The Crisis of the Present and the Path to Healthy Thinking
GA 335 — 10 March 1920, Stuttgart
3. Die Völker der Erde im Lichte der Geisteswissenschaft
Sehr verehrte Anwesende! Die letzten Jahre haben geoffenbart, welche Summe von Haß- und Antipathiegefühlen durch die Seelen der Völker der Erde haben ziehen können. Niemand wird seiner Empfindung nach sich verschließen vor der Erkenntnis dessen, was doch eine Wahrheit ist: daß auf dem Wege dieses Hasses und dieser Antipathie das Erdenleben einen gedeihlichen Fortschritt nicht wird nehmen können. Und so darf es unter den mancherlei Betrachtungen, die ich hier schon vor Ihnen anstellen durfte, wohl auch einmal gestattet sein, vom Standpunkte der geisteswissenschaftlichen Erkenntnis über alles das zu reden, was nach dieser Erkenntnis die Menschheit, die ganze zivilisierte Menschheit wenigstens, einen kann. Gewiß, Erkenntnisse sind noch nicht Gefühle. Aber geisteswissenschaftliche Erkenntnisse — auch das ist hier von diesem Orte aus schon ausgesprochen worden -, geisteswissenschaftliche Erkenntnisse sind enger verbunden mit der ganzen menschlichen Wesenheit, mit dem Innersten des Menschen selbst, als äußere, abstrakte Wahrheiten, als äußere Sinneswahrheiten. Daher sind geisteswissenschaftliche Wahrheiten wohl auch geeignet, Empfindungen, Gefühle, Willensimpulse aus den Menschen loszulösen, so daß sehr wohl aus der starken inneren Kraft, die aus geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen über das Einende der Völker sich offenbaren kann, auch gekräftigt werden können die Gefühle der Sympathie, die Gefühle der gegenseitigen Liebe unter den verschiedenen Völkern der Erde. Und da im Laufe der Menschheitsentwicklung diese Menschheit immer mehr und mehr fortschreitet von dem instinktiven, unbewußten Leben zu dem bewußten Leben, zu der vollen, willkürlichen Erfassung der menschheitlichen Aufgabe, so ist es schon so, daß für die Zukunft nicht das unbestimmte, gefühlsmäßige Lieben allein hinreichen wird, um die Völker der Erde zu einen, sondern es muß die bewußte gegenseitige Erkenntnis dessen aufgehen, was das Wesen des einen Volkes von dem Wesen des anderen Volkes wird erwarten können.
Wir haben ja auf einem Gebiete heute es verhältnismäßig leicht einzusehen, wie notwendig diese Einigung der Menschen über die Erde hin ist; wir brauchen nur zu sehen auf die heutigen furchtbaren Schädigungen des Wirtschaftslebens. Und wenn wir nach den letzten Gründen fragen, warum dieses Wirtschaftsleben solche Schädigungen erfahren hat, auf welchen Wegen der Zerstörung es wandelt, so müssen wir uns zunächst sagen, daß aus einem unbestimmten Drang der ganzen Menschheit heraus das Streben, die Tendenz vorhanden ist, die ganze Erde zu einem Wirtschaftsgebiet zu machen. Aber auf der anderen Seite sind die Völker der Erde nicht so weit, ihre nationalen Egoismen so zu veredeln, daß wirklich dasjenige, was diese einzelnen Völker erwirtschaften können, zu einem Gesamtwirtschaftsleben der Erde werden kann; das eine Volk will dem anderen etwas abjagen. Dadurch entstehen aus den alten Instinkten der Völker heraus unsachliche Gesichtspunkte, während von den neuen Instinkten eine erdenweite Wirtschaft der Gesamtmenschheit gefordert wird. Das ist ja eine Erkenntnis, die heute, ich möchte sagen mit Händen zu greifen ist, die auch immer wieder und wiederum von führenden Geistern der Gegenwart betont wird: daß dieses Streben nach einer einheitlichen Erdenwirtschaft vorhanden ist, daß ihm aber gegenüberstanden bis in das 20. Jahrhundert herein die nationalen Wirtschaften und daß diese nationalen Wirtschaften mit ihrem Gegensatz zu der Erden-Gesamtwirtschaft verursacht haben den Niedergangsprozeß des wirtschaftlichen Lebens, vor dem wir heute stehen.
Allein, darauf soll nur hingedeutet werden. Das ist es nicht, was uns heute im wesentlichen beschäftigen soll; ein anderes ist es. Uns soll dasjenige beschäftigen, was die Völker geistig und seelisch wiederum abbringen soll von dem so erschreckend sich offenbarenden Haß, der so erschreckend sich offenbarenden Antipathie, wie wir sie erlebt haben im Laufe der letzten fünf bis sechs Jahre. Vorhanden waren sie gewiß schon lange, geoffenbart haben sie sich in einer so furchtbaren Art im Laufe der letzten fünf bis sechs Jahre. Handelt es sich aber um die Erkenntnis des einen Volkes durch das andere, handelt es sich darum, daß aufgenommen werde das geistig-seelische Wesen des einen Erdenvolkes in das geistig-seelische Wesen des anderen Erdenvolkes, dann, meine sehr verehrten Anwesenden, können wir nicht etwa bloß unter dieses andere Volk gehen oder durch unser Schicksal dahin geführt werden, um auf diese Weise — gewissermaßen durch dasjenige, was sich im alltäglichen Verkehr zwischen Mensch und Mensch abspielt — einander als Völker kennenzulernen. Für eine Völkererkenntnis genügt das Reisen oder das Leben unter anderen Völkern ebensowenig, wie es zum Verständnis des einzelnen, individuellen Menschen etwa genügt, wenn ich bloß seine Gebärden, seine Bewegungen anschauen würde. Wenn ich Sinn für solche Dinge habe, könnte ich aus seinen Gesten, aus seinen Bewegungen mancherlei von dem erraten, was im Innern des Menschen ist; allein ich werde ihn direkter erkennen, wenn ich in der Lage bin, seine Sprache auf mich wirken zu lassen, wenn ich in der Lage bin, dasjenige von ihm anzunehmen, was er durch seine eigene, seine innere Kraft mir übermitteln will.
Gibt es ein ähnliches Übermitteln der inneren Kraft, der inneren Wesenheit von Volk zu Volk? — Die bloße Sprache und auch dasjenige, was wir im alltäglichen Leben von Volk zu Volk wahrnehmen, kann es nicht sein, denn das alles ist nur im Verkehr von Mensch zu Mensch begründet. Da muß etwas eintreten, was über das bloße Individuell-Menschliche, über das Erkennen, das Auffassen des anderen Wesens im Menschen hinausgeht. Und wir sind im Grunde genommen in Verlegenheit, wenn wir überhaupt in verständlicher Weise reden wollen von einheitlichem Volkstum. Ist irgend etwas da von einheitlichem Volkstum, was so sinnlichwirklich ist wie äußere Dinge oder äußere Wesen, was uns veranlassen könnte von einem solchen einheitlichen Volkstum zu sprechen? Von dem einzelnen Menschen können wir reden, von einer einzelnen Wesenheit, auch wenn wir uns nur einlassen wollen auf die sinnliche Wahrnehmung. Für die sinnliche Wahrnehmung ist das Volkstum nichts weiter als eine Summe von soundso viel einzelnen Menschen. Aber wenn wir das Volkstum als etwas Reales anerkennen wollen, können wir gar nicht anders als uns erheben zu etwas Übersinnlichem.
In der Tat, wer diejenige Geistesschulung durchmacht, von der hier schon öfter, auch wiederum in den letzten Wochen gesprochen worden ist, wer die in der Menschenseele die sonst im alltäglichen Leben schlummernden übersinnlichen Erkenntniskräfte entwickelt, für den wird das, was man als Volkstum bezeichnen kann, eine reale Wesenheit, allerdings eine reale Wesenheit übersinnlicher Art. Dann aber, wenn er empfänglich wird für das Geistige in der Welt überhaupt, dann offenbart sich ihm das fremde Volkstum als geistige Wesenheit, als ein Übersinnliches, das das sinnliche Wesen der Menschen wie eine Art Wolke durchdringt, die zu diesem Volkstum gehört und sie einhüllt. Erst wenn man versucht, von Volk zu Volk solche Erkenntnisse zu suchen, welche im Übersinnlichen wurzeln, kann man so eindringen in das Wesen eines Volkes, wie man niemals eindringen kann durch den alltäglichen Verkehr zwischen einzelnen Menschen. Das ist dasjenige, was ich versuchen möchte, wenigstens mit einigen Strichen heute zu skizzieren: wie Geisteswissenschaft es anfangen will, die Zusammengehörigkeit der Völker der Erde über den Erdball hin wirklich tief zu erkennen. Dazu scheint mir notwendig, daß der einzelne Mensch selbst erst aus den Quellen der Geisteswissenschaft heraus wirklich erkannt werde.
Ich habe schon einmal in einem Stuttgarter Vortrag darauf aufmerksam gemacht, wie in meinem vor einigen Jahren erschienenen Buche «Von Seelenrätseln» davon gesprochen worden ist, daß dieser Mensch, so wie er vor uns steht im alltäglichen Leben, kein einheitliches Wesen ist, sondern daß in der Tat die menschliche Organisation - ich meine jetzt die unmittelbare natürliche menschliche Organisation - eine solche ist, die drei deutlich voneinander unterscheidbare Glieder offenbart.
Wir haben in der menschlichen Organisation zunächst alles dasjenige, was sich bezieht auf die Hauptesorganisation als den Mittelpunkt alles desjenigen, was man nennen kann im einzelnen Menschen die Nerven-Sinnes-Organisation. Und der Mensch erlebt seine Sinneswahrnehmungen und seine Vorstellungen, seine Gedanken, seine Ideen durch das Werkzeug dieser Nerven-Sinnes-Organisation; ein denkender Mensch ist der Mensch der Erde durch diese Nerven-Sinnes-Organisation. Nun hat man die Vorstellung aus der heute gebräuchlichen Naturwissenschaft heraus, daß überhaupt das ganze menschliche seelisch-geistige Wesen auf der Nerven-SinnesOrganisation beruht und gewissermaßen wie ein Parasit aufgesetzt ist der übrigen Organisation. Das ist nicht der Fall.
Ich bitte um Entschuldigung, wenn ich eine persönliche Bemerkung mache, aber ich muß das folgende schon sagen: Ein dreißigjähriges Verfolgen der menschlichen Natur und Wesenheit, ein Verfolgen, bei dem immer der Einklang der Geisteswissenschaft mit den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen gesucht worden ist, hat mich dazu gebracht, diese Dreigliederung des natürlichen menschlichen Wesens bestätigt zu finden. Es ist ein gebräuchliches Vorurteil der heutigen Naturwissenschaft, daß das ganze seelisch-geistige Leben parallel gehe mit dem Nerven-Sinnesleben. In Wahrheit ist das anders. In Wahrheit ist nur das Denkleben des Menschen gebunden an den Nerven-Sinnes-Apparat, während das Gefühlsleben, das Empfindungsleben gebunden ist an alles dasjenige, was in der menschlichen Organisation rhythmisch verläuft. Nicht bloß indirekt, sondern ganz direkt ist das Empfindungs-, das Gefühlsleben an den Atmungsrhythmus, an den Blutumlaufsrhythmus so gebunden, wie das Denk- und Wahrnehmungsleben an den Nerven-Sinnes-Organismus. Und ebenso wie das Gefühls-, das Gemütsleben an alles das im Menschen gebunden ist, was ursprünglich rhythmisch verläuft, so ist das Willensleben gebunden an alles das, was im Menschen Stoffwechsel ist. Die scheinbar niederste Natur des Menschen, der Stoffwechsel, er ist der Träger des Willenslebens - und zwar als Prozeß, nicht als Stoff.
So ist der Mensch seelisch-geistig ein dreigliedriges Wesen. Der geistige Wille, das seelische Gemüt, das auf die äußeren, materiellen Erscheinungen hin organisierte Denken und Vorstellen und Wahrnehmen, das sind die drei Glieder des geistig-seelischen Menschen. Diese drei Glieder des geistig-seelischen Menschen entsprechen den drei Gliedern des menschlichen physischen Organismus: erstens dem Nerven-Sinnes-Apparat, dem Nerven-Sinnes-Mechanismus, zweitens der Organisation, die in dem rhythmischen Leben der Blutzirkulation, des Atmens gegeben ist, und drittens dem Stoffwechselleben, das mit den beiden andern zusammen alle möglichen Prozesse bildet, die in der menschlichen Organisation vorhanden sind.
Wenn wir nun aber den Menschen auf einem Gebiet der Erde betrachten, so zeigt er sich uns in dieser dreigliedrigen Organisation durchaus nicht so, daß etwa diese dreigliedrige Organisation über die ganze Erde hin bei allen Menschen im wesentlichen die gleiche wäre. Das ist wiederum der große Irrtum im heutigen Denken der Menschheit, daß man glaubt, man könne irgendein gemeinsames, zum Beispiel soziales Programm über die ganze Erde hin ausgeben und die Menschen müßten sich einem solchen gemeinsamen Programm fügen, während doch die Menschen über die Erde hin individualisiert und spezialisiert sind. Und derjenige, der kennenlernen will die wirkliche menschliche Erdenwesenheit, der wirklich erkennen lernen will sein Geschlecht auf der Erde, der muß Liebe entwickeln können, nicht nur zu einer abstrakten allgemeinen Menschheit - was ja nur die Idee der Menschheit wäre, die tote, leere Idee der Menschheit -, sondern der muß Liebe zu den individuellen Ausgestaltungen der Menschennatur nach den verschiedenen Gebieten der Erde entwickeln.
Wir können selbstverständlich in der kurzen Zeit, die uns zugemessen ist, nicht zu allen einzelnen, individuellen Völkern hingehen und sie charakterisieren, aber wir können die Haupttypen der menschlichen Erdenorgansation ins Auge fassen.
Da werden wir, wenn wir einen charakteristischen Menschentypus, der zu den ältesten gehört, ins Auge fassen wollen, zuerst geführt zu dem orientalischen Menschentypus, der sich in dem uralten Volk der Inder und auch in anderen orientalischen Völkern in der verschiedensten Weise zur Offenbarung gebracht hat. Ein Gemeinsames zeigt dieser orientalische Menschentypus. Er zeigt, namentlich charakteristisch an dem indischen Volke, wie der Mensch des Orients zusammengewachsen ist mit der irdischen Natur, auf der er erwächst. Nun, so sehr es uns erscheint, daß dieser orientalische Mensch in seine Seele, in sein Gemüt aufgenommen hat in intensiver Hingabe das Geistige, so sehr uns imponiert orientalische Mystik - studieren wir den orientalischen Menschen hinsichtlich seiner volkstümlichen Eigenschaften, so finden wir, daß dasjenige, was so bewundernswert als höchste Geistigkeit in seinem Innern sich offenbart, gerade bei ihm abhängig ist von dem Erleben des im Menschen strömenden Willens, der wiederum an den Stoffwechsel des Menschen gebunden ist. So paradox das zunächst erscheinen könnte, gerade die hohe Geistigkeit des orientalischen Volkes, auch namentlich der Inder, ist dasjenige, was — wenn ich mich eines groben Ausdrucks bedienen darf - «aufkocht» aus dem Stoffwechsel, dem Stoffwechsel, der im Zusammenhang steht durch seine eigene Wesenheit mit den Prozessen, die irdischer Natur in der Umgebung dieser Menschen sind. Da draußen nämlich, in der indischen Natur, da draußen sind die Bäume, die Früchte, da ist dasjenige, was eine herrliche, bewunderungswürdige Natur dem Menschen - ganz besonders in den älteren Zeiten - wie von selbst gab, und das vereinigt er mit seinem Stoffwechsel so, daß das, was in ihm als Stoffwechselprozeß vorgeht, gewissermaßen die Fortsetzung ist desjenigen, was da draußen auf den Bäumen in den Früchten «kocht», was da unter der Erde webt und lebt in den Wurzeln und so weiter. Ich möchte sagen, ganz und gar zusammengewachsen ist dieser Mensch des Orients durch seinen Stoffwechsel mit dem irdischen Wachsen und Gedeihen. Das macht es gerade aus: Weil der Stoffwechsel der Träger des Willens ist, entwickelt sich dieser Wille im Innern des Menschen. Aber dasjenige, was sich im Menschen besonders entwickelt, worin der Mensch ganz und gar steckt und wodurch er sich verbindet mit seiner Umgebung, das tritt nicht so sehr ins Bewußtsein herein. Ins Bewußtsein hinein strahlt etwas anderes. Und das ist es gerade, daß in das Gefühls- und Denkleben des Orientalen — besonders des charakteristischen Orientalen, des Inders — das hineinstrahlt, was scheinbar materialistisch im Stoffwechsel des Menschen erlebt wird, was aber im Stoffwechsel des Menschen so erlebt wird, daß es sich in seiner geistigen Spiegelung eben als spirituelles Leben darstellt.
So erscheint uns auch das, was aus dem Gemüt, aus dem Denken der orientalischen Völker hervorgeht, was sie geistig produzieren, wie ein geistiges Produkt der Erde selbst. Wenn wir uns versenken in die intensiv zu unserer Seele sprechenden, vom Lichte des Geistes durchleuchteten Veden, wenn wir uns versenken in die instinktivscharfsinnige Vedanta-Philosophie, in die Yoga-Philosophie, wenn wir uns vertiefen in Werke wie die des Laotse, des Konfuzius, wenn wir überhaupt einen Sinn dafür haben, uns hinzugeben an orientalische Poesie, orientalische Weisheit, dann haben wir dieser Weisheit gegenüber nirgends das Gefühl, sie ströme in einer besonderen individuellen menschlichen Artung aus einer Persönlichkeit heraus. So wie der Orientale durch seinen Stoffwechsel zusammengewachsen ist mit der umgebenden Natur, so wie die umgebende Natur in ihm weiter webt und west, ja kocht und siedet, so ist es auch, wenn wir seine Poesie, seine poetische Weisheit, seine weisheitsvolle Poesie auf uns wirken lassen. Es ist, wie wenn die Erde sich selber ausspräche, wie wenn dasjenige, was die Geheimnisse des Erdenwachstums sind, durch den Mund des Orientalen zu der ganzen Menschheit der Erde sprechen würde. Man hat das Gefühl, so wie dieser orientalische Mensch Dolmetsch der inneren geistigen Geheimnisse der Erde selber sein kann, so kann kein Angehöriger eines anderen Volkes - keines Volkes des Westens und keines Volkes der europäischen Mitte - Dolmetsch und Interpret desjenigen sein, was die Geheimnisse der Erde selber sind. Ja, es ist, wenn man charakterisieren will die besten Angehörigen orientalischer Völker, fast so, als wenn sie auf der Erde wandelten und in ihrem inneren Erleben das zum Ausdruck brächten, was eigentlich unter der Oberfläche der Erde lebt, was von unterhalb der Oberfläche der Erde aus dieser Erde herauswächst, sich in den Blüten und Früchten der Erde entpuppt; es ist so, daß in dem, was geistig-seelisch in der orientalischen Menschenwesenheit ist, das Innere der Erde gleichsam in diesen Menschen zur Darstellung kommt. Daher begreifen wir es, daß die orientalischen Menschen ihrer ganzen Wesenheit nach für dasjenige, was auf der Erdoberfläche an physikalischen Erscheinungen sich darbietet, was sich offenbart an äußeren sinnlichen Tatsachen, weniger Sinn haben. Sie tragen das, was an inneren, unterirdischen Kräften der Erde zu diesen Erscheinungen und Tatsachen führt, zugleich in ihrer eigenen Menschennatur. Daher interessieren sie sich wenig für das, was über der Oberfläche der Erde vor sich geht. Sie sind Stoffwechselmenschen. Aber wir sehen, daß der Stoffwechsel bei ihnen sich auf geistig-seelische Art offenbart.
Wie ist es, wenn in diesen Menschen ein Ideal aufgeht? Oh, wenn in diesen Menschen ein Ideal aufgeht, dann wird das, was die orientalischen Weisheitslehrer ihren Schülern als besondere Zucht der Seele vorstellen, ungefähr so ausgesprochen: Ihr müßt soundso atmen; ihr müßt euch in dieser und jener Weise in den Rhythmus des menschlichen Lebens hineinfühlen. - Anweisungen zu einem besonderen Atmungsrhythmus, zu einem besonderen Blutzirkulationsrhythmus geben diese Lehrer ihren Schülern. Es ist etwas Eigentümliches, wie die orientalischen Weisheitslehrer ihre Schüler, um sie zu Höherem hinaufzuführen, zu den Gemüts- und Gefühlsprinzipien weisen. Der orientalische Mensch, wie er im gewöhnlichen Leben steht - namentlich insofern er den südlicheren asiatischen Völkern angehört -, ist auf den Stoffwechsel hinorganisiert. Wenn ihm ein konkretes Ideal aufgeht, wie er ein höherer Mensch werden kann, dann bildet er das rhythmische System aus, dann sucht er durch Freiwilligkeit das auszubilden, was er als ein Höheres, ihm nicht von der Natur Gegebenes anerkennen muß.
Nun ist es das Eigentümliche, daß wir, je mehr wir von den asiatischen Völkern zu denjenigen Europas hingehen, namentlich zu denen der europäischen Mitte, bei den Menschen im Alltagsleben besonders dasjenige Glied der menschlichen Entwicklung sich offenbarend finden, das wir als das rhythmische System bezeichnen können. Gerade diejenigen Völker, die das mittlere Europa, nicht den Osten, nicht den Westen, sondern das mittlere Europa bewohnen — und als Blüte innerhalb dieses Völkertums ist das besonders im deutschen Volkstum hervorgetreten -, diese Völker haben zu ihrem alltäglichen Charakteristikon dasjenige, was der Inder anstrebt als sein Ideal eines höheren Menschen. Aber es ist etwas anderes, ob man sich etwas erst erwirbt durch Selbstzucht, durch Freiheit oder ob man es instinktiv-natürlich hat. Der mitteleuropäische Mensch hat das auf naturgemäße Weise, was der Orientale aus seinem Stoffwechselleben, das mit der Erde innig verbunden ist, erst herausentwickeln muß. Daher ist für den europäischen Menschen dasjenige das Alltägliche und Natürliche, was für den asiatischen Menschen ein Ideal ist, und ein anderes muß für ihn das Ideal werden. Dieses Ideal für den europäischen Menschen wird dasjenige sein, das wiederum eine Stufe höher liegt: das Denkleben, wie es gebunden ist an das Nerven-Sinnesleben.
Dieser mitteleuropäische Mensch - wie geht sein Bestreben darauf hin, äußerlich [in seinen Kunstschöpfungen] das auszubilden, was dem geisteswissenschaftlichen Blick gebunden erscheint gerade an das Werkzeug des rhythmischen Lebens. Der Orientale hat etwas wie eine zügellose Phantasie in seinen Kunstschöpfungen; es ist wirklich etwas, was wie ein Dunst des inneren Erdenwirkens aufsteigt gleich den Nebeln aus dem Wasser. Das rhythmische, innerliche Geschlossensein, das das Wesentliche im Leben des Mitteleuropäers ist, das hat ja schon das alte Griechenvolk hervorgebracht, von dem so viel ausgegangen ist für die ganze moderne Zivilisation, gerade für dasjenige, was wir als die Kunst Europas bezeichnen. Dasjenige, was für uns als innere Harmonie des Erdenmenschen zum Ausdruck kommt, wo weder das Stoffliche nach der einen Seite hin noch das Ätherisch-Geistige nach der anderen Seite hin besonders ausgebildet wird, wo der mittlere Mensch zum Ausdruck kommt, das ist dasjenige, was der Grieche anstrebte. Man sehe sich die Schöpfungen der orientalischen Phantasie an: sie schweifen nach irgendeiner Seite aus. In Griechenland erst nimmt die menschliche Gestalt, künstlerisch aufgefaßt, ihre harmonische Rundung, ihre innere Geschlossenheit an. Das ist so, weil der [mitteleuropäische] Mensch sich im mittleren Gliede seines Wesens, im rhythmischen System erfaßt. Stellt dieser sich ein Ideal vor, so ist es das, was er anstrebt durch innere Seelenzucht, durch seine dialektische Logik, durch seine wissenschaftliche Erziehung; es ist der Gebrauch der Denkorgane, so wie beim Inder es der Gebrauch der mit dem Rhythmus zusammenhängenden Organe im Menschenwesen ist. Wie der indische Yogi sitzt und versucht, das Atmen zu organisieren seelisch-geistig, so daß es ihn hinausträgt über den gewöhnlichen Menschen, so wird der Mitteleuropäer — bei dem dasjenige, was im rhythmischen System, in der Blutzirkulation, im Atmen verläuft, instinktiv sich entwickelt und ihn zum Menschen macht -, so wird der Mitteleuropäer erzogen aus dem heraus, was das denkerische Leben ist. Und diese Gedanken nehmen gerade bei den besten Individuen Mitteleuropas die Gestalt an, nun Dolmetsch, Interpret desjenigen zu sein, was der Mensch als solcher ist. Das ist es, was uns auffällt, wenn wir von der Vertiefung in künstlerische Produktionen der orientalischen Menschheit hinübergehen zu denjenigen der europäischen Menschheit. Bei den orientalischen künstlerischen Produktionen ist es so, daß wir selbst in den höchsten geistigen Schöpfungen etwas sehen wie Blüten der Erdenentwicklung selber; der menschliche Mund ist gleichsam nur da, um die Erde sich aussprechen zu lassen. Das ist beim mitteleuropäischen Menschen, schon beim Griechen, nicht der Fall. Beim heutigen mitteleuropäischen Menschen — wenn er seiner eigenen Natur folgt und sich nicht selber untreu wird -, ist es so, daß er dann, wenn er ein Höchstes aussprechen will, alles das ausspricht, was er selber als Mensch ist; er will sich hingeben dürfen der Anerkennung der Tatsache, daß Selbsterkenntnis des Menschen die edelste Frucht menschlichen Strebens ist. Daß die Darstellung des Menschlichen in der Umgebung des Menschen, in Natur und Geschichte, das edelste menschliche Schaffen ist, das ist doch schließlich beim Mitteleuropäer das Wesentliche, wenn dieser Mitteleuropäer sich seiner eigenen Natur und Wesenheit hingibt. Daher sehen wir, wie eigentlich nur in Mitteleuropa ein so wunderbarer Gedanke hat entstehen können wie derjenige, der aus Goethes Buch über Winckelmann herausleuchtet - ich möchte sagen wie die Sonne des neueren Kulturlebens. Da, wo Goethe in seinem Buche über Winckelmann alles dasjenige, was in diesem Wundermenschen an höherem Empfinden, an tiefen Gedanken, an Stärke des Willens lebte, zusammenfaßte als seine Weltanschauung, sagte er: «Daher tritt nun Kunst ein, denn indem der Mensch auf den Gipfel der Natur gestellt ist, sieht er sich wieder als eine ganze Natur an, die in sich abermals einen Gipfel hervorzubringen hat. Dazu steigert er sich, indem er sich mit allen Vollkommenheiten und Tugenden durchdringt, Wahl, Ordnung, Harmonie und Bedeutung aufruft und sich endlich bis zur Produktion des Kunstwerkes erhebt, das neben seinen übrigen Taten und Werken einen glänzenden Platz einnimmt.» Der Mensch bringt gleichsam eine neue Natur aus seiner eigenen Geistigkeit hervor. Dieses Hinlenken aller menschlichen Kräfte auf die Erfassung des Menschen selber, das ist dasjenige, was - dem Volkstum nach — bei dem Menschen Mitteleuropas, wenn er sich selber treu ist, ganz besonders hervortritt; es ist nur in der neueren Zeit zurückgetreten. Aber es ist alle Veranlassung vorhanden bei dem Menschen Mitteleuropas, sich zu besinnen, wie gerade er, wenn er seiner ureigenen Wesenheit folgt, zu diesem Schätzen und Erfassen und Durchdringen des eigentlich Menschlichen kommen muß und soll.
Sehen wir aber von einer noch mehr geistigen Seite, einem geistigeren Gesichtspunkte aus nach dem Orient mit seinen Völkerschaften hinüber, so finden wir, daß diese orientalischen Völker jene Geistigkeit, die das Bewußtsein des Zusammenhanges der menschlichen Seele mit dem Göttlichen erzeugt, gerade dadurch entwickeln, daß sie Stoffwechselmenschen sind, weil im Innern der Mensch, um eine ganze Natur zu sein, dasjenige sich entgegenstellen muß, was er nicht von der elementarischen Welt her hat, weil er das Entgegengesetzte seiner Natur in seinem eigenen Bewußtsein sich entgegenstellen muß. Und so das menschliche Herz ergreifend, wie der Orientale vom Zusammenhang des Menschen mit dem Göttlichen wie von etwas Selbstverständlichem reden kann, das kann kein Angehöriger eines anderen Volkes der Erde. Daher nehmen diese Angehörigen der anderen Völker der Erde, wenn sie auch die orientalischen Völker unterjochen und erobern, wenn sie ihnen auch ihre Eigenheiten wegnehmen wollen und ihnen ihre eigenen Gesetze und Ordnungen geben möchten, sie nehmen dasjenige auf, was die orientalischen Völker über den Zusammenhang des Menschen mit dem Göttlichen zu sagen haben, als etwas auch für sie Bestimmendes. Und wir sehen gerade in der neueren Zeit, wie die in Materialismus versunkenen Westvölker selbst zu solchen orientalischen Philosophen wie dem alten Laotse, wie sie zu der chinesischen Weltanschauung, wie sie zur indischen Weltanschauung ihre Zuflucht nehmen - nicht so sehr darum, um dort Ideen zu finden, sondern um zu finden jene Inbrunst, mit der man dasjenige, was der Mensch erfühlen kann im Zusammenhang mit dem Göttlichen, eben einfach und stark empfinden kann. Mehr um sein Gefühl erwärmen zu lassen von der Art und Weise, wie der Orientale von seinem Zusammenhang mit dem Göttlichen spricht, vertieft man sich in die orientalische Literatur, weniger um deren philosophischen Gehalt zu empfinden. Dabei macht allerdings manchmal die abstrakte Natur der Europäer diesen Europäern in der Auffassung des Orientalischen einen Strich durch die Rechnung.
Ich habe es immer wieder und wiederum finden müssen, daß mir Leute, welche zum Beispiel die Reden Buddhas gelesen hatten mit ihren endlosen Wiederholungen, mir gesagt haben, das müsse gekürzt herausgegeben werden, da müsse jeder Satz nur einmal da sein und die Wiederholungen müßten gestrichen werden, damit man doch nicht immer denselben Satz lesen müßte. - Ich konnte nur immer wieder sagen: Ihr lernt nicht in Wirklichkeit dasjenige kennen, was an diesen Dingen dem orientalischen Volk das Große ist, das liegt gerade in dem, was Ihr herausstreichen wollt. - Denn indem sich der orientalische Leser den Reden Buddhas mit den endlosen Wiederholungen hingibt, erreicht er sein Ideal: das rhythmische Wiederkehren des Motivs. Er kehrt immer wieder zu dem Satz zurück. Was ihm alltäglich ist, ist das, was in seinem Stoffwechselmenschen vor sich geht; was in ihm vorgeht, wenn er sich den immer wiederkehrenden Sätzen Buddhas hingibt, das ist ein in seinem freiesten Streben errichtetes seelisch-geistiges Gegenbild des Atmens, des Blutzirkulationssystems. Wenn man wirklich eins zu werden versucht mit dem, was dem Orientalen heilig und groß ist, lernt man etwas erkennen, was man als Angehöriger anderer Völker nicht ohne weiteres erkennen lernen kann. Der Europäer hat natürlich das Bedürfnis, die Wiederholungen zu streichen. Denn weil er im Atmungsrhythmus lebt, ist sein Ideal, sich darüber zu erheben zu dem Gedanklichen. Wenn der Gedanke einmal erfaßt ist, will er nicht Wiederholungen haben; der Europäer strebt über die Wiederholungen hinaus. Man muß, wenn man sich in diese orientalischen Wiederholungen einläßt, schon ein anderes Verständnis, nicht ein äußeres Gedankenverständnis haben. Man muß eine innere Liebe für dasjenige entwickeln, was sich bei den verschiedenen Völkern in ganz verschiedener individueller Art ganz differenziert äußert und wovor man so stehen muß, daß man fühlt: Was die einen haben gerade an Großem, das haben die anderen nicht. —- Und das findet man nur, wenn man die anderen Völker lieben kann, wenn man annehmen kann dasjenige, was diese anderen Völker an Großem haben.
Gerade wenn wir uns in die innere Natur und Wesenheit der Völker der Erde vertiefen, finden wir diese individuelle Wesenheit so verschieden, daß wir uns sagen müssen: Das UmfassendMenschliche kommt eigentlich durch keinen einzelnen Menschen, nicht durch den Angehörigen eines einzelnen Volkes zum Vorschein, es kommt nur durch die ganze Menschheit zum Vorschein. Und willst du, Mensch, dasjenige erkennen, was du als ganzer Mensch bist, so durchwandere die Eigentümlichkeiten der einzelnen Völker der Erde. Nimm alles auf, was du selber nicht haben kannst, dann erst wirst du zum ganzen Menschen. Du hast ihn doch in dir; werde nur aufmerksam auf das, was in deinem Innern ist. Was bei dem anderen Offenbarung ist, hast du nicht; du mußt es bei ihm suchen. Aber du hast das Bedürfnis danach. Das fühlst du, und du weißt, wenn du bei dem anderen das findest, was dem anderen gerade das Große, das ihm Eigentümliche ist, dann wirkt das ganz einfach auf dich ein. Dann ist es ein Bedürfnis, daß du ohne das, was du von ihm empfängst, nicht sein kannst, weil es deinem inneren geistig-seelischen Begehren entspricht. Die Anlage zu einem ganzen Menschen ist schon in jedem, aber die Erfüllung müssen wir finden, indem wir die Eigentümlichkeiten des Wesens der verschiedenen Völker, wie sie über die Erde ausgebreitet sind, durchwandeln. Und kommen wir zu diesem Geistigen, so können wir uns sagen, im Orient ist es dasjenige, daß der Mensch vermag, des Menschen Zusammenhang mit dem Göttlichen wie etwas Selbstverständliches in Größe auszusprechen.
Aber heute finden wir, zugedeckt wie von einer Schicht, die wieder weg muß, von einer Schicht des Mißverständnisses, etwas höchst Eigentümliches innerhalb der mitteleuropäischen Volkheit, innerhalb des mitteleuropäischen Volkstums. Sehen wir uns alle unsere großen Philosophen an, welche neben dem, was sie über Natur und Gott und Mensch gedacht haben, alle, ich möchte sagen gleichmäßig etwas hervorgebracht haben: Es gibt fast keinen großen deutschen Philosophen, der sich nicht mit aller Intensität vertieft hat in die Frage: Was ist das Recht, das von Mensch zu Mensch waltet? - Die Suche nach dem Recht, mag sie verschüttet und mißverstanden sein, sie ist gerade eine Eigentümlichkeit der mitteleuropäischen Volkheit. Und wer das nicht anerkennt, versteht nicht diese mitteleuropäische Volkheit, und er findet nicht die Begeisterung, von dem gegenwärtigen Materialismus, der von etwas ganz anderem herrührt, wiederum zurückzufinden zu demjenigen, was eigentlich in Wahrheit charakterisiert diese mitteleuropäische Volkheit, dieses wahre Deutschtum, diese echte deutsche Eigentümlichkeit und Wesenheit.
Geradeso wie der orientalische Mensch dadurch, daß er selber wie eine Blüte oder Frucht der Erde sein Geistesleben zur Darstellung bringt, der Interpret, der Dolmetsch der Erde wird, so wird der Deutsche der Interpret von sich selbst. Er stellt sich sich selber fragend gegenüber. Dadurch, daß er das tut, steht er jedem anderen Menschen als Gleicher gegenüber, und dadurch wird für ihn die brennendste Frage die Rechtsfrage. Nicht die Übernahme des römischen Rechtes, sondern die Erforschung der Rechtsnatur - sie tritt uns bei Fichte, bei Hegel, bei Schelling entgegen, überall da, wo der deutsche Gedanke in die Tiefen des Weltwesens hineingeht. Und schließlich ist auch dasjenige, was uns in der abstrakten Verfolgung der Rechtsfrage bei Fichte, Hegel, Schelling, bei Humboldt entgegentritt, im Grunde genommen im Konkreten dasselbe, wie wenn Goethe auf allen seinen Wegen sucht nach den Ausdrücken und der Darstellung der wahren, allseitig geschlossenen, harmonisch geschlossenen Menschennatur. Goethe ist in dieser Beziehung der Repräsentant, möchte ich sagen, des mitteleuropäischen Wesens, der Repräsentant der mitteleuropäischen, der deutschen Volkheit. So wie der Orientale der Erde, so steht der mitteleuropäische Mensch dem Menschen in Selbsterkenntnis gegenüber. Und gehen wir nach dem Westen Europas und noch dorthin, wo sich sein Wesen dann weiter, dasselbe charakteristischer ausdrückend, darstellt, nach Amerika, gehen wir nach dem Charakter dieses wahren Okzidentalen, dann finden wir, daß sein natürliches Wesen gerade in dem abstrakten Denken gegeben ist. Der Westmensch ist vorzugsweise der Kopfmensch; der Orientale ist der Herzensmensch, derjenige, der im Herzen erlebt den Prozeß des Stoffwechsels; der mitteleuropäische Mensch ist der Mensch der Atmung, der durch seinen Rhythmus mit der Außenwelt in rhythmischer Beziehung steht. Wenn ich ein Bild gebrauchen darf, das der — wie ich glaube - außerordentlich geistreiche Rabindranath Tagore gebraucht hat, der geistvolle Orientale, so möchte ich sagen: Den Westmenschen, den Okzidentalen, den Kopfmenschen vergleicht Tagore mit einer geistigen Giraffe - er liebt ihn, man braucht durchaus nicht irgendwelche Antipathie zu haben, wenn man eine solche Charakteristik vornimmt. Mit einer geistigen Giraffe vergleicht er ihn, weil man das Gefühl hat - geistig-wirklich ist das dargestellt -: der Kopf ist weit entfernt von der übrigen Körperlichkeit, ein langer Hals trennt den Kopf von der übrigen Körperlichkeit, ein Kopf, der dann allein in abstrakten Begriffen auffaßt, was die Welt ihm darbietet, der aufnimmt alles in abstrakter Form, in solcher Abstraktheit, daß die Vierzehn Punkte Woodrow Wilsons herauskamen. Und es ist ein weiter Weg, bis diese abstrakten Begriffe, diese Worthülsen, diese Begriffs- und Ideenhülsen den Weg zum Herzen, zur Lunge, zum Atmungssystem finden, bis sie den Weg finden zu denjenigen Orten, durch die sie Gefühle werden können, durch die sie in den Willen übergehen können. Wir haben da den Menschen, dessen charakteristische Eigenschaft dasjenige ist, was ich nennen möchte das Denksystem. Dasjenige, was der Mitteleuropäer als sein Ideal anstrebt, was er in Freiheit erreichen will, das strebt der Westmensch, namentlich der Amerikaner nicht in Freiheit an; es ist ihm instinktiv gegeben. Er ist ein Abstraktling - instinktmäßig. Und es ist etwas ganz anderes, ob man irgend etwas instinktmäßig hat oder ob man es sich erwirbt. Wenn man etwas sich erwirbt, hat man es ganz anders verbunden mit seiner Menschennatur; man hat es ganz anders, wenn man es in Freiheit erobern muß, als wenn es einem instinktmäßig durch die Natur selber gegeben ist.
Und da liegt eine große Gefahr. Denn sehen Sie, während der Inder anstreben kann in seiner Yoga-Philosophie das rhythmische System, der Mitteleuropäer das anstreben kann, was Denksystem ist, müßte ja bei der Westmenschheit, wenn sie nicht das Menschentum verlieren sollte, die «geistige Giraffe» über den Kopf hinaus. Dieser westlichen Menschheit obliegt in der Tat dasjenige, was ich jüngst ganz offen zu einer Versammlung, in der Westmenschen selber waren, gesagt habe: ihr obliegt das, was man charakterisieren muß als die große Verantwortung, die gerade die gegenwärtige westliche Menschheit hat. Westliche Artung, westliches Volkstum wird ins Nichtige sich verlieren, wenn es über das Denksystem hinausstrebt, wenn es ins Leere hinein oder in leeren Spiritismus hineinstrebt und da, wo man ein seelisches Nichts findet, dieses Seelische sucht. Hier liegt die Gefahr, aber auch die Verantwortung: die Gefahr, ins Seelisch-Nichtige zu kommen durch ein Streben über das dem Menschen natürlich Gegebene hinaus, und die Verantwortung, zu wirklicher Geisteswissenschaft aufzusteigen —- wenn man nicht durch seine Weltherrschaft zum Untergang der Menschheit führen will.
Bei der mitteleuropäischen Menschheit dagegen wird es ein gesundes, menschliches Streben in Freiheit sein, das einen hinaufleitet in die Geistigkeit, das einen bringt zur Geisteswissenschaft. Ich möchte sagen: Die Völker Mitteleuropas haben es als eine heilige Pflicht — weil es in ihrer Anlage liegt -, die geistige Leiter hinaufzusteigen zu dem geistigen Erkennen. Aber sie erreichen, indem sie von ihrem Rhythmus- und Atmungssystem hinaufsteigen in das Denksystem, immerhin noch etwas, was im Gebiet des Menschlichen ist. Für die Westvölker liegt die Gefahr vor, daß sie aus dem Menschlichen hinauskommen, gerade wenn sie sich ein Ideal zurechtformen - daher alle die nun doch das Allgemein-Menschliche verleugnenden sektiererischen und ähnliche Bestrebungen des Westens. In dieser Beziehung wird durchaus in der Gegenwart noch nicht klar gesehen.
Während dem beim Orientalen, dessen Stoffwechselsystem der Erde zugewandt ist, ein spirituelles Wirken auf Naturwegen zum Vorschein kommt, kommt bei dem Menschen des Westens, der vor allem das Denksystem ausgebildet hat, das Hinblicken auf die Sinneswelt zum Vorschein. Beim Orientalen ist es so, wie wenn in ihm wirkte dasjenige, was unter der irdischen Oberfläche ist; beim Westmenschen ist es so, als ob er bloß sehen würde, was über der Erdoberfläche ist, was er sehen kann an Tatsachen von dem, was von Sonne, Mond und Sternen, durch Luft und Wasser auf der Erde geschieht. Von dem her, was in diesem Umkreis geschieht, kann nicht die Organisation des Denkens erklärt werden. Ich habe es in einem vorigen Vortrag hier ausgeführt, wie das, was im Menschen geistig ist, eben nicht aus der Umwelt erklärt werden kann. Der Orientale wußte durch das, was als Erdengeistesblut durch seine eigene Menschheit zum Vorschein kam, auch, daß er als Mensch, als dasjenige, was in ihm spirituell lebt, ein Angehöriger des ganzen Kosmos ist, ein Glied nicht nur der Erde, ein Glied des ganzen Kosmos. Derjenige, der als Westmensch das Denksystem besonders ausbildet - ihm ist durch die neuere Naturwissenschaft von diesem Kosmos nichts anderes geblieben als die Möglichkeit, ihn durch mathematische und mechanische Formeln zu berechnen. Das Gebiet also, dem gegenüber der Westmensch anerkennen muß, daß seine Seele aus ihm stammt, dem gegenüber er anerkennen muß, daß er als Denkmensch nicht da sein könnte, wenn nicht sein Ursprungsgebiet kosmisch wäre, dem Gebiet gegenüber muß er sich sagen: Ich habe für es keine andere Wissenschaft als die trockene, nüchterne Mathematik. - Dem Orientalen ist eingewachsen dasjenige, was in seine eigene Menschenwesenheit hineinflutet wie die Erde selber. Was er als seine poetische Weisheit offenbart, es ist wie eine Blüte des Irdischen. Dasjenige, was der Mitteleuropäer als sein Menschliches anerkennen muß, ist dasselbe, was im Menschen durch den Menschen selbst sich offenbart; da steht der Mensch sich selbst gegenüber.
Im Westmenschen ist das Wertvollste gerade dasjenige, was der Mensch nicht vom Irdischen hat, sondern was er vom Kosmischen hat. Aber er hat keine anderen Mittel, dieses Kosmische, dieses Überirdische zu erkennen, als durch das Rechnen oder durch die wohl ebenso wie das Rechnen trockene Spektralanalyse und dergleichen oder durch ebensolche Hypothesen. Daher sucht dieser Westmensch dasjenige, was der Orientale aus seiner innersten Natur heraus sucht als Ausdruck seines Zusammenhangs mit dem Göttlichen, was der Mitteleuropäer sucht als Ausdruck des Menschlichen im Goetheschen Vollmenschen oder im Rechtsmenschen, der gleich ist allen anderen Menschen, das sucht der Westmensch, indem er sich vorzugsweise widmet dem wirtschaftlichen Leben. Und dasjenige, was der Westmensch meint, wenn er von Recht spricht, dasjenige, wodurch er den Geist charakterisiert, das ist bei ihm so, daß es aufsteigt wie die Blüte nur des wirtschaftlichen Lebens. Deshalb war es ganz natürlich, daß Karl Marx aus Deutschland, wo er hätte in humanistischer, in Goethescher Weise, wenn er dazu begabt gewesen wäre, den Menschen anerkennen lernen können, daß er gehen mußte nach dem Westen, nach England, um über den Menschen hinwegzusehen, um über das eigentlich Menschliche hinwegzusehen und zu dem Glauben verführt zu werden, daß dasjenige, was der Mensch erkennen kann, nichts anderes sei als eine Ideologie, als etwas, was aus dem wirtschaftlichen Leben aufsteige. Das ist etwas, was keine absolute Wahrheit ist, was aber in der Tat in einer gewissen Weise in der Natur des Westmenschen ebenso begründet ist, wie es in der Natur des orientalischen Menschen begründet ist, die Natur wie einen Nebenplaneten des menschlichen Wesens anzuschauen und zu sprechen von der Verbindung der menschlichen Seele mit dem Göttlichen als von dem eigentlich Selbstverständlichen. Daher kommt es, daß gerade bei so vielen Westmenschen, die ein Bedürfnis haben, nach dem Göttlichen hinzuschauen, auftritt die Sehnsucht - dann, wenn sie ihre Eroberung auszudehnen suchen über die orientalischen Völker -, von diesen Völkern das zu nehmen, was sie zu sagen haben über den Zusammenhang der Menschennatur mit dem Göttlichen, weil in den Menschen, wie ich schon sagte, doch der Vollmensch wenigstens als Bedürfnis liegt.
Und so sehen wir - und wir könnten das auch ausdehnen über kleinere Völker, über einzelne Völker, wir können uns ja nur an das Typische halten - wir sehen, daß eigentlich der ganze Vollmensch nicht in den Angehörigen eines Volkes zum Ausdruck kommt. Wir sehen, daß dieser ganze Vollmensch nur als Bedürfnis in uns liegt und daß daher in uns dieses Bedürfnis anwachsen sollte zur Liebe zu aller menschlichen Wesenheit, besonders zu derjenigen menschlichen Wesenheit, die wir nicht haben, die wir uns nur erwerben können, indem wir hingebungsvoll die Erkenntnis suchen desjenigen Wesens, das in anderen Völkern auf der Erde lebt, um es mit unserem eigenen Volke zu verbinden.
Das ist die Art des Internationalismus gewesen, welche in der Goetheschen Zeit geherrscht hat. Das ist die Art des Internationalismus gewesen, die so schöne Auseinandersetzungen wie zum Beispiel die von Wilhelm von Humboldt über «Die Grenzen der Wirksamkeit des Staates» durchsättigt. Das ist dieses Streben nach Kosmopolitismus, das durch die Aufnahme desjenigen, was man in Liebe zu allen anderen Völkern sich erwerben kann, das Wesen des eigenen Volkes adelt und erhöht, das eigene Volkserkenntnis dadurch sucht, daß aufgenommen wird alles dasjenige, was bei anderen Völkern der Erde ideal und groß und schön gefunden werden kann. Daher ist auch in Deutschlands geistiger Glanzperiode dasjenige entstanden, was aus dem rhythmischen Leben heraus wiedergebiert dasjenige, was damals in edelstem Kosmopolitismus von dem suchenden Deutschen bei allen anderen Völkern gefunden wurde. Wie ging Herder in seinem Suchen zu allen Völkern; wie suchte er zu enträtseln das tiefste Wesen aller Völker der Erde! Wie war er durchdrungen davon, daß im Grunde genommen in uns lebt — wie durchseelend den einzelnen, individuellen Fleischesmenschen, den wir hier herumtragen -, ein großer, gewaltiger, ein anderer uns durchseelender Mensch, der aber nur gefunden wird, wenn wir uns so über alle Völker auszugießen vermögen.
Man muß dem, was dazumal um die Wende des 18. und 19. Jahrhunderts wie die Anlage zu Größtem in Mitteleuropa aufgetreten ist, nur gegenüberstellen dasjenige, was heute als Internationalismus, man kann nicht sagen durch die Welt pulst, sondern durch die Welt zur Verführung der Menschheit gepredigt wird als Marxismus — der Marxismus, der nur an das menschliche Denken glaubt und der auch in mehr oder weniger abgeschwächter Form keine Ahnung mehr davon hat, wie die ganze Menschheit über die Erde hin differenziert ist, der da glaubt, daß einem als Menschheit, als Mensch, ein Abstraktes aufgezwungen werden kann. Der Marxismus ist nicht ein erstes im Aufgang, er ist ein letztes im Niedergang, ein letztes des Niederganges deshalb, weil er bar ist allen Strebens nach wirklichem Internationalismus, der immer gerade [durch die Aufnahme desjenigen, was man in Liebe zu allen anderen Völkern sich erwerben kann,] das Wesen des eigenen Volkstums erhöht. Dieser Internationalismus, der im Marxismus und in alledem, was sich aus ihm gebildet hat, auftritt, das ist das Stehenbleiben im einseitigsten Denksystem, im unpraktischsten Denksystem, das außerdem bloß auf die sinnliche Welt hingeheftet ist und nicht vordringt bis zum Volkstum. Wahrer Internationalismus dagegen entspringt aus jener Liebe, die zu allen Völkern geht, um das Licht, das von allen Völkern her empfangen werden kann, anzustecken, um durch die Taten, Empfindungen, Schöpfungen des eigenen Volkes dieses eigene Volk in den großen Chor der Völker der Erde so hineinzustellen, daß es beiträgt zu dem vollen Verständnis der Völker, ein Verständnis, das nur aus wirklicher, wesentlicher, gegenseitiger Erkenntnis heraus die Völker der Erde einen kann.
Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, ich wollte heute sprechen von dem, was aus der Erkenntnis heraus die Völker der Erde einen kann. Ich wollte nicht sprechen von anderen Dingen, die gewissermaßen mehr programmatisch sein können oder Gegenstände der Geisteswissenschaft selber sind. Ich wollte von demjenigen sprechen, was als eine geisteswissenschaftliche Erkenntnis in dem Geistesforscher durch seine andere, geistige Forschung angeregt wird über das mögliche, in Liebe verlaufende Zusammenleben der Menschen auf der Erde. Man kann ganz gewiß von den verschiedensten Gesichtspunkten aus dasjenige charakterisieren, was notwendig ist für die nächste Menschheitszukunft. Man kann ganz gewiß von diesem und jenem Impulse sprechen. Aber man muß wohl auch anerkennen, daß zu alledem, was man auf sozialpolitischem, auf rechtlich-staatlichem Gebiet, was man auf dem Gebiete der Erziehung sagen kann, doch hinzutreten muß - als alles das beleuchtend — jener Trost, jener Seelentrost, jener geistige Trost, der aus solchen Erkenntnissen kommen kann, wie sie versucht worden sind, heute, ich möchte sagen in mehr flüchtiger Skizze anzudeuten, als etwas Umfassendes zu geben. Und der Trost kann kommen von Erkenntnissen, die sich auf den Rhythmus, den möglichen, ich sage ausdrücklich möglichen Rhythmus des menschlichen geschichtlichen Lebens beziehen, das wir dann in seiner Eigenart übermorgen vom geisteswissenschaftlichen Gesichtspunkte aus kennenlernen wollen: daß dasjenige, was durch die Geschichte gelebt hat, zeigt, wie es in unserer unmittelbaren Gegenwart drinnensteckt.
Die heutige Betrachtung sollte Ihnen zeigen, wie es möglich ist, daß auf die Welle, die sich als Haß und Antipathie entladen hat über die Menschheit hin, auch heilend aus der Erkenntnis des Einenden heraus eine Welle internationaler Menschen- und Völkerliebe sich entwickelt, geradeso wie aus Wellentälern neue Wellenberge entstehen. Möglich ist es. Aber wir leben in einem Zeitalter, in dem das Mögliche von den Menschen bewußt und willentlich in Freiheit angestrebt werden muß. Vor Augen muß sich der Mensch stellen, welches die Bedingungen des Einenden unter den Völkern der Erde sind, damit jeder einzelne aus seiner Erkenntnis heraus beitragen könne dazu, daß auf die Welle des Hasses die Welle der Menschenliebe folge. Denn nur aus dieser Menschenliebe heraus wird das geheilt werden können, was der Haß zerstört hat. Wird man die Liebe nicht wollen, dann wird die Zerstörung bleiben. Das ist die furchtbare Alternative, die sich heute vor die Seele des erkennenden Menschen stellt. Wer diese Furchtbarkeit recht empfindet, der sagt sich: Schlafen dürfen die Seelen nicht, sonst könnte es geschehen, daß durch die Kraftlosigkeit des seelischen Völkerschlafes aus der Welle des Hasses nicht hervorgehen kann die heilende Welle der Liebe.
Wer das durchschaut, wird aufnehmen die Erkenntnis, die ihm werden kann aus dem geistigen Anschauen der Beziehungen der Völker. Er wird diese Erkenntnis aufnehmen in seine Gefühle; er wird Menschenliebe daraus entwickeln. Er wird sie aufnehmen in seinen Willen; er wird Menschentaten daraus entwickeln. Und er wird sich sagen: Die Zeitentwicklung selbst, alles das, was sich so erschreckend, so lähmend in der Gegenwart darbietet, das stellt vor unsere Seele das als Pflicht hin: zusammenzunehmen gegenüber dem, was sich geoffenbart hat in der allerneusten Zeit bis in die Gegenwart herein als zersplitternd in der Menschheit, zusammenzunehmen alles dasjenige, was in Liebe die Menschheit einen kann. Diese liebende Einheit, diese einende Liebe zu suchen, das ist nicht nur ein Gefühl, welches irgendwie freiwillig in uns entstehen kann, sondern es erscheint demjenigen, der durchschaut die Verhältnisse der Gegenwart, als die größte Menschheitspflicht unseres gegenwärtigen Zeitalters.