From a Unitary State to the Tripartite Social Organism
GA 334 — 6 May 1920, Basel
Die Geistigen Und Sittlichen Kräfte Der Gegenwärtigen Völker Im Lichte Der Geisteswissenschaft (Anthroposophie)
Es war gestern meine Bemühung, zu zeigen, wie mit dem Heraufkommen einer Weltanschauung, die ganz beeinflußt ist von naturwissenschaftlicher Grundlegung, die sittlichen Menschenwerte allmählich nicht mehr in Verbindung gebracht werden können im Bewußtsein der Menschen mit dem, was in dieser Art als ein Weltbild vor der menschlichen Seele steht. Und es wurde darauf hingewiesen, wie aus den Quellen geisteswissenschaftlicher Erkenntnis diese Festlegung des sitilichen Menschenwertes wiederum gefunden werden müsse. Da war gewissermaßen mein Bestreben gestern, zu zeigen, wie die Menschheit durch Aufnahme der Geisteswissenschaft zu einem vollen Bewußtsein ihrer sittlichen Würde wiederum kommen könne.
Man kann dieselbe Aufgabe von einer anderen Seite zu bewältigen suchen dadurch, daß man geisteswissenschaftlich untersucht die Wesenheiten der heute die Erde bewohnenden Völker, dasjenige untersucht, was in diesen Völkern zusammenwirkt an geistigen und sittlichen Kräften, um sich die Frage beantworten zu können: Inwiefern können die Menschen der Gegenwart aus den verschiedenen Volkskräften heraus nach dem hinstreben, was man eine soziale Gesundung auf Grundlage einer ethischen, einer sittlichen Gesundung nennen kann?
Wir haben es als Menschheit erlebt, daß die äußeren materiellen, namentlich die wirtschaftlichen Zusammenhänge, sich nach und nach fast über die ganze bewohnte Erde hin erstreckt haben. Die Erde ; ist ein Wirtschaftsgebiet geworden. Und die Menschen waren gezwungen, nach den Erkenntnissen, die sie gehabt haben, sich dieses Wirtschaftsgebiet der Erde in einer gewissen Weise einzurichten: Die alten, aus ganz anderen Voraussetzungen heraus gegebenen Staatengebilde und Volksorganismen so zueinander in ein Verhältnis zu bringen, daß sie sich zusammengliedern könnten schlecht und recht zu diesem gemeinsamen Wirtschaftsgebiet, wozu es eben die neuere Zivilisation der Menschheit gebracht hat.
Daß dieses Zusammengliedern nicht möglich geworden ist, zeigt die Entwickelung der letzten fünf bis sechs Jahre; das zeigt aber auch diejenige Entwickelung, in der wir noch drinnenstehen: das zeigt der Niedergang unseres öffentlichen Lebens. Man denke an all das, was an Lobsprüchen der neueren Zivilisation im Beginne des 20. Jahrhunderts vorgebracht worden ist, dahingehend, wie mit Windeseile die Menschen gewissermaßen über Landes- und Staatengrenzen hin ihre Angelegenheiten besorgten, wie mit ungeheurer, früher nie geahnter Schnelligkeit Telegraph, Telephon und so weiter wirkten, wie alle früher als unübersteiglich scheinenden Grenzen überwunden zu sein schienen. Und siehe da, so wenig fundiert war alles das, daß wir heute vor Landesgrenzen stehen, so scharf abgeschlossen, wie sie vor langer Zeit nicht waren, seit langer Zeit nicht mehr abgeschlossen waren. Und was die Hauptsache ist, dasjenige, was vor wenigen Jahrhunderten, vielleicht noch bis ins 19. Jahrhundert herein als natürlich empfunden worden ist, die Abschließung der Landes- und Staatengrenzen, heute können wir es nur wie etwas Völkisch-Perverses, Menschheits-Perverses ansehen, wie etwas, das keine Begründung haben kann in den wirklichen Verhältnissen der Menschheitsentwickelung. Und die Frage muß entstehen: Was hat dieses bewirkt, daß die Menschheit einen so furchtbaren Zug nach rückwärts angetreten hat?
Man wird sehr bald, wenigstens äußerlich darauf kommen, was der Grund ist, wenn man sich fragt: Ist mit alledem, was in materieller Beziehung sich gestaltet hat über den ganzen Erdball hin, auch das seelisch-geistige Leben der Menschheit gleichen Schritt gegangen? Wir haben die gleiche Art des Eisenbahnverkehrs über die ganze zivilisierte Welt ausgebreitet und auch über die unzivilisierte Welt; wir haben verstanden, die anderen Verkehrsmittel überallhin zu tragen, sogar die Art des Verkehrs überallhin zu tragen. Man hat nicht verstanden, hinzutragen überall ein gegenseitiges wirkliches Menschheits- und Weltenverständnis. Wir haben gewissermaßen den wirtschaftlich-materiellen Körper einer einheitlichen Erdenkultur erlebt, und wir haben es nicht gebracht zu einer Beseelung, zu einer Durchgeistigung dieses materiell-wirtschaftlichen Körpers einer einheitlichen Erdenkultur. Seelenlos ist dasjenige geblieben, was sich als ein wirtschaftlich-materiell Einheitliches über die Erde hin gestaltet hat. Da muß denn gefragt werden: Wie kommt man zur Seele der nach Gemeinsamkeit hinstrebenden Erdenmenschheit? Man wird nicht anders dahin kommen, als wenn man sich dazu entschließt, hinzusehen auf die wirkliche Wesenheit der die Erde heute bewohnenden Völker.
Nun, selbstverständlich, man kann nicht in einem kurzen Vortrage auf alle Einzelheiten verschiedener Völker eingehen; aber das ist vielleicht möglich, daß aus gewissen typischen Eigentümlichkeiten heraus ein Bild entworfen werde, wie die Menschen über die Erde hin ihrer Wesenheit nach, ihrer Seelenwesenheit nach leben. Und da darf man sagen: Wenn man mit dem Blick, den die Geisteswissenschaft heranerzieht, die Erdenmenschheit ansieht, dann sieht man in orientalischen Gegenden einen Menschentypus, welcher eine alte Kultur - allerdings in der neueren Zeit im Niedergang befindliche — bis heute bewahrt, einen Menschentypus, der in alten Zeiten Vorfahren hatte, von einer ungeheuer hohen Kultur und Zivilisation, allerdings einer solchen, die sehr verschieden von der unsrigen ist. Verschiedene Völker können wir sich herausdifferenzieren sehen aus diesem orientalischen Typus. Auf diese Differenzierung wird nicht eingegangen werden können; aber der Typus wird in einer gewissen Weise charakterisiert werden können.
Dann sehen wir einen zweiten Menschentypus. Ich möchte ihn den mittleren Menschentypus nennen, denjenigen, der namentlich den Grundstock der europäischen Kultur, der mitteleuropäischen Kultur gebildet hat, der zurückgeht bis zum Griechenvolk, und der in einer gewissen Beziehung seine Fortsetzung gefunden hat in der Gegenwart in den mitteleuropäischen Völkern.
Und wir sehen einen dritten Menschentypus, den Typus der Westvölker, der dann seine radikalste Ausgestaltung in den amerikanischen Völkern gefunden hat.
Von diesen drei Typen aus wird man versuchen können, ein Verständnis der Völkerwesenheiten der Erde zu finden.
Sehen wir hinüber nach dem Oriente. Heute macht sich aus der orientalischen Zivilisation heraus solches geltend, wie Rabindranath Tagore, dessen Worte uns so eigentümlich klingen, zum Teil so verwandt, weil sie innerste Seiten unserer Seele berühren, zum Teil so fremd, weil sie aus ganz anderen Unterlagen wiederum herausgesprochen sind, als dasjenige gesprochen werden kann, was aus mittel- und westeuropäischer Kultur gesprochen werden muß. Man bekommt vor dieser orientalischen Zivilisation, ich möchte sagen, einen demütigen Respekt, wenn man sich vertieft in das, was sie hervorgebracht hat für den Orientalen mit seiner vollen Menschenwesenheit. Man braucht nur Einzelnes vorzunehmen, die Veden, dasjenige, was in der Vedanta-Weltanschauung die indische Kultur hervorgebracht hat; man kann sich vertiefen in dasjenige, was das Persertum hervorgebracht hat; man kann sich vertiefen in dasjenige, was die babylonisch-assyrische Welt hervorgebracht hat, überall darf man sagen: Gewiß, derjenige, der in der neueren Zeit mit der neueren wissenschaftlichen Erkenntnisart diese Dinge betrachtet, wird sie so betrachten, daß ihm vielleicht nicht das Herz aufgeht, sondern daß er nur allerlei seltsame, fremdartige Dinge entziffert aus dem Sanskrit, aus den heiligen Schriften. Derjenige aber, der mit vollem Herzen und mit gesundem, offenem freiem Sinn sich diesen orientalischen Kulturen nähert, der wird finden, wie wunderbar es ist, daß sie zurückweisen in eine Urzeit der Menschheit, wo allerdings die ganze Art des Menschen, sich zur Welt zu stellen, eine andere war, als sie heute bei uns und bei den Westvölkern geworden ist. Aber diese instinktive Art, diese intuitive Art, sich zur Welt zu stellen, dieses Träumen über die Welt, wenn wir es recht verstehen, gibt tiefe, ungeheuer tiefe Einblicke in das Weltenwesen des Menschen, Einblicke, zu denen wir trotz aller unserer wissenschaftlichen und sonstigen Bemühungen eben heute in der mittleren und westlichen Welt noch nicht gekommen sind.
Wenn wir fragen: Worauf beruhen solche Dinge? — muß ich Sie auf etwas verweisen, was ich hier schon erwähnt habe, da muß ich Sie verweisen, um überhaupt eine Leitlinie zu gewinnen durch die Wesenheit der Erdenvölker hindurch, auf dasjenige, was ich in meinem Buche «Von Seelenrätseln» geltend gemacht habe über die dreifache Wesenheit des Menschen.
Ich habe hier schon einmal erwähnt, wie es bei mir auf einem dreißigjährigen Studium beruht, was ich da geltend gemacht habe über die Dreigliederung des einzelnen Menschen, wie dieser einzelne Mensch tatsächlich aus drei voneinander verschieden organisierten Gliedern besteht: dem, was man nennen kann den Nerven-Sinnesmenschen, dem, was man nennen kann den rhythmischen Menschen und dem, was man nennen kann den Stoffwechselmenschen.
Diese drei Glieder der menschlichen Natur sind nicht etwa so voneinander verschieden, daß man sagen kann: Da mache ich eine Grenze, da hört der Nerven-Sinnesmensch auf, da fängt der rhythmische Mensch an. Diese drei Glieder sind ineinander verwoben. Aber sie sind für den, der sie unterscheiden will, voneinander zu unterscheiden; denn auch das Seelische weist zurück auf diesen dreigliedrigen Menschen. Alles dasjenige, was in unseren Sinneswahrnehmungen und in unserem Vorstellen sich in uns vollzieht, weist auf den Nerven-Sinnesmenschen als auf sein Werkzeug hin. Alles dasjenige, was sich auf unser Fühlen bezieht, was in unserem Fühlen erlebt wird, weist zurück auf den rhythmischen Menschen. Und es ist ein großer Irrtum — auf den man noch kommen wird, wenn unsere abstrakte Naturwissenschaft gesunden wird -, zu glauben, daß des Menschen Gefühls- und Gemütsleben mit dem Nervensystem direkt zusammenhängt. Es hängt nur indirekt mit dem Nervensystem zusammen. So wie das Gedankenleben mit dem Nervensystem unmittelbar zusammenhängt, so hängt das Gemüts-, das Gefühlsleben unmittelbar mit Atmung, mit Herzrhythmus, kurz, mit dem rhythmischen Menschen zusammen; und mit dem Nervensystem nur dadurch, daß wir den Rhythmus und damit die Gefühlswelt wahrnehmen. Bloß die Vorstellungen, die Wahrnehmungen von unseren Gefühlen, die werden durch das Nervensystem vermittelt. Die Gefühle selbst hängen unmittelbar mit dem rhythmischen Menschen zusammen. Und so hängen unmittelbar mit dem Stoffwechselmenschen zusammen die Willensimpulse, das Wollen. Und wiederum die Gedanken vom Willen, die Gedanken von unseren Willensimpulsen, sie sind es, die mit dem Nervensystem zusammenhängen, nicht der Wille selbst, der unmittelbar mit dem Stoffwechselsystem zusammenhängt. Das kann ich jetzt hier nur anführen.
Etwas, was ich heute als ein gesichertes wissenschaftliches Lebensgut betrachten darf, trotzdem die ganze äußere Wissenschaft heute noch dem widerstrebt — sie wird, durch die Tatsachen selber gezwungen, dieses annehmen müssen -, ist, daß dasjenige, was so beim einzelnen Menschen als drei Glieder seiner Wesenheit erscheint, nicht in der gleichen Art verteilt ist auf die Menschen, insofern sie den einzelnen Völkern angehören, die wir heute eben nur nach ihren Typen betrachten wollen. Denn das merkwürdige ist, gerade wenn wir hinüberschauen nach diesen orientalischen Völkern, namentlich nach jener Gestaltung der orientalischen Völker in alten Zeiten, in denen sie ihre wunderbare Kultur entwickelt haben, da finden wir, daß diese orientalischen Völker merkwürdig gerade in der Zeit, in der sie die geistigste Kultur entwickelt haben, ganz und gar hinorganisiert waren auf den Stoffwechsel. Das war das vorherrschende bei den orientalischen Urvölkern: der in ihnen wirkende Stoffwechsel. Zurück traten hinter den Stoffwechsel die rhythmische Tätigkeit und namentlich die Nerven-Sinnestätigkeit.
Es überrascht den geisteswissenschaftlichen Forscher, wenn er zurückgeht in die orientalische Urzeit und die merkwürdig hochsinnige, feine Vedanta- und Vedenkultur findet und alles dasjenige, was sonst aus orientalischer Weisheit und orientalischer Weltauffassung hervorgegangen ist, es überrascht ihn, daß das gerade zusammenhängt mit einer besonderen Verfeinerung des Stoffwechsels und mit einem Zurücktreten der anderen Glieder der Menschennatur.
Man muß sagen, gerade durch diese Verfeinerung des Stoffwechsels erreichte aber der Orientale das, was ich hier als seine feine, als seine hochsinnige Kultur meine. So wie die Pflanze mit ihren Wurzeln im Boden eingesenkt ist, unmittelbar in aller Ursprünglichkeit die Bodensäfte in sich einzieht, wie sie mit ihren Blüten anzieht dasjenige, was in ihrer Umgebung ist, wie sie mit ihrem ganzen Stoffwechsel zusammenhängt mit ihrer natürlichen Umgebung, mit dem allem, was sie wie spiegelnd widergibt, so ist es mit der orientalischen Wesenheit des Menschen in jenen Zeiten der asiatischen Urkultur. Da nimmt der Mensch nicht bloß so, wie jetzt bei uns, die Stoffe der Umgebung auf, da saugt er nicht so unbewußt wie wir, die umgebende Luft ein, da nimmt er alles dasjenige, was in ihm den Stoffwechsel bewirkt, mit ursprünglicher, elementarer Kraft auf. Da lebt er in dem, was er im Stoffwechsel in sich aufnimmt. Und man kann sagen: Dasjenige, was im Menschen dann weiter lebt aus dem Stoffwechsel heraus, was in ihm Empfindung, was in ihm Gedanke wird, das ist geradeso ein natürlicher Ausdruck seines Wesens aus dem Stoffwechsel-Verhältnis heraus mit seiner Umgebung, wie die Baumblüte und die Baumfrucht, die man am Baume sieht, die unmittelbar widerspiegeln das Verhältnis zur Umgebung; der Baum spiegelt in seiner Blüte, in seiner Frucht dasjenige, was in seiner Umgebung klimatisch, den Stoffen, den Substanzen nach lebt. Der Mensch des Orients hat allerdings zu hoher Blüte und hoher Frucht dasjenige getrieben, was er von außen aufnahm. Aber dasjenige, was nun auftritt in der älteren orientalischen Urkultur, erscheint uns so, wie wenn es von der Natur selbst geboren wäre, wie wenn da in Menschenwissen und Menschensinnigkeit die Natur selber ihre Blüte getrieben hätte, und der Mensch nur das Durchgangsorgan für dasjenige hätte werden sollen, was die Natur selber herstellen will an weisem, an sinnigem Vorstellen über die Welt.
Das ist das eigentümliche dieser orientalischen Urkultur, daß sie förmlich den Beweis liefert: wenn die Natur selber sprechen darf, wrenn sie sich im Menschen ein Organ machen darf, dann spricht sie in höchster Geistigkeit. Und diese orientalische Urkultur ist höchste Geistigkeit gerade deshalb geworden, weil sie nur durch den Menschen durchgehend dasjenige ist, was die Natur selber spricht. Diese orientalische Urkultur, sie hob hinauf bis zu den Blüten jene Weisheit, die von der Natur selber getrieben werden kann, sie hob sie hinauf zu einer neuen Sinneswesenheit. Die Natur offenbart sich in übersinnlicher Anschauung. Die Natur offenbart sich nicht — das wird unmittelbar dadurch bewiesen — durch materialistische Anschauung, durch materialistische Gesinnung; die Natur offenbart sich durch geistige Anschauung, durch geistige Gesinnung. Die Natur spricht nicht von Materie, wenn sie ihr Wesen durch den Menschen ausspricht, die Natur spricht von Geist, wenn ihr der Mensch nur nicht entgegenhält aus sich heraus die Anschauung von der bloßen groben Materie.
Das ist die wunderbare Lehre, welche aus der alten orientalischen Urkultur herauftönt. Sie lebte einstmals im Oriente. Sie wirkte im Oriente auch in das äußere Leben hinein die Theokratie. Die Menschen, welche die von der Natur selber gepflegten Kinder der Natur waren, nicht die Schüler der Natur, welche ihre Weisheit entwickelten wie die Bäume ihre Früchte, diese Menschen sprachen, indem sie sprachen von der Welt, nur vom Göttlichen, vom Übermenschlichen. Sie sprachen von dem, was übersinnlich ist. Sie verwendeten auch in das soziale Leben hinein diese Anschauung des Übersinnlichen: sie gründeten ihre Theokratien. Es ist dasjenige in diesem Menschentypus herausgekommen in der Urkultur Asiens, was wir nennen können die Anschauung des Göttlichen durch die Menschen. Es ist die Anschauung des Göttlichen als eines Geistigen eine Erbschaft dieser alten orientalischen Zeiten.
Das Christentum beruht auf einer Tatsache. Derjenige, der den Ursprung des Christentums nicht in der Tatsache von Golgatha sieht, versteht das Christentum nicht richtig. Etwas anderes ist es aber mit den Anschauungen über dieses Christentum, mit dem, wodurch wir das Christentum verstehen. Diejenigen Anschauungen, die es uns ermöglichen, das Christentum zu verstehen, wenn wir nur auf das Historische sehen, ohne neue geisteswissenschaftliche Vertiefung, sind die aus orientalischen Erbschaften. Denn dagelangte man hinauf zu dem Übermenschlichen, da gelangte man hinauf zu dem Übersinnlich-Geistigen. Daher ist im Grunde genommen selbst das Christentum nach den mittleren Gegenden der Erde und nach den Westgegenden der Erde vom Oriente ausgezogen.
Als ein Ideal betrachten kann der Mensch immer dasjenige Glied, welches gewissermaßen über dem liegt, das ihm elementar von der Natur eingepflanzt ist. Der Orientale hat eingepflanzt dasjenige Glied, das scheinbar das niedrigste der Menschennatur ist, das aber, wenn es eingegliedert ist in den jungfräulich-elementaren Naturzusammenhang, in die höchste geistige Höhe hinaufführt, der Orientale hat eingegliedert das Stoffwechselsystem als sein Elementares. Das darüber liegende ist das rhythmische System. In dem sucht er daher sein Ideal. Er sucht sich aufzuschwingen aus dem, was ihm die Natur gibt, zu dem, was er sich selbst in bewußster menschlicher Tätigkeit erobern kann. Daher wird angestrebt bei dem orientalischen Volkstypus, bei denjenigen, die nach einem Ideal hin streben, das Hinstreben nach dem rhythmischen Menschen. Und wir sehen, wie diejenigen, die wie eine Naturblüte die Veden, die Vedantaweisheit, die wunderbarste Naturanschauung heraufgebracht haben in die menschliche Kultur, wie diese als ihr Ideal betrachten eine besondere Art und Weise, durch den rhythmischen Menschen in geistige Welten sich zu erheben mit Bewußtsein. Unbewußt erheben sie sich zu derjenigen Geistigkeit, von der ich eben jetzt gesprochen habe. Mit Bewußtsein erheben sie es zu einem Ideal, durch den rhythmischen Menschen sich zu erheben. Das ist: das Atmen in einer Weise zu regeln, Jogaphilosophie, Jogapraktik zu üben, dasjenige, was im rhythmischen Menschen ist, in einer bestimmten Art zu trainieren, zu schulen. Aus dem rhythmischen Menschen soll ihnen werden das Ideal. Dasjenige, was, ich möchte sagen, eine Stufe über dem Stoffwechselmenschen liegt, das wird diesen Menschen zum Ideal.
Und so sehen wir, wie eine Priesterschaft, eine Lehrerschaft oder eigentlich eine Menschheit, die beides zugleich ist, sich aus dem orientalischen Volkstypus herauskristallisiert, welche in dieser Jogatrainierung das Ideal sieht, den rhythmischen Menschen besonders zu organisieren, um etwas Höheres zu erlangen als dasjenige, was man durch die elementar eingepflanzten Kräfte erreicht.
Wenn wir nun in all das, wovor wir stehen können gegenüber dieser orientalischen Urkultur, hineinschauen und finden, wie da Aufschwung ist zu dem reinsten, feinsten Geistigen, wie da wirklich aus dem Geistigen eine wunderbare konkrete Fülle herausquillt — denn voll Inhalt, mag man ihn auch im Abendlande als phantastisch empfinden, voll Inhalt ist diese Geistigkeit —, müssen wir sagen: Was diese Menschen sich niemals erwerben konnten, die so groß waren in dem angedeuteten Gebiete und in der Trainierung des rhythmischen Menschen ihr Ideal gesucht haben, was dort fehlt, das ist ein gewisses Leben im Rechte, eine gewisse Gliederung in eine Rechtsgemeinschaft. Das irgendwie hineinzudenken in die Kultur, die die Veden, die Vedanta hervorgebracht hat, die die anderen orientalischen geistigen Gebilde hervorgebracht hat - unmöglich! Man mag dasjenige, was sich von der Art findet, noch so sehr verkennen, indem man abendländische Begriffe hineinträgt, ein unbefangenes Urteil muß sagen: Da lebt geistiges Leben. Das rechtliche, das wirtschaftliche Leben, das ist instinktiv; das bleibt instinktiv. Es erhebt sich aus der Grundlage, in der das wirtschaftliche, in der das rechtliche oder staatliche Leben besteht, aus der hebt sich heraus zum höchsten Bewußtsein das geistige Leben. Und im Grunde genommen leben die abendländischen Menschen durchaus zu ihrem größten Teil von den Erbschaften des Orientalismus im geistigen Leben.
Haben wir ja sogar gesehen, wie in einer gewissen Richtung, die man die theosophische nennt, mit der böser Wille oder Unverstand unsere Bewegung oftmals verwechselt, wie da durch diese theosophische Richtung nun, ich möchte sagen, zuletzt aus voller Dekadenz heraus die Menschen wiederum suchen eine neue Geistigkeit aus dem Oriente nach dem Westen herüber zu tragen, immer dieser Zug, das Geistige vom Oriiente nach dem Westen herüber zu tragen. Heute bedeutet er eine äußerste Dekadenz. Zur Zeit, als der Orient dem Christentum die nötige geistige Vertiefung geben konnte, war das eine Selbstverständlichkeit.
Anderes bietet sich unserem Blicke, wenn wir denjenigen Volkstypus betrachten, der, ich möchte sagen, am sympathischsten erscheint im alten Griechenvolke, der dann seine Fortsetzung aber überhaupt in Mitteleuropa erfahren hat. Da haben wir das andere Glied der Menschennatur gewissermaßen mit elementarer Notwendigkeit entwickelt. Das wissen ja gewöhnlich die Menschen nicht, was als selbstverständliche Wesenheit in ihnen vorhanden ist. Das wissen die Menschen Mitteleuropas nicht, daß in ihnen als Hauptsache vorhanden ist, gegenüber welcher die anderen Glieder der Menschenwesenheit zurücktreten, daß in ihnen als Hauptsache vorhanden ist der rhythmische Mensch. Alle Tugenden und alle Laster des mitteleuropäischen Menschen und derjenigen, die von ihm angesteckt sind, beruhen auf diesem Vorherrschen des rhythmischen Systems.
Das rhythmische System hängt seelisch mit dem zusammen, was das menschliche Fühlen ist. Im menschlichen Fühlen ist alles dasjenige beschlossen, was die Tugenden des Starkmuts, was die Leidenschaften des Mutes sind und so weiter. All das, was zum Beispiel Tacitus von den alten Germanen schildert, ist im Grunde genommen ein solches Seelisches, das begründet ist auf dem rhythmischen Menschen, geradeso wie orientalische Weisheit und orientalische Sinnigkeit auf dem Stoffwechsel begründet ist. Und dasjenige, was den Griechen zu einer solchen einheitlichen Menschenwesenheit macht, was wir am Griechen so bewundern, wenn wir ihn wirklich verstehen, dieses Gleichmaß, es beruht zuletzt auf einem der menschlichen Natur völlig angepaßten Gleichmaß des Einatmens, des Ausatmens und aller anderen Rhythmen. Griechisches Ebenmaß ist zum Schlusse eine Folge menschlichen ebenmäßigen rhythmischen Systems.
Dasjenige, was wir aufdämmern sehen in der griechischen Kunst, was uns als griechische Plastik entgegentritt, ist nichts dem Modell Nachgeahmtes. Das, was der Grieche formt, ist so gebildet, daß er in sich selber, wie einen zweiten Menschen, den rhythmisch-ebenmäßigen Menschen in Tätigkeit fühlte und den ausgestaltete. Oder wenn er sich auflöste, ihn so darstellt, wie den Laokoon in der bekannten Gruppe. All das, was dem Griechen als plastische Menschengestalt aufgegangen ist, beruht auf seinem Sich-in-sich-Fühlen aus dem Ebenmaß3 des rhythmischen Systems heraus.
Und wenn wir zum Beispiel hinsehen auf die griechischen Tragödien —- man könnte auf alles mögliche sehen, was Ausdruck griechischen Wesens ist -: Leidenschaften sollen sich entwickeln durch die Tragödie, Furcht und Mitleid. Und wiederum soll durch dieselbe Tragödie, die Furcht und Mitleid erregt, diese Leidenschaft beruhigt werden, abreagiert werden. Das ist die Katharsis. Das ist dasjenige, was der Grieche als die Selbstregulierung, als das rhythmische in der Dramatik suchte, wie als Abbild seines eigenen Wesens. Und Aristoteles hören wir sagen, daß die wirkliche Tugend darinnen besteht, daß man nicht nach dem einen und nicht nach dem anderen Extrem, nicht nach dem zu Geistigen oder zu Materiellen, nicht nach dem zu Hoch oder zu Niedrig geht, sondern daß man die Mittellage einhält. Alles dasjenige, was der Grieche wie von selbst darlebt, das ist der ebenmäßßige Mensch, der durch seinen Lebensrhytmus ebenmäßig ist.
Und wir sehen bis herein in die Fortsetzung des Griechentums, im Goetheanismus, in demjenigen, was als ein neuerer Aufschwung geistigen Lebens in Mitteleuropa stattgefunden hat, wir sehen insbesondere in der Gestalt Goethes dieses Spiel des rhythmischen Systems.
Geradeso wie der Orientale dadurch, daß die Natur in ihm das Stoffwechselsystem sprechen ließ, gewissermaßen vor sich die höchste Geistigkeit hinstellte, so stellte das rhythmische System, das in dem Menschen das eigentliche Ebenmaß bewirkt, den Menschen selber vor sich hin. Und man kann sich nicht eigentlich einen schöneren Ausdruck vorstellen für dieses Bedürfnis, den Menschen in seinem Ebenmaß aus seiner Lebensrhythmik vor sich hinzustellen, als das Buch Goethes über Winckelmann, wo Goethe alles mögliche, was er über den ebenmäßigen Menschen zu sagen hat, in dieses Buch hineingeheimnißt. In diesem Buche finden sich die schönen Ausdrücke, wie: Wenn die Natur an ihrem Gipfel im Menschen gelangt ist, und der Mensch alles dasjenige, was in seiner Umgebung ist, Ordnung, Harmonie, Maß und Bedeutung zusammennimmt, so fühlt er sich wieder in sich selber als eine ganze Natur und erhebt sich zur Schöpfung des Kunstwerkes. Oder: Wenn im Menschen die Natur auf ihren Gipfel gelangt ist, so würde sie, wenn sie sich selbst verstehen könnten, aufjauchzen und diesen Gipfel ihres Werdens und Wesens bewundern.
Und man kann sagen, wenn solch reife Worte, Worte, die so völlig süß vor Kulturreife sind, gesprochen werden, dann sind sie der Ausdruck für das ganze Wesen, das da völkisch zugrunde liegt.
Und wenn Schiller jenen Brief im Anfange der neunziger Jahre an Goethe schrieb: Ich habe lange dem Gang Ihres Wesens zugesehen. Sie nehmen die ganze Natur zusammen, um aus ihren einzelnen Bestandteilen den Menschen aufzubauen. Aus einer Intuition heraus konstruieren Sie den Menschen. Das hätten Sie eigentlich vollkommen nur tun können, wenn Sie als ein Grieche, oder wenigstens als ein Italiener geboren wären. — Diese Schilderung des Menschen aus den Tiefen der Menschennatur heraus, dieses Hinstellen des Menschen vor den Menschen, so wie der Orientale das Göttliche vor die Welt hinstellt, gewissermaßen die Natur selbst ihr Wesentliches vor die Welt hinstellt — dieses Hinstellen des Menschen vor den Menschen, das ist das Wesentliche des mittelländischen Typus Mensch. Für ihn wird nun das Nächstdarüberstehende das Ideal.
Dasjenige, was der Nerven-Sinnesmensch ist, das wird für ihn das Ideal. Daher sehen wir aus diesen Mittelländern heraus mit einer gewissen Unbewußtheit, geradeso wie der Orientale seine Geistigkeit aus seinem Stoffwechsel heraus unbewußt geltend macht, so sehen wir aus dem Rhythmus heraus dasjenige, was selbstverständliche Kultur ist, sich geltend machen. Dafür aber sehen wir als das Ideal auftreten das Hinarbeiten zur Idee, das Hinarbeiten zum Idealismus. Und aufkeimt im Griechentum schon dasjenige, was der Idealismus der Gedanken ist in Plato und Aristoteles.
Wiederum ersteht das in dem deutschen Idealismus der Weltanschauungen: in dem ganzen mitteleuropäischen Idealismus der Weltanschauungen ersteht das Ideal der Geistigkeit aus dem Nerven-Sinnesmenschen heraus, gerade so wie das Jogaideal im Oriente entsteht. Und da sehen wir, wie noch immer instinktiv bleibt, wirklich instinktiv bleibt dasjenige, was wirtschaftliche Organisation ist, wie aber ein Zweites auftritt, was im Morgenlande noch instinktiv war, was jetzt in die Bewußtheit eintritt: das ist das Nachdenken, das Nachsinnen über die Rechtsnatur des menschlichen sozialen Zusammenlebens.
Und so sehen wir die Rechtsnatur des sozialen Zusammenlebens gerade in den mittleren Gegenden aus dem Typus der mittleren Völker heraus sich entwickeln. Die orientalischen Völker haben in alten Zeiten eine Geistigkeit entwickelt. Sie ist dann heruntergekommen. Und selbst, wenn wir heute Rabindranath Tagore sprechen hören, so ist es wie der Klang aus ferner, vergangener Zeit: Schön, fein, aber wir können nicht glauben, daß das noch da ist. Und es ist auch wirklich nicht da. Es ist, ich möchte sagen, gemütliche Verabstrahierung. Es ist tief zu uns sprechend, aber es spricht nicht eigentlich von einer gegenwärtigen Wirklichkeit. Indem im Oriente auch diese Geistigkeit in die Dekadenz gekommen ist, bewahrt die Menschheit gewissermaßen auf die Hinneigung zum geistigen Leben eine Erbschaft der orientalischen Urkultur.
Dazu ist gekommen dasjenige, was der Mensch über den Menschen zu sagen hat, was der Mensch über den Menschen auch anzuschauen hat. Und das ist gekommen durch die mittlere Bevölkerung. Da steht der Mensch vor sich selber. Im Oriente steht der Mensch vor dem Übermenschen, und aus der Welt des Übermenschlichen heraus quellen die sittlichen Ideen.
Es ist gerade immer wieder und wiederum von Rabindranath Tagore auch heute betont, daß die Kultur des Orients vor allem auf Sittlichkeit gebaut ist, auf alle die sittlichen Qualitäten, während er der abendländischen und der amerikanischen Kultur vorwirft, daß sie auf Mechanismus, auf technischem Mechanismus, auf politischem Staatsmechanismus gebaut ist, daß sie entleert ist der sittlichen Ideen. Und es ist so, daß im Oriente aus der Anschauung - die auf die Art, wie wir sie geschildert haben, über die geistige Welt entsteht — eine Fülle von sittlichen Ideen herausquillt. Und im Grunde genommen leben wir heute eigentlich noch immer von diesen sittlichen Ideen. Denn der Materialismus des Abendlandes hat, das ist wohl aus dem gestrigen Vortrage zur Genüge hervorgegangen, keine sittlichen Ideen als solche erzeugt. Die sittlichen Ideen sind eine alte Erbschaft, denn sie quillen in diese Menschenseele nur hinein, wenn diese Menschenseele den Zusammenhang mit der geistigen Welt hat.
In der mittelländischen Kultur: der Mensch steht vor sich selber; er bekommt als eine Erbschaft die sittlichen Ideen. Rechtsideen treten auf, Regelung des menschlichen Verhältnisses so, daß der einzelne Mensch dem einzelnen Menschen im sozialen Zusammenleben entgegensteht. Man möchte sagen: Dadurch, daß der Mensch auf seine eigene Wesenheit kommt, kommt er dazu, zu fragen: Wie befolge ich dasjenige, was sittliche Idee ist? Ein Bedürfnis tritt im Menschen auf, das der Orientale nicht hatte, gerade damals nicht hatte, als seine geistige, seine spirituelle Kultur am reinsten einfloß in seine Wesenheit. Innerhalb dieser ganzen Kultur des Orientes, gerade je weiter wir zurückgehen in ältere Zeiten, hat das Wort und die Wesenheit der Freiheit keine Bedeutung. Der Mensch ist ein Glied der Weltenordnung; er ist eingegliedert in die Weltenordnung. Freiheit ist etwas, was im Grunde genommen keinen Sinn hat. Man kann nicht davon sprechen. Denn die Gebote des sittlichen Lebens, die verknüpft sind mit der Anschauung des Göttlich-Geistigen, wirken so auf den Menschen, indem er sie anschaut aus seiner Geistigkeit heraus, daß sie selbstverständlich von ihm verwirklicht werden. Er fühlt kein menschliches Verhältnis zu ihnen. Ebenso wie er essen muß, so fühlt er, daß er die Gebote befolgen muß, wenn er sie nur erkennt.
Das, was so wie selbstverständlich verbunden mit der geistigen Welt in der orientalischen Urweisheit quillt — allerdings in der orientalischen Niedergangskultur nicht mehr quillt -, das wird eine Frage in dem Augenblicke weltgeschichtlicher Entwickelung, wo der Mensch dem Menschen gegenübersteht, wo die mittelländische Kultur eintritt. Und das wird ganz besonders eine Frage dann, wenn die Kultur, die eigentliche Kulturrichtung der Westvölker auftritt. Das ist der dritte Typus.
Geradeso wie der Orientale ursprünglich veranlagt war für den Stoffwechsel, der Mittelländer für den rhythmischen Menschen, so ist der Westmensch veranlagt für den Nerven-Sinnesmenschen. Und wer verfolgen kann auch das Höchste, was sich entwickelt hat an geistiger und an materieller, an innerer und an äußerer Zivilisation im Westen Europas und in Amerika — abgesehen von den romanischen Völkern, die einen ganz anderen Weg gegangen sind, die Erbschaften übernommen haben von den alten lateinischen Völkern, die nicht in dieser Reinheit das darstellen, was Westeuropäisches, was Westländisches überhaupt ist —, wenn wir auf die andere westländische Bevölkerung sehen, so ist das diejenige Bevölkerung, bei der vorherrscht der Nerven-Sinnesmensch: Dieser Nerven-Sinnesmensch, der da hervorgebracht hat den Typus, mit Begriffen, mit Vorstellungen, mit Ideen verständig alles zu überschauen, der insbesondere auf das Abstrakte geht, der auf dasjenige geht, was nun nicht den Menschen vor den Menschen stellt wie beim mitteleuropäischen Menschen, was nicht stellt den Übermenschen vor den Menschen wie beim Orientalen, sondern was die Natur vor den Menschen stellt.
Das ist das Eigentümliche: rückt man hinauf mit der natürlichen Organisation bis zum Nerven-Sinnesmenschen, dann steht die äußere Natur vor dem Menschen. Man denke sich nur, welche Absurdität es wäre für den Orientalen, zu fragen, ob er irgendwie nur zusammenhinge materialistisch mit der Tierheit. Er schaut, gerade weil er der Stoffwechselmensch ist, die geistige Welt, die übersinnliche Welt unmittelbar an. Der Westmensch hat diese Anschauung der geistigen Welt nicht. Er hat das Nachdenken über die geistige Welt, er hat die Abstraktion. Für ihn wird dasjenige, was sich vor ihn hinstellt, auch wenn es der Mensch selber ist, für ihn wird das die außermenschliche Natur. Für Goethe steht Mensch gegen Mensch, und er will den Menschen begreifen. Schiller sagt: Sie sind es, der aus allen Einzelheiten der Natur den ganzen Menschen aufbauen will. - Aber der Mensch ist es, den Goethe aufbauen will; und im Grunde genommen will er die Natur nur begreifen, um zuletzt den Menschen in der Natur überall zu erblicken.
Unter den Westmenschen, unter den Nerven-Sinnesmenschen entsteht der Darwinismus in derjenigen Form, wie ihn das 19. Jahrhundert erlebt hat. Da ist der Mensch nicht dasjenige, was in erster Linie dasteht; da dämmert gewissermaßen die Idee des Menschen ab, da weiß man nichts mehr von dem Menschen als solchem, da wird der Mensch das höchststehende Tier. Da wird die Tierreihe studiert, da wird alles das an Kräften studiert, was in dieser Tierreihe spielt. Nicht der Mensch wird begriffen, sondern das höchste Tier wird begriffen. Und der Mensch gilt nur als das höchste Tier. Das Menschliche tritt zurück. Dafür aber der ausgesprochenste Sinn für Naturerkenntnis, dafür jene wunderbare Vertiefung in die Einzelheiten alles desjenigen, was Entwickelungsanschauung ist zum Beispiel im Darwinismus.
Niemals selbstverständlich hätte aus orientalischer Anschauungsweise auch nur annähernd so etwas hervorgehen können wie Darwins Entstehung der Arten. Niemals auch hätte Goethe so etwas verfassen können. Was er verfaßt hat, ich habe es immer wieder darzustellen versucht: es ist ganz anders geartet. Es ist nicht Darwinismus im späteren Sinne, es ist etwas, was sich davon unterscheidet.
Dadurch aber, daß dieser westliche Menschentypus der Nerven-Sinnesmensch ist, dadurch entsteht, ich möchte sagen, in rückläufiger Entwickelung nun das Ideal der Naturerkenntnis, das Ideal der materiellen Erkenntnis, das Einleben in das Materielle.
Und im Grunde genommen ist es die Denkweise der westlichen Welt, welche eingezogen ist in Mittel- und Osteuropa seit langen Zeiten. Denn dasjenige, was auf dem Grunde von Mitteleuropa selber erwachsen ist, das ist Fortsetzung des Griechentums. Was in Rußland aus eigenem russischem Wesen erwachsen ist, das ist sogar in Fortsetzung des alten Orientalismus; dasjenige aber, was moderne Kultur des 19. Jahrhunderts immer mehr und mehr geworden ist, das ist dasjenige, was aus dem Nerven-Sinnesmenschen des Westens ist.
So muß man die drei Menschentypen, aus denen sich wiederum die Völker herausdifferenzieren, anschauen. So muß man gewahr werden, wie allerdings die geistigste Geistigkeit instinktiv in der orientalischen Urmenschheit vorhanden war; wie das gemütvolle Auffassen des Menschen im Griechentum vorhanden war und nur noch einen Nachklang gezeigt hat am Ende des 18. und am Anfange des 19. Jahrhunderts in der mitteleuropäischen Kultur, die im Goetheanismus zutage getreten ist, und wie wir stehen unter dem Einflusse der Nerven-Sinneskultur, wie wir aus dieser heraus denken müssen. Sie bringt als solche ganz gewiß unmittelbar keine sittlichen Ideale hervor. Hat sie deshalb keinen sittlichen Wert? Ich habe gestern von sittlicher Weltanschauung naturalistisch denkender Menschen Ihnen Proben vorgeführt, aus denen heraus man glauben könnte, daß dieser neuere Naturalismus allerdings gar keinen sittlichen Wert hätte. Das ist nicht der Fall. Gewiß, er hat keinen sittlichen Inhalt. Sein sittlicher Inhalt ist alte Erbschaft und muß alte Erbschaft sein. Aber er hat einen sittlichen Wert. Welchen sittlichen Wert hat er? Er hat den sittlichen Wert, daß der Mensch ein Naturbild als Weltbild sich bildet, das eben gerade ihm keine sittlichen Ideen gibt. Indem der Orientale sich vertiefte in seine Umwelt, bekam er die sittlichen Ideen mit seinem Naturbild mit. Und so, wie er der Natur folgte als Naturmensch, folgte er als sittlicher Mensch der sittlichen und der geistigen Welt.
Der mittelländische Mensch stellt den Menschen vor sich selber hin. Er bekam das Bild des Menschen, indem er in die Welt hineinblickte. Aber damit zugleich, möchte ich sagen, verabstrahierte sich die sittliche Idee. Sie mußte als eine Erbschaft sich geltend machen. Aber der Mensch fühlte noch das Erwärmende dieser sittlichen Idee. Und im wesentlichen war vieles vom religiösen Leben derjenigen Zeit, in welcher die mittelländischen Völker tonangebend waren, dieses warme Fühlen der sittlichen Weltenordnung. Verlassen, einsam gegenüber seinen sittlichen Empfindungen fühlt sich der Mensch erst, indem er allerdings um sich das sittenfreie Naturbild hat. Da sieht der Mensch hinaus in die Welt, in der er als Naturwesen steht, der er angehört als Naturwesen. Sie gibt ihm nichts Sittliches. Will er Sittliches, so muß er es aus dem Quell seines innersten Wesens hervorbringen. Er steht da vor der Welt, die ihm keine Direktive gibt. Er muß die Direktive suchen. Freiheit hat keinen Sinn in der orientalischen spirituellen Urkultur. Freiheit bekommt ihren Sinn aus dem Naturalismus heraus. Sittliche Bedeutung hat dieser Materialismus, der hervorgeht aus dem Nerven-Sinnesmenschen der westlichen Völker. Diese Kultur verlangt vom Menschen, sich seiner Freiheit bewußt zu werden, sein Sittliches aus sich heraus zu gebären. Würde man beim bloßen Naturalismus bleiben — das war schon das Ergebnis der gestrigen Betrachtungen hier —, so würde man so wie diejenigen Persönlichkeiten, deren Aussprüche ich gestern angeführt habe, Sittlichkeit in Grund und Boden treten. Würde man aber nicht durch diesen gefährlichen Zustand der Menschenentwickelung durchgegangen sein, wo Sittlichkeit in Frage steht, wo Sittlichkeit in die Freiheit des menschlichen Entschlusses gegeben wird — die Menschheit könnte sich nicht zur Freiheit entwickeln! Das ist der Sinn der Menschheitsentwikkelung, von einer spirituellen Urkultur bis zu der materiellen Kultur des Westens, die insbesondere für das Wirtschaftsleben veranlagt ist, die eine Utilitätsethik im Grunde genommen an die Oberfläche gebracht hat, die aber den Menschen in bezug auf den eigentlichen sittlichen Impuls das Bewußtsein der Freiheit geben muß.
Wir bekommen eine Grundlage für die Betrachtung der Differenzierungen der Völker, wenn wir von diesen drei Menschentypen ausgehen. Aber wir erlangen nimmermehr eine Charakteristik der vollen Menschheit, die wir heute brauchen für den Menschen, wenn wir dasjenige nehmen, was aus diesen Einseitigkeiten hervorgeht.
Lernen kann man gerade aus einer solchen Betrachtung, daß dann, wenn der Mensch aus irgendeiner Lokalkultur, und wäre das Lokal noch so groß, herausgestaltet dasjenige, was in ihm veranlagt ist, so ist es eine Einseitigkeit. Die wunderbare Urkultur — eine Einseitigkeit, die Westkultur mit ihrem Materialismus — eine Einseitigkeit.
Das alles gibt eine Vorstellung, wie einseitig dasjenige ist, was in den einzelnen Völkern lebt. Daher muß der moderne Mensch, der nun einsieht, daß über die ganze Erde hin eine gleichmäßige, nicht nur materiell-wirtschaftliche, sondern Seelenkultur wachsen muß, der muß aus anderen Untergründen heraus als dem Völkischen geistig-sittliche Ideen entwickeln. Die Menschheit ist dazu veranlagt, denn in ihren verschiedenen Völkern bringt sie die einseitigen Begabungen. Aber über das Völkische muß der Einzelmensch hinauswachsen. Er wächst nur hinaus über das Völkische, wenn er nicht aus irgendeinem Volkstum anderes begründet, als was zu diesem seinem Volkstum gehört, sondern wenn er aus diesem Volkstum heraus das allgemeine Menschentum zu gestalten vermag.
Für die ethische Grundlegung der Weltanschauung habe ich das versucht in meinem Buche, das Anfang der neunziger Jahre zum ersten Male erschienen ist, in meiner «Philosophie der Freiheit». Da ist versucht worden, den Menschen den Weg zu Freiheit und zugleich zur Sittlichkeit zu zeigen, so daß in diesem Buche aber auch gar nichts gefunden werden kann, was nur aus einer einseitigen, völkischen Richtung heraus geboren wäre. Da ist alles so gedacht, daß es der Orientale so denken kann wie der Westmensch und wie der mittelländische Mensch. Da ist überhaupt von einer Volksdifferenzierung nichts darin.
Da ist wie eine selbstverständliche Note durch das ganze Buch durchgehend, daß der Mensch noch nicht Vollmensch ist, wenn er sich als Angehöriger einer menschlichen Differenzierung fühlt, einer Nation, eines Volkes fühlt, daß er Vollmensch ist erst, wenn er herauswächst aus dieser Differenzierung. Gewiß, der Mensch ist Russe, der Mensch ist Engländer, der Mensch ist Franzose; aber der Franzose, der Russe, der Engländer ist als solcher nicht Mensch, sondern der Mensch muß aus seinem Volkstum herauswachsen. Das zeigt gerade ein wirkliches verständnisvolles Betrachten dieses Volkstums.
Dann aber kommt man dazu, die Sittlichkeit auf die menschliche Individualität zu bauen. Und baut man sie auf die menschliche Individualität, dann kommt man darauf, worauf im sozialen Zusammenleben die Sittlichkeit beruhen muß: Die Sittlichkeit muß im sozialen Zusammenleben beruhen auf dem Vertrauen, das der einzelne Mensch zum einzelnen Menschen haben kann. Dieses Vertrauen muß da sein können. Dahin muß die Erziehung wirken, jene Erziehung, welche uns allein eine Besserung unserer sozialen Verhältnisse bringen kann.
Man erwähnt in gewissen Kreisen immer wieder und wiederum, daß nur der Zwang, daß nur die Macht, nur die Organisation dasjenige sein könne, was innerhalb des menschlichen sozialen Organismus Ordnung macht. Nein, nimmermehr wird die Organisation Ordnung machen; sondern der soziale Organismus kann nur gedeihen, insoweit als ein Mensch zu anderen Menschen Vertrauen haben kann, als die Sittlichkeit in der menschlichen Individualität verankert wird.
«Ethischer Individualismus» wurde genannt dasjenige, was ich in meiner «Philosophie der Freiheit» zu begründen versuchte, «Ethischer Individualismus» aus dem Grunde, weil in der Tat dasjenige, was als Ethik, was als sittliche Idee auftritt, aus der Individualität des einzelnen Menschen heraus auftreten muß.
Aber nun kommt das Bedeutsame. Ich habe Ihnen gestern eine Stelle vorgelesen von einer Persönlichkeit, die mit dem Materialisten Moleschott korrespondierte. Da wird gesagt: Die sittlichen Impulse sind in jedem Menschen, deshalb in jedem Menschen anders. — Sehen Sie, das ist Materialismus. Die wirkliche Einsicht ist die genau entgegengesetzte. Wahr ist es: die ethische Grundlegung ist in jedem menschlichen Individuum. Aber im höchsten Sinne tritt uns das wunderbar entgegen, daß sie in jedem menschlichen Individuum dieselbe ist; nicht eine irgendwie vorherbestimmte Gleichheit, nicht eine organisierte Gleichheit, sondern eine gegebene Gleichheit ist es, die unter den Menschen auftritt. Und immer wieder von neuem treten wir vor jeden Menschen hin, um mit jedem Menschen zusammen vertrauensvoll sittliche Impulse zu begründen.
Das ist dasjenige, was den ethischen Individualismus, wenn er richtig erfaßt wird, wenn er begriffen wird als der wahre Akt der menschlichen Freiheit, zu gleicher Zeit zur universellen Ethik macht, und was uns hoffen läßt, daß wir dahin kommen als sittliche Menschen, daß wir ebensowenig, wie, wenn wir einander auf der Straße begegnen, es richtig finden, daß der eine den anderen, indem er an ihm vorbeigeht, anrempelt - man weicht sich selbstverständlich aus -, so wird, wenn jenes Menschenbewußtsein, von dem ich Ihnen gestern und vorgestern gesprochen habe, aus geisteswissenschaftlichen Untergründen die Menschen ergreift, so wird sie solches Empfinden, solches Denken in den Menschen erzeugen, daß dasjenige, was sittlich unter ihnen lebt, so selbstverständlich wird, wie das, daß man sich nicht anrempelt gegenseitig, wenn man aneinander vorbeigeht. Wir können, wenn wir so als Menschen nebeneinander leben, daß wir den Menschen, begegnend in welcher Lage immer im Leben, verstehen werden; wir können Sittlichkeit aus der Menschennatur selbst heraus bringen. Das zeigt, wie, ausgehend von geistig-orientalischen Urzeiten, zum Menschenfühlen in der Erdenmitte, zur menschlichen Abstrahierung, zum menschlichen Verstehen der Welt, zum Verstehen sowohl der Welt als der Natur, wie das der Weg ist, um endlich den Menschen wirklich zum Erfassen der Freiheit zu bringen.
Aber nur dann, wenn er aus geisteswissenschaftlichen Untergründen heraus die Sittlichkeit wieder findet. Im Oriente war sie gegeben durch den Inhalt der sittlichen Ideen, die aber noch wie mit einer Naturnotwendigkeit durch den Menschen hindurch wirken. Aus dieser Naturnotwendigkeit wurde herausgeworfen der Inhalt des Sittlichen. Der Mensch stand gewissermaßen sittlich nackt vor der Natur, sittlich bloß vor der Natur. Er soll in sich, in seiner Individualität, die Sittlichkeit wieder gebären. Er wird sie nur wieder gebären, wenn er sie aus dem wiedergefundenen Geistigen seines innersten Wesens heraus gebären kann.
Das ist dasjenige, was Geisteswissenschaft, Geisteserkenntnis will: ein sittliches Wollen zu gebären, das wirklich unseren sozialen Aufstieg bewirken kann. Geisteswissenschaft möchte das, weil sie glaubt, einsehen zu müssen, daß der Menschheit der Gegenwart und Menschheit der nächsten Zukunft insbesondere das notwendig sei, daß soziale Gesundung nur hervorgehen könne aus geistiger Gesundung.
Sie haben in den gestrigen und vorgestrigen Bemerkungen viel davon gehört, wie schmählich oftmals die Angriffe sind, die sich gegen diese Geisteswissenschaft heute geltend machen. Ich könnte Ihnen davon noch vieles erzählen, doch will ich es nicht in diesem Augenblicke tun. Aber sagen möchte ich dies heute zum Schlusse: wie auch die Angriffe sich geltend machen, wenn sie selbst in der Lage wären, diejenigen Bestrebungen, die heute auf geisteswissenschaftlichem Gebiete gemacht werden, für diesen weltgeschichtlichen Augenblick zu zerstören: Geisteswissenschaft müßte doch wiederum von neuem entstehen! Denn ihre Hoffnung ist nicht begründet auf ein subjektives Wollen eines einzelnen oder einiger weniger oder auch einer Sekte, nein, ihre Hoffnung ist begründet darauf, daß die Menschheit mit Bezug auf ihre seelischsten, wichtigsten Angelegenheiten der Gegenwart und nächsten Zukunft diese Geisteswissenschaft und alles, was lebensvoll mit ihr zusammenhängt, braucht. Darauf wird gerechnet in den Hoffnungen der Geisteswissenschaft, daß diese Geisteswissenschaft gedeihen wird, weil die Menschheit sie braucht, was die Menschheit so verlangt, wie sie eine Erneuerung des Geisteslebens verlangt. Das kann vielleicht für den Augenblick durch Böswilligkeiten, durch Unverstand niedergetreten werden. Für die Dauer aber kann es nicht überwunden werden. Denn was die Menschheit brauchen wird, das wird ihr werden, mögen die Gegner noch so greulich, noch so böswillig oder mißverstehend sein, es wird dasjenige, was zum Besten der Menschheit geschehen soll, geschehen, weil es aus inneren, aus geistig-göttlichen Gründen heraus geschehen muß.