den nächsten Tagen -, um von dem Geistesleben aus wiederum in unsere Worte hinein substantiellen Inhalt hineinzubringen. Das ist die erste Aufgabe, die wir gegenüber dem Ungeist unserer Zeit haben.
Das zweite ist: Es hat sich deutlich ergeben, daß diese neuere Zeit ganz unter dem Einfluß steht des Triebes, demokratisches, wahrhaftig demokratisches Leben entwickeln zu wollen. Das hat die Menschen ergriffen, wie sonst den einzelnen Menschen die Geschlechtsreife erfaßt oder andere Perioden des Lebens. Seit der Mitte des 15. Jahrhunderts macht sich immer mehr und mehr geltend in der ganzen zivilisierten Welt der Ruf nach Demokratie, nach wahrer Demokratie. Und was ist wahre Demokratie? Ehrlich erfaßt ist Demokratie ein solches Zusammenleben der Menschen im sozialen Organismus, daß jeder Mündiggewordene als Gleichberechtigter jedem anderen Mündiggewordenen gegenübersteht. Das kann nicht entwickelt werden mit Bezug auf das Geistesleben; denn da kommt es auf die Fähigkeiten an. Das Geistesleben muß auf seinem eigenen Boden abgesondert werden. Die Demokratie kann nur umfassen das politische Leben. Aber was ist das politische Leben geworden? Weil der Trieb zwar da ist, Demokratie zu bilden, aber dieser Trieb überall unterbrochen wird unter dem Einfluß des modernen materialistischen Ungeistes — was ist dieses Leben geworden? Es ist geworden statt eines rechtlichen Zusammenlebens, statt des wirklichen, vom Inneren des Menschen heraus geborenen Rechtslebens, ein Leben der Konvention. Wie wir im Geistesleben in der Phrase leben, so im Rechtsleben in den Konventionen, in dem, was paragraphenmäßig festgesetzt ist, dem der Mensch nicht mit seiner Seele angehört, sondern gehorcht, indem es von einer absoluten Macht oder zum Beispiel einer Demokratie konventionell festgesetzt wird. Das zweite, das Geisteswissenschaft mit Bezug auf die Dreigliederung des sozialen Organismus will, ist: Wirkliche Demokratie auf dem Gebiet, wo Demokratie sein kann, begründen. So daß die Konvention ersetzt wird durch dasjenige, was sich vom Innersten der Menschennatur heraus unter gleichberechtigten mündiggewordenen Menschen ergeben muß.
Und auf einem dritten Gebiet, dem Gebiet des Wirtschaftslebens, haben wir an die Stelle der wirtschaftlichen Einheit, des Errechnens der Verhältnisse, ein wirkliches wirtschaftliches Urteilen zu setzen, das sich auf die Weise ergeben wird, wie ich es auch in den nächsten Tagen andeuten will, was Sie aber auch namentlich in meinen «Kernpunkten der sozialen Frage» finden werden. Dieses wirtschaftliche Urteilen ist aufgetreten an dem Ungeiste der neueren Zeit. Der Mensch ist ein Routinier statt ein wirklicher wirtschaftlicher Praktiker geworden, ein Routinier, der einfach drinnensteht in dem Gewebe, in das ihn gerade Geburt oder sonstige Verhältnisse des Lebens hineingestellt haben. Der Mensch ist nicht wirklicher Praktiker auf dem Gebiete des Wirtschaftslebens, sondern Routinier unter einem triebhaft gestalteten Ungeist. Wir leben unter dem Ungeist der Phrase, der Konvention, der Routiniertheit. Wir kommen nicht heraus, wenn wir nicht erfüllen sowohl das Rechtsleben, wie das Geistesleben, wie das Wirtschaftsleben mit demjenigen, was wir uns an Wirklichkeitssinn, an Geistsinn aneignen können aus dem Treiben der Geisteswissenschaft heraus.
Nun, die Menschen sehen heute noch über solche Dinge hinweg. Mit Bezug auf das, daß man hinweisen kann auf Wichtigstes, was wirklich unmittelbar im praktischen Leben drinnensteht, bleiben die Menschen eben oftmals bei dem Urteil, das sei eben eine Träumerei, eine Phantastik und so weiter. Ja, die Menschen sind eben so. Hier in der Schweiz hat ein Mensch gelebt in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, Johannes Scherr. Er war in vieler Beziehung ein Polterer, er hat seine bissige Kritik über alles mögliche ergossen, eben wie ein polternder Mensch. Aber in seinem Poltern liegt oftmals ein sehr gesundes Urteil. Dieser Johannes Scherr hat aus einer gewissen Einsicht in das, was er in seiner Zeit gesehen hat, gesagt: Wenn das so fortgeht, wenn die Menschen in der Erkenntnis bloß dem Materialismus nachjagen werden, wenn sie im äußeren politischen, sozialen Leben bloß einer Finanzwirtschaft nach Jagen werden, wie sie jetzt entfacht wird, wo jeder nur seine finanziellen oder industriellen Interessen in Betracht zieht, seinem Egoismus nachgeht, wenn dieses Treiben fortgeht, dann wird die Zeit kommen, wo der Mensch wird sagen müssen: Unsinn, du hast gesiegt!
Ich möchte wissen, wer mit unbefangenem Sinn sich nicht hinstellen mußte in den letzten Jahren und noch jetzt, wenn er sieht, was da und dort in der Welt geschieht, wenn er sieht, wie entgegengehandelt wird alledem, was der Menschheit nur förderlich sein könnte, durch die ganze zivilisierte Welt hindurch, wenn man sich insbesondere während des Ad-absurdum-Führens der gegenwärtigen Zivilisation in diesem Kriege hineingestellt hat in diese Verhältnisse, wie er nicht sich hat sagen müssen: Nun, die Zeit ist gekommen, wo man nicht sagen müßte: Unsinn, du hast gesiegt, wie Johannes Scherr; sondern: Unsinn, du hast entschieden!
Das weitere will ich in den nächsten Tagen entwickeln. Heute wollte ich einleitungsweise sagen, daß anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, nicht sich beteiligen möchte an der Herbeiführung eines Zustandes, in welchem man immer mehr und mehr wird sagen müssen: Unsinn, du hast entschieden —, sondern an der Herbeiführung eines Zustandes, in dem aus innerster Menschentüchtigkeit, aus innerlichster wirklicher Menschenerkenntnis heraus man wird sagen müssen: Sinn können wir wiederum in das Leben bringen, aufbauenden Sinn. Daran möchte Geisteswissenschaft arbeiten.
Und ihre Kraft schöpft sie aus dem Glauben, der doch wohl mehr als ein bloßer Glaube ist, aus der Überzeugung, daß die Zeit wird kommen müssen, in der der Ungeist der Phrase, der Ungeist der Konvention, der Ungeist der Routiniertheit wird besiegt werden müssen durch den Geist, der aus einer tieferen Erkenntnis heraus wiederum von dem Sinn des Lebens spricht. Denn Geisteswissenschaft muß der Überzeugung sein: Nicht der Ungeist wird die Menschen zu einer heilsamen Entwickelung ihres Lebens führen, sondern allein der Geist. Daher möchte Geisteswissenschaft, so stark sie es nur kann, gegenüber den Bedürfnissen gerade der heutigen Gegenwart und der nächsten Zukunft den Ruf nach dem Geiste und nach seiner wahren Erkenntnis erheben.