The Big Questions of our Time and Anthroposophical Spiritual Knowledge

GA 336 — 6 February 1919, Bern

III. Die Wirkliche Gestalt Der Sozialen Frage, Erfasst Aus den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwärtigen Menschheit

Sehr verehrte Anwesende! Bevor ich mit dem Vortrag beginne, darf ich die verehrten Anwesenden um Entschuldigung bitten: Meine Stimme hat infolge einer ganz gewöhnlichen Erkältung in der letzten Zeit etwas gelitten. Es könnte sein, dass sie während des Vortrages Störungen erlitte, allerlei Purzelbäume schlagen würde. Das bitte ich gütigst zu entschuldigen. Ich hoffe, dass im Laufe des Vortrags die Stimme in Ordnung kommt.

Was ich insbesondere in dem ersten Teil dieser Betrachtungen über die sozialen Fragen in den Vordergrund stellen möchte, das ist die wahre Gestalt desjenigen, was eigentlich lebt in den sozialen Forderungen der Gegenwart. Denn einem einsichtigen Menschen wird es, wenn er menschliche Angelegenheiten, insbesondere Angelegenheiten des menschlichen Lebenslaufes selbst, ins Auge fasst, sehr, sehr bald klar, wie sich dasjenige, was eigentlich der Mensch im umfassendsten Sinne will und anstrebt, maskiert, verbirgt äußerlich in allerlei Formen, die nicht unmittelbar dasjenige darstellen, was eigentlich als Impuls in der Seele lebt.

Deshalb muss man insbesondere sozialen Erscheinungen gegenüber den Versuch machen, die wahre Gestalt desjenigen zu erkunden, was in den Menschenseelen eigentlich lebt.

Soziale Fragen - kaum wird irgendjemand leugnen können, sehr verehrte Anwesende, dass sie seit Jahrzehnten diskutiert wurden, nicht nur diskutiert wurden innerhalb von Kreisen, in denen man theoretisch über das oder jenes mehr oder weniger ernsthaft diskutierte, dass sie diskutiert wurden von den Weltparteien, Weltenklassen, Weltenschicksalen. Vieles, vieles ist vermeintlich oder wirklich geleistet worden in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts in Bezug auf dasjenige, was beizubringen ist für eine Lösung dieser drängenden und in der Gegenwart wirklich brennend gewordenen Fragen.

Insbesondere aber ist es die furchtbare Katastrophe, die in den letzten Jahren über die Menschheit hereingebrochen ist, welche auch mit Bezug auf dasjenige, was in der sozialen Frage lebt, aufrüttelnd, aufklärend für manche Menschenseele wirken könnte.

Man konnte sehen, sehr verehrte Anwesende, wie die soziale Frage hereinspielte in diese Kriegskatastrophe, man möchte sagen, gleich da, wo die nächstliegenden Ursachen dieser Kriegskatastrophe in Frage kamen. Vieles von dem, was mit dem Ausgangspunkt dieser Kriegskatastrophe zusammenhängt, wird ja - man mag das heute noch bezweifeln - Gegenstand einer Sozial-Pathologie, besser gesagt, Gegenstand einer Sozial-Psychiatrie sein. Aber gar manches im Seelenzustande von Persönlichkeiten, die Anteil hatten, lebendigen Anteil an dem, was mit den Ausgangsströmungen dieser Katastrophe zusammenhängt, gar manches von dem ist zurückzuführen auf ihre Angst, auf ihr ganzes Verhältnis überhaupt, gegenüber dem, was sie heraufkommen sahen als die moderne proletarische, soziale Bewegung.

Sie verstanden wenig von dem, was in dieser sozialen Bewegung lebte; aber sie sahen sie heraufkommen. Weniger dasjenige, was in dieser sozialen Bewegung lebte, was etwa erst 1914 sich zugetragen hat, als dasjenige, was sich vielmehr unter dem Eindruck der heraufkommenden sozialen Bewegung festgelegt hatte in manchen Seelen von führenden Persönlichkeiten, das wirkte mitbestimmend für jene Urteile, die mitverursachend waren für diese furchtbare Katastrophe.

Dann wiederum, sehr verehrte Anwesende, auf der einen Seite sehen wir manches sich entwickeln während der letzten viereinhalb Jahre. Sodass, ich möchte sagen, gewisse führende Kreise ihre Angst fortsetzten vor der heranstürmenden sozialen Bewegung. Aber wir sehen auf der anderen Seite wiederum, wie Hoffnungen erweckt werden, dass dasjenige, was von anderen Weltenströmungen nicht kommen könne, vielleicht gerade von der internationalen sozialistischen Weltenbewegung kommen könnte, ein Ausgleich der Disharmonien, die in dieser Katastrophe zutage getreten sind. Und jetzt, jetzt, wo diese Katastrophe in eine Krisis getreten ist, welche kurzsichtige Gemüter vielleicht für ein Ende halten, die aber durchaus kein Ende ist, jetzt steht ein großer Teil des gebildeten Europa vor der historischen, vor der tatsächlichen Notwendigkeit, Stellung zu nehmen zu dem, was sich im sozialen Problem verbirgt. Und muss man nicht, wenn man mit unbefangenem Blicke diese Dinge verfolgt, muss man nicht sagen: Etwas Tragisches waltet über den Gemütern gerade derjenigen, die jetzt aus der unmittelbaren Gegenwart heraus sich gedrängt fühlen müssen, Stellung zu nehmen zum sozialen Problem! Jahrzehntelang, in fleißiger Gedankenarbeit, in fleißiger Beobachtung der sozialen Welterscheinungen, glaubten manche, ein Urteil, eine Urteilsfähigkeit erfasst zu haben. Jetzt, wo die Frage brennend geworden ist, wo die Frage in dem Tatsachenleben, sagen wir, als Ratlosigkeit mit jedem Tage mehr zunimmt: Unbefangene Beobachtung kann nichts anderes sagen! Und so scheint wenigstens eines hervorzugehen, gerade auch aus der Rolle, welche die soziale Bewegung innerhalb der letzten katastrophalen Menschheitsereignisse gespielt hat — eines scheint aus alldem hervorzugehen: dass für lange, lange Zeiten hin die Menschen aller Stände, aller Berufe, sich ernst werden zu befassen haben mit dem, was man heute soziale Forderung nennt. Das mag rechtfertigen, sehr verehrte Anwesende, dass ich, der ich [durch] Jahre hindurch über Gegenstände in der Geisteswissenschaft auch hier in Bern reden durfte, dass ich Veranlassung nehme, aus den Untergründen dieser geisteswissenschaftlichen Forschung heraus auch einmal im engeren Sinne über dieses soziale Problem zu sprechen. Wenn ich von einer persönlichen Bemerkung ausgehen darf, so möchte ich nur dies sagen: Wahrhaftig nicht, wie mancher glauben könnte, aus einer bloßen theoretischen Erkenntnismethode, sondern aus einer theoretischen Erkenntnisarbeit heraus soll hier über das soziale Problem gesprochen werden, so, wie mir entgegentrat dieses soziale Problem, als ich durch Jahre hindurch unter Proletariern Lehrer an einer Arbeiterbildungsschule war, und von da ausgehend, zu lehren und zu wirken hatte gerade unter der proletarischen Bevölkerung selber in der gewerkschaftlichen, in der genossenschaftlichen und auch innerhalb der politischen Bewegung, unterweisend, lehrend.

Ja, sehr verehrte Anwesende, da hatte ich Gelegenheit, zu beobachten dasjenige, wovon ich glaube, dass es doch eben in erster Linie notwendig ist zu beobachten, wenn man die soziale Frage verstehen will. Da hatte ich vor allen Dingen Gelegenheit, zu beobachten, miterlebend zu beobachten dasjenige, was ich nennen möchte die proletarische Seelenverfassung.

Diese proletarische Seelenverfassung, wer sie kennenlernt, dem drängt sie vielleicht die folgende Überzeugung auf: Sehen Sie, sehr verehrte Anwesende, vieles, Eindringliches, Scharfsinniges, Fleißiges ist gerade auf dem Gebiete von Sozialisten und Nichtsozialisten im Laufe der letzten Jahrzehnte geschrieben worden - eigentlich schon in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts, und dann durch das zwanzigste Jahrhundert hindurch, soweit wir in diesem zwanzigsten Jahrhundert herangeschritten sind. In dieser umfangreichen Literatur drückt sich aus dasjenige, was innerhalb des modernen Proletariats als soziale Frage gedacht wird.

Vergleicht man dasjenige, was sich da ausdrückt in der Literatur, mit dem, was eine unbefangene Beobachtung des Lebens ergibt für den, der dieses Leben beobachten kann, dann entdeckt man zunächst einen sonderbaren, einen höchst auffälligen und lehrreichen Widerspruch innerhalb der modernen proletarisch-sozialen Bewegung.

Nichts hört man in Literatur, in Reden, in Artikeln ausgehen von sozialistischen Schriftstellern und Agitatoren, nichts hört man öfter als eine gewisse Unterschätzung alles gedanklichen, alles geistigen Elementes! Am Geiste wird betont gerade von sozialistischer Seite, dass alles dasjenige, was der Mensch denkt, alles dasjenige, was der Mensch geistig irgendwie in sich ausarbeitet, dass das nichts weiter ist als gewissermaßen, ich möchte sagen, die Wolke, die aufsteigt aus den großen, einzigen Realitäten der wirtschaftlichen Kämpfe der Menschheit.

Wie die einzelnen Klassen wirtschaftlich miteinander kämpfen, was sich da abspielt im wirtschaftlichen Leben, das ist die einzig wahre Wirklichkeit. Wie Wolken steigen auf diejenigen Gebilde, die sich als menschliche Gedanken entwickeln, steigt auf dasjenige, was man Erkenntnis, was man Kunst nennt, und so weiter.

Wem sagte ich etwas ganz besonders Neues, der sich irgendwie mit diesen Dingen beschäftigt hat, wenn ich gerade diese Behauptung in Bezug auf die ganze sozialistische Literatur und das ganze sozialistische Wirken durchgehende Behauptung hier zum Ausdrucke bringe? Denn, sehr verehrte Anwesende, einer lebendigen Beobachtung ergibt sich, dass es innerhalb der ganzen geschichtlichen Entwicklung der Menschheit noch niemals eine Parteibewegung, eine Klassenbewegung gegeben hat, die so intensiv vom Denken, von der Erkenntnis ausgegangen ist wie die besondere proletarisch-sozialistische Bewegung! Ja, man kann geradezu, ohne in eine Übertreibung zu verfallen, sagen: Die moderne sozialistische Bewegung ist diejenige, welche in einer ganz einzigartigen Weise fußen will auf dem, was wissenschaftliche Grundlage ist. So sonderbar es klingt: Die moderne sozialistische Bewegung ist diejenige, die, entgegengesetzt allen anderen ähnlichen Bewegungen in der Weltgeschichte, ausgeht von einer wissenschaftlichen Grundlage im eminentesten Sinne, von einer Gedankengrundlage!

Wie es im Leben so viele Widersprüche gibt, ja, wie das Leben eigentlich dadurch besteht, dass Widerspruchsvolles in ihm zusammenwirkt, so — könnte man sagen - ist es auch da. Bewusst sagen die Leute: Wir halten gar nichts von Gedanken; im Unbewussten ruhen die Gründe, [wovon] gerade diese Bewegung ausgegangen ist: vom Gedanken. Man muss nur mit wirklicher Liebe für die Tatsachen und mit wirklicher Liebe für die Menschenbeobachtung sehen, wie in die Proletarier-Seele hineinzog das Verständnis für eine solche schwierige, für eine solche Exaktheit - wenigstens wird der Versuch der Exaktheit gemacht - für eine solche exakte Gedankenarbeit, wie die des Karl Marx ist; man muss mit Liebe für die Tatsachen, mit Liebe für die Menschenbeobachtung sehen, wie dann wiederum in scharfsinniger Weise in den Proletariergemütern versucht worden ist, zu verstehen, worinnen sich Karl Marx, der Führer der modernen proletarischen Bewegung, der theoretische Führer, worinnen der sich eigentlich geirrt hat.

Man kann schon sagen: Wenn man innerhalb der Menschengesellschaft der Gegenwart, etwas überdrüssig von der Oberflächlichkeit der sogenannten bürgerlichen intellektuellen Kreise, in die Kreise des Proletariats hineinkam, dann konnte man schon bemerken den Übergang - den Übergang von dem Oberflächlichen auf eine leichtgeschürzte Wissenschaftlichkeit auch nur äußerlich bauende Bildung, zu jenem intensiven Streben, hinter die Geheimnisse des unmittelbaren Lebens, das einen umgibt, zu kommen in der modernen proletarischen Welt. Man empfand gerade, ich möchte sagen, das Heraufziehen eines furchtbaren Unheils, dadurch, dass man sah, wie wenig Neigung gerade bei den intellektuellen, führenden Menschen vorhanden war, auch heute noch ist, Verständnis zu finden für dasjenige, was in der proletarischen Seele wirklich lebt.

Man konnte schon Herzschmerz empfinden, wenn man sah: Solche Wege schlug die führende Menschenklasse ein, um hineinzuschauen in die Proletarierseele, solche Wege, dass sie sich im Theater die «Weber» ansah, Hauptmanns «Weber»: Ästhetischer Genuss an Proletarier-Situationen — das war es, was man als Verständnis anstrebte.

Davon machte man sich wenig Begriff - oder suchte man wenig Begriffe. Worinnen das eigentliche Geheimnis besteht, das ist, dass in das moderne Proletariat strengstes wissenschaftliches Denken, schweres wissenschaftliches Geschütz, wie es viele Intellektuelle heute meiden, weil es ihnen unbequem ist, wie dieses Denken eintauchen konnte in die moderne Proletarierseele; darüber sucht man wenig Gedanken sich zu machen, dass das so ist. Dass zu wenig Verständnis für dasjenige vorhanden ist, was da heraufzieht, das konnte man, wenn man die Dinge ernst nahm, als das heraufkommende, drohende Unheil seit Jahrzehnten empfinden.

Nun, sehr verehrte Anwesende, was liegt denn hinter dem Widerspruch, den ich angedeutet habe, dass auf der einen Seite der Gedanke geradezu verleugnet wird von dem modernen Proletarier und dass aber doch dieses Proletariat ganz von Gedanken ausgeht, Sinn und Interesse und Aufmerksamkeit hat gerade fürs Gedankenleben - worinnen liegt dieser Widerspruch begründet? Die Beobachtung des Lebens ergibt, glaube ich, dass dieser Widerspruch darinnen begründet liegt, dass es doch ankommt bei dieser Bewegung nicht so schr auf das, was die Menschen sich vormachen, was diese wirtschaftlichen Ziele oder sozialen Ziele sind, sondern dass es darauf ankommt, was eigentlich die Seelenverfassung des lebendigen Menschen ist, der dem modernen Proletariat angehört.

Und ich muss sagen: Intensiver hat zu meiner Seele gesprochen ein Wort, intensiver als alle die scharfsinnigen Auseinandersetzungen über Wirtschaftsfragen, die ich glaube, alle würdigen zu können; aber bezeichnender für dasjenige, was da lebt in der Zeit, hat mir immer ein Wort geschienen, ein Wort, das man überall hört innerhalb der modernen Proletarierbewegung - es ist das Wort, das da besagt: Aufgerückt in der Entwicklung der Menschheit ist das moderne Proletariat zur Klassenbewusstheit. Was will es denn eigentlich besagen, so, wie das Wort unmittelbar gebraucht wird? Es will sagen: Der moderne Proletarier lebt als Arbeiter nicht instinktiv wie - sagen wir — im alten patriarchalischen Leben, im alten Handwerksleben, als Lehrling oder Geselle; es lebt der moderne proletarische Arbeiter nicht instinktiv innerhalb der sozialen Struktur; sondern er lebt so, dass er weiß, was er innerhalb dieser sozialen Struktur bedeutet, wie er eine besondere Klasse ist - eben die Klasse der Arbeitnehmer gegenüber den anderen Klassen, den Klassen der Arbeitgeber. Dass [er] darinnen, in der Art und Weise, wie er sich hineingestellt weiß in die soziale Struktur, nicht bloß instinktiv lebt, sondern etwas von Klassenbewusstsein hat, das soll zunächst ausdrücken das Wort «klassenbewusstes Proletariat».

Aber im Grunde genommen ist dieses Wort «klassenbewusstes Proletariat», wenn man tiefer geht, doch nur eine Maske für etwas noch ganz anderes. Dieses andere würde man erkennen, wenn nicht der modernen Menschheit mit den Begriffen, die notwendigerweise verworfen werden mussten, auch die Fähigkeit abhandengekommen wäre, die volle Wirklichkeit im Menschheitsverlauf zu erkennen. Man ist ja heute, ich möchte sagen, von einem ganz bequemen Erkenntnisinstinkt ja geradezu besessen. Dieser Erkenntnisinstinkt geht darauf aus, überall in möglichst einfacher Weise Ursache und Wirkung miteinander zu verknüpfen: Da ist die Ursache - da ist die Wirkung; die Wirkung folgt aus der Ursache. Und dann geht das womöglich sehr subjektiv fort, indem man vielleicht noch hinzufügt, um dieses geradlinige Sich-Fortbewegen der Erkenntnis an dem Faden von Ursache und Wirkung zu rechtfertigen: «Die Natur macht doch keine Sprünge.» Zwar, wer nur ein wenig sieht, der weiß, dass die Natur überall Sprünge macht: Aber solch ein Wort wird eben fortgebraucht. Die Natur entwickelt allerdings sukzessiv grünes Farbblatt nach grünem Farbblatt; macht dann aber den Sprung zum grünen Kelchblatt, und dann den noch größeren Sprung zum Blumenblatt, dann zu den Staubgefäßen und so weiter. Und so würde man in allem Leben, in allen Naturvorgängen Widerlegungen des bequemem Satzes: «Die Natur macht keine Sprünge» bemerken.

Wohin käme man, wenn man das menschliche Leben so bloß, wie es sich in der physischen Welt entwickelt, so bloß beobachten würde, sodass man gradlinig verfolgt die Ereignisse nach der unmittelbar vorangehenden Ursache, der unmittelbar nachfolgenden Wirkung? Sehen wir denn nicht im individuellen Menschenleben, wie eine besondere Krisis eintritt beim Zahnwechsel gegen das siebente Jahr? Sehen wir denn nicht, wie eine bedeutende Krisis eintritt, wenn der Mensch geschlechtsreif wird? Sehen wir nicht, wie dazwischen mehr ein ruhiges Folgen von Ursache und Wirkung da ist? Und wie dann beim Zahnwechsel, bei der Geschlechtsreife - es sind auch andere Krisen da in späteren Jahren, wenn sie auch weniger deutlich bemerkbar sind - alle diese Dinge zeigen, wie in solchen Zeiten die Natur wahrhaftig Sprünge macht. In dieser Beziehung wird ein unbefangener Beobachter der Naturvorgänge in der Zukunft noch ganz Besonderes zu leisten haben. Indem man über Bord geworfen hat dieses, was der alten Metaphysik angehört, und mit Recht über Bord geworfen hat, hat man zugleich die Möglichkeit verloren, die geschichtliche Entwicklung so zu betrachten, dass man die in ihr enthaltenen wirklichen Impulse schaut und wahrnimmt, so, wie man wahrnehmen kann solche umändernden Impulse, wie sie sich geltend machen im menschlichen Zahnwechsel, in der menschlichen Geschlechtsreife.

Für den wirklichen unbefangenen Beobachter zeigt sich in dem Fortgang der geschichtlichen Entwicklung der Menschheit, dass besondere Zeiten vorhanden sind, in denen sich die Seelenverfassungen der Menschen umändern, in denen Neues an Impulsen in die Seelenverfassung der Menschen eintritt.

Solch ein Zeitalter war dasjenige, welches ungefähr in die Zeit des fünfzehnten, sechzehnten Jahrhunderts fällt. Die Geschichte, wie die dargestellt wird in den Schulen, ist in dieser Beziehung vielfach eine «fable convenue». Sie weist nicht hin, diese Geschichte, auf die großartigen Umschwünge, die in den Seelenverfassungen der Menschen sich ausgelebt haben in den aufeinanderfolgenden Zeiten. Wird man einmal von der befangenen Geschichte, die heute herrscht, zu einer unbefangenen Geschichte kommen, dann wird man einsehen, wie ganz anders die innere Seelenverfassung eines Menschen des elften, zwölften nachchristlichen Jahrhunderts noch war als die eines Menschen des sechzehnten, siebzehnten, achtzehnten Jahrhunderts! Nicht so, dass man einfach geradlinig Ursache und Wirkung verfolgen kann, nicht so lässt sich Geschichte betrachten; sondern solche Krisen — Krisen, die elementar mit der Organisation der ganzen Menschheit zusammenhängen -, solche Krisen muss man anerkennen, wie man solche Krisen, solche elementaren Umschwünge, anerkennen muss in der Teil-Entwicklung des menschlichen natürlichen Organismus.

Und dasjenige, was da, ich möchte sagen, als ein elementarer Impuls in der neuzeitlichen Menschheitsentwicklung lebt, das ist ja nirgends dargestellt worden, außer dem Bereiche der von mir vertretenen anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft. Dafür aber ist, und zwar mit Recht, die moderne Entwicklung immer wieder und wiederum so dargestellt worden, dass das gesamte moderne Leben, namentlich das Wirtschaftsleben, auf der einen Seite seine Umwandlung erfahren habe durch die moderne Technik, auf der anderen Seite durch das Eintreten der kapitalistischen Wirtschaftsordnung, wie sie sich im Gefolge der modernen Technik einstellte, der privatkapitalistischen Ordnung.

Ich habe nicht nötig, weil das oftmals dargestellt worden ist, diese beiden Impulse in der Entwicklung der neueren Menschheit hier genauer zu charakterisieren: die moderne Technik und den modernen Kapitalismus — es ist von vielen Seiten treffend dargestellt worden, was diese beiden Impulse der neuzeitlichen Entwicklung bedeuten mit Bezug auf die Entstehung dieses neuzeitlichen proletarischen Bewusstseins. Aber dieses neuzeitliche proletarische Bewusstsein, es muss nicht nur zurückgeführt werden auf diese zwei wirtschaftlichen Impulse: auf die moderne Technik, auf das moderne Maschinenwesen, auf den modernen Kapitalismus - sondern es muss als dasjenige angesehen werden, was gewissermaßen als Teilerscheinungen ganz elementar in der Entwicklung der Menschen auftreten musste durch jene Revolutionen in dem Organismus der menschheitlichen Entwicklung, jenen inneren revolutionären Impuls, von dem ich gesagt habe, dass er sich ungefähr im vierzehnten, fünfzehnten, sechzehnten Jahrhunderte dargelebt hat innerhalb der Entwicklung der modernen Menschheit. An dem, was da hereinbrach in die moderne Menschheit, haben verhältnismäßig die anderen Klassen wenig Anteil genommen. Der moderne Proletarier ist geradezu durch seine Lebensnotwendigkeiten hingedrängt worden, ganz besonders in seiner Seelenverfassung diesen Impuls, der sich da ergab aus den Kräften der Menschheitsentwicklung im vierzehnten, fünfzehnten, sechzehnten Jahrhundert, diesen Impuls in seine Seele aufzunehmen.

Welches war dieser Impuls? Nun, diesen Impuls, man kann ihn nicht anders charakterisieren, als dass man sagt: Vieles von dem, ja, alles von dem in der Menschheitsentwicklung, was in früheren Zeiten mehr instinktiv, mehr aus den unterbewussten, intuitiven Kräften der Menschenseele heraus von Menschen gedacht und gefühlt und ersonnen worden ist, das wird von dieser Krisis im vierzehnten, fünfzehnten, sechzehnten Jahrhundert ab bewusst von der Menschheit durchlebt. Immer mehr und mehr entwickelt sich die bewusste innere Klarheit der Menschenseele. Das ist dasjenige, was die menschliche Persönlichkeit auf sich selbst stellt seit jener Zeit.

Der Übergang vom Instinktleben zum bewussten Leben, auf ihn wurde insbesondere das moderne Proletariat gewiesen. Man verfolge nur, wie dieses moderne Proletariat abgesondert wird von dem, was Natur, was menschliche Produktion ist. Man vergleiche, wie im alten Handwerk, in dem alten Verhältnis des Menschen zur Natur, bei der unmittelbar natürlichen Urproduktion, wie da der Mensch zusammenhängt mit dem, was er arbeitet, was er tut, wie sich ein persönliches Verhältnis herausbildet zwischen dem Menschen und seiner Arbeit.

Es ist ein interessantes Studium, nun zu verfolgen, wie losgerissen wird dasjenige, was früher zusammenhing: der Mensch und seine Leistung, durch das moderne Zeitalter. Und am meisten erlebt das der moderne Proletarier, der hingestellt wird vor die Maschine, neben die Maschine! Ein unpersönlichstes Verhältnis besteht nun zwischen dem Menschen und demjenigen, womit er arbeitet! Und in unpersönlichster Art ist er hineingestellt in den ganzen sozialen Organismus, indem er ein Glied ist in einer Wirtschaftsordnung, die nicht durch die Impulse der Persönlichkeiten entsteht, die nicht entsteht durch die persönlichen Impulse der menschlichen Individuen, sondern die entsteht, man möchte sagen, objektiv, durch das Wirken des Kapitalismus selbst. Der Mensch wird losgerissen von dem, was früher seine Freude aus dem Beruf heraus ausgemacht hat, was früher ausgemacht hat seinen Eifer, seinen Enthusiasmus für den Beruf, was ausgemacht hat seine Ehre, die er mit dem Beruf verband, und so weiter; und ein ganz abstraktes, ein nüchternes Verhältnis des Menschen zu seinem Beruf trat ein. Weil dies für die anderen Stände und Klassen nicht so ist, weil dieses insbesondere herauskommt, zur Geltung kommt bei den Proletariern, deshalb ist der Proletarier es vor allen Dingen, der hingewiesen wird darauf, in seiner Seele den eigentlichen Impuls der Neuzeit, die Bewusstheit, zu entwickeln.

Hinter dem Ausspruch «Klassenbewusstes Proletariat» verbirgt sich das andere, dass der Proletarier vor allen Dingen durch seine Weltstellung, durch sein Hineingestelltsein in die menschliche Entwicklung, das moderne Menschheitsbewusstsein, das Bewusstsein von menschlicher Würde ganz besonders anstrebt. Die alten Stände sind nicht so losgerissen von dem, was früher ihre Freude, früher ihre Gedanken von Menschenwürde und Menschenehre waren aus ihrem Tun heraus. Der moderne Proletarier ist dadurch, dass kein Interesse ihn verbinden kann mit seinem Arbeitsmittel, er ist auf sich als bloßen Menschen gestellt. Dadurch ist er es, in dem sich entwickelt dieser Impuls des Überganges von der Unbewusstheit, von dem instinktiven sozialen Leben zum bewussten sozialen Leben.

Man könnte schon sagen, sehr verehrte Anwesende, wie das Christentum in einer unbekannten Provinz des Römischen Reiches ausgebrochen ist, wie es sich verbreitet hat zuerst über die gebildeten Länder, Griechenland und Rom, da aber viel weniger Wurzeln gefasst hat als bei den barbarischen Völkerschaften mit ihrer einfachen - wie man oftmals vom hochmütigen Gesichtspunkte herab sagt, kindlichen - Seelenverfassung, wie da das Christentum weniger Geltung sich verschaffen konnte im Griechentum und Römertum selber als in den einfachen Gemütern der vom Norden herabziehenden germanischen und sonstigen Stämme, so kann der bedeutsamste Impuls der Menschheitsentwicklung, der Übergang vom Instinktleben zum Leben in voller menschlicher Bewusstheit, am intensivsten sich entwickeln nicht in den anderen Ständen, sondern am intensivsten — wenn auch sonst die Vorbedingungen für Intellektualität und so weiter bei den anderen Ständen größere sein möchten: Das, was der neue Impuls in der Menschheitsentwicklung eigentlich ist, es kann sich am intensivsten entwickeln, gerade durch das ungünstige Hineingestelltsein des Proletariers in die allgemeine Menschheitsentwicklung, bei diesem modernen Proletarier! Das moderne Proletariat zieht entgegen der heutigen gebildeten Welt, wie die germanischen Christen der römischen und griechischen Welt einmal entgegenzogen. Menschenbewusstsein, Bewusstsein von Menschenwürde also, kann man sagen, verbirgt sich eigentlich hinter dem Worte: «Klassenbewusstes Proletariat».

So steht, sehr verehrte Anwesende, nicht irgendeine wirtschaftliche Forderung für den, der das Leben beobachten kann, so steht nicht irgendeine Abstraktheit, so steht nicht irgendein volkswirtschaftlich einseitiger Impuls, so steht der lebendige Mensch im Mittelpunkt dieser modernen sozialen proletarischen Bewegung, der moderne Proletarier selber mit einer besonderen Art, bewusst hinzustreben zur Erkenntnis wahrer Menschenwürde. Und aus diesem tieferen Grunde der Klassenbewusstheit heraus entwickelt sich dann die wahre Gestalt der sozialen Forderungen, die vielfach maskiert sind hinter bloßen wirtschaftlichen Auseinandersetzungen, wirtschaftlichen Forderungen.

Kennt man dieses moderne Proletariat, schr verehrte Anwesende, so fällt einem vor allen Dingen eines auf. Das fällt einem auf, dass dieses Proletariat die nachstrebende Bevölkerung ist, die den gebildeteren Klassen nachstrebende Bevölkerung, von der man, wie im Eingange von mir bemerkt worden ist, heute wirklich sagen kann: Sie begründet eine gesellschaftliche Strömung, die ganz und gar auf Wissenschaftlichkeit, auf Gedanken gebaut ist. In seiner Klassenbewusstheit, in seinem Streben nach bewusster Menschenwürde, strebt der moderne Proletarier auch nach wirklichem Wissen, nach wirklicher innerer Gedankenvertiefung.

Aber wozu führt ihn diese Gedankenvertiefung? Hier liegt ein Punkt, sehr verehrte Anwesende, den der moderne Proletarier selber, indem er mehr der äußeren Arbeit zugewendet ist, nicht so recht bemerkt - den aber derjenige bemerkt, der vielleicht gerade mit einem gewissen Rechte sich einen geistigen Proletarier nennen darf -, es ist ein Punkt, der besonders tief hineinschauen lässt in die Seelenverfassung des modernen Proletariats, und eigentlich in das ganze Gefüge des modernen Sozialismus: Es ist die Tatsache, dass alles Geistige, alles dasjenige, was der Mensch sich an Begriffen, an künstlerischen Erlebnissen und sonst an Geistigem sich erwirbt, von dem modernen Proletarier, auch von den theoretischen Führern des modernen Proletariats, als - wie sie selber immer sagen - als «Ideologie» empfunden wird; Ideologie - ein Geistesleben, das nicht davon überzeugt ist, dass unter den wirklichen Kräften und Wesenheiten, die die Welt durchpulsen und durchweben, auch objektiver, wirklicher Geist ist -, nein: ein Geistesleben, das nichts weiter ist, als der subjektive Abglanz der äußeren materiellen und wirtschaftlichen Wirklichkeit. Nicht, dass hereinragt in unsere Menschlichkeit wirksamer Geist, der uns dazu bringt, nicht bloß eine Art Gehirnverdauung zu haben, sondern innerhalb dieser Gehirnverdauung Gedanken, Empfindungen zu haben, nicht ein wirklicher Geist ist es, der uns dazu veranlasst, ein Gedankenleben, ein sonstiges inneres Geistesleben zu entwickeln - nein: Dieses Geistesleben ist bloße Ideologie. Ihm entspricht nichts Geistig-Wirkliches. Es ist alles, was in den Ideen lebt, nur der Spiegel materieller Vorgänge, wirtschaftlicher Vorgänge.

Man kann sogar sagen: Der moderne Proletarier ist gewissermaßen innerlich theoretisch glücklich, dass er ein so aufgeklärter Mensch sein darf, nicht mehr an alte metaphysische Wesenheiten zu glauben, sondern zu wissen, dass alles, was den Menschen geistiges Leben ist, Ideologie ist, Schaumblasen, die aufsteigen aus der materiellen und wirtschaftlichen Tatsachenwelt. Und dennoch, dasjenige, was das moderne Proletariat hereinbringt in die ganze gesellschaftliche Struktur, das hängt vielfach davon ab, dass es das Geistesleben in der geschilderten Weise als Ideologie empfindet und anerkennt.

Aber warum das? Freilich, der Proletarier selbst meint, dass er damit eine besondere, ihm eigene Errungenschaft in die menschliche Entwicklung hineingestellt hat. Aber so ist es nicht. Der moderne Proletarier hat nur ererbt dasjenige, was ihm gerade auf diesem Gebiete die anderen Klassen übergeben konnten. In demselben Zeitpunkte, von dem ich Ihnen gesprochen habe - vierzehntes, fünfzehntes, sechzehntes Jahrhundert -, in dem die Menschheit übergeht durch eine bedeutsame Krisis von einem bloßen instinktiven Leben zu einem innerlich seelisch bewussten Leben, in demselben Zeitalter stellt sich als eine Begleiterscheinung bei den führenden Ständen und führenden Persönlichkeiten das ein, dass die Geistigkeit ihre Stoßkraft in Bezug auf dasjenige verliert, was der Mensch ferner denken und forschen kann.

Damit berührt man in der Tat ein sehr bedeutsames Geheimnis der ganzen neueren Menschheitsentwicklung. Man muss zurücksehen, sehr verehrte Anwesende, auf jene Zeiten, wo alles dasjenige, was der Mensch erforschte, was der Mensch dachte über die einzelnen Tatsachen des Natur- und Menschenlebens, wie alles das sich einreihte in eine Gesamtweltanschauung, die auch von den religiösen Impulsen durchzogen war bis in die einzelnsten Zweige des menschlichen Wissens und Forschens hinein, wie sich ausbreitet ein Gemeinsames an Impulsen über dasjenige, was religiöse zentrale Empfindung war, und dasjenige, was über einzelne Teile der Welt wissen und forschen wollte.

Im vierzehnten, fünfzehnten, sechzehnten Jahrhundert, mit dem Heraufkommen der neueren Zeit, verliert die Geistigkeit des Menschen ihre Stoßkraft. Man mache sich nur klar, was es heißt zum Beispiel: die Kirche, die ja von sich aus, aus ihren letzten alten Impulsen sehr verdienstvoll Universitäten und alles Mögliche begründet hat, dass diese Kirche aus der alten Weltanschauung heraus keine Stoßkraft hat, die fruchtbar sich ausbreiten könnte über dasjenige, was die Brunos, was die Galileis hervorgebracht haben. Ein äußeres Wissen, ein Wissen von der Welt und ihren Tatsachen kommt herauf. Und die alte Geistigkeit besitzt nicht die Stoßkraft, in unbefangener Weise des Menschen Zentrum, des Menschen Gemüts- und Seelenzentrum in ein wirklich entsprechendes, menschliches Verhältnis zu diesem neuen Geistesleben zu setzen. Und so lebt in dieser Wissenschaft, in diesem weiten Weltall, lebt nicht religiöse, lebt nicht allgemeine menschliche Stoßkraft, lebt nicht wirkliche Geistigkeit. Es wird unter dem Einflusse dieses Verlustes der Geistigkeit das neuere Geistesleben Ideologie.

Und der moderne Proletarier hat das Schicksal, von jenen Zeiten her, in denen es noch kein Proletariat im modernen Sinne gegeben hat, als Erbschaft die geistige Welt nur in der Form von Ideologie zu übernehmen, die geistige Welt so zu übernehmen, dass in dem Verhältnis des Menschen zur geistigen Welt nicht mehr lebt die Anerkennung des wirklichen Geistigen an Kräften und Wesenheiten, die die Welt durchweben und durchleben.

Das ist der große, vielleicht tragische Irrtum des modernen Proletariats, dass es glaubt, eine besondere proletarische Errungenschaft zu haben in dem Deuten des geistigen Lebens als einer Ideologie, dass es darinnen aber gerade die eigentümliche Erbschaft der alten Klasse hat. Die besondere Art des Menschen, sich zur Wissenschaft zu stellen, hat das moderne Proletariat gerade von dem Bürgertum und den anderen Klassen übernommen!

Aber es ergibt sich, weil die anderen Klassen gewisse alte Traditionen haben, der moderne Proletarier auf die Spitze seiner Persönlichkeit gestellt ist, es ergibt sich das, dass in einem ganz anderen Grade der moderne Proletarier die Impulse ernst nehmen muss. Hier lebt wiederum ein bedeutsames soziales Problem, das noch lange nicht erschöpfend wird beleuchtet werden von der landläufigen Wissenschaft und der landläufigen Beobachtung solcher Dinge.

Gewiss, auch die übrigen Stände haben, wenn sie chrlich sind, heute in ihrem geistigen Leben nur eine Ideologie. Aber sie sind nicht so ehrlich; sie glauben noch etwas zu haben von den alten religiösen Impulsen, von der alten Stoßkraft, die vom Seelenzentrum ausgeht und hineinkraftet in dasjenige, was der Mensch über die einzelnen Tatsachen forscht und anerkennt. Der moderne Proletarier hat einfach in radikaler Weise Ernst gemacht mit dem, was Ideologie ist. Die Folge davon ist, dass die Wertschätzung dieses geistigen Lebens doch eine sehr wenig intensive ist. Und diese Art, sich zum geistigen Leben zu stellen, die begründet die Empfindung, dass dieses geistige Leben eigentlich nur etwas ist, was wie eine Beigabe erscheint zum ernsten Menschenleben, das aber nur in materialistischen und wirtschaftlichen Vorgängen besteht.

Muss nicht eine Anschauung, die Ernst macht mit dem geistigen Leben als mit einer Ideologie, muss nicht diese Anschauung ganz anders denken über alles geistig Errungene im Laufe der Menschheitsentwicklung als die anderen Stände, die, noch aus anderen Impulsen hervorgehend, dieses geistige Leben erkannt haben?

In der Anschauung des geistigen Lebens als einer Ideologie liegt ein furchtbar revolutionäres Element, von dem sich, man darf sagen, die Menschen heute noch wenig träumen lassen! Es könnte ein sehr wenig bequemes Erwachen geben aus diesem Verschlafen desjenigen, was gerade in diesem Punkt sich offenbart in Bezug auf die soziale Frage. Der Verlust der lebendigen, realen Geistigkeit, das Herabsinken des geistigen Lebens zu einer bloßen Ideologie, das ist das Erste, was ich anführen möchte unter den wahren Gestaltungen der sozialen Forderungen.

Das Zweite aber, sehr verehrte Anwesende, das Zweite liegt auf dem Gebiete des öffentlichen politischen Lebens. Wiederum könnte man sagen: Im Bewusstsein des Proletariers lebt eine Art von Maske; in den Tiefen der Seele lebt etwas ganz, ganz anderes.

Dasjenige, was vor allen Dingen den Menschen und auch dem modernen Proletariat aufgefallen ist an der neueren Menschheitsentwicklung, das ist das Überfluten aller Verhältnisse durch die moderne Maschinentechnik und durch den modernen Kapitalismus. Gewiss, diese Dinge sind es, die zunächst dem modernen Proletarier ganz besonders aufgefallen sind. Darauf ist wie durch eine historische Suggestion sein Blick geheftet worden. Und er verstand, als Karl Marx aus einer besonderen Untersuchung der wirtschaftlichen Vorgänge dem modernen Proletarier auch erklären wollte, wie er eigentlich zu seiner sozialen Stellung kommt.

Und dennoch, dasjenige, was nun als die zweite wesentliche Gestalt der sozialen Forderungen auftritt, das kann nicht aus dem Wirtschaftsleben heraus allein begriffen werden. Nicht die wirtschaftliche Struktur, nicht die wirtschaftlichen Verhältnisse treiben in die Seele des Proletariers diese zweite wahrhaftige Gestalt der sozialen Forderung hinein, sondern diese zweite soziale Forderung liegt in der geraden Fortentwicklung desjenigen, was geführt hat vor Zeiten schon innerhalb des größten Teiles der zivilisierten Welt zum Aufheben der alten Sklaverei, was geführt hat später zum Aufheben der Leibeigenschaft, und was führen muss notwendigerweise zum Aufhören von etwas, was gerade der moderne Proletarier, es wirtschaftlich missdeutend, selber als das Menschenunwürdigste in seiner Stellung empfindet.

Was ist das Wesentliche beim Sklaven gewesen? Er war nicht anerkannt in seiner vollen Menschenwürde; er galt dem Herrn als Ware. Und in einer gewissen Weise Ware ist auch noch die Leibeigenschaft des Feudalismus. In eindringlichster Art lebt nun im Bewusstsein des modernen Proletariers, man könnte sagen, der letzte Rest dieser Menschen-Unwürdigkeit, indem ihm klar ist dasjenige, was seine Arbeitskraft ist. Nicht mehr er als Mensch in der Leibeigenschaft, wie in der Sklaverei, sondern dasjenige, was seine Arbeitskraft ist, ist im modernen sozialen Prozess drinnen Ware.

So, wie man sonst innerhalb der kapitalistischen Wirtschaftsordnung diese oder jene Ware kauft, indem die Waren kommen auf den Markt, nach Angebot und Nachfrage durch den Markt zirkulieren, so auch kauft man auf dem Arbeitsmarkt die Ware «Arbeitskraft». Nichts hat eindringlicher, man möchte sagen, nichts hat empfindungsgemäßer der moderne Proletarier in sich aufgenommen aus der marxistischen Lehre heraus als diese Anschauung, dass seine Arbeitskraft gleich ist in Bezug auf den wirtschaftlichen Prozess, gleich ist der Ware.

Dieselben Impulse, die zum Abschaffen der Sklaverei geführt haben, dieselben Impulse, die zum Ende der Leibeigenschaft geführt haben, dieselben Impulse in anderer Form leben im modernen Proletariat und streben eigentlich hin nach einer Möglichkeit, die menschliche Arbeitskraft des Charakters der Ware innerhalb der menschlichen sozialen Struktur zu entkleiden.

Ich kenne sehr viele Menschen der Gegenwart - wenn man solches, wie ich es jetzt ausführte über die menschliche Arbeitskraft und ihr Verhältnis zur Ware, auseinandersetzt, so sagen sie, sie können gar nicht begreifen, wie es möglich sein sollte, durch irgendwelche Maßnahmen die Arbeitskraft des Handwerkers zu entkleiden des Charakters der Ware, des Warencharakters.

Plato und Aristoteles, die aufgeklärtesten Griechen, die großen Philosophen, konnten sich eine menschliche Gesellschaft nicht denken, ohne dass es Sklaven darinnen gibt. Im Mittelalter konnten sich gewisse Menschen nicht denken eine menschliche Gesellschaft, ohne dass es Leibeigene drinnen gibt. Heute können sich noch viele Menschen nicht denken, dass eine menschliche soziale Struktur möglich ist, ohne dass darinnen irgendwie Arbeitskraft als Ware figuriere. Wie das erreicht werden kann, davon, sehr verehrte Anwesende, wird morgen gesprochen werden von mir unter den Lösungsversuchen, die ich versuchen werde zu charakterisieren. Heute will ich nur darauf aufmerksam machen, dass die zweite Forderung in ihrer wahren Gestalt innerhalb des modernen proletarischen sozialen Lebens die ist, dass menschenwürdiges Dasein erfordert, die menschliche Arbeitskraft sei nicht mehr Ware, [sie] könne nicht mehr von den Kapitalisten so gekauft werden, dass er Geld für ein bestimmtes Quantum Arbeitskraft hingibt, das ihm der Arbeiter so zur Verfügung stellen muss, wie der Landwirt zur Verfügung stellt die Waren, die er, der Landwirt, von seinem Acker gewinne, wie der Kaufmann dasjenige zur Verfügung stellt als Kapital, was er in seinem Laden hat. Es darf - so empfindet, so sagt er vielleicht nicht deutlich, er stellt es in irgendeiner nationalwissenschaftlichen Verbrämung dar, aber so empfindet der moderne Proletarier -, es darf weiter nicht sein, dass menschliche Arbeitskraft ihren Warenpreis in der wirtschaftlichen Struktur der menschlichen Gesellschaft hat. Das ist das zweite Glied.

Das dritte Glied ist, dass der moderne Entwicklungsgang der Menschheit ebenso eine Überschätzung des äußerlichen, wirtschaftlichen Lebens hervorgebracht hat, wie eine Unterschätzung des geistigen Lebens hervorgebracht worden ist, indem man geistige Wirklichkeit zu einer bloßen Ideologie dekretiert hat. Gerade dadurch ist, ich möchte sagen, durch eine gewisse Gleichgewichtslosigkeit, auf der anderen Seite emporgeschnellt das wirtschaftliche Leben. Wie durch eine mächtige weltgeschichtliche Suggestion richteten sich die Aufmerksamkeiten der Menschen auf das wirtschaftliche Leben selbst. Und so trat eines ein: Die Menschen wurden abgezogen von allem Übrigen und widmeten ihre Aufmerksamkeit ganz einseitig dem wirtschaftlichen Leben.

Von alten Zeiten heraufgekommen ist ein gewisses geistiges Leben. Aber dieses geistige Leben hat, wie ich gezeigt habe, seine Stoßkraft verloren, ist zur Ideologie herabgesunken. Was ist von alten Zeiten weiters heraufgekommen? Gewisse staatliche, wie man sie nennt, politische Zusammenhänge der öffentlichen Rechtsordnung; wie der Mensch dem Menschen gegenüber ein Verhältnis finden kann innerhalb eines gewissen Territoriums als Bürger oder als sonst etwas innerhalb der gesellschaftlichen Struktur. Heraufgekommen ist weiter eine gewisse wirtschaftliche Ordnung. Diese wirtschaftliche Ordnung aber hat aufgedrückt bekommen ihren besonderen Charakter durch die moderne Technik, durch die in ihrem Gefolge liegende moderne Warenzirkulation im Sinne der kapitalistischen Wirtschaftsordnung.

Das ist dasjenige, was in einer so überflutenden Art, alles Übrige überflutenden Art in das moderne Leben hereingebrochen ist. Dass — wie gesagt — wie hypnotisch gebannt der Blick des modernen Menschen nur auf dieses Wirtschaftsleben gerichtet war, dadurch stumpfte in ihm ab auf der einen Seite das geistige Leben zur Ideologie. Auf der anderen Seite verliert das Staatsleben, das öffentliche Rechtsleben für ihn allen Inhalt, wenn es nicht ausgefüllt wird mit dem, was für ihn einzig Realität ist: mit dem materiellen Wirtschaftsleben.

Unter dem Einflusse dieser dritten wirklichen Gestalt der modernen sozialen Forderungen sehen wir den Ruf entstehen nach Verstaatlichung, nach Vergesellschaftung zunächst der Produktionsmittel, dann der Betriebe und so weiter, und so weiter. Einfach hat auch der Staat seinen Inhalt im alten Sinne mehr oder weniger verloren vor dem Blicke des modernen Menschen, der wie hypnotisiert auf das Wirtschaftsleben gerichtet ist.

So sehen wir, dass für gewisse Stände es wünschenswert wird in der neueren Zeit, gewisse Zweige des öffentlichen Arbeitens, des öffentlichen Wirkens, wie sie sagen, zu verstaatlichen. Dann geht das moderne Proletariat theoretisch zunächst radikal dazu über, zu fordern die Vergesellschaftung des gesamten Wirtschaftslebens, damit des Lebens überhaupt.

Und so sehen wir, dass diese drei Gestalten als die wahren auftreten innerhalb der sozialen Forderungen der neueren Zeit aus den Lebensnotwendigkeiten heraus. Wir sehen auf der einen Seite dasjenige, was das Empfindungsleben durchmacht, indem das Geistige zur bloßen Ideologie abgelähmt ist. Wir sehen, wie die Hinneigung besteht, [die] hypnotisch zum bloßen Wirtschaftsleben gebannt Staat, politisches Gebiet und Wirtschaftsleben [in] eines radikal fügen will, weil der Staat nur dann einen Inhalt hat für denjenigen, der glaubt: Alle, alle soziale Wirklichkeit erschöpft sich in der wirtschaftlichen Wirklichkeit, wenn der Staat ein großes Wirtschaftssystem ist.

Aber wir sehen, ich möchte sagen, wie ergänzend drei Lichtfunken in diesem, was uns da als proletarische Bewegung entgegentritt: Wir sehen wie drei wirkliche Gestalten, drei soziale Forderungen: die eine, die leuchtet her aus dem geistigen Leben; die zweite, sie leuchtet her aus dem Leben des öffentlichen Rechtes, aus dem doch nur hervorgehen kann das wirkliche Verhältnis des gleichen Menschen zum gleichen Menschen, aus dem auch folgen muss die Stellung, die die Arbeit in der sozialen Struktur haben muss. Und wir sehen drittens den Wirtschaftskörper selbst.

So sehen wir aus den wirklichen drei Gestalten der sozialen Forderungen zugleich hervorgehen die dreifache Gestalt der sozialen Frage. Diese dreifache Gestalt der sozialen Frage kann nur sein eine geistige, eine politische, eine wirtschaftliche. Und nur aus der Betrachtung dieser drei, die eine ganz bestimmte Konfiguration innerhalb des modernen proletarischen Bewusstseins erlangt haben, können sich Lösungsversuche ergeben für dasjenige, was als sozialer Impuls so heute durch die Zeit geht, dass für lange die Menschen aller Berufe, die Menschen aller Stände, die Menschen aller Gesellschaftsklassen sich damit werden beschäftigen müssen.

Eine Betrachtung der wahren Gestalt der sozialen Forderungen, wie wir sie heute gepflogen haben, kann nur dazu führen, aus der vollen, unbefangen angesehenen Wirklichkeit des geistigen, des staatlichen, des wirtschaftlichen Lebens Lösungsversuche für die soziale Frage zu suchen.

Dieser wichtigere Teil der sozialen Frage der Gegenwart wird uns nun morgen zu beschäftigen haben, wo ich versuchen werde, ebenso, wie ich heute versuchte, die wahre Gestalt der soziale Forderungen zu charakterisieren, wo ich versuchen werde, mögliche soziale Lösungen vor Ihnen darzustellen.

German original of The Social Question as Determined by the Necessities of Contemporary Humanity · Next →