From a Unitary State to the Tripartite Social Organism

GA 334 — 5 May 1920, Basel

10. Seelenwesen Und Sittlicher Menschenwert Im Lichte Der Geisteswissenschaft (Anthroposophie)

Im gestrigen Vortrag habe ich schon darauf hingewiesen, wie unter dem Einflusse der neueren, von der Naturwissenschaft her bestimmten Weltanschauung eine gewisse Unsicherheit in die Menschheit kommen mußte in bezug auf die Frage: Wie stellt sich dasjenige Weltgeschehen, das die Naturwissenschaft als eben naturnotwendig darstellt, zu der Geltung, zu der Bedeutung der sittlichen Menschenwerte?

Die naturwissenschaftliche Weltanschauung ist ja immer mehr und mehr dazu gekommen, darauf hinzuweisen, daß alles dasjenige, was in der Welt geschieht, naturgesetzlich notwendig geschieht. Und sie ist immer mehr und mehr dahin gekommen, in diese Naturgesetzlichkeit nur dasjenige einzuschließen, was im Grunde genommen gar nichts zu tun hat mit dem sittlichen Menschen. Und so haben wir entstehen sehen, eigentlich so recht deutlich erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts, ein naturwissenschaftliches Weltbild, zusammengefügt aus den verschiedenen Ergebnissen des naturwissenschaftlichen Denkens, das ungefähr sagt zunächst für unsere Erde und was zu ihr gehört: diese Erde sei ein Glied eines allgemeinen Systems, unseres Sonnensystems, und sie sei mit demselben hervorgegangen aus einer Art Urnebelzustand, habe sich da herausgeballt, habe sich abgesondert im Laufe der Zeit. Dann seien entstanden die Wesen des mineralischen, des pflanzlichen, des tierischen Reiches, durch die Vervollkommnung der tierischen Form auch der Mensch. Es werde, indem jene naturgesetzliche Norwendigkeit des Kräftewirkens, welche den Weltengang bis zu diesem Zeitpunkt und bis zu dieser gegenwärtigen Gestalt geführt habe, weitergehe, einmal dasjenige, was jetzt von Menschen bewohnt ist als Erde, menschenleer sein, tierleer sein, pflanzenleer sein, es werde wiederum verschwinden in den allgemeinen Weltenprozefß hinein.

Gewiß, wer energisch dasjenige fühlt, was Naturwissenschaft heute als Autorität den Menschen bedeutet, wird kaum daran zweifeln, daß dieses Weltbild eine gewisse ausschließliche Bedeutung hat. Ja, es werden sehr viele gerade unter den gegenwärtigen Gebildeten sein, welche strikte behaupten, daß derjenige, der die Bedeutung dieses Weltbildes nicht anerkennen will, sich blamiere.

Allerdings sind unter denjenigen, die sich so blamieren, Leute, deren Stimmen ganz gewichtig ins Feld zu stellen sind. Ich habe hier schon einmal bei früheren Vorträgen aufmerksam darauf gemacht, wie der geistvolle Kunstforscher Herman Grimm in seinem Goethe-Buch darauf hinweist, wie wenig dem ursprünglichen, elementaren Empfinden des Menschen entsprechen kann dieses Weltbild. Er sagt geradezu: Der Anblick eines Knochens, um den herum ein hungriger Hund seine Kreise zieht, sei appetitlicher als dieses Weltbild. Es werde einer zukünftigen Geschichtsschreibung der Menschheit einigermaßen schwer werden, den Zeitwahnsinn zu erklären, der zu dieser Kant-Laplaceschen Theorie geführt habe.

Gewiß, so etwas wird heute als Laienhaftigkeit, Dilettantismus und so weiter angesehen. Dasjenige, was naturwissenschaftlich festgestellt ist, bauscht sich gewissermaßen als Weltanschauung zu einem ganzen Weltbild auf, und dann macht es sich in dieser Weise geltend. Und wir stehen davor, zu fragen: Wie stellt sich nun gegenüber einem solchen Weltbilde, das in gewisser Beziehung seine Ausschließlichkeit in Anspruch nimmt, wie stellt sich einem solchen Weltbilde gegenüber die ja doch im Innern des Menschen vernehmbare Stimme des sittlichen Ideales, des Gewissens, die Stimme, welche uns auffordert, dieses zu tun, jenes zu unterlassen, die Stimme, welche uns sagt, dieses sei gut, jenes böse? Wie stellt sich das ganze sittliche Leben in dieses Weltbild hinein?

Ich habe viele Menschen kennengelernt, die dieses sittliche Leben wie eine Art vergänglichen Rauch ansehen, der aufsteigt, eigentlich die Illusion eines Rauches, die aufsteige aus dem naturwissenschaftlichen Geschehen, den Menschen illusionär eine Zeitlang erfülle, um dann für immer zu verschwinden. Und wie sollte man denn eigentlich anders denken, wenn man ganz ehrlich ist, als daß dasjenige, was in dem Kopfe des Menschen entsteht, nachdem der Mensch im Laufe von Jahrmillionen aus niederen Tierformen sich herausgebildet hat, wie sollte man anders denken, als daß das, was da im Kopfe des Menschen als Ideale ersteht, auch wiederum spurlos verschwunden sein werde, wenn die Erde in den Zustand zurückfällt, in den sie sich in dem allgemeinen Weltenlauf auflöst. Es wäre eben eine Episode gewesen, daß die Menschen sich sittliche Ideale vorgesetzt hätten. Die Menschen hätten unter dem Einfluß dieser sittlichen Ideale gehandelt. Alle diese sittlichen Ideale hätten eben nichts mehr zu bedeuten, als daß sie illusionäre Blasen seien, die aufgestiegen wären, nach welchen die Menschen ihr Leben eingerichtet hätten, und die weiter keine Folgen in der Weltenentwickelung hätten.

Ich weiß, wieviel von materialistischer Seite auch heute eingewendet wird gegen eine solche volle Konsequenz dieses Weltbildes. Aber es gibt etwas, was auch einmal berührt werden muß gegenüber den Einwendungen, die heute Materialisten machen, wenn man ihnen sagt: Euer Weltbild, euer bloß aus Naturwissenschaft geholtes Weltbild läßt eigentlich den sittlichen Menschenwert doch zu nichts anderem werden als zu einer illusionären Blase.

Sehen wir uns einmal um in der Zeit, in der mit voller Frische und mit vollem Feuer das naturwissenschaftliche Weltbild heraufgezogen ist in der zivilisierten Welt. Es war ungefähr in der Mitte des 19. Jahrhunderts, wo, ich möchte sagen, nicht so schläfrig und inkonsequent wie heute, sondern aus vollem Feuer heraus die Materialisten die Nägel geschlagen haben dazu, wie man aus dem Gedanken heraus - alles ist nur so geordnet, wie Physik, Chemie, Biologie es wollen —, wie man aus diesem Gedanken heraus gedacht hat über die sittlichen Werte; davon möchte ich doch einige Proben geben, die vielleicht heute nicht mehr genügend bekannt sind. Sehen Sie, in der Zeit, in welcher der Materialismus, ich möchte sagen, in seiner Jugendfrische durch die europäische Zivilisation zog, da war ein Geschichtsschreiber Hellwald; er schrieb vom Standpunkte des naturwissenschaftlichen Weltbildes aus eine Kulturgeschichte. Er sagte sich, indem er die wirkliche, wahre Konsequenz dieses naturwissenschaftlichen Weltbildes zog: Sittliche Ideale, überhaupt sittliche Ideen des Menschen, das sind Illusionen. Wie soll man nach dem notwendigen Geschehen, wie es die Chemie annimmt, wie es die Physik annimmt, an irgendwelche objektive Berechtigung von sittlichen Ideen denken? Aber die Menschen haben immer sittliche Ideen gehabt. Das muß einfach naturwissenschaftlich erklärt werden, sagt der Kulturhistoriker Friedrich von Hellwald. Vorerst aber drückt er sich über die sittlichen Ideale vom rein wissenschaftlichen, das heißt damals naturwissenschaftlichen Standpunkte aus. Diese Art des Sich-Ausdrückens, die möchte ich doch einmal in einer Probe vorführen. Er sagt: «Aufgabe der Wissenschaft ist es, alle Ideale zu zerstören, ihre Hohlheit, Nichtigkeit zu erweisen, zu zeigen, daß Gottesglaube und Religion Trug, daß Sittlichkeit, Liebe, Freiheit und Menschenrecht Lügen sind.»

Sehen Sie, so hat man gesprochen, als man glaubte, naturwissenschaftliche Kausalität sei einzig hinzustellen als ein Weltbild, in der Zeit, in der das frisch in die Herzen einzog, in der man nicht inkonsequent und kalt diesen Dingen gegenübertrat.

Aber, sagt nun derselbe Historiker, warum haben sich die Menschen nun diese sittlichen Ideale vorgemacht, die ja nichtig sind? Die Wissenschaft bezeugt ihre Nichtigkeit. Weil die Menschen, sagt er, sie brauchten; im Kampf ums Dasein brauchten sie diese. Hat man sittliche Illusionen, glaubt man an den Trug der sittlichen Ideale oder der Wahrheitsideale, so kommt man besser im Kampf ums Dasein vorwärts, als wenn man nicht an diese Trugbilder glaubt. Deshalb stiegen diese Blasen auf. Deshalb hat man sich dieser sittlichen Ideale bemächtigt. Sie sind die richtigen Mittel im Kampf ums Dasein gewesen.

Das war Konsequenz vom letzten Drittel des 19. Jahrhunderts! Das ist etwas, was allerdings nocht murkst in den Seelen; aber die Seelen sind nicht mehr so konsequent, wie diejenigen der damaligen Leute waren, und daher gestehen sich die heutigen Seelen nicht die Konsequenz, die darinnen besteht: Entweder nehme ich das Kant-Laplacesche oder ein ähnliches Naturbild an, dann muß ich die sittlichen Ideale als Trugbilder und Lügen erklären, oder aber ich muß abreißen dasjenige, was bloß naturwissenschaftliches Weltbild ist.

Ja, die Menschen waren konsequenter. Ich möchte Ihnen noch eine Probe vorlesen. Eine Dame schrieb an einen der tonangebenden naturwissenschaftlichen Weltbildgestalter der damaligen Zeit, an Moleschott. Diese Dame schrieb dazumal über ihre Anschauung in bezug auf den sittlichen Menschenwert das Folgende: «Das sittliche Maß für jeden Menschen liegt nur in seiner eigenen Natur, und ist darum für jeden ein anderes. Was sind Ausschweifungen und Leidenschaften an sich? Nichts anderes als ein größeres oder kleineres Ausmaß eines vollberechtigten Triebes.» Und weiter schreibt die Dame: «Die Menschheit habe ich lieb, wie sie ist, und selbst den Dieb und den Mörder hat ihre Lehre» - sie meint Moleschotts Lehre — «mich achten und seine Menschenrechte anerkennen gelehrt. Vollberechtigt im Kreise menschlicher Anlagen ist alles, was den Dieb sowohl als den Kaufmann macht. List und Verschlagenheit, mit dem Erwerbstrieb verbunden, ist hier wie dort nur eine Zusammenstellung mit anderen Geisteskräften, das belebende Prinzip. Alles, was ins Leben eintritt, hat mit diesem Eintritt auch sein Recht zu leben erworben. Darum muß ich es noch einmal aussprechen: Auch der zum Dieb gewordene Mensch brachte das Recht mit sich, seine Natur zu vollenden, und sie allseitig zu machen, und kann auf diese Weise nur eine kraftvolle, eine sittliche Natur sein. Und wie der Dieb, so jeder Lasterhafte, auch der zum Mörder Gewordene. Dieser kann zur Vollendung seiner Menschheit nur gelangen, indem er seine Mordlust befriedigt.»

Meine sehr verehrten Anwesenden, das ist nicht eine Revolutionärin, das ist eine ganz brave, bürgerlich gesinnte Dame gewesen, die nur in der damaligen Zeit der Jungfräulichkeit jener Weltanschauung, die heute im Grunde genommen auch vertreten, aber nur nicht ernst genommen wird, die diese Weltanschauung eben ernst genug genommen hat, die nur wuflte: wenn man so denkt, wie auch heute noch in bezug auf das naturwissenschaftliche Weltbild die meisten Menschen denken, dann muß man über den sittlichen Menschenwert so denken, wie sie denkt. Es war eine tiefinnerliche Verpflichtung, die da gefühlt wurde von einer solchen Persönlichkeit zu dem Bekenntnis, das ich hier anführte, das ja im Grunde genommen zur Auflösung alles Wahrheitsstrebens, zur Auflösung aller Ideale führt und durchaus keinen Anhaltspunkt hat, sittlichen Menschenwert in der Welt irgendwie verankert zu denken.

Ich habe Ihnen diese Proben, die noch vermehrt werden könnten, vorgelesen, damit Sie sehen, wie es gekommen ist, daß dasjenige, was heute über Europa geht, in den Menschenseelen Platz gegriffen hat. Braucht man sich zu wundern, daß über Europa heute jene Stimmung geht, die Sie genügend kennen, wenn diese Stimmung herausgeboren wurde gerade in den konsequent denkenden und empfindenden Menschen, die um die Mitte des 19. Jahrhunderts und im Beginne des letzten Drittels des 19. Jahrhunderts diese Weltanschauung vertreten haben?

Es ist ja in der Tat so, daß der heutige Mensch in der Halbheit seiner Seele sich nur nicht gesteht, daß er eigentlich über sittlichen Menschenwert so denken müßte, wenn er nicht sein Weltbild, wie es ihm die naturwissenschaftlich gesinnten Weltanschauungsgestalter vormachen, revidiert. Das ist der große Ernst all jener Fragen, die entstehen, wenn nach einem neuen Aufbau unseres Weltbildes gesehen wird. Das ist dasjenige, was so schwer lastend auf der Seele derjenigen liegt, die in der Geisteswissenschaft, von der ich Ihnen auch gestern wieder gesprochen habe, etwas sehen, was notwendig sich hineinstellen muß in den gegenwärtigen Gang der Menschheitsentwickelung und dem der nächsten Zukunft. Nur davon ist zu erwarten, daß der sittliche Menschenwert Grund und Boden gewinne, wahrhaftig Grund und Boden gewinne, daß die naturwissenschaftliche Weltanschauung selbst durch Geisteswissenschaft, durch die Erkenntnis des Geistes befruchtet werde.

Nun brauchen wir nur einige der Dinge zu bedenken, die hier gestern erwähnt worden sind, um so recht in allen Tiefen zu durchschauen, wie die Welt nicht erkannt werden kann von dem Menschen, wenn er nicht zuerst über sich selbst sich aufklären kann. Die Prozesse draußen in der Welt, wir werden sie nur in ihrer wahren Wesenheit erkennen, wenn wir sie von der Seelenwesenheit aus erforschen können. Da erinnern wir uns, wie gestern geltend gemacht worden ist, wie die hier gemeinte Geisteswissenschaft durch innere Seelenentwickelung ihre Methoden, ihre geistigen Erkenntnisse sucht. Und noch einmal will ich kurz hinweisen auf dasjenige, was da im Innern der menschlichen Seele heranentwickelt wird, wie dieses menschliche Seelenwesen weiter gebracht wird, als im gewöhnlichen Leben und in der gewöhnlichen Wissenschaft, um einzutreten in die Anschauungen der geistigen Welt. Ich habe darauf hingewiesen, wie das Haupt sich entwickelt, wie wir in dem Kinde sehen, indem es in die Welt hereintritt, wie von Tag zu Tag, von Jahr zu Jahr ein inneres Seelisch-Geistiges sich an die Oberfläche drängt. Wir sehen, wie die Züge des kindlichen Antlitzes immer seelischer, immer geistiger werden, wie da drinnen etwas arbeitet, das an die Oberfläche heraus plastisch das Menschenwesen gestaltet. Wir ahnen vielleicht nur, aber ein unbefangenes Beobachten, das weiter in die Dinge eingeht, durchschaut es, daß dasjenige, was sich so, ich möchte sagen, in den Zügen des Antlitzes ausdrückt, sich weiter hinein erstreckt in die kindliche Organisation. Und ich habe gestern darauf aufmerksam gemacht, wie der intensivste Ausdruck desjenigen, was da geschieht durch dieses plastische Durchgestalten des Menschenleibes von dem Seelisch-Geistigen, der Zahnwechsel ist, das Herausdringen der zweiten Zähne ist, die an die Stelle der Milchzähne treten. Diese zweiten Zähne zeigen in ihrer Bildung am markantesten, am auffälligsten, wie in den ersten sieben Lebensjahren der menschliche Organismus in seine Verhärtung schießt. Dann, wenn das Kind die Zähne bekommen hat, bekommen die Vorstellungen Gestalt, sie können bleibende Erinnerungen werden; sie bekommen Konturen. In dem Augenblicke des menschlichen Lebens, wo die Kräfte, die im Innern des Organismus bis zum siebenten Lebensjahre gewirkt haben ihre Aufgabe für den Organismus in einer gewissen Weise erfüllt haben, ist der Zahnwechsel da. Dann kommen diejenigen Kräfte, die im Organismus gewirkt haben bis zum Zahnwechsel hin, in ihre Freiheit. Sie zeigen sich in ihrer geistig-seelischen Gestalt; sie wirken dann im menschlichen Erinnerungsvermögen, im menschlichen Denkvermögen. Dasselbe, womit wir denken, womit wir unsere Erinnerung bilden, das hat bis zu unserem siebenten Lebensjahre in unserem Organismus als der menschliche Plastiker gearbeitet; das hat es dahin gebracht, daß aus der Ganzheit der menschlichen organischen Substanz die Zahnsubstanz sich abgesondert hat, wenn ich es so aphoristisch andeuten darf, sonst müßte man, um die Sache ganz zu erklären, viele Vorträge über diesen Zahnwechsel halten.

Sehen Sie, es ist nur eine kleine Probe, aber eben eine Probe davon, wie Geisteswissenschaft nicht im Wolkenkuckucksheim irgendwie sich ergehen will, wie sie nicht in mystischen Nebel aufsteigt, sondern wie sie gerade in die Erkenntnis der Wirklichkeit hineindeutet, wie sie zeigt, was als Geistig-Seelisches in den ersten sieben Jahren am menschlichen Organismus arbeitet. Diese Geisteswissenschaft lehrt ja erst den menschlichen Organismus erkennen! Das ist gerade das Schicksal des Materialismus, daß er die Materie nicht erkennen kann, daß er uns nichts sagt über die Materie. Geisteswissenschaft sagt uns gerade über die Materie solche Dinge, wie ich sie jetzt angedeutet habe in dem Arbeiten desjenigen, was später Gedankenbewegung wird, an dem menschlichen Organismus bis zum siebenten Jahre hin. Würde man eingehen können ins Einzelne, Konkrete, so würde man sehen, wie das Geistig-Seelische arbeitet an den menschlichen Organen, an Leber, Lunge, Niere und so weiter. Geisteswissenschaft wird die wirkliche Erkenntnis gerade der materiellen Vorgänge bringen, weil sie diese materiellen Vorgänge aus dem Geistigen heraus zu erklären in der Lage ist.

Wenn man als Geistesforscher weitergeht in der Heranbildung jener Methode, durch die man eintreten kann in die geistige Welt, dann muß man ja dasjenige, was sich da abgegliedert hat im siebenten Jahre als denkerische Tätigkeit, als Vorstellungstätigkeit, durch Meditation — wie ich es gestern angedeutet habe — weiter ausbilden. Dann muß man so stark in Gedanken innerlich arbeiten, wie der Gedanke arbeitet in den ersten sieben Lebensjahren, wenn er nicht bloß Gedanken eben vor das Bewußtsein zu zaubern hat, sondern wenn die Gedankenkraft so stark im Organismus arbeitet, daß sie es zuletzt dahin bringt, die Zähne herauszugestalten aus dem Organismus. Arbeitet man durch Meditation sich in eine solche verstärkte Gedanken- und Vorstellungstätigkeit hinein, dann merkt man aber auch den Unterschied zwischen diesem Denken, das einem dann unmittelbar in die Anschauung der geistigen Welt hinein bringt, das einen unmittelbar erkennen läßt, wie der Mensch aus einem Geistig-Seelischen heruntergestiegen ist durch die Geburt in sein physisches Dasein, und kann dann vergleichen dasjenige, was man sich so, ich möchte sagen, künstlich durch Meditation errungen hat, mit dem, was das gewöhnliche menschliche Denken ist.

Nicht wahr, auf diese Weise hat man erfahren, woraus das gewöhnliche menschliche Denken besteht, das der Mensch im täglichen Leben, in der gewöhnlichen Wissenschaft ausübt. Dieses Denken üben die Menschen aus; aber sie können ja nicht wissen, worinnen dieses Denken eigentlich besteht. Man lernt erst erkennen, worinnen dieses Denken besteht, wenn man daneben stellen kann das Denken, das leibfrei ist, das nicht an das Gehirn gebunden ist, das im rein Geistig-Seelischen, Ätherischen verläuft, das man sich nur durch Meditation aneignen kann. Man hat dann erst die Vergleichsmöglichkeit, kann dann erst das gewöhnliche Denken des Menschen vergleichen mit diesem ganz leibfreien Denken. Das ist wichtig, daß man das kann, denn das gibt dann erst eine wirkliche Wissenschaft über die ganze Bedeutung des menschlichen Seelenwesens.

Sehen Sie, es ist eine außerordentlich bedeutungsvolle Erfahrung, die man macht, wenn man einmal soweit ist, das Denken in seinem leibfreien Zustande zu erfassen, und damit zu vergleichen, wie das Denken ist, wenn es als gewöhnliches Denken des Lebens an das Gehirn gebunden ist. Man sieht dann in bezug auf das Denken den Unterschied, der besteht zwischen dem Menschen und dem Tiere. Über diesen Unterschied des Menschen vom Tiere ist ja viel gefabelt worden, namentlich viel von der modernen Wissenschaft gefabelt worden. Aber erkennen, worinnen dieser Unterschied besteht man kann es erst durch solches Vergleichen, wie ich es eben angedeutet habe.

Und wenn man sich fragt: Ja, wodurch entsteht denn das gewöhnliche Denken im Gegensatze zu dem leibfreien Denken, das unmittelbar anknüpft an das seelische Sein des Menschen, indem es nur im Geistig-Seelischen verläuft, worinnen besteht denn - so kann man jetzt fragen — vom Gesichtspunkte dieses leibfreien Denkens, das gewöhnliche Denken? Dieses gewöhnliche Denken ist durchaus an das Gehirn gebunden. Es muß etwas da sein von organischer Organisation, wodurch dieses gewöhnliche Denken verläuft. Das leibfreie Denken, das durch Meditation erworben wird, braucht dieses Nervenwerkzeug nicht. Das gewöhnliche Denken braucht dieses Nervenwerkzeug. Dieses Nervenwerkzeug hat der Mensch nur dadurch, daß bei ihm die Organisation nicht so weit getrieben wird wie beim Tiere. Das Tier schießt gewissermaßen mit seiner tierischen Organisation bis zu einem gewissen Punkte vor, verhärtet sich bis zu einem gewissen Punkte. Der Mensch geht in der Verhärtung, in der Verknöcherung in das Sklerotisieren des Seelenlebens beim Beginne des Lebens nicht so weit, wie die Tiere am Beginne des Lebens. Aber während des Lebens entwickelt der Mensch dieses Verhärten. Denn dasjenige, was im Verhärten des Organismus sich dadurch ausdrückt, daß die zweiten Zähne als reine Verhärtungsprodukte erscheinen, das setzt sich ja auch im gewöhnlichen alltäglichen Denken fort; es werden nur nicht Zähne, es werden viel gelindere Einschiebsel, möchte ich sagen, in den Organismus, die sich wiederum auflösen. Aber dieses Denken, dieses gewöhnliche Denken besteht eben darinnen, daß der Mensch im fortlaufenden Prozesse fortwährend dasjenige, was entsteht in ihm, sprießendes, sprossendes Leben ist, daß er das fortwährend ertötet. Dasjenige tritt zutage, daß in uns fortwährend vorübergehend der Gedanke, der frühere Wirklichkeit hat als die Zähne, als abgestorbene Teile aus dem Organismus herausschießt und daß dieses Schießen in die Sklerotisierung, Verknöcherung sich wieder auflöst. Das Denken besteht eben darinnen, daß wir in bezug auf unser Kopfsystem, unser Nerven-Sinnessystem, fortwährend den Tod in uns tragen.

Das ist dasjenige, worauf ich in anderen Zusammenhängen auch hier an dieser Stelle schon aufmerksam gemacht habe. Unser Denken besteht darinnen, daß wir im fortlaufenden Zeitprozesse durch unsere eigene innere Aktivität dasjenige vollziehen, wozu das Tier von Anfang an angelegt ist: den Sklerotisierungs-, den Verknöcherungsprozeß, den Todesprozeß, den wir hineintragen in unseren Organismus. Man blickt hin vom Gesichtspunkte des leibfreien Denkens, das man sich durch Meditation angeeignet hat, auf dieses fortwährende Sterben, ohne das das gewöhnliche Denken des Menschen nicht vor sich gehen kann. Und dieses Sterben wird nur fortwährend ausgeglichen dadurch, daß wiederum aus der übrigen Organisation, aus der Blut- und Herz-Organisation, in den zum fortwährenden Sterben neigenden Kopf heraufschießen die belebenden Kräfte. Im Menschen ist, gerade indem er ein Denker ist, ein fortwährender Kampf zwischen Sterben und Leben. Und dasjenige, was am Ende des physischen Lebens auftritt, der einmalige Moment des Sterbens, ist eben nur die synthetische Zusammenfassung desjenigen, was im kleinen immer geschieht. Wir sterben von unserer Sinnes-Nervenorganisation aus fortwährend; nur wird dieses Sterben fortwährend aufgehoben. Erst wenn der übrige Organismus, nicht bloß der Organismus des Kopfes, nicht mehr die Fähigkeit hat, das Sterben aufzuheben, erst dann sterben wir wirklich. Der Tod ist nicht etwas, was eben nur einmal an den Menschen herantritt, der Tod ist ein dauernder Prozeß. Und diesem Tode verdanken wir das Denken. Dadurch, daß wir durch das Denken den Tod in uns eingliedern, dadurch ist erstens dieses Denken überhaupt nur in uns vorhanden, zweitens aber lernen wir erkennen, was das Tote eigentlich substantiell ist.

Wenn man sich das leibfreie, durch Meditation herangepflegte Denken ausgebildet hat, so sieht man erstens auf das andere Denken hin, sieht, wie es fortwährend mineralisiert, verknöchert die menschliche Substanz, und man lernt den Mineralisierungsprozeß kennen. Indem man im Menschen ein Mineralisches rein als das Produkt des Denkens, ausfüllend den Menschen, ausfüllend ihn mit dem Toten, kennenlernt, lernt man in sich das Mineralreich kennen. Und indem man das Denken in sich erhebt über den Grad des Todes, in sich selber erweckt, indem man erlebt, daß in uns etwas sterben muß, damit die Gedanken entstehen, indem man dieses erlebt, lernt man erkennen auch das Geheimnis des Weltenalls. Man lernt erkennen, was eigentlich dieses Mineralreich da draußen bedeutet. Dieses Mineralreich der außermenschlichen Welt, man lernt es eben nur dadurch erkennen, daß man das an das Denken gebundene Mineralreich im Menschen selbst erkennt. Die rechte Welterkenntnis wird einem nur durch die intime Menschenerkenntnis. Und indem man sieht, wie etwas erstirbt im Menschen, entgeht man dem Vorurteil, das als das schärtfste, intensivste Vorurteil sich in das 19. Jahrhundert hereingeschlichen hat und geblieben ist bis in unsere Tage; so starrte, möchte ich sagen, unter einer infamen Suggestion befangen, starrte der Mensch hin auf die mineralische Welt mit ihrer Kausalität. Er kannte ja nichts in sich, was ihn die Wesenheit dieser mineralischen Welt kennen gelehrt hätte. Er konnte sich nichts anderes sagen, als: Diese Welt war einstmals Weltennebel, Kant-Laplacescher Urnebel. Daraus ist hervorgegangen das Planetensystem, die Erde; daraus hat sich alles andere entwickelt, und das wird so fortgehen. Dieses Werden, dieses kausale Geschehen, das ist etwas Ewiges; darinnen sind die sittlichen Menschenwerte Blasen, die aufsteigen, noch dazu Blasen, die nur aus Illusionen bestehen. Lernt man erkennen dieses mineralische Reich, indem man es in sich selber erkennen lernt, dann lernt man seine Wesenheit in der äußeren Welt durchschauen. Man sieht in sich, wie das mineralische Reich ein fortwährendes Sterben ist. Und man konstruiert nicht mehr in der alten Weise das äußere Weltbild, sondern man weiß jetzt, wie dieses äußere Weltbild eigentlich konstruiert ist unter dem Vorurteil von Wissenschaft. Sehr geistvoll ist es konstruiert, darauf haben wir schon aufmerksam gemacht: Man könnte ja durch fünf Jahre die Veränderung des menschlichen Herzens verfolgen und man würde finden, daß heute das menschliche Herz etwas anderes ist als vor fünf Jahren. Man könnte dann weiter verfolgen, wie es nach weiteren fünf Jahren ist, könnte dann ausrechnen, wie es nach dreihundert Jahren ist, es ist nur nicht mehr da, aber die Ausrechnung kann sehr starksinnig und richtig sein. So rechnen die Geologen, so rechnen die Astronomen, wie es ausschauen würde auf dieser Erde nach Jahrmillionen. Diese Erde ist nur dann ebenso wenig da, wie der Mensch als physischer Mensch nach dreihundert Jahren noch da ist. Und ebensowenig, wie das menschliche Herz vor dreihundert Jahren da war, ebensowenig war die Erde zu der Zeit da, wofür die Geologen ihre Rechnung anstellen!

Das lernt man eben erkennen, indem man die Natur des Mineralreiches in der menschlichen Wesenheit selber auf dem Wege kennenlernt, den ich Ihnen angegeben habe. Dann aber, wenn man kennengelernt hat auf diese Weise das Wesen des Mineralreiches, dann weiß man: Dieses Mineralreich versinkt ebenso von der Erde, ohne daß die ganze Erde versinkt, wie beim Menschen aufhört dasjenige, was bei ihm verknöchert ist, im Tode, ohne daß der ganze Mensch seelisch-geistig aufhört.

Und weiter: Man kann ebenso, wie man das Denken durch Meditation vorwärts bringt; ebenso kann man das menschliche Fühlen vorwärts bringen; wie man das menschliche Denken in einer gewissen Weise hellsichtig machen kann, so kann man das menschliche Fühlen hellfühlig machen, so daß man auch durch das menschliche Fühlen in die geistige Welt eintritt. Und wie man durch das Denken in der Art wie ich es eben angedeutet habe, das mineralische Reich kennenlernt, so lernt man dadurch, daß das Fühlen leibfrei wird, und man zurückschauen kann auf das alltägliche Fühlen, wie es gebunden ist an das menschliche Drüsensystem, man lernt erkennen, wie dieses alltägliche Fühlen an einen ähnlichen Prozeß im Organismus gebunden ist, wie es der Pflanzenprozeß in der äußeren Welt ist.

Und wiederum lernt man das Wesen des Pflanzenprozesses in der äußeren Welt kennen. Und man lernt erkennen - was dem heutigen Menschen sehr paradox erscheint —, daß das Pflanzenreich ein längeres Dasein hat als das mineralische Reich, daß das Pflanzenreich auch älter ist als das Mineralreich. Der heutige Mensch kann sich gar nichts anderes vorstellen, als daß das pflanzliche Reich aus dem Boden des Mineralischen herauswächst. Er sollte sich lieber anschauen, wie aus dem pflanzlichen Reich ein deutlich Mineralisches in der Steinkohle daraus wächst! Er würde von da ausgehend erschauen können, wie alles Mineralische, das heute existiert, eine Absonderung ist, ein Ergebnis eines ursprünglichen Pflanzlichen, und wie das Pflanzliche ein längeres Dasein haben wird als das Mineralische.

Ebenso wie man leibfrei machen kann das Denken und Fühlen, so auch den Willen. Und erlangt man diesen leibfreien Willen — ich habe auch davon gestern gesprochen, wodurch man diesen leibfreien Willen erlangt, durch eine besonders geeignete, intensive Selbsterziehung, durch ein Sich-Selbsterfassen, durch Selbstzucht -, dann lernt man erkennen das besondere Wesen im Menschen, das nun verwandt ist dem tierischen Reiche. Dann lernt man auch erkennen das Wesen dieses tierischen Reiches. Aber auch wie das pflanzliche Reich wiederum eine Absonderung des tierischen Reiches ist, wie das tierische Reich älter ist als das pflanzliche, das pflanzliche aus sich herausgesondert hat, wie es länger bestehen wird, wie das pflanzliche Reich eher verschwinden wird als das tierische Reich. Allerdings natürlich nicht in den physischen Tierformen wie heute, aber in den Tierwesenheiten, die in diesem physischen Reiche verkörpert sind.

Und dann bekommt man erst einen wahren Einblick in die Menschenwelt. Dann bekommt man einen solchen Einblick in diese Menschenwelt, daß man sich sagt: Der Mensch ist es ja, der herausgewachsen ist über all diese Reiche, weil er gewissermaßen so, wie das pflanzliche Reich das mineralische, das tierische Reich das pflanzliche abgesondert hat, so hat der Mensch wiederum das Tier aus sich herausgesondert; er ist älter als das tierische Reich und dauert länger als das tierische Reich. Zuerst geht das Mineralische zugrunde, dann das Pflanzliche, dann das Tierische. Dann wird dasjenige vom Menschen da sein, das man kennenlernte, indem man hinschaute auf dasjenige, was sich aus dem Tode des Mineralischen erhob, was sich erhob auf dem Tode des Pflanzlichen, auf dem Tode des Tierischen, wenn die übrigen drei Reiche verschwunden sein werden. -— Was wird sich dann erheben aus unserer Erde, aus unserem Erdendasein? Derjenige, der den Menschen kennenlernt, lernt das schon jetzt erkennen. Er sieht, wie das Denken, wie die Gedanken - und die sittlichen Ideale sind Gedanken -, wie die sich erheben aus dem Grabe des verknöchernden Teiles des Organismus in uns; so wird einstmals nur dasjenige da sein, was der Mensch hervorgebracht hat. Es wird sich, wenn verschwunden sein wird dasjenige, was im mineralischen Reich, was im pflanzlichen Reich, was im tierischen Reich ist, es wird sich das hervorheben aus allem diesem Untergegangenen, was gerade der Mensch hervorgezogen hat aus Überwindung des toten Mineralreiches, aus der Überwindung des Pflanzenreiches, aus der Überwindung des Tierreiches. Und wir werden darauf hingewiesen, daß dasjenige, was wir heute als sittliche Ideale ausbilden, in unseren keimhaften Gedanken weltbildend sein wird, wenn alles dasjenige verschwunden sein wird, was im heutigen mineralischen, pflanzlichen, tierischen Reich enthalten ist. Wir stellen uns zur Welt nunmehr so, wie wir uns stellen müssen, wenn wir im Bilde die Pflanze anschauen: Da wächst sie herauf, bildet Blatt für Blatt; dann ist aber schon veranlagt der kleine Keim, der dann zur neuen Pflanze wird. Das alte Laub blättert von der Pflanze ab; die Blütenblätter, all das hat keine Bedeutung für den weiteren Fortgang. Wir stehen in der Welt als Mensch darinnen. Wir sehen, wie dasjenige in uns schon jetzt geschieht, was einmal Erdenprozeß sein wird. Wir sehen, wie in uns ein Mineralreich sich bildet, weil wir denken, wie in uns ein Pflanzenreich sich bildet, weil wir denken, wie in uns ein Tierreich sich bildet, weil wir denken. Über all dieses triumphiert dasjenige, was sich in uns als Denken, Fühlen und Wollen ausbildet. Damit ist der Keim gegeben. Wir müssen nur die Möglichkeit haben zu wissen, daß dasjenige, aus dem dieser Keim sich entwickelt, abfällt, wie die Blütenblätter, die Stengelblätter abfallen, daß das eben den Keim einer neuen Welt ergibt.

Der Feind dieser Anerkennung hat sich im 19. Jahrhundert heraufentwickelt, indem man sich nichts anderes vorstellen konnte als: Das mineralische Geschehen schließt in sich eine Substantialität, die konstant ist. Man redete von Konstanz der Materie, der Kraft. In dem Augenblick, wo man diese Dogmen hingestellt hat, in diesem Augenblick i5t dieses Mineralische etwas; in diesem Augenblick sieht man nicht ein, daß dieses Mineralische dem Untergange geweiht ist, später das Pflanzliche dem Untergange geweiht ist, später das Tierische dem Untergange geweiht ist, und daß sich auf diesem ganzen Grabe nicht ein Nichts erheben wird, sondern dasjenige erheben wird, was wir Menschen heute in uns tragen.

Ja, diese Erde mit allem, was in den drei Reichen auf ihr ist, wird zugrunde gehen. Aber dasjenige, was wir schon heute in uns ausbilden, und dem wir sittlichen Menschenwert zuschreiben, das ist der Keim einer neuen Erde, der Keim eines neuen Weltendaseins. Wir sehen nicht auf den sittlichen Menschenwert hin, indem wir sagen: Das ist eine illusionäre Blase, die aufsteigt — weil wir einsehen, wie alles dasjenige rings herum, wie die Blätter der Pflanze abfallen, ebenso alles übrige von der Erde abfällt, aber als ein Keim sich entwickelt dasjenige, was wir als den sittlichen Menschenwert in uns tragen. Wir müssen nur solche Vorstellungen überwinden, wie das Vorurteil von der Konstanz der Materie, von der Konstanz der Kraft, diese furchtbaren Dogmen, welche die Naturwissenschaft hereingepflanzt hat im 19. Jahrhundert, weil sie keine Ahnung davon hatte, was der Mensch erkennen kann, wenn er sich zur Geist-Erkenntnis aufschwingt und das dann in sich selber erlebt, im Mikrokosmischen, im Menschlichen: den Tod des mineralischen Reiches, über den triumphiert der Gedanke, der sich nur entwickeln kann, indem wir fortwährend sterben, geradeso wie sich der neue Pflanzenkeim nur entwickeln kann, indem die alten Pflanzenblätter absterben und der Keim über die alten Pflanzenblätter triumphiert. Unser sittliches Menschenwesen, unser sittlicher Menschenwert ist der Triumphator über dasjenige, was untergeht in den übrigen Reichen, in demjenigen, was von uns selber auch diesen übrigen Reichen angehört.

Da sehen wir, wie die sittlichen Weltanschauungen hineinschießen in die naturwissenschaftlichen Weltanschauungen. Da sehen wir, wie die naturwissenschaftliche Weltanschauung es mit demjenigen zu tun hat, was abstirbt an der Welt, die sittliche Weltanschauung es zu tun hat mit demjenigen, was jetzt als Keim in diesem Absterbenden als eine neue Welt aufgeht. Da erwächst in uns das Bewußtsein, daß wir, indem wir eine sittliche Welt mit Idealen aufbauen, arbeiten an dem Keime einer zukünftigen Welt. Da wird der sittliche Menschenwert auf dieselbe Linie gestellt mit dem Naturgeschehen. Da wird aber das Naturgeschehen in seine Grenzen zurückgewiesen, dieses Naturbetrachten, das ja ohnedies zu seinen Ergebnissen kommt, indem es den Menschen hineinnimmt in die Kliniken und an dem Kadaver die Untersuchungen macht. Die Naturwissenschaft macht die Untersuchungen an dem Absterbenden. Sie gelangt auch nur zu Erkenntnissen über das Absterbende. Dasjenige aber, was der Kliniker nicht in die Leichenkammer tragen kann, was nicht seziert werden kann, dasjenige was triumphiert über das Seziert-zu-Werdende, das ist dasjenige, was schon jetzt als sittlicher Menschenwert aufbaut eine neue Welt.

Sehen Sie, Geisteswissenschaft hat allerdings die Aufgabe, die Anmaßungen, wenn ich so sagen darf, der naturwissenschaftlichen Weltanschauung zu brechen. Denn Geisteswissenschaft sieht klar und deutlich ein: Ja, es ist so, entweder man lehnt diese naturwissenschaftliche Weltanschauung - nicht die Naturwissenschaft mit ihren gesicherten Resultaten selbstverständlich —, man lehnt diese naturwissenschaftliche Anschauung ab, oder aber man muß den sittlichen Menschenwert ablehnen. Nur weil heute die Menschen so unkonsequent und erhaben sind, sehen sie nicht ein, daß sie sich entschließen müssen, um den sittlichen Menschenwert zu retten, zu einer geisteswissenschaftlichen Weltanschauung zu greifen. Die Menschheit sieht es nicht ein, weil sie diejenige Weltanschauung, die heute bloß auf Naturanschauung baut, behalten will. Dann aber müßte sie so sprechen, wie einstmals Mathilde Reichardt dem Moleschott, dem materialistischen Naturforscher geschrieben hat: «Darum muß ich es noch einmal aussprechen: Auch der zum Dieb gewordene Mensch brachte das Recht mit sich, seine Natur zu vollenden und sie allseitig zu machen, und kann auf diese Weise nur eine kraftvolle, eine sittliche Natur sein. Und wie der Dieb, so jeder Lasterhafte, auch der zum Mörder Gewordene. Dieser kann zur Vollendung seiner Menschheit nur gelangen, indem er seine Mordlust befriedigt.» Entweder man spricht so, und gibt damit der Naturwissenschaft als Weltanschauung ihr Recht, spricht ihr jeden sittlichen Menschenwert ab, oder man greift zur Geisteswissenschaft.

Es gibt noch ein Drittes. Man sagt: Alle Weltanschauung ist mir gleichgültig, ich will lieber das Weltendasein in instinktartiger Weise verschlafen. Gewiß, dieses Dritte ist auch möglich. Viele Menschen tun es heute. Wer ernstlich mit sich selbst und mit seinem Verhältnis zur Welt ins klare kommen will, kann nur den einen der bezeichneten Wege gehen. So liegen heute die Dinge. Diese Entscheidung ist da. Die Naturwissenschaft hat sich zur Weltanschauung ausgewachsen. Man predigt nicht theoretisch, so wie Mathilde Reichardt und der Kulturhistoriker Hellwald und andere getan haben, daß der Dieb, daß der Mörder zum vollen Menschen nur werden kann, wenn er sich auslebt, weil in ihm die Naturkausalität in genau derselben Weise wirtschaftet wie in dem sogenannten ehrlichen Menschen. Man predigt das nicht theoretisch. Aber dasjenige, was in dieser Gesinnung lebt, das geht durch Europa. Es hat die letzten fünf bis sechs Jahre erzeugt. Es wird weiter wirken. Europa wird barbarisiert; oder Europa muß einsehen, daß es keine Weltanschauung auf der Grundlage der Naturwissenschaft allein aufbauen kann.

Das scheint heute vielleicht fanatisch gesprochen, das scheint heute vielleicht radikal gesprochen. Jeder klopfe sich selber an seine Brust und frage, aber er frage ernst genug, und ich glaube nicht, daß der Ernst eine andere Antwort geben könne. Und dann sehe man hin auf eine solche Weltanschauung, die so vom Seelenwesen aus den sittlichen Menschenwert wiederum erobern will, wie sie genötigt ist, eben vom Geiste aus den sittlichen Menschenwert wieder zu suchen, wie sie brechen muß mit demjenigen, was die mannigfaltigsten Vorurteile unserer Zeit geworden sind: Konstanz der Energie, Konstanz der Substanz und so weiter. Man sehe hin auf diese Geisteswissenschaft: sie muß eine ganz andere Art des Vorstellens, eine ganz andere Art des Sich-zur-Welt-Stellens sich aneignen. Sie kommt dadurch dazu, so auf dasjenige hinzuschauen, was scheinbar nur Gedanke ist, was scheinbar ganz verdünnter Gedanke nur ist, der dahinhuscht und verschwindet, sie kommt dazu, das als den Keim zu einer neuen Realität, nachdem die ganze Erde verschwunden sein wird, zu halten. Diese Geisteswissenschaft wird von dem, der die Sache ernst meint, als eine Notwendigkeit unserer Zeit empfunden werden. Sie wird aber auch von dem Religiösen, von dem wahrhaft Religiösen unserer Zeit als eine Notwendigkeit empfunden werden müssen. Unsere Zeit braucht die Möglichkeit, begreifen zu können, wie etwas Geistiges sich hineinstellen kann in diese physische Welt.

Nun sehe man sich dasjenige an, was der von der heutigen Bildung durchdrungene Mensch über das Ereignis von Golgatha sagen kann. Er kann nicht anders, als von dem Ereignis von Golgatha sagen: Nun ja, die ganze Zeit über, die vorangegangen ist diesem Ereignis von Golgatha, muß es sich vorbereitet haben im Geschehen der Erde, dann war es da. Dann hat es wieder seine Folgen gehabt. Es muß in der Reihe der Ursachen und der Wirkungen drinnenstehen. Denn woher sollte derjenige, der in dieser heutigen Bildung steht, die auf Naturwissenschaft allein gebaut ist, worinnen sollte er die Möglichkeit sehen, daß mit dem Ereignis von Golgatha etwas ganz Neues in die Erde sich hereinbegeben hat, um sich nunmehr mit dem Weiterentwickeln der Erde auch weiter zu gestalten! Einzig und allein dadurch, daß man schon begreift, wie in dem menschlichen innersten Leben, der eigentlichen Gedankenwelt etwas enthalten ist, was dauert über diese Erde hinaus und all ihre Reiche, nur dadurch, daß man dieses begreift, daß etwas in der Erde ist, was sich nicht erschöpft in dem verstandesmäßigen Äußeren, in dem sinnengemäßen Äußeren, was triumphiert über diese Erde, was seiner Substanz nach über dieses Irdische hinausgeht, ist man auch befähigt, hinzuschauen auf diejenige Wesenheit, auf die Geistwesenheit, die durch das Mysterium von Golgatha in die Erde her eingezogen ist und als der Christus Jesus der Erde ihren weiteren Sinn gibt.

Heute ist es notwendig, daß man sich mit dem, was Geisteswissenschaft entzündet im Menschen, dem Mysterium von Golgatha, den Geheimnissen des Christentums nähert. Denn heute muß das Chri stentum geistig verstanden werden. Sehen wir bei den Materialisten nach: Geradeso, wie sie den sittlichen Menschenwert, wenn sie konsequent sind, ableugnen, so muß ihnen das Christentum ein Unding sein. Auf dem Standpunkte der alten traditionellen Bekenntnisse können die Menschen nicht bleiben, denn, sehen Sie einmal nach bei den Vertretern, sagen wir zum Beispiel der katholischen Kirche, da sehen Sie, wenn diese Vertreter gerade Wissenschafter werden, wie sie die allermaterialistischste Wissenschaft pflegen! Sie können nachsehen bei denjenigen, die als katholische Priester Wissenschafter werden: Sie wollen nicht den Geist in die Wissenschaft hineintragen. Sie wollen gerade die Wissenschaft bewahrt wissen vor dem Hineintragen des Geistes, denn sie wollen die alten traditionellen Formen im Geiste weiterbewahren. Sie fürchten sich vor der neuen Entdeckung geistiger Substantialität, sie flüchten davor. Davon ist auch nichts zu holen. — Und sehen wir bei den protestantischen Formen der Christentums-Interpretation nach, da sehen wir, wie mächtig auf diese protestantische neuere Theologie die naturwissenschaftliche Weltanschauung drückt: Sie können nicht in dasjenige, was in der Welt geschieht, das Ereignis von Golgatha einreihen! Deshalb sagen sie, man müsse den Christus Jesus bloß auffassen hinsichtlich seiner moralischen Qualitäten, hinsichtlich desjenigen, was er als Ethos hereingebracht hat. — Aber dann steht wiederum dieses Ethos vollständig in der Luft, wenn man es nicht verankert in einer geisteswissenschaftlichen Weltanschauung.

Wer die Gefahren, in denen das Christentum gerade heute schwebt, erkennt, der wird sich sagen müssen: Gerade das Christentum ist darauf angewiesen, zur Erkenntnis seines Mittelpunktes, zur Erkenntnis des Mysteriums von Golgatha selbst, zur Geisteswissenschaft zu greifen. Denn wie Geisteswissenschaft hinweist, wo der Keim ist zur zukünftigen Erde, so weist Geisteswissenschaft auch hin darauf, wo die Kräfte sind, die sich mit der Erde verbunden haben, ohne daß sie unmittelbar in dem Vorchristlichen der Erde enthalten waren. Man kann die Geistigkeit des Mysteriums von Golgatha nur begreifen, wenn man sich durch Geisteswissenschaft erst zu einem geistigen Begreifen überhaupt heraufgerungen hat. Gerade sollten diejenigen, die es mit dem Christentum ernst meinen, zur Rettung dieses Christentums an die Geisteswissenschaft appellieren. Das werden auch diejenigen tun, die es mit dem Christentum, die es überhaupt mit dem Religiösen ernst nehmen.

Warum haben denn die Menschen des rein naturwissenschaftlichen Zeitalters noch sittliche Ideale? Das können uns wiederum solche Stimmen wie die von Hellwald und Mathilde Reichardt lehren, die aber durch zahlreiche andere vermehrt werden könnten. Sie lehren uns: Aufgabe der Wissenschaft ist, alle Ideale zu zerstören, ihre Hohlheit, ihre Nichtigkeit zu erweisen, zu zeigen, daß Gottesglaube und Religion Trug seien, daß Sittlichkeit Lüge ist und so weiter. - So müßte man eigentlich aus einer bloß naturwissenschaftlichen Weltanschauung heraus sagen, wenn man nicht zu feige dazu wäre!

Von einem solchen Standpunkte aus ist das Christentum nicht zu retten. Einzig und allein dadurch wird dem Christentum wiederum der Boden geschaffen, daß durch Geisteswissenschaft die Möglichkeit erreicht wird, ins Geistige selber hineinzuschauen, so hineinzuschauen, daß dieses geistige Leben als Realität erkannt wird und nicht als illusionäre Blasen, denen man sich nur hingibt, weil man es im Kampfe ums Dasein braucht. Nein, nicht weil man das Geistige im Kampfe ums Dasein braucht, sondern weil es erzeugt wird mit einer Notwendigkeit aus unserer Welt, wie der Keim der neuen Pflanze aus der alten mit der Notwendigkeit erzeugt wird! Aber nur, wenn man einsieht, daß das Alte nicht der Konstanz der Energie, der Unzerstörbarkeit des Stoffes unterliegt, sondern daß abfällt alles Stoffliche wie die Pflanzenblätter abfallen, und daß das Geistige der Keim desjenigen ist, was da kommt, wie der Pflanzenkeim die neue Pflanze hervorbringt. Nur wenn man diese geistgetragene Notwendigkeit einsieht, kommt man zu den Quellen im cher Menschenwert erzeugt wird, wo wiederum sittlicher Menschenwertlebt. Dasjenige, was Leuten vom Schlage der Mathilde Reichardt, des Hellwaid und anderen als sittliche Ideale noch geblieben ist, ist das konventionsmäflige Festhalten an den ererbten Idealen. Hätten sich nicht solche Ideale vererbt aus den Anschauungen, die uns aus dem 19. in das 20. Jahrhundert hereingekommen sind, wären sie niemals zu gewinnen! Fruchtbarer Boden für sittliche Ideale wird allein wiederum dasjenige sein, was durch die Geisteswissenschaft als solcher Boden geliefert wird.

Aus all diesen Gründen heraus glaubt Geisteswissenschaft wirklich nicht aus bloßem subjektivem Bedürfnisse ihrer Bekenner zu wirken, sondern glaubt zu wirken aus der Notwendigkeit der Zeit heraus. — Wie sie wirken muß aus der Notwendigkeit des Charakters der heutigen Erdenvölker, wie diese Erdenvölker heute in bezug auf ihre Seele, in bezug auf ihre äußeren Kulturverhältnisse beschaffen sind, davon möchte ich dann morgen sprechen: wie es sich auch durch die Betrachtung, ich möchte sagen, dieser geistigen Biographie und Geschichte der Erde als eine Notwendigkeit erweist — was ich heute durch die Natur des menschlichen Seelenwesens mit Bezug auf den sittlichen Menschenwert zu erweisen versuchte —, den Blick hinzuwenden zu dem Aufgang eines neuen Geisteslebens. Denn nur dann, wenn wir diesen Weg zum Geiste finden, finden wir auch wiederum die Quellen des sittlichen Menschenwertes, brauchen wir nicht mehr zu verzweifeln darüber, daß einstmals die ganze Erde ein ödes Grab sein werde, und nicht einmal eine Erinnerung zurückgeblieben sein werde an dasjenige, was als sittliche Menschenwerte im Seelenwesen gelebt hat.

Geisteswissenschaft zeigt, daß sittliche Menschenwerte mit Recht im Seelenwesen aufgehen, weil sich künftige Welten ihre Keime gerade in den Menschenseelen durch sittliche Menschenwerte schaffen. Sittliche Menschenwerte von heute sind Naturwerte zukünftiger Welten. Wie wir heute in die Naturwerte hineinschauen und sehen die Ergebnisse vergangener Welten, so sehen wir in dem, was tief in unserer Brust entsteht, den Aufgang von neuen Welten. Nicht in abstrakter Form spricht Geisteswissenschaft von der Ewigkeit. Denn was so im ewigen Werden, im Wandel lebt, so daß es als Natürliches aus Sittlichem hervorgeht und wieder Sittliches für künftige Welten in seinem Schoße trägt, was so im Wandel der Zeiten lebt, das hat das Leben der Ewigkeiten. Und damit hat, weil der Keim für Ewigkeiten in der Menschen-Seelenwesenheit ruht, die Menschenseele ihre wahre Ewigkeit.

German original of Soul Nature And Moral Human Value In The Light Of Spiritual Science (Anthroposophy) · ← Previous · Next →