The Crisis of the Present and the Path to Healthy Thinking

GA 335 — 20 September 1920, Stuttgart

9. Die großen Aufgaben von heute im Geistesleben, Rechtsleben und Wirtschaftsleben Eine dritte Gegenwartsrede

Sehr verehrte Anwesende! Die Verhältnisse des öffentlichen Lebens der zivilisierten Welt sind im Laufe der letzten 50 Jahre für einen nicht genauen Blick unübersehbar; ihre gegenseitigen Verhältnisse sind schwer durchschaubar geworden, unübersichtlich. Aus demjenigen, was man nennen könnte den großen, namentlich den wirtschaftlichen Aufschwung vor dem Jahre 1914, hat sich das heutige Elend herausgebildet; es ragen hinein in unseren Niedergang die kompliziertesten Verhältnisse durch die mannigfaltigsten Tatsachen - Tatsachen wiederum schwer überschaubarer Art. Kein Wunder, wenn beim Menschen, der heute in dem Niedergang leben muß, arbeiten muß, streben muß, aus der Tiefe seiner Seele sich herauswindet die Sehnsucht nach einem Aufgang, daß der Mensch zunächst irgendwo in kleinem Kreise seine Fragen stellt und zu erkunden versucht, wie man dies oder jenes einzelne bessern könnte. Aber so begreiflich das ist — wer tiefer in die heutigen Verhältnisse hineinschaut, der muß erkennen, daß aus dem Niedergang zu einem Aufbau heute und in der nächsten Zukunft nichts anderes führen kann als ein Erfassen der großen Aufgaben der Zeit, der großen Aufgaben der Zeit aus gewissen Quellen heraus, die eigentlich gar nicht innerhalb kleiner Gebiete liegen können. So gut es an einem Abend geht, werde ich mich bemühen zu versuchen, über einzelne solcher großen Aufgaben der Zeit in bescheidener Weise — ich möchte sagen, man kann es ja gegenüber diesen Aufgaben nicht anders — einige Betrachtungen anzustellen.

Es scheint, wenn irgend etwas ganz offenbar darauf hinweist, wie wir uns die großen Aufgaben stellen müssen, so sind es die großen Fehler, die in dieser Zeit gemacht worden sind. Zwei Etappen bezeichnen heute unser ganzes öffentliche Leben in seiner unmittelbaren gegenwärtigen Entwicklung, und mir scheint, daß diese Etappen nicht nur auf äußere, wirtschaftliche Verhältnisse hinweisen, sondern auch hinweisen auf die Rechtsverhältnisse, auf die moralischen und namentlich auf die geistigen Verhältnisse innerhalb der gegenwärtigen Zivilisation. Wenn man aber diese zwei Etappen nennt, Versailles, Spa und alles, was sie im Gefolge haben, wenn man sich erinnert an alles, was sie uns gebracht haben, dann wird es einem etwas schwer, diese zu charakterisieren, denn man wird heute verdächtig in dem Streben nach einer gewissen Objektivität. Die Meinungen der Menschen stehen einander schroff gegenüber: Wer als Angehöriger der mitteleuropäischen Zivilisation über den Westen urteilen will, kann ganz sicher sein, daß seine Objektivität in sehr, sehr starker Weise angezweifelt wird bei den Menschen des Westens. Ich will daher lieber zunächst nicht ein eigenes Urteil über das abgeben, was, noch immer herein-elendend in unsere Gegenwart, in Versailles geschehen ist; ich möchte mich vielmehr anlehnen an das Urteil des Engländers John Maynard Keynes, der das bedeutungvolle Buch «The Economic Consequences of the Peace», «Die wirtschaftlichen Folgen des Friedensvertrages», geschrieben hat, auf das ich schon einmal in meinen Stuttgarter Vorträgen von einem anderen Gesichtspunkt aus als heute hinwies.

Keynes war ja ein Mensch, der bis zu einem gewissen Zeitpunkte, bis es ihm zu bunt geworden ist, in hervorragender Stellung bei den Verhandlungen in Versailles zugegen war, und er urteilte [in seinem Buch] über das, was geschehen ist, und auch über das, was seiner Meinung nach hätte geschehen sollen. Man möchte sagen, in drei Sätzen faßt er das Schlagende, das für unsere Gegenwart so Symptomatische der Versailler Tatsachen ungefähr zusammen. Er, der Engländer, den Lenin erst vor kurzer Zeit den «englischen Spießbürger» genannt hat, er sagt ganz einfach: Nichts, aber gar nichts ist in Versailles geschehen von einer Bewältigung der großen Aufgabe, die diejenigen gehabt hätten, die sich als Sieger fühlen können. Was hat Clemenceau getan? Er hat die Wirtschaftsmittel Europas zugrunde gerichtet und nichts für die Aufrichtung der Wirtschaft in Frankreich selbst getan. Was hat Lloyd George getan? Er hat einige Geschäfte gemacht, mit denen er für kurze Zeit in London glänzen konnte. Was ist von Wilson gekommen? Wilson hat gute Absichten gehabt über das Rechte und Gerechte - meint Keynes -, aber kein Weg hat sich ihm ergeben, um das, was er vielleicht gutmeinend im Sinne hatte, irgendwie in Wirklichkeit umzusetzen. Die drei wichtigsten Männer, sie haben die großen Fehler der Zeit gemacht.

Und nun schauen wir uns einmal an, was eigentlich aus den furchtbaren Ereignissen, die sich seit dem Jahre 1914 abgespielt haben, für Deutschland herausgewachsen ist. Ich brauche es Ihnen ja nicht zu schildern. Südostwärts von Deutschland ist zu einem verhältnismäßig großen Reich die Tschechoslowakei geworden. Herausgeboren aus nationalen Aspirationen, erweist sich alles, was dort regiert, als wirtschaftlich ohnmächtig gegenüber den Aufgaben, welche gerade der Wirtschaft für diese Gebiete gestellt werden. Nordwärts davon Polen. Nun, Sie brauchen sich nur an die letzten Wochen zu erinnern, um auf der einen Seite zu sehen, wie das, was dort gebildet worden ist, nur zur Beunruhigung Europas beigetragen hat; und auf der andern Seite brauchen Sie sich nur zu erinnern an die Ratlosigkeit der maßgebenden führenden europäischen Persönlichkeiten gegenüber dem, was dort brodelt und siedet. Man braucht nur zu denken an das "Tragikomische in der Umwandlung der Anschauung von den polnischen «Niederlagen» zu den polnischen «Siegen», wie man ohne Meinung, ohne große Richtlinien gegenübergestanden war heute diesem, morgen dem Entgegengesetzten. Und geht man weiter nach Osten, so kann es heute so scheinen, als ob der Leninismus und Trotzkismus, namentlich wenn man dazu die verheerenden Verhältnisse in Italien nimmt, keine anderen Richtlinien mehr hätte, als aus einem phänomenalen Größenwahnsinn heraus alle diejenigen Kräfte zu entwickeln, die zur Zerstörung des durch die neuere Zivilisation Errungenen dienen können. Die Deutschen Österreichs liegen am Boden, von Ungarn gar nicht zu reden, wo das traurige Schauspiel sich abspielt, daß, wenn Angehörige derjenigen Partei, die vor kurzer Zeit noch am Ruder war, durch die Straßen geführt werden, gefangen und gebunden, sie dann von den Damen in vornehmer, prunkvoller Toilette mit dem Regenschirm in die Augen gestochen werden. Diese Schilderung könnte noch lange fortgesetzt werden, und man könnte sehen, was seit dem Jahre 1914 aus den Verhältnissen heraus für die Menschheit entstanden ist.

Und schaut man hin auf das, was von Persönlichkeiten kommt, die innerhalb dieses furchtbaren Niederganges irgendwie tätig sind - von Persönlichkeiten, die oftmals sich sogar tragikomischen Illusionen hingeben können über einen Aufstieg, der durch ihre Intentionen bewirkt werden könnte —, so möchte man sagen: Im Kurzsichtigen, im Uneinsichtsvollen geradezu monumental war jene Rede, die Lenin auf dem zweiten Kongreß der Dritten Internationale gehalten hat, wo er wieder einmal ganz im alten marxistischen Stile den westlichen Kapitalismus mit all den Banaliitäten belegte, die so oft gehört worden sind. Wenn man von einem gewissen weltgeschichtlichen Standpunkte aus auf das eingeht, was in dieser großangelegten Rede darüber gesagt wird, wie der zum Imperialismus angewachsene Kapitalismus fünf Siebentel der Menschheit tyrannisiert, dann muß heute auf der andern Seite doch die Frage aufgeworfen werden: Was wäre denn aus der ganzen modernen Zivilisation geworden, wenn es schließlich nicht Kapitalzusammenhäufungen gegeben hätte? Und muß man nicht fragen: Ist es denn nicht selbstverständlich nach all den Kräften, die unsere neuere Zeit heraufgetragen haben, daß solche Kapitalanhäufungen auch zum Fortschritt der Menschheit stattgefunden haben? Kommt man gegenüber unserer zusammenbrechenden Welt mit einer solchen Abstraktion heute noch aus, die nur den Kampf eben in ganz abstrakter Form proklamiert, oder muß man nicht fragen: Liegt nicht auch unserem Niedergang, gerade wenn diese Note angeschlagen wird, deutlich sichtbar etwas Moralisches zugrunde? Verwechseln nicht vielleicht gerade solche Kämpfer wie Lenin die Schädlichkeit des Kapitalismus überhaupt mit der Art von Moralität oder besser gesagt Unmoralität, mit welcher der Kapitalismus gewirkt hat? Kann man nicht auch diese geistige Note in den Wirkungen des Kapitalismus verfolgen? Und kommt man da vielleicht nicht zu tieferen Impulsen, als die sind, welche heute fortwährend deklamiert werden, und deren Deklamation doch so blutwenig praktische Erfolge zum Bessern gebracht hat?

Nun kann man schon sagen: Bezeichnend für die heutige geistige, rechtliche und wirtschaftliche Lage ist doch das Gegenstück, das wieder von Keynes, dem Engländer, kommt, dem scharfen Verurteiler der Westmächte, aber das klingt etwas anders als die Worte Lenins. Keynes sagt zum Beispiel: Ja, Furchtbares ist in Versailles geschehen. Statt irgend etwas zu tun zum Aufbau Europas, ist alles getan worden, um Europa in einen Trümmerhaufen der Zivilisation umzuwandeln; Schlimmes ist zunächst da, Schlimmeres werden noch die nächsten Jahre bringen. — Ich zitiere dem Sinne nach, nicht dem Wortlaut nach. Und in einer noch merkwürdigeren Weise geht Keynes auf manches ein, was da als Geistesverfassung zugrunde liegt, die uns in diese Lage der Gegenwart hineingebracht hat. Es ist interessant, wie dieser Mann, der wochenlang bei den Verhandlungen dabeigesessen hat, die von Wilson, Clemenceau und Lloyd George geführt wurden, wie dieser Mann sich klarmacht, wodurch es eigentlich gekommen ist, daß dieser Wilson, der so viele Menschen mit seinen abstrakten Vierzehn Punkten betört hat, so ganz und gar versagt hat. Ein bedeutsames Problem wird das für den Engländer Keynes, und da kommt etwas höchst Merkwürdiges zutage.

Keynes konstruiert — wie gesagt, aus der Anschauung der Art und Weise heraus, wie Wilson dagesessen ist —, wie die anderen alles getan haben, um ihn zu täuschen, um ihn nur ja nicht dahinterkommen zu lassen, was sie eigentlich wollen. Ein merkwürdiges psychologisches Ereignis, das Keynes da schildert und zergliedert, das, ich möchte sagen tiefbedeutsam hineinleuchtet in den ganzen Kulturzustand der Gegenwart. Keynes meint offenbar: Hätte man Wilson gesagt, Frankreichs Wunsch sei es, daß den Deutschen Österreichs nicht erlaubt werde, sich mit den Deutschen Deutschlands zu vereinigen, hätte man das klipp und klar so ausgesprochen, daß Wilson diese Worte gehört hätte, so hätte sich sein Gerechtigkeitssinn dagegen aufgebäumt. Nun muß man sehen das Ringen einer solchen dumpfen Mentalität -— wenn ich dieses Entente-Wort gebrauchen darf -, man muß sich klarmachen, wie Wilson zumute ist — wie Keynes das tut -, wenn man nun das folgende als Zuschauer sich zur Anschauung bringt. Keynes sagt: Ja, die Leute um Clemenceau und Lloyd George haben nicht gesagt: «Es wird den Deutschen Österreichs nicht erlaubt, sich mit den Deutschen Deutschlands zu vereinigen», denn dagegen würde sich Wilson aufgebäumt haben; deshalb haben sie gesagt: «Die Unabhängigkeit Deutsch-Österreichs soll durch einen Vertrag mit den Ententemächten solange garantiert werden, bis der Völkerbund ein anderes Urteil ausspricht.» Das hat Wilson verstanden: die Unabhängigkeit, die Freiheit der Deutschen Österreichs müsse garantiert werden. — Hätte man ihm gesagt: Es wird ihnen verboten, sich mit den Deutschen Deutschlands zu vereinigen —, da hätte Wilson dasselbe, was er sonst als Freiheit und Unabhängigkeit verstanden hat, als den höchsten Zwang verstanden. Hätte man ihm gesagt - so setzt Keynes weiter auseinander -: «Danzig soll eine polnische Stadt werden, so hätte er sich dagegen aufgelehnt; das widerspricht ganz offensichtlich den Vierzehn Punkten. Also sagte man ihm: «Danzig wird eine freie Stadt, aber alle Zollangelegenheiten sollen von Polen aus besorgt werden, ebenso die Aufsicht über alle Verkehrsangelegenheiten, und die Polen sollen die Schützer der auswärts wohnenden Staatsangehörigen werden. Oh, das klang anders, als wenn man gesagt hätte, Danzig solle eine polnische Stadt werden. Und man kann geradezu sagen: Ja, wenn man es so ausspricht: ‹Danzig soll eine freie Stadt werden›, so begeistert sich die dumpfe Mentalität Wilsons. Hätte man ihm aber gesagt, Danzig solle eine polnische Stadt werden, so hätte das jener Ansicht Wilsons widersprochen, ein jedes Volk solle zur Freiheit hingeführt werden. Und hätte man Wilson weiter gesagt, die Entente solle die Oberaufsicht führen über die deutschen Flüsse, so hätte er nicht damit einverstanden sein können; so aber sagte man: ‹Die Schiffahrt, wo sie durch mehrere Staaten geht, ist eine internationale Angelegenheit.› Damit war Wilson wieder zufrieden.

Man muß schon, wenn man heute auf das sehen will, was als die großen Kräfte durch die Welt geht, auf dasjenige hinschauen, was sich zwischen der - ich will jetzt deutsch reden und das Entente-Wort übersetzen - «Geistesverfassung» der aus den früheren Verhältnissen herausgewachsenen führenden Persönlichkeiten entwickelt. Lebt denn gerade da noch Geradheit, Ehrlichkeit? Lebt da noch gesunder Sinn und Offenheit? Es lebt von allem das Gegenteil, und noch dazu lebt es in der Weise, daß man bei allem noch davon überzeugt ist, man sei ein ehrlicher, offener Mensch, denn das, was eigentlich wirkt, ist zur unbewußten Gewohnheit geworden. Wie konnte eigentlich Wilson so getäuscht werden, wie er getäuscht worden ist in diesem Stile, wie ich es jetzt nach Keynes geschildert habe? Leute, die sich noch immer nicht davon überzeugen können, daß ein solcher abstrakter, theoretisierender Geist wie Wilson ein Unglück für Europa ist, reden manchmal die wohlwollenden Worte: Er, dieser Wilson, kannte die europäischen Verhältnisse viel zu wenig -, also, hypothetisch zugegeben, obwohl ich es nicht zugebe, Wilson habe die europäischen Verhältnisse viel zu wenig gekannt. Aber Wilson hat ein fast 500 Seiten umfassendes Werk über den Staat geschrieben, worin er bis in alle Einzelheiten die Verhältnisse der europäischen Staaten schildert, die staatlichen, die rechtlichen Verhältnisse und so weiter. Wir stehen also vor der Tatsache: Entweder ist es nicht wahr, daß Wilson die europäischen Verhältnisse nicht kannte, oder eine maßgebende Persönlichkeit der Gegenwart schreibt ein für Amerika maßgebendes Werk über die europäischen Verhältnisse eben ohne Kenntnis dieser europäischen Verhältnisse. Gerade das letztere würde ein helles Licht werfen auf die ganze Oberflächlichkeit unserer Zeit, auf alles, was nur aus dem Oberflächengeist herausschöpft und sich nicht einläßt auf das, was in den tieferen Untergründen der Dinge als die eigentliche Ursache der jetzigen Ereignisse, der jetzigen Entwicklungen und des ganzen Menschheitswerdens lebt. Aber es liegt eben etwas viel Bedeutsameres noch hinter dem, was ich dargestellt habe.

Es ist jetzt schon viele Jahre her, da habe ich in Helsingfors bei einem Vortragszyklus - in der Zeit, als Wilson überall verehrt wurde, weil dazumal zwei bedeutsam erscheinende literarische Werke von ihm herausgekommen waren -, auf etwas aufmerksam gemacht, was die ganze Art der Wilsonschen Geistesverfassung charakterisiert. Wilson sagt da einmal: Wenn man hinblickt auf die Zeit, in welcher zum Beispiel Newton, der große Physiker, gelebt hat, dann findet man, wie zum Beispiel in der Staatsrechtslehre oder bei denjenigen, die über wirtschaftliche und ökonomische Verhältnisse nachdenken, dieselben Gedankenformen, dieselben Vorstellungsgebilde zu finden sind für die wirtschaftlichen und für die politischen Verhältnisse, die Newton, der Physiker, für die Physiker gestaltet hat. - Und nun sagt Wilson: Von einer solchen Abhängigkeit der Denkweise in bezug auf öffentliche, politische oder ökonomische Verhältnisse müssen wir uns freimachen; wir müssen heute im Sinne des Organischen über die Politik, über die Weltökonomie und so weiter denken. Und nun entwickelt er eine Art politischer Ideen, von denen man sagen muß: Geradeso wie diejenigen, die er tadelt, weil sie zu ihrer Zeit von Newton abhängig waren, so ist er ganz und gar als Politiker, als Wirtschafter, als Rechtsmensch der Nachbeter des Darwinismus und denkt darwinistisch, wie die, welche er tadelt, newtonistisch dachten. Darwin ist Mode - also denkt Wilson, der Weltreformator, darwinistisch. Ich sagte aber damals: Wir sind jetzt in einer solchen Zeit, wo wir uns überhaupt nicht mehr den Blick für die wirklichen Verhältnisse des öffentlichen Lebens durch dasjenige trüben lassen dürfen, was uns von naturwissenschaftlicher Seite herkommt. Was uns von naturwissenschaftlicher Seite kommt - ich habe es oftmals hier gesagt -, es ist ganz ausgezeichnet geeignet, die Oberfläche der Dinge exakt zu erforschen; aber was Ideen bilden will über menschliches Handeln, über menschliches Zusammenleben, das muß in tiefere Weltengründe hineingehen, als es die Naturwissenschaft überhaupt nötig hat. Und deshalb - sagte ich ist das Gefährliche in unserer Zeit gerade eine solche Denkweise wie die des Woodrow Wilson.

Das war lange vor dem Krieg, das war in einer Zeit, nach der noch lange Wilson als der Weltheld glorifiziert worden ist. Dasjenige nämlich, worauf es heute ankommt, ist: hinwegzuwenden den Blick von allem, was den Menschen nur am Äußerlichen hält. Notwendig ist es, sich den Blick in die tieferen Gründe des Werdens und Geschehens schärfen zu können. Das aber, sehr verehrte Anwesende, versucht jene Weltanschauungsrichtung, die aus ebenso wissenschaftlichem Geiste heraus wie die Naturwissenschaft auf das Geistig-Seelische im Menschen losgeht. Es ist die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft, die ich jetzt bald zwei Jahrzehnte - jedes Jahr öfter — hier in meinen Vorträgen in Stuttgart zu vertreten habe.

Was muß für unser Geistesleben erstrebt werden im Sinne derjenigen Geisteswissenschaft, die hier gemeint ist? Nur kurz will ich darauf hindeuten, daß ja diese Geisteswissenschaft zu ihren Ergebnissen nicht auf äußerliche Weise kommt, sondern dadurch, daß der Mensch zunächst gewisse - intellektualistisch bezeichnet Übungen macht. Der Mensch muß sich immer und immer wieder das sagen, was ich bei einem meiner letzten Vorträge hier als einen Vergleich charakterisiert habe. Ich sagte: Wenn ein fünfjähriges Kind einen Band Goethescher Lyrik in die Hand nimmt - es wird mit ihm nichts anfangen können, es wird jedenfalls etwas ganz anderes damit tun, als was der Band Lyrik von Goethe bezweckt. Wird es aber zehn Jahre älter, so wird es in dieser Zeit eine Entwicklung durchgemacht und eine Reife erlangt haben, wodurch es dann mit diesem Band Lyrik etwas anzufangen weiß. - Der Geistesforscher, der hier gemeint ist, sagt sich: Mit derjenigen Bewußtseinsform, deren wir uns im gewöhnlichen Leben bedienen und die wir auch in der gebräuchlichen Wissenschaft anwenden, mit ihr stehen wir den höheren Weltenkräften so gegenüber wie das fünfjährige Kind einem Band Goethescher Lyrik. So schlummern in jedem Menschen Kräfte, die er selbst aus sich entwickeln kann und die ihm dann ein anderes, ein geistiges Erkennen der Welt zeigen, die ihm vor allen Dingen zeigen, daß man mit dem naturwissenschaftlichen Denken zwar grandios die Oberfläche der Dinge erforscht, daß in dieser Beziehung die Naturwissenschaft die größten Triumphe gerechterweise zu verzeichnen hat. Sie zeigen ihm, daß wir aber mit der naturwissenschaflichen Denkweise in keinem Augenblicke hinter die Naturdinge kommen, die in das Handeln des Menschen hereinspielen, wenn wir nicht zu solchen Methoden und Denkweisen greifen, die vom Geiste durchsetzt sind und womit wir in einer durchaus wissenschaftlichen Weise auch den Menschen und die in ihm liegenden Kräfte ergreifen können. Dann aber kommen wir aus einem solchen Erfassen des Menschen überhaupt zu einem ganz anderen Erfassen der Welt als durch das gebräuchliche Geistesleben, in dem wir heute drinnenstecken. Gegenüber diesem gebräuchlichen Geistesleben möchte man sich erinnern an ein tief ins Herz schneidendes Wort, das Hölderlin gesprochen hat, als sein Geist noch hell, noch nicht umnachtet war, aber fein, sensitiv war für das, was in seiner Kulturumgebung vorhanden war. Hölderlin, der sich in die harmonische Menschlichkeit des alten Griechentums vertieft hatte und sie liebgewonnen hatte, er sah, gewissermaßen übertreibend, wie das ein solcher Geist zu seiner Zeit wohl tut, die Menschen in seiner Umgebung so an, daß er sie, vergleichend mit den Griechen, in folgender Art kennzeichnete. Er sagte: Leben denn unter uns gewöhnlichen Deutschen Menschen? Ich sehe keine Menschen, wie es die Griechen waren, um mich; ich sehe Beamte, Lehrer, Professoren, aber keine Menschen; ich sehe Advokaten, Künstler und Gelehrte, aber keine Menschen; ich sehe junge und gesetzte Leute um mich, aber keine Menschen; was ich bei meiner Umgebumg vermisse, ist das ganze, volle, in sich entwickelte Menschentum, das auch ein harmonisches Verhältnis zum Weltenall gewinnen kann. - Ein solches Menschentum lebte auch bewußt-unbewußt, sinnlich-übersinnlich in Goethe, und aus einem solchen Menschentum heraus ist dasjenige zum Beispiel geworden, was Goethe selber noch höher schätzte als seine Dichtungen — obwohl es dann nach Goethe so wenig verstanden worden ist: seine naturwissenschaftlichen Schöpfungen. In diesen naturwissenschaftlichen Denkrichtungen Goethes lebt eben nicht einseitig der Physiker, wenn er eine Farbenlehre gibt, lebt nicht einseitig der Botaniker, wenn er die Pflanzen schildert, lebt nicht einseitig der Anatom, wenn er die Knochen des Menschen charakterisiert, sondern in dieser Denkweise lebt immer und in allem der ganze Mensch; und der ganze Mensch erfaßt in den einzelnen Stücken der Natur das, was eben nur sich enthüllen kann, wenn man es in seinem Wirken auf die ganze Menschheit in seinem Innern erlebt.

Diesem Denken trat im Laufe der Zeit immer mehr und mehr etwas gegenüber, was so viel gelobt, allerdings auch zuweilen getadelt worden ist: das Spezialistentum auf allen Gebieten des Lebens, jenes Spezialistentum, das namentlich in unsere höhere Erkenntnis eingezogen ist und von dieser aus seine Wirkungen entfaltet hat, zum Beispiel bis hinunter in die Volksschulerziehung. Dieses Spezialistentum machte den Menschen zum Physiker, zum Botaniker, zum Advokaten, zum Professor, zum Lehrer und so weiter, aber es trieb ihm den Menschen aus. Und wir müssen uns da fragen: Ist es denn wirklich eine Förderung der Erkenntnis selber, wenn diese Erkenntnis in der neueren Zeit sich so entwickelt hat, daß das Wissen, das zu einer Weltanschauung führte, sich in jene kleine Partien zerspaltet hat, von denen man eben das Menschliche verloren hat und sich keinen Blick mehr für die Welt bewahren konnte? Immer wieder und wieder wurden ein paar maßgebende Persönlichkeiten so geschildert, als wenn sie die Erkenntnis selber seien. Wer aber in die Entwicklung der neueren Zeit hineinsehen kann, der findet, daß es nicht so ist. Er sieht jene Erkenntnis und das Streben nach dem abstrakten Einheitsstaat, wie es sich in den letzten drei bis vier Jahrhunderten über die zivilisierte Welt hin entwickelt hat. Er sieht, daß der Einheitsstaat, der alles aufsog, was wir heute durch den Impuls der Dreigliederung des sozialen Organismus wieder gliedern wollen, daß dieser Einheitsstaat mit seinem Zusammenrühren von Geistesleben, Rechtsleben und Wirtschaftsleben zu einem Gewebe Physiker und Chemiker, Professoren und Lehrer, kurz spezialisierte Menschen machte, und mit diesen mußte er, wenn er seinen Prinzipien folgte, seine Stellungen besetzen. Dieser Einheitsstaat war es, der das Vollmenschentum, das in Goethe so lebte, das Hölderlin so ersehnte für seine Deutschen, aus dem Menschen heraussog. Geisteswissenschaft ist es, welche dieses Vollmenschentum der heutigen Menschheit wieder zurückgeben will, denn aus diesem Vollmenschentum allein kann das kommen, was zu gleicher Zeit Erkenntnis, was Fühlen mit allem Menschlichen, was wirkliches Recht ist und zugleich vernünftiges Wirtschaftsleben.

Geht man nach den Methoden der Geistesforschung vor, so bekommt man nicht etwa einen oberflächlichen Blick über irgend etwas aus den Einzeldisziplinen Zusammengebrautes, sondern man bekommt voll lebendiges Geistwissen. Das aber ist wie ein Licht, das auf die einzelnen Gebiete geworfen werden kann. Und man bekommt damit wieder die Möglichkeit, den Menschen über die Spezialisten zu stellen; man bekommt die Möglichkeit, den Menschen voranzustellen und das soziale Gebilde nachher — und nicht umgekehrt das soziale Gebilde voran und nachher erst den Menschen zu stellen, und dadurch ihn verkümmern zu lassen zu einer System-Schablone. Weil Geisteswissenschaft etwas ist, was in dieser Art wirklich aus dem Vollmenschlichen kommt, das aber erst durch Geisesforschung gewonnen werden muß, deshalb kann sie auch befruchtend wirken auf das, was zersplittert in der Welt ist. Zersplittert in der Welt zum Beispiel ist unsere heutige Rechtswissenschaft, sind die einzelnen Zweige unseres heutigen Wirtschaftslebens - alles zersplittert.

Nun, wer mich längere Zeit gehört hat und den eigentlichen Sinn des von mir Gesagten zu verstehen vermag, der weiß, daß ich nicht aus Unbescheidenheit oder aus Albernheit so etwas sage. Aber ich darf wohl darauf hinweisen, daß ich im Februar vor über dreißig Fachärzten in Dornach versucht habe, das therapeutische Element der Medizin aus einer geisteswissenschaftlichen Erfassung der Natur des Menschen so darzustellen, daß man nun wirklich eine echte Therapie bekommt, die auf das Menschliche unmittelbar losgeht. An diesem einzelnen Falle versuchte ich zu zeigen, wie befruchtend eine Zentralanschauung des Wesens des Natürlichen, Seelischen und Geistigen wirken kann auf eine einzelne Wissenschaft. Und wer nun die soziale Wirkung des Strebens der von unserer Erkenntnis durchdrungenen Persönlichkeiten betrachtet, der wird doch über die Bedeutung dessen, was ich gesagt habe,

ar A nachdenken. Es ist etwas anderes, ob der Arzt im abgeschlossenen Kreise auferzogen wird und nicht hinausblicken kann über die Grenzen seiner Wissenschaft oder ob er seine Wissenschaft so erfaßt, daß sie ihm ein Licht wird für alles Physische, Seelische und Geistige im Menschen und daß er dadurch zugleich einen wahren Sinn bekommt für alles soziale Zusammenwirken und Zusammenleben der Menschen und er so von seiner Arztkunst aus ein lebendiges, fruchtbares Urteil gewinnt über die Behandlung großer sozialer Fragen.

In diesem Herbst, anfangend am 26. September, werden mehr als zwanzig Persönlichkeiten, die sich eingelebt haben in die hier gemeinte anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft, in Dornach einen Kursus halten von neuen Hochschulvorträgen. In Dornach haben wir ja unsere Freie Hochschule für Geisteswissenschaft errichtet, die wir zwar, weil sie noch nicht fertig ist, nicht eröffnen können, aber wir werden an der uneröffneten Dornacher Hochschule vom 26. September bis zum 16. Oktober diese Hochschulkurse halten. Persönlichkeiten aus dem Gebiet der Physik, der Chemie, der Staatswissenschaften, der Nationalökonomie und Geschichte, Praktiker, die im Leben, in der Fabrik oder sonstwie im Leben praktisch stehen, künstlerische Persönlichkeiten aller Gebiete, sie werden zunächst in diesem Probekurs zeigen, wie das, was sich spezialisiert [in Einzelgebiete], durch die lebendige Geisteswissenschaft, die anthroposophisch orientiert ist, ein solches Licht bekommt, durch das diese Wissenschaften nicht mehr etwas Theoretisches sind - nicht etwas, was man sich aneignet und nachher wieder zum großen Teil von sich abzuschälen hat, um dann in einem Winkel des Lebens zu stehen und von diesem aus nichts zu überschauen als nur Spezialistisches. Nein, gezeigt wird, wie durch diese Belebung der Erkenntnis, die von der Geisteswissenschaft ausgehen kann, das Spezialistentum überwunden wird, und wie durch den neuen Geist, durch einen Geist, der ebenso streng wissenschaftlich ist wie der, der heute an den Universitäten gepflegt wird, ja, 'strenger wissenschaftlich ist, wie durch diesen Geist die Spezialisten zusammengebracht werden, so daß sie nicht in gegenseitigem Nichtverstehen ihre einsamen, aber die Menschheit schädigenden Wege gehen werden, sondern sozial zusammenwirken werden und vom Geiste aus unserer darniederliegenden Zeit wieder aufhelfen können.

Diese Hochschulvorträge werden gehalten in unserem Dornacher Goetheanum, in dem jede Einzelheit einen solchen Stil, einen solchen architektonischen, bildhauerischen, malerischen Stil sucht, wie er aus der ganzen empfindungsgemäßen Auffassung, aus dem Künstlerischen heraus, das aus unserer Geisteswissenschaft folgt, sich ergibt. Alles soll da, bis zu dieser Umrahmung, gleichsam wie ein Wahrzeichen wirken für das, was von der geistigen Seite aus geschehen soll, geschehen muß. Denn der Geist muß es sein, der, seinen wahren Fäden nachgehend, wieder zurückkommt zur Wahrheit, zu einer Wahrheit, aus der die Güte, aus der die Moralität, aus der das gesunde, starke Wollen folgt. Aus der Oberflächenerkenntnis ergibt sich das nicht; aus der geistigen Tiefenerkenntnis ergibt sich das. Und noch viel mehr, als bloße Charakterisierungen ausdrücken können, hoffe ich, daß diese unsere Dornacher Vorträge zeigen werden, wie vom Geiste aus die Kräfte gesucht werden sollen zum Aufbau unserer darniederliegenden Zivilisation. Nicht logisch widerlegen wollen wir solche Ausführungen [über den Untergang des Abendlandes], wie ich sie das letzte Mal hier charakterisiert habe, sondern durch die Tat wollen wir dasjenige schaffen, was den Niedergangskräften gegenübergestellt werden kann. Und ich bin überzeugt davon, wir würden wahrhaftig in Dornach und in seiner weiteren Umgebung heute nicht alle die Zuhörer aufnehmen können, die kommen würden - die hoffentlich auch recht zahlreich kommen werden, trotz der heutigen Schläfrigkeit der Seelen -, wenn nicht die aus unserem Niedergang hervorgegangenen Verkehrsschwierigkeiten so unübersteigliche wären.

Wenn ich auf etwas Näherliegendes hinweisen darf, so möchte ich noch einmal auf das zurückommen, was mit unserer Freien Waldorfschule hier gewollt ist. Diese Waldorfschule, die wir heute für das zweite Schuljahr eröffnet haben, wir haben sie hier vor einiger Zeit geschildert mit Bezug auf ihre Erfolge im ersten Schuljahre. Sie ist durchaus das, was sie geworden ist - mehr konnte sie in einem ersten Schuljahr nicht werden -, dadurch geworden, daß unsere Lehrer durchglüht und beseelt waren von denjenigen Empfindungen gegenüber dem werdenden Menschen, dem Kinde — Empfindungen, die da aus den Forschungen der Geisteswissenschaft kommen, jener Geisteswissenschaft, die allerdings in bezug auf gewisse geistige Dinge in ganz anderer Weise sich verhalten muß, als es bisher in bezug auf diese selben Dinge viele Menschen annehmen.

Wir haben ja in unserer heutigen Zeit Bekenntnisse, welche sich aussprechen über des Menschen Ewiges. Wozu sind alle diese Bekenntnisse gekommen? Wenn man wirklich unbefangen die Welt betrachten kann und sich alles anhört, was heute in Predigten oder Theologien an die Menschen über das Ewige in der Menschenseele herandringt, so ist es nicht das Appellieren an den Erkenntnisdrang, sondern es ist im Grunde genommen doch ein Appellieren an die feineren seelischen Instinkte des Menschen. Wer öfter meine Vorträge gehört hat, wird wissen, aus welchen Untergründen die hier gemeinte Geisteswissenschaft von dem Unsterblichen des Menschen redet, wie sie bestimmte Angaben macht über das, was der Mensch wird, wenn er, durchgehend durch die Pforte des Todes, seinen Leibesteil abgestreift hat. Aber aus einem anderen Untergrunde heraus wird gesprochen, als der ist, den man seit Jahrhunderten gewohnt geworden ist, in der abendländischen Zivilisation zu hören. Woran wird in dieser abendländischen Zivilisation immer wieder appelliert? An die feineren seelischen Instinkte; der Mensch will nicht, daß sein ganzes Wesen aufhöre zu sein, wenn sein Körper zu Staub zerfällt. Es geht des Menschen Wunsch nach Ewigkeit. Und ich bitte Sie, gehen Sie alles durch, was nach dieser Richtung in traditionellen Bekenntnissen, in Predigten und Theologien geboten wird: es ist der Appell an diesen menschlichen Egoismus, nicht sterben zu wollen. Und weil es nur dieser Appell an den Egoismus ist, so hat man sogar für das Leben bequem gesondert: Erkenntnis für die sinnliche Welt - Glaube für die übersinnliche Welt. Natürlich kann man zu den hier besprochenen Instinkten nur dann reden, wenn man in bezug auf das Ewige im Menschen nur zu einem Glauben, nicht zu einer Erkenntnis kommt. Wenn man aber mit den Methoden der Geisteswissenschaft, die nicht leichter sind als die chemischen oder astronomischen Methoden, sondern wesentlich schwieriger, das Menschenwesen untersucht — Näheres ist darüber zu finden in meinen Büchern «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» oder «Die Geheimwissenschaft im Umriß» und in anderen -, dann kommt man dahin, nicht bloß von Unsterblichkeit zu sprechen, das heißt von den Formen, welche das Geistig-Seelische des Menschen nach dem Tode annimmt, sondern man kommt dann dazu, auf dasjenige hinzuschauen, was der Mensch vor der Geburt oder Empfängnis gewesen ist, ehe er als geistiges Wesen durch die Geburt aus der geistigen Welt in die physische Welt herunterstieg und durch die Abstammung von Vater und Mutter einen physischen Leib angenommen hat. So etwas kann Erkenntnis werden, aber es ist eine Erkenntnis von solcher inneren Kraft, daß sie unser ganzes Wesen durchzuckt.

Gehen wir mit einer solchen Erkenntnis als Erzieher an das Kind heran, so schauen wir ganz anders auf das Kind hin. Dann wissen wir etwas davon, wie das Geistig-Seelische aus tiefsten menschlichen Untergründen heraus den Menschenleib formt, wie das, was an Physiognomie, an Geschicklichkeiten von Lebensjahr zu Lebensjahr auftritt, im Leibe aus dem Geistig-Seelischen heraus geformt wird. Man bekommt, indem man als Lehrer und Erzieher dem Menschen gegenübersteht, ein Gefühl, ohne welches es eine fruchtbare Erziehung gar nicht geben kann, das Gefühl: Dasjenige, mit dem du in Verbindung trittst durch diesen Menschenleib, es entstammt geistigen Welten; dir ist es anvertraut, Götter haben es dir heruntergeschickt — du stehst davor mit heiliger Ehrfurcht.

Sehr verehrte Anwesende, ebenso wie es Kräfte gibt, die erst durch ihre Wirkungen in der äußeren, physischen Welt erkundet werden können, zum Beispiel Elektrizität oder Magnetismus, so wirkt das, was man als Lehrer oder Erzieher sich aneignet als Ehrfurcht, wie eine imponderable Kraft, wie etwas, an das man erst

a en glauben lernt, wenn man es in seinen Wirkungen erschaut, wenn man sieht, wie das, was von solcher heiligen Lehrer-Ehrfurcht ausströmt, etwas ist, was des Kindes geistig-seelisches Wachstum so umgibt, wie das Sonnenlicht die Pflanze zum Blühen und Gedeihen umgibt. Eine Pädagogik aus dem Vollmenschlichen heraus, die getragen wird von Gefühlen und Empfindungen, aber von einer die Weltverhältnisse und Menschenverhältnisse durchschauenden Empfindung, eine Pädagogik, die selbstverständlich zur Kunst wird, die nicht abstrakt über Erziehung redet, eine solche Pädagogik ist es, die anstreben darf, aus der Generation, welche bestimmend sein wird für die nächsten Jahrzehnte, dasjenige zu machen, was aus unserem Niedergange zu einem Aufgange hinführen kann. Und wir dürfen sagen: Was anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft aus unserer Lehrerschaft hat machen können, das hat im ersten Schuljahre immerhin seine Früchte getragen.

Nur eines steht gerade am heutigen Tage, wo wir das zweite Schuljahr eröffnet haben, gespenstisch vor dem Geistesauge desjenigen, dessen ganzes Herz und ganzer Sinn bei dieser Waldorfschule ist. Aus dem Geiste heraus könnten wir Waldorfschule über Waldorfschule zum Leben bringen; damit würde aus dem Geiste heraus praktisch — nicht theoretisierend — eine der großen Aufgaben unserer Zeit nach und nach gelöst werden. Aber Verständnis brauchen wir, Verständnis in weitesten Kreisen. Vom Geiste dürfen wir hoffen, daß er uns weiter beistehen wird in unserem Streben, weil das in gewisser Weise von uns abhängt. Aber Verständnis brauchen wir, denn die Häuser, in denen Schule gehalten wird, sollen gebaut werden; die Lehrer sollen in Wohnungen wohnen, und sie sollen auch essen. Das ist alles notwendig. Und schon steht das Gespenst der Mittellosigkeit für solche Sachen und für das, was dahintersteckt, der Verständnislosigkeit weitester Kreise für das, was zu den großen Aufgaben unserer Zeit gehört, vor unserer Seele und beeinträchtigt das, was wir gerade in diesen Tagen für das zweite Schuljahr machen möchten. So ist das, was man heute braucht für die großen Aufgaben der Zeit, im breitesten Sinne Verständnis. Den Idealismus haben viele, der da sagt: Ideale sind hoch, es ist nicht würdig, sie in Zusammenhang zu bringen mit den materiellen Verhältnissen des Tages, denn die materielle Welt ist etwas Niedriges; die Ideale sind hoch, sie müssen sich selbst ihren Weg suchen - daher halten wir die Hände auf unsere Geldtaschen und geben gar nichts mehr aus für unsere Ideale, denn warum sollte man schnödes Geld, das nicht würdig ist, dem Idealen zu dienen, für das Ideale hingeben? - Das klingt trivial. Wenn man aber für die Waldorfschule in unseren Tagen etwas Notwendiges machen möchte, dann darf es schon in diesem Falle ausgesprochen werden. Der Idealismus bekundet sich heute oft mehr durch den Enthusiasmus, das Materielle ja recht zusammenzuhalten und darin das Ideal zu pflegen.

Ich konnte Ihnen jetzt etwas schildern, was wieder zusammenhängt mit etwas ganz Neuem in unserem Geistesleben. Seit langem haben wir gerade jene Richtung und Strömung unseres Geisteslebens verloren, die auf das hinschaut, was ich charakterisieren will, auf den vorgeburtlichen Menschen. Schon die Sprache bezeugt es: Wenn wir von des Menschen Ewigem sprechen, was sagen wir dann? Unsterblichkeit. - Wir deuten damit nur auf das eine Ende des Lebens, wohin auch der menschliche Egoismus schaut. Wir haben kein Wort für das andere: «Ungeborenheit» etwa müßte man sagen. Denn ebensowenig, wie wir unser ewiges Wesen verlieren, wenn wir den Körper ablegen, ebensowenig haben wir es mit der Geburt bekommen. Und wenn wir von dem Ewigen im Menschen sprechen, müssen wir ebenso von Ungeborenheit reden wie von Unsterblichkeit. Wir ahnen nicht einmal, was uns nach dieser Richtung fehlt. Was wir erhoffen für die Zeit nach dem Tode, beflügelt uns wenig für Taten. Wenn wir aber wissen, was in uns lebt, was in uns lebt als heruntergestiegen aus den geistigen Welten, gleichsam nur in einem Abglanz der geistigen Welt, dann können wir sagen, daß wir uns fühlen als - ich möchte das Wort gebrauchen - Missionare der geistigen Welt. Im Erdenwirken wird unser Gefühl bewegt, unser Tun beflügelt für das, was unsere Aufgabe als Mensch im Erdendasein ist. Aus dem Geiste heraus müssen wir die Kräfte gewinnen, um wirklich in so etwas, was unsere Aufgabe als Mensch im Erdendasein ist, einzudringen; dazu genügt nicht, daß man sich nur an die nächsten Bezirke desjenigen hält, was uns im Leben umgibt. Da muß man schon auf das hinschauen, was uns im geistigen Leben umgibt, was innerlich als Geistiges in uns lebt und alles Leben bis in das Wirtschaftliche durchdringt. In dieser Beziehung geben sich die Menschen den merkwürdigsten Illusionen hin.

Wer, mit wirklichem Sinn für das Reale ausgestattet, den geschichtlichen Lauf der Menschheit verfolgt, der wird sehen, daß er die eigentlichen Quellen der etwas weiter zurückliegenden, nicht an der Oberfläche befindlichen geistigen Impulse im Menschenleben drüben im Orient suchen muß - allerdings nicht im heutigen Orient, denn der heutige Orient ist in dieser Beziehung in der Dekadenz. Was Quelle dieses ganz besonderen Geistesleben ist, wie ich es hier in jenem Vortrag geschildert habe, den ich über den geschichtlichen Entwicklungsgang der Menschheit gehalten habe, das lebte vor Jahrtausenden im Orient. Da lebte eine Menschheit, die nichts verstand von dem, was wir «beweisendes» oder «logisches Denken» nennen -— eine Menschheit, die aus denselben Quellen, welche auch die hier gemeinte Geisteswissenschaft, aber in anderer Art, in abendländischer Art, dem Menschen eröffnet, einst wissen konnte, daß in des Menschen Seele etwas leben kann, was ihm den Geist, der die Welt durchdringt, offenbart. Aber nicht beweisende, nicht logisierende Geist-Erkenntnis lebt im Orient drüben. Wir können uns heute, wenn wir uns nicht selber antiquieren wollen, nicht mehr mit diesem orientalischen Geistesleben durchdringen, aber in unserer gewöhnlichen Geistesbildung lebt noch immer etwas davon. Es ist eine gerade Linie von jenem Geist, der aufleuchtete in den Veden, in der Vedanta-Philosophie, im alten indischen Yoga-System, der selbst in der chaldäischen Lehre und im alten China lebte, es ist eine gerade Linie, die sich in vielen Strömungen durch viele Kanäle nach dem Abendlande bewegte. Und in dem, was wir im gewöhnlichen Leben an eigentlich Geistigem heute denken, haben wir noch immer Spuren jenes orientalischen Geisteslebens vor uns. Selbst als sich in die Menschheitsentwicklung das Mysterium von Golgatha hineinstellte, als es notwendig war, den Christus Jesus zu begreifen, da war es orientalische Weisheit, welche dieses nur durch übersinnliche Erkenntnis zu erfassende Ereignis zu begreifen suchte; es war orientalische Weisheit, die dann überging in die Lehre des Christentums und mit dem Christentum sich dann über das ganze Abendland verbreitete. In dieser orientalischen Weisheit lebt etwas, was der heutige Mensch nicht mehr in der rechten Weise empfinden und fühlen kann, wozu er eine Stütze braucht. Was in dem Orientalen als ursprüngliches Seelenleben vorhanden war, das mußte im Westen - seit Jahrhunderten schon — verankert werden in dogmatisch sich zusammenhaltenden Religionsgemeinschaften; weil der innere Quell des Geisteslebens nicht mehr in derselben Weise fließt, deshalb brauchte der Mensch solche Religionsgemeinschaften. Das ist das, was zunächst wie ein erster Ast in unser Öffentliches Leben hineinragt - ein Ast, der noch immer den Orient als den «Lebenssaft» in sich hat. Und würde man unbefangen auf unser Geistesleben hinblicken, so würde man in dem, was der heutige Mensch denkt, fühlt und empfindet und was selbst in den Wissenschaften, bis in die Physik hinein, was vor allem aber in den religiösen Bekenntnissen lebt, noch Wirkungen desjenigen entdecken, was aus dem Orient stammt.

Zu diesem eigentümlichen, heute in seiner ganzen Konfiguration wenig begriffenen orientalischen Geist, der in seiner Eigenart das Abendland durchströmt, kam hinzu - mehr den Weg über den Süden nehmend und sich nach Mitteleuropa ergießend, aber auch den Westen befruchtend — eine ganz andere Geistesrichtung. Es kam das, was ich in einem umfassenden Sinne das juristische, das staatliche, das politische Denken nennen möchte. In dem wunderbaren Griechentum sehen wir eine merkwürdige Vermischung dessen, was vom Orient herübertönt, was in dem griechischen Menschen noch lebt als von den Ägyptern herübergekommen, mit dem in Griechenland aber noch nicht sich voll enthüllenden, nun schon juristischen Denken, das die eigentümliche beweisende Art in das Vorstellen des Menschen brachte. Da sehen wir in Griechenland das Leben erst spärlich durchzogen von logisierendem, juristischem, staatlichem Denken, das gar nicht vorhanden war im Orient. Wenn im Orient zum Beispiel Gebote vorhanden waren, so waren sie dort etwas ganz anderes, als Gebote im Abendlande waren. Wir sehen dann im alten Rom den juristischen Geist im wesentlichen aufgehen. Wir sehen, wie dort das Beweisen, das Logisieren, das Zusammenhalten und Trennen von Begriffen zu einer besonderen Kunst ausgebildet wird. Wir sehen, wie sich so ein zweites Element in das hineinmischt, was vom Orient herüberströmt, wie in die geistige Strömung sich hineinergießt die juristische, die politische Strömung, die «Staatsmaschine». Und selbst das Geistig-Religiöse, das Geistig-Schulmäßige sehen wir von diesem juristischen Element durchzogen. Dem Orientalen wäre es ganz unmöglich gewesen, in den ursprünglichen Gedanken seiner Weltanschauung statt des Begriffes vom «Karma» so etwas zu denken wie «Schuld und Sühne» oder «Erlösung». Was im Orient im «Karma», im Weltenschicksal, lebte, war etwas ganz anderes. Dann aber tönte in die Weltanschauung hinein das juristische Element, es setzte sich selbst in die religiöse Weltauffassung hinein. Der Mensch wurde anders gedacht in der Zeitenwende als im Orientalischen. Jetzt wurde er so gedacht, daß er von den Weltenrichtern «gerichtet» wird, weil er «Schuld» auf sich geladen hat. Von anderem als von «Schuld» und «Gericht» sprach man im Orient. Im Abendlande hat sich selbst in das religiöse Element das Juristisch-Beweisende, das Trennend-Richtende hineingeschlichen. Und wenn wir zum Beispiel in die Sixtinische Kapelle in Rom gehen und dort von Michelangelo das Bild vor uns haben «Christus als Weltenrichter», wo er über die Guten und Bösen richtet, urteilt, so sehen wir selbst dort in die religiöse Weltauffassung hineingetragen juristischen, weltpolitischen Geist. Das ist der zweite Ast in unserer Zivilisation, der noch nachwirkt in Fichte, in Hegel und der das durchtränkt, was noch um die Wende des 18., 19. Jahrhunderts im deutschen Geistesleben herauskommt. Es ist nicht umsonst, daß Fichte und Hegel in ihrem Denken gerade ausgingen von den Wurzeln des Rechts, von den politischen, den staatlichen Verhältnissen, und die Art und Weise, wie diese Geister sich die Menschheitsentwicklung denken, ist gegenüber früher in einem «staatsmächtigen» Sinne aufzufassen.

Dann erst, in der neueren Zeit, kam zu dieser zweiten Strömung eine dritte hinzu, die sich im Westen entwickelte aus den westlichen Volksanlagen und Instinkten der Menschen heraus. Im Osten, in den Zeiten, als der Osten seine Größe hatte, gab die Natur das, was der Mensch brauchte, so, daß er die Verteilung der Naturprodukte wie auch die Verteilung desjenigen, was der Mensch hervorbrachte, aus seinem Geistesleben heraus vornahm. Da gab es kein wirtschaftliches Denken, da gab es nicht mal ein juristisches Denken. Wenn wir bis ins 18. Jahrhundert gehen, finden wir in Mitteleuropa noch ein geringes wirtschaftliches Denken. Wir finden aber alles beherrscht von einem immer intensiver werdenden juristischen Denken, von einem staatlichen, politischen Denken. Im Westen hatte dieses wirtschaftliche Denken sich schon seit langer Zeit entwickelt, und es entwickelte sich immer mehr und mehr aus den natürlichen Instinkten und Anlagen der Menschen heraus. Es entwickelten sich die Verhältnisse so, daß dort, wo man richtig «westlich» denkt, nun auch für das, was früher vom Gesichtspunkt der Logik aus erfaßt worden ist - für die Wissenschaft, für die Wahrheit - das wirtschaftliche Denken anwendet. Aus Amerika ist es gekommen. Dort hat man die Lehre des Pragmatismus, die ungefähr sagt: «Wahr» und «falsch» ist etwas, was nur Illusion ist; das haben wir aus der juristischen Weltauffassung entnommen. Unsere Ansicht ist diese: Wenn sich etwas im praktischen Leben als nützlich erweist, so ist es richtig, ist es wahr, und alles, was sich als nicht nützlich erweist, ist schädlich, ist falsch. Es wird nach dieser Lebensauffassung alles nur danach beurteilt, ob es «nützlich» oder «schädlich» ist. Diese Vorstellungen kamen dort in die menschlichen Denkgewohnheiten hinein und leben auch in den Philosophen. Ja, wenn man zum Beispiel Herbert Spencer und andere Philosophen richtig verstehen will, so versteht man sie nur, wenn man sich sagt: Dieser Herbert Spencer denkt philosophische Systeme aus, aber er hat Vorstellungen, die als solche nur auf einem falschen Platze stehen; statt philosophische Syteme auszudenken, sollte er mit seiner Vorstellungsart Fabriken bauen, Gewerkschaften einrichten und der Wirtschaft auf die Beine helfen; dazu sind seine Vorstellungen nützlich, nicht aber auf philosophischem Felde.

Wenn wir so verfolgen, was unsere Menschheit in ihrem historischen Werden durchwandert, so sehen wir: Erst bildet sich aus ein Geistesleben, welches auf eine Erbschaft aus früheren Jahrtausenden in der späteren Zeit zurück weist, dann kommt nach und nach auf ein staatliches, ein politisches Leben, ein juristisches Denken, später entwickelt sich dazu das wirtschaftliche Leben, und es entwickelt sich dieses Leben differenziert über die Erde hin. Aber dazu sehen wir noch, indem wir uns immer weiter der neuen Zeit nähern, wie jenes Geistesleben, das vom Orient herübergekommen ist, abgestorben ist, und das trockene Pedantische und Philiströse im heutigen Unterrichts- und Erziehungswesen rührt eben im besonderen von dem Absterben jener alten geistigen Erbschaft her. Das weist aber auch mit aller Lebendigkeit darauf hin, daß wir nicht zum Orient zurückwandern sollen, sondern durch uns selbst ein freies und ursprüngliches Geistesleben wieder entwickeln müssen, indem wir uns die Quellen dieses Geisteslebens eröffnen. Die alte Erbschaft ist zu Ende. Ein neues Geistesleben will unsere Zeit, und ein solches will die Geisteswissenschaft jetzt von Dornach aus verkünden. Mit solchem neuen Geistesleben wird sie die Pädagogik durchsetzen, die Erziehung durchdringen, und durch so etwas, wie es die Waldorfschule ist, will sie es für das moderne Leben fruchtbar machen.

Aber auch für den alten juristischen Geist ist heute wenig zurückgeblieben. Ich rate Ihnen, lesen Sie charakteristische, symptomatische Erscheinungen der Gegenwart wie zum Beispiel das kleine Büchlein über Rechtswissenschaft von dem Mannheimer Lehrer Rumpf, dann werden Sie sehen: Ebenso, wie sich die religiösen Weltanschauungen heute an Äußeres anlehnen müssen, weil das Innere nicht mehr sprudelt, so macht auch die Jurisprudenz, die Staatslehre Anleihen bei den Wirtschaftsverhältnissen, weil sie aus dem Innern nichts mehr lebendig sprudeln hat. So sehen wir, daß heute ein Gemisch von wirtschaftlichem Denken und juristischem Denken zustande kommt, welches das Chaos über unser Leben breitet. Und wer die Dinge durchschaut, der weiß, wieviel von dieser chaotischen Verwirrung innerhalb unseres öffentlichen Lebens hereingedrungen ist bis in die Sphäre, wo dann die sozialen Umwälzungen, die sozialen Irrungen und Wirrungen in Taten sich äußern. Wir kommen nur vorwärts, wenn wir ein neues Geistesleben auf die Art, wie ich es geschildert habe, suchen. Das alte Geistesleben ist als Erbschaft vergangen. Aber wir finden das neue Geistesleben nur, wenn wir nicht dem Staate übergeben die Schule, wenn wir das ganze geistige Leben auf sich selbst stellen, denn dann allein können wir das Geistesleben herausheben aus dem, worin es jetzt ist. Aus der menschlichen Individualität und Persönlichkeit bringt der Mensch, wenn er aus geistigen Höhen in die physische Welt hereintritt, für jede Generation ein neues, reales Geistiges mit; das wollen wir heben. Wir wollen nicht dem Menschen vorschreiben lassen, daß er sich nach diesem oder jenem Reglement entwickeln muß, sondern wir wollen dieses reale Geistige durch Liebe kraftvoll sich vom Lehrer, vom Erzieher zum Kinde entwickeln lassen. Verwaltet werden kann dieses Geistesleben nur von denjenigen, die darinnen tätig sind. Ein neues Geistesleben wird den lebendigen Geist, den unser soziales Leben so notwendig braucht, wieder in die Gegenwart hereinstellen; es wird den tiefen Quell, den uns der Mensch mitbringt, indem er durch die Geburt ins physische Dasein hereintritt, fruchtbar machen für das menschliche Zusammenleben. Das ist eine der großen Aufgaben unserer Gegenwart.

Eine zweite Aufgabe ist die, wie wir wieder dazu kommen, lebendig — nicht nachkauend alte römische oder überhaupt alte Begriffe und logisierende Gewebe, sondern ursprünglich, durch das Zusammenleben von Mensch zu Mensch im demokratischen Staatsgefüge —, wie wir wieder dazu kommen, lebendig den menschlichen Sinn in der sozialen Gemeinschaft für den Pulsschlag zwischen Recht und Pflicht zu entwickeln. Kein Diktat-Recht wird jemals den Sinn für die Pflicht entwickeln. Nur dasjenige Recht, welches zwischen Gleichen, zwischen dem einen mündig gewordenen Menschen und dem anderen mündig gewordenen Menschen im lebendigen Verkehr entsteht, nur dieses Recht wird auch arbeitsfreudig machen, und dieses Recht wird die [Regelung der] Arbeit in sich aufnehmen müssen.

Das Geistesleben, wie ich es meine, ist in meinen «Kernpunkten der Sozialen Frage» so geschildert, daß es werden muß zum Regulator gerade des Kapitals. Dann wird das, was für die neuere Entwicklung notwendig ist, die Anhäufung von Kapital oder Produktionsmitteln, durch den Geist - der es durchleuchtet, wenn der Geist in seiner Freiheit, in seiner Fruchtbarkeit, in seinem Fortschreiten von Generation zu Generation neu sich bilden wird -, dann wird das Kapital durch den Geist auch das in sich tragen, was zum Beispiel Keynes und andere vermissen: Moralität. Und dann wird im Wirtschaftsleben nicht ein auf Egoismus und nur Selbsterwerb gestellter Kapitalismus leben, dann wird ein geistdurchtränkter Kapitalismus leben, eben aus Einsicht in die Welt- und Menschheits- und Daseinsnotwendigkeiten, und wird im Sinne der im neuen Geistesleben erzogenen Menschen wirken. Dann wird auch die Arbeit nicht mehr eine Ware sein, sondern wird aufgenommen sein in den unabhängigen, für sich selbst sich entwickelnden Rechtsstaat; dann wird in demjenigen sozialen Gewebe, in welchem der mündig gewordene Mensch mit jedem andern mündig gewordenen Menschen auf der Basis eines gleichen Rechtes wirkt, die Arbeit zu ihrem Recht kommen. Und nur aus dem Gefühl für Arbeits-Pflicht in Freiheit kann hervorgehen der Aufschwung in unserem Leben, nicht aus der Forderung nach Kasernierung und Pflicht, die jedes Rechtsgefühl im Menschen ersticken muß. Aus einem selbständigen Geistesleben, aus einem selbständigen Rechtsleben muß man erfassen die großen Aufgaben unserer Zeit.

Gehen wir ins Wirtschaftsleben, so sehen wir, wenn wir alles herausgliedern, was heute darinnen ist und heraus gegliedert werden muß -— Recht auf Boden, denn das gehört in den Rechtsstaat, Arbeit, die heute bezahlt wird wie eine Ware, denn die gehört in den Rechtsstaat, und Produktionsmittel, insofern sie kapitalisiert werden können, denn sie gehören ins geistige Glied des sozialen Organismus -, wenn wir das alles herausnehmen aus dem Wirtschaftsleben, so bleibt in ihm Warenerzeugung und Warenkonsum. Ware, als menschliches Erzeugnis, hat es nicht nur mit einem Menschen zu tun; Ware geht von einem Menschen zu anderen über. Nicht bloß derjenige hat über die Ware etwas zu sagen, der sie produziert und über ihre Herstellung Erfahrung hat, sondern auch derjenige hat mit seinen Erfahrungen dabei zu sein, der die Verkehrsverhältnisse über die Sache schafft oder der über die Bedürfnisse zu richten hat. Menschen vielerlei Art sind also am Wirtschaftsleben beteiligt, und alles im Wirtschaftsleben ist Ware. Wenn wir so aus dem Wirtschaftsleben heraus haben auf der einen Seite die Verwaltung des Kapitals im Geistgliede und die Verwaltung der Arbeit im Rechtsgliede, dann bleibt für die Verwaltung des Wirtschaftslebens das übrig, was einzig und allein gerechtfertigt ist: die Preislage, der gegenseitige Preiswert der Waren. Der aber kann, wenn er vom Zufall zur Vernunft heraufgetragen werden soll, nur bestimmt werden durch Assoziationen. In Assoziationen müssen sich die verschiedenen Menschengruppen zusammenfassen, die von dem Gesichtspunkte aus, den ich charakterisiert habe, mit einer Ware zu tun haben; denn Menschen haben von verschiedenen Ausgangspunkten aus mit der Ware zu tun, um den Preis der einen Ware im Verhältnis zur andern Ware festlegen zu können, so daß Geld nur mehr das äußere Kennzeichen für den Warenwert sein kann. Es kann nur durch Assoziationen des Wirtschaftslebens möglich sein, den wahren Preis eines Produktes für das Wirtschaftsleben herauszubekommen - darauf kommt es an. Und das kann man nicht durch Diktate und so weiter bestimmen, sondern nur durch die Erfahrungen, die von Assoziation zu Assoziation gemacht werden.

Wenn also ein Mensch zum Beispiel in einen Wirtschaftszweig hineingestellt ist und darin arbeitet, so muß der Preis für sein Arbeitsprodukt so festgelegt werden, daß es nicht zu teuer und auch nicht zu billig ist. Wenn ich also ein paar Stiefel mache, muß ich dann, wenn ich sie fertig habe, für das, was ich dafür erhalte, so viel an allerlei Waren dafür bekommen, daß ich meine und der Meinen Bedürfnisse damit befriedigen kann, bis ich wiederum ein paar Stiefel fertig habe. Das läßt sich nicht errechnen, das läßt sich nur erleben im lebendigen Zusammenwirken der Assoziationen. Um zu begreifen, daß das Preisproblem im Mittelpunkte des ganzen Wirtschaftslebens steht, dazu wird allerdings ein genaueres Studium der «Kernpunkte» und derjenigen Schriften notwendig sein, die darauf hindeuten, besonders zum Beispiel meine Aufsätze in der Dreigliederungs-Zeitung, die demnächst gesammelt im Verlag des Kommenden Tages erscheinen werden. Es läßt sich dort verfolgen, was wir brauchen, um wieder den Geist herauszubekommen, den wir für unseren Aufstieg nötig haben.

Um diese eine große Aufgabe der Gegenwart zu lösen, müssen wir ein neues Geistesleben zur Pflege der Individualität haben; wir müssen herausholen die menschliche Selbstbedeutung und die menschlichen Fähigkeiten, die sich in den menschlichen Zusammenhang nur richtig hineinstellen können durch ein richtiges Erfassen der menschlichen Persönlichkeit und der menschlichen Individualität. Um in der richtigen Weise das Geistesleben zur Wirksamkeit zu bringen, brauchen wir das auf sich selbst gestellte — nicht das Geistesleben umfassende, sondern es aus sich herauslassende — Staats- oder Rechtsleben oder politische Leben in seiner parlamentarischen Struktur; das kann nie im Geistesleben oder im Wirtschaftsleben sein. Daraus wird dann wieder Moralität, gegenseitige Hilfeleistung hervorgebracht werden können, also alles das, was zwischen allen Menschen spielen muß, damit ein menschenwürdiges Dasein vorhanden sein kann. Und im Wirtschaftsleben brauchen wir die Lösung der Preisprobleme als eine große Aufgabe der Gegenwart. Wir können sie nur lösen, wenn wir das Wirtschaftsleben erst auf sich selbst, auf die Assoziationsgrundlage stellen.

Und wir kommen nur vorwärts, wenn wir diese drei selbständigen Glieder in einer gewissen freien Weise zusammenwirken lassen und uns nicht fürchten vor einer etwaigen «Teilung» oder «Zerschneidung» dieser drei Glieder. Man braucht nur ein wenig über den menschlichen Organismus nachzudenken und wird diese Furcht nicht mehr haben. In meinem Buche «Von Seelenrätseln» habe ich angedeutet, wie auch der menschliche Organismus aus drei selbständigen Gliedern besteht: aus der Nerven-Sinnestätigkeit, aus der rhythmischen Tätigkeit und der Stoffwechseltätigkeit. Aus diesen drei Tätigkeiten — als Tätigkeiten - gliedert sich die gesamte Funktion des menschlichen Lebens zusammen. Ebensowenig wie man mit den Augen atmen oder mit der Lunge sehen kann, ebensowenig sollte der Staat das Geistesleben bestimmen, ebensowenig sollte das Geistesleben in das Rechtsleben eingreifen. Und ebensowenig wie man mit dem Magen denken kann, ebensowenig sollte man vom Wirtschaftsleben aus politische Diktate geben oder Rechte bestimmen. Und gerade dadurch, daß die Lungen atmen, daß der Kopf sieht und denkt und daß der Magen verdaut, wirken die drei selbständigen Glieder im menschlichen Organismus in einer Einheit zusammen; diese Einheit ist nicht abstrakt vorhanden, sondern sie entsteht als eine lebendige aus den drei selbständigen Gliedern.

So wird die wahre Einheit des sozialen Organismus entstehen, wenn wir die drei großen Aufgaben der Gegenwart im Geistesleben, im Rechtsleben und im Wirtschaftsleben erfassen. Es sind diese drei großen Aufgaben gewiß für viele eine Utopie. Aber selbst den Menschen der dreißiger Jahre des 19. Jahrhunderts wäre das, was sich entwickelt hat vom Jahre 1870 bis 1913 in Mitteleuropa, rein wirtschaftlich gedacht, eine Utopie gewesen. Wenn wir bloß daran denken, daß im Jahre 1870 in Deutschland 30 Millionen "Tonnen Kohle gefördert und verarbeitet worden sind, daß im Jahre 1913 dagegen 190 Millionen Tonnen gefördert und verarbeitet wurden — wahrhaftig, für einen Menschen der dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts wäre das eine Utopie gewesen, wenn man damals von einer solchen Anschwellung der Kohlenförderung und -verarbeitung gesprochen hätte. Man soll sich nicht fürchten vor einem solchen Vorwurf der Utopie oder der Phantasterei. Und wenn auch das, was so als Dreigliederung hingestellt wird, nicht gleich verwirklicht werden könnte, so wollen wir uns erinnern an ein Wort, das Fichte einmal vor seinen Zuhörern ausgesprochen hat, als er über das Wesen und die Bestimmung des Gelehrten redete. Da meint er ungefähr: Daß sich die Ideale im praktischen Leben nicht gleich verwirklichen können, das wissen wir auch, aber wir wissen auch, daß in solchen Idealen große Impulse und große Kräfte liegen, welche die Menschheit vorwärtsbringen können; wenn die sogenannten Praktiker solches nicht anerkennen, dann bezeugen sie damit nichts anderes, als daß bei der Weltenentwicklung einst auf sie nicht gerechnet worden ist; und so möge ihnen denn eine gütige Gottheit zur rechten Zeit Licht und Sonnenschein, eine gute Verdauung und, wenn es sein kann, auch ein wenig Verstand gewähren! - Wer ein wirklicher Praktiker ist, der rechnet auf die realen praktischen Kräfte des Lebens und läßt sich nicht durch jene Einwände verdrießen, die so recht in dem Stile sind, wie sie Fichte charakterisiert, und die dann sagen: Was soll das niedergeworfene Deutschland, was soll die in Mitteleuropa ins Elend gekommene Menschheit allein machen, wenn alle andern nicht mit der Dreigliederung mitmachen wollen?

Sehr verehrte Anwesende, wenn wir mit aller Kraft - selbst heute noch, wo es schier zu spät ist - an dieser Dreigliederung des sozialen Organismus so viel arbeiten, daß sie in möglichst viele Köpfe hineingeht, und sie wirklich lebendig vor die Welt hinstellen, dann werden sie die anderen, selbst wenn sie die Sieger sind, als etwas für die Welt und die Menschheit Fruchtbares und Heilsames schon hinnehmen. Als die «Kernpunkte» ins Englische übersetzt worden sind, da konnte man sehen, wie fast jede Besprechung dieses Buches mit den Worten anfing: Man kann fast nicht anders, als dieses Buch mit Vorurteilen lesen -, aber selbst da ist man dann mit einer gewissen Objektivität an den Inhalt gegangen. Eines fehlt uns nur: die Menschen, die uns helfen beim Fruchtbarmachen dieser Ideen für das Leben. Wir brauchen Menschen, in denen Fortschrittsgeist lebt, aber Fortschrittsgeist - nicht Fortschrittsphrase. Und je mehr wir solche Menschen gewinnen, umso weniger brauchen wir uns vor dem Vorwurf zu fürchten, daß wir in Mitteleuropa gegen die andern nichts vermögen.

Ein anderer Einwand, der oft gemacht wird, ist der: Was vermag denn der Einzelne, auch wenn er so etwas durchschaut wie die Fruchtbarkeit des Dreigliederungsimpulses? — Ach, möge sich nur keiner grämen, daß es die «andern» nicht durchschauen, möge er nur selbst als einzelner sehen, daß er es durchschaut, dann gibt er ein Beispiel für andere und betritt den Weg, wo aus einzelnen viele werden. Und auch der andere Vorwurf soll uns nicht zur Verdrießlichkeit gereichen, wenn die Leute immer wieder und wieder sagen: Wenn man auf solchem Weg den Aufstieg sucht, dann dauert es lange. - Wir wollen nicht darüber die Zeit verlieren, wie lange es dauert, sondern wir wollen uns darüber klar sein: Je stärker wir es wollen, um so schneller wird es kommen! Wir wollen nicht «Betrachtungen» anstellen, sondern wir wollen so denken und handeln, damit es durch unser Handeln, unser Wollen und Denken so schnell als möglich kommen muß.

Wenn so der Mensch sich die richtigen Wege für das richtige soziale Zusammenleben in der Seele lebendig macht, wenn er seine Seele befeuert und ganz durchlebt mit diesen Impulsen, die uns zeigen, in welcher Weise aus dem Geistesleben, aus dem Rechts-, Staats- oder politischen Leben und aus dem Wirtschaftsleben heraus ein Aufstieg möglich ist, dann kann er von einem einzelnen Erdenterritorium aus selbst gegen die Vorurteile der ganzen Welt so wirken, daß viele einzelne Territorien entstehen, welche die Impulse aufnehmen und weitertragen zum Fortschritt und Heil der Menschheit. So kann dadurch aus einer langen Schmerzensperiode eine kurze werden; so kann man Raum und Zeit und mannigfaltige [Hemmnisse] überwinden, wenn man aus dem selbständigen Rechtsbewußtsein und aus dem richtigen Wirtschaftsbewußtsein der Gegenwart heraus das wahre Heil der Menschheit für einen neuen Aufstieg wirklich finden will.

German original of The Great Challenges of Today in the Fields of Intellectual, Legal and Economic Life. · ← Previous · Next →