The Crisis of the Present and the Path to Healthy Thinking

GA 335 — 2 March 1920, Stuttgart

1. Geist und Ungeist in ihren Lebenswirkungen

Sehr verehrte Anwesende! Eine bedeutsame Erscheinung innerhalb des Gebietes der Besprechung gegenwärtiger öffentlicher Fragen ist das Buch des Engländers John Maynard Keynes über die wirtschaftlichen Folgen des Friedensschlusses. Man darf heute gerade dieses Buch bei Besprechung öffentlicher Angelegenheiten im weitesten Umfang erwähnen, weil es auf der einen Seite mit allen Vorurteilen, ich möchte sagen mit allen Vorempfindungen des Engländers geschrieben ist, weil es auf der anderen Seite aber abgefaßßt ist mit einer außerordentlich bedeutsamen Sachkenntnis und Überschau über das öffentliche Leben der Gegenwart. Keynes war ja lange Zeit Delegierter beim englischen Schatzamt während des Krieges. Und Keynes war dann in der englischen Delegation beim Versailler Friedensschluß, bis er sein Amt niedergelegt hat, weil er von den Verhandlungen in Versailles im höchsten Maße enttäuscht worden ist im Juni 1919. Man muß sagen, wenn man genauer hinsieht gerade auf den Inhalt dieses Werkes, dann findet man manches, das schon recht bedeutsam ist für die Gewinnung eines Urteils über die öffentlichen Verhältnisse des gegenwärtigen Augenblicks. Ich will nur einiges Charakteristische gerade aus diesem Buche einleitungsweise meinen heutigen Betrachtungen vorausschicken.

Keynes war, als er nach Paris ging, sozusagen auch noch mit einem vollen Sack von Vorurteilen dahin gekommen - vor allen Dingen von Vorurteilen über den möglichen Erfolg dieses Friedensschlusses gerade von dem Gesichtspunkte eines Engländers aus, aber auch von Vorurteilen über die an dem Laufe der gegenwärtigen öffentlichen Angelegenheiten beteiligten Persönlichkeiten. Ich darf sagen, daß für mich ganz besonders interessant war das Urteil, das ein Beisitzer der Versailler Verhandlungen gerade über den Mann gewonnen hat, den eigentlich bis vor kurzer Zeit die ganze Welt angebetet hat. Wenn ich immer wieder und wiederum gegen dieses Urteil der ganzen Welt mich aufgelehnt habe — wahrhaftig mich aufgelehnt habe nicht bloß innerhalb Deutschlands, sondern, wo ich die Möglichkeit dazu hatte, das während der Kriegszeit selbst und bis zum Ende der Schreckenstage auch in der Schweiz zu tun -, da konnte man mit solcher Auflehnung wirklich recht wenig Eindruck machen. Man mußte erfahren, daß es selbst innerhalb Deutschlands eine wenn auch kurze Zeit gegeben hat, in der eine größere Anzahl von Menschen eingestimmt hat in die Verhimmelung des Woodrow Wilson — denn den meine ich und den meint Keynes -, eine Verhimmelung, die über die ganze Welt hin Platz gegriffen hatte. Immer wieder und wiederum mußte darauf aufmerksam gemacht werden aus den Anschauungen heraus, die ich ja auch hier in Stuttgart nun schon seit langer Zeit zu vertreten habe, daß man es zu tun hat bei Woodrow Wilson mit einem Mann der Phrase, mit einem Mann, dessen Worte keinen wirklichen, substantiellen Inhalt haben.

Und nun schildert Keynes das Gebaren jenes Woodrow Wilson beim Friedenskongreß in Versailles. Er schildert, mit welcher Glorie dieser Mann aufgenommen worden ist und mit welchem Vorurteil ihm begegnet worden ist. Und er schildert, wie dieser Mann fern von jeder Einsicht in irgendeine Wirklichkeit den Versammlungen beigewohnt hat. Er schildert, wie dieser Mann nicht einmal imstande war wegen seines langsamen Denkens, den Gedanken der anderen zu folgen, wie die anderen schon bei weit anderen Sachen waren, wenn Wilson noch nachdachte über irgend etwas, was sich in einer früheren Zeit zugetragen hat oder ausgesprochen worden ist. Man muß sagen, mit einer außerordentlichen Plastik ist die völlige Unzulänglichkeit und Phrasenhaftigkeit dieser weltberühmten Persönlichkeit der Gegenwart hier von einem Menschen geschildert worden, der wahrhaftig nicht vom mitteleuropäischen Standpunkte aus diese Tatsache eingesehen hat. Auch andere Leute hat Keynes geschildert, die gerade durch ihre Anwesenheit beim Versailler Friedensschluß auf die Geschicke Europas einen bedeutsamen Einfluß gewonnen haben. Von Clemenceau sagt er, daß dieser Greis die Zeit seit 1871 eigentlich völlig verschlafen habe, daß es ihm nur darauf ankäme, denjenigen Zustand Europas wiederherzustellen, welcher vor 1871 geherrscht hat, und vor allen Dingen das aus den gegenwärtigen Weltverhältnissen heraus zu gewinnen, was die Franzosen für ihre eigene Nationalität seit 1871 für notwendig halten. Dann schildert er den Staatsmann seines eigenen Landes, Lloyd George: wie der Mann nur auf Augenblickserfolge bedacht ist, wie der Mann aber einen feinen Instinkt hat und gewissermaßen wittert die Anschauungen und Meinungen derjenigen Persönlichkeiten, die ihn umgeben, mit denen er zu tun hat.

Und dann schaut sich Keynes das an, was verhandelt wird. Und er bespricht in seinem Buche mit der Einsicht und Methode eines Rechners, eines strengen Rechners, welche wirtschaftlichen Folgen für Europa dasjenige haben kann, was durch diesen sogenannten «Friedensschluß» ausgeheckt worden ist. Und er kommt dazu jetzt nicht aus irgendwelchen politischen Ambitionen heraus, jetzt nicht aus irgendwelchen Empfindungen oder Empfindlichkeiten heraus, sondern aus Rechnungsresultaten heraus - zu sagen, daß dasjenige, was für Europa wirtschaftlich impulsiert wird durch diesen Friedensschluß, der ökonomische Niedergang Europas sein müßte. Nichts Geringeres erfährt man aus diesem Buche, durch exakte Rechnungsresultate wie gesagt, als daß die mafßßgebenden Persönlichkeiten Einrichtungen und Institutionen getroffen haben, die notwendigerweise zum Abbau der Wirtschaften von ganz Europa führen müssen.

Man kann, ich möchte sagen im Untertone des Buches lesen, wie der Engländer vom englischen Standpunkte aus spricht; wie er eigentlich doch auf seine Seele wirken läßt das Gefühl: dieser Untergang von Europa muß ein so gründlicher sein, daß England mit zu Schaden kommen muß. Man kann also sagen: Wie so viele gegenwärtige Staatsmänner des Westens hat es auch dieser Fellow der Universität von Cambridge ein wenig mit der Angst zu tun, aber eine Situationsschilderung der gegenwärtigen Verhältnisse findet man gerade in diesem Buche. So etwas beleuchtet Ihnen blitzartig mehr als alle übrigen Redereien die gegenwärtige internationale Situation der Welt.

Am bedeutsamsten erscheint mir aber bei diesem Buche eines: Nachdem dieser Mann vom Gesichtspunkte eines exakten Rechners aus seine Betrachtungen angestellt hat und zu gleicher Zeit in diese Betrachtungen hineinmischt ganz plastische Schilderungen eines Menschenkenners über die Persönlichkeiten, die beteiligt waren an den Institutionen, die zu diesem Untergang führen sollen, sieht man nichts, was von diesem Buche aus irgendeinen Lichtblick werfen würde auf das, was man zu tun habe, damit die allgemeine Zerstörung nicht eintrete, damit statt des Abbaues ein Aufbau kommen könne. Und charakteristisch ist es, daß gerade dieser Rechner auf den letzten Seiten dieses seines Buches einen außerordentlich merkwürdigen Satz hat. Er sagt ungefähr, er könne sich nicht denken, daß aus den alten Anschauungen, wie sie sich gerade so eklatant entwickelt haben beim Versailler Friedensschluß, irgend etwas Günstiges für die Fortentwicklung des europäischen Zivilisationslebens entfalten könne. Und er könne einzig und allein hoffen, daß eine bessere Zeit komme durch das Zusammennehmen aller Kräfte der Bildung und der Phantasie — «by setting in motion those forces of instruction and imagination», wie er sagt. Das heißt aber nichts Geringeres, meine sehr verehrten Anwesenden, als daß dieser exakte Rechner auf nichts anderes mehr hofft als auf eine Umwandlung der geistigen Verfassung der europäischen Menschen.

Von dieser Stätte aus wurde oftmals gesprochen über die Notwendigkeit dieser Umwandlung der geistigen Verfassung der europäischen Menschheit. Man kann heute nicht über wirtschaftliche Fragen sprechen, indem man in dieses Sprechen hinein einfach dasjenige fortsetzt, was man gewohnt ist aus den alten Verhältnissen heraus über das Wirtschaftsleben zu denken. Man kann heute nicht über die Umgestaltung der Staatsverhältnisse sprechen aus denjenigen Vorstellungen heraus, die man gewohnt ist zu haben nach den Denkgewohnheiten des 19. und des beginnenden 20. Jahrhunderts. Und man kann über all dieses nicht sprechen, ohne daß man darauf hinweist, wie es notwendig ist, daß einziehe in das ganze Innere der europäischen Menschheit eine neue Art, über die öffentlichen Angelegenheiten zu denken. Denn dasjenige, was als Schreckenskatastrophe eingetreten ist, es ist das Ergebnis nicht dieser oder jener fehlerhaften Einrichtung, es ist das Ergebnis der ganzen Geistesverfassung, zu der diese europäische Menschheit gekommen ist im Beginn des 20. Jahrhunderts. Dasjenige, was sich abgespielt hat auf dem Gebiete des Rechtslebens oder Staatslebens, was sich abgespielt hat auf dem Gebiete des Wirtschaftslebens - es ist nichts anderes als der Geist, besser müßte ich sagen, wie sich das ja wohl im Verlaufe des heutigen Abends noch herausstellen wird, der Ungeist, der seine Wirkungen geäußert hat in den Lebensbedingungen der europäischen Menschheit, der Ungeist, der hereingetragen wurde vom Geistesleben aus, vom sogenannten Geistesleben aus, in das Rechts- oder Staatsleben und in das Wirtschaftsleben.

Man muß nun diesen Geist an seinen bedeutsamsten Symptomen erfassen. Man muß ihn da erfassen, wo er sich innerhalb des Geisteslebens selbst geltend gemacht hat. Man muß, wenn man einen klaren Blick bekommen will über diese Verhältnisse, schon einmal Umschau halten in dem, was sich heraufentwickelt hat seit dem Beginn des sogenannten neueren Geisteslebens, seit den letzten drei bis vier Jahrhunderten. Und man muß eine Erkenntnis darüber gewinnen, wie sich dieses Geistesleben hineingeschlichen hat in das menschliche Empfindungs- und Gefühlsleben. Und man muß eine weitere Erkenntnis sich davon verschaffen, wie unsere wirtschaftlichen Verhältnisse allmählich der äußere Ausdruck dieses Geisteslebens geworden sind.

Aber was ist das bedeutsamste Kennzeichen dieses Geisteslebens? Immer wiederum muß man sagen, daß eigentlich ein rechtes Urteil über dieses Geistesleben, wie es sich entfaltet hat im Laufe der letzten drei bis vier Jahrhunderte, nur derjenige haben kann, der auch in der Lage ist, die Lichtseiten dieses Geisteslebens hinlänglich zu würdigen, der in der Lage ist zu durchschauen, was namentlich die Wissenschaft der letzten Jahrhunderte für die Entwicklung der Menschheit, der zivilisierten Menschheit geleistet hat. Da muß man immer wiederum hinweisen darauf, wie das Gewebe der Natur umfaßt worden ist von den Ideen dieser Wissenschaft. Da muß man darauf hinweisen, wie durch das Umfassen des Gebietes der Natur die Maximen, die Antriebe, die Impulse gefunden worden sind zu den großen Errungenschaften der modernen Technik, die es ja doch sind, welche das Wirtschaftsleben im Laufe der neuesten Entwicklungsgeschichte der Menschheit ganz umgestaltet haben.

Wir stellen uns einmal vor, daß — was es heute kaum noch gibt irgend jemand sich die Mühe gäbe, Umschau zu halten in den gebräuchlichen Zweigen naturwissenschaftlicher Weltanschauung, wie sie groß geworden sind in den letzten Jahrhunderten. Wir stellen uns einmal vor, daß jemand Umschau halte in den bedeutsamen Errungenschaften des mechanischen, physikalischen, chemischen, biologischen und so weiter Wirkens. Wir stellen uns vor, daß ein solcher auch in der Lage wäre zu beurteilen, was die Denkungsart, die Vorstellungsweise, die sich herangeschult hat an den bewundernswürdigen Methoden dieser Physik, dieser Chemie, dieser Biologie, dieser Mechanik, für die Erkenntnis des Anthropologischen in der Menschheitsentwicklung geleistet hat. Wir stellen uns vor, wie man dazu gekommen ist, ausgehend von der naturwissenschaftlichen Erziehung, zu erforschen, wie sich die Menschen aus ursprünglich primitiven Zuständen zu höheren Kulturzuständen entwickelt haben, wie sich die sozialen Verhältnisse der Gegenwart allmählich entwickelt haben. Wir stellen uns vor, wie Menschen, die mit naturwissenschaftlicher Schulung ausgerüstet waren, sich bemüht haben, soziologische Ansichten zu gewinnen über die Lebensbedingungen der Menschen. Wenn wir uns einen solchen Menschen von dieser Universalität des [wissenschaftlichen] Erkenntniswesens, den es, wie gesagt, eigentlich nicht mehr so recht gibt, nun doch einmal vorstellen, so müssen wir uns fragen: Wie steht ein solcher Mensch heute vor den großen menschheitlichen Fragen des Daseins? Wie steht er vor allen Dingen vor der Grundfrage, die aus den Tiefen des menschlichen Seelenlebens immer wiederum den Seelen der hoffenden Menschen auftauchen muß, zu der Frage: Was ist denn dieser Mensch eigentlich innerhalb des Gebietes der irdisch-kosmischen, der seelisch-geistigen Weltenordnung?

Das Merkwürdigste ist gerade die Art der Beantwortung dieser Frage durch die naturwissenschaftliche Weltanschauung. Diese naturwissenschaftliche Weltanschauung hat ein Großes geleistet, indem sie gleichsam wie ihren Abschluß die Entwicklungslehre hervorgebracht hat und zu zeigen verstand, wie man sich vorstellen könne, daß die Organismen vom Einfachsten bis zum Komplizierteren sich entwickeln und daß an die Spitze dieser Entwicklung, gewissermaßen wie die Zusammenfassung der Lebewesen auf der Erde, der Mensch selber dasteht. Dasjenige, was man erreichen kann auf diesem Gebiet, was ist es? Man konnte sich die Frage beantworten: Wie steht der Mensch im Verhältnis zur Tierheit? Wie steht der Mensch zu denjenigen Wesen, die er seiner eigenen Organisation untergeordnet im Weltenall ansehen muß? — Diese Fragen konnte man aus den äußeren, sinnlichen Tatsachen heraus in mustergültiger Weise beantworten. In dem Augenblick aber, wo die große menschheitliche Frage auftritt: Was bist du eigentlich als Mensch? -, da versagte diese Betrachtungsweise.

Ich glaube, daß diejenigen der verehrten Zuhörer, die die ganze Reihe von Vorträgen, die ich jetzt schon seit Jahren hier halte, gehört haben, Hunderte von Belegen für dasjenige haben werden, was ich jetzt sage. Wenn man alles das zusammenfaßt, was auf diesem Gebiet gewonnen werden kann, und zuletzt die Frage aufwirft: Was ist eigentlich dieser Mensch, der du selbst bist im Zusammenhang des irdisch-kosmischen, im Zusammenhang des seelisch-geistigen Weltenwesens? —, da muß man sich sagen, gerade wenn man die Errungenschaften der modernen naturwissenschaftlichen Weltanschauung hinlänglich zu würdigen versteht: Soviel man auch nach dieser Richtung wissen kann, soviel man Erkenntnisse haben kann über die Natur - alle diese Erkenntnisse besagen nichts über den Menschen selbst. Und indem immer mehr und mehr im Gemüte der Menschen gewissermaßen wie eine geistige — ich könnte auch sagen ungeistige — Autorität diese naturwissenschaftliche Weltanschauung sich geltend gemacht hat, erstreckte sich das, was da an Gedanken über die Natur aufgefaßt worden ist, in das Empfindungsleben, in das Willensleben hinein.

Der Mensch möchte ja wahrhaftig die Natur nicht bloß intellektualistisch erkennen. Der Mensch möchte empfinden, fühlen, was er ist. Der Mensch möchte hineingießen können in seinen Willen, in seine Willenshandlungen, in sein ganzes äußeres Leben und seine Wirkungen dasjenige, was aus seinem eigensten, tiefsten Wesen in das Weltwesen fließen kann. Er hat heute das Gefühl, daß er sich nicht bloß instinktiv verhalten kann in seinen Willensentschlüssen, in seinen Willenshandlungen, er muß irgend etwas aufnehmen, das ihm Ziele vorsetzt in bezug auf sein Handeln, in bezug auf sein Wollen. Diese Ziele, sie kommen nicht so, daß sie in einer befriedigenden Weise dieses Wollen durchdringen, wenn man über die Welt und den Menschen nichts anderes weiß, als was die Naturwissenschaft geben kann. Und so ist gerade durch die großen Errungenschaften der naturwissenschaftlichen Weltanschauung eine Verödung des menschlichen Gefühls, eine Ratlosigkeit des menschlichen Wollens eingetreten. Diejenigen Menschen, welche in einem gewissen Seelenegoismus das nicht mitmachen wollen, was die Errungenschaften der Naturwissenschaft geben, die stützen sich auf alte religiöse oder sonstige Traditionen. Sie machen sich gewissermaßen blind dafür, daß sich ja mit diesen Traditionen nicht mehr weiter leben läßt, nachdem diese Errungenschaften der Naturerkenntnis da sind. Sie machen das aus einem gewissen Seelenegoismus heraus, indem sie sich sagen: Ich erfülle mein Inneres mit dem, was das eine oder andere Bekenntnis gibt; ich kümmere mich nicht darum, ob dieses Bekenntnis heute dem Menschen, der mitgehen will mit den Forderungen seiner Zeit, noch etwas geben kann gegenüber den Aussagen naturwissenschaftlicher Denkweise.

Bei einem Symptom kann man das öffentliche Leben der Gegenwart erfassen, indem man gerade auf diese naturwissenschaftlichen Grundlagen des heutigen Denkens hinweist; mehr als ein Symptom soll es für diese Betrachtungen nicht sein, was ich so vorausschicke. Man darf nicht vergessen, dasjenige, was eine Generation denkt, das wird in den nächsten Generationen Gesinnung, Impuls des Fühlens und Wollens. Und man darf vielleicht doch heute mit einiger Berechtigung auf etwas sonderbare Leute hinweisen, die vor etwa einem halben Jahrhundert gesprochen haben. Da gab es einen, man kann schon sagen merkwürdigen Polterer, der manches so ausgesprochen hat damals in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts, daß man ihn einen Polterer nennen kann. Ich meine Johannes Scherr. Indem ich ihn einen Polterer nenne, wird niemand auf die Vermutung kommen, daß ich den Mann überschätze. Allein das folgende muß doch gesagt werden: Ein Herz, einen Sinn für dasjenige, was sich in der Zivilisation Europas vorbereitete, hatte dieser Mann, und in seinen polternden Reden findet sich manche außerordentlich treffende Bemerkung, allerdings manche Bemerkung, welche die schlafenden Seelen unter den Menschen vielleicht erst heute richtig beurteilen könnten - wenn man überhaupt wiederum die Werke solcher alten Kerle in die Hand nähme; die läßt man in Bibliotheken verstauben. Johannes Scherr sah dazumal, wie jene Denkweise auf einen gewissen Höhepunkt hinaufkam, welche zwar Großartiges, Gewaltiges zu sagen vermag über Naturerkenntnisse, welche aber außerstande ist, dem Menschen zu sagen, was er eigentlich selber ist - eine Denkweise, welche außerstande ist, dem Menschen Empfindungen darüber zu geben, daß er selber in seinem innersten Wesen ein Geistig-Seelisches ist und daß er in die Impulse seines Wollens geistig-seelische Kräfte hineinzulegen habe. Johannes Scherr hat genug beobachtet, um sich zu fragen: Wie fließt eine Denkweise, die nur über die Materie zu reden vermag, nicht aber über den Menschen, wie fließt diese Denkweise in die Menschheit hinein, wenn man nicht bloß auf die Gegenwart - auf die damalige Gegenwart der sechziger, siebziger Jahre -, sondern wenn man auf die folgenden Generationen schaut? Er fragt sich, was geschieht, wenn dasjenige, was der, nun, man sagt wohl «stille Gelehrte» auf seinem Katheder in einem gewissen Zeitalter verkündet, umschlägt in Empfindungen und Gefühle der Menschen, wenn das so Verkündete umschlägt und ganz hineingeht in die Kontore, in die Fabriken, in die Banken und Börsen; er fragt sich, was geschieht, wenn das, was man als Vorstellungsart in der Naturerkenntnis geltend macht, beherrschende Vorstellungsart wird auch in bezug auf die Gestaltung der finanziellen und ökonomischen Welt.

Solche Fragen werden gewöhnlich nicht gestellt. Denn man glaubt, daß dasjenige, was der Mensch auf ökonomischem Felde denkt, was auf der Börse spekuliert wird, was in den Banken verhandelt wird, unabhängig sei von dem, was der stille Gelehrte vom Katheder herunter verkündet. Aber im Leben steht alles in innigem Zusammenhang. Dieser innige Zusammenhang verbirgt sich nur dadurch, daß etwas theoretische Denkweise sein kann bei einer Generation, bei der nächstfolgenden wird es Antrieb des äußeren Handelns, Antrieb der öffentlichen Empfindungswelt. Unter dem Eindruck solcher Gedanken sagte damals Johannes Scherr einen außerordentlich schönen Satz. Er sagte: Wenn der materialistische Ungeist, der jetzt alle Kreise beherrscht, seinen Weg durch die zivilisierte Welt nimmt; wenn er geltend macht alles dasjenige, wozu er veranlagt ist, in der Finanzwirtschaft Europas, in der ökonomischen Verfassung Europas, dann kommt eine Zeit herbei, von der man wird sagen müssen: Unsinn, du hast gesiegt!

Solche Worte sind dazumal gesprochen worden. Was liegt hinter diesen Worten? Hinter diesen Worten liegen all die Lobeshymnen auf den wirtschaftlichen Aufschwung, auf die Art, wie wir es so herrlich weit gebracht haben, auf die glorreichen Errungenschaften des modernen Lebens, mit denen wir aus dem 19. Jahrhundert in das 20. Jahrhundert hineingegangen sind. Was hat man alles hören können von der Art dieser Loblieder. Aber unter der Oberfläche all dieser Loblieder keimte fort dasjenige, wovon Johannes Scherr sagte: Es wird sich äußern so, daß man sagen muß: Unsinn, du hast gesiegt. - Und der Unsinn hat gesiegt! Schauen wir zurück auf die letzten fünf bis sechs Jahre. Was, meine sehr verehrten Anwesenden, ist das Schicksal derjenigen, die aus dem Gegenwärtigen mit einem inneren Durchschauen der Verhältnisse das Zukünftige zu errechnen verstehen? Man hört dasjenige, was sie sagen, höchstens an wie eine Sensation, aber man nimmt es nicht ernst. Man läßt die Dinge gehen, wie sie gehen, indem man sich selbst seiner schlafenden Seele hingibt, und kommt dann zu derjenigen Gesinnung, die heute zwar sieht, daß es mit jeder Woche mehr in den Abgrund hinuntergeht, aber doch immer wiederum sagt: Morgen wird es schon besser werden. Das oder jenes wird geschehen. Morgen werden wir ja schon wiederum - ja, ich weiß nicht, zu was kommen.

Wo liegt der Ursprung gerade dieser Denkweise? Worin liegt der Ursprung desjenigen, was dazumal der Polterer Johannes Scherr den Ungeist genannt hat? Der Ursprung liegt gerade darin, daß eine Weltanschauung heraufgezogen ist im Lauf der letzten drei bis vier Jahrhunderte, welche aus den Vorstellungen, die man aus ihr gewinnt, nichts über den Menschen selbst zu sagen vermag oder empfinden zu lassen vermag. Wozu ist man aber genötigt, wenn man heranerzogen wird an einer Weltanschauung, die über den Menschen selber nichts empfinden und fühlen läßt? Wozu ist man dann genötigt? Man ist genötigt, über den Menschen zu sprechen. Ja, über den Menschen sprechen muß man; man kann es nicht vermeiden, da ja jeder eigentlich im öffentlichen Leben drinnensteht, und da im öffentlichen Leben Menschen handelnd auftreten, die miteinander reden müssen über ihre Angelegenheiten, miteinander reden müssen über die ganze Welt hin. Man kann es nicht vermeiden, über den Menschen zu sprechen.

Und was ist die Folge, wenn man über den Menschen doch sprechen muß, wenn man sprechen muß über dasjenige, was rechtlichstaatlich, was geistig-kulturell, was wirtschaftlich an Institutionen unter den Menschen behandelt werden soll? Was ist nötig, wenn man doch sprechen soll über den Menschen und keine Unterlagen hat, weil gerade das, was heraufzieht als Weltanschauung, solche Unterlagen nicht gibt — was hat man da nötig? Bei dem, was heute auf dem Gebiet des Geisteslebens, des öffentlichen Geisteslebens die Welt beherrscht, hat man nötig — weil man nicht in der Lage ist, aus innerem Erleben des Geistes heraus in seine Worte geistige Substanz zu legen -, man hat nötig die Phrase!

Sehen Sie, meine sehr verehrten Anwesenden, das will zunächst die hier gemeinte Geisteswissenschaft, daß die Menschen wiederum dazu kommen, in ihre Rede, in ihre Worte hineinzulegen dasjenige, was Worten einzig und allein die Berechtigung gibt: geistige Substanz. Geistige Substanz bekommen die Worte, die der Mensch redet, nicht aus der naturwissenschaftlichen Erkenntnis heraus; geistige Substanz ist nicht möglich zu gewinnen auf die bequeme Weise, die in Chemie, in Physik, in Botanik, in Biologie gepflogen wird. Geistige Substanz muß schon auf dem Wege gewonnen werden, den als einen weniger bequemen die Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, schildert. Geistige Substanz muß dadurch gewonnen werden, daß man eine wirkliche Ansicht über das innerste Wesen des Menschen gewinnt. Das ist aber nur möglich, wenn man die hier schon einmal charakterisierte intellektuelle Bescheidenheit entwickelt. Das ist nur möglich, wenn man dazu kommt, sich zu sagen: Gerade die großen Errungenschaften der Naturwissenschaft zeigen mir, daß ich, wenn ich so bleibe, wie ich rein physisch in die Welt hineingeboren bin, den großen Angelegenheiten der Menschheit gegenüberstehe wie das fünfjährige Kind einem Band Goethescher Lyrik: es zerreißßt den Band, es weiß nicht, was es vor sich hat. Aber das Kind kann sich entwickeln, so daß es dann dasjenige, was ihm früher etwas ganz anderes war, seiner wirklichen Wesenheit nach nimmt. Das auf sich selbst als Erwachsenen anzuwenden, das mag der moderne Mensch nicht gern. Er mag sich nicht sagen: Ich muß meine innere Seelenentwicklung in die Hand nehmen; ich muß über dasjenige, was ich einfach durch die physische Geburt geworden bin, durch meine eigene innere Seelenarbeit hinauskommen; ich muß meine Seele zu einem Höheren entwickeln, als das ist, was mir ohne mein Zutun zukommt.

Und wenn dann der Geistesforscher unter die Menschen tritt und sagt: Um das Geistige, das ja auch im Menschen ist, wirklich zu erkennen, dazu ist notwendig, daß man innere, geistige Methoden anwendet, daß man das Denken durch innere Seelenübungen so umgestaltet, wie es geschildert ist in dem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» oder im zweiten Teil der «Geheimwissenschaft» oder in den anderen Büchern, da kommen die Menschen und sagen: Ach, das spricht so ein Phantast. - Wenn er schildert, daß eine im gewöhnlichen, äußeren Leben sonst nicht vorkommende Willenszucht notwendig ist, um die Seele heraus 4 zuheben aus ihrem Stande, in den sie gekommen ist durch die bloß physische Geburt, und sie so zu entwickeln, wie man es aus eigener, innerer Handhabung des Seelischen nur erreichen kann, da kommen die Menschen und sagen: Ach, das spricht so ein Phantast; das spricht einer, der aus den Enttäuschungen, aus den zerstörten Hoffnungen der neueren Menschheit Kapital schlagen will, der den Menschen etwas vorgaukelt von der Möglichkeit einer übersinnlichen Erkenntnis!

Nein, meine sehr verehrten Anwesenden, aus solchen Unterlagen heraus spricht heute der richtige Geistesforscher nicht. Er spricht wahrhaftig nicht aus Dilettantismus heraus gegenüber der Naturwissenschaft, sondern er spricht gerade aus einer richtigen Erkenntnis der naturwissenschaftlichen Errungenschaften. Und er weiß, daß geisteswissenschaftliche Methoden notwendig sind, weil die Naturwissenschaft zwar über vieles etwas sagt, nicht aber über das, was das eigentliche Wesen des Menschen ist; er weiß, daß man Aufklärung über dieses Wesen des Menschen nur haben kann durch Erkenntnisse, die durch langsame, mühsame innere Seelenarbeit erobert werden, und daß diese Menschenerkenntnis dadurch erarbeitet werden muß, daß man sich vom Sinnlichen wirklich zum Übersinnlichen erhebt. Mögen die Philister diese Erhebung zum Übersinnlichen als etwas Phantastisches anschauen - zur Menschenerkenntnis ist diese Erhebung ins Übersinnliche notwendig, denn die Sinneserkenntnis zeigt auf jedem Gebiete, daß sie niemals über das Wesen des Menschen eine Auskunft geben kann. Dasjenige aber, was da gewollt wird durch diese Geisteswissenschaft, das ist eine Erneuerung des Menschen vom tiefsten Innern heraus; das ist das Anstreben der Möglichkeit, Erkenntnisse über den Menschen zu gewinnen, die wirklich in die Empfindung übergehen, die wirklich auch Ziele, Ideale abgeben, die in den Willen hineinfließen können, bis in die Realität des Wirtschaftslebens hinein.

Was für Lebenswirkungen entstehen aber da, wenn man nicht diesen Geist, der der modernen Menschheit so unsympathisch ist, anstrebt, sondern wenn man anstrebt den Ungeist, der als Weltanschauung nur Auskunft zu geben vermag über das Nichtmenschliche, über das Außermenschliche — was für Lebenswirkungen ergeben sich daraus?

Als erste dieser Lebenswirkungen erscheint über die ganze zivilisierte Welt hin, was diese zivilisierte Welt auf dem Gebiete des Geisteslebens schon beherrscht - man will es nur nicht merken, man verschließt davor nur die Augen -, als erste Lebenswirkung ergibt sich die Weltherrschaft der Phrase. Denn wenn man nicht eine geistige Anschauung hat, die in die Welt hineinfließt als lebendige Substanz, so bleiben die Worte leer. Dann werden Worte ausgesprochen, die überhaupt nur als Phrase einen Sinn haben, das heißt keinen Sinn haben. Und im Laufe der letzten Jahre, wo sich der Ungeist selber ad absurdum geführt hat durch die äußeren Weltereignisse, da konnten wir wahrlich über die ganze zivilisierte Welt hin den Siegeszug der Phrase wahrnehmen. Phrasen sind Worte, bei denen man gar nicht nötig hat, an die reale Grundlage zu denken - man braucht nur an charakteristische Erscheinungen zu erinnern wie zum Beispiel an die beiden bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts im Parlament gebliebenen englischen Parteien, die «Whigs» und die «Tories». Man sagt diese Worte und hat natürlich keine Ahnung mehr davon, welchen Ursprung im Leben diese Worte einmal hatten. «Whigs», das war, als das Wort aufkam, ein Schimpfwort für schottische Revolutionäre gegenüber englischen Einrichtungen, und «Tories» war der Spottname für die irischen Papisten. Ebenso wie diese Worte in der englischen Parlamentssprache sich verhalten zu ihrem Ursprung im realen Leben, so verhalten sich heute die tonangebenden Aussagen der Menschen zu ihren realen Lebensursprüngen. Wie über dem Leben, über der Wirklichkeit schwebt dasjenige, was wir, man darf nicht sagen denken, sondern was wir als Worte aus uns herauspressen. Die Weltherrschaft der Phrase, sie wird den Menschen klar werden. Denjenigen, die sie sich nicht klarmachen wollen aus der Betrachtung der Verhältnisse heraus, denen wird sie klar werden dadurch, daß sie durch ein Wirtschaftsleben, welches ohne den beherrschenden Antrieb des Geistes sich entwickelt, daß sie durch ein solches Wirtschaftsleben verhungern. Das Verhungern wird den realen Beweis liefern, daß unser Wirtschaftsleben nicht vom Geiste, sondern vom Ungeist beherrscht wird, weil wir es dazu gebracht haben, den Geist nicht mehr in der Wirklichkeit zu suchen, sondern uns an den Ungeist zu halten, der sich auf dem Gebiete des sogenannten Geisteslebens dann nur als Phrase über das Menschliche äußern kann.

Dagegen gibt es nur ein Heilmittel, nur ein Heilmittel gibt es, um über die Weltherrschaft der Phrase hinauszukommen: zu emanzipieren das Geistesleben von demjenigen, unter dessen Druck es zur Phrase werden mußte. Ein Geistesleben, das nicht aus seinen eigenen Grundlagen heraus baut, ein Geistesleben, das sich die Anstalten für seine Pflege von dem Wirtschaftsleben herrichten oder vom Staatsleben zuzimmern läßt, ein Geistesleben, das folgen muß den Richtlinien des Staates oder den Kräften des Wirtschaftslebens, ein solches Geistesleben kann sich nicht frei entfalten. Nur ein solches Geistesleben kann sich frei entfalten und dadurch zum wirklichen Geiste kommen und dadurch über die Phrase hinauskommen, daß es sich seine eigenen Institutionen aus seinen eigenen Grundlagen heraus schafft. Es gibt nur ein Heilmittel gegen den sonst immer stärker werdenden Siegeszug der Weltenphrase, das ist: die Verselbständigung des Geisteslebens. Wie die Früchte des Feldes unter einem Heuschreckenschwarm zugrunde gehen, so verödet das Geistesleben, wenn dieses Geistesleben von anderen Faktoren abhängig ist als allein von sich selbst, und dasjenige, was vom Geistesleben geoffenbart wird unter den Menschen, wird zur Phrase. Die Weltherrschaft der Phrase wird erst aufhören, wenn das Geistesleben eingerichtet wird von denjenigen, die die Träger des Geisteslebens sind; sie wird erst aufhören, wenn von der niedersten bis zur höchsten Schule hinauf und auf allen anderen Gebieten des Geisteslebens diejenigen die Institutionen des Geisteslebens machen, die in diesem Geistesleben tätig sind, und wenn das, was Grundsatz für das Lehren, für die Verbreitung des Geisteslebens ist, auch maßgebend ist für die äußeren Institutionen. Nur ein auf sich selbst gestelltes Geistesleben wird in die Lage kommen, sich entgegenzustellen dem Siegeszug der Phrase, der so verheerend wirkt, der sich selbst ad absurdum geführt hat in den Schreckensereignissen der letzten fünf bis sechs Jahre.

Meine sehr verehrten Anwesenden, es kann einem, gerade wenn man ehrlich und aufrichtig die Entwicklung des Geisteslebens, des sogenannten Geisteslebens, in den letzten Jahren, den letzten Jahrzehnten betrachtet, an merkwürdigen Beispielen aufgehen, wie dieses Geistesleben allmählich ohnmächtig geworden ist gegenüber den Lebenswirklichkeiten. Es ist höchst merkwürdig, was einem entgegentritt, wenn man betrachtet eine Persönlichkeit, die man selbst aufs höchste verehrt, eine Persönlichkeit, die charakteristisch ist für höchste Leistungen des Geisteslebens am Ende des 19. Jahrhunderts. Als eine solche Persönlichkeit sehe ich Herman Grimm an, den großen Kunsthistoriker. Wiederum will ich von der Erscheinung Herman Grimms nur als von einem Symptom für das neuere Geistesleben sprechen. Großes, wahrhaft Großes hat dieser Herman Grimm, dieser Kunsthistoriker geschaffen. Und wenn ich Umschau halte unter seinen reichen Essays, die da vorliegen von ihm, so muß ich sagen: Etwas, was so von innerer reicher Geistesart vom Ende des 19. Jahrhunderts gesättigt ist wie zum Beispiel seine beiden Essays, der über Iphigenie und der über Tasso - das sind wirklich geistige Offenbarungen, die im höchsten Maße zeigen, was ein auf der Höhe des Geisteslebens der modernen Zeit stehender Mensch zu leisten vermag. Und sie sind charakteristisch, diese geistigen Leistungen, für die Art des Geistesschaffens derjenigen, die eigentlich die Besten waren. Über Iphigenie und über den Tasso von Goethe hat Herman Grimm Abhandlungen geschrieben, die Gesichtspunkte des Geisteslebens zeigen, die einfach bewundernswürdig tief eindringen in das menschliche Wesen überhaupt. Aber er hat etwas geschrieben, was schon im Geiste da ist. Er braucht zur Vorlage etwas wie die Iphigenie, wie den Tasso, die schon da waren. Ich habe Umschau gehalten, was ein solches Symptom denn eigentlich bedeutet, und ich konnte nicht anders als finden: Das Schönste, das Größte, was unsere Geistesheroen am Ende des 19. Jahrhunderts geleistet haben, sind gerade diejenigen Dinge, in denen sie geistvoll geschrieben haben über das, was um die Wende des 18. und 19. Jahrhunderts geistig produziert worden ist. Sehr charakteristisch, sehr bedeutsam. Diese Beobachtung könnte aber jeder machen, der wach ist, und nicht mit schlafender Seele das neuere Geistesleben betrachtet.

Nun gibt es von demselben Herman Grimm auch ein Buch über Goethe. Das handelt nicht über Iphigenie, nicht über den Tasso, nicht über geistige Erzeugnisse des Menschen, sondern über Goethe selbst, über den lebendigen Menschen Goethe. Ich lese Kapitel für Kapitel - ich habe es schon wiederholt öffentlich ausgesprochen, was ich über dieses Goethebuch zu sagen habe -, ich lese Kapitel für Kapitel; ich versuche mir gegenständlich zu machen, wie dieser geistvolle Mann, der so großartig über Iphigenie, über Tasso geschrieben hat, nun über Goethe, den lebendigen Menschen selber spricht. Ich finde Kapitel für Kapitel nicht die Schilderung eines lebendigen Menschen, ich finde Schattenbilder, die so über die Wand hinhuschen, Schattenbilder ohne Dicke, Schattenbilder von Goethe, dem lebendigen Menschen. Dasjenige, was geistig hervorgebracht wurde, das konnte Herman Grimm schildern. Im Augenblick, wo er stand vor der Schilderung des lebendigen Menschen, entsteht nicht eine Schilderung dieses lebendigen Menschen, sondern es entstehen Schattenbilder, die keine Dicke haben, die Fläche haben, die nur hinhuschen, an die man nicht anstoßen kann, durch die man überall durchgreift, wenn man ihnen zu Leibe rückt. Das ist so recht charakteristisch für die Lebenswirkungen der geistigen Verfassung von diesem Ende des 19. Jahrhunderts. Diese geistige Verfassung war in dem Augenblick, wo sie sich über Geistiges hermacht, stark genug, über geistige Produktion der Menschen zu urteilen und das hinzustellen, auch mit zahlreichen Seitenblicken über das menschliche Leben überhaupt, aber sie versagt in dem Augenblick, wo eingedrungen werden soll in den Geist der uns vorliegenden Wirklichkeit.

Das ist dasjenige, was nun wiederum die Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, anstrebt: Hinlenkung der menschlichen Seelenverfassung zum wirklichen Geiste, so daß wir in die Lage kommen, den Geist in der Wirklichkeit zu finden. Sie strebt an, daß wir nicht nur Schattenbilder von der Wirklichkeit malen, sondern den Geist in der Wirklichkeit ergreifen können. Dann werden wir auch nicht jene Abstraktionen, jene Intellektualismen gewinnen, die heute die Naturerkenntnis auftischt, sondern wir werden gewinnen eine wirkliche Einsicht auch in das innere Weben und Wesen der Natur. Und wir werden von da ausgehend eine Gesinnung gewinnen, die des Menschen eigenem Wesen, des Menschen eigener Würde, des Menschen eigener Bedeutung im irdisch-kosmischen, im seelisch-geistigen Zusammenhang entspricht, die diesem Wesen, dieser Würde des Menschen wirklich entspricht. Aber nur dadurch, daß wir so vordringen durch den Geist in die Wirklichkeit, können wir die Phrase besiegen, können wir in das lebendige Wort wiederum das hineinlegen, was kraftend ist in den Handlungen, in den Begegnungen der Menschen, was kraftend sein kann auch im Wirtschaftsleben. Wer heute glaubt, daß er im Wirtschaftsleben auskommt mit einer bloßen Verbesserung alter Institutionen, wer nicht übergehen will zu einer solchen vollständigen Erneuerung der Denkweise, der gibt sich wesenlosen Illusionen hin. Denn wir stehen heute nicht vor kleinen, wir stehen heute vor den denkbar größten Menschheitsfragen.

Und gerade dann, wenn es sich darum handelt, äußerlich wirklich sozial zu begründen das Verhältnis von Mensch zu Mensch, dann ist es notwendig, daß der Mensch dem Menschen so gegenübertritt, daß er in seinem Nebenmenschen den Geist sehen kann. Es ist notwendig, daß er in seinem Nebenmenschen dasjenige sehen kann, was ein spezieller Fall einer geistig-seelischen Wesenheit ist, daß er gegenüber seinem Nebenmenschen sich durchdringen kann mit all den Gefühlen und Empfindungen, die nur impulsiert, nur innerlich durchkraftet werden können von einer geistigen Weltanschauung. Weil wir kein selbständiges Geistesleben hatten, entwickelten wir den Materialismus im Großen, entwickelten wir auf dem Gebiete des Geisteslebens die Weltherrschaft der Phrase, was noch vielen Menschen verborgen ist, die da seelisch schlafen.

Und wenn auf dem Gebiete des Gefühls- und Empfindungslebens eindringt der Ungeist - nicht der Geist, der lebendig befruchtet alles dasjenige, was aus dem Menschen kommt -, wenn in die Gefühle und Empfindungen eintaucht der Ungeist, was entsteht dann? Dann entsteht kein lebendiges Verhältnis von Mensch zu Mensch, das die Grundlage abgeben kann für die soziale Struktur des gesellschaftlichen Organismus; dann entsteht in den Verhältnissen, in den Gefühls-, den Gemütsverhältnissen zwischen Mensch und Mensch durch den Ungeist die Konvention. Ich möchte sagen, wir Deutsche dürfen glücklich sein, daß wir, indem wir die gegenwärtige Herrschaft des Geisteslebens zu schildern haben, «Phrase» sagen müssen, denn wir haben im Deutschen kein richtiges Wort dafür. Und auch jetzt sind wir wieder in Verlegenheit, ein deutsches Wort zu brauchen für das, was sich in neuerer Zeit herausgebildet hat aus dem vom Ungeist beherrschten Gefühlsleben; wir müssen sagen «Konvention». Die Konvention ist dasjenige, was bloß äußerlich festgelegt ist; dasjenige, auf das wir bloß äußerlich hinschauen können, was nicht ergriffen wird von dem innersten Wesen des Fühlens und Empfindens. Aber in diejenigen Menschen, in die nicht hineinfließt vom Denken, vom Bewußtsein aus dasjenige, was die Phrase durchgeistigen kann, in die kann sich auch nicht hineindrängen dasjenige, was als Geist durchzieht Empfindung und Gefühle, und es kann sich kein sozialer Verkehr, kein soziales Verhältnis entwickeln, welches menschenwürdig und menschenwert wäre. Unter dem Einfluß der Konvention, unter dem Einfluß der Äußerlichkeiten hat sich auf einem zweiten Gebiet das entwickelt, was im modernen Leben Staatsleben, politisches Leben geworden ist. Wie das geistige Leben heute beherrscht ist von der Weltherrschaft der Phrase, so ist das Staatsleben ganz und gar beherrscht von der Konvention.

Einzig und allein wenn wahre Demokratie unter den Menschen sich offenbart, jene Demokratie, welche wirklich auf dem lebendigen Verhältnis von Mensch zu Mensch aufgebaut ist, dann wird an die Stelle der Konvention dasjenige treten, was sich vom lebendigen Menschen zum lebendigen Menschen entwickelt. Dies beruht darauf, daß der mündige Mensch dem mündigen Menschen gegenübersteht, wenn also in Betracht kommen jene menschlichen Verhältnisse, die unabhängig sind von der stärkeren Kapazität, der Fähigkeit des Geistes und die unabhängig sind, weil sie rechtliche Verhältnisse sind, von der Stärke der wirtschaftlichen Kraft. Wenn abgelöst wird vom Wirtschaftsleben auf der einen Seite, vom Geistesleben auf der anderen Seite das Rechts- oder Staatsgebiet, und auf diesem Rechts- oder Staatsgebiet sich nur dasjenige geltend macht, was aus der Gleichheit aller mündig gewordenen Menschen kommt, dann wird wirklich an die Stelle der Weltherrschaft der Konvention das treten, was sich vom lebendigen Menschen zum lebendigen Menschen entwickelt. Es ist dasjenige, wonach heute eine phrasengewohnte Welt schreit und wovon sie nichts versteht: das Recht, das nur geboren werden kann aus dem lebendigen Gefühl, der lebendigen Empfindung im Verkehr des einen Menschen zum andern, das Recht, das nimmermehr geboren werden kann aus irgendeiner Konvention heraus. Wir aber leben auf diesem Gebiet unter der Weltherrschaft der Konvention. Konvention ist alles, was als Empfindung, als Gemüt sich geltend macht in den öffentlichen Verhältnissen durch den Ungeist, so wie sich die Phrase geltend macht in den öffentlichen Verhältnissen, wenn auf dem Gebiete des Geisteslebens nicht der Geist, sondern der Ungeist die Lebenswirklichkeiten bedingt.

Und sehen wir uns um auf dem dritten Gebiet des öffentlichen Lebens, auf dem Gebiet des Wirtschaftslebens. Da ein wirklich das Menschliche erfassendes, menschliche Empfindungen und Gefühle erzeugendes Geistesleben in diesem Zeitalter des Materialismus nicht da war, konnten auch die wirtschaftlichen Angelegenheiten nicht von Zielen durchtränkt sein, die vom Geiste befeuert gewesen wären. Es konnte sich auf dem Gebiete des Wirtschaftslebens nicht eine wahre Lebenspraxis herausentwickeln, denn eine wirkliche Lebenspraxis kann nur gedeihen, wenn die Menschen, die die Träger dieser Lebenspraxis sind, in jeden Handgriff, in jede Verrichtung dasjenige hineintragen, was sie gewinnen aus dem Zusammenhang ihrer Seele mit dem geistig-seelischen Wesen der Welt. An der Stelle der Lebenspraxis entwickelt sich etwas anderes, wenn statt dieses Geistes der Ungeist herrschend wird. Wenn der Ungeist herrschend wird, dann verfällt der Mensch auf dem Boden des äußeren, wirtschaftlichen Lebens in die Routine, indem er die wirtschaftlichen Maßnahmen nicht durchtränkt mit dem, was ihm der Geist eingibt; er verfällt anstelle der Lebenspraxis in die Routine - ich bemerke: wiederum nicht ein deutsches Wort. Der Mensch verfällt in die Routine. Und das ist das Charakteristische auf dem wirtschaftlichen Gebiet, daß wir immer mehr und mehr von dem Gebiet des lebenswirklichen Wesens, des zielbewußten, nur aus dem Geiste heraus zu gebärenden Wesens zu dem Gebiet der Routine gekommen sind. Wie wir auf dem Gebiete des Geisteslebens zur Phrase gekommen sind, wie wir auf dem Gebiete des Staats- und Rechtslebens zur Konvention gekommen sind, so sind wir auf dem Gebiet des Wirtschaftslebens zur Routine gekommen.

Wie steht der heutige wirtschaftende Mensch in seiner Routine drinnen! Wie ist er stolz auf diese Routine! Wie fragt er nur danach: Wie macht man das? Und wie bestrebt er sich, denjenigen, den er hineinstellen will in den Betrieb des Wirtschaftens, so zu erziehen, daß die Dinge mechanisch verlaufen! Wie sieht man gerade ein Großes darin, im wirtschaftlichen Leben ja nicht Menschen zu haben, denen etwas einfällt, sondern Menschen zu haben, welche imstande sind, die allmählich zur Routine gewordene Lebenspraxis möglichst mechanisch fortzusetzen.

Daher ist es auch gekommen, daß der Mensch - weil er in der Routine drinnensteckt und aus dieser Routine selber keine Befriedigung schöpfen kann -, daß er dasjenige, was er im äußeren praktischen Leben hat, so schnell wie möglich loszuwerden sucht, und dann den Sensationen nachgeht, demjenigen nachgeht, was möglichst verschieden ist von dem, in dem er berufsmäßig drinnensteckt. Liegt Geist in dem äußeren wirtschaftlichen Leben? Sind Menschen willkommen im wirtschaftlichen Leben, auf die man deshalb etwas hält, weil ihnen etwas einfällt? - Sie sind unbequemer für das wirtschaftliche Leben als die Routiniers. Aber wenn sie willkommen sind, diese Menschen, denen etwas einfällt, dann werden die wirtschaftlichen Berufe blühen, sie werden nicht einen egoistischen Charakter annehmen, sondern sie werden einen altruistischen, einen humanistischen Charakter annehmen. Warum ist das so? Nun, wenn der Mensch bloß der Routine folgt, dann gibt es für ihn keine anderen Antriebe als den Egoismus, als die Befriedigung seiner Instinkte. Wenn man in das äußere Leben das hineinlegt, was man unter dem Einfluß einer geistigen Erziehung der Menschheit hat, dann hat dieses, was man so hineinlegt, weil es aus dem Geiste stammt, eine ganz besondere Eigentümlichkeit. Es hat die Eigentümlichkeit, daß es nicht für jeden einzelnen Menschen gilt, sondern daß es im Grunde genommen gleichgültig ist, ob der eine denkt oder der andere denkt; es hat die Eigentümlichkeit, daß es als Sache wirkt, daß es etwas zur Folge hat, was allen Menschen irgend etwas bringen kann in den Lebenswirklichkeiten.

Das alles, meine sehr verehrten Anwesenden, ist nun wahrlich nicht gesagt, um geringschätzig, so von oben herunter sich zu ergehen über den Ungeist der modernen Welt, das ist gesagt zu einem ganz anderen Ziel. Das ist gesagt, damit der Sinn entstehe, hinzuschauen auf diejenigen Grundlagen, die in der menschlichen Natur unauslöschlich sind und die doch immer vom Ungeist zum Geist hinführen. Das ist gesagt, um die gegenwärtige Schläfrigkeit der Seelen zum Aufwachen zu bringen, damit jene Tiefen des Menschheitslebens in der Menschheitswirklichkeit aufgesucht werden, aus denen allein wir dem Abbau abhelfen und zu einem Aufbau kommen können.

Der praktische Keynes, von dem ich ausgegangen bin, sagt: Das, was man nicht weiß, worüber man keine Auskunft geben kann, das hängt davon ab, wie alle die verborgenen Kräfte sich zusammenfassen — «instruction» und «imagination» nennt er diese Kräfte -, um zu kommen zu einer neuen Anschauung über die Welt. - Geisteswissenschaft will im umfassendsten Sinne das geben; Geisteswissenschaft will dasjenige bringen, wonach gerade die einsichtigen Menschen der Gegenwart schreien müssen, das sie jedoch in dem Augenblick, wo es vor ihre Seelen tritt, für eine Phantasterei halten. Lieber ist es den Menschen heute zu sagen: Da ist wieder einmal einer, der über den Astralleib redet, der über Geist und Unsterblichkeit redet -, als daß sie sich wirklich vertiefen, versenken in dasjenige, was auf dem Gebiete der Geisteswissenschaft aus derselben exakten Methode heraus gesagt werden kann, wie die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse selbst gewonnen werden.

Merkt man aber, auf welchen Gründen die hier gemeinte Geisteswissenschaft ruht, dann, meine sehr verehrten Anwesenden, dann wird man auch gewahr werden, daß diese Geisteswissenschaft ein bestimmtes Merkmal hat: Sie wirkt nicht nur durch das, was man durch sie weiß, sondern sie ändert die Art und Weise, wie der Mensch denkt. Sie bringt den Menschen zu einer anderen Auffassung über sich selbst. Sie bringt den Menschen zu einem anderen Gefühl über sich und dadurch auch zu einem anderen Gefühl gegenüber dem Nebenmenschen. Geisteswissenschaft bringt den Menschen dazu, daß er vom Geiste aus die wirtschaftlichen Angelegenheiten wieder befruchten kann. Sie führt dazu, daß gefordert werden muß: Dieses Wirtschaftsleben muß als ein drittes Gebiet des sozialen Organismus selbständig da sein, es muß so da sein, daß die wirtschaftlichen Angelegenheiten nur aus wirtschaftlicher Sachlichkeit und wirtschaftlicher Fachkenntnis heraus von den in dieses Wirtschaftsleben hineingewachsenen Persönlichkeiten geordnet werden. Alle Institutionen des Wirtschaftslebens müssen darauf beruhen, daß die Fakten im Wirtschaftsleben durch Fachkenntnis und Sachkenntnis, nicht aber durch Parlamentsbeschlüsse, durch Mehrheitsbeschlüsse zustandekommen. Mehrheitsbeschlüsse haben nur einen Sinn, wenn es sich handelt um dasjenige, was sich abspielt zwischen Menschen, die gleich sind als mündige Menschen.

Auf dem Gebiet des Wirtschaftslebens entscheidet Sachkenntnis und Fachkenntnis und Erfahrung. Auf dem Gebiete des Geisteslebens aber entscheiden Anlagen und Fähigkeiten. Beide Gebiete fordern ihre Selbständigkeit. Und in der Mitte drinnen fordert als drittes Glied des sozialen Organismus seine Selbständigkeit alles dasjenige, was sich abspielt in den öffentlichen Verhältnissen aus dem Gemüt, aus Empfindungen und Gefühlen heraus, das aber lebendig angefacht sein muß von dem Geiste, nicht vom Ungeiste. Alles kommt darauf an, daß an die Stelle des Ungeistes der Geist trete. Der Geist wird im Geistesleben selbst die Herrschaft der Phrase besiegen. Der Geist wird durchdringen das Empfindungs- und Gemütsleben so, daß wir ein wirkliches Staats- und Rechtsleben gewinnen. Der Geist wird das Wirtschaftsleben so befruchten, daß dieses selbständige Wirtschaftsleben wirklich anders gedeihen kann als unter dem Einfluß des Ungeistes, unter dem Einfluß der vertrackten, abstrakten marxistischen oder anderen Theorien. Will man diese Theorien zur Wirklichkeit machen, dann entsteht das, was im Osten Europas entstanden ist als die äußerste, radikalste Phase der Zerstörung — der Zerstörung, nicht des Aufbaues.

Dreierlei hat die Menschheit ins Auge zu fassen, nicht um Kritik zu üben, sondern um diesem Dreifachen gegenüber in den Tiefen des Menschenwesens und der Menschheit selber dasjenige aufzusuchen, was wirklich zu einem Aufbau führen kann. Das Dreifache ist: die Phrase, die Konvention, die Routine. Zu treten hat an die Stelle der Phrase die Pflege des wirklichen Geisteslebens. Zu treten hat an die Stelle der Konvention die lebendige Empfindung, die nur entsteht, wenn wir, befeuert von geistigen Vorstellungen, als Mensch dem Menschen im Rechts- und Staatsleben gegenübertreten; sonst kommen wir, weil das Geistesleben doch das Befruchtende von allem ist, auch auf dem Gebiet des Rechtslebens zur bloßen Phrase. Sonst kommen wir dahin, zu sprechen wie derjenige Mensch, der angebetet worden ist von der ganzen Welt und der merkwürdige Dinge sagte zum Beispiel über das Recht. Ich meine diesen Woodrow Wilson, den ich mir doch etwas genauer angeschaut habe, so daß ich über ihn nicht spreche wie der Blinde von der Farbe. Da findet sich zum Beispiel in seinem dicken Buche über den Staat, das eigentlich ein Kompendium modernen Phrasentums ist, folgende phrasige Definition: Das Recht ist der Wille des Staates gegenüber dem bürgerlichen Gebaren derjenigen, die unter seiner Autorität stehen.

Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, derjenige, der an Wirklichkeit gewohnt ist und weiß, wie der lebendige Wille aus der lebendigen Persönlichkeit heraussprießt - ich möchte wissen, was sich der denken soll, wenn ihm dann dieser Historiker des Staates vorredet: Das Recht ist der Wille des Staates. - In der Zeit, in der dem Men schen der Staat nichts anderes ist als eine äußere Einrichtung des

AI wirtschaftlichen Lebens, redet man, ohne daß man es wirklich weiß, von dem Willen des Staates - in ernsthaft gemeinten Büchern, die allerdings für den wirklich ernsthaften, der Wesenheit zugeneigten Geist Kompendien des modernen Phrasenlebens sind.

Nun, wenn wir das moderne Wirtschaftsleben anschauen geredet wird darüber viel. Aber dieses Wirtschaftsleben selber ist doch im Grunde genommen gar nicht beherrscht von dem, was geredet wird. Auch da geht die Phrase wie ein Hauch oben drüber, und darunter vollzieht sich das wirkliche Wirtschaftsleben. So sehr geht die Phrase darüber, daß die marxistisch-sozialistische Lehre das Phrasenhafte dieser Phrasen empfindet und es «Ideologie» nennt. Sie spürt gewissermaßen, daß der Ungeist herrscht im Wirtschaftsleben, aber sie kommt nicht darauf, an die Stelle des Ungeistes den Geist zu setzen, sondern sie setzt sich als Ideal vor, an die Stelle des Ungeistes, der bisher geherrscht hat, einen anderen Ungeist zu setzen, der in der Zukunft herrschen soll.

Wahrhaftig, derjenige, der heute hinschauen will auf das, was zum Aufbau führen kann, der muß genau kennen, wie unter der Dreiherrschaft von Phrase, Konvention und Routine der Abbau herbeigeführt worden ist, ja, herbeigeführt worden ist die Schrekkenszeit der letzten fünf bis sechs Jahre. Über das, was man finden muß, wenn man gesund durchschaut diese Dreiherrschaft, werde ich versuchen, übermorgen zu sprechen. Aber es mußte dieser Vortrag heute den anderen vorausgehen aus dem Grunde, weil nur derjenige einsehen kann, was dem kommenden Tag notwendig ist, der genau hinzusehen vermag auf das, was die Zerstörung herbeigeführt hat. Es genügt heute wahrhaftig nicht, bloß darauf hinzuweisen, daß irgendwie die Kräfte sich umwandeln müssen zu einer neuen «Belehrung», zu einer neuen «Imagination». Es ist heute schon notwendig, daß man auf diese lebendigen Quellen des Geistes hinweist.

Nun, da ich gewissermaßen meine Zeit längst abgesprochen habe, darf ich vielleicht noch durch ein paar Minuten ein kleines Anhängsel machen zu dem, was ich heute gesagt habe. Es ist etwas, das gewissermaßen an einem naheliegenden Beispiel zeigt, wie heute dasjenige unter den Menschen aufgenommen wird, was sich bestrebt, diese Zeit zu durchschauen und zu gleicher Zeit nach den Bedingungen Ausblick hält, welche dazu führen können, aus der Zerstörung zu einer Art von Aufbau zu kommen. Aber wollte ich ausführlich über das reden, worauf ich jetzt mit ein paar Worten kommen will, müßte ich einen langen Vortrag halten, denn es ist sehr, sehr viel.

Als ich das letzte Mal hier von Stuttgart fortfuhr, hörte ich gerade noch im Abreisen, daß allerlei Verleumdungen über meine eigene Person und über diejenigen, die verbunden sind in ihrem sachlichen Wirken mit mir, im Umlauf sind. Es zeigte sich sehr bald, daß diese Verleumdungen mit außerordentlichem Raffinement ausgeführt sind, indem sich die Denunzianten einen richtigen Zeitpunkt gewählt haben. Ich konnte dann erfahren, daß diese Denunziation, diese Verleumdung gebaut ist sogar auf Briefe, die gefälscht sind, die so aufgefaßt werden können, als ob sie von mir selber geschrieben wären; mit diesen Briefen will man Dinge beweisen, die von mir oder von den Leuten des Bundes für Dreigliederung des sozialen Organismus ausgehen. Ja, man hatte nicht einmal ein Schamgefühl gegenüber der Verleumdung, die darin lag zu sagen, daß es zu meinen Mafßßnahmen gehöre, dazu beizutragen, Deutsche auszuliefern an die Entente, und sich dabei auf von mir selbst geschriebene Briefe berief.

Sehr verehrte Anwesende, mir ist das persönlich nur ein Beispiel, wie heute Leute behandelt werden, die sich ehrlich bestreben, nach Wahrheit zu forschen und die nicht davor zurückschrecken, das zu sagen, was heute zum Abbau und nicht zum Aufbau führt. Aber es ist ja selbstverständlich, daß solchen Schmutzfinken, die dergleichen in die Welt setzen, eigentlich auf irgendeine Weise das Handwerk gelegt werden müßte. Man kommt ihnen aber nicht bei. Es gibt keine rechtlichen Mittel; Widerlegungen haben keinen Wert aus dem Grunde, weil die Leute selber ja wissen, daß das erlogen ist, was sie verbreiten. Sie verbreiten es ja nicht aus dem Grunde, um die Wahrheit zu sagen, sondern um denjenigen, der ihnen unbequem ist, aus dem Wege zu räumen. Es handelt sich solchen Leuten nicht darum, etwas zu sagen, was sie glauben, sondern darum, etwas aufzubringen, was dem Betreffenden möglichst in den Augen derer, die kein Urteil haben, schaden kann. Ich habe solches zu erleben seit vielen Jahren, wenn auch nicht mit diesem Raffinement, wie es in der letzten Zeit aufgetreten ist. Ich habe keine Freude daran, mich mit derlei schmutzigen Leuten einzulassen und ihre schmutzige Wäsche anzufassen.

Ich liebe es auch nicht, wenn von einer gewissen klerikalen Seite - eine solche ist schon durchaus auch unter den Leuten, denen es nicht auf die Wahrheit ankommt - verbreitet worden ist vor Jahren, ich sei ein aus der katholischen Kirche entsprungener Priester. Solche Menschen haben dann, wenn ihnen so knüppeldicke Unwahrheiten nachgewiesen werden, kein anderes Wort als das, was der betreffende Herr in einer angesehenen klerikalen Zeitschrift geschrieben hatte: Die Behauptung, daß Dr. Steiner einmal Priester gewesen ist, läßt sich nach neueren Erkundigungen nicht mehr halten. - Damit glauben die Menschen dasjenige, wodurch sie zahlreiche Seelen angesteckt haben, wiederum gutzumachen. Man macht es damit nicht gut. Es handelt sich darum, daß gegenüber derlei Gebaren schon einmal die Gesinnung Platz greifen muß, die vor vielen Jahren einmal der österreichische Parlamentarier Graf Walterskirchen der Regierung entgegengehalten hat: Wer einmal gelogen hat, dem glaubt man nicht, und wenn er hundertmal die Wahrheit sagt. - Nun, das ist ein Beispiel. Diejenigen, welche derlei in die Welt setzen, sind eben nichts anderes als Vertreter objektiver Unwahrheiten, und meiner Vermutung nach - weil ich glaube, daß sie das auch wissen — Lügner. Es muß das einmal öffentlich gesagt werden: An der ganzen Verleumdung ist nichts anderes dran, als daß sie von vorne bis hinten eine völlig erlogene Sache ist.

Das zweite, womit heute immer wieder und wiederum hausieren gegangen wird, ist die Aufwärmung einer Jesuitenlüge, die schon vor vielen Jahren aufgetreten ist. Ich werde hier gewiß nichts zum Pro und Contra des Antisemitismus sagen. Ich äußere mich hier nicht über diese Weltanschauung. Aber immer wieder und wiederum wird von gewissen Leuten, weil sie wissen, daß sie dabei auf ihre Rechnung kommen, die Lüge verbreitet, ich sei Jude; irgendwie wird immer wiederum von irgendeiner Ecke darauf hingewiesen. Ich habe damals, als von jesuitischer Seite zuerst dieses System praktiziert worden ist, meinen Taufschein fotografieren lassen, und ich habe noch heute ganz kleine Fotografien meines Taufscheines, die ich jedem, der sie sehen will, vorweisen kann. Aber ich glaube nicht, daß man mit solch einem Dokument gegen die Seiten etwas machen kann, die eigentlich dabei in Betracht kommen. Unter denjenigen, die dieses komische Märchen von meinem Judentum aufgebracht haben, befindet sich auch der «Semi-Kürschner». Darin wird meine ganze Biographie so frisiert, daß daraus hervorgehen soll, daß ich irgendwie von jüdischer Abstammung sei. Das, was ich in meiner Abstammung verfolgen kann, ist allein dieses, daß alle meine Vorfahren mütterlicher- und väterlicherseits aus dem niederösterreichischen Bauernstand hervorgegangen sind. Mein Vater hat einem wahrhaftig nicht-jüdischen Institut gedient, nämlich dem Kloster und Stift Geras in Niederösterreich, was ein Prämonstratenser-Stift ist. Die Prämonstratenser-Stiftleute haben ihn gerne gehabt und haben ihm sogar ein Stipendium gegeben zur Ausbildung für die ersten Klassen des Gymnasiums. Dann wurde er später österreichischer Eisenbahnbeamter, aber kein Staatsbeamter, sondern Privatbeamter. Aber ebensogut, wie nachgewiesen werden kann, daß diese Vorfahren väterlicherseits so wenig jüdisch waren, daß sie Diener eines gut katholischen Klosters waren, ebensogut kann das bei allen Vorfahren mütterlicherseits, soweit sie mir zugänglich sind, erwiesen werden. Aber ich glaube nicht einmal, daß man mit solch einer Sache gegenüber diesen Seiten, die mit diesen erlogenen Dingen wirtschaften, etwas ausmachen kann. Denn unter denjenigen Persönlichkeiten, die in dem «Semi-Kürschner» aufgeführt sind als Juden, ist ja auch eine Persönlichkeit, die ja in der neueren Zeit sogar eine kleine Annäherung an den Jesuitismus vollzogen hat, Hermann Bahr. Seine Biographie ist auch so frisiert, daß man glauben könnte, er sei irgendwie jüdischer Abstammung. Nun konnte er aber damit aufwarten, daß zwölf seiner Vorfahren richtige oberösterreichische Bauern, nicht jüdische oder dergleichen waren. Als das ganz dokumentarisch nachgewiesen werden konnte, da wendete die Redaktion des «Semi-Kürschner», die durchaus in der Reihe drinnensteht, von der solche Dinge kommen, ein: Nun ja, gut, wir wollen glauben, daß die zwölf Ahnen durchaus allem Judentum fernestehen. Dann glauben wir aber an die Reinkarnation und glauben, daß Hermann Bahr in früheren irdischen Verkörperungen Jude war.

Sie sehen, mit Gedanken, mit Widerlegungen ist dieser Seite nicht beizukommen. Es müssen schon ganz andere Wege gefunden werden. Ich glaube aber nicht, daß ein anderer, wirklich zum Ziele führender Weg gefunden werden kann, als daß nach und nach die Zahl der vernünftig und anständig denkenden Menschen immer größer und größer werde gegenüber denen, die, um ihre Mitmenschen zu verleumden, in Schmutz waten wollen. Ich glaube nicht, daß sich Unanständigkeit durch irgend etwas anderes besiegen läßt als durch die anständig denkenden Menschen. Weder mit Gerichtsverhandlungen noch mit Widerlegungen kommt man zurecht, sondern nur dadurch, daß sich möglichst viele Menschen finden, die Sinn für Anstand haben.

Und es muß schon einmal öffentlich gesagt werden: Auch solche Dinge, wie ich sie jetzt vorführen mußte, gehören zu dem, was in unserer Zeit kommt von dem Eindringen des Ungeistes in die Lebenswirklichkeiten anstelle des Geistes. Aber alles, was heute so furchtbar zerstörend unter der Menschheit wirkt, es zielt nach dem einen hin, das zusammengefaßt werden muß in die Worte: Gar sehr hat die Menschheit notwendig, insbesondere aber hat es der deutsche Geist notwendig, an die Stelle des Ungeistes, an die Stelle des materialistischen Ungeistes, den Geist zu setzen, denn der Ungeist, er muß besiegt werden, wenn wir wieder Aufbau haben wollen, wenn wir wieder Menschheitsfortschritt haben wollen. Und den Ungeist wird allein der Geist, der wahre Geist besiegen.

German original of The Spirit and the Absence of Spirit in their Effects on Life · Next →