The Crisis of the Present and the Path to Healthy Thinking
GA 335 — 10 November 1920, Stuttgart
10. Die Geisteskrisis der Gegenwart und die Kräfte zum Menschheitsfortschritt
Daß die zivilisierte Menschheit in der Gegenwart schwere Krisen durchmacht, das bemerkt wohl nicht bloß jeder, sondern erlebt eigentlich jeder. Es sind, so möchte ich sagen, zwei dieser Krisen, auch äußerlich ganz deutlich, sozusagen explosiv in der letzten Zeit hervorgetreten.
Die eine, mehr schleichende Krisis, sie wird zwar von sehr vielen Menschen in der Gegenwart schon bemerkt, erwähnt, aber ihrem Wesen nach von den wenigsten durchschaut. Für diese Krise, die zunächst der Menschheit so schweres Elend, so schwere Not gebracht hat und die wir bezeichnen können als die staatliche Krisis der Gegenwart, für diese Krisis dürfen wir wohl 1914 als das Explosionsjahr ansetzen. Wir wissen ja, wie es dazumal im europäischen Staatensystem zu den furchtbarsten Kämpfen kam, wie die Menschheit heute noch unter den schrecklichen Nachwirkungen dieser Kämpfe zu leiden hat. Man darf sagen, daß es sich innerhalb des Ablaufes dieser Kämpfe, namentlich aber nachdem diese Kämpfe 1918 ein scheinbares Ende gefunden hatten, daß es sich da zeigte, wie wenig im Grunde durchschaut wird, worin die Quelle, die eigentliche Ursache dieser staatlich-rechtlichen Menschheitskrise zu suchen ist.
Von zwei Seiten her konnte man gewissermaßen etwas wie eine Art Devise hören, welche die Richtung angeben sollte, nach der sich die furchtbare Krise entwickeln sollte. Die einen meinten - ich will jetzt auf die Charakteristik der einzelnen Parteien nicht eingehen, das gehört nicht hierher, sondern ich will nur es erwähnen -, sie meinten, daß herauskommen müsse aus den Kriegswirren ein anderes Gefüge des Staatensystems der zivilisierten Menschheit; wenigstens, so meinten viele, müßten die bestehenden Staaten ihre Grenzen ändern, Sicherungen da oder dort aufrichten. Die anderen wiederum, nicht minder zahlreich, wollten sich von den verschiedensten Gesichtspunkten aus zur Devise machen: Weder Sieger noch Besiegte! - Das würde ja heißen, daß das Staatensystem der zivilisierten Menschheit aus den Kriegswirren in derselben Gestalt hervorgehen müsse, wie es vorher war.
Man muß sagen: Sowohl die einen, welche an Eroberungen dachten, an die Veränderung der Staatsgrenzen, wie auch die anderen, die das Schlagwort «weder Sieger noch Besiegte» aussprachen, sahen eigentlich ein, daß ja diese furchtbare Wirrnis im zweiten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts daraus hervorgegangen war, daß eben einfach die Staaten in ihrem gegenseitigen Verhältnis, mit ihren Grenzen, so wie sie waren, nicht bleiben konnten, daß sie aber auch nicht in sich die Kraft enthielten, sich in irgendeiner Weise so neu zu gestalten, daß ein erträgliches Verhältnis zwischen ihnen hervorgehen konnte. Daß es zu dem Ausgang «weder Sieger noch Besiegte» nicht hat kommen können, das zeigt ja eben der Kriegsausgang. Daß es aber auch mit dem «Siege» nicht getan ist, das zeigt dasjenige, was sich seither entwickelt hat, denn wenn man das betrachtet, was aus der Denkweise, aus der Anschauungsart derjenigen entsprungen ist, welche unter den Siegern sind, dann muß man sagen: In Versailles, in Saint-Germain, in Spa und so weiter, überall waren beisammen diejenigen, die mit denselben Gedanken dachten, mit denen man die Staaten aufgerichtet hat, die durcheinander gekommen, in Wirrwarr gekommen waren. Fortsetzen wollten sie dieselbe Denkweise, dieselbe Anschauungsart. Einrichten wollten sie irgendwelche neuen staatlichen Gebiete, die wir auch haben entstehen sehen - der Äußerlichkeit nach zunächst -, aber was man sich erhofft hat, ist daraus nicht hervorgegangen. Wer heute unbefangen die Verhältnisse der zivilisierten Menschheit überblickt, er wird sich gestehen müssen, daß dasjenige, was da aufgerichtet worden ist, namentlich in Europa, heute schon deutlich zeigt, daß es einen innerlichen Bestand nicht haben kann. Aus der Unordnung, in der sich alles dasjenige befindet, was aus den Friedensschlüssen hervorgegangen ist, muß der Unbefangene erkennen, daß man einfach die alte Denkweise, die staatliche Denkweise, die durch die neuzeitliche Geschichte heraufgekommen ist, nicht fortsetzen kann. Sie hat sich geltend gemacht in den Friedensschlüssen; sie hat ihre Unmöglichkeit durch die Tatsachen bewiesen.
Die zweite Krisis - man könnte vielleicht besser sagen: das Explodieren der zweiten Krisis, denn sie hat sich ja lange vorbereitet —, ist etwa zu verzeichnen im Jahre 1918 und den folgenden Jahren. Man kann sie nennen die wirtschaftliche Krisis. Aus den Kriegswirren heraus entstand das an Sehnsucht der Menschheit, was man nennen könnte das Bestreben, zu solchen wirtschaftlichen Zuständen zu kommen, wie sie in den Instinkten, in den Bedürfnissen zahlreicher Mitglieder der heutigen zivilisierten Menschheit vorhanden sind. Was haben wir bis jetzt hervorgehen sehen aus dieser wirtschaftlichen Krisis? Sehen wir nach dem Westen: Wir sehen die absolute Hilflosigkeit; wir sehen auch da die Fortsetzung des Wirtschaftens so, wie es in der neuzeitlichen Geschichte heraufgekommen ist; wir sehen ein fortwährendes Experimentieren ohne leitende Ideen; wir sehen diejenigen, die sich Gedanken machen über dieses Wirtschaften, bis jetzt in höchster Besorgnis vor dem Ausgang dieses Experimentierens. Und sehen wir nach dem Osten, dann sehen wir, wie das rein wirtschaftliche Denken, insofern es sich geltend gemacht hat in den Köpfen des Proletariats, eine merkwürdige Gestalt angenommen hat. Wir sehen im europäischen Osten — und sehen dasselbe sich fortsetzen bis tief nach Asien hinein -, wir sehen das Bestreben, man könnte sagen ein militarisiertes WirtschaftsStaatsgefüge herzustellen. Dasjenige, was so Schiffbruch gelitten hat aus den alten Rechtsstaaten heraus, das rein militaristische Prinzip, das sehen wir im Osten angewendet. Ich möchte sagen: Wir sehen das rein militaristische Prinzip angewendet auf einen wirtschaftlichen Organismus, der geschaffen werden soll. Und heute sprechen auch für diese Bestrebungen die Tatsachen schon klar genug. Wer wollte heute behaupten, daß irgend etwas anderes geleistet werden könne durch diese Militarisierung des Wirtschaftslebens im Osten von Europa als lediglich Raubbau der alten Wirtschaft, Zerstörung des alten Wirtschaftsgefüges. Man macht sich Illusionen über irgend etwas, was für die Menschheit entstehen soll, was aber mit jedem Tage, mit jeder Woche mehr zerbröckelt. Wiederum sehen wir, wie aus den Gedanken, den Anschauungen der Menschen heraus, wie sie sich gebildet haben namentlich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als sogenannte Gedanken wirtschaftlicher Reformen, sozialer Reformen, wie aus diesen Gedanken - da, wo man sie radikal anwenden will -, nicht im entferntesten etwas Fruchtbares hervorgehen kann.
Und man darf daher schon sagen: Zwei Krisen, die staatliche Krisis und die wirtschaftliche Krisis, sie stehen heute vor der zivilisierten Menschheit da, ohne Aussicht auf irgendwelche Auswege. Man braucht keine weitläufigen Spiritisierungen auszubilden, um zu erkennen, daß das so ist, wie ich es einleitungsweise hier erwähnt habe; man braucht sich bloß unbefangen der Beobachtung dessen hinzugeben, was geschieht. Aus diesen Beobachtungen heraus, die man aber schon durch Jahrzehnte hindurch machen konnte, wenn man das seelische Augenmerk lenkte auf die Art und Weise, wie sich ganz deutlich diese zwei Krisen vorbereiteten, aus diesen Beobachtungen heraus entstand dasjenige, was in der letzten Zeit in Dornach als anthroposophische Hochschulkurse unternommen worden ist. Gewiß, diese anthroposophischen Hochschulkurse, die im September und Oktober dieses Jahres in Dornach von dreiBig Dozenten der verschiedensten Wissenschaftszweige abgehalten worden sind — man braucht sie in ihrer heutigen Bedeutung nicht zu überschätzen; sie sind ein allererster und vielleicht ein sehr schwacher Anfang, aber der Anfang eines ganz bestimmten zielbewußten Wollens. Es hat in Dornach durch diese dreißig Dozenten gezeigt werden sollen, daß jene anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft, welche nun von mir seit beinah zwei Jahrzehnten auch in Stuttgart vorgetragen wird, die innere Kraft und die innere wissenschaftliche Methodik hat, um die verschiedensten menschlichen Wissenschaftszweige zu befruchten, so daß diese eine den Forderungen des Gegenwarts- und Zukunftslebens entsprechende Gestalt annehmen können.
Allerdings, damit so etwas überhaupt in zielbewußter Weise unternommen werden kann - was ist dazu notwendig? Dazu ist notwendig, daß man durchschaue dasjenige, was die wichtigste, die dritte Krisis ist, von der im Grunde genommen die beiden anderen erwähnten Krisen nur der äußere Ausdruck sind. Diese dritte Krisis aber wird heute fast von der gesamten Menschheit noch nicht in gebührender Weise ihrem Wesen nach angeschaut: es ist die Krisis unseres ganzen Geisteslebens. Ich weiß, meine sehr verehrten Anwesenden, daß damit etwas ausgesprochen wird, was in weitesten Kreisen heute den ärgsten Zweifeln begegnet. Ich weiß auch, daß damit etwas ausgesprochen wird, das anzuhören man eigentlich als unbequem empfindet. Das zeigt sich zum Beispiel schon darin, daß ja viele die staatliche Krisis und viele die wirtschaftliche Krisis zugeben, daß sie aus diesem Zugeben heraus gründliche Wandlungen verlangen in der Auffassung und den Einrichtungen des staatlichen und des wirtschaftlichen Lebens, daß aber äußerst wenige davon überzeugt sind, daß auch das Geistesleben bis in die einzelnen Wissenschaften hinein eine Umwandlung erfahren müsse. Man denkt ja heute in vielen Kreisen, daß das geistige Leben die Quellen liefern müsse zu weiteren gedeihlichen Fortschritten der Menschheit, zum Herauskommen aus Not und Elend und sozialem Wirrwarr. Aber man denkt sich die Beteiligung des Geisteslebens so, daß man eben einfach nur das an «Geistesgütern» nimmt, was bisher als sogenannte «sichere Wissenschaften» geleistet worden ist, und das nun durch die verschiedensten Kanäle, durch Volkshochschulen, Volksbildungsvereine und so weiter in die weitesten Kreise hineinleiten will. Aber - ich habe es schon einmal hier erwähnt - man ist nicht unbefangen genug, die folgende Tatsache gründlich in Erwägung zu ziehen: Wenn man erkennt, daß ja gerade diejenigen Kreise es waren, welche bisher teilgenommen haben an dem Geistesleben, wie es sich in der neuzeitlichen Menschheitsentwicklung herausgebildet hat, und daß gerade diese gebildeten Kreise es waren, welche im wesentlichen die Träger der Verwirrung geworden sind, wenn man dies erkennt, so muß man zugeben, daß dieselbe Verwirrung nicht dadurch beseitigt werden kann, daß man solche durch diese Geistesbewegung heraufgebrachten Gedanken, die ins Unheil hineingeführt haben, daß man die noch popularisiert - denn es müßte aus den weitesten Kreisen dann derselbe Wirrwarr hervorgehen, der schon aus dem engen Kreise der Träger dieses Geisteslebens hervorgegangen ist.
Deshalb geht von Dornach, wo diese anthroposophischen Hochschulkurse stattgefunden haben, das Ziel aus, nicht etwa bloß in konservativer Weise dasjenige, was wir nun einmal haben an sogenannter sicherer Wissenschaft oder an anderen Geistesgütern, innerhalb derer sich die Verwirrungen geltend gemacht haben, nun in weitesten Kreisen zu popularisieren, sondern dieses Geistesgut neu zu befruchten, ihm einen Einschlag zu geben, durch den es der Träger auch eines anderen staatlichen, eines anderen wirtschaftlichen Lebens werden kann. Erneuerung des Geisteslebens, nicht Verbreiterung des alten Geisteslebens, das ist das Ziel der anthroposophisch orientierten Geistesbewegung. Erkannt soll werden innerhalb der anthroposophisch orientierten Geistesbewegung, daß die Impulse, die Gedanken, die Anschauungen, welche in den Wirrwarr der Staaten, in den Wirrwarr der Wirtschaft hineingeführt haben, schon in der alten Geistesrichtung lagen. Aber wenige Menschen geben sich heute noch die Mühe, wirklich auf die Ursprünge unserer Not und unseres Lebens, auf die Krisis in unserem Geistesleben hinzuschauen. Das ist eben unbequem. Irgend etwas sollte doch «sicher» sein, auf irgendeinem Boden soll man doch stehen können. Man glaubt, alles käme ins Wanken, wenn man auf dieses Geistesleben selber reformierend wirken soll. Deshalb hat es anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft so schwer, zu den Menschen der Gegenwart zu sprechen, weil im Grunde genommen das Interesse, das sie aus ihrem inneren welthistorischen Pflichtgefühl heraus geltend machen muß, unter den Menschen in weitesten Kreisen gar nicht regsam ist. Man möchte überall, im Wirtschaftlichen, im Staatlichen die Quellen der Krisen suchen, aber man schreckt davor zurück, sie im Geistesleben zu suchen.
Aber ehe man sie nicht suchen wird im Geistesleben, ehedem wird nichts, gar nichts besser - auch im wirtschaftlichen, auch im staatlichen Leben nicht. Denn das, was im staatlichen, im wirtschaftlichen Leben äußere Wirklichkeit ist, das ist doch, wenn es heute die Menschen auch nicht einsehen wollen, nur der Ausdruck dessen, was die Menschen denken, was sie denken gelernt haben durch das Geistesleben, das in den letzten drei bis vier Jahrhunderten, insbesondere im 19. und am Beginn des 20. Jahrhunderts in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit heraufgezogen ist. Die staatliche, die wirtschaftliche Krise, sie sind zu bemerkbar, als daß sie geleugnet werden könnten, als daß man nicht darauf kommen müßte, daß sowohl der staatlichen wie der wirtschaftlichen Entwicklung neue Impulse zugeführt werden müssen. Daß etwas geschehen müsse auch im Geistesleben, das geben viele Menschen zu. Daß gerade so etwas geschehen muß, wie anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft will, dagegen stemmen sich diejenigen Menschen der Gegenwart, die auch das erstere zugeben, sehr häufig. Wir können dafür heute schon genügend Beispiele angeben - Beispiele, die in der Gegenwart entnommen werden können sowohl aus den unter furchtbarem Kulturdruck leidenden Weltgebieten, die zu den besiegten gehören, wie auch aus denjenigen Kulturgebieten, die den Siegern angehören.
Wir sehen, nachdem die kriegerischen Wirren ein vorläufiges, aber nur scheinbares Ende gefunden haben, nachdem die Revolutionsgesinnung heraufgezogen war, wie innerhalb von Deutschland sich geltend gemacht hat der Ruf, das kirchliche, das religiöse Element vom staatlichen abzutrennen. Ich möchte sagen, so abstrakt genommen, ist dies zunächst der erste Morgenruf für einen Teil desjenigen, was die Dreigliederung des sozialen Organismus will: Sie will das gesamte Geistesleben vom staatlichen und wirtschaftlichen Leben loslösen und in seine eigene, nur auf seine eigenen Prinzipien gebaute Selbstverwaltung stellen. Man begreift heute nur diesen innerlichsten Teil des Geisteslebens, so daß man, aber auch eigentlich nur ganz im abstrakten Sinn, verlangt hat seine Lostrennung vom staatlichen Leben.
Nun haben sich aber gerade auf diesem Gebiet auch innerhalb Deutschlands noch andere Erscheinungen gezeigt: Von einer gewissen Seite her machte sich eine ganz entschiedene antireligiöse, antichristliche Gesinnung geltend, und dasjenige, was sich da geltend machte, verband sich mit dem Kriegsruf: Lostrennung der Kirche vom Staate. Insbesondere wurde es für den Protestantismus schwer, sich hineinzufinden in dasjenige, was da als die Folge des Krieges, der Revolution heraufgezogen ist. Man mußte auf der einen Seite sehen, wie die katholische Kirche durch ihre uralte Konstitution nicht viel verlieren würde durch die Trennung vom Staate, denn sie hat selbst so viele politische und administrative und auch volkstümliche Impulse in sich, daß sie in der Tat durch diese Trennung vom Staate nur gewinnen könnte, insbesondere wenn sie noch in intriganter Weise die Trennung vom Staate umgeht. Dagegen war die Verbindung der evangelischen Kirchen mit den Staatsgewalten eine so enge - die evangelischen Kirchen waren so angelegt, die kirchliche Gewalt von staatlichen Mächten ausüben zu sehen -, daß sie sich durch die Trennung vom Staate gewissermaßen wie ausgeliefert vorkommen mußten. Das machte sich als eine gewisse Stimmung geltend, die dazu führte, daß eine Art Kampfruf entstand nach einer Sammlung all desjenigen, was noch von dem religiösen Gesichtspunkte aus den Blick nach dem Geistigen hin richten konnte. Organisiert sollten werden die verschiedenen Bekenntnisse, damit sie das, was sie in der Trennung nicht erreichen können, in der Gemeinsamkeit erreichen können durch eine Art von Selbstverwaltung.
Ja, noch etwas anderes kam zum Vorschein, das höchst charakteristisch ist: Diejenigen, die die Träger dieses «Sammlung»Gedankens der verschiedenen kirchlichen Bekenntnisse waren, sie sprachen es offen aus, daß es gut sei, daß die Lösung der kirchlichen, der religiösen Angelegenheiten von den staatlichen noch möglichst vertrauensvoll gegenüber den staatlichen Gewalten vor sich ginge, daß die Loslösung — wie man sich ausdrückte - sozusagen «wohlwollend» geschehe. Sie sprachen es offen aus, daß wenigstens der Religionsunterricht noch vom Staate besorgt wird und so weiter, daß die Kirche nicht einfach entlassen werde aus der Staatsgewalt, sondern in einer gewissen Weise abgefunden werde - nun, und was dergleichen Dinge mehr sind -: «wohlwollende Loslösung vom Staate». Man sieht daraus: Die religiösen Bekenntnisse sind gewöhnt, staatlich geleitet zu werden; sie können sich gar nicht hineinfinden in eine gewisse staatliche Unabhängigkeit. Das hat allerdings seinen Grund nicht allein in wirtschaftlichen Verhältnissen, das hat durchaus auch seine Gründe in der Denkungsart der Menschen. Und so sehen wir, wie die Kirchen, die ihre Selbständigkeit gewinnen sollen, gewissermaßen, wenn auch mit einer Halbheit, doch noch hinschielen nach der staatlichen Leitung, in die sie sich hineingewöhnt haben durch Jahrhunderte. So etwa können wir sagen von Mitteleuropa.
Sehen wir nun nach dem Auslande. Es ist außerordentlich interessant, daß sich zum Beispiel in der Schweiz jetzt Redner aus Amerika hören lassen, welche kirchliche Vertreter von Religionsbekenntnissen sind. Was bringen sie in ihren Reden vor? Sie bringen in ihren Reden etwa das folgende vor - ich kann das, was ausführlich dargelegt wird, nur in ein paar Sätzen kurz zusammenfassen —, sie bringen etwa das folgende vor, vom amerikanischen Standpunkte aus selbstverständlich: Die Menschheit strebt, so sagen sie, nach dem Völkerbund. Der Völkerbund soll die Menschheit aus den alten, militaristischen Verhältnissen herausführen; er soll den ersehnten Frieden und ein Neues an menschlicher Kultur und menschlicher Zivilisation bringen. Aber, so sagen sie, dasjenige, was die Staatsmänner bis jetzt geleistet haben, was sie bis jetzt erreicht haben, kann keinen lebensfähigen Völkerbund zustande bringen - sie greifen dabei durchaus den Woodrow Wilson an, den sie als einen gutmütigen, aber eigentlich etwas törichten Idealisten schildern. Denn ein solcher Völkerbund würde zusammengeschmiedet durch äußerliche, staatliche Verhältnisse, die sich eigentlich überlebt haben, die keine Tragkraft mehr für die menschliche Zivilisation haben. Dasjenige, was der wahre Völkerbund ist — so sagen diese amerikanischen Pastoren -, das muß wurzeln in den Herzen der Menschen. Das könne aber nur in den Herzen der Menschen wurzeln, wenn christliches Fühlen, religiöses Bekennen sich über die Erde hin findet. Und so möchten diese amerikanischen Redner eigentlich vom religiösen Gesichtspunkte aus mit den Europäern zur Konstituierung des Völkerbundes kommen; sie möchten religiös die Herzen der Menschheit gewinnen.
Das, was ich Ihnen da anführe, meine sehr verehrten Anwesenden, ist ja etwas, was aus dem geistigen Leben hervorgeht. Allein, wer die Reden solcher amerikanischen Pastoren hört, der sagt sich, wenn er auf der andern Seite dasjenige unbefangen zu erblicken in der Lage ist, was nun über Europa wirtschaftlich tobt: Und mögen die Worte noch so schön sein - sie sind zuweilen sehr schön, diese Worte, die da gesprochen werden -, mögen die Worte noch so schön sein, die Wege zu den Menschenherzen finden sie nicht; einen innerlichen Völkerbund zu gründen, sind sie ohnmächtig. Denn diejenigen Menschen, aus deren Instinkten und Trieben heraus heute die sozialen Schlachtrufe ertönen, die haben kein Ohr mehr für diese schön gesprochenen Worte, die fordern etwas anderes; für diese Worte öffnen sich die Herzen nicht. Hier zeigt sich — ebenso wie auf dem Boden, wo der Ruf ertönt, wohlwollend vom Staate sich loszulösen, zu sammeln dasjenige, was zerstreut ist -, überall da zeigt sich, daß man schon bemerkt die schleichende Geisteskrisis der Gegenwart. Aber man muß wirklich ganz befangen sein, wenn man glauben kann, daß auf der einen Seite durch die schönen Worte der amerikanischen Pastoren der Weltbund begründet werden könne in den Herzen der Menschen oder daß auf der anderen Seite durch die Sammlung desjenigen, was über Mitteleuropa an verschiedenen Bekenntnissen existiert, eine geistige Erneuerung zustande gebracht werden könne - eine geistige Erneuerung, die nun wirklich mächtig genug ist, um Kraft zum sozialen Menschheitsfortschritt hervorzubringen, um Kraft hervorzubringen, die auf staatlichem und wirtschaftlichem Gebiet reformieren kann. Nur wenn man befangen ist, kann man solches glauben.
Anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft, sie studiert aus ihren Erkenntnissen, aus ihrer Anschauungsweise heraus dasjenige, was eigentlich sich vollzieht, und sie bemerkt: Ja, der Wille ist da, ein Geistesleben wieder mächtig zu machen unter den Menschen, so daß das staatliche, das wirtschaftliche Leben hervorgehen könne aus Gedanken, die in einem fruchtbaren Geistesleben wurzeln. - Anders kann ja das wirtschaftliche und staatliche Leben nicht reformiert werden. Der Wille ist da, aber etwas fehlt: es fehlt die schöpferische Kraft. Denn heute kommt es nicht darauf an, daß amerikanische Pastoren die altbackenen Worte wiederholen - wenn sie auch noch so schön geschmiedet sind -, die aber ihren Wert für die Menschenherzen verloren haben. Heute kommt es nicht darauf an, daß man dasjenige, was an Bekenntnissen aus der Vorzeit vorhanden ist, sammelt; heute kommt es darauf an, daß ein neues Geistesleben durch eine Neuschöpfung unter die Menschen komme. Nur derjenige versteht die Geisteskrisis, der nicht bloß das Alte wiederholen, nicht bloß das Alte sammeln will, sondern der den Willen entwickelt zu geistiger Neuschöpfung.
Wir müssen uns fragen: Warum erweisen sich die schönsten Worte als ohnmächtig? Warum führt die Sammlung [der religiösen Bekenntnisse] zu nichts? Wir sehen, daß im Laufe der letzten drei bis vier Jahrhunderte über die ganze zivilisierte Menschheit hin dasjenige mächtig geworden ist, was man nennt das staatliche Leben und was man nennt das wirtschaftliche Leben. Die beiden haben das geistige Leben so vollständig ins Schlepptau genommen, daß diejenigen, die in Mitteleuropa in bezug auf ihr religiöses Bekenntnis vom Staate getrennt werden sollen, doch wiederum nach diesem Staate und seiner Führung lechzen. So stark ist das Geistesleben ins Schlepptau genommen worden, daß heute die schönsten Worte, die aus diesem alten Geistesleben heraus gesprochen werden können, nicht mehr den Weg finden zu den Herzen, in denen die Instinkte für die heutigen Reformen entstehen. Das beweist, aus den äußerlich-historischen Tatsachen heraus, daß wir nicht bloß eine neue Befruchtung des Alten, eine Anregung für das Alte, sondern daß wir eine vollständige Neuschöpfung brauchen. Auf diesem Standpunkte steht anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft. Sie will die einzelnen Wissenschaften befruchten, die ja die Gedanken hergeben sollen für das staatliche und für das wirtschaftliche Leben der Menschheit. Anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft soll aber auch das staatliche Leben selber und das wirtschaftliche Leben so befruchten, daß beiden neue Impulse zugeführt werden, die im Geistesleben selbst geschaffen werden. Bei einem größeren Teil der Wissenschaften ist uns das - wir dürfen das nach unseren Erfolgen, nach unseren Ergebnissen während der Dornacher Hochschulkurse betonen - wenigstens für einen Anfang gelungen. Geschichtliches, Physikalisches, Chemisches, Biologisches, Rechtswissenschaftliches, ja selbst Mathematisches, Philosophisches, Psychologisches - alle diese Gebiete haben durch unsere Hochschulkurse bereits eine Gestalt angenommen, durch die sich zeigt, was diese Wissenschaftszweige werden, wenn sie methodisch streng wissenschaftlich von demjenigen durchdrungen werden, was die geisteswissenschaftlichen Forschungen beabsichtigen, wie sie durch mehr als eineinhalb Jahrzehnte auch hier in Stuttgart vertreten werden. Gerade auf diese Geisteskrisis, die notwendig macht geistige Neuschöpfungen, will anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft hinweisen. Warum, so sagte ich, erweisen sich die schönsten Worte als ohnmächtig? Warum sehnt man sich nach der staatlichen Führung wieder zurück? Weil man im Grunde genommen allmählich ein Geistesleben erlangt hat, welches ganz und gar nur ein Anhängsel des Staats- oder Wirtschaftslebens war, welches ganz und gar eingerichtet wurde in bezug auf die Erziehungs- die Unterrichtsanstalten aus staatlichem Willen heraus, welches ganz und gar unterhalten wurde von den altgewordenen Wirtschaftsformen. Dasjenige, was sich Staats- und Wirtschaftsleben in den letzten Jahrhunderten als Geistesleben zurechtgezimmert haben, was sie gemacht haben aus den alten Glaubensbekenntnissen, das ist heute etwas geworden, was sich als ohnmächtig erweist, wenn es sich so geltend machen will, wie es bei den amerikanischen Pastoren für die Begründung eines Völkerbundes der Fall ist. Ja, meine sehr verehrten Anwesenden, zu dieser Ohnmacht ist das Geistesleben erzogen worden durch die staatliche Oberaufsicht, durch die wirtschaftliche Obergewalt. Dasjenige Geistesleben, nach dem anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft hinzielt, es muß, wie ich hier oftmals auseinandergesetzt habe, aus dem innersten Seelenerleben des Menschen selber hervorgehen. Dieses Seelenerleben aber kann unter gar keiner Oberaufsicht oder Obergewalt stehen, sondern es kann einzig und allein in voller Freiheit, durch die völlig freie Entwicklung der menschlichen Individualitäten, in der freien Selbstverwaltung dieses Geisteslebens selber entstehen. Wenn dieses Geistesleben in freier Selbstverwaltung steht, wenn dadurch hervorgetrieben werden kann gerade die Art von Wissenschaft, wie sie sich in Dornach gezeigt hat und wie sie die Waldorfschule jeden Tag für die pädagogische Kunst zeigt, wenn dieses Geistesleben in freier Selbstverwaltung die menschlichen individuellen Fähigkeiten wirklich hervorbringen kann, die mit jedem Menschen durch die Geburt oder Empfängnis aus geistigen Welten in die physische Welt hineingesendet werden, dann werden die Früchte, die aus einem solchen freien Geistesleben erblühen, dem Staatsleben und dem Wirtschaftsleben zugeführt werden können. Staatsleben und Wirtschaftsleben kamen in Krisen hinein, weil sie dasjenige entbehrten, was ihnen aus einem freien Geistesleben an befruchtenden Ideen zugeführt werden muß. Indem Staatsleben und Wirtschaftsleben selber das Geistesleben in die Hand genommen haben, haben sie unterdrückt das Befruchtende, das ihnen nur werden kann, wenn sie das Geistesleben freilassen, so daß aus dieser Freiheit das Geistesleben hinüberwirkt ins Staatsgebiet, ins Wirtschaftsgebiet. Das, was ich hier andeute, kann man durchaus auch durch eine unbefangene Beobachtung des Ganges der Zivilisationsgeschichte belegen. Ich will nur mit einigen Strichen auf diese Belege hindeuten, Wir sehen, wie seit dem 15., 16., 17. Jahrhundert, insbesondere seit dem 18. Jahrhundert, das Wirtschaftsleben immer komplizierter und komplizierter wird. Wir sehen, wie sich da die Notwendigkeit entwickelt, dieses Wirtschaftsleben, das früher selbst bis in die Städtekultur hinein, bis in das Zunftwesen hinein mehr instinktiv geführt worden ist, nun aus dem unbewußten Denken herauszuführen. Man braucht aber auch nur auf Leute hinzuschauen, welche unter den geistigen Begründern der neueren Wirtschaftswissenschaften zu nennen sind, auf Geister wie den Franzosen Frangois Quesnay und den Engländer Adam Smith, und man wird finden, wie in dem weltgeschichtlichen Zeitabschnitt, in dem es nötig geworden ist, vom Geiste aus die Wirtschaft zu ergreifen, das wissenschaftliche Denken selber ohnmächtig geworden ist, über das Wirtschaftsleben hin irgendwelche Gesichtspunkte auszubreiten. Sowohl Quesnay, der Franzose, der mehr aus naturwissenschaftlichen Untergründen heraus eine Volkswirtschaftslehre begründen wollte, wie auch Smith, der Engländer, der eine ebensolche Volkswirtschaftslehre begründet hat, sie haben beide im Grunde genommen aus wenigen, axiomatisch aussehenden Grundsätzen wie «die Geltung des Privateigentums» und «die wirtschaftliche Freiheit des menschlichen Individuums» die ganze Volkswirtschaft konstruieren wollen.
Sieht man insbesondere auf den Begründer der modernen Volkswirtschaft, auf Adam Smith hin — und sein Denken ist ja nur der Ausfluß des Denkens seines ganzen Zeitalters, des 17., 18. Jahrhunderts -, so findet man, daß dieses ins Wirtschaftsleben hineinspukende Denken von Adam Smith im Grunde genommen ein getreues Abbild desjenigen Denkens ist, das dazumal sich insbesondere im Westen der Zivilisation als wissenschaftliches Denken geltend machte. Es ist sehr interessant zu verfolgen, wie das, was zum Beispiel durch Newton in das physikalisch-astronomische Denken als Methode, als Anschauungsweise hineingekommen ist und dann hineingekommen ist in die Wissenschaft [überhaupt] als die Behandlungsweise der Probleme, wie das einem bei Smith in der Behandlung der volkswirtschaftlichen Aufgaben wiederum entgegentritt. Wie die mathematische Physik aus wenigen Grundsätzen heraus alles ableiten will, so möchte solch ein Mensch wie Adam Smith aus wenigen Grundsätzen, die abstrakt mit dem Verstande erfaßt werden können, die ganze Volkswirtschaft ableiten. Es ist interessant zu verfolgen, wie unbefangene Geister, selbst Bulwer in einem Roman, sich spottend hermachen über dasjenige, was jetzt sich als Denken in der Volkswirtschaft geltend machte. Da finden wir den spottenden Gedanken bei Bulwer: Früher hat man geglaubt, derjenige, der sich in die Volkswirtschaft mischen will, müsse weitgehende Kenntnisse über das haben, was die Menschen treiben, die untereinander wirtschaften. Heute brauche man nur ein paar abstrakte Prinzipien, und man leite die ganze Volkswirtschaft davon ab. - Und schon früher hat ein unbefangener Denker, Young, gesagt: Bisher habe er gemeint, daß derjenige, der über die Volkswirtschaft reden will, kennen müsse die Tugenden und Laster der Menschen, die Art und Weise, wie die Menschen sich im Wirtschaftsleben verständigen, was sie da treiben - kurz: daß ein solcher Mensch ausgebreitete Kenntnisse haben müsse. Adam Smith habe ihm aber gezeigt, so sagte Young, daß man nur ein paar Gedanken brauche, und daß man durch ein paar Federstriche all das ausgebreitete, wirtschaftliche Erfahrungswissen zusammendrängen kann in ein paar abstrakte Gedanken.
Als das Wirtschaftsleben kompliziert geworden ist — was ist über das wirtschaftliche Denken gekommen? Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, es ist etwas über dieses wirtschaftliche Denken gekommen, was sich zuerst im Westen geltend gemacht hat, was aus dem neueren Wirtschaftsleben heraus stammt, was nachgebildet ist dem neueren Wirtschaftsleben und was in seinen letzten Konsequenzen, ob man das nun zugibt oder nicht, in den paar abstrakten Gedanken der Lenins und Trotzkis jetzt als letzte Konsequenz im Östen von Europa erscheint. Das ist dasjenige, was man ins Auge fassen muß. Man versteht aber nur, um was es sich da handelt, wenn man nun nicht nur ein paar abstrakte Gedanken sich aneignet — was ja die heutige Menschheit sehr liebt -, sondern wenn man einen gründlichen Überblick über den Gang der Menschheitsentwicklung seit vielen Jahrhunderten sich verschafft, wie ich das schon öfter angedeutet habe und wie ich ihn jetzt mit ein paar Worten von einem anderen Gesichtspunkte aus andeuten werde.
Meine sehr verehrten Anwesenden, so wie eine solche Anschauung, wie sie durch Newton begonnen worden ist, die dann durch andere Denker hereingekommen ist in die menschliche Seelenlehre und durch die die menschliche Seelenlehre gerade so mechanisiert worden ist, wie Newton die Astronomie mechanisiert hat, so wie dieses mechanisch-mathematische Wissenschaftliche durch Adam Smith in die Nationalökonomie gekommen ist, geradeso hat es im Grunde genommen selbst die populären Anschauungen der modernen zivilisierten Welt ergriffen. Und heute, in der Zeit des Zeitungswesens, der Popularisierung der Wissenschaft, leben im Grunde nur noch wenig Menschen, die nicht in irgendeiner Weise, wenn sie auch nichts davon wissen, von dem Geiste dieser Wissenschaftsrichtung ergriffen sind. Diese Art von Wissenschaft lebt auf der einen Seite in der Mathematik; in der Mathematik hat sie das einzige, was aus dem Innern des Menschen heraus aufsprießt, denn die ganze Mathematik ist ja nicht irgend etwas, was durch Anschauung, durch Beobachtung gewonnen ist, sondern sie ist etwas, was aus dem Innern des Menschen aufsprießt. Diese Wissenschaftsrichtung, die das mathematische Denken hat, das zum Beispiel bei Smith, auch bei Ricardo, dem späteren Bearbeiter der Nationalökonomie, deutlich zu bemerken ist -— dieses mathematische Denken ist die eine Seite der modernen Wissenschaftlichkeit. Die andere Seite ist die sinnliche Beobachtung der Außenwelt und das Bilden von allerlei abstrakten Theorien, von atomistischen oder sonstigen materialistischen Theorien über diese sinnliche Außenwelt. Diese zwei Strömungen stehen eigentlich da: sinnliche Beobachtung der Außenwelt, mathematisierendes Denken. Man muß gerecht sein gegenüber dem, was da auftritt auf der einen Seite als mathematisierendes Denken, bis in die Nationalökonomie hinein, was auftritt auf der anderen Seite als gewissenhafte Beobachtung und gewissenhaftes Beobachten des Experimentierens in der Außenwelt. Man muß gerecht sein gegenüber dem, denn das hat die großen Triumphe der modernen, westlichen Wissenschaft heraufgebracht. Und ich habe es oftmals betont: Von anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft werden diese Triumphe der modernen Wissenschaft durchaus nicht bekämpft, sondern voll anerkannt. Aber es muß eingesehen werden, daß es innerhalb der Menschheitsentwicklung eine Zeit gab, in welcher diese Art wissenschaftlicher Gesinnung überhaupt nicht vorhanden war. Heute sind von dem, was auf diesem Gebiete in der Menschheit vorhanden war, nur die letzten dekadenten Reste vorhanden.
Ich weise wiederum hin auf den Orient. Aber wenn man die Dinge, auf die es ankommt, in ihrer eigentlichen Gestalt sehen will, so darf man nicht nach dem heutigen Orient hinblicken, wo alles schon im Untergang, in der Zerstörung begriffen ist, was einstmals eine Urweisheit der Menschheit war, was noch größer war, als es später geworden ist — Sie können das in meinem Buche «Geheimwissenschaft» nachlesen. Es war noch größer in der Zeit, bevor die Veden, bevor die Vedanta-Philosophie entstanden ist; was aus den Veden künstlerisch, aus der Vedanta-Philosophie nur in letzten Nachklängen noch herausleuchtet, das kann der unbefangene Erkenner aber noch schauen in der ganzen orientalischen Entwicklung. Da ist viel Großartiges, viel Gewaltiges an Weisheit drinnen. Da ist nichts darin von der besonderen Art und Weise, wie die westliche Wissenschaft der neueren Zeit wirkt. Die Art des Denkens, die Art, die Welt anzuschauen, die war da ganz anders. Die wissenschaftlichen Methoden, die wir heute, und zwar mit Recht, so sehr verehren, denen wir nacheifern müssen, sie fanden sich im alten orientalischen Denken nicht. Dafür hatte die alte orientalische Weisheit dasjenige, was ich nennen möchte Welt-Anschauung - im Gegensatz zur Wissenschaft: Welt-Anschauung -, Weltanschauung ohne Wissenschaft. Das war im Grunde das charakteristische Wesen des uralten Orients in seiner Weisheit.
Diese Weltanschauung, sie hat das Bedeutsame, daß sie sich über den ganzen Menschen erstreckt; sie hat das Bedeutsame, daß der Mensch sich erfaßt durch diese Weltanschauung als Geist, Seele und Leib. Allerdings trat diese Weltanschauung im alten Orient so auf, daß dem Leibe und demjenigen, was der äußeren, physischen Welt zugehörte, wenig Aufmerksamkeit zugewendet wurde. Dieses Leben war mehr eine Verständigung zwischen Seele und Geist, in dem der Mensch sich wurzelnd wußte, aber es war Welt-Anschauung. Das heißt, durch das, was der Mensch dachte und empfand, stellte er für sich fest seine Lage, sein Verhältnis zur Welt der Sinne und zur Welt des Geistes. Das tat er nicht auf wissenschaftliche Weise, sondern durch seelische Anschauung. Dasjenige, was da durch seelische Anschauung gewonnen worden ist, es lebte in seiner Urgestalt allerdings in alten Zeiten des Orients. Aber die Erbschaft davon lebte weiter, und im Grunde genommen verspürt man bis in die neueste Zeit hinein die Erbschaft dieses orientalischen Weltanschauungslebens. Dieses Weltanschauungsleben, es hat dasjenige abgegeben, wodurch zum Beispiel das erste Christentum - in dem noch lebendig war diese altorientalische Weisheit und Weltanschauung - begriffen hat das der Erde den Sinn gebende Mysterium von Golgatha. Aber an der Stelle des Anschauens, das der alte Orient hatte, setzte sich immer mehr und mehr, indem diese Anschauung Erbschaft blieb, das intellektualistische Element fest. Bevor heraufkam in der neueren Zeit die weltanschauungslose Wissenschaft des Westens, die auch der Seelenlehre und der Nationalökonomie die Gestalt gegeben hat, die ich erwähnt habe, bildete sich in der Mitte, schon beginnend mit dem alten Griechenland, klar sich ausprägend im alten Rom, dann sich festsetzend über Mitteleuropa hin, dasjenige heraus, was den Menschen, ich möchte sagen in einen innerlichen Kampf versetzte. Er begriff ein Ereignis, das nur mit dem Geiste zu erfassen ist, das Christus-Ereignis, noch durch die ererbten Anklänge alter, orientalischer Weisheit. Daneben schimmerte immer mehr und mehr, durch die besonderen Anlagen der westlichen Menschheit, auch in dieses Mitteleuropa hinein dasjenige, was bloße menschliche Intellektualität ist, was den gesamten Kosmos, vor allen Dingen unsere irdische Umgebung und den Menschen selbst, im Grunde genommen nur durch Mathematik und durch die Beobachtung der Außenwelt begreifen will.
Und so lebte in Mitteleuropa auf der einen Seite gerade dasjenige, was man nennen könnte ein Hinneigen zum alten orientalischen Erbgut. Alles, was durch das Mittelalter und die neuere Zeit hinauf an Inhalt der christlichen Lehre lebte und bis heute noch lebt, alles dasjenige, was darin an Weltanschauung lebt —- wenn es auch fast schon verglommen ist, wenn auch der reine Rationalismus die moderne Theologie ergriffen hat -, es ist zum größten Teil altes orientalisches Erbgut, denn nur erst wenige Ansätze zu einer Neuschöpfung sind vorhanden. Und verbunden damit ist dasjenige, was nun der Mensch zunächst durch Mathematik und Naturbeobachtung aus sich selber heraus findet an Wissenschaftlichkeit, die es aber nicht zur Weltanschauung bringt. Und so sehen wir im Mittelalter, in der Zeit, als Albertus Magnus und Thomas von Aquin gewirkt haben, in bewußter Weise auftreten diesen Zwiespalt zwischen dem, was menschliche Vernunft durch Beobachtung und durch Mathematik erreichen kann, was sich beschränken soll auf die äußere sinnliche Welt, und demjenigen, was Offenbarung, Weltanschauungsoffenbarung sein soll - das Mysterium von Golgatha, was man damals nicht so benannte, was aber seinem Inhalte nach, nicht der Tatsache nach, altorientalisches Erbgut war. Und im Grunde genommen lebt dieser Zwiespalt durchaus bis heute in allem öffentlichen Leben in Mitteleuropa, auch im Staats- und Wirtschaftsleben, aus dem Mittelalter heraufkommend - dieser Zwiespalt zwischen weltanschauungslosem, wissenschaftlichem Denken und alter, ererbter wissenschaftsloser Weltanschauung. Der Mensch der europäischen Mitte ist seit der Zeit des Griechentums zu diesem inneren Kampfe aufgerufen. Und gerade dieser innere Kampf hat ja in der Zeit der deutschen Kultur um die Wende des 18. und 19. Jahrhunderts die höchsten Geistesblüten hervorgebracht. Denn das, was in Herder, Schiller, Goethe, was in den Philosophen des deutschen Idealismus, in Fichte, Schelling, Hegel lebte, das lebte nur dadurch in all diesen Geistern, daß diese Geister tief innerlich in sich verdichteten den Kampf, der besteht zwischen weltanschauungsloser Wissenschaft und altererbter wissenschaftsloser Weltanschauung. Man kann es bei Goethe bis in seine einzelnen Aussprüche hinein verfolgen, wie er zusammenzubringen versuchte dasjenige, was die Wissenschaft auf der einen Seite gibt, und dasjenige, was in ihm lebte empfindungsgemäß, phantasiegemäß als altes Erbgut des Orients. Ja, bei Goethe geht es sogar weiter; er erlebte diesen Zwiespalt in seinem Innern bis in die achtziger Jahre des 18. Jahrhunderts hinein. Da treibt es ihn nach dem Süden, damit er im Süden wenigstens die Nachklänge, die im Süden Europas geblieben sind, noch empfinden kann von dem, was altorientalische wissenschaftslose Weltanschauung war, die allerdings sehr, sehr im Abglimmen in Griechenland begriffen gewesen ist. Von dieser wissenschaftslosen Weltanschauung ist durch die Araber herübergekommen durch den europäischen Süden bis in den Westen hinein nichts anderes als die Mathematik, die trockene Mathematik. Sie ist im Grunde genommen Europas letzter Rest, allerdings bleibender Rest desjenigen, was als umfassend Universelles aus der wissenschaftslosen Weltanschauung des Orients entsprungen ist. Denn dort war alles, was an Weisheit vorhanden war, so aus dem Inneren des Menschen herausquellend, wie bei uns, in unserer Zivilisation, nur mehr die Mathematik ist. Das hat insbesondere Novalis empfunden gegenüber der Mathematik und stammelnd ausgesprochen.
Und neu bekommen hat die Zivilisation des Westens dasjenige, was ich das Beobachtungs- und Experimentalsystem nennen möchte, aus dem die eigentliche Wissenschaft des Westens hervorgequollen ist, aus dem alles das herausquillt, was der Mensch zunächst nicht aus seinem Inneren gewinnt, sondern was er gewinnt dadurch, daß er die Welt der Sinne eben auf die Sinne wirken läßt. Und was da zunächst an wissenschaftlichem Geiste geworden ist, was an wissenschaftlichem Geiste nun übergegangen ist in alles dasjenige, wodurch unsere führenden Menschen ihre Bildung, ihre Wissenschaftlichkeit gewinnen, das, meine sehr verehrten Anwesenden, hat seine Ohnmacht geoffenbart gegenüber dem wirtschaftlichen, gegenüber dem staatlichen Leben, bei den Geistern, die ich erwähnt habe und zu denen noch viele andere Namen hinzugefügt werden könnten.
Und so sehen wir heraufziehen unser modernes Leben. Ich möchte es symbolisch ausdrücken, was sich da eigentlich geltend machte in den letzten drei bis vier Jahrhunderten als unser heraufziehendes modernes Leben. Äußerlich charakterisiert es sich so: Da sehen wir auf der einen Seite dasjenige, was sich nun an wesentlichem Wissenschaftsgeist entwickelt, die Schulen und Universitäten beherrschen. Wir sehen aber dasjenige, was in den Schulen, den Universitäten getrieben wird, zum Teil ein weltfremdes Dasein führen. Wir sehen, wie die Universitäten als einsame Bildungsinseln dastehen. Wir sehen aber, wie auch noch etwas anderes eintritt, wie dasjenige, was da an neuerer Wissenschaftlichkeit, an weltanschauungsloser Wissenschaftlichkeit getrieben wird, vor dem Menschen Halt macht. Charakteristisch dafür ist die Darwinsche Lehre, die mit einer solchen wissenschaftlichen Gewissenhaftigkeit verfolgt die Entwicklung der Lebewesen von einem einfachsten Wesen zu dem vollkommensten, welche aber den Menschen gewissermaßen an die Spitze dieser tierischen Organisation stellt und nur dazu kommt, zu erklären den Menschen, insofern er Tier ist. Aus diesem und vielem anderen könnte man zeigen, wie die mathematisierende und rein äußerlich beobachtende Wissenschaft mit ihren Erkenntnissen vor dem Menschen Halt macht. So haben wir ein wissenschaftliches, weltanschauungsloses Bildungswesen, das in Abstraktionen lebt, das dem Menschen nicht das gibt, was noch die wissenschaftslose Weltanschauung des Orients gegeben hat - eine Empfindung von seiner Stellung zur Welt -, das nur seinen Kopf, nur seinen Intellekt befriedigt, das nicht den ganzen Menschen ergreift. Das auf der einen Seite.
Auf der anderen Seite kommt etwas herauf, was ich symbolisch bezeichnen möchte, indem ich Ihnen die Fabrik vorführe mit dem modernen Praktiker. Welche Beziehung ist zwischen der Fabrik und der Hochschule? Ja, es ist eine Beziehung, aber diese Beziehung hat einen sehr einseitigen Charakter angenommen. Dasjenige, was von den modernen Hochschulen in die Fabrik hineinleuchtet, das ist die mechanische Wissenschaft. Und dieses Hineinleuchten der mechanischen Wissenschaft hat es für die Fabrik und für alles das, was dazu gehört, zu jener großartigen Ausbildung der Technik gebracht, welche die moderne Zivilisation begründet hat. Bis zur Ausbildung der Technik im höchsten Sinn hat jene Wissenschaft wirken können, welche mit ihrem Erkennen vor dem Menschen stehenbleibt. Aber auch in der Fabrik bleibt der Praktiker vor dem Menschen stehen. Er erstreckt seine Routine — denn etwas anderes ist es nicht als Routine - nur bis in das Technische und in dasjenige, was mit dem Technischen zusammenhängt. Er kann keine Beziehung, keine menschlich gemüthafte Beziehung herstellen zwischen sich als Unternehmer, als Leiter, und denjenigen, die aus der breiten Menschenmasse heraus arbeiten an der modernen Zivilisation. Wissenschaft macht im Erkennen vor dem Menschen Halt; Praxis macht im Tun, im sozialen Gestalten vor dem Menschen Halt. Eine Grenze bezeichnet dieses Haltmachen. Man hat hineingenommen in das Gebiet, das diese Grenze hat, alles dasjenige, was aus der modernen mathematisch gearteten Wissenschaft heraus in die Technik hinein hat kommen können, was auch Handel und Verkehr hat befruchten können und so weiter. Aber aus der Wissenschaft, die Halt macht vor dem Menschenerkennen, aus dieser Wissenschaft heraus konnte man kein soziales Leben gewinnen, welches die großen Forderungen der neueren Zeit nach dieser rein menschlichen Seite hin hätte befriedigen können. Und so stand jenseits der Grenze die ganze Menschheit, die nun forderte ihre Menschenwürde in der neuesten Zeit; so stand jene Menschheit, zu der man den Weg nicht gefunden hatte in der Praxis, so wie man zu dem Menschen selbst und seinem Wesen den Weg nicht gefunden hat in dem modernen weltanschauungslosen Wissenschaftserkennen. Das ist die Tragik, die in die modernen Krisen hineingeführt hat, denn dasjenige, was von dem modernen praktischen Leben in den Büchern steht, was im Hauptbuch, im Kassenbuch steht, das hat nichts von dem, was draußen in den Seelen derer lebt, die jenseits der Grenze stehen, vor deren Menschentum man Halt machte. Diese aber traten auf mit ihren seelischen Forderungen, und aus diesen seelischen Forderungen entstand das Gegenbild der Geisteskrisis der Gegenwart.
So haben wir hinaufziehen sehen jene Universitäten, jene Hochschulen, jene Bildungsschulen, die nur bis zum Technischen, zum Verkehrsmäßigen, bis zum Menschheitsfreien möchte ich sagen, den Weg sich öffneten in die Fabrik, in die Industrie, in die moderne Geldwirtschaft hinein, welche aber nicht vordrangen bis zum Menschen selber. Und so haben wir auf der andern Seite entstehen sehen aus dem unvollkommenen Beobachtungssinn, der sich zunächst in der erkennenden, weltanschauungslosen Wissenschaft gefunden hatte, den Experimentiersinn der modernen Praktiker, welche nichts wissen wollen von leitenden Ideen, welche sich darauf beschränken, zu experimentieren mit dem Mathematisch-Mechanisch-Technischen, welche die Menschen herbeiriefen, sie arbeiten ließen, ohne sich um die soziale Struktur der Menschheit zu kümmern. Wir haben den Praktiker heraufziehen sehen, der heute einen förmlichen Haß gegen alle leitenden Ideen hat, der einen förmlichen Haß gegen alles Wissenschaftliche, gegen alles Erkenntnismäßige hat, der allerdings aber auf der einen Seite recht hat, daß diese moderne, weltanschauungslose Wissenschaft nichts hat von dem, was in die Praxis, insofern an der Praxis das Menschenherz beteiligt ist, hineinleuchten kann. Aber dieser Praktiker hat insofern unrecht, als er dasjenige, was er dieser Wissenschaftsrichtung zuschreibt, jedem Geistesleben zuschreibt. Und so möchte er Routinier bleiben, so möchte er das fortsetzen, was, ich möchte sagen geistloses, bloßes experimentelles Wirtschaften ist. Das macht es so schwer, die Brücke, die gezogen werden könnte von anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft zu dem allerpraktischsten Leben hin, wirklich zu ziehen. Schuld ist daran nur die Abneigung der Praktiker, die Routiniers bleiben wollen gegenüber dem, was zum Beispiel als Impuls zur Dreigliederung des sozialen Organismus von der Geisteswissenschaft ausgeht. Immer mehr und mehr haben wir heraufziehen sehen diesen Haß der Praxis gegen alles das, was Geistesleben ist. Und so sehen wir heute im Westen ein wirres Getriebe von experimentellem Wirtschaften, von experimentellem Staatsbetätigen entstanden. Und wir sehen im Osten dieses Wirtschaften, dieses Staatsbetätigen in einen militarisierten Wirtschaftsstaat ausmünden, der alles Menschliche lähmen muß.
So sehen wir, wie tatsächlich aus der Geisteskrisis die Staatsund die Wirtschaftskrisis sich ergeben haben. Aus dieser klaren Erkenntnis heraus möchte dasjenige, was hier vertreten wurde seit mehr als eineinhalb Jahrzehnten als anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft, entwickeln die Kräfte zum Menschheitsfortschritt. Die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft möchte aus demselben wissenschaftlichen Geiste heraus, der sich weltanschauungslos im Westen entwickelt hat, aus innerstem menschlichen Seelenerleben lebendiges Wissen entwickeln - Wissen, das wiederum Weltanschauung wird, das nicht die alten Worte aufwärmt, die den Weg zu den Herzen der Menschen nicht mehr finden, Wissen, das nicht bloß sammelt die alten Bekenntnisse, das auch über denjenigen Ausblick Licht verbreiten will, der sich eröffnet beim Hiinschauen auf das gewaltigste Ereignis der Erdenentwicklung, das Mysterium von Golgatha. Man stemmt sich gegen eine solche Erneuerung des Geisteslebens, die die Grundtatsache des Christentums, die nur im Geiste recht erfaßt und angeschaut werden kann, aus dem Geiste der modernen Menschheit heraus anschauen will. Zum alten Orient können wir nicht mehr zurückkommen. Eine Weltanschauung, die nicht wissenschaftlich ist, können wir nicht mehr erstreben. Über die Zeiten, in denen wissenschaftslose Weltanschauung der Menschheit genügen konnte, sind wir hinaus. Wir stehen heute vor der großen Aufgabe, aus der Wissenschaft durch innere Entwicklung des Menschen Weltanschauung zu entwickeln. Das werden wir können, wenn wir den Wirklichkeitscharakter der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft wirklich durchschauen. Solange es allerdings noch Menschen gibt, die geltend machen, daß das, was durch die geisteswissenschaftliche Erkenntnismethode - eine innerliche, aber streng wissenschaftliche, ja den strengsten mathematischen Methoden nachgebildete Methode - gewonnen wird, ebenso Vision sein könnte wie jede beliebige Vision oder Halluzination, solange es Menschen gibt, die solches behaupten, weil sie zum Beispiel das, was in meinen Büchern «Geheimwissenschaft» oder «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» steht, in Wirklichkeit gar nicht lesen können, solange es solche Menschen gibt und solange solche Menschen Glauben finden, wird allerdings Geisteswissenschaft einen schweren Weg zu wandeln haben. Ich werde davon noch zu sprechen haben. Denn solche Menschen sehen nicht ein, daß dasjenige, was mit geistiger Anschauung erfaßt wird, was ergriffen wird dadurch, daß der Mensch innerlich sich erweckt zu einem geistigen Anschauen, daß das geradeso ihn lehrt, Phantasie von Wirklichkeit zu unterscheiden, wie man im gewöhnlichen Bewußtsein Phantasie von Wirklichkeit unterscheiden lernt. Es ist im Grunde genommen eine sehr einfache Tatsachenlogik, welche dieser Unterscheidung zugrunde liegt, eine Tatsachenlogik, die nur unsere Gegner eben nicht erfassen können.
Woher weiß ich denn, daß, wenn ich zum Beispiel ein Kilogramm-Gewicht hebe, ich dann nicht einer Halluzination unterliege, sondern daß es äußere Wirklichkeit ist? Woran erkenne ich das? Das erkenne ich daran, daß ich einfach mein Selbstgefühl erstarken muß, wenn ich das Gewicht hebe. Ich muß mich innerlich stärker machen. Wenn ich eine bloße Vision oder Halluzination habe, so bleibt mein Selbstgefühl mit derselben [unveränderten] Intensität behaftet. Da gehe ich in der Vision auf, weil ich das Erlebnis nicht habe, das Selbstgefühl intensiver zu machen. Den Widerstand bemerke ich dadurch, daß ich beim Heben des Kilogramm-Gewichtes Kraft anwenden muß, die in mir ist; da gehe ich nicht in der Vision auf. Ebenso wenig gehe ich, wenn ich geistige Erlebnisse habe, in Halluzination, in Phantasie auf, in welchen sich das Selbstgefühl nicht erhöht. Sie finden überall geschildert in den geisteswissenschaftlichen Schriften, daß diejenigen Erlebnisse, durch die man eindringt in die Welt, in der der Mensch vor der Geburt oder Empfängnis ist, in der er nach dem Tode sein wird, in der sein Ewiges wurzelt, daß diejenigen Erlebnisse, durch die man in die Welt des Übersinnlichen eindringt, voraussetzen, daß man die Seele wacher machen muß, als sie im gewöhnlichen Leben ist, das heißt innerlich intensiver, innerlich stärker erlebend machen muß. Darin drückt sich aber gerade das aus, was die Wissenschaftlichkeit desjenigen verbürgt, was als geistige Anschauung geltend gemacht wird. Und macht man das geltend, was ich hier nur angedeutet habe, was ich oftmals auch hier in Stuttgart seit langen Jahren in Vorträgen besprochen habe, macht man das geltend, dann, ja dann erlangt man über das, was wie eine Krisis im Geistesleben die neuere Menschheit ergriffen hat, erst zutreffende Ansichten.
Man sieht zum Beispiel, wie die Mathematik als altes Erbgut auf dem Umweg durch Arabien nach dem Westen gekommen ist, wie sie aber ohnmächtig war, das komplizierte Wirtschaftsleben und Staatsleben des Westens zu bezwingen, wie es sich zum Beispiel bei Adam Smith zeigt. Man macht die Beobachtung, daß dieses mathematische Denken, diese mathematische Anschauung ganz aus dem Innern des Menschen heraus gewonnen ist, und indem man nun die Seele innerlich erweckt, bildet man gerade das aus, was diesem mathematischem Denken anhaftet. Gerade dasjenige, was an Geist im mathematischen Denken lebt, das bildet man zu einer höheren Vollkommenbheit aus durch innerliche, geistige Methoden. Dadurch erlangt man eine ganz bestimmte geistige Anschauung. Indem man das Mathematisieren, das nur auf die Welt zwischen Geburt und Tod beschränkt ist, innerlich belebt durch geisteswissenschaftliche Methode, lernt man dasjenige erkennen, was in die Seele durch Inspiration hineinkommt. Es kommt so hinein, daß sich uns die Anschauung eröffnet für das, was der Mensch vor der Geburt oder Empfängnis in geistigen Welten übersinnlich durchlebt hat. Die Mathematik ist dasjenige, was uns wissenschaftlich einen letzten Ausgangspunkt bewahrt hat, um anschauend zum vorgeburtlichen menschlichen Leben zu kommen.
Dasjenige, was die westliche weltanschauungslose Wissenschaft in ihrer äußeren Beobachtung sich aneignet, das liefert, wenn es hier [geisteswissenschaftlich] ausgebildet wird, zunächst etwas, was nun nicht abstrakte Anschauung bleibt - für die weltanschauungslose Wissenschaft bleibt es abstrakte Anschauung -, sondern was sich erhebt auch zum Sittlichen, wie ich es in meiner «Philosophie der Freiheit» nachgewiesen habe, was sich erhebt zur moralischen Phantasie und damit zur Grundlegung des sittlichen Lebens des Menschen. Alles, was wir an der Außenwelt an Gedanken gewinnen, das leitet zu Bildern, zu Imaginationen, die sich zuletzt mit der Inspiration verbinden. Das erleben wir. Und so unvollkommen dasjenige ist, was wir zwischen Geburt und Tod von der Außenwelt beobachten können, wenn wir es innerlich verarbeiten, wenn wir das äußerlich Beobachtete auch in der Seele erleben durch die geisteswissenschaftliche Methode, dann geht uns auf aus den Imaginationen auch das Anschauen des Lebens, in das wir eintreten nach unserem Tode. Aus dem Mathematisieren, aus dem Beobachten und Experimentieren der Wissenschaft wird, wenn die Geisteswissenschaft auf diese Wissenschaft angewendet wird, wiederum hervorgehen Weltanschauung - jetzt aber Weltanschauung, die der modernen Zivilisation die Kraft zum Menschheitsfortschritt geben kann. Denn die Weltanschauung hat die Eigenschaft — das zeigte sie bereits als orientalische, wissenschaftslose Weltanschauung -, daß sie auf Gemüt und Wille des Menschen wirkt, daß sie so wirkt, daß der Mensch ein rechtliches Leben nach diesen besonderen Anschauungen begründet, durch das er ein Verständnis von Mensch zu Mensch herbeiführt in der menschlichen Gemeinschaft, mit anderen Worten, daß er sich ein Staatsleben zimmert. Eine Weltanschauung regt den Willen an, durch den das Wirtschaftsleben bestimmt wird. Eine weltanschauungslose Wissenschaft spricht bloß zum Kopf, zum Intellekt; sie läßt das Gemüt und den Willen unbeeinflußt.
Und wir sehen daher, daß, während die intellektualistische Wissenschaft im Beginn des 20. Jahrhunderts in ihrer höchsten Blüte erstanden ist, unbeeinflußt geblieben ist das Fühlen, das den Staat durchwärmen sollte, unbeeinflußt geblieben ist der Wille, der das Wirtschaftsleben gestalten sollte. Daß Gefühl und Wille den animalischen Instinkten immer mehr und mehr hingegeben werden bei einer großartigen Ausbildung des Intellekts - dieser Barbarisierung würden wir entgegengehen, wenn Kopf und Intellekt immer mehr und mehr ausbilden das Instinktleben und ungepflegt lassen Gemüt und Wille, wie sich das schon im Osten der heutigen Zivilisation so furchtbar zeigt. Das Gefühl und den Willen wiederum ergreifen und damit eine neue Kraft zum Menschheitsfortschritt erzeugen, das kann die wiederum zur Weltanschauung sich erhebende anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft - das konnte die weltanschauungslose Wissenschaft nicht. Die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft dringt wiederum ins Gefühl, das heißt ins Staatsleben ein, sie dringt in den Willen, das heißt in das Wirtschaftsleben ein. An dieser Krise und an der Heilung dieser Krise muß man bemerken, welches die zwei anderen Krisen sind. Weltanschauungslose Wissenschaft, meine sehr verehrten Anwesenden, sie ergreift bloß den Intellekt. Sie läßt unbeeinflußt das Gefühlsleben, das zu jener rechtlichen Verständigung zwischen Mensch und Mensch führen soll, welche im Staate doch das Maßgebende ist, und sie läßt ebenso unbeeinflußt den Willen, welcher im Wirtschaftsleben gestaltend wirken soll.
Und so sehen wir denn, was als die dreifache Krisis in der neueren Zeit aufgetreten ist. Wir sehen, wie die Menschen lechzen nach einer Erneuerung des Geisteslebens, wie sie aber nicht zugeben wollen, daß nur aus einer Neuschöpfung diese Erneuerung des Geisteslebens hervorgehen kann. Und so sehen wir in dem «Sammlung»-Gedanken, in den schönen Worten der amerikanischen Redner, die zu den Schweizern, den Europäern überhaupt sprechen, die Ohnmacht des alten Geisteslebens. Hingewiesen muß aber werden auf die Notwendigkeit einer Neuschöpfung des Geisteslebens. Nur aus dieser Neuschöpfung des Geisteslebens wird etwas Neues hervorgehen können, was nicht da war, was nicht seine Unmöglichkeit erwiesen hat wie das moderne Staatssystem, das 1914 in seine Katastrophe, nicht bloß in seine Krise eingetreten ist, weil es neben sich kein freies Geistesleben hatte, was nicht seine Unmöglichkeit erwiesen hat wie das Wirtschaftsleben, das in seine Katastrophe in der Gegenwart eingetreten ist, weil es die Befruchtung nicht hatte von dem freien Geistesleben.
In der neueren Zeit sehen wir heraufkommen eine intellektualistische Wissenschaft, welche nicht erzeugen kann den Menschen, der dem Staatsleben, dem Wirtschaftsleben gewachsen ist, der fruchtbare Ideen für das Staats- und Wirtschaftsleben finden kann. Wir sehen heraufkommen denjenigen Menschen, der in den Staatseinrichtungen statt der Verständigung von Mensch zu Mensch durch das menschliche Gefühl nur die Befriedigung seines Egoismus sucht und damit das Gefüge dieser Staatseinrichtungen allmählich untergräbt. Wir sehen durch die bloß intellektuelle Wissenschaft, die den Kopf allein ergreift, den Willen ungepflegt im rein instinktiven Leben ausarten und damit auch in die Taten des Egoismus einfließen. Wir sehen aus der bloßen weltanschauungslosen Wissenschaft die Unbrüderlichkeit erstehen, die bloß auf die Erhöhung des Daseins des eigenen Wesens hinzielt. Wir werden aber die neuen Kräfte zum Menschheitsfortschritt gerade durch die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft finden und damit aus der modernen Wissenschaft heraus wiederum Weltanschauung finden. Sie wird einen denkenden Menschen erzeugen, dessen Denken nicht bloß intellektuelles Denken ist, dessen Denken hineinleuchtet in das Fühlen, dessen Denken hineinkraftet in den Willen. Wir werden den Tatmenschen aus dem Denker entspringen sehen, den Menschen, der statt der bloßen Befriedigung seines Egoismus Menschen-Verständigung in einem staatlichen Gemeinwesen sucht.
Wir werden denjenigen Menschen erstehen sehen, der in den Assoziationen, die zusammenschließen die Menschen mit den verschiedensten wirtschaftlichen Bedürfnissen, mit verschiedenen wirtschaftlichen Fähigkeiten, wir werden aus dem Willen, der befruchtet ist von einem wirklichen geistgemäßen Denken, hervorgehen sehen den Bruderschaftssinn, der in assoziativer Gemeinschaft so wirkt, daß der Mensch mit den anderen Menschen zusammen verständnisvoll für alle und damit auch für sich selbst arbeitet. Wir werden hervorgehen sehen aus einer wirklichen geistgemäßen Welterkenntnis den denkenden Tatmenschen, den fühlenden Rechtsmenschen, den bruderschaftlich gesinnten wirtschaftenden Willensmenschen und damit aus einer solchen anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft eine neue Kraft zum Menschheitsfortschritt aus der Geisteskrisis heraus gewinnen.