The Crisis of the Present and the Path to Healthy Thinking
GA 335 — 29 July 1920, Stuttgart
8. Wer darf gegen den Untergang des Abendlandes reden? Eine zweite Gegenwartsrede
Meine sehr verehrten Anwesenden! Ich habe schon in einem meiner letzten hier gehaltenen Vorträge auf eine bedeutsame literarische Publikation der Gegenwart hingewiesen, auf eine literarische Publikation, auf die auch derjenige hinweisen darf, der es sonst überhaupt nicht liebt, mit dem, was man gemeiniglich «Literatur» nennt, allzuviel zu tun zu haben, wie das der Fall ist bei demjenigen, der hier vor Ihnen spricht. Er möchte zu tun haben mit den Wurzeln des praktischen Lebens, mit den Kräften, die dieses praktische Leben prägen; er möchte zu tun haben mit alledem, was aus dem Geistigen heraus dieses praktische Leben prägt, mit alldem, was unmittelbar, elementar an des Menschen Sinn und Herz und Seele herantritt und den Menschen für das Leben kräftigt. Er möchte möglichst wenig zu tun haben mit dem, was man heute als «Literatur» ansieht. Aber über das Buch — Sie ahnen es aus der Formulierung des Titels der heutigen Gegenwartsrede — über das Buch von Oswald Spengler «Der Untergang des Abendlandes» darf auch derjenige sprechen, der zunächst Literatur als solche nicht besonders liebt. Denn man kann sagen: Gerade über dasjenige, was heute jeder Mensch, der in seiner Seele nicht eigentlich schläft, an Niedergangskräften, an gewaltig wirkenden Niedergangskräften, an furchtbar wirkenden Niedergangskräften in unserem Kultur- und Zivilisationsleben empfinden muß, gerade über diesen Niedergang, über diese Niedergangserscheinungen hat Oswald Spengler in seinem Buche eine Sprache geführt, die erstens so recht charakteristisch aus dem ganzen Geist unserer Zeit heraus klingt, die zweitens aber insbesondere aus dem mitteleuropäischen, aus dem deutschen Geist heraus klingt. In diesem Oswald Spenglerschen Buche wird ja nichts Geringeres versucht, als die Notwendigkeit dieses Unterganges der abendländischen Kultur zu beweisen, zu beweisen mit allen Mitteln, man möchte fast sagen mit allem Raffinement der heutigen Wissenschaftlichkeit — ja, einer Wissenschaftlichkeit, die von einem genialen Menschen wie eine neue Wissenschaftlichkeit aus der heutigen erst herausdestilliert wird, so daß das Oswald Spenglersche Buch, ich möchte sagen nicht ein theoretisches, nicht ein literarisches ist, sondern ein Buch, das von den Tatsachen, von den unmittelbar aus dem menschlichen Geistesleben der Gegenwart hervorgehenden Tatsachen spricht, aber auch in einer Weise spricht, daß schon die Gedanken dieses Buches bei den Menschen, die sie aufnehmen, die Taten beeinflussend sind. Und daß viele diese Gedanken des Oswald Spenglerschen Buches aufnehmen, das geht ja aus der einfachen Tatsache hervor, daß von diesem Buch, trotzdem es 615 Seiten umfaßt, bereits weit, weit mehr als 20 000 Exemplare verkauft worden sind. Was ein Verkauf eines Buches in 20 000 Exemplaren für die Zahl der in Betracht kommenden Leser bedeutet, das wissen alle die, die sich mit solchen Fragen jemals befaßt haben. Man kann schon sagen: Unter denjenigen Dingen auf geistigem Gebiete, mit denen man sich heute befassen muß, wenn man ein wenig eingehen will auf die Unterströmungen des gegenwärtigen Kultur- und Zivilisationslebens, sind für uns Mitteleuropäer zwei Bücher etwas, was zum Bedeutendsten gehört: erstens dieses Oswald Spenglersche Buch «Der Untergang des Abendlandes», zweitens eine vielleicht noch nicht sehr beachtete Erscheinung der Literatur, das Buch «Die wirtschaftlichen Probleme der proletarischen Diktatur». Dieses Buch ist eben erschienen im Wiener Genossenschaftsverlag «Neue Erde», geschrieben von dem Mann, der als oberster wirtschaftlicher Kommissar, also als Minister für die Angelegenheiten des Wirtschaftslebens bei Einrichtung der ungarischen Rätediktatur, nach seiner Flucht und seiner Internierung in Österreich seine Grundsätze und seine Erfahrungen zusammengefaßt hat in diesem Buch. Man möchte sagen: Diese beiden Bücher werfen ein furchtbares Licht auf das, was in den Unterströmungen des geistigen und sogar des werktätigen Lebens der Gegenwart vorhanden ist.
Oswald Spengler ist ein Mann, der in seinem «Untergang des Abendlandes» versucht hat - die Keime zu seinem Buch, so gibt er an, liegen ja im Jahre 1911, also schon vor dem Beginn der Weltkriegskatastrophe -, der versucht hat darauf hinzuweisen, wie unsere abendländische Kultur Niedergangskräfte in sich enthält, wie sie gerade durch ihre charakteristischen Erscheinungen sich notwendig als eine Niedergangskultur zeigt. So sehr zeigt sich für Oswald Spengler diese Kultur als die Niedergangskultur, daß er ihr prophezeien muß, daß sie mit dem Beginn des dritten Jahrtausends so an ihrem Ende angekommen sein muß, wie einstmals die altpersische, die altägyptische, die altbabylonische, die altgriechische, die altrömische Kultur an ihrem Ende angekommen ist. Und das, meine sehr verehrten Anwesenden, beweist nicht ein Mann aus einer abergläubischen Prophetie heraus, das sagt nicht ein Mann, der sich irgendwelcher beliebigen Phantastik hingibt, das sagt ein Mann, der den wissenschaftlichen Geist der Gegenwart in einer geradezu hervorragenden Weise beherrscht. Gerade wegen der Genialität der Persönlichkeit des Verfassers, wegen des universellen Beherrschens, man kann sagen von zwölf bis fünfzehn Wissenschaften der Gegenwart, wegen des mutvollen Durchdringens aller Konsequenzen dieser Wissenschaften für das praktische und historische Leben, muß dieses Buch als eine Fülle von Taten, nicht bloß als eine einzige Tat angesehen werden. All das, was ich eben ausgesprochen habe, muß auf der einen Seite von diesem Buch gesagt werden. Aber auf der anderen Seite ist es ein furchtbares Buch. Ist es nicht ein furchtbares Buch, das mit der ganzen Schwere des heute nur aufzubringenden wissenschaftlichen Rüstzeuges genial beweist, daß die Niedergangserscheinungen zum Untergang dieser abendländischen Kultur schon führen müssen mit dem Beginn des dritten Jahrtausends - diese Niedergangserscheinungen, innerhalb welcher wir leben, die sich flammend ausgelebt haben in der kriegerischen Weltkatastrophe und die jetzt fortdauern, wenn sie auch von den schläfrigen Seelen nicht bemerkt werden?
Man muß sich schon ein klein wenig, und das wollen wir einleitungsweise tun, beschäftigen mit der ganzen Art und Weise, wie Oswald Spengler zu seiner Überzeugung von der Notwendigkeit des abendländischen Unterganges kommt, wenn man die Frage beantworten will, die eigentlich das Thema meiner heutigen Betrachtung sein soll: Wer darf nun gegen den Untergang des Abendlandes reden? -, denn leichtsinnig darf man nicht gegen das Spenglersche Buch reden. Leichtsinnig dagegen reden würde heißen, sich auch leichtsinnig hinwegzusetzen über das ernste wissenschaftliche Rüstzeug des Verfassers, würde bedeuten, daß man überhaupt nicht ins Auge fassen will dasjenige, was von ihm gewissenhaft hervorgeholt wird aus den Erscheinungen des Gegenwartslebens. Und ich glaube, schon viele haben gegen das Oswald Spenglersche Buch geredet, die eigentlich nicht dagegen reden dürften. Oswald Spengler, er tritt zunächst als Geschichtsschreiber in seinem Buche auf. Er sagt es selbst, er habe die Niedergangserscheinungen bemerkt wie gesagt schon vor der Weltkriegskatastrophe. Er wollte sich klar werden über die eigentlichen Ursachen, über das Wesen dieser Niedergangserscheinungen. Er war also eine von denjenigen Persönlichkeiten, auf deren Seele die Niedergangserscheinungen lasteten, während die große Masse der Bevölkerung, gerade der sogenannten intelligenten Bevölkerung, noch davon sprach, wie wir es so herrlich weit gebracht haben und wie wir das, was errungen worden ist, überall hintragen wollen in alle Ecken und Winkel der Welt - es hat sich ja für uns gezeigt, welche Kraft wir eigentlich gehabt haben, um dasjenige, was wir geglaubt haben in alle Welt hinaustragen zu müssen, auch wirklich hinauszutragen. Oswald Spengler beschreibt es uns selbst, wie er aus dem Bemerken der Niedergangserscheinungen der Gegenwart darauf gekommen ist, daß man eigentlich in Wahrheit gar nicht über diese Niedergangserscheinungen sachgemäß sprechen kann, wenn man nicht über die ganze Geschichte des Abendlandes spricht, namentlich darüber, welche Gedanken in der abendländischen Kultur leben und wie wir heute imstande sind, gerade aus der geschichtlichen Betrachtung heraus diese Gedanken in uns lebendig, lebendig zur Tat zu machen. Und so erweiterte sich Oswald Spenglers Betrachtung zu einem umfassenden geschichtlichen Buche, das die ganzen Grundlagen des abendländischen Denkens und Fühlens und Empfindens einmal durchforschen will. Oswald Spengler kommt darauf, daß jene naturwissenschaftliche Betrachtung, die seit den letzten Jahrhunderten üblich geworden ist, ja nach und nach auch angewendet worden ist auf die Geschichte, daß diese naturwissenschaftliche Betrachtung — wir haben das ja von dem Gesichtspunkt anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft oftmals hier hervorgehoben -, daß diese naturwissenschaftliche Betrachtung eingezogen ist in alles Denken, Fühlen und Wollen derjenigen Teile der Menschheit, die für den Fortschritt überhaupt in Betracht kommen. Aber gerade an der Geschichte, an demjenigen, was die [naturwissenschaftliche Betrachtung der] Geschichte nicht gibt, wie sie nicht aufklärt über die eigentlichen Ursachen des historischen Geschehens, gerade daran wird es Oswald Spengler klar, wie verfehlt die ganze geschichtliche Betrachtungsweise in den letzten Jahrhunderten bis zur Gegenwart geworden ist. Das, meine sehr verehrten Anwesenden, ist wahrhaftig auch in praktischer Beziehung für die Gegenwart nicht ohne Bedeutung, denn wir werden nachher sehen, wie in weitesten Kreisen gerade aus den geschichtlichen Vorurteilen heraus Wirklichkeit gemacht werden soll. Wir werden an einem charakteristischen Beispiel, an dem räte-ungarischen Oberwirtschaftskommissar Eugen Varga, zeigen, wie dasjenige, was Oswald Spengler als geschichtliches Denken verfolgt, tatsächlich praktische Wirklichkeit werden will. Schließt dasjenige, worauf Oswald Spengler sehr klar hinweist, nur Niedergangskräfte ein, dann muß die Betrachtungs- und Denkweise, die sich nur der Gedanken und Ideen bedient, die aus dieser Betrachtung des Niedergangs kommt, auch auf dem Gebiete des sozialen Organismus nur Niedergangserscheinungen schaffen.
In einem Menschen wie in Professor Eugen Varga ist inkarniert, ist Fleisch geworden diejenige Denkweise, von der Oswald Spengler findet, daß sie nur sich anlehnt an das, was mit dem Beginn des dritten Jahrtausends in den Niedergang des ganzen Abendlandes führen muß. Wenn man nur das, was da beobachtet wird als Niedergangserscheinungen, in beschleunigtem Tempo zusammenfaßt zu einem sozialistischen Programm, dann mit der Energie eines Professors Eugen Varga damit vor die Welt tritt, dann trägt man in kurzer Zeit auch etwas zusammen, was zum Niedergang führen wird. Man trägt das zusammen, das heißt man schafft den Keim eines Niedergangssozialgebildes. Solch ein soziales Gebilde hat Eugen Varga in Räte-Ungarn geschaffen, solche Niedergangsgebilde schaffen die Genossen des Professors Eugen Varga, die Lenins und Trotzkis, in Osteuropa. Das dehnt sich aus immer mehr und mehr über Asien. Das heißt aber nichts anderes als: Man beobachtet an dem Kulturfortschritt des Abendlandes die Niedergangserscheinungen, impft sie ein dem sozialen Organismus, und dann braucht man sich nicht zu wundern, wenn diese Erscheinungen - von denen ein Wissenschafter bewiesen hat, daß sie zum Niedergang des ganzen Abendlandes führen -, wenn diese Erscheinungen konzentriert als sozialistische Ideen in kurzer Zeit zum Niedergang desjenigen führen, was man vorgibt aufbauen zu wollen. Deshalb hängen diese Dinge allerdings zusammen: die Oswald Spenglerschen Betrachtungen und die Eugen Vargaschen Erfahrungen. Und es ist sehr wohl an der Zeit, daß derjenige, der sich im Ernst mit den Angelegenheiten der Gegenwart befaßt, sich von praktischen Gesichtspunkten aus mit ihnen befaßt; es ist an der Zeit, daß er sich, ich möchte sagen durch die Tore, die in solchen öffentlichen Auslassungen und Offenbarungen liegen, demjenigen nähert, was möglich macht eine wirkliche Erkenntnis der tatsächlichen Notwendigkeiten zu einem Aufstieg, zu einem Wiederaufwärtskommen unserer niedergehenden abendländischen Kultur und Zivilisation. Denn gewiß, zunächst ist es so, daß die Seelen schläfrig sind gegenüber den Niedergangserscheinungen. Aber auf der anderen Seite darf es nicht verschwiegen werden, daß es eine öffentliche Frivolität ist, wenn man heute auf solche wie die hier gemeinten Erscheinungen nicht den Blick richten will, sondern in jahrzehntealten Programmen sein Heil sucht und glaubt, man könne etwas anderes als Niedergang bewirken mit diesen Programmen und Ideen. Es ist eine Kulturfrivolität, es ist eine politische Frivolität, die heute im breitesten Maße getrieben wird, wenn man heute nicht den Blick auf solche Erscheinungen richtet.
Nun lernte Oswald Spengler dasjenige kennen, was von mir hier oftmals Goetheanismus genannt worden ist, er lernte kennen die Goethesche Methode, die Natur zu betrachten, gegenüber der Naturwissenschaft, die überall als offizielle an den Universitäten gepflogen wird und von da ausstrahlt auf die unteren Lehranstalten und die [durch Anwendung auf die Geschichtsschreibung] die Geschichte zu einer Karikatur gemacht hat. Und wozu findet er sich genötigt, indem er die Goethesche Methode, die Natur zu betrachten, kennenlernt? Er findet sich genötigt, anzuwenden diese Goethesche Methode auf die Geschichte, anzuwenden allerdings so, wie er glaubt, daß sie angewendet werden müsse auf die geschichtlichen Erscheinungen. Goethes Methode ist weit verschieden von demjenigen, was heute offiziell naturwissenschaftliche Betrachtungsweise ist. Goethe betrachtet in der Natur nicht so philiströs mechanisch, pedantisch einen bloßen Zusammenhang von Ursache und Wirkung; er betrachtet, indem er heraufsteigt in das Reich der Lebewesen, wie das Lebewesen auslebt sein Entstehen, seine Geburt, sein Jungwerden, sein Reifwerden, sein Altwerden, sein Sterben. Und man braucht nur zu lesen seine Abhandlung vom Jahre 1790, seinen Versuch, die Metamorphose der Pflanzen zu erklären, um sich zu überzeugen, wie Goethe das Werden der Pflanze aus der Wurzel heraus, von Blatt zu Blatt, im Aufsteigen zu Blüte und Frucht betrachtet, um zu sehen, wie er die Natur in ihrem lebendigen Werden anschaut, wie jedes Blatt das Sinnbild des Andersgestalteten ist, wie das Urorgan nur metamorphosiert ist im Blütenblatt, im Staubgefäß, ja sogar im Keim. Angeregt durch diese Goethesche Morphologie, durch diese Gestaltungslehre der Lebewesen, macht sich Oswald Spengler daran, das geschichtliche Werden der Menschheit selber zu betrachten nach dem Muster dieser Ideen Goethes von der organischen Natur. Da kommt er dann darauf, [die Kulturen] ebenso anzusehen, wie man ansieht Werden und Wachsen eines organischen Lebewesens, einer Pflanze, eines Tieres oder auch des physischen Menschen, anzusehen das Geborenwerden, das Wachsen, das Reifen, das Altern, das Sterben der Kulturen; und er betrachtet das Geborenwerden, das Wachsen, das Reifen, das Altern, das Sterben der persischen, der ägyptischen, der babylonischen, der griechischen, der römischen Kultur, er betrachtet es, indem er die einzelnen Erscheinungen dieser Kulturen so ins Auge faßt, wie Goethe ins Auge faßte die einzelnen Organe eines Lebewesens. Und er faßt nun ins Auge dasjenige, was die Kultur des Abendlandes bisher hervorgebracht hat; er vergleicht - so, wie auch derjenige, der Lebewesen studiert, ein Lebewesen mit dem anderen vergleicht — er vergleicht das, was die Kultur des Abendlandes bisher hervorgebracht hat, mit demjenigen, was die griechische, die römische und so weiter Kultur in alten Zeiten bis zu einem gewissen Punkte ihrer Entwicklung hervorgebracht hat. Und dann kann er ausrechnen, wo die gegenwärtige Kultur des Abendlandes steht, weil man vergleichen kann diesen ihren Standpunkt mit dem entsprechenden Standpunkt des Persertums, des Ägyptertums, des Griechentums und so weiter; man kann ausrechnen, wann die gegenwärtige Kultur des Abendlandes zugrunde geht, weil man weiß, wie lange die alten Kulturen gebraucht haben, bis sie zugrunde gegangen sind.
Das alles wird fruchtbar, weil Oswald Spengler bricht mit der philiströsen Methode der Betrachtung der Geschichte, und er hat den Mut zu brechen mit ihr, er hat den Mut zu sagen, was die Geschichte geworden ist in ihrer Anbindung an die bloßen naturwissenschaftlichen Ideen; er hat den Mut, zum Beispiel zu sagen: Die bisherige Form der geschichtlichen Betrachtungsweise hat die formale Betrachtung der Historie auf einem Niveau gehalten, dessen man sich in anderen Wissenschaften geschämt hätte. - Warum meint er dies? Aus dem Grunde, weil er meint, es sei notwendig, daß man in der Geschichte nicht anwendet die tote Methode, die für das mineralische Reich und anderes Leblose paßt, sondern anwenden muß in der Geschichte eine lebensvolle Methode, indem man die eine Kulturform mit der anderen vergleicht. Allerdings, man muß dann ein Mensch von so universellen Kenntnissen sein wie Oswald Spengler, man muß imstande sein, die Errungenschaften der verschiedensten Gebiete der Wissenschaft und Kunst und Technik der verschiedensten Zeiten und Kulturen miteinander zu vergleichen; man muß zum Beispiel den Stil in der Baukunst irgendeiner Kulturperiode vergleichen können mit den Methoden in der Optik, der Chemie und so weiter - das heißt, man muß einen umfassenden Blick haben über dasjenige, was wirklich geschehen ist, und den hat Oswald Spengler, und er hat ihn so, wie ihn einer hat, der den wissenschaftlichen Geist der Gegenwart ganz beherrscht. So kann er vergleichen - wie sonst das Auge vergleichen kann eine Pflanze mit einer anderen, ein Tier mit einem anderen —, so kann er vergleichen dasjenige, was zum Beispiel der Mathematiker schafft in einer Kulturperiode, mit demjenigen, was der Musiker schafft; er kann vergleichen, was der Physiker am Experimentiertisch verrichtet, mit dem, was der sozialistische Agitator in derselben Zeit als Kulturform bezeichnet; er kann vergleichen das, was der Chemiker sagt, mit dem, was der Maler auf die Leinwand zaubert. Das heißt, er kann wirklich eine morphologische Betrachtungsweise anwenden: Er kann vergleichen, er kann den Vergleich, die Analogie, wie er glaubt, zu einer wissenschaftlichen Methode [gestalten], und aus dieser Anwendung des Vergleiches, der Analogie — die die anderen nur wie an einem Gängelband der Phantasie anwenden -, findet er strenge Methoden, um aus den oberflächlichen Geschehnissen der Geschichte, die gewöhnlich einzig und allein betrachtet werden, zu schließen auf die tieferliegenden Ursachen. Das tut er in seiner Weise, und es ist interessant, zu welchen Ergebnissen Oswald Spengler mit seiner Genialität und seinem Wissen und seinem Mute kommt. Er kommt wahrhaftig dazu, hinauszudringen über das, was die Geschichte eigentlich heute geworden ist unter den Händen derjenigen, die diese Geschichte zumeist vom Standpunkt irgendeiner Partei behandeln und das gar nicht einmal merken. Wie spötteln die heutigen Geschichtsbetrachter selbst vor ihren Mittelschülern schon darüber, daß zur Zeit Herders und Goethes die Menschen geschildert haben einen Brutus, einen Cäsar, einen Marc Antonius, einen Alexander, einen Perikles so, wie sie diese für ihre Ideale gebraucht haben, wie sie irgendeine ideale Persönlichkeit gebraucht haben, um sie entweder in ihrer vorzüglichen, engelhaften oder auch ruchlosen Natur hinzustellen. Die heutigen Geschichtsbetrachter glauben, in der Geschichtsbetrachtung hinaus zu sein über all das, was da am Ende des 18. und am Beginn des 19. Jahrhunderts von dem Persönlichen, Menschlichen hineingetragen worden ist in die geschichtliche Betrachtungsweise. Oswald Spengler wirft ihnen mit Recht ins Gesicht: «Sie spötteln über Historiker der Goethezeit, wenn sie ihre politischen Ideale ausdrücken, indem sie eine Geschichte des Altertums verfassen und mit dem Namen Lykurg, Brutus, Cato, Cicero, Augustus, durch deren Rettungen oder Verurteilungen das eigene Programm oder eine persönliche Schwärmerei decken; aber sie selbst können kein Kapitel schreiben, ohne zu verraten, welcher Parteirichtung ihre Morgenzeitung angehört.» Man muß schon oftmals dasjenige, was im Bewußtsein der Menschen der Gegenwart lebt, gerade auch der Intellektuellen, auch der scheinbar auf dem Gipfel der Wissenschaft Stehenden, man muß das schon so charakterisieren, wie es Oswald Spengler hier charakterisiert hat.
Und Spengler merkt noch manches andere. Spengler merkt zum Beispiel, wie wenig manches aus den Tiefen des Geschehens herausgeholt ist, was in der letzten Zeit als, ich möchte sagen absolute Wahrheit über irgendeine Erscheinung empfunden worden ist. Oswald Spengler macht zum Beispiel aufmerksam auf den ganzen Rummel, der losgegangen ist über Ibsens «Nora» seinerzeit. Da glaubten jene braven bürgerlichen Leute, die just diesem Milieu angehörten und nur dieses Milieu kannten, aus dem so etwas wie Ibsens «Nora» hervorging, da glaubten sie, sie könnten das ganze Problem der Weiblichkeit in ihre Sphäre hereinziehen. Oswald Spengler sagt: Wie komisch wirken Ibsens Frauenprobleme, wenn man anstelle der berühmten Nora zum Beispiel Cäsars Frau setzt. Wissen sie denn nicht, daß sie im Grunde genommen nur etwas Spärliches ins Auge fassen: die nicht über die bürgerlichen Schranken zwischen 1850 und 1950 - denn dann werden sie verschwunden sein — hinausgehende Dame. Es ist schon viel, wenn ein Mensch der Gegenwart, der ernst genommen werden muß wie Oswald Spengler, diese Dinge den Menschen entgegenschleudert, die so gerne, ich möchte sagen vor lauter Wohlgefallen über ihre eigene Bildung, sich nun oftmals - unausgesprochen oder ausgesprochen in merkwürdiger Weise mit Selbstlob und Selbstgefallen belegen, wie sie so herrlich viel wissen über die tiefsten Geheimnisse der Welt, und die dabei nicht ahnen, daß diese Geheimnisse nichts anderes sind als die europäischen Oberflächlichkeiten zwischen 1850 und 1950.
Es wäre furchtbar, wenn die Gegenwart nichts aufbringen könnte, um in wirksamer Weise gegen das ernstzunehmende Rüstzeug des Oswald Spengler aufzufahren. Und da muß, meine sehr verehrten Anwesenden, auf manches hingewiesen werden, was nun seit einer Reihe von Jahren - eigentlich darf ich schon sagen seit Jahrzehnten - auch hier in Stuttgart vom Gesichtspunkt anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft vorgebracht worden ist. Sehen Sie, es wurde oftmals hier auf eine bedeutsame Tatsache hingewiesen, auf die Tatsache, daß man ja eigentlich ganz falsch ansieht, wie die Naturwissenschaft auf den abendländischen Kulturprozeß in den letzten drei bis vier Jahrhunderten gewirkt hat. Man glaubt, diese Naturwissenschaft sei durch Kepler, Kopernikus, Galilei und so weiter so heraufgekommen - all das ist in weitesten Kreisen, insbesondere in Gelehrtenkreisen, ein herrschender Glaube -, daß man von ihr lernen müsse, wie man in die Wirklichkeit eindringt. Man glaubt, man müsse an der Naturwissenschaft sein Denken schulen, denn an ihr könne man sehen, wie richtig gedacht wird, wie exakt gedacht wird, und daher müsse man alles andere, was im Leben vor einem auftritt, nach dem Muster dieser Betrachtungsweise ansehen.
Geisteswissenschaftliche Betrachtungen führen zu einer anderen Erkenntnis. Diese geisteswissenschaftlichen Betrachtungen, sie tun das, worauf, ich möchte sagen in spärlicher Weise Oswald Spengler aus seinen auch nur oberflächlichen Betrachtungen des Goetheanismus verfällt, sie tun das in tieferer Weise. Längst bevor irgendwie von dem Namen Oswald Spengler geredet werden konnte, wurde hier in den wesentlichsten Grundlagen der ganzen Entwicklung der abendländischen Kultur auf etwas anderes hingewiesen. Es wurde darauf hingewiesen, daß allerdings dasjenige, was geschehen ist in der Entwicklung dieser abendländischen Kultur in den letzten drei bis vier Jahrhunderten, nur begriffen werden kann, wenn man sich aus geisteswissenschaftlichen Untergründen heraus einen wirklichen Überblick verschafft über den Gang der ganzen Menschheitsgeschichte. Da wurde auch hier in öffentlichen Vorträgen schon wiederholt darauf hingewiesen, wie ganz anders geartet war — bis ins 7., 8. Jahrtausend zurück muß man gehen, wenn man sie finden will - eine altindische Kultur, wie ich sie in meiner «Geheimwissenschaft» genannt habe. Ich habe darauf hingewiesen, wie anders geartet eine solche urindische, wie anders geartet auch eine urpersische, eine urägyptisch-babylonische, eine griechisch-lateinische Kultur war, und wie, nachdem diese Kulturen geboren worden waren, jung geworden waren, reiften und starben, wie da hervorgegangen ist unsere Gegenwartskultur, die fünfte Kulturepoche nach der großen atlantischen Katastrophe - unsere Gegenwartskultur, von der die Menschen in der verschiedensten Weise reden. Und wiederum wurde gezeigt, wie innerhalb dieser unserer Gegenwartskultur seit der Mitte des 15. Jahrhunderts das intellektualistische Element, das Verstandeselement heraufkommt und wie in der Menschheitsentwicklung das Heraufkommen dieses Intellekts - denn vorher hat nicht der Intellekt die vorzüglichste Erkenntniskraft des Menschen bedeutet -, wie das Heraufkommen dieses Intellekts für die ganze Heranerziehung der Menschheit, namentlich im Abendlande, etwas besonderes bedeutet.
Meine sehr verehrten Anwesenden, wenn man die ganze Konfiguration - gerade das, was Oswald Spengler anstrebt, aber nicht erreicht -, die Morphologie früherer Kulturepochen, sich geisteswissenschaftlich vor Augen führt, so weiß man: Großes, Gewaltiges, Ehrfurchterweckendes haben diese alten Kulturen hervorgebracht, indem sie geboren wurden, jung wurden, reif wurden, alterten und starben. Aber dasjenige, wozu unsere Kultur berufen ist, was sie aus den tiefsten Tiefen des menschlichen Seelenlebens an die Oberfläche des äußeren Kulturlebens zu tragen hat, das ist das Heranreifen der wahren Freiheitskraft im Menschen. Deshalb versuchte ich, dasjenige, was hervorquellen muß aus den Untergründen des menschlichen Seelenlebens, im Beginne der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts in meinem Buche «Die Philosophie der Freiheit» darzustellen. Nach diesem Erleben der Freiheit, nach dem Erleben der Freiheit im reinen Intellekt, denn in nichts anderem kann die Freiheit erlebt werden - obwohl anderes im menschlichen Wesen auch wertvoll ist -, nur im reinen Denken kann die Freiheit erlebt werden und dann ausstrahlen auf das ganze übrige Wesen des Menschen. Die Menschheit mußte alles das, was sie früher an Mystik, an Okkultismus, an Theosophie aus dem Instinkt heraus wie eine Erkenntnis an die Oberfläche getragen hat, all das mußte die Menschheit abstreifen. Es ist heute unmöglich, das, was die Menschheit an alter Astrologie, Mystik, Theosophie, Gnosis erworben hat und was für eine alte Erkenntnis durchaus brauchbar war, das etwa wieder aufwecken, wiederum aufwärmen zu wollen. Was uns heute obliegt, ist, aus dem gegenwärtigen Entwicklungsstandpunkt der Menschheit gerade dasjenige hervorzuholen, was zum Freiheitsbewußtsein führt: das Ergreifen der menschlichen Wesenheit im reinen Denken. Wenn man aber dieses menschliche Wesen im reinen Denken ergreift, dann muß aus diesem Denken heraus geboren werden eine ganz neue geistige Welt. Niemals wurde in alten Kulturen aus dem reinen Denken heraus dasjenige geboren, was wir überliefert haben an geistigen Schätzen, an spirituellen Erkenntnissen. Erst in unserer Zeit kann aus dem reinen Denken heraus eine wirkliche Erkenntnis des Geistes geboren werden, denn diese Erkenntnis des Geistes muß aus dem reinen Denken heraus geboren werden, weil nur auf solche Art der Mensch zu gleicher Zeit im ganzen Entwicklungsgang der Menschheit zur Freiheit, zum wirklichen Freiheitsbewußtsein, das ihm von jetzt ab gebührt in der Erdenentwicklung, heranreifen kann. Und alles, was wir heute an furchtbarer Gegenwart erleben, an Niedergangserscheinungen erleben, es kommt davon her: Weil die Menschheit aus den untersten Tiefen ihres Seelenlebens die kristallhelle Klarheit des Denkens zum Erobern der Freiheit ergreifen soll und weil die Menschheit zu der Stärke, die dazu notwendig ist, heranreifen soll, daher entfallen ihr die alten Wirklichkeiten; sie entfallen ihr zunächst, gehen in den Niedergang hinein, und der Weg muß gesucht werden, wie aus den zerbröckelnden Trümmern des alten Kulturlebens der menschliche Wille aufsteigt, der sich lichtvoll durchdringt mit dem reinen Denken und so zur Freiheit heranwächst.
Um die Freiheit zu erobern, um uns selbst ganz im Innern zu finden, müssen wir aus dem Chaos, aus den Trümmern des äußeren Lebens die menschliche Größe aus dem Inneren heraus gebären. Deshalb entschwand der Menschheit zunächst der Blick für das, was nun wirklich wesenhaft beherrschen könnte das äußere Leben, und es kam gerade in der Zeit, die dahin drängt, das Freiheitsbewußtsein zu erwecken, es kam nur eine tote Naturwissenschaft zustande. Und das, was da an Naturwissenschaft zustande kam, es war nicht etwas, wovon man lernen konnte das eigentlich fortschrittliche Denken, sondern es war etwas, was die Menschheit als Schwäche überfallen hat. Daß sie die Freiheit erringen muß, das kommt als Schwäche in der naturwissenschaftlichen Betrachtung zum Vorschein. Die Naturwissenschaft ist schwach geworden, weil die Kraft auf eine andere Seite hin gewendet werden muß. Aus den in dem Menschen liegenden Erziehungskräften heraus hat die Naturwissenschaft selbst ihre Gestalt bekommen. Wie die Naturwissenschaft geworden ist, das hängt zusammen mit den Kräften in der Entwicklung der Menschheit. Es ist nicht so, daß diese Kräfte lernen müßten von demjenigen, was die Naturwissenschaft geworden ist.
Nun kommt Oswald Spengler darauf: Man kann ja mit demjenigen, was die Naturwissenschaft hervorgebracht hat an Ideen, gar nicht in das historische Werden eindringen. Es kommt wirklich darauf an, daß man den Vergleich notwendig hat, um von dem Äußeren der historischen Ereignisse auf das tiefere, innerliche Geschehen zu kommen. Aber — und das müssen wir scharf ins Auge fassen: Ja, Oswald Spengler merkt, was der heutigen geschichtlichen Betrachtungsweise, was der Betrachtungsweise der ganzen Menschheit fehlt, er merkt das scharf und klar, und er merkt sogar, daß nur diejenige Betrachtungsweise, die im Goetheanismus zutage getreten ist, heraushelfen könnte aus all den Begrenztheiten der naturwissenschaftlichen Betrachtungsweise. Aber nun ist Oswald Spengler ein Geist, der selbst - trotzdem er universell die gegenwärtigen Wissenschaften beherrscht - tief drinnensteckt, nicht in der Denkweise, die von der Naturwissenschaft erzeugt ist, aber in der Denkweise, die seit der Mitte des 15. Jahrhunderts die Naturwissenschaft erzeugt hat; und er kann sich nicht herausentwickeln zu dem, was aus den Tiefen der menschlichen Seele nun diese naturwissenschaftliche Betrachtungsweise überwinden könnte. So ist Oswald Spengler genial zu der negativen [Erkenntnis gekommen]: Ja, wir kommen, wenn wir die Naturwissenschaft zum Tatleben werden lassen nur dazu, den Niedergang herbeizuführen. Er kommt dazu zu behaupten: Was gibt uns die heutige Naturwissenschaft? Sie gibt uns den Beweis, daß das Abendland im Beginne des dritten Jahrtausends mit seiner jetzigen Kultur am Ende sein muß. — Aber nun kann er das, was zur Naturwissenschaft geführt hat, in sich doch nicht überwinden. Recht muß man ihm geben: Mit denjenigen Ideen, die in dem naturwissenschaftlichen Erkennen leben, kann man nur zu Unproduktivem in den sozialen Ideen der Gegenwart kommen. Man muß aufsteigen zum Vergleich, zum Bild, zur Allegorie, um daraus die tieferen historischen Kräfte zu erkennen. Aber wenn der Vergleich, die Allegorie, nicht bloß ein Phantasiebild und das Bild nicht bloß Produkt der Einbildungskraft sein soll, wenn Bild und Vergleich, Allegorie und Symbol im Sinne Spenglers nicht überhaupt etwas nur von der Phantasie Geschaffenes sein soll, dann muß eine reale Kraft aus der Seele aufsteigen, die bei Oswald Spengler nicht aufsteigt. Die realen Kräfte -— die Methoden, wie man Erkenntnis der höheren Welten erlangt, sind ja hier geschildert worden -, diese Kräfte müssen entwickelt werden, wenn man Bild, Allegorie, Symbol, Symptom, wie Oswald Spengler sie verwendet, überhaupt ernsthaft für die Betrachtung des Weltgeschehens verwenden will. Das heißt mit anderen Worten: Oswald Spengler ist ein Mensch, der herausstrebt aus dieser Betrachtungsweise, weil er fühlt das Ungenügende der gegenwärtigen Betrachtungsweise gegenüber der Menschheitsentwicklung; er weiß, es müssen andere Ideenformen angewendet werden, vor allen Dingen auf die Geschichte, er will aber nicht diese Ideenformen anwenden, indem er innerlich aus sich heraufruft die Kraft, die einzig und allein diese Ideenformen anwenden darf. Denn das muß gesagt werden: Wenn jemand Bilder, Allegorien, Imaginationen, Symbole anwendet auf die geschichtliche Betrachtungsweise, so bleibt er, wenn er auf dem Standpunkt stehenbleibt, mit dem wir geboren werden, wenn er nicht in sich entwickelt die geistigen Kräfte der Erkenntnis, von denen anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft spricht, so bleibt er ein Spieler mit bloßen Allegorien, bleibt ein Phantast auf historischem Gebiete. Das heißt: Dasjenige, was Oswald Spengler als seine Methode fordert, darf von seinem geistigen Gesichtspunkt aus nicht angewendet werden, sondern es darf erst angewendet werden, wenn man aufsteigt zu demjenigen, was auch hier schon geschildert worden ist als imaginative, inspirative und intuitive Erkenntnis.
Oswald Spengler will Methoden anwenden auf die geschichtliche Betrachtungsweise, die noch durchsetzt sind von dem alten naturwissenschaftlichen Denken, wenn auch nicht von dem naturwissenschaftlichen Geist. Und Oswald Spengler ist einer von denen, die einen roten Kopf bekommen, wenn man von dem spricht, wovon die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft als dem einzigen Ausweg aus dem Niedergang des Abendlandes sprechen muß. Oswald Spengler kommt das, was zum Beispiel an sozialer Orientierung aus diesem anthroposophisch orientierten Untergrund geschaffen wird, vor wie Salonkommunismus und dergleichen. Das heißt, Oswald Spengler zeigt Genialität in bezug auf seine persönliche geistige Kraft, zeigt universelles Denken und Erkennen auf dem Gebiet der verschiedensten Wissenschaften, aber zu gleicher Zeit zeigt er auch die äußerste Borniertheit, wenn es sich handelt darum, solche geistigen Kräfte zu entwickeln, die seine Methode erst in fruchtbarer Weise anwenden können.
Meine sehr verehrten Anwesenden, erst wenn man dies durchschaut, erst dann darf man gegen das von Oswald Spengler über den Untergang des Abendlandes Vorgebrachte sprechen. Dann erst darf man sagen: Jawohl, du hast recht, es sind die Kulturen, die im Laufe des historischen Werdens heraufgekommen sind, so zu betrachten, daß man hinschaut auf ihr Geborenwerden, auf ihr Jungwerden, auf ihr Reifen, auf ihr Altern, auf ihr Sterben. - Jawohl, wenn wir sie so betrachten, die Kulturen, dann zeigt sich auch unsere Kultur so, daß wir ihr den von Oswald Spengler gemeinten Untergang zuschreiben müssen. Aber dann sehen wir nur eine Kultur neben der anderen, wie eine Pflanze neben der anderen, wie einen tierischen Organismus neben dem anderen, wir haben dann nichts von dem, was wir bekommen, wenn wir sie geisteswissenschaftlich betrachten.
Wenn wir die Kulturen geisteswissenschaftlich betrachten, da sehen wir zurück auf die erste Kultur, auf die altindische Kultur — ich habe es in meinem Vortrag über das geschichtliche Werden der Menschheit auseinandergesetzt -, und wir finden, daß dasjenige, was der Mensch damals aus seinem eigenen Bewußtsein hervorbringt, ein Primitives, ein ganz Elementares, ein Einfaches ist. Aber wir finden zu gleicher Zeit das, was der Mensch aus seinen eigenen Bewußtseinskräften hervorbringen kann, von einer ehrfurchtgebietenden Urweltweisheit durchdrungen. Wir gehen zurück und finden die ersten Kulturen auf elementarer Stufe der Entwicklung; wenn wir aber verstehen, was an Urweltweisheit in diesen Kulturen lebt, dann knien wir förmlich nieder vor Ehrfurcht vor demjenigen, was diese Urkulturen durchdrungen hat. Und gehen wir weiter, dann finden wir diese ersten Kulturen von anderen Kulturen abgelöst. Wir finden die Urweltweisheit schon geringer, dasjenige, was der Mensch bewußt hervorbringt, schon höher, und so immer mehr und mehr, bis wir in unserer Kultur, namentlich seit der Mitte des 15. Jahrhunderts ein vollständiges Versiegen der Urweltweisheit finden. Selbst äußerlich drückt sich das aus. Es ist Unsinn, wenn die Menschen glauben, daß sie wissenschaftliches Denken aus dem 10., 11. Jahrhundert verstehen können. Nein, sie können es nicht verstehen, denn da wird eine ganz andere Sprache gesprochen als heute; man muß erst die Denkweise jener Zeit kennenlernen, die hat sich gründlich geändert. Daher ist dasjenige erstorben, was diese früheren Kulturen, allerdings instinktiv, an Urweltweisheit so beherrscht hat, daß die eine Kultur aus der anderen hervorgehen konnte, daß die urindische Kultur hinübersenden konnte den Urweltweisheitskeim in die urpersische Kultur, diese wiederum hinübersenden konnte den Urweltweisheitskeim in die urägyptische, diese wiederum in die griechisch-lateinische Kultur und so weiter. Wir sind aufgerückt — wegen unseres Freiheitsbewußtseins — zu einer Ausgestaltung des reinen Verstandes, des reinen Denkens, aber wir haben verloren die alte instinktive Urweltweisheit.
Betrachten wir wie Oswald Spengler die Natur nur nach ihrer Außenseite, dann müssen wir so sprechen, wie Oswald Spengler über den Untergang des Abendlandes gesprochen hat. Und wir dürfen gegen diesen Untergang des Abendlandes nur sprechen, wenn wir den Mut dazu haben, uns zu sagen: Die alte, instinktive spirituelle Weisheit ist versiegt, in unseren Herzen aber glimmt schon ein neuer Funke, wir gebären aus demjenigen, was wir als Intellekt uns erworben haben, ein neues Geistesleben heraus, das unser Inneres zu neuen Kulturtaten durchdringen kann. Wir glauben nicht nur, sondern wir wissen: In unserem Inneren ist der Keim von Zukünften, nicht bloß von einer Zukunft, und da lernen wir verstehen, wie ganz anders angesehen werden muß dasjenige, was sich in der Historie vollzogen hat, als es Oswald Spengler ansieht. Wir sehen zum Beispiel, wie die alte, vom Süden heraufgekommene griechisch-lateinische Kultur ihrem Ende entgegengeht; sie hat das Christentum aus dem Orient herübergetragen, hat das Geheimnis von Golgatha bewahrt zunächst, dann — was ist mit diesem Geheimnis von Golgatha geschehen? Man verstand es damals noch, weil ein Rest von Urweltweisheit vorhanden war; man verstand dasjenige, was der Ursprung des Christentums war. Dann kamen vom Norden die germanischen Völkerschaften, sie nahmen dasjenige auf, was die altgewordenen Völker entwickelt hatten, die zur Reife und zum Sterben gekommen waren; sie nahmen es in ihr junges Blut auf und gestalteten es um. Diese germanischen Völker waren die letzten, die noch Urweltweisheit aufnehmen konnten. In ihrem Schoß entwickelte sich dann die Menschheit, in welcher diese Urweltweisheit versiegte und die aus der Kraft, die in ihr selbst erzeugt werden muß, ein neues Geistesleben hervorbringen wird. Wird dieses neue Geistesleben nicht hervorgebracht, dann geht die abendländische Kultur in die Barbarei über.
Es handelt sich heute nicht darum, die Außenwelt anzusehen und zu sagen: Ich glaube, da werden noch genügend Kräfte sein, welche das niedergehende Leben wieder anfachen. —- Es handelt sich nicht darum, mit schlafender Seele dazustehen und zu warten, bis da und dort dieses und jenes erscheint, was in der Außenwelt lebt; es führt zum Niedergang. Und mit dem Beweis hat der Oswald Spengler recht, auch wenn die Historiker, über die er lacht, ihm noch so viele Fehler nachweisen; aber gegenüber denjenigen, die aus einem neuen Geistesleben gegen den Untergang des Abendlandes sprechen dürfen, hört er auf, recht zu haben. Denjenigen gegenüber hört er auf, recht zu haben, die da sagen: Ja, in der Außenwelt mag alles niedergehen und wird niedergehen. Aber wir können etwas finden, was noch nicht da war: Wir können aus unserem Willen, wenn wir ihn mit reinen Gedanken durchleuchten, eine neue Welt aufrichten, eine Welt, die man heute nicht sieht, die man aber wollen muß. Und zu solchem Wollen hat man nur die Kraft, wenn man dieses Wollen durchdringen, durchsetzen will mit demjenigen, was durch spirituelle Erkenntnis gewonnen werden kann als Durchkraftung, als Impulsierung dieses Wollens — auf Wegen, die hier oftmals geschildert worden sind. -— Und daher appelliert man heute nicht an den unbestimmten Glauben, daß doch immer wieder und wiederum Kräfte da waren, die neue Kulturen hervorgebracht haben. Nein, heute muß man Oswald Spengler recht geben: Ja, die Tatsachen beweisen den Niedergang, und Oswald Spengler faßt nur die Tatsachen zum Beweis zusammen. Man muß ihm recht geben, wenn man nicht die Gewißheit hat: Der Wille, der von dem Geiste angefacht ist, von dem anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft spricht, der wird nicht Theorien, nicht Anschauungen, nicht Begriffe und Ideen, die falsch sind, widerlegen, sondern der wird bekämpfen die Niedergangstatsachen durch seinen eigenen Tatsachensinn. Wir haben heute nicht Theorien zu widerlegen, nicht falsche Anschauungen zu widerlegen, wir haben heute aus dem Wahren heraus die Tatsachen zu überwinden. Das ist es, was allein berechtigt, gegen den Untergang des Abendlandes zu sprechen. Und das zeigt uns zugleich, wie man aufzufassen hat eine solche Idee wie die Oswald Spenglersche die Idee, daß ja die westlichen, die mitteleuropäischen Völker mit allem, was sie hervorgebracht haben, schon am Ende sind und daß die russische Bevölkerung - ich habe das ja schon lange vor Oswald Spengler immer wieder und wieder gesagt -, daß diese russische Bevölkerung den Kern, den wahren Zukunftskeim zum zukünftigen Europa, enthält; das ist richtig - der Bolschewismus bietet natürlich das Gegenteil, er ist dasjenige, was zugrunde richten wird die russische Bevölkerung. Aber wie denkt sich Oswald Spengler den Vorgang der Zukunft? Er denkt sich, daß diese abendländische Kultur verschwinden wird und daß dasjenige, was in Rußland aufsteht, dann an die Stelle des in Mitteleuropa Befindlichen treten werde. - Nein, hat man den Kern der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft erfaßt, dann sagt man ein anderes, dann sagt man: Wie die germanischen Völker den Kern des Christentums in ihrer Art empfangen haben, wie sie nichts aus ihrem jungen Blute hätten entwickeln können, wenn nicht von Süden her das Geheimnis von Golgatha erschienen wäre, so muß aus diesem Mitteleuropa das entgegenleuchten der von Osten kommenden Kultur, was wir selbst aus einem neuen Geistesleben entwickeln. Nicht darum handelt es sich, daß ein im Oswald Spenglerschen Sinne fremdes Russentum West- und Mitteleuropa überschwemmt mit etwas, was dann jung ist gegenüber dem, was gestorben ist. Nein, es handelt sich darum, daß dieses Russentum etwas finden muß, was wir selber erzeugen als ein neues Geistesleben, etwas, was dieses Russentum so empfangen muß, wie die germanischen Völker mit ihrem jungen Blute das Mysterium von Golgatha empfangen haben. Die Zukunft auch des Zukunftsrüchtigen hängt davon ab, daß wir an unserem Untergang des Abendlandes nicht sterben, sondern daß wir das unsterbliche Teil in uns zur Entfaltung bringen durch ein neues Geistesleben; nur wer von einem solchen spricht, darf gegen den Untergang des Abendlandes reden.
Daher zeigt sich überall da, wo die alten Gedanken heute fortleben, sich konservieren, namentlich dann, wenn aus ihnen sozialistische Theorien werden, da zeigt sich, daß man den Niedergang nicht nur beobachtet, ihn nicht nur zuläßt, sondern daß man dann den Niedergang züchtet. Und in dieser Beziehung ist es außerordentlich interessant zu sehen, wie der Minister für wirtschaftliche Angelegenheiten in Räte-Ungarn, der Professor Eugen Varga, seine Erfahrungen gemacht hat, die er schildert in seinem eben in dem Wiener Genossenschaftsverlag der «Neuen Erde» erschienenen Buch «Die wirtschaftspolitischen Probleme der proletarischen Diktatur». Er schildert da, wie er seinen Prinzipien nach ungefähr ein solcher Marxist ist, wie in noch etwas radikalerem Formate Lenin und Trotzki sind, und mit diesen bis zur Stierhaftigkeit sich gestaltenden Kräften will er nun eine Ordnung, eine wirtschaftliche Ordnung in Ungarn einrichten. Ich will nur in ein paar kurzen Strichen hervorheben, wie er auf der einen Seite ein richtiger Marzxist ist. Er glaubt: Wenn man die Welt marxistisch macht, so wird sie wirklich, also mache ich Ungarn zunächst marxistisch und wirklich. Er weiß, daß das städtische Industrieproletariat es war, welches getragen hat die marxistischen Ideen, und er weiß, daß das, was er begründen will, nur aus den Ideen geboren werden kann, auf die das städtische Industrieproletariat schwört. Aber er muß eines gleich konstatieren, er sagt: Ja, der ganze Glaube dieses städtischen Proletariats geht dahin, daß die Zukunft abhängt davon, daß man die marxistischen Ideen praktisch verwirklicht. Aber wenn man solche Einrichtungen trifft, wird zunächst als erstes die städtische Bevölkerung und damit das städtische Industrieproletariat brotlos und unglücklich werden. Die einzigen, die auf einen grünen Zweig kommen, sind die Bauern draußen; denen kann es, wenn man die Dinge so einrichtet, wie wir sie einrichten wollen, etwas besser gehen; den Proletariern in den Städten winkt zunächst nur Verarmung, ungeheure Teuerung, winkt zunächst nur der Untergang. — Wie sagt sich nun Professor Eugen Varga als echter Marxist? Er sagt sich: Die Größe eines Ideals zeigt sich daran, daß man auch dafür hungern kann. — Wenn aber das Ideal den Leuten versprochen hat, daß, wenn es erfüllt wird, sie gerade nicht hungern müssen, dann ist es fraglich, ob sie dann wirklich so gerne hungern, wenn es sich nicht erfüllt. Und Varga hätte abwarten müssen, ob es nicht [sich herausstellt, daß] aus inneren Gründen heraus sein Räte-Ungarn zugrunde gegangen wäre. Er hat allerdings die Ausrede, daß es dazu nicht gekommen ist, weil er auf die Rumänen-Einfälle und andere äußere Gründe hinweisen kann; und so findet er noch allerlei anderes, was er als seine Erfahrungen anführt.
Und es ist gerade interessant, auf diese Erscheinungen hinzuweisen, weil man es zu tun hat mit einem, der Praktiker werden durfte, der zeigen konnte, wie sich die verbohrten Theorien, die man gerade für das Praktische hält, verwerflich, verderblich ausnehmen, wenn man sie in die Wirklichkeit übertragen will. Und so weiß auch der Professor Eugen Varga vieles Schöne zu erzählen über seinen Marxismus. Aber er schildert dann auch, wie er seine Betriebsräte einsetzt, wie alles gewählt wird aus der Arbeiterschaft heraus, wie da die Stellen in den Fabriken besetzt werden, die Aufseherstellen sind und so weiter. Er sagt: Man muß dabei den alten Bürokratismus vermeiden. — Was er aber schildert, ist Bürokratismus. Aber er sagt: Dasjenige, was in der Gegenwart knüppeldick auftritt, das wird in der Zukunft schon alles furchtbar schön werden. Da wird erzählt: Ja, in der Gegenwart macht man allerdings schlimme Erfahrungen; denn diejenigen, die gewählt worden sind, daß sie die Betriebe beaufsichtigen sollen, die lungern so herum, disputieren nur, und die anderen, die noch arbeiten sollen, finden, daß sie alle selber in die Aufsichtsstellen gewählt werden sollten, weil ihnen dieses Herumlungern und Disputieren als ganz besonderes Ideal erscheint. - Das also schildert Professor Eugen Varga, der Einrichter der Rätediktatur in Ungarn. Er merkt nicht, daß er in einem einzigen Satze, auf Seite 47 seines Buches, eine bedeutsame Wahrheit ausspricht. Ich gestehe Ihnen ganz frank und frei, sein Buch ist mir eine außerordentlich interessante Erscheinung der Gegenwart, weil in dem Professor Eugen Varga dasjenige, was der Oswald Spengler als die Niedergangserscheinungen betrachtet, sich in sozialistische Ideen verwandelt. Schon in seinen Ideen darinnen ist die Niedergangskraft, so daß durch solche Leute wie Professor Eugen Varga den Menschen die Niedergangskraft eingeimpft wird. Wenn man die Kultur sich selbst überläßt, wenn man herangeht, zu doktern mit solchen Ideen auf solchen Gebieten, wie es Lenin und Trotzki und andere im Osten und in Asien machen, dann drängt man konzentriert zum Untergang, so daß dann die Geschichte rasend schnell in die vollständige Zerstörung hineingeht. So ist mir das Buch eines Mannes wie Eugen Varga, der Praktiker sein will und dabei die Theorie vom Niedergang des Abendlandes in seine Praxis hineinbringt, es ist mir kulturhistorisch interessant, denn dieses Buch ist nicht bloß Literatur, es ist etwas, was das Tatenleben zum Ausdruck bringt.
Aber was ist eigentlich daran interessant? Ich muß sagen: So interessant das Buch ist — was mich eigentlich am meisten interessiert, ist nur ein einziger Satz, der sich auf Seite 47 des Buches von Professor Eugen Varga findet. Der Satz hat mich sogar überrascht. Da schildert er, wie er seine Betriebsräte bildete, wie oben der Produktionskommissar ist und wie die einzelnen Kommissare so sind, wie der echte Marxist sich das vorstellt. Diese Produktionskommissare bilden die Vermittlung zwischen den Betriebsräten und dem obersten Wirtschaftsamt. Nun findet sich über diese Kommissare auf Seite 47 seines Buches ein merkwürdiges Geständnis. Sehen Sie, da sagt er: Dieses System — er meint sein Rätesystem — entspricht allen vier oben genannten Forderungen, wenn die Person des Produktionskommissars eine entsprechende ist. - Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, wenn man an alle Stellen die entsprechenden Persönlichkeiten bringt, dann braucht man auch keine sozialistischen Ideen in die Wirklichkeit umzusetzen, denn dann werden alle Forderungen durch diese Persönlichkeiten erfüllt. So springt aus einer Ecke der Betrachtungen dieses Praktiker sein wollenden abstrakten Theoretikers dasjenige heraus, was er bewußt ganz gewiß nicht hat gestehen wollen. Seine vier Forderungen sind: 1. aus der Arbeiterschaft heraus müssen die Räte gewählt werden, 2. die Einrichtung von Wirtschaftskommissariaten, 3. daß das Ganze nicht bürokratisch sei und 4. daß alle einzelnen Menschen einschließlich der Lehrer politisch zuverlässig sein müssen. Diese Forderungen werden erfüllt - wann? Wenn die Person des Kommissars eine entsprechende ist. - Das Wirtschaftssystem des Professors Eugen Varga wird selbstverständlich nur den Kommissar zuverlässig finden, der geradeso Marxist und Leninist ist wie Varga selbst. Da sieht man, wie diese Leute mit der Wirklichkeit rechnen. Sie schildern nicht bloß - so wie die Historiker die alten Helden, einen Alexander, einen Perikles schildern - nach den politischen Begriffen, die ihre Morgenzeitung enthält - nein, sie möchten die Menschen so formen nach dem, was ihre Morgenzeitung enthält. Da haben wir das, was Oswald Spengler als die Hauptursache des Niedergangs findet, in die unmittelbarste Praxis übertragen, und das Allerwichtigste der Praxis wird einfach nicht gesehen. Das, meine sehr verehrten Anwesenden, ist dasjenige, was zu einer Beantwortung der Frage führt: Wer darf gegen den Untergang des Abendlandes reden?
Wir leben in einer Zeit, in der nur derjenige gegen den Untergang des Abendlandes sprechen darf, der fühlt in seiner Seele, daß es eine geistig orientierte Wissenschaft gibt, welche den Willen anfachen kann, so daß Kräfte entstehen, die vorher nicht da waren. Diejenigen, die nur die vorher daseienden Kräfte betrachten wie Oswald Spengler oder die draußen wirken wie der Professor Eugen Varga, können entweder nur den Niedergang sehen oder müssen ihn selbst bewirken. Wer darf gegen den Untergang des Abendlandes sprechen? Derjenige darf gegen den Untergang des Abendlandes sprechen, der die menschliche Tat fordert, die aus dem neugeborenen Geistesleben stammt. — So muß heute die Frage klipp und klar beantwortet werden, und so versucht es seit Jahren die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft.
Als ich nahe am Schlusse des Schuljahres der Freien Waldorfschule in den einzelnen Klassen die Ergebnisse des Unterrichtes an den Schülern beobachtete, da konnte ich sehen - ich habe ja schon einiges erwähnt davon -, wie zum Beispiel Dr. Stein an die 7. und 8. Klasse in der Geschichte herangebracht hat aus der Betrachtung des aufgehenden Geisteslebens heraus ein Wollen, das gegenübergestellt wird den versiegenden Kräften. Ich habe anderes erwähnt, was als gute Früchte unserer Geisteswissenschaft in die Waldorfschule hineinleuchtet. Ich möchte heute nur anführen, daß ja die Leute draußen spotten, besonders dann, wenn gesprochen wird — wie aus der Geisteswissenschaft heraus gesprochen werden muß — über Seele und Geist des Menschen neben dem Leibe. Aber man soll nur einmal gesehen haben, wie zum Beispiel in der 5. Klasse unter der Leitung von Fräulein von Heydebrand an die Kinder herangebracht wird - allerdings in der den Kindern entsprechenden Form - dasjenige, was Anthroposophie aus Anthropologie macht, was in den Kindern erweckt eine Idee von der wirklichen konkreten Gestalt der Seele und des Geistes des Menschen. Da pulsiert in die Menschen hinein Leben, da ist nichts von der Langeweile der heutigen anthropologischen Begriffe, die sonst an die Kinder herangebracht werden; da wird, weil die Erkenntnisse aus dem wahren Leben geschöpft sind, auch wahres Leben in der Jugend angeregt. Es handelt sich nur darum, daß der Lehrer imstande ist, gerade für das entsprechende Lebensalter umzuwandeln dasjenige, was aus der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft hervorkommt.
Und so darf auch gesagt werden: Man hat das Mysterium von Golgatha in der Zeit, als es einschlug in die Erdenentwicklung, man hat es verstanden mit den Resten der alten instinktiven Geisteswissenschaft - ich habe das öfter dargestellt in meinen Vorträgen -; man muß es heute verstehen mit der aufgehenden, neuen Geisteswissenschaft. Dann wird das Christentum selber eine Neugeburt erleben, dann wird das Christentum erst wiederum verstanden werden, denn unter der Hand der Theologen ist das Christentum in den Materialismus entartet. Statt aber sich ernsthaft damit zu befassen, wie aus einem erneuerten Geistesleben heraus das Christentum selber neu gefunden werden muß, treten heute Theologen auf - verzeihen Sie, daß ich auch das noch vorbringe - Theologen, die [sich gegen die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft wenden]. Wenn man heute die ganze Literatur gegen die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft lesen wollte, würde man zu nichts anderem kommen, aber interessant ist es manchmal schon, auf die Titel der Schriften, die da erscheinen, ein Auge zu werfen. So gibt es zum Beispiel - ich weiß nicht, ob einer unter Ihnen das schöne Blatt kennt — «Die neue Kirche», herausgegeben im Auftrage der Hamburgischen Volkskirchenvertretung von Pastor Franz Tügel und Dr. Peter Petersen. Da drinnen gibt es einen Artikel, in Nr. 15 des Jahres 1920: «Theologische Richtung, Dr. Steiner und der Teufel». Und auf Seite 232 finden wir folgenden Satz: «Allenfalls läßt es sich noch denken, daß ein Katholik Schüler Steiners wird ...» — so etwas wird aus der heutigen Kultur heraus geboren; die Leute sollten nur einmal ins Auge fassen, was von der katholischen Klerisei gegen anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft geschleudert wird, aber hier spricht ein Protestant, und so meint der Verfasser, daß diese Geisteswissenschaft, nun ja, für den Katholizismus noch gehen könnte - «... da sind Beziehungen, die man verstehen kann; aber wie ein Protestant sich ihm anschließen kann, wenigstens ein bewußter, vom Geist der Reformation erfaßster, ist vollständig unerfindlich. In der Schule Steiners ist alles Glauben Fürwahrhalten! Und Schaeder macht mit Recht darauf aufmerksam, daß alle von Steiner empfohlenen Übungen auf Gesetzlichkeit und Moralismus hinauslaufen. Für mich ist kein Zweifel: Luther würde die Steiner-Lehre in seiner Sprache dem Teufel übergeben haben, er würde auch das durch und durch Undeutsche an ihr stark betont haben. Er würde seine evangelische Kirche vor dem falschen Propheten gewarnt haben.» Nun möchte ich fragen: Sollen die von mir empfohlenen Übungen auf Gesetzlosigkeit und Unmoralität hinauslaufen? Denn das wird ja hier als etwas ganz besonders Schlimmes hervorgehoben, daß die von mir empfohlenen Übungen auf Gesetzlichkeit und Moralismus hinauslaufen. Nun, in solchem Ton ist heute vieles geschrieben.
Allerdings, es gibt auch noch einen anderen Ton, in dem, man kann nicht gerade sagen geschrieben wird. So hat der hier ja schon erwähnte Anatomieprofessor Fuchs in Göttingen es fertiggebracht, mit einer raffinierten Entstellung in Zeitungsartikeln davon zu sprechen, daß Anthroposophie nicht wissenschaftlich sein solle. Er hat nichts anderes damit bewiesen, als daß er als Wissenschafter der heutigen Zeit lediglich das ansehen kann, was gerade just in seinen Kopf als Wissenschaft hineingeht, und das, was nicht so ist, das sieht er nicht als Wissenschaft an. Das heißt, er macht es so, wie es diejenigen gemacht haben, die, als Kopernikus aufgetreten ist, Kopernikus für unwissenschaftlich angesehen haben, weil er nicht dasjenige gelehrt hat, was sie den Gläubigen in der Kirche gelehrt haben. In der mittelalterlichen Zeit waren die Großinquisitoren aus den Reihen der Kirche gekommen, heute können sie aus den Reihen der Universitätsprofessoren stammen und Fuchs heißen; und ihre Gefolgschaft wird so vorbereitet, daß sie aus ihren Taschen alle möglichen Kampfmittel herauszieht wie Kindertrompeten und Ratschen, Hausschlüssel, mit denen gepfiffen wird, wenn ein Dr. Stein und ein Dr. Kolisko über anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft sprechen. Man kann nicht sagen, daß diese Leute die Reden erst angehört haben, die da gehalten worden sind; denn sonst hätten sie ja die Kindertrompeten und Ratschen und was sie sonst noch gehabt haben, herzaubern müssen, nachdem sie die «schlechten» Gründe des Dr. Kolisko und des Dr. Stein gehört haben. Die Gründe des Dr. Stein und des Dr. Kolisko zu hören, war aber nicht in ihrem Willen gelegen; in ihrem Willen war gelegen, etwas so niederzuschreien, wie man in mittelalterlichen Zeiten mit anderen Mitteln das niedergemacht hat, was diese Leute als Fortschritte heute verehren. Man muß den Mut haben, auf solche Gesinnung rückhaltlos hinzuschauen. Und man braucht doch nichts anderes als hinzuschauen auf die zahlreichen schlafenden Seelen der Menschen, die nicht hinschauen wollen auf die Erscheinungen des Geisteslebens, die schlafen möchten gegenüber diesen Erscheinungen. Dann muß man - auch von dem Übersinnlichen — das sagen, was da ein Wiener von seinem Wien schreibt, was er schreibt über das, was er da liebt - wenn es auch nicht besonders gut geschrieben ist, es ist doch etwas wie Selbsterkenntnis. Nachdem dieser junge Wiener aufmerksam macht auf seine eigene Jugend und diese zusammenbringt mit dem, was sich als eine gesündere Geistigkeit — so sagt er - entwickelt, dann schreibt er in der Wiener Sonn- und Montagszeitung Nr. 29 vom 19. Juli 1920:
Die geistige Situation der deutschen Donauländer scheint mir noch weniger erfreulich zu sein denn die wirtschaftliche und politische. Wir besitzen so ziemlich die billigste und flachste Sorte des Sozialismus, die älteste und längst überwundene Spielart Philosophie in freigeistiger Ausschweiferei und banale historische Begriffe; daneben die unerquicklichste Methode, Wissen und Glauben gegeneinander auszuspielen; daneben religiös aufgeputzte Pauschal-Unduldsamkeit; daneben die unkritischste Lust, auf allen lärmend aufgeputzten Kunsttand hineinzufallen, eine bewunderungswürdige Geschwätzigkeit und sentimentale Vorliebe für das Selbstverständliche; daneben geniale Züge, herabgedämpft durch stillschweigend unter den Intellektuellen vereinbarte, warmherzige Talentlosigkeit, die das Halbe für ganz und das Ganze für halb ansieht, und darüber endlich eine ansehnliche Sorte von Eitelkeit, die zum anderen, von sich blasend, spricht: «Mir erzählen Sie nichts! Mies und gebildet bin ich selber!» Daß, in solcher Art von Geistigkeit gebettet, auch die weichste und unprofilierteste Marke Okkultismus hier just die populärste ist, erscheint kaum als verwunderlich. Ein breiter, trüber Schmus-Strom fließt durch diese Stadt und an seinen Ufern gedeihen üppig alle Sorten von Binsenwahrheit.
Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, da darf man schon sagen, daß da eine Art von Geistigkeit herrscht, die die allerdümmste Marke des Okkultismus, den dümmsten spiritualistischen Schmus-Strom, nur so herumfließen läßt — das, meine sehr verehrten Anwesenden, ist einmal selbstverständlich! Ich will jetzt nicht — weil es ja schon zu spät ist - darauf hinweisen, daß es vielleicht auch noch andere Örtlichkeiten geben könnte als Wien, wo dieser Schmus-Strom der frivolen Seichtigkeit sein Publikum hat und wo man schläft gegenüber demjenigen, was das Allernotwendigste ist: das Wiederaufwachen derjenigen Kräfte, die in der Menschenbrust aufwachen müssen, wenn wir wollen, daß an die Stätte des Niedergangs der Aufgang tritt. Wenn wir aber das Irrtümliche einsehen können, wie auf der einen Seite genialische Menschen wie Oswald Spengler den Untergang dessen, was da ist, beweisen können, wie auf der anderen Seite Leute wie Professor Eugen Varga durch ihre Taten Untergangsströmungen zeigen, dann werden wir - wenn wir die Fähigkeit haben, in der Seele aufzuwachen -, dann werden wir doch hinzuschauen vermögen auf die geistige Strömung, die als anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft in den Willen der Menschen hinein legen will dasjenige, was aus dem Lichte einer übersinnlichen Erkenntnis geboren werden kann. Und dann, dann werden wir eine neue Version des Christus-Wortes gewinnen: Himmel und Erde mögen untergehen, aber meine Worte werden nicht untergehen. - Wir werden dann sagen: Ja, alles dasjenige, was den Augen von Oswald Spengler zugänglich ist und alles dasjenige, worinnen solche soziale Reformen wie die des Professors Eugen Varga sich bewegen möchten, das wird untergehen. Aber dasjenige, was aus einem wahrhaftig neuen Geist geboren wird, das wird die Zukunft beherrschen, denn das glaubt nicht nur an irgendwelche irgendwo unbestimmt liegenden Kräfte, die schon helfen werden, eine neue Kultur heraufzuführen, wie früher geholfen worden ist, sondern das will den eigenen Willen, das tiefste innere Wollen des Menschen selbst, das man in Freiheit in der Hand hat, zu neuen Kräften anfachen. Dann sprechen wir gegen den Untergang des Abendlandes, weil wir nicht nur vertrauen auf die Zukunft, sondern weil wir eine Zukunft herbeiführen wollen, die wir jetzt schon schauen. So wie man die zukünftige Pflanze in dem Keim der alten schaut, so wollen wir eine Zukunft, die wir als Keim schon in uns erschauen. Die Zukunft wird sein, wenn wir sie nur wollen, gegen alle Untergangskräfte. An den Willen, nicht an die untätige Betrachtungsweise richtet sich die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft, und von daher will sie die Berechtigung nehmen, gegen den Untergang des Abendlandes zu sprechen.