The Crisis of the Present and the Path to Healthy Thinking

GA 335 — 4 March 1920, Stuttgart

2. Die geistigen Forderungen des kommenden Tages

Sehr verehrte Anwesende! Aus einem empfindungsgemäßen, vorurteilslosen Beurteilen der Ereignisse der Gegenwart wird es sich, wie ich glaube, heute ganz selbstverständlich ergeben können, über den kommenden Tag zu sprechen.

Wenn ich hinweisen darf auf dasjenige, was ich mir erlaubt habe, vorgestern hier auszuführen, so kann darüber vielleicht gesagt werden, daß solche Schilderungen, wie sie da gegeben worden sind über die Geistesverfassung der gegenwärtigen zivilisierten Menschheit, gar sehr eine Art von Abendstimmung zum Ausdruck bringen. Ergebnisse der Menschheitsentwicklung der letzten drei bis vier Jahrhunderte bis in unsere Gegenwart herein mußten geschildert werden, und geschildert werden mußte, wie auf den verschiedensten Gebieten des Lebens trotz der gewaltigen Fortschritte und Triumphe - die allerdings, wie hervorgehoben worden ist, auch vorhanden sind - die Schreckensereignisse der letzten vier bis fünf Jahre über diese Menschheit hereingebrochen sind. Es ist doch nicht nur möglich geworden, daß diese Schreckensereignisse über die Menschheit hereingebrochen sind, sondern es ist auch möglich geworden, daß wir heute in einer gewissen Weise stehen vor der Ratlosigkeit, vor dem: Was soll geschehen? - Ja, in vieler Beziehung müssen wir bekennen: Wenn wir weiter nur fortbauen wollten auf dem, was sich als Ergebnis für unsere Erkenntnis, für unser Wollen aus den heraufgekommenen Entwicklungskräften ergibt, dann müßten wir mit der Hoffnungslosigkeit rechnen. Da ist so etwas wie Abendstimmung. Und diese Abendstimmung legt nahe, gewissermaßen auch von der anderen Seite der Sache zu sprechen: von der Morgenstimmung, zu sprechen von dem kommenden Tag.

Aber wenn man heute von dem kommenden Tage spricht, so scheint es, daß eines nicht gestattet ist: einfach nur hinzuschauen auf die Ereignisse, wie sie sich zugetragen haben, wie sie sich entwickelt haben bis zu dem gegenwärtigen Zeitpunkt, um daraus Gründe abzuleiten für irgendwelche Dinge, auf die man nur zu hoffen braucht. Aus der Ratlosigkeit der Gegenwart sind wenige Gründe für solche Hoffnungen zu finden. Daher muß derjenige, der da sprechen will von dem kommenden Tag, von etwas anderem ausgehen als von einer Schilderung der Wirkungsmöglichkeiten der bisherigen Ereignisse, von der Schilderung desjenigen, was aus den allgemeinen Kultur- und Zivilisationsverhältnissen heraus sich ergeben könnte und bei dem der Mensch nur zuschauen kann.

Nein, meine sehr verehrten Anwesenden, wer heute von dem kommenden Tag sprechen will, der muß sprechen von dem, was der Mensch tun soll, damit dieser kommende Tag heranrücke. Auf irgendein außerhalb der Menschheit gelegenes Schicksal allein hinzuweisen, wird heute keine Hoffnungen erwecken. Es muß hingewiesen werden auf den Menschen selbst, auf seine Wirkensmöglichkeiten, auf dasjenige, was in ihm die Tat entzünden kann, daß er es sei, der, wie auch die Welt in Flammen stehen möge, den kommenden Tag herbeiführen kann. Veranlassung gibt dazu aber nicht nur eine Beobachtung der Ratlosigkeit, der Hoffnungslosigkeit der Schicksalslage der äußeren Welt, dazu gibt auch Veranlassung eine etwas tiefergehende Betrachtung des geschichtlichen Werdens der Menschheit selbst - des geschichtlichen Werdens der Menschheit, das man dann allerdings ins Auge fassen muß gerade von dem Gesichtspunkte der hier gemeinten Geisteswissenschaft aus. Die meisten Menschen sind ja heute gewohnt, wenn von der geschichtlichen Entwicklung des Menschen die Rede ist, diese nur zu verfolgen, ich möchte sagen am Faden von Ursache und Wirkung, so, als ob da alles, was in der Folgezeit eintritt, zu erklären wäre aus den vorangehenden Freignissen, die man dann wohl Ursachen nennt.

Das ist im geschichtlichen Werden der Menschheit ebensowenig der Fall, wie es der Fall ist beim einzelnen menschlichen Individuum. Wir können unmöglich uns zufriedengeben mit einem Verfolgen der menschlichen individuellen Entwicklung etwa so, daß wir sagen: Nun, wir betrachten den Menschen, wenn er dreißigjährig ist, und wir erklären dasjenige, was er als Dreißigjähriger uns darbietet, als eine Folge desjenigen, was er als Neunundzwanzigjähriger, als Achtundzwanzigjähriger, als Siebenundzwanzigjähriger gewesen ist. — Eine solche Erklärung wäre eine äußerliche, abstrakte, wäre eine solche, die nicht eingehen könnte auf das wirkliche Wesen des Menschen. Denn wenn wir das wirkliche Wesen des Einzelmenschen erfassen wollen, dann müssen wir eingehen auf die einzelnen Epochen seiner Entwicklung. Wir müssen uns klar sein, wie der Mensch, wenn er Kind ist, gewissen Entwicklungsgesetzen unterliegt, welche zunächst hinzielen bis zu dem Zeitraum, in dem etwa der Zahnwechsel eintritt. Dann muß man sich klar werden, wie nach diesem Zahnwechsel im ganzen menschlichen Organismus etwas Gesetzmäßiges vor sich geht, was aus dem inneren Wesen aufsteigt, was nicht erklärt werden kann, indem man einfach die äußeren Tatsachen der menschlichen Entwicklung etwa im neunten Jahre zurückführt auf die äußeren Tatsachen dieser menschlichen Entwicklung im fünften oder sechsten Jahr. Wiederum muß man hinschauen auf den Zeitpunkt, in dem die menschliche Geschlechtsreife eintritt, auf das vierzehnte, fünfzehnte Jahr. Da steigt wiederum aus dem Inneren der menschlichen Wesenheit etwas auf, was man zu Hilfe rufen muß, wenn man zu einem Verständnis des gesamten menschlichen Wesens kommen will. Und so auch in den folgenden Epochen der menschlichen Einzelentwicklung, wenn auch für diese folgenden Epochen die Umschwünge in der menschlichen Natur weniger deutlich, aber für den Einsichtigen doch ganz klar zu Tage treten.

So, wie es ist mit dieser einzelnen menschlichen Entwicklung, so ist es auch mit der geschichtlichen Entwicklung, dem geschichtlichen Werden der ganzen Menschheit. Zu ihrem Verständnis reicht nicht aus, daß man bloß, wie es üblich geworden ist, immer das Folgende aus dem Vorhergehenden erklärt. Man muß sich klar sein, daß da auch im geschichtlichen Werden der Menschheit große Umschwünge eintreten, daß Zeitepochen eintreten, in denen aus den Tiefen der Menschheit Entwicklungsgesetze aufsteigen, so daß das Wesentliche, wie sich diese Menschheit äußert, anders wird als im vorhergehenden Zeitalter.

Wenn man nun hinschaut auf dasjenige, was, ich möchte sagen unter der Oberfläche des vorgestern Geschilderten seit drei bis vier Jahrhunderten sich emporarbeiten will - denn es will sich zunächst nur emporarbeiten aus den Tiefen der menschlichen Wesenheit -, so muß man sagen: Alles, alles tendiert dahin, zielt dahin, daß die einzelnen Angehörigen der Menschheit sich zur Vollbewußtheit entwickeln, zur Vollbewußtheit auf allen Gebieten des Lebens. Für den Kenner des geschichtlichen Werdens, der nicht bloß die äußere Geschichte betrachtet, wie sie heute gelehrt wird, die im Grunde doch nur eine fable convenue ist, sondern der eingeht auf das Innere der Menschheitsentwicklung — wie man beim einzelnen, individuellen Menschen auf sein Inneres eingehen muß, wenn man ihn verstehen will -, für den zeigt sich etwa im 15. Jahrhundert die erste Anlage zu dieser neuen Art des Menschheitswesens, in voller Bewußtheit das zu erfassen, was uns umgibt in der Welt. Nur ist eine Tatsache in der Menschheitsentwicklung vorhanden, welche das maskiert, zudeckt, was ich eben charakterisiert habe. Aus den alten Epochen blieben immer Entwicklungskräfte zurück, die sich als konservatives Element hineinstellen in die ganze Menschheitsentwicklung — Kräfte, die weiterwirken und die eigentlich das, was sich aus einem Teil des Menschheitswesens als die eigentliche Aufgabe der Zeitepoche entwickeln will, zunächst nicht nur in den Hintergrund treten lassen, sondern es gewissermaßen bekämpfen. Und so ist aus der vorhergehenden Epoche über das 15. Jahrhundert hinaus und in unser Zeitalter sich erstreckend dasjenige geblieben, was ich nennen möchte die Unbewußtheit auf allen Gebieten, zunächst vor allen Dingen die Unbewußtheit auf dem Gebiet des Geisteslebens selbst.

So stark ist diese Unbewußstheit auf dem Gebiete des Geisteslebens geblieben, daß wir heute breite geistige Strömungen haben, die geradezu in dem Unbewußten dasjenige sehen, was das Tiefere, das Wesentlichere des Menschenwesens ist. Wir sehen zum Beispiel in Amerika aufgehen die an den Namen William James sich anknüpfende geistige Bewegung, die aber gerade unter den Intellektuellen Europas in verschiedenen Variationen viele Anhänger hat, eine geistige Bewegung, welche sagt: Nur ein Teil desjenigen, was der Mensch in seiner Seele birgt, kommt ihm voll zum Bewußtsein. Aus dem Unterbewußtsein herauf steigt alles dasjenige, was zum Beispiel Inhalt des künstlerischen Schaffens ist; aus dem Unbewußten herauf steigen sogar die Ideen, die dann nur dem Urteil der Wissenschaft unterworfen werden. Aus dem Unterbewußtsein steigt auch alles dasjenige herauf, was den Menschen religiös beseelt.

Dasjenige, was da als eine gebildete Geistesströmung sich ausbreitet, was zuweilen groteske Formen annimmt, wie zum Beispiel in der Psychoanalyse, das hat zu seinem Gegenbild etwas anderes. Wie sehr häufig kann man es heute noch hören, daß irgend jemand gutmeinend ist in bezug auf eine übersinnliche, eine geistige Welt, die er voraussetzt, aber seine gute Meinung hört auf in dem Moment, wo die Geisteswissenschaft auftritt, die aus den Zeichen der Zeit heraus mit voller Bewußtheit die geistige Welt schauend durchdringen will. Ein solcher Gutmeinender sagt oftmals: Über das, was man bewußt aufnehmen kann von der Natur und vom Menschen in die Seele, über das hinausgehend muß es ja etwas geben. — Aber er ist dann froh, wenn er sagen kann: Das, was es so gibt, ist ein Unbekanntes, ist etwas, was man nicht erforschen kann; das ist etwas, was nicht in das volle menschliche Bewußtsein hineinfällt. - Künstlerisch Schaffende haben geradezu einen Schreck, eine Furcht davor, die Antriebe ihres Künstlertums in das Bewußtsein hinaufzuheben. Sie glauben, dadurch die elementarsten Kräfte zu verlieren, die Naivität, die sie für nötig halten zum künstlerischen Schaffen. Und mancher will durchaus nicht dasjenige, was zur vollen Bewußtheit gebracht werden kann, zum Antriebe des sozialen Lebens machen, denn er möchte auch da auf etwas Unbewußtes, Unbekanntes hinweisen, das sich im Verkehr von Mensch zu Mensch geltend machen soll. Aus dem Unbewußten heraus soll der Mensch die Antriebe zu seinem sozialen Verhalten schöpfen, und das würde in einer gewissen Weise zerstört, wenn es ins volle Bewußtsein hinaufgehoben würde, gleichsam wie wenn ihm der Tau, der es erfrischt, genommen würde.

So bietet man in einer gewissen Weise das Unbewußte, das Unbekannte in den verschiedensten Formen an, wie man es heute eben in aufgeklärten Kreisen tut. Und es ist ja nur eine Folge ‚davon, wenn gerade gegen die hier gemeinte Geisteswissenschaft immer wieder und wieder ein Vorwurf auftaucht, nämlich derjenige, daß man aus dieser Geisteswissenschaft heraus sich vermißt, über die geistige Welt und ihren Inhalt wirklich etwas auszusagen und nicht bloß hinzuweisen auf ein jenseits der Grenzen der Menschheit liegendes, unbekanntes Übersinnliches. Man stellt dem entgegen den sogenannten «einfachen, schlichten Glauben», der sich damit begnügt, nicht einzudringen in das, was Inhalt des Geisteslebens ist, sondern auf das Geistesleben nur hinzuweisen aus einem gewissen allgemeinen Gefühl, aus dem Primitivsten der Menschennatur heraus. Dieser Glaube, der heute die Zeichen der Zeit überhören will, der abweist den bestimmten Inhalt des geistigen Lebens, nach dem die Geisteswissenschaft strebt, dieser Glaube ist nur der stehengebliebene Rest desjenigen, was früher in der Menschheitsentwicklung gewaltet hat als das Unbewußte. Aber was ist dieses Unbewußte? Es war in früheren Entwicklungsepochen der Menschheit anders, als es heute sein kann. Dieses Unbewußte war in früheren Entwicklungsepochen der Menschheit ein Elementar-Lebendiges. Je weiter wir zurückgehen in dieser Menschheitsentwicklung, desto mehr finden wir, wie im Menschen aufsteigen — allerdings nicht auf dem Wege der Bewußstheit, der heute der unsrige sein muß, sondern auf dem Wege des unbewußten Schauens —, wie in ihm aufsteigen nicht nur die Inhalte seines Geisteslebens, sondern auch das, wodurch er sich die ihn umgebende Natur verständlich macht.

Man schaue nur hin, meine sehr verehrten Anwesenden, auf die letzten Ausläufer dieses uralten Schauens der Menschheit aus dem Unbewußten heraus, und man findet die herrlichen Mythen, die herrlichen Mythologien, durch die sich der frühere Mensch aus seinem Unbewußten heraus aufgeklärt hat über sich und die ihn umgebende Natur. Wir finden den Quell des künstlerischen Schaffens aufsteigen aus dieser Unbewußtheit. Und wenn wir uns wirklich und nicht bloß nach konventionellen Vorurteilen unterrichten wollen, so finden wir auch die Anhaltspunkte dafür, daß der frühere Mensch die Antriebe für sein soziales Wollen und sein soziales Verhalten im Kreise seiner Mitmenschen aus dem Unbewußten heraufkommend gesucht hat. Liegt doch, wenn auch weitaus nicht alles, so doch ein gut Teil desjenigen, was die Menschen aus der Unbewußtheit heraus sozial verbindet, schon in der menschlichen Sprache - in dieser menschlichen Sprache, durch die wir Schwester und Bruder dem anderen Menschen werden, in dessen Umkreis wir leben. Diese menschliche Sprache, wir eignen sie uns an in der frühesten Kindheit, in der Zeit, in der wir uns erst in das Leben hineinträumen, in der Zeit, in welcher noch gar nicht von Vollbewußtheit gesprochen werden kann. Was trägt nun das, was wie aus dem kindlichen Lebenstraum herausgeboren ist, in das spätere Leben hinein?

Wir stehen unter dem Einfluß des Genius der Sprache. Diese Sprache, sie gibt uns viel. Sie verbindet uns sozial mit unseren Mitmenschen, aber dasjenige, was diese Sprache durchdringt, zu sozialen Triebkräften wirkend, das ist verborgen eben in der frühesten Kindheit; das ist nicht aus der Bewußtheit, das ist aus dem Unbewußten herausgeboren. Und so kann man sagen: Das alte soziale Leben, es ist vielfach aus dem Unbewußten heraus entstanden. Das Unbewußte hat eben bis zu jener Zeit, die für die ganze Entwicklung der Menschheit um das 15. Jahrhundert herum eingetreten ist, dem Menschen etwas ganz anderes gegeben, als es ihm heute gibt. Aber ebensowenig, wie jene Entwicklungskräfte des einzelnen Menschen, die vor seiner Geschlechtsreife liegen, in derselben Art im Menschen wiederum vorhanden sein können nach der Geschlechtsreife und wie da ganz andere Anlagen und Kräfte zum Vorschein kommen müssen, so muß in der menschheitlichen Entwicklung an die Stelle der früheren Unbewußtheit in diesem heutigen Zeitalter die Bewußtheit treten. Das Element aber, worauf ich vorgestern aufmerksam machen mußte, das unser gegenwärtiges Zivilisationswesen durchdringt, die Phrase, das ist dasjenige, was intensiv verhindert, daß sich die Vollbewußtheit aus den Tiefen des Menschenwesens herausentwickelt. Was früher den Menschen in aller Lebendigkeit durchdrungen hat aus dem Unbewußten heraus, ist heute nicht mehr lebendig; es ist zur Phrase ertötet.

Und auch darauf mußte ich vorgestern aufmerksam machen, daß gerade die so glorreiche naturwissenschaftliche Weltanschauung nicht die Möglichkeit gefunden hat, den Menschen über etwas anderes aufzuklären als über das Außermenschliche, über das, was in der leblosen Natur vorhanden ist. Darauf mußte ich aufmerksam machen, wie derjenige, der alles an Erkenntnissen umfassen würde, die ihm die Naturwissenschaft gibt, vor der Frage: Was ist eigentlich der Mensch? - ratlos dastehen müßte. Über diese Frage: Was ist eigentlich der Mensch? - gibt diejenige Wissenschaft, die heute noch die gebräuchliche ist, keine Auskunft. Woher kommt das? Das kommt davon her, daß diese Wissenschaft noch nicht aus der vollen Bewußtheit herausgeboren ist, sondern daß diese Wissenschaft, trotz ihrer glorreichen Erfolge, die Fortsetzung desjenigen ist, was in dem Zeitalter der Unbewußtheit den Menschen aus ganz anderen Quellen zugekommen ist, als die heutigen sind. Daher sehen wir diese Wissenschaft in einer merkwürdigen Lage.

Vor kurzem kam mir in die Hand eine durchaus nicht wertlose Broschüre über allgemeine soziale Begriffe und Ideen. Ausdrücklich bemerke ich, daß viel Wertvolles drinnensteht. Aber am Schlusse steht etwas, was für eine solche Betrachtung wie die heutige außerordentlich charakteristisch ist. Da steht am Schlusse, der Verfasser habe rein wissenschaftlich, also wie es die wissenschaftlichen Gepflogenheiten der Gegenwart fordern, die sozialen Verhältnisse betrachtet. Aber weil er wissenschaftlich sein wolle, so könne er aus seinen wissenschaftlichen Ideen keine irgendwie gearteten Folgerungen ziehen für das sittliche, für das künstlerische, für das politische, für das kulturelle Leben, denn die Wissenschaft habe nicht die Aufgabe, irgendwie Folgerungen zu ziehen für diese verschiedenen Zweige des Lebens. Ob das, was er rein wissenschaftlich schildert - so meint der Verfasser —, ob das Geschwüre heile oder Sonnen zerstöre, das sei der Wissenschaft ganz gleichgültig — darauf komme es der Wissenschaft nicht an.

Sehen wir nicht, indem wir den Ausdruck einer solchen Gesinnung betrachten — der aber nicht einzig dasteht, sondern eigentlich typisch ist für dasjenige, was heute oftmals «Wissenschaft» oder «wissenschaftliche Erkenntnis» genannt wird -, sehen wir nicht, wie da die Fortsetzung einer gewissen Lebensaskese vor uns steht, die sich nur selber nicht erkennt als Fortsetzung. Sehen wir da nicht wiederum jene Lebensaskese, welche in früheren Jahrhunderten mit einer gewissen Verachtung des äußeren Lebens verknüpft war, welche sich zurückgezogen hat in das menschliche Innere, welche sich nicht kümmert um dasjenige, was in der äußeren ethischen, sittlichen oder sozialen Tatsachenwelt vorging, sondern nur allein die Angelegenheiten des Innern der Seele betrachtet? Andere Formen hat dieses asketische Streben angenommen, aber es tritt wiederum auf in dieser Wissenschaftsgesinnung — in dieser Wissenschaftsgesinnung, die zwar in ihrer Art streng gewissenhafter Methodik bewundernswürdig ist, die aber ihre Größe gerade darin sieht, daß sie gesteht: Ich habe nichts für das sittliche, für das künstlerische, für das politische, für das kulturelle Leben aus mir selbst heraus als Impuls, als Antrieb zu holen. - Gegen diese Stimmung, die aber nicht nur im wissenschaftlichen Leben auftritt, sondern die — weil das wissenschaftliche Leben heute die Bildung beherrscht - sich verbreitet über unser ganzes öffentliches Leben, gegen diese Stimmung ist das, was hier als Geisteswissenschaft auftreten will, der vollste Protest. In dem Augenblick, in dem aus den traurigen Verhältnissen unserer gegenwärtigen Zivilisation die großen Zukunftsfragen für den kommenden Tag aufgetreten sind, da mußte - wie durch eine Selbstverständlichkeit - aus dem, was Geisteswissenschaft, was wirkliche Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, im Innern des Menschen entzündet, eine Anschauung über das soziale Leben, über den Fortgang des sozialen Lebens entstehen. Es ist nicht durch die Laune oder durch die Willkür einzelner Persönlichkeiten der Impuls der Dreigliederung des sozialen Organismus hinzugefügt worden zu dem, was hier seit Jahrzehnten schon vertreten wird als anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft — das hat sich als eine Selbstverständlichkeit ergeben. Es hat sich so ergeben, daß man denjenigen innerlich unwahr und verlogen empfinden mußte, der mit seiner Seele nach dieser Geisteswissenschaft zu streben vorgibt und kein Herz hat für dasjenige, was als soziale Frage die ganze Menschheit durchbebt und erschüttert oder wenigstens durchbeben und erschüttern sollte. Da wird jetzt nicht auf dem Wege der äußeren Naturerkenntnis, sondern auf dem Wege der Geist-Erkenntnis etwas gesucht, was, indem es von der menschlichen Seele erlebt wird, unmittelbare Antriebe auch zum sozialen Wollen liefert.

Um das eine noch zu erwähnen - ich könnte auch auf die anderen Gebiete des Lebens einige Blicke werfen, will aber nur das eine erwähnen -: Wir haben in unserem Bau in Dornach etwas aufgeführt, das nicht rechnet mit irgendeinem alten Baustile, sondern das die Bauformen, das Künstlerische durchaus bis in das einzelnste hinein behandelt aus den Kräften, die sich aus unserer geistigen Erkenntnis, aus unserer geistigen Schau heraus selbst ergeben. Dagegen, daß es richtig sei, dasjenige, was als Künstlerisches wirkt, im Unbewußten zu lassen, es nicht hinaufzuheben in das Bewußte, dagegen legt diese Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, Protest ein. Wie Geisteswissenschaft selbst in die geistigen Welten mit voller Bewußtheit eintreten will, so will sie auch das, was hier zu neuen Baustilen, zu neuer künstlerischer Gestaltung führen kann, herausheben aus dem, was wirkt aus den geistigen Welten. Indem Geisteswissenschaft schauen will den Geist selbst, mit dem der Mensch in seinem innersten Wesen verwandt ist, trifft sie auf dieses innerste Menschenwesen so auf, daß sie in den Kern der Menschheit kommt - da, wo das sittliche Wollen aufkeimt, wo das sittliche Wollen aufgeht. Geisteswissenschaft kann also nicht sagen, sie kümmere sich nicht um dasjenige, was im sittlichen Wollen vorgeht, sondern sie kann allein das für sich in Anspruch nehmen, daß sie - indem sie sich durchdringt mit einem Wissen von Weltenweiten und von dem Innersten, Intimsten der Menschenseele — zu gleicher Zeit die moralischen Antriebe gebiert, aus denen heraus der Mensch sein Wollen, sein Handeln gestaltet. Diese Geisteswissenschaft kann nicht sagen, es käme ihr nicht darauf an, etwas zu tun, damit Geschwüre geheilt werden oder Sonnen nicht verlöschen. Sie muß sagen, ihr kommt es darauf an, daß aus ihrer Erkenntnis heraus der Mensch die Kraft schöpft, überall da heilend aufzutreten, wo durch den äußeren Gang der Weltereignisse Schädlichkeiten auftreten, ihr kommt es darauf an, etwas hinzustellen, was dem Menschen eine Sonne sein kann und was etwas beitragen kann zu den wohltuenden Kräften in der Menschheitsentwicklung. Mit-Tun und Mit-Handeln, Mit-Wollen und Mit-Absichten-Haben beim ganzen Gang des menschlichen geschichtlichen, sozialen Werdens, das ist dasjenige, was diese Geisteswissenschaft anstrebt nicht als abstraktes Ziel, sondern was sich ihr ergibt durch ihre eigene Natur und Wesenheit. Sie kann nicht anders auftreten, als indem sie in voller Bewußtheit dasjenige fortsetzt, was sich einer früheren Menschheit in einer gewissen Weise aus der Unbewußtheit heraus ergeben hat.

Aus dieser Unbewufßtheit heraus hatte man in früheren Zeiten eine ganz bestimmte Empfindung über den Fortgang der Menschheitsentwicklung. Das war die, daß das Werden der Menschheit, der ganzen Menschheit, wenn es sich selber überlassen wäre, fortwährend degenerieren würde, fortwährend von Schädlichkeiten ergriffen würde, fortwährend zu einer Art von Sterben sich hinneigen würde, fortwährend erkranken würde. Aber man hatte auch das Bewußtsein: Wenn der Mensch eingreift in diese Menschheitsentwicklung, so wird er, indem er gerade auf dasjenige sich verläßt, was aus dem Wesen des Unbewußten heraus ihn erleuchtet, zum Heiler der Krankheiten, der Schädigungen. Als eine Heilkraft der Menschheitskultur hat man in den Zeiten der unbewußten Entwicklung der Menschheit empfunden alles Wissen, alle Erkenntnis, weil man nicht dabei stehenblieb, nur in einer Ecke etwas zu wollen und nicht teilzunehmen am äußeren Kulturprozeß - im Gegenteil, man wollte mitmachen gerade als Heiler diesen Kulturprozeß.

Und das Wort, welches uns herübertönt aus der griechischen Erkenntnis, charakterisierend eine der tiefsten Kunstschöpfungen, die Tragödie, das Wort «Katharsis», das tönt herüber aus der griechischen Kultur und will besagen, worauf eigentlich die Wirkung des Trauerspiels beruht. Darauf beruht diese Wirkung: im Menschen Bilder von Leidenschaften zu erzeugen, damit diese Leidenschaften im Anblick der tragischen Handlung des Trauerspiels geheilt werden können - seelisch. Indem dieser Ausdruck «Katharsis» als das die Tragödie Beherrschende heraustönt aus der griechischen Kultur, wird uns angedeutet, wie auch das Künstlerische in dem dem Leben so nahestehenden Griechentum als Heilungsprozeß des Lebens betrachtet worden ist. Denn «Katharsis» ist ein Wort - wir können es nur mit dem abstrakten Wort «Reinigung» übersetzen -, welches man auch braucht für jene Erscheinung, die während einer Erkrankung des Menschen bis zur Krisis führt; und wenn diese Krisis zur Ausscheidung des Schädigenden führt, dann kommt es zur Heilung. Der Grieche entnahm dem menschlich-individuellen Heilungsprozefßß die Aufgabe für die Tragödie. Er dachte sich nicht das Künstlerische aus der übrigen Kultur fort; er dachte es sich durchaus darinnenstehend.

So im Leben stehend, im lebendigen Wollen und Handeln stehend, will jene Geisteswissenschaft sein, von der hier seit langem gesprochen wird und die heute im Angesicht der Ratlosigkeit - die sich ergeben hat aus der auf anderen Gebieten gloriosen Wissenschaft der neueren Zeit - als die ernsteste geistige Forderung des kommenden Tages dastehen muß. Allerdings muß, damit sie als solche erkannt werde, noch manches herbe Vorurteil hinweggeräumt werden. Solange man glauben wird, daß ernste Wissenschaft nur dasjenige sei, was beschreibt, was durch das Mikroskop und Teleskop gesehen werden kann, was im physikalischen Kabinett konstatiert wird, was in Kliniken geschieht, solange wird man dieser Geisteswissenschaft Vorurteile entgegenbringen. Wenn man aber einsehen wird, daß durch alles dasjenige, was auf diese äußere Weise erforscht werden kann - wenn es auch in anderer Beziehung noch so wertvoll ist für die Menschheit -, nichts über das innerste Wesen des Menschen selbst gesagt werden kann, dann wird der Mensch aus einem inneren Antrieb heraus, weil er nicht anders kann, wenn er sich Aufklärung über sich selbst geben will, zu dieser Geisteserkenntnis hingetrieben werden. Ebenso, wie man heute hinhorcht auf dasjenige, was im physikalischen Kabinett, in den Kliniken konstatiert wird, wird man - gerade um das Wesen des Menschen zu erkennen - hinhorchen auf dasjenige, was der Geistesforscher unternimmt in seiner Seele, indem er sein Denken so erstarkt, daß dieses in sich selber erstarkte Denken nicht mehr, wie das gewöhnliche Denken, abhängig ist von der Leiblichkeit, sondern sich unabhängig macht von der Leiblichkeit.

Worüber heute noch die meisten Menschen höhnen, was sie als Phantasterei ansehen, das wird in der Zukunft angesehen werden als streng exakte Methode, die allerdings ganz im Innern der Seele selber abläuft. Man wird erkennen, daß durch das sogenannte meditative Leben - aber jetzt nicht durch das alte, mystische meditative Leben, das nur den Menschen der Welt entfremdet, sondern durch das innerlich tätige meditative Leben - das Denken so erstarkt werden kann, besonders wenn die in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» geschilderte strenge Willenszucht dazukommt. Man hat es dann allerdings mit einem Denken zu tun, von dem man weiß: Du denkst, aber du nimmst in deinem Denken, das jetzt ein rein geistig-seelischer Prozeß geworden ist, nicht mehr dein Gehirn zu Hilfe. - Dann steigt man auf zur übersinnlichen Erkenntnis durch diese innerliche Erstarkung des Denkens. Und wie man von einem gewissen Zeitpunkte an dasjenige anerkannt hat, was man durch die Vergrößerung des Mikroskops gesehen hat, so wird man auch darauf kommen durch die Erstarkung des Denkens und die Anerkennung desjenigen, was sich als Forschungsresultate aus dem Übersinnlichen heraus ergibt, daß auch die Natur, in der wir leben, durch unseren intellektuellen Seeleninhalt, durch Intellektualismus nicht voll begriffen werden kann.

Das ist etwas, was heute dem Menschen noch paradox klingt, was aber, wenn die ernsten Forderungen des kommenden Tages eingesehen werden, nicht mehr paradox klingen wird. Denn einsehen wird man, daß die Natur innerlich unendlich viel reicher ist in ihrer Wirksamkeit als dasjenige, was man durch Naturgesetze fassen kann, die nur der menschliche Verstand aus dem Experiment abzieht. Man kann ja aus innerer menschlicher Neigung heraus vielleicht sagen: Nur dasjenige, was der menschliche Verstand mit einem intellektualistisch anschaubaren Urteil erfassen kann, kann man als innerlich Erfahrenes ansehen. - Aber will man dabei stehenbleiben, will man nur das als Naturgesetz gelten lassen - und alles, was uns heute als Naturgesetze gelehrt wird, wird nur auf diese intellektualistische Art durch das Experiment gewonnen -, dann muß man verzichten auf die wirkliche Erkenntnis der Natur. Denn was nützt es denn, immerfort zu deklamieren: Klar ist nur dasjenige, was aus dem Verstandesurteil, aus dem intellektualistischen Urteil heraus kommt -, wenn alles das, was das Wesen der Natur ist, sich nicht erfassen läßt durch diese Naturgesetze. Die Natur ist so, daß sie sich nicht den Naturgesetzen ergibt, sondern nur den Bildern, die wir im Imaginativen erkennen dann, wenn wir unser Denken erstarken, so daß es unabhängig wird vom Leib und wir es zu unserem Seeleninhalt machen.

Allerdings, dasjenige, was auf diese Art hingestellt wird als der eigentliche Antrieb und Kern geisteswissenschaftlicher Forschung, es genügt nicht, daß man es theoretisch anerkennt. Es genügt nicht, daß man sich interessiert um seines eigenen inneren seelischen Egoismus willen für die Ergebnisse, für die Vorstellungen und Gedanken dieser Art von Weltenschau, sondern es ist notwendig, daß die innere Gesinnung und menschliche Seelenverfassung, die aus solchem Schauen folgen kann, in unser ganzes öffentliches, soziales Leben ebenso eindringt, wie eingedrungen ist nach und nach - aber vorbereitend die Schrecknisse der letzten vier bis fünf Jahre — die bloß naturwissenschaftliche, intellektualistische Denkweise.

Da wird einfach begonnen werden müssen mit der Schulung des Menschen. Da wird diese Schulung des Menschen endlich brechen müssen mit demjenigen, was heute noch geradezu als eine Hauptsache allen Schulwesens angesehen wird: daß dieses Schulwesen abhängig sei, beaufsichtigt werde von der Staatsgewalt. Die Staatsgewalten werden aus sich heraus, da sie die Aufgabe haben, den Staat zu organisieren, die Ziele des Schulwesens immer so gestalten wollen, daß der Mensch ein Instrument innerhalb der staatlichen Organisation werde. In der Zukunft wird es nicht darauf ankommen, daß man den Menschen zu dem oder jenem vorbereitet, sondern es wird darauf ankommen, daß man in sich den Sinn dafür erzieht, durch Anschauen des Geistig-Seelischen am Menschen zu beobachten, was sich da von frühester Kindheit an durch des Menschen Leiblichkeit hindurch als Geistiges entwickeln will. Es wird darauf ankommen, daß man die Schule von den untersten Stufen bis zur höchsten Stufe einzig und allein auf diese Anforderungen des Geisteslebens selbst begründet.

Heute stehen noch unsere öffentlichen Verhältnisse so, daß man nur vereinzelt den Versuch machen kann, ein solches Erziehungswesen durchzuführen, wie das zum Beispiel gemacht worden ist hier unter der Ägide des Herrn Molt mit der Waldorfschule. In der Waldorfschule wird von vorneherein von dem Grundsatz ausgegangen, daß im Menschen sich herausarbeitet von Kindheit an ein Tiefverborgenes, das man aber durch Geistesschau in seinem Werden von Woche zu Woche, von Jahr zu Jahr beobachten kann. Die Methode des Unterrichtens wird so eingerichtet, daß der Mensch ein Vollmensch werde, daß im Menschen von der frühesten Kindheit an diejenigen Kräfte sich entwickeln können, die dann das ganze Leben hindurch standhalten, die es möglich machen, daß der Mensch im spätesten Alter dasjenige aus sich herausholen kann, was in ihm entwickelt worden ist. Da muß in vielem anders vorgegangen werden, als in dem, was man als Erziehungsziel betrachtet hat aus naturwissenschaftlichem und materialistischem Vorurteil gerade in der neuesten Zeit. Da muß vor allen Dingen von dem Bewußtsein ausgegangen werden: Wenn ich alles das, was im Menschen veranlagt liegt, aus diesem Menschen hervorhole, wird er sich später in das soziale Leben so hineinstellen, daß er die Einrichtungen machen wird, nicht daß, wie es heute der Fall ist, die Einrichtungen ihn vergewaltigen, so daß er nur eine Maschine wird in seinem Beruf, ein Abdruck desjenigen Wesens, das ihm sein Beruf aufprägt. Der Mensch der Zukunft, der durch

diese Schule angestrebt werden soll, muß allem äußeren Leben das Siegel aufprägen, nicht aber darf dieses äußere Leben ihm das Siegel aufprägen. Spricht man das aus, so sieht es zunächst aus wie jene Phrasen, die man heute auch oftmals braucht für Erziehungsziele. Aber die bleiben Phrasen, wie so vieles im heutigen Leben, wenn man es nicht anknüpft an die wirkliche Geistesschau. Diese muß aber erst aus den Tiefen der menschlichen Seele heraus durch eine Erkraftung des Denkens, durch eine Selbstzucht des Willens bis zur Methode des übersinnlichen Schauens getrieben werden.

Es ist eine ernste Forderung des kommenden Tages, daß neben dem, was äußerlich in Laboratorien, in Kliniken erforscht wird, auch anerkannt werde dasjenige, was durch strenge innere Seelenmethode gefunden werden kann als Offenbarung des eigenen, wahren, wirklichen Menschenwesens, das zu gleicher Zeit das übersinnliche, das ewige Wesen des Menschen ist. Und es ist ein Verkennen alles dessen, was die Zeichen der Zeit sprechen, wenn religiöse Vorurteile ein solches Streben so abtun, daß heruntergesetzt wird dasjenige, was so der Mensch aus des Menschen ureigenster Kraft hervorholen will. Es ist schlimm, daß gerade von mancher religiösen Bekenntnisseite her immer wiederum gesagt wird, es sei ein Irrtum oder es sei gefährlich, wenn der Mensch sich innerlich so entwickeln will, daß er zur Anschauung des Übersinnlichen kommt; dieses Übersinnliche solle man aus instinktivem, dem einfachsten Gemüt gegebenem Glauben hinnehmen. - Es klingt das, weil es der menschlichen inneren egoistischen Bequemlichkeit entgegenkommt, für viele sehr schön. Und beschwerlich klingt es für viele, wenn Geisteswissenschaft auftritt, um über die einzelnen Tatsachen der übersinnlichen Welt so zu sprechen, wie sonst die äußere Naturwissenschaft über die äußerlich-sinnlichen Tatsachen des Lebens spricht. Beschwerlich ist es, wenn der Anspruch darauf gemacht wird, für eine Erkenntnis der geistigen Welt einzelnes, mit dem der Mensch als geistig-seelisches Wesen verknüpft ist, so zu beschreiben, wie man diese äußere, sinnliche Welt beschreibt. Der Mensch möchte aus einem ganz unbestimmten Gefühl heraus wie im Handumdrehen alles mögliche als «das Göttliche» erfassen; er möchte sich nicht darauf einlassen, dieses Göttliche in sich auf mühsamen inneren Wegen sich zu erobern. Aber der Mensch wird, indem er sich nicht darauf einlassen will, dieses Göttliche auf dem mühsamen Weg der Seele zu erobern, sondern indem er es in Abstraktheit eines Gefühls festhalten will, sich immer mehr und mehr vom wirklichen Leben entfernen. Was er über die Natur aussprechen wird, wird ohnmächtig sein, in das soziale Leben, in das politische Leben, in den Kultus, selbst in das sittliche Leben einzugreifen. Es wird zuletzt sogar ohnmächtig sein, die Religion selber aufrechtzuerhalten, weil der Mensch gewohnt wird im gegenwärtigen Zeitalter, nach dem Konkreten hinzustreben, weil der Mensch gewohnt wird, der Naturwissenschaft erkennend zuzuschauen und nicht bloß zu glauben. Die Erziehung, die er da sich erringt, wird ihre Kräfte geltend machen auch für dieses Gebiet. Gibt man dann dem Menschen diese Geisteswissenschaft nicht, spricht man ihm nicht von dieser Geistesschau, bekämpft man sie, dann wird er die alten, traditionellen, aus dem Zeitalter der Unbewußtheit herrührenden religiösen Bekenntnisse verlieren. Seine Seele wird veröden. Diejenigen religiösen Bekenntnisse, die sich heute entgegenstemmen einem lebendigen Ergreifen der Geisteswelt, sie sind es, die der wahren Religiosität der Menschheit entgegenarbeiten.

Und diese Erkenntnis selber ist eine ernste geistige Forderung des kommenden Tages. Es ist durchaus mit den alten Tatsachen gerechnet, wenn man heute sagt, Religion müsse beim Menschen aus dem dunkelsten Drang heraus kommen, sie müsse durchaus in der Region des Unbewußten sich halten, sie dürfe sich nicht aufschwingen zur vollen Bewußtheit. Was ich Ihnen heute auf diesem Gebiet als eine Charakteristik des eigentlichen geistigen Strebens geschildert habe, das soll eben offenbaren, wie hinzustreben hat die Menschheit nach einem bewußten Erleben der geistigen Welt. Dieses bewußte Erleben der geistigen Welt, es ist für das öffentliche Leben nicht anders zu erreichen als durch das Selbständig-Stellen alles geistigen Strebens und damit hauptsächlich aller Schulung der menschlichen geistigen Kräfte, die unabhängig sind von den staatlich-rechtlichen Kräften, die unabhängig sind von allen wirtschaftlichen Mächten — man kann darüber nachlesen in meinem Buche «Die Kernpunkte der Sozialen Frage». Ein Geistesleben, das auf sich selbst gestellt ist, das rein aus dem heraus arbeitet, was über den Geist des Menschen die innerste Seele sagt, das unabhängig ist von allen Autoritäten, ein solches Geistesleben allein wird in der Menschheit erwecken auch ein Bewußtsein über den Geist. Dieses Bewußtsein braucht der Mensch, damit er gewahr werde den Zusammenhang des eigenen Geistes in seinem Innern mit dem die ganze Welt umfassenden Geiste. So hat eigentlich auf dem Gebiet der Erkenntnis die Menschheit die Notwendigkeit gewonnen, den Übergang zu finden von den alten unbewußten Forderungen zu den neueren, immer bewußter und bewußter werdenden Forderungen, die immer stärker und stärker werden auftreten müssen.

Aber auch auf anderen Gebieten des Lebens treten ernste Forderungen des kommenden Tages auf. Wenn wir ein zweites Gebiet des menschlichen Lebens, des öffentlichen menschlichen Lebens betrachten — dasjenige Gebiet, das sich ergibt aus dem Zusammenleben von Mensch zu Mensch, wie es der mündig gewordene, erwachsene Mensch entwickelt, wie er es zu gleicher Zeit entwikkelt als Stütze für die aufstrebende Kindheit und Jugend, die hereinwachsen soll in das folgende Zeitalter -, wenn wir dieses Leben betrachten und auf frühere Epochen der Menschheitsentwicklung blicken, geht auch dieses auf Unbewußtes zurück; aber auch dieses Leben fordert den Übergang in die Bewußtheit.

Woraus hat sich alles Recht entwickelt? Woraus hat sich alles das entwickelt, was sich gewissermaßen kristallisiert hat in den staatlichen Gesetzgebungen, den gesetzlichen Ordnungen? Ich kann es hier nur kurz andeuten. Aus demjenigen hat es sich entwickelt, was in älteren Zeiten, in den Zeiten der unbewußten Menschheitsentwicklung, entstanden ist aus der Gewohnheit, die Mensch an Mensch entwickelt hat. Unbewußt hat der Mensch entwickelt ein Hinaufschauen zu einem anderen Menschen; daraus ist ein Verhalten entstanden. Unbewußt hat der Mensch entwickelt ein Gefühl dadurch, daß der andere Mensch sich zu ihm in einer gewissen Weise verhalten hat. Daraus sind Rechtsgewohnheiten entstanden. Aus der Unbewußtheit heraus ist die Sitte, ist das Recht entstanden. Auch auf diesem Gebiete hat sich in das Zeitalter der Bewußtheit herein erhalten dasjenige, was nur seine Berechtigung gehabt hat im Zeitalter der Unbewußtheit. In das Zeitalter der Bewußtheit herein hat sich erhalten ein Festhalten an Resten des Altgewohnten. Bis heute hat sich noch wenig gezeigt von einem Übergang zu einer anderen Anschauung gerade des Rechts- und Staatswesens, von einem Übergang zu der Anschauung, die in voller Bewußtheit erfaßt dasjenige, was das Verhältnis von Mensch zu Mensch im äußeren, sozialen Leben ist. So wie aber in der reinen Erkenntnis der Übergang gewonnen werden muß von der Unbewußtheit zur Bewußtheit, so muß auch auf dem Gebiete des Rechts- oder Staatslebens dieser Übergang gefunden werden von der Unbewußtheit zur Bewußtheit. Das muß herausgeboren werden aus dem, was der Mensch erlebt, indem er durch Geistesschau innerlich den Geist kennenlernt. Es muß herausgeboren werden aus diesem Wissen des Übersinnlichen die Art und Weise, wie Mensch zu Mensch rechtlich-staatlich in der sozialen Ordnung steht. Es muß herausgeboren werden aus des Menschen Bewußtsein vom Übersinnlichen das irdische Bewußtsein — das Bewußtsein: Indem du dastehst als Mensch und gegenüberstehst dem anderen Menschen, sind wir beide nicht nur das, was da als Menschenleib dem Menschenleib gegenübersteht; wir beide sind die Träger eines Geistig-Seelischen. Es verkehrt ein Geistig-Seelisches mit einem Geistig-Seelischen. — Das läßt sich als Seeleninhalt nicht durch theoretische Anschauung erwerben. Das kann als Seeleninhalt nur entstehen, wenn er belebt wird von frühester Kindheit an durch eine Schulung, die alles Natürliche an das Geistige anknüpft, die alles Natürliche auch vom Geistigen aus durchdringt. Wenn der Mensch mit seiner innersten Empfindung in der Wahrheit vom Geistigen drinnensteht, dann wird er auch im Verkehr von Mensch zu Mensch jene Gefühle entwickeln, die ihn als Geistwesen dem anderen Geistwesen gegenüberstellen. Dann wird er in der staatlich-rechtlichen Ordnung zwar zunächst ein Ergebnis des Verhaltens der Menschen sehen, aber er wird darin als tieferen Sinn dasjenige anerkennen, was die ganze Menschheit als Übersinnliches durchdringt. Weil noch für dieses Gebiet die Reste des Unbewußten aus alten Zeiten in unsere Zeit hereinragen, deshalb hat sich dasjenige, was früher aus Unbewußtem heraus den Menschen in seinen Rechtsempfindungen, seinen Staatsgefühlen voll belebte, umgebildet zu einer bloßen Konvention. Die Konvention, sie muß wiederum in sich aufnehmen das Lebendige, dasjenige, was elementarisch von Mensch zu Mensch wirken kann. Das kann aber wiederum nur dadurch geschehen, daß wirklich der Mensch einen Boden findet, auf dem - unabhängig von allem übrigen Menschenleben - sich abspielt nur dasjenige, was sich entwickelt von Menschenseele zu Menschenseele als Recht. Weil aber das alte Unbewußte, das in einer gewissen Beziehung für unsere vergangene Epoche seine Berechtigung hatte, sich hereinerhalten hat bis in unsere Epoche, hat es seinen Sinn verloren. Das Recht hat sich erhalten dem äußeren Wortlaut, der äußeren Sitte nach; der innere Sinn ist verlorengegangen. Es konnte daher nicht ausgeübt werden aus der inneren Lebendigkeit der Seele heraus; es konnte nur ausgeübt werden aus der physischen Macht heraus.

Und so sehen wir, wie sich heute, zunächst noch halb unbewußt, aus der Menschheit heraus erhebt der Appell - aber ein Appell, der heute zu stark aus der Phrase heraus erhoben wird, der der Phrase entkleidet und mit Wirklichkeit bekleidet werden muß -, es erhebt sich der Appell, das, was bloß unter dem Einfluß der äußeren Machtgebote besteht, durch ein wirkliches Recht zu ersetzen, in ein wirkliches Recht zu verwandeln. Was in unseren äußeren Institutionen auf dem Rechts- oder Staatsboden als Macht lebt, ist einfach dadurch entstanden, daß das, was früher aus dem Unbewußten entsprungen ist, sich festgehalten hat ohne Sinn, so daß es jetzt nicht aus der menschlichen Seele festgehalten werden kann, sondern durch äußere Macht festgehalten wird. Es muß sich verwandeln - auf dem Weg, der aber nur gesucht werden kann in dem Übergang vom unbewußten Fühlen von Mensch zu Mensch zu dem bewußten Fühlen des einzelnen Menschen für das wirkliche geistig-seelische Wesen des anderen Menschen.

Und so wie in der Epoche der Unbewußtheit sich das Erkennen entwickelt hat, so wie dasjenige, was Sitte war und Recht geworden ist, sich herausentwickelt hat aus Elementarischem, aus demjenigen, was nicht unter das Bekannte, Überschaubare gerechnet werden konnte, so haben sich auch entwickelt die Gebräuche, die Verhaltungsmaßregeln des äußeren Lebens. Sie haben sich entwickelt durch die Anpassung des Menschen an seinen Umgang, durch das Verkehren mit den äußeren Dingen, durch das Probieren, durch das Schaben, Kratzen, Schleifen im äußeren Leben; mit anderen Worten: so haben sich die Geschicklichkeiten des Wirtschaftslebens entwickelt. Aus dem Unbewußten heraus haben sich diese Geschicklichkeiten des Wirtschaftslebens entwickelt. Und in dem Zeitalter, in dem stehengeblieben ist der alte, unbewußte Rest, der nicht mit neuem, innerem seelischen Erleben angefüllt hat das, was früher mit dem Seelisch-Unbewußten erfüllt war in der Behandlung der Außenwelt durch den Menschen, ist das leergeworden, ist das zur bloßen Routine geworden. Der Geist aber muß den Menschen ergreifen. Das Übersinnliche muß in die Bewußtheit einziehen, dann wird der Mensch wiederum die wirtschaftliche Außenwelt durchdringen mit dem, was ihn von innen befeuert. Dann wird er der Außenwelt wieder einen Sinn geben. Dann wird der Beruf nicht ihn machen, dann wird er den Beruf machen. Dann wird auch notwendig sein, daß der Mensch nicht einfach hineingestellt wird in irgendeinen Beruf und sich ihm anzupassen hat, sondern es wird notwendig sein, daß er erzogen wird aus den Anforderungen und Kräften der Menschennatur heraus. Er wird sich hineinstellen in das Gefüge des wirtschaftlichen Lebens, in dem überschaubare Assoziationen bestehen werden, Assoziationen zwischen den Leuten gleicher und ähnlicher Berufe oder angrenzender Berufe, in dem Assoziationen bestehen werden zwischen denen, die produzieren, und denen, die konsumieren. Solche Assoziationen werden nur eine solche Größe erreichen, daß die ganzen Verhältnisse darin durch Menschenkraft überschaubar sind, daß diese überschaubaren Assoziationen mit anderen in freiem Verkehr des wirtschaftlichen Austausches stehen können. Da wird sich dasjenige entwickeln, was im Wirtschaftsleben aus Anschauung, aus Erfahrung gewonnen wird. Da wird es unmöglich sein - weil die

— Menschen zu überschaubaren Assoziationen zusammengeschlossen sind -, da wird es unmöglich sein, daß der eine dem anderen irgend etwas darbietet, was der andere nicht seinem ganzen Ursprung, seinem Herkommen nach kennt. Da wird man bauen können auf das, was sich durch die Kraft der Organisationen, der Assoziationen gebildet hat. Da wird man wissen, mit wem man es zu tun hat, weil man einsehen wird, wie der einzelne durch den wirtschaftlichen und sozialen Zusammenhang in Assoziationen hineinkommt. Da wird wahrhaftig im wirtschaftlichen Leben anstelle des Ungeistes der Geist herrschen. So kann man sagen, daß durch die Assoziationen — indem die Menschen durch diese Assoziationen einander kaufmännisch und wirtschaftlich kennenlernen -, die Bewußtheit auch in das Wirtschaftsleben einzieht. So wird einfach durch das Drinnenstehen in diesen Assoziationen das bewußte wirtschaftliche Leben sich entwickeln.

Der Übergang von der Unbewußtheit zur Bewußtheit: das ist dasjenige, was die Menschen ergreifen müssen im einzelnen, engbegrenzten Kreise des öffentlichen, äußeren Lebens, was die Menschen auch ergreifen müssen im Großen. Wir sehen, wie das Unbewußte heute auf einem Gebiet des großen Weltenlebens wirkt. Aber man könnte auch fragen: Wie wenige sehen es da?

Wir haben gesehen, wie sich unter dem Einfluß der Ereignisse der letzten vier bis fünf Jahre gegen Mitteleuropa eine Weltkoalition erhoben hat, wie durch die traurigen Ereignisse dieser Jahre sich herausgehoben hat die Hegemonie der englischsprechenden Bevölkerung über die Erde hin. Und in dieser Beziehung wird die Menschheit noch viel erleben. Für den, der mit unbefangenem Urteil diese Angelegenheiten überschauen kann, für den steht eine sehr herbe Zukunft bevor. Wenn man hinzuschauen vermag gerade auf die großen Weltereignisse, muß man auch von diesem Gesichtspunkte aus die Frage stellen: Welchen Charakter hat denn das öffentliche politische Leben derjenigen Macht, die heute als die englischsprechende Macht nach Weltherrschaft strebt? Welches ist der Grundcharakter gerade der englisch-amerikanischen Politik? -— Man findet ihn kaum ausgesprochen; man steht heute fast in der ganzen Welt unter dem Einfluß dieser Politik, und man findet ihn kaum ausgesprochen. Man sieht, wie gewisse Erscheinungen in dieser Politik immer wiederkehren, aber man kann diese Erscheinungen nicht in der richtigen Weise charakterisieren. Man hätte hinhören können, wie im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts Leute, die vertraut waren in England mit dem, was man dort eigentlich anstrebte, im Grunde vorausgesagt haben zum Beispiel das Schicksal des heutigen europäischen Ostens, die vorausgesagt haben zum Beispiel, daß ein großer Weltkrieg kommen müsse. Aber gehandelt hat diese Politik unter dem Einfluß dieser Antriebe.

Das ist dasjenige, was so wenig durchschaut wird. Das ist dasjenige, was aber durchschaut werden muß, wenn man überhaupt zu einer praktischen Gestaltung des Lebens vorschreiten will, wenn man eine praktische Stellung im heutigen öffentlichen Leben gewinnen will. Dann muß man aber auch sagen: Verläuft denn diese englische Politik nicht so, daß sie oftmals scheinbar Schritte vorwärts macht, wieder zurücknimmt und so weiter? Wir können das in der englischen Politik gegenüber Ägypten, gegenüber Rußland bis in die heutigen Tage verfolgen, wenn man sehen kann, wie Lloyd George sich verhalten hat vor einigen Monaten, wie er sich heute verhält, wie er Schritte vorwärts macht, sie wieder zurücknimmt. Was aber ist in alledem drinnen? Ein ganz bestimmtes Ziel ist darin, das mit dem Volksegoismus der englischsprechenden Erdenbevölkerung zu tun hat. Dieses Ziel ist aber so darinnen, wie in den früheren Epochen der Menschheitsentwicklung aus dem Unbewußten heraus der Mensch sich Ziele gesetzt hat. Dann ging er im Äußeren, zum Beispiel im Wirtschaftsleben, ans Probieren, an die Anpassung an die Umgebung.

Sieht man auf der einen Seite hin auf das aus dem Unbewußten herausgeborene englisch-politische Ideal der Weltherrschaft und beobachtet diese Schritte vorwärts und zurück, beobachtet, was im Einzelnen versucht und getan wird, dann findet man die einzige wirklich richtige Bezeichnung für die Politik: Sie hat aus dem Unbewußten heraus ihre großen Ziele, und sie ist in bezug auf die einzelnen Handlungen Experimentalpolitik. Sie ist so stark Experimentalpolitik, Versuchspolitik, aus unbewußten Zielen festgestellte Politik, daß man sich nicht entmutigen läßt, wenn das eine oder andere nicht gelingt. Man versucht es eben dann auf anderem Wege. Man hat die unbewußten Ziele, und in der Bewußtheit experimentiert man, probiert man, und wenn man auf die eine Weise nicht weit genug kommt, so versucht man, auf die andere Weise weit genug zu kommen. Da haben wir auf dem Gebiet des großen Weltenwesens, der Welthandlungen das Heraufspielen des Unbewußten, das bloß probiert und experimentiert, da haben wir dasjenige, was auch überwunden werden muß durch die Forderung des kommenden Tages.

Hier durchschaut, erkennt man, meine sehr verehrten Anwesenden, daß dasjenige, was heute als Hauptsächliches in der Welt geschieht, ich möchte sagen Gott sei Dank nicht der kommende Tag ist, sondern doch die Abenddämmerung ist. Der wirkliche kommende Tag aber, er wird sich aus der Forderung heraus ergeben, die nur entstehen kann durch eine innere Entwicklung der menschlichen Seele selbst. Diese Entwicklung zielt dahin, dasjenige, was früher mit Recht in der Menschheit als Unbewußtes gewaltet hat, zum Bewußten herauf zu erheben. Allerdings aber muß diese Entwicklung bis in die intimsten, innersten Kräfte der menschlichen Seele hereingehen.

Es ist Ihnen heute gesagt worden, daß nach meinem letzten Vortrag Traktätchen verteilt worden sind. In diesen Traktätchen stehen allerlei Dinge. Unter anderem wird da auch wiederum das alte Märchen aufgewärmt, daß man es bei dieser Geisteswissenschaft mit einer das Christentum verhöhnenden Anschauung, vor allen Dingen mit einer Verhöhnung des Christus selber zu tun habe. - Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, dasjenige, was durch den Christus Jesus in die Menschheitsentwicklung der Erde hineingekommen ist, ist eine Tatsache - eine Tatsache, die hineingestellt ist in diese ganze Menschheitsentwicklung. Diese Tatsache muß jedes Zeitalter, in dem die Menschheit fortschreitet, in ihrer Eigenart neu begreifen. Schwachmütig ist der, der da glaubt, nur dann auf einem christlichen Boden stehen zu können, wenn er nur die alten Vorstellungen gelten lassen kann und wenn er ablehnt dasjenige, was gerade aus einer neuen Entwicklungsstufe des menschlichen Seelenlebens als Anschauung des Christentums sich ergibt.

Solche Leute, die da gerade dasjenige verurteilen, was Geisteswissenschaft über den Christus und über das Mysterium von Golgatha zu sagen hat, die lehnen sich wenig an das schöne Paulinische Wort an: Nicht ich, sondern der Christus in mir. - Geisteswissenschaft ist sich klar darüber, daß der Christus aus übersinnlichen Höhen hineingezogen ist in diese Erdenentwicklung und daß er mit dieser Erdenentwicklung so verbunden ist, daß der heutige Mensch nicht aus passivem Hoffen heraus in den kommenden Tag hineinleben kann, sondern daß er in seinem eigenen Innern die Kraft als Mensch entwickeln muß, die diesen kommenden Tag herbeiführen wird. Weil aber die Kraft des Christus durch das Mysterium von Golgatha in die Menschheitsentwicklung eingezogen ist, so wird derjenige, der sich mit dieser Christuskraft verbindet, in dem Christus nicht bloß haben den «Erlöser des sündigen Menschen», der passiv rechnet auf seinen Erlöser, sondern er wird in sich haben den Helfer bei dem Herbeiführen des kommenden Tages. Er wird in Wahrheit sagen: Nicht ich, sondern der Christus in mir —, aber der Christus nicht bloß als Sündenerlöser, sondern der Christus als Anfeurer und Auferwecker all der Kräfte, die in der Folgezeit als Kräfte des Menschheitsfortschrittes werden hervortreten können. Und diejenigen, die da glauben, sich aus Bekenntnissen heraus gegen so etwas auflehnen zu müssen, die mißverstehen vielleicht die allerernstesten Forderungen des kommenden Tages, denn sie verstehen nichts vom wirklichen Sinn dieses Paulinischen Wortes. «Der Christus in mir» ist nicht bloß etwas passiv Geglaubtes, sondern eine aktive Kraft, die mich als Mensch vorwärtsbringt. Nicht ich, sondern der Christus in mir -, so sagt die Geisteswissenschaft. Die andern aber, die diese Geisteswissenschaft bekämpfen, die sagen gar nicht: Nicht ich, sondern der Christus in mir —, sondern sie sagen: Nicht ich, sondern die alten Meinungen, die ich haben will über den Christus in mir. — Nicht sagen sie: Der Christus in mir -, sondern: meine altgewohnten Meinungen in mir; meine altgewohnten Vorstellungen über den Christus in mir. — Das richtige Verständnis des Paulinischen Wortes, das ist es, was eine ernsteste Forderung gerade auch des christlichen Fortschrittes erfüllen wird.

Damit habe ich Ihnen heute einige der Forderungen des kommenden Tages zu charakterisieren versucht, und ich glaube, gerade diese ernsten Betrachtungen damit schließen zu dürfen, daß ich sage: Wenn der Menschheit Kraft werden soll aus dem Geiste, dann muß es auch zu einer neuen Erfassung des wahren, des echten christlichen Wesens aus dem Geistigen kommen. Und das ist wahrhaftig nicht die letzte, nicht die unernsteste Forderung des kommenden Tages.

German original of The Spiritual Demands of the Coming Day · ← Previous · Next →