The Crisis of the Present and the Path to Healthy Thinking

GA 335 — 8 June 1920, Stuttgart

5. Der Weg zu gesundem Denken und die Lebenslage des Gegenwartsmenschen

Meine sehr verehrten Anwesenden! Es ist heute unmöglich, über die großen Zeitangelegenheiten sich ein Urteil zu bilden, ohne auf dasjenige vor allen Dingen hinzublicken, was als die tieferen Arbeits- und Sehnsuchtskräfte in der ganzen Menschheit wirkt, was wirkte schon seit Jahrzehnten, was aber heute eine ganz besondere Kulmination erreicht. Es ist auch in dieser Gegenwart gar nicht möglich, sich über das Bedeutsame, was mit der Menschheit eigentlich vorgeht, irgendwie eine Meinung zu bilden, ohne auf die tieferen Grundlagen alles Menschheitsstrebens, wie sich diese tieferen Grundlagen gerade in der Gegenwart ausdrücken, wenigstens einige Blicke zu werfen. Daher gestatten Sie mir, in diesem ersten meiner beiden Vorträge, zu dem übermorgen die Fortsetzung Ihnen geliefert werden soll, auf solche tieferliegende Sehnsuchtskräfte in der gegenwärtigen Menschheit wenigstens mit einigen skizzenhaften Betrachtungen hinzuweisen.

Es war im Juli 1909, da hat eine bedeutsame Rede gehalten in Amerika drüben Charles Eliot, der von 1868 und zu dem Zeitpunkte, an dem er diese seine Rede gehalten hat, Präsident der Harvard-Universität war. Charles Eliot sprach dazumal, wie man aus seiner Rede sehen konnte, aus dem Bewußtsein heraus, die Seelen- und Geistesangelegenheiten der ganzen zivilisierten Menschheit von seinem Gesichtspunkte aus zu betrachten. Er nannte seine Rede «Die Religion der Zukunft», und er wollte zum Ausdruck bringen, was diese Religion der Zukunft nicht sein soll und was sie sein soll. Wenn ich aber auf diese Rede zurückblicke, so scheint mir viel weniger bedeutsam zu sein, was Eliot dazumal inhaltlich gesagt hat, als vielmehr die ganze Haltung seiner Worte. Vor allen Dingen scheint mir das Bedeutsamste zu sein, daß dazumal so von einem repräsentativen Menschen der heutigen Zivilisation gesucht wurde ein Weg zu einem gesunden Denken in den großen Weltanschaungs- und Lebensansichtsfragen der Menschen.

Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, wenn man auf so etwas hinweist, darf man heute wohl niemals vergessen, daß zwischen dem, was in der damaligen Zeit auch von hervorragendsten Menschen der Gegenwart ausgesprochen worden ist, und dem Heute jene furchtbare Weltkriegskatastrophe liegt, die ja allerdings mehr lehrt als alle solche Worte lehren können - die alles das, was solche Menschen als große Welt- und Lebensfragen bezeichnet haben, blitzartig beleuchtet in einer ganz anderen Weise, als sie es sich damals träumen lassen konnten. Zu einem gesunden Denken über Welt und Leben möchte Eliot die Menschheit geführt wissen. Er blickt zurück auf die Art und Weise, wie die Religionen in jenen Zeiten waren, in denen nicht Naturwissenschaft in die Seelen breitester Massen der Menschheit hineingeleuchtet hat. Ihn stört an den alten Religionen durchaus, daß sie den Menschen verweisen auf einen Gott, der in einem gewissen Sinne außerhalb desjenigen lebt, wofür die Naturwissenschaft der neueren Zeit so große, gewaltige Aufschlüsse wenigstens zu geben vermeint. Der Mann fühlte sich ganz als ein Mensch seines Zeitalters. Ihm kamen die alten Vorstellungen über die geistige Welt als solche vor, die sich eben eine kindliche Menschheit gebildet hatte. Und ihm kam es namentlich darauf an, daß dieses naturwissenschaftliche Zeitalter nicht mehr sehen könne in Bergen und Flüssen, in Bäumen und Wolken dämonische, geistige Wesenheiten, daß auch ein naturwissenschaftliches Zeitalter nicht mehr die bildhaften alten Gottesvorstellungen beibehalten könne. Ihm kam es des weiteren darauf an, zu zeigen, daß die Auffassung des Lebens, die Auffassung der sozialen Verhältnisse in der Welt vielfach Schaden gelitten hat dadurch, daß von den Religionsbekenntnissen, welche doch die Führer des Denkens waren für die weitaus größte Masse der Menschen, die Menschen, die gedrückt waren, die elend waren, die mit dem Leben nicht zurechtkamen, verwiesen wurden von dem physischsinnlichen Dasein weg in ein übernatürliches Jenseitsdasein, so daß an die Stelle der Bearbeitung des Lebens, an die Stelle des mutigen Eingreifens in das Leben für viele Menschen entstehen mußte ein Hinausblicken über das unmittelbar physische soziale Dasein.

Auch alles dasjenige, was die verschiedenen Bekenntnisse zu sagen haben über die Ursachen, warum der eine Mensch von diesem oder jenem Schicksalslose getroffen wird, auch alles dasjenige, was die alten Bekenntnisse zu sagen haben über die in der Welt waltende göttliche Gerechtigkeit, erscheint Charles Eliot, dem modernen Mann, dem Mann, der sich hineinstellt in die Zeit, die da für ihn beginnt mit Darwin, die für ihn insbesondere eine bestimmte Größe erreicht hat durch jene Fortschritte der Medizin, die auf physische Weise zur Schmerzlinderung der kranken Menschheit berufen sind, als nicht mehr zeitgemäß. Und er möchte in einer gewissen Weise den alten Priester, der die Menschheit immer hinaus verweist auf ein unbestimmtes Übersinnliches, ersetzt wissen durch den physischen Arzt, welcher imstande ist, selbst jene Schmerzen zu lindern, welche die Mutter auszustehen hat beim Hineintreten des Kindes in diese physische Welt, er möchte den alten Priester ersetzen durch jenen, der da Hand anzulegen in der Lage ist bei der Arbeit, die im Physischen geleistet wird, denn es handelt sich für ihn darum, die physischen Verhältnisse dieser Erde so zu gestalten, daß möglichst viele Menschen aus dem Leben Freude und Befriedigung ziehen. Alles das - so erscheint es Charles Eliot - hat gewissermaßen das gesunde Denken aufzunehmen, und er hofft, daß aus den Anschauungen, welche die Naturwissenschaft in der neuesten Zeit den Menschen geliefert hat, dasjenige aufleuchten könne, was die Menschheit zu diesem von ihm ersehnten Ziele zu bringen geeignet ist. Ich erwähne dies besonders aus dem Grunde, weil in dieser kurzen Rede über die Religion der Zukunft sich wirklich gewissermaßen alles das in einem repräsentativen Menschen zusammendrängt, was die sogenannten Gebildeten, namentlich die gelehrten Gebildeten, als den Weg zu neuzeitlichem gesunden Denken sich vorgestellt haben.

Nun hat diese Rede über die Religion der Zukunft, die das, was ich eben charakterisiert habe, zum Inhalte hat, etwas höchst Eigentümliches. Und da ich über diese Rede auch schon vor der Kriegskatastrophe Ähnliches gesagt habe, wie ich jetzt sage, so wird mich - indem ich das offen sage - niemand dessen zeihen können, wessen man heute viele zeihen kann: daß sie sich jetzt, nachdem der Krieg so lange gewütet hat, in einer merkwürdigen Weise zum Rechten belehrt zeigen über das, was vor dem Kriege war. Charles Eliot spricht wie ein Mann, der gewisse Vorstellungen hat, wie sie ein Mann haben kann, der voll drinnensteht in der modernen naturwissenschaftlichen Erkenntnis und der aus ehrlichstem Herzen heraus der Menschheit eine Lebensauffassung geben möchte, die zu ihrem Glück, zu ihrer Befriedigung führt aus diesen naturwissenschaftlichen Vorstellungen heraus. Aber wie spricht er? Wenn man zwischen den Zeilen zu lesen vermag - was muß man darüber sagen, wie er spricht? Man sieht es den Gedanken an: Sie sind herausgeboren aus der Zeitgesinnung, aber sie können nur gesprochen werden, wenn man umgeben ist von einer Welt, in welcher zunächst in den sozialen, in den unmittelbaren Lebensverhältnissen diese Gedanken nicht Wirklichkeit werden. Sie können nur gesprochen werden, wenn man umgeben ist von einer Welt, deren Lebensanschauungen in einer viel älteren Zeit gründen, wenn man umgeben ist von einer Welt, wo in den Seelen der Menschen leben gewisse Vorstellungen, die durchaus noch nicht dem entstammten, was solch ein naturwissenschaftlich gebildeter Religiöser sucht, die aber einen tiefen Einfluß auf die Gestaltung des sozialen Lebens haben. Mit anderen Worten, meine sehr verehrten Anwesenden, kann man sagen: Solch ein Mann kann reden, aber man spürt seinen Gedanken an, daß in dem Augenblick, wo sich in voller Konsequenz, in ungeschminkter Gestalt dasjenige, was er sagt, verwirklichen soll - dann, wenn die alten Traditionen nicht mehr in der Umgebung wirken -, daß sich dann diese Gedanken doch als machtlos erweisen werden. Und wer nur irgend etwas von den furchtbaren Ereignissen der letzten Jahre verstehen kann, der wird sagen: Diese Ereignisse seit 1914 haben sich bedeutsam hineingestellt zwischen das, was dazumal geredet werden konnte, und das, was heute uns als die großen, als die überwältigenden Zeitfragen vorliegt. Gewissermaßen weist Charles Eliot am Schlusse seiner Rede ja auch darauf hin, daß er nicht wissen könne, wie sich das, was er als gesundes Denken ansieht, in der unmittelbaren Lebenspraxis verwirklichen werde, das müsse erst die Erfahrung zeigen.

Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, so sonderbar, so paradox es Ihnen vielleicht klingen wird, heute ist ein Teil der Welt daran, diese Erfahrungen zu liefern. Das, was sich dazumal ein gebildeter, ein gelehrter Mann gestatten konnte auszusprechen mitten in einer Umgebung, die es nicht nötig hatte, die letzten Konsequenzen dieser Gedanken zu ziehen, das wird aus einer anderen Gemütsart, aus einer anderen Seelenstimmung heraus im Osten von Europa und schon in einem großen Teil von Asien heute zu verwirklichen versucht - so paradox das klingt. Und während man die Gedanken Eliots, das heißt die letzten sozialen Konsequenzen naturwissenschaftlicher Weltanschauung ruhig aussprechen konnte und dabei immer noch für einen guten, braven Bürger gelten konnte inmitten einer Umwelt, die gar nicht daran dachte, die letzten Wirklichkeitskonsequenzen daraus zu ziehen, zerstört man das Dasein der Menschen, zerstört man das Leben in dem Augenblick, wo tabula rasa gemacht wird mit den alten Verhältnissen, wo in der Umwelt nicht mehr die alten Traditionen den Staat aufbauen, wo man in der Umwelt nicht dasjenige fortleben läßt, was aus den alten Traditionen, wenn auch durch besondere Tyrannei, stammt. Wenn man die letzten Konsequenzen dieser Gedanken für die äußere Wirklichkeit zieht, dann wird man Leninist, dann wird man Trotzkist, dann beginnt man dasjenige zu verwirklichen, was rein herausstammen soll aus dem, was da von Eliot als gesundes Denken gesucht worden ist, aus dem, was da herausgeboren sein will aus der rein naturwissenschaftlichen Weltgesinnung. Aber wenn man versucht, das zu verwirklichen, dann baut man nichts auf, sondern dann setzt man nur jenen Zerstörungsprozeß fort, der 1914 eingesetzt hat und über den die Menschheit noch bittere, bittere Erfahrungen machen wird. Das, meine sehr verehrten Anwesenden, lehrt ein Rückblick nach verhältnismäßig kurz vergangener Zeit auf dasjenige, was aus ehrlicher Überzeugung heraus ein mit der ganzen Bildung der Gegenwart durchdrungener Mann 1909 vorbrachte.

Wenn wir uns nun fragen, welcher Zusammenhang besteht zwischen demjenigen, was ein Mensch, ich möchte sagen als eine gewisse materialistische Sonntagspredigt in einer sonst ganz anders gearteten Welt sagen konnte, und dem, was im Osten von Europa und über einen großen Teil von Asien hin sich verwirklicht, dann muß man eben, um die sozialen Zusammenhänge der Gegenwart und die ganze Lebenslage des gegenwärtigen Menschen zu durchschauen, ein wenig auf die tieferen Grundlagen eingehen. Und lehrreich ist es, einmal einen Blick zu werfen auf die Frage: Wie ist eigentlich dieses materialistische Weltbild, das der Menschheit Glück und Zufriedenheit bringen sollte, im Lauf der neueren Zeit entstanden?

Wenn ich kennzeichnen sollte, was gerade das modernste Denken charakterisiert, dasjenige Denken, das sich jetzt anschickt, soziale Wirklichkeit zu werden, so muß ich sagen: Dieses Denken ist dadurch charakterisiert, daß es außerstande ist, eine Brücke zu schlagen zwischen dem, was Erkenntnis der Naturseite der Welt ist, und dem, was sittliche Welt ist, was ethische Ideen, was moralische Kräfte sind. Da steht auf der einen Seite dasjenige, was die Naturseite der Welt ausmacht, festgefügt in Vorstellungen, die ungemein einleuchtend sind für jeden Menschen, der gerade von Gegenwartsgesinnung durchdrungen ist, wie sie sich in den letzten Jahrhunderten und besonders im 19. Jahrhundert herausgebildet hat. Da steht auf der anderen Seite, heraussprechend aus des Menschen Mittelpunkt, dasjenige, was sittliche Forderungen sind und was erheben soll den Menschen zur Anschauung, daß diese sittlichen Forderungen wurzeln in einer geistigen Weltordnung - einer Weltordnung, wo das Sittliche und das Unsittliche eine Folge haben kann für die Gestaltung der Welt, wo Sittliches und Unsittliches eingreifen kann in das Geschehen der Welt, so wie ein Blitzstrahl eingreift in das Geschehen der Welt.

Da stehen diese zwei Welten, seit Jahrzehnten sich voneinander abdrängend. Und da lebt die neuere Denkweise, die nach einem gesunden Denken allerdings strebt und damit eine natürliche Religion begründen will. Sie vermag das eine ins Auge zu fassen, was Erkenntnis der Naturtatsachen ist, und sie vermag, wenn der Mensch gewissenhaft ist, allerdings auch das andere ins Auge zu fassen: daß aus dem Inneren der menschlichen Brust heraus spricht die Stimme der Sittlichkeit, die dann einen Weg weisen sollte zum religiösen Bewußtsein.

Aber da gibt es heute keine Brücke zwischen diesen zwei Welten. Da ist die eine Welt, die Welt der Erkenntnis der Naturtatsachen. Sie glaubt, ein grundlegendes Gesetz gefunden zu haben, das als das Ergebnis des 19. Jahrhunderts unerschütterlich dastehen sollte, das Gesetz von der Erhaltung des Stoffes und der Kraft - das Gesetz, das uns besagen soll, daß alles dasjenige, was im Weltenall vor sich geht, aus einer Summe von Kräften heraus geschieht, die sich wohl umwandeln, die aber niemals vermehrt oder vermindert werden können, die unentstanden und unvergänglich sind. Durch das Zusammenwirken dieser Kräfte wird die Gestaltung der Welt hervorgerufen, wird das Weltgeschehen, das sich äußerlich unseren Sinnen darstellt und aus dem wir selbst als physische Menschen herausgewachsen sind, bewirkt. Wenn nun die Kräfte, um die es sich handelt, unentstanden und unvergänglich sind, wenn man im absoluten Sinne sprechen kann von der Erhaltung des Stoffes und der Kraft, dann sind auch alle die Anschauungen, die im Gefolge dieser Ansicht auftreten müssen, nicht von der Stelle zu weisen. Dann kommen wir dazu anzunehmen - aus denselben Denkgewohnheiten heraus, aus denen die Menschheit gedrängt worden ist zu diesem Gesetz von der Erhaltung und Umwandlung des Stoffes und der Kraft -, daß entstanden sei alles dasjenige Irdisch-Kosmische, innerhalb dessen wir stehen, aus dem berühmten Kant-Laplaceschen Urnebel, aus dem sich das ganze Sonnensystem durch Zusammenballung herausgebildet habe, und daß im Verlaufe dieses natürlichen Vorganges sich auch der Mensch entwickelt habe, nachdem er durch die verschiedenen Tierformen hindurchgegangen ist. Und wir kommen dazu anzunehmen, daß in der menschlichen Seele aufblitzen, wie innerliche Lebensillusionen, diejenigen Dinge, die dieser menschlichen Seele vorkommen wie die Kräfte, die allein dem Menschen seine Würde garantieren können: die sittlichen Ideen und dasjenige, was zum religiösen Bewußtsein führt.

Aber derjenige, der mit allen Konsequenzen festhält an dieser Welt, die also aus dem Kant-Laplaceschen Urnebel sich herausgeballt hat, der muß auch über das Weltenende so denken. Er muß denken, daß diese Welt sich hineinverwandelt in eine solche, in der alles das, was die Menschheit darbietet, auch alles, was jemals in Menschenseelen und Menschengeistern gelebt hat, verschwindet; er muß denken, daß innerhalb eines großen kosmischen Vorgehens das ganze Menschheitswähnen von einer Sittlichkeit, von Göttlichkeit lediglich etwas ist, was herausgeboren wird aus der Naturgesetzmäßigkeit - so wie aus der Naturgesetzmäßigkeit herausgeboren wird Blitz und Donner, der Wechsel von Tag und Nacht und so weiter. Und so sehen wir auf ein ungeistiges, unseelisches Weltentstehen hin, so sehen wir auf ein ungeistiges, unseelisches Weltenende hin. Für den, [der mit allen Konsequenzen festhält an dieser Welt,] ist das Beste, was die Menschheit denkt, geträumt, ist eingesponnen in die Vorgänge, die zwischen diesen beiden Enden — Weltentstehen und Weltenende - liegen; das Beste, was diese Menschheit wähnt, es ist für ihn nur eine Episode, verschwindend im rein natürlichen All.

Meine sehr verehrten Anwesenden, mit dem besten Willen ist nichts zu halten von all den Quacksalbereien, die die Menschen noch vorbringen möchten für die Gültigkeit einer sittlichen und religiösen Welt, wenn sie mit allen Konsequenzen zugeben dasjenige, dem diese naturwissenschaftliche Gesinnung zugrunde liegt. Ich weiß, wieviel heute nach der Richtung hin gepredigt wird, daß ja trotz dieser naturwissenschaftlichen Gesinnung eine ideale Weltanschauung möglich sei. Sie ist nur für den möglich, der nicht bis zu den Konsequenzen des Denkens wirklich gehen will. Und man ist heute wohl veranlaßt zu fragen: Warum machen sich die Menschen dasjenige, was eben jetzt angedeutet worden ist, in der Gegenwart so wenig klar? Warum denn eigentlich? Darüber wird man vielleicht eine Auskunft erlangen, wenn man sich erinnert an die, ich möchte sagen Frühlingszeit desjenigen, was heute zwar auch allgemeine Meinung ist, was man sich aber als eine allgemeine Meinung nicht gesteht bei den sogenannten Aufgeklärten, wenn man zurückverweist in jene Frühlingszeit des theoretischen Materialismus, der über die zivilisierte Welt heraufgezogen ist um die Mitte des 19. Jahrhunderts. Es ist heute allerdings ja modern geworden, diejenigen, die dazumal kühn die letzten Konsequenzen der naturwissenschaftlichen Gesinnung gezogen haben, wie Moleschott, Büchner und so weiter, als platt darzustellen - das sind sie Ja ohne Zweifel auch. Aber dann ist doch mehr notwendig als das, was von gelehrter oder ungelehrter Seite vorgebracht wird, um das ganze Verhältnis zu charakterisieren, in dem wir zu stehen haben zu ihnen.

Man braucht nur einige Tatsachen sich zu vergegenwärtigen, dann wird man den ganzen Ernst und die Bedeutung dieser Sache für die soziale Lebenslage des Gegenwartsmenschen ermessen können. Ich möchte das eine anführen, daß zum Beispiel ein in den siebziger Jahren vielgenannter Kulturhistoriker gesagt hat: Es ist ein wichtigstes Ergebnis der neueren Zeit, daß durch die naturwissenschaftliche Erkenntnis alles dasjenige, was aus den alten Religionen heraus als ethisches Ideal geboren worden ist, zertrümmert wird. — Ja, dieser Kulturhistoriker schreibt es trocken hin, das, was von dieser Seite als Wahrheit oder Unwahrheit charakterisiert worden ist, sei nur ein solches naturwissenschaftliches Ergebnis wie etwa das Herabfallen des Regens und sei von diesem Gesichtspunkte aus zu betrachten. Aber besonders interessant ist ein Brief einer kühnen, innerlich kühnen Persönlichkeit an einen damaligen Naturforscher. In dem Brief steht etwa das folgende: Die neuere Weltanschauung lehrt uns, daß alles das, was Menschen darleben, geradeso dem natürlichen Ursachengesetz unterliegt wie das, was wir mit unseren Sinnen in der Außenwelt sehen. Alles das, was die Menschen hervorbringen aus ihrem Inneren an sogenannten guten Handlungen und guten Gedanken, was sie hervorbringen an religiösen Ideen, alles das ist nichts anderes als ein Ergebnis rein natürlicher Vorgänge, die sich im Menschen abspielen, wie sich die Wolkenbildungen draußen in der Natur abspielen. Also gilt für mich, so sagte jene Persönlichkeit, alles das, was sich die Menschen als sittliches Gebot vorgestellt haben, als eine Illusion. Und ich bin der Meinung, daß derjenige, der mit seinen Anlagen zum Dieb, zum Räuber, zum Mörder geboren ist, ebenso berechtigt ist, seine Mörder- und Räuberanlagen voll auszuleben, wie derjenige, der zum Gegenteil geboren ist. Ich bin davon überzeugt, so schreibt jene Persönlichkeit, daß es sogar für die Vollwertigkeit, für die sittliche Vollwertigkeit einer zum Mörder veranlagten Persönlichkeit eine Beeinträchtigung wäre, also eine Unsittlichkeit, wenn sie ihre Anlagen nicht ausleben würde. - Selbstverständlich werden die Leute heute sagen: Das ist eine paradoxe Wahrheit. - Aber warum sagen sie so? Sie sagen es aus dem Grunde, weil sie auf der einen Seite wohl ungeheuren Respekt haben, Autoritätsglauben restlos haben vor alledem, was ihnen aus der Küche der Naturwissenschaft heraus gesagt wird, weil sie aber auf der anderen Seite nicht den gleichen Mut haben wie jene Persönlichkeit, die diesen Brief schrieb, auch die Konsequenzen zu ziehen. Sie bleiben auf halbem Wege stehen, weil sie sich nicht gestehen wollen, daß, wenn man einmal diese Konsequenzen zieht, das andere daraus folgt.

Nun, ich möchte sagen: Geradeso wie von Charles Eliot 1909 in einer Umwelt, die nicht daran dachte, seine Gedanken in soziale Wirklichkeit umzusetzen, so gesprochen werden konnte, wie er sprach, so konnte auch jene Persönlichkeit dazumal schwärmen für das volle Ausleben der Verbrecher-Instinkte, da das volle Ausleben seiner Anlagen zur sittlichen Vollwertigkeit der Persönlichkeit gehöre. Dazumal war noch nicht die Zeit herangerückt, in welcher aus dem, was die Menschen nach dieser Richtung hin meinen, auch soziale Einrichtungen, soziale Institutionen entstehen sollen — allerdings nicht werden entstehen können. Aber dann entsteht ja die andere Frage: Wie sollen diese Institutionen entstehen, die nun doch als ein Aufbau unserer in den Niedergang hineingehenden Lebensordnung sich gestalten müssen?

Meine sehr verehrten Anwesenden, wenn man so die Lebenslage des Menschen der Gegenwart ins Auge faßt, und wenn man hinblickt auf dasjenige, was in seinem Inneren eigentlich lebt - und aus dem Inneren heraus gestaltet sich ja doch schließlich alles dasjenige, was auch in allem äußerlichen, geschäftlichen, industriellen, im praktischen Leben vor sich geht -, wenn man alles das betrachtet, kommt man allerdings zu einem, man muß es gestehen, bitteren Urteil über diese Lebenslage des Gegenwartsmenschen. Denn, wie müßte es aussehen, wenn eine genügend große Anzahl von Menschen den Mut hätte, die Seele wachzumachen, aufzuwecken die schlafende Seele und sich zu sagen: Nehmen wiir in aller Ganzheit dasjenige an, was im Laufe der letzten drei bis vier Jahrhunderte aus dem naturwissenschaftlichen Erkennen in das Denken eingeflossen ist, dann müssen wir alles das, was ins soziale Leben einfließen soll, gestalten nach Gesetzen, die leer und bar sind alles desjenigen, was im Innern des Menschen als Impuls der Sittlichkeit, als Impuls der religiösen Weltordnung entspringt, denn solche Gesetze können dann ja auch nur aus der naturwissenschaftlichen Gesinnung kommen.

Und den realen Anfang mit einer sozialen Lebensordnung, die die soziale Gesellschaft nur so gliedert, wie die Naturerscheinungen draußen gegliedert sind — wir sehen ihn gemacht im Osten von Europa und sich ausbreiten über Asien; wir sehen ihn theoretisch gelehrt im Marxismus seit Jahrzehnten. Er konnte auch reden, dieser Marxismus, solange es der Umgebung nicht einfiel, auf ihn einzugehen mit Bezug auf die Wirklichkeitsgestaltung. Jetzt ist das Antlitz der Welt ernster geworden. Jetzt handelt es sich darum, die Frage im umfassenden Sinne aufzuwerfen: Ist dasjenige, was man sich so als den Weg zum gesunden Denken vorgestellt hat, wohl auch ein Weg zu einem möglichen Leben der Menschheit auf der Erde? - Deshalb, weil die Sache so ernst ist, muß schon eingegangen werden auf die ganze Art, wie die Menschen sind, wie insbesondere diejenigen sind, die heute glauben, nach den Errungenschaften, die nur gut sind für einen gewissen Zweig der Naturerkenntnis, das soziale Leben aufbauen zu können. Was haben uns diese Errungenschaften gebracht?

Ich habe öfter und seit vielen Jahren schon hier in Stuttgart auf die Größe und Bedeutung der naturwissenschaftlichen Weltanschauung hingewiesen, und diejenigen, die mich öfter gehört haben, die werden in mir gewiß keinen Verächter dieser naturwissenschaftlichen Weltanschauung sehen - in den Grenzen, in denen sie berechtigt ist. Aber das, um was es sich hier handelt, ist etwas anderes. Es ist die Frage: Ist eine naturwissenschaftliche Weltanschauung möglich, wenn es sich darum handelt, die Gesetze der menschlichen Erkenntnis hineinzutragen in das, was das soziale Leben gestalten soll?

Um sich diese Frage zu beantworten, muß man eingehen auf den vermeintlichen Weg zum gesunden Denken, den diese naturwissenschaftliche Weltanschauung genommen hat. Da sieht man, daß diese naturwissenschaftliche Weltanschauung alles das an den Tatsachen der Natur ergründet hat, was seine Anwendung finden kann auf dem Gebiete der Technik und des industriellen Lebens. Da sieht man, daß dasjenige, was durch die Erkenntnis der Naturgesetze in der Technik und im industriellen Leben und im Verkehrswesen verwirklicht werden konnte, im Großen ausgebaut worden ist. Das alles war zu einem Höhepunkt gelangt, als die Katastrophe 1914 hereinbrach, die da zeigte, wie wenig das soziale Anschauen nachgerückt war demjenigen Anschauen, das aus der Erkenntnis der Naturwissenschaft heraus Maschinen baute, die Welt mit Verkehrsmitteln überhäufte und so weiter. Ja, das, was wir in unserer Technik sehen, gleichgültig, ob es zum Aufbau oder zur Zerstörung führt, das ist verwandt einer gewissen Richtung naturwissenschaftlichen Denkens. Diese Richtung naturwissenschaftlichen Denkens wollte universell werden, wollte allgemeingültig werden, wollte etwas für das ganze menschliche Leben bedeuten.

Da sehen wir, wie ja allerdings, ich möchte sagen vereinzelte Geister leben, die wie Sonderlinge dastehen in der allgemeinen Entwicklung, die doch von der Gesinnung ausgegangen waren, «wie wir es so herrlich weit gebracht haben»; wir sehen, wie sie sich anschauen das, was heraufzieht, und mit ungeheurer Besorgnis in die Zukunft blicken. Man braucht nur hinzuweisen auf Solowjow, den russischen Philosophen, der ja leider in Mitteleuropa nur bekannt geworden ist erst seit den Kriegsjahren, der aber schon im Beginn des Jahrhunderts gestorben ist. Er hat tiefe Blicke getan in das menschliche Leben, er war aber auch aufgeklärt genug, das praktische Leben sich anzuschauen und mit seiner ungeheuer wohlwollenden, milden Seele dieses praktische Leben zu betrachten. Dieser Philosoph Solowjow, ihn überkam bitterste Sorge, wenn er sich sagte: Auch über mein Rußland breitet sich aus durch eine innerlich morsche Herrschaft alles dasjenige, was die moderne Weltanschauung aus der naturwissenschaftlichen Unterlage heraus gewinnt. Da wird dieses Rußland überzogen mit all den Herrlichkeiten — er sagt das nicht als Ironie -, mit all den Herrlichkeiten der modernen Technik, des modernen Verkehrswesens, und es verschwindet wie hinweggestohlen aus der Welt dasjenige, was doch den Boden abgeben müßte für ein gesundes russisches Denken. Es verschwindet mit jeder Eisenbahn, die hingeleitet wird, mit jeder Industrieanlage dasjenige, aus dem russische Gesundheit des Denkens erwachsen müßte: der Grund und Boden. -— Und man hört, wie Solowjow spricht, daß er ein Verständnis dafür hat, daß das gesunde menschliche Denken mit dem Grund und Boden verknüpft ist, in anderer Weise als dasjenige Denken, das sich losreißt von diesem Grund und Boden, das gewissermaßen in einer abstrakten Höhe, wenn auch in einer physischen Realität existiert und auf naturwissenschaftlicher Grundlage als moderne Kultur auftritt. Gewiß, man mag das einseitig nennen; es war ja auch in einer gewissen Weise einseitig. Aber wie braucht denn derjenige allseitig zu sein, der in einer Welt lebt, die gleichsam mit äußeren Kräften darnach strebt, absolut restlos alles dasjenige in die Welt hineinzubringen, was sich nur auf Grundlage naturwissenschaftlicher Gesinnung ergeben kann; wie braucht der, der da möchte ein gesundes ruhiges Urteil gewinnen, aufzukommen gegen den materialistischen Traum der ganzen Menschheit; wie braucht man dem Einseitigkeit vorzuwerfen, wenn er seine Besorgnis äußert, die ja in einer gewissen Weise wahnsinnig erscheinen mußte in der Zeit, in der sich diese moderne Kultur noch nicht so sehr in ihren Niedergang hineinbegeben hatte wie jetzt, da Solowjow seit zwanzig Jahren tot ist. Nun, auch jener Charles Eliot, von dem ich gesprochen habe, gibt ungefähr an, was er sich als eine Art Zukunftsreligion denkt, wenn die Menschen nicht mehr glauben werden an einen außerweltlichen Gott oder wenn sie in weiten Kreisen nicht mehr an Dämonologie glauben werden. Er sagt: Es wird herrschen der Hinblick auf einen einheitlichen Gott, der den Dingen innerlich ist, der auch der Menschenseele innerlich ist und der in alledem wirkt, was Naturgesetze sind. -— Aber man sieht aus dieser Rede, und es ist ja darin auch deutlich ausgesprochen, daß sich auch für einen solchen gutmeinenden Menschen, wie es Charles Eliot ist, zusammenkoppelt dieser Gott mit dem, was er weiß über den in der Welt sich ausbreitenden Stoff, über die ewig sich verwandelnde, aber unzerstörbare Kraft. Im Grunde genommen ist ihm die Einheit Gottes nichts anderes als die Einheit des Stoffes und der Kraft. Und aus solchen theoretischen Bekenntnissen heraus predigt er der Welt dann das, was dem Menschen als praktische Lebensgrundlage zur Unterlage dienen soll. Da sagt er: Ewig leuchtend sein wird der Satz «Diene deinem Mitmenschen». Diene deinem Mitmenschen — das wiederholt sich immer wieder und wiederum in jener Rede. Aber bei einem solchen Satz, einer solchen Forderung handelt es sich wahrlich nicht allein darum, daß die Sachen ausgesprochen werden, sondern da handelt es sich darum, ob dasjenige, was da gefordert wird von den Menschen, von diesen Menschen auch erfüllt werden kann - erfüllt werden dadurch, daß sich aus den Tiefen ihrer Seele heraus Kräfte loslösen, die zuletzt ihr Ergebnis finden in sozialem Menschendienst, in sozialem Wirken nach dem Satz: «Diene deinem Mitmenschen». Mit anderen Worten, fragen muß man: Ist eine Weltanschauung in der Lage, eine Grundlage zu bilden für wahre Menschenliebe? Ist eine Weltanschauung in der Lage, die Wurzel jener Pflanze zu sein, welche, wenn sie herauswächst aus dem Boden, als Menschenliebe blüht und fruchtet? Diese Frage läßt sich nicht einseitig logisch und theoretisch beantworten. Diese Frage läßt sich allein auf Grundlage dessen, was geschichtlich geschieht, beantworten. Und hätte Eliot nur die Erfahrung abgewartet, die sich jetzt durch die Gestaltung des europäischen Ostens und in Asien ergibt und ergeben wird, dann hätte er seine Bedenken bekommen müssen. Denn das geschichtliche Ergebnis ist, daß die sozialistische Lehre, die nur bauen will auf denselben naturwissenschaftlichen Voraussetzungen, auf denen Eliot die Welt der Zukunft, das Leben überhaupt aufgebaut wissen will, daß diese sozialistische Richtung nicht in der Lage ist, das soziale Leben auf die freie, aus dem menschlichen Inneren hervorquellende, in der Welt fruchtende Liebe zu begründen. Denn nicht tönt uns entgegen aus dieser sozialen Lehre und sozialen Tyrannei dasjenige, was weckend wäre für Menschenliebe. Nicht tönt uns entgegen die Erfüllung des Spruches: Diene deinen Mitmenschen, weil du sie liebst -, sondern es tönt uns entgegen das trockene, leere, den Menschen ausödende Wort von der Pflicht zur Arbeit, von dem wie mit militärischem Drill zur Arbeit Getriebenwerden der Menschen.

Und ich möchte sagen: Hört man auf der einen Seite Charles Eliot 1909, wo die Erfahrung der Gegenwart noch nicht vorlag, von dem Lehrstuhl der Harvard-Universität herunter seine paradigmatische Rede halten, so tönt einem wie ein Echo aus einer späteren Zeit entgegen jene Rede, die vor kurzem der russische sozialistische Kriegsminister gehalten hat, der da sagte: Diejenigen Menschen, die es ehrlich meinen mit der sozialen Ordnung, die werden nicht verkennen, was wir diesem Kriege verdanken. Er hat uns unsere Söhne zurückgeschickt als Soldaten. Sie sind tüchtige Soldaten geworden. Sie haben gelernt zu gehorchen und sich der Autorität zu fügen. Nicht wollen wir verkennen, was wir diesem Kriege verdanken dadurch, daß er uns Offiziere ausgebildet hat, die befehlen können, die den Menschen durch Zwang an die entsprechende Stelle zu rücken verstehen. Und wir wollen nicht der führenden Männer des Krieges vergessen, die in der Lage sind zu organisieren, so daß sich der Autorität dieses Organisierens jeder fügt. - Wie ein Echo tönt diese Rede von dem Übersetzen des Militarismus in die soziale Lebensgestaltung entgegen demjenigen, was - nur als Weltanschauung, weil in der Umgebung niemand daran dachte, es zu verwirklichen - aus der Rede Eliots uns entgegentönt. Die Leute wissen nur nicht, daß sie das gesunde Denken auf Wegen gesucht haben, welche in ihrer letzten Konsequenz dasjenige ergeben, was jetzt heute so deutlich zu sehen ist. Und die Menschen möchten nicht gerne zugeben den Zusammenhang zwischen dem, was man seit Jahrhunderten, aber seit Jahrzehnten besonders, glaubt denken zu müssen über Welt und Lebensdasein und demjenigen, was sich ihnen jetzt darstellt als der Wille, die Welt sozial zu gestalten - was aber gänzlich ohnmächtig ist, diese Welt so zu gestalten, daß in ihr ein menschenwürdiges Dasein tatsächlich möglich ist. Aus diesem Nicht-Verstehen-Wollen geht ja alles dasjenige im Grunde hervor, was als Weg zu einem gesunden Denken innerhalb - der Lebenslage des Gegenwartsmenschen gesucht wird.

Aus meinem Buche «Die Kernpunkte der Sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft» geht alles dasjenige hervor, was dann die Bemühungen des Bundes für Dreigliederung des sozialen Organismus ins Leben gerufen hat. Da will man den Weg suchen zu einem gesunden sozialen Denken, ohne daß man sich Illusionen hingibt, indem man sich eines wenigstens vor Augen hält, wenn es sich um diese Fragen handelt: Welche Gedanken liegen dem zugrunde, was sich heute in lebenszerstörenden Gebilden verwirklichen will? Welche Gedanken lagen dem zugrunde, was sich selber in eine Absurdität hineingeführt hat durch jene Ereignisse, die 1914 begonnen haben? Wer aber nicht in diesen Fragen sich ein klares, gesundes Urteil bilden will, der kann, an welcher Stelle er auch immer steht, nicht mitwirken an dem, an dem mitzuwirken heute eigentlich jeder Mensch nach Maßgabe seiner Kräfte und seiner Lebensposition berufen wäre. Das, worauf es heute ankommt, ist ein klares, konsequentes Denken. Dieses klare, konsequente Denken führt uns aber auch dazu, die Frage aufzuwerfen: Woher kommt denn nun eigentlich dasjenige, was sich als sogenanntes gesundes Denken auf naturwissenschaftlichem Boden entwickelt hat?

Derjenige, welcher den Zusammenhang, den geschichtlichen Zusammenhang kennt, der weiß, daß wir es in bezug auf die Ausgestaltung unserer Ideen, in bezug auf die Hervorbringung unserer Begriffe im öffentlichen Leben noch nicht weiter gebracht haben, als das Mittelalter war. Man redet viel über die Finsternis des Mittelalters, aber wir denken noch immer in den Denkformen dieses Mittelalters. Worin wir es weiter gebracht haben, das sind die Errungenschaften der Naturerkenntnis, die ihr Gegenbild in der Technik haben, die Errungenschaften der Erkenntnis der leblosen Natur, eigentlich nur eines Teiles der leblosen Natur, denn nur die hat ihr Gegenbild in der Technik. Was wir da errungen haben, was bewältigt werden kann mit den Mitteln des Rechnens, mit den Mitteln der Geometrie, das ist unsere Weltanschauung geworden. Das hat allmählich sich eine solche Stellung im menschlichen Vorstellungsleben erobert, daß es in diesem Vorstellungsleben gewissermaßen wie die selbstverständliche Begründung der ganzen Lebensansichten erscheint.

Hat sich daneben die Menschheit auch bemüht, weiter auszubilden die innere Kraft des Denkens, die innere Kraft der Seele überhaupt? Nein, das kann nicht behauptet werden. Die Gedankenform, die Art des Denkens, die ganze Konfiguration des Denkens, mit der heute die Naturwissenschaft, auch die scheinbar exakteste und strengste Naturwissenschaft arbeitet, die sind dieselben, welche angewendet worden sind von den Scholastikern des Mittelalters. Bei den Scholastikern des Mittelalters waren diese Gedanken groß, waren diese Gedanken scharfsinnig. Warum waren sie das? Weil diese Gedanken sich die Aufgabe stellten, hinüberzublicken in eine geistige Welt. Man mag über einen Inhalt, wie ich es jetzt angedeutet habe, denken, wie man will; dasjenige aber, was aus der Trainierung, aus der Ausbildung des scholastischen Denkens hervorging, das kann, bei ruhigem, objektivem Blicken auf den Hergang der neueren Kultur, nicht anders gedeutet werden, als ich es jetzt versuchen werde.

Wer weiß, mit welchem Scharfsinn, mit welcher Beherrschung der Denktechnik solche Anschauungen, solche Gedanken wie die der Trinität, wie die der Sakramente, wie die der Menschwerdung Christi verfolgt wurden - die dazumal aber Anschauungen im sozialen Leben der ganzen Menschheit waren -, wer weiß, mit welchem Scharfsinn diese Anschauungen verfolgt wurden, die kein Gegenbild in der Sinneswelt haben, wo das Denken ganz auf sich sich stützen muß, der wird sagen: Mag man denken über die Trinität, wie man will, mag man denken über die Menschwerdung Christi, wie man will - dasjenige, was dazumal an Gedankentechnik, an Logizität, an innerer Verantwortlichkeit gegenüber den Formen des Denkens sich entwickelt hat, war grandios. Es lebt als Erbschaft fort. Wir denken heute mit keinem anderen Denken, als die scholastischen katholischen Gelehrten gedacht haben, wir haben nur diese Gedanken übertragen auf naturwissenschaftliche Gebiete. Wir denken mit den Gedankenformen des Mittelalters in den materiell erschlossenen Gebieten der neueren Zeit. Wir denken nur nicht in derselben Schärfe, weil wir diese Schärfe des Denkens nicht ausbilden. Wir verzichten, wenn wir aufgeklärte Menschen sind, dieses Denken zu trainieren an Vorstellungen wie die der Inkarnation Christi, der Trinität und so weiter; wir trainieren nicht dieses Denken an der Anschauung einer übersinnlichen Welt. Wenn wir fragen nach dem Grunde: Warum ist dieses scholastische Denken so trainiert, warum ist es so innerlich in scharfen Konturen verlaufend? —, so müssen wir sagen: deshalb, weil — was auch die positiven Religionen sagen mögen, die oftmals das Grundlegende des wahren Tatbestandes vertuschen möchten -, weil dieses Denken sich entwickelt hat aus demjenigen Anschauen der Seele heraus, welches im Altertum noch bis Plato, ja bis zu den Neuplatonikern in Geltung war, weil dieses Denken sich entwickelt hat aus dem Anschauen, dem geistig-seelischen Anschauen einer geistigen, einer übersinnlichen Welt. Derjenige, der zum Denken kommen wollte, mußte hinschauen auf eine übersinnliche Welt, er mußte seine Gedanken so ausbilden, daß sie nicht nur dasjenige bezwingen konnten, was uns grobsinnlich vor Augen liegt, sondern auch dasjenige, was in jener Feinheit und Schärfe erfaßt werden muß wie die Dinge der übersinnlichen Welt. In einer instinktiven Art - nicht in jener bewußten Art, wie das diejenige Weltanschauung vertritt, die ich hier seit Jahren vortrage -, in einer instinktiven Art, aber doch in einer geistigen Art, war das Denken jener alten Zeit begründet in den Reihen des Augustinus, der Hochscholastiker, des Albertus Magnus, des Thomas von Aquin - auf einem Denken, das sich schulte am Schauen der übersinnlichen Welt, weil dieses Denken ein Sproß war des Schauens in die übersinnliche Welt, wenn das auch abgeleugnet wird von den positiven Theologen. Dieses Denken war im Mittelalter schon abgeschwächt. Im Altertum suchte man mit diesem Denken durch die innere Kraft des Menschen hinaufzudringen in eine geistige Welt. Im Mittelalter betrachtete man diese geistige Welt als etwas, was man nicht erforschen durfte, sondern nur interpretieren durfte durch die Seele selbst. Jetzt sind wir mit Bezug auf die Schulung des Denkens Erben des scholastischen Denkens. Wir stehen durchaus in derselben Denkströmung drinnen, nur können wir sie nicht mehr bis zur Vollkommenheit bringen. Wir können nicht mehr für die Gedanken die richtigen Konturen logisch scharf entwickeln, weil wir sie nicht trainieren an den [geistigen] Problemen, wo das Denken seiner eigenen Kraft überlassen ist; wir können nur das verfolgen, was im Experimentierzimmer angeschaut wird.

Und wo ist heute der letzte Sproß des katholischen, scholastischen Denkens im Mittelalter? Wo ist der letzte Sproß desjenigen, was als eine soziale Anschauung aus dem Gottesstaat des Augustinus und seiner Nachfolger, aus dieser strammen Organisation, dieser militaristischen Anordnung des menschlichen Zusammenlebens, hervorgegangen ist? Wo ist der letzte Sproß, der letzte Sproß der mittelalterlichen katholischen Theologie mit Bezug auf ihre Gedankenformen? - Das ist der Marxismus. Das ist dasjenige, was heute als sozialistische Lehre präpariert wird für die große Masse. Alle Gedankenformen desjenigen, was moderner Sozialismus ist — es ist nichts anderes als der letzte, altersschwache Sproß des Denkens, das in der Hochscholastik noch zu seiner halben Höhe emporlebte, das geboren war aus dem übersinnlichen Anschauen, das aber nicht mehr geeignet ist für ein naturwissenschaftliches Zeitalter. Wir sind dahin gekommen, die weite Welt des natürlichen Daseins beschrieben zu haben, sie geometrisiert und mechanisiert zu haben - und Menschen wie Charles Eliot sprechen durchaus aus diesem Dahingekommensein -, aber wir sind nicht dazu gekommen, aus dem Gedanken heraus den Weg zu finden in diese Welt hinein. Daher mußten wir sprechen, wie Du Bois-Reymond gesprochen hat über die Grenzen der Naturerkenntnis und die sieben Welträtsel. Welche Frage hat dazumal in seinen aufsehenerregenden Reden «Über die Grenzen des Naturerkennens» und «Die sieben Welträtsel» Du Bois-Reymond beantwortet? — Die Frage, daß die Erbschaft des scholastischen Denkens in die Naturwissenschaft nicht eindringen kann. Das ist kein Wunder. Thomas von Aquin hatte die Offenbarungslehre vor sich; er hatte die Lehre von den übersinnlichen Welten, wie sie dazumal gang und gäbe war, vor sich. Die neuere Naturwissenschaft war damals noch nicht da, er konnte sich nicht mit der neueren Naturwissenschaft auseinandersetzen. Würde man in seinem Geiste fortwirken — nicht im Sinne der katholischen Aufwärmung der Scholastik, des Neuthomismus -, dann müßte man sagen: Das ist etwas Altgewordenes, was im theoretischen Sozialismus Lenins und Trotzkis aus scholastischen, überscholastischen Gedankenformen heraus im Osten von Europa und in Asien sich verwirklichen will. All dieses Denken, das da altersschwach geworden ist, das muß wiederum verwandelt werden in ein Denken, das wurzelt in dem Schauen in die übersinnlichen Welten hinein. So wie damals im Anfang jenes scholastische Denken war, das nun altersschwach geworden ist, das da zu schwach geworden ist, die wirklichen sozialen Verhältnisse zu bewältigen, das nicht die Wurzel sein kann, aus der die Liebe blüht und fruchtet, dieses Denken, es muß ersetzt werden durch ein solches Denken, welches wurzelt in einer Erkenntnis der übersinnlichen Welt.

Als Charles Eliot darüber klagte, daß das, was er sich als gesundes Denken vorstellt, in weitesten Kreisen der Menschen nicht recht Anklang findet, sondern die meisten sich nur durch Heuchelei so äußerlich damit abgeben wollen, sagte er: Auf der einen Seite pflegen ja diejenigen Menschen, die es mit der Naturwissenschaft ernst meinen, eine solche natürliche Religion und suchen sie für die Zukunft zu veranlagen und später auszubilden, aber wir sehen doch, wie ein Teil derjenigen Menschen, die durchaus auch zu den Gebildeten zählen, in allen möglichen geheimen Gesellschaften den Ersatz für die alten Traditionen suchen, in den Freimaurerlogen, in den Odd-Fellows-Logen. Wir sehen - so sagt Charles Eliot -, wie ein großer Teil der Menschen, der ehrlich sucht nach dem Übersinnlichen, im Spiritismus, in der Christian Science einen Weg sucht, um zum Geiste zu kommen. Wir sehen, wie die breite Masse doch aus alter Gewohnheit an den traditionellen Konfessionen festhält. — Darüber klagt Charles Eliot. Das sieht er als dasjenige an, was sich entgegenstellt der Verfolgung dieses Weges zu einem gesunden Denken. Aber er kommt nicht darauf, wie das, was er entwickelt, eigentlich außerhalb der Wirklichkeit der Naturwissenschaft steht. Er kommt gar nicht darauf, sich zu sagen, daß dasjenige, was heraufgezogen ist, mit einem anderen Denken erfaßt werden muß als mit dem Denken, das nur das Erbe des scholastischen Mittelalters ist: mit einem aus der geistigen Welt neugeborenen Denken. Wahrhaftig, dasjenige, was heute als Sozialismus heraufgezogen ist — was ist es anderes als das, was lebte durch die Jahrhunderte des Mittelalters, was bis heute in den Gemütern der Masse nicht überwunden worden ist durch die neuere Kultur. Und wenn diese Leute auch als Gegner der Bekenntnisse auftreten - ihre Gedankenformen sind durchaus im Sinne dieser Bekenntnisse gehalten. Mit denselben Gedankenformen, mit denen der mittelalterliche Mensch den supernaturalen Gott durchdringen wollte, mit denselben Gedankenformen wendet sich der heutige Naturforscher, der die heutige Weltanschauung popularisierende Laie, der theoretische Sozialist an die Einheit des Stoffes und der Kraft.

Das, was als ein neues Schauen gewonnen werden muß - es wird das vertreten durch viele Jahre von dieser Stelle aus und in Stuttgart überhaupt. Es handelt sich darum einzusehen, wie auch dasjenige, was jetzt durch die Dreigliederung des sozialen Organismus als soziale Anschauung gepflegt wird, ein notwendiges Ergebnis dieses neuen Schauens ist - das Nötigsein einer Erneuerung des Denkens, einer Wiedergeburt des Denkens aus der geistigen Welt heraus. Allein diese Wiedergeburt des Denkens kann uns dazu führen, jene Brücke zu bauen, die nicht gebaut werden konnte in den letzten Jahrhunderten bis in unsere Zeit herein: jene Brücke zu bauen zwischen der Welt, die als die Welt der Naturtatsachen dasteht und die man mit reiner Naturkausalität übersehen kann, und der Welt, die im menschlichen Inneren entspringt, der Welt der Sittlichkeit, der religiösen Erhebung, des religiösen Weltplanes. Und allein dadurch, daß man den Mut hat, die Gedanken im Sinne dieser Weltanschauung einmal anzustrengen, allein dadurch wird man zur Klarheit kommen über das, was sowohl in bezug auf die Lebensansicht als auch in sozialer Richtung für die Gegenwart notwendig ist.

Meine sehr verehrten Anwesenden, so innerlich — weil auf Erkenntnis beruhend -, so innerlich durchdrungen von dem Dasein einer geistig-göttlichen Welt ist diese geisteswissenschaftlich orientierte Weltanschauung, die hier gemeint ist. Sie ist sich darüber klar, daß in alldem, was im Erkennen des Menschen lebt, was der Mensch innerlich erlebt als seine Gedanken über die Welt, auch in dem, was als menschlicher Wille in individueller oder sozialer Beziehung aus dem Menschen entspringt, daß in alldem das Göttliche ebenso lebt, wie es lebt im äußeren Naturdasein. Das ist dasjenige, was ich in meiner «Philosophie der Freiheit» schon im Beginne der neunziger Jahre ausdrücken wollte und was jetzt wiederum ausgedrückt worden ist durch das Erscheinen der Neuauflage dieses Buches. Das ist dasjenige, was eine wirkliche Brücke schaffen wollte zwischen dem Anschauen der Natur und dem Anschauen derjenigen Impulse der Menschheit, die aus der menschlichen Freiheit hervorgehen müssen und einzig und allein aus der Freiheit heraus auch eine berechtigte Struktur des sozialen Zusammenlebens ergeben können. Da aber ist eines allerdings notwendig: es ist notwendig, etwas mehr innerlichen Denkermut aufzubringen, als die schlafenden Seelen der Gegenwart gemeiniglich haben. Da ist es notwendig, sich einmal ernsthaftig mit der Frage zu beschäftigen: Worin wurzelt dasjenige, was wir als die Zukunft der Menschheit erwarten?

Die äußere Naturanschauung sagt: Dasjenige, was wir als die Zukunft der Erde, als die Zukunft des ganzen Sonnensystems erwarten, muß sich durch die Verwandlung des Stoffes und der Kraft ergeben aus dem, was wir um uns sehen, was heute schon da ist. Da rechnet man, da wendet man die Mechanik an, da wendet man die Mechanik der Atome an, von denen so viele gesprochen haben, früher im absoluten, jetzt im hypothetischen Sinn oder im Sinn von Fiktionen. Da kommt man darauf: Das, was wir als das Erdenende anzusehen haben, geschieht durch die Umwandlung des Stoffes und der Kraft und ohne das, was im Menschen vor sich geht, denn das ist nur eine Episode in diesen Weltentatsachen. — Das ist eine notwendige Konsequenz einer bloß naturalistischen Weltansicht. Diese naturalistische Weltansicht erscheint derjenigen Weltansicht, die ich jetzt seit Jahrzehnten vertrete, so, als wenn jemand hinblicken würde auf die Pflanzenwurzel und sagen würde: alles das, was da entsteht, muß aus der Pflanzenwurzel heraus entstehen. Das heißt, er würde voraussetzen: Da ist die Wurzel, sie treibt Stengel, Blatt, Stengel, Blatt und so weiter. Er würde nur auf dasjenige sehen, was aus dieser Wurzel heraus sich entwickeln kann, und er würde nicht sehen, daß diese Wurzel, die er jetzt vor sich hat, verfault, sich auflöst, daß aber aus der Pflanze, die aus der Wurzel gewachsen ist, ein neuer Keim entsteht, in dem schon veranlagt ist die neue Pflanze. Lesen Sie das, was in der Literatur der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft vorliegt, und Sie werden sehen: So urteilt über den großen Weltenzusammenhang diese Geisteswissenschaft, die auf übersinnliches Schauen gebaut ist, wie es geschildert ist in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?». Sie sagt sich: Auf dem Grunde, den wir jetzt als physisch-sinnliche Welt vor uns haben, entsteht, wie in ihm wurzelnd, dasjenige, was im Innern unserer Seele sich ausbildet als sittliche Impulse, als ideale Anschauung, als ideale Gedankenformen, als religiöser Wahrheitsmut - man muß das nur im rechten Lichte sehen. Da entwickelt es sich, wie sich im kleinen der Keim entwickelt in der Pflanze. Wenn einstmals diese ganze Welt, die uns als Welt des Stoffes und der Kraft umgibt, verfallen sein wird, Leichnam sein wird, zerstäuben wird in den Weltenraum, was wird dann das Ende sein? Das Ende, wenn ringsherum alles um uns zerstäubt in die Welt, wird sein dasjenige, was jetzt als Geisteskeim in der menschlichen Seele ersteht. Dieses Zerstäuben, diese Vernichtung des Stofflichen, diese Vernichtung der Kraft, das ist dasjenige, auf das wir hinschauen, aber wie aus dem menschlichen Leichnam heraus sich mit dem Tod die menschliche Seele erhebt, so erhebt sich [aus dieser Zerstäubung heraus] dasjenige, was als Keim in der menschlichen Seele lebt, was sittlicher Impuls ist, was ethische Idee ist, was Erhebung zum Göttlichen ist; das formt die Zukunft, das ist die neue Welt. Nicht durch die Umwandlung des scheinbar sich verwandelnden Stoffes und der scheinbar sich verwandelnden Kraft entsteht die Weltenzukunft, sondern durch dasjenige, was jetzt in unserer Seele als Seelenerkenntnis, als Geist-Erkenntnis lebt. Da drinnen in der Menschenbrust, da lebt die Zukunft, wenn auch als Keim. Und weil man hinschaut auf eine kosmische Zukunft, die in diesem unserem Inneren ihren Keim hat, muß man den Mut haben, zu bekämpfen dieses Gesetz von der Erhaltung des Stoffes und der Kraft. Man muß den Mut haben, dasjenige, was sich im 19. Jahrhundert aus einer naturwissenschaftlichen Gesinnung heraus zu einer Welt- und Lebensansicht ausbreitete, auf diese wahre Grundlage zurückzuführen. Man muß die Brücke schlagen zwischen dem, was äußerlich-sinnlich ist, und dem, was innerlich geistig-real ist. Man kann sie nicht schlagen, solange einen hindert die Illusion von der Erhaltung des Stoffes und der Kraft. Man kann sie nur schlagen durch die neu erschaute geistige Welt, die uns ein Denken eröffnet, das aber auch gewachsen ist dem sozialen Leben.

Dieses soziale Leben, es wird, wenn der Mensch in sein Inneres zu schauen vermag, so, daß er mit aller inneren Gewissenhaftigkeit, mit aller inneren Kraft und Emotion sich sagt: Und wenn verschwunden ist alles, was meine Augen schauen, was meine Ohren hören, was ich fühle in der äußeren Welt - also alles das, wovon die Naturwissenschaft allein spricht -, dann wird als eine Metamorphose fortleben dasjenige, was ich jetzt in meinem Inneren entfache, dann wird dasjenige leben, was sittlicher Wert ist, was dem Menschen von innen heraus seine Würde gibt. - So begründet Geisteswissenschaft die Realität des Ethischen, die Realität des Sittlichen, die Realität des Religiösen, weil sie sich nicht der Illusion von der Ewigkeit von Kraft und Stoff hingibt. Sehen Sie hin auf die Metamorphose von Kraft und Stoff, wie Charles Eliot sie geschildert hat 1909, und Sie werden sehen, daß eine solche geisteswissenschaftliche Weltanschauung, wie sie hier vertreten wird, in sich die Kraft hat, zum geistigen Leben als dem Keim der Zukunft ja zu sagen. Und stellen wir uns eine Menschengemeinschaft vor, die mit solchen Seelen lebt. Stellen wir uns vor, daß die Menschen mit dieser Verantwortung - nicht mit Illusionen von Kausalität des sozialen Lebens - in das soziale Leben treten, dann dürfen wir hoffen, daß aus solcher inneren Gewissenhaftigkeit, aus solchem kosmischen Verantwortlichkeitsgefühl das ersteht, was den sozialen Organismus zur Gesundung bringen kann. Das, was aus einer neuen Geisteswissenschaft hervorgeht, ist der Weg zu einem gesunden Denken.

Das ist auch dasjenige, was sich in ein rechtes Verhältnis zur Lebenslage des gegenwärtigen Menschen stellen kann, wenn es bei einer genügend großen Anzahl von Menschen vorhanden ist. Dasjenige aber, was diese Brücke nicht schlagen kann, dem die sittliche Weltenordnung doch nur als eine Episode erscheinen muß, das wird - wenn es allein Geltung haben will, wenn es alles andere zurückdrängen will, wenn es sich entgegenstemmt einer wahren geisteswissenschaftlichen Weltanschauung -, das wird stets so ad absurdum geführt werden, wie alles das, worin wir es so herrlich weit gebracht haben, ad absurdum geführt worden ist durch die furchtbaren Katastrophen der letzten Jahre. Wer nicht lernen kann aus den Lehren dieser letzten Jahre, der kann nicht einsehen, welche sozialen Kräfte in dem Gedanken liegen, der aus dem Schauen heraus ein neues Denken suchen will - ein Denken, mit dem ausgerüstet eine genügend große Anzahl von Menschen erst an die Bewältigung dessen gehen kann, was uns heute als die großen Weltanschauungsfragen vorliegt.

Meine sehr verehrten Anwesenden! Damit habe ich im Grunde, wenn auch nur skizzenhaft, zum Ausdruck gebracht, was ich heute als Einleitung ausführen will zu dem, was ich übermorgen weiter und ins Konkrete hinein zu sagen habe. Und nachdem somit meine Aufgabe erschöpft ist, darf ich vielleicht auch heute in wenigen Worten auf einiges zurückkommen, was ich das letzte Mal hier gesagt habe, weil ja sonst immer falsche Konsequenzen gezogen werden, wenn man ganz schweigt gegenüber gewissen Dingen.

German original of The Path to Healthy Thinking and the Life Situation of Contemporary People · ← Previous · Next →