The Big Questions of our Time and Anthroposophical Spiritual Knowledge
GA 336 — 7 February 1919, Bern
2. Die vom Leben Geforderten Wirklichkeitsgemässen Lösungsversuche für die Sozialen Fragen und Notwendigkeiten
Sehr verehrte Anwesende! Aus meinen gestrigen Ausführungen werden Sie ersehen haben, dass die Grundlage jener Beobachtung des sozialen Problems, auf welche hier aufgebaut wird, nicht fuße auf irgendwelchen Aspirationen oder Forderungen dieser oder jener Gesellschaftsklasse, dieser oder jener Parteien, oder fuße auf dem, was hervorgeht aus Interessen, die da- oder dorther aus ganz bestimmten Gebieten des wirtschaftlichen, rechtlichen oder sonstigen Lebens stammen; sondern hier soll gebaut werden auf dasjenige, was sich ergibt aus den Lebensformen und Lebensnotwendigkeiten der gegenwärtigen Menschheit selbst, insofern sich gerade diese Lebensnotwendigkeiten und Lebensformen beobachten lassen durch eine wirklich geisteswissenschaftliche Untersuchung desjenigen, wozu sich die Menschheit im Laufe ihrer Entwicklung bis in die Gegenwart herein durchgearbeitet hatte.
Was nützt es, sehr verehrte Anwesende, wenn man auf die Notwendigkeit dieser oder jener sozialen gesetzgeberischen Maßnahmen hinweist aus einseitigem Interesse, aus einer einseitigen Parteiströmung heraus? Und wenn es einem auch gelingt, irgendetwas zu realisieren, was einer solchen Forderung entspricht, wenn das, was man dadurch in die Welt setzt, auf der einen Seite vorteilhaft ist, und auf der anderen Seite wiederum notwendig allerlei Schäden hervorbringen muss? Dasjenige, was wirklich ersprießlich ist, kann eben nur folgen aus einer allseitigen, vorurteilslosen Beobachtung der Lebensnotwendigkeiten der menschlichen Gesellschaft selbst.
Diese Beobachtung der Lebensnotwendigkeiten, wie sie in der gegenwärtigen Menschheit insbesondere vorhanden sind, sie sind ja eigentlich, ich möchte sagen, überflutet, enthüllt worden durch dasjenige, ich habe es gestern schon angedeutet, was hervorgegangen ist aus dem modernen technischen Betrieb auf der einen Seite - gerade das sollte gestern ja gezeigt werden -, aus der kapitalistischen Wirtschaftsordnung auf der anderen Seite. Gerade diese besonderen Kräfte, welche sich ergeben haben aus der modernen Technik, aus dem modernen Kapitalismus heraus, sie haben Lebensforderungen hervorgebracht, zu denen ja auch eben die sozialen Forderungen gehören, Lebensforderungen hervorgebracht, die eben nicht durch eine besondere Fortentwicklung der kapitalistischen oder der technischen Wissenschaftskräfte befriedigt werden können, sondern deren Befriedigung von ganz anderswoher geholt werden muss.
Ich habe gestern gesagt: Der Blick der Menschen ist geradezu wie hypnotisiert hingedrängt worden einzig und allein auf dasjenige, was die moderne Wirtschaftsordnung ergeben hat. Und auch der sozialistische Agitator von heute, er hat die Meinung, man müsse dasjenige, was wirksam ist in der Technik, in der Wirtschaftsordnung, die durch die Technik eben geworden ist in der kapitalistischen Wirtschaftsform, man müsse das einfach überleiten in irgendetwas, was sich aus ihm selbst heraus entwickeln könne. Für den tiefer in die Entwicklungskräfte der Menschheit Hineinschauenden, für den ist es klar, dass einfach in unserem modernen Leben durch Kapitalismus und Technik, die ja als solche durchaus notwendig waren im Entwicklungsgang der Menschheit und weiter notwendig sein werden, dass durch Technik und Kapitalismus geradezu Krankheitsformen zu nennende Erscheinungen aufgetreten sind. Diese Krankheitsformen, sie müssen geheilt werden. Manches aber, was der moderne Mensch, sei er sozialistischer oder antisozialistischer Parteigänger, denkt, geht nicht auf eine Heilung der Krankheitsformen, die Technik und Kapitalismus gebracht haben, sondern geht geradezu auf eine Fortsetzung der Krankheitsformen. Dasjenige, was dagegen erstrebt werden muss, das ist das Aufsuchen, das Suchen des gesunden sozialen Organismus hinter denjenigen Erscheinungen, die als soziale Krankheitsformen bezeichnet werden.
Der einseitig auf das Wirtschaftsleben hin orientierte Blick des Menschen, des modernen Menschen, der hat geradezu gewisse Ideen, wie Sie sie finden können in den Dingen, mit denen gespeist wird sozusagen das außerordentlich berechtigte Streben des modernen Proletariers. Dieser Blick hat gezeitigt gewisse Ideen und gewisse Ideenzusammenhänge, die, würde man den sozialen Organismus von ihnen durchdringen, geradezu verglichen werden könnten mit Bezug auf diesen sozialen Organismus mit jenen Ideen, die Wagner im Goethe’schen «Faust» zu seinem «Homunkulus», zu der Erzeugung dieses Homunkulus führt! Eine Gesellschaftsordnung könnte hervorgehen, eine scheinbare, eine unlebendige Gesellschaftsordnung könnte hervorgehen aus dem Realisieren desjenigen, was man heute vielfach, sei es bei sozialistischen, sei es bei antisozialistischen Parteien, die soziale Idee, den Willen zum Sozialismus, nennt. Denn man denkt, es müsse gewisse Maßnahmen geben, es müsse gewisse Einrichtungen geben, die man nur [zu] verwirklichen braucht, dann hat man den richtigen sozialen Organismus. Die Betrachtungen, die meiner gegenwärtigen Darstellung zugrunde liegen, gehen von etwas ganz anderem aus. Die wollen überhaupt nicht solche Ideen, solche Begriffe, solche sozialen Aspirationen in die Welt setzen, welche zu einer Art sozialem Homunkulus führen; sondern sie wollen die Bedingungen angeben, unter denen ein lebendiger sozialer Organismus entstehen kann!
Denn von der wirklichkeitsgemäßen Anschauung wird hier ausgegangen, dass es ebenso töricht wäre, aus menschlichen Ideen, und seien sie noch so gescheit, einen sozialen Organismus aufbauen zu wollen, ohne dass dieser soziale Organismus seine eigene Lebenskraft in sich hat. Ebenso gescheit wäre dieses, als wenn man zum Beispiel einen natürlichen menschlichen Organismus aus allerlei chemischen Ingredienzien in der Retorte nach vorgefassten Ideen von dem Zusammenhang der statischen Kräfte aufbauen wollte.
Dasjenige, was man allein wollen kann im sozialen Leben, das ist: die Bedingungen aufsuchen, die man verwirklichen muss, damit ein sozialer Organismus wirklich wächst aus seinen eigenen Lebensbedingungen, aus seinen eigenen Lebensnotwendigkeiten heraus. Das entspricht einem wirklichkeitsgemäßen, das entspricht einem wahrhaft praktischen Denken.
Daher handelt es sich darum, zu erkennen, welches die Bedingungen des sozialen Organismus sind. Mag noch so sehr die Betrachtungsweise, die hier angestellt wird, heute noch von manchem als unpraktischer Idealismus angesehen werden - je länger man diese wirklichkeitsgemäße Anschauung des Lebens, des sozialen Lebens, als unpraktischen Idealismus ansehen wird, je länger man es unbequem finden wird, einzugehen auf die wahren Lebensbedingungen des lebendigen sozialen Organismus, desto länger wird das Unheil dauern, das in so katastrophaler Art über die Menschheit heraufgezogen ist.
Kennt man ein wenig, sehr verehrte Anwesende, dasjenige, was in der Menschheitsentwicklung lebt, ist man nicht ein «Praktiker» nach dem Zuschnitte aller derjenigen, die die allernächsten Dinge des Lebens ein wenig mit der Nasenspitze beriechen und nachher sich für Praktiker aus ihrem engen Gesichtskreise heraus halten und in ihrer Brutalität alles abweisen, was nicht ihren Bedingungen folgen will, sondern ist man ein Praktiker nach den allgemeinen Bedingungen der Menschheit, und schaut man hinein ein wenig in die Entwicklungsbedingungen der Menschheit, so weiß man, dass vieles von dem, was abhalten kann späteres soziales Unheil im sozialen Gefüge der Menschheit, sehr, sehr weit zurückliegend in seiner Wesenheit erkannt werden muss! Nicht leicht wird es auf einem anderen Gebiete so sehr leicht zu spät, als dem Gebiete des sozialen Lebens! Sind einmal die Instinkte so entfesselt, wie sie heute schon anfangen, in einem großen Teil der zivilisierten Welt, entfesselt zu sein, dann ist die Verständigungsmöglichkeit nicht mehr da. Daher ist ernst der Appell, der in dem Herzen desjenigen ersprießt, der die Notwendigkeit erkennt, dass in der Zeiten Lauf eingesenkt werden die Keime, damit nicht in späterer Zeit Unheil, sondern Heil erfolgen kann.
Betrachtet man in diesem Sinne den sozialen Organismus, der entstehen soll selbstverständlich erst, der noch nicht da ist, so kommt man allerdings zuerst darauf, dass zu einer folgenden Beobachtung, folgenden Voraussetzung, als Empfindung notwendig ist, könnte ich sagen: Soziale Kräfte waren immer da innerhalb der Menschheitsentwicklung; wo immer irgendwelche menschliche zusammenhängende Gesellschaften sich entwickelt hatten, Völkerzusammenhänge, Staatszusammenhänge, Stammeszusammenhänge oder etwas dergleichen, da wirkten immer zwischen den Menschen und den Menschenzusammenhängen, Menschenverbänden soziale Impulse.
Aber bis zu jenem Zeitpunkt, den ich gestern angegeben habe als den Zeitpunkt in dem Kreislauf, in dem die Menschheitsentwicklung übergeht vom instinktiven Leben zum vollbewussten Leben, bis zu diesem Zeitpunkt wirkten auch die sozialen Impulse mehr instinktiv. Und gerade die eine Sphäre, das eine Gebiet unseres sozialen Lebens: die Wirtschaftssphäre mit ihrer modernen Technik, die so bewusst getrieben werden muss als Wirtschaft, mit ihrem modernen Kapitalismus, der so bewusst getrieben werden muss - gerade das hat hervorgezaubert einseitig auf einem Gebiete die Bewusstheit.
An die Stelle des alten instinktiven sozialen Lebens muss treten die voll bewusste Auffassung des sozialen Organismus. Platz greifen muss unter unserer Menschheit ein Empfinden von dem, wie der Einzelne drinnensteht im gesamten sozialen Organismus. Und ohne dass dieses soziale Fühlen, diese soziale Empfindung, aus einer wirklichen Einsicht in den sozialen Organismus hervorgehen, kann kein Heil ersprießen in der neueren Entwicklung der Menschheit.
Dass die Menschen das Einmaleins lernen, dass die Menschen noch andere Dinge im Leben lernen, das wird heute als selbstverständlich angesehen. Als selbstverständlich muss es nach und nach angesehen werden, dass einfach der aufwachsende Mensch durch die Erziehung, durch die Schule, in sich aufnehme dasjenige, was ihn sich fühlen lässt wie ein Glied des lebendigen sozialen Organismus. Und dieser lebendige soziale Organismus, er ist, wenn er gesund ist, nicht eine solche abstrakte homunkulusartige Einheit, wie man ihn heute oftmals vorstellt: Er ist ein gegliederter Organismus.
Und um mich verständlich zu machen, sehr verehrte Anwesende, möchte ich von einem Vergleich heute ausgehen, werde aber gleich nachher bemerken, dass dieser Vergleich nichts anderes sein soll als eine Grundlage zur Herstellung des Verständnisses und für die Ablenkung von Missverständnissen.
Ich möchte sagen: Geradeso, wie der natürliche menschliche Organismus in sich so gegliedert ist, dass er eigentlich im eminentesten Sinne eine Dreigliedrigkeit ist, so ist auch der soziale Organismus, wenn er gesund ist, eine in sich gegliederte Dreigliedrigkeit, nicht eine abstrakte Einheit. Weil er weder eine abstrakte Einheit wirtschaftlicher Ordnung noch eine abstrakte Einheit, die mehr oder weniger den bloßen Rechtsstaat enthält, noch auch eine abstrakte Einheit ist, die dem von manchen erträumten Kulturstaat gilt, das alles ist der soziale Organismus gar nicht: Er ist eine Dreiheit.
Ich habe, sehr verehrte Anwesende, durch Jahrzehnte hindurch versucht, wirklich wissenschaftlich eine Grundlage zu gewinnen für die wahre Dreigliederung des natürlichen menschlichen Organismus. Ich habe die Andeutungen darüber gegeben in meinem Buche «Von Seelenrätseln». Ich habe gezeigt, dass die gegenwärtige Naturwissenschaft, die Biologie, wenn sie einmal von jenem Getriebe, das jetzt von solchen Biologen, wie zum Beispiel durch [Lücke in der Mitschrift] selber herb kritisiert wird, wenn sie von da aus zu wirklicher Wissenschaft übergehen wird, dann wird diese Biologie, diese wahre Wissenschaft, die sich aus der heutigen erst heraus wird entwickeln müssen, sie wird den wirklichen Organismus als einen dreigliedrigen anerkennen.
Ich habe versucht, diese Dreigliedrigkeit des Organismus, wie sie hier gemeint ist, eben so darzustellen, dass der Mensch in seiner Ganzheit ist erstens dasjenige System, das ich nennen möchte das Nerven-Sinnessystem, das mehr oder weniger im menschlichen Haupte zentralisiert ist. Das zweite ist dasjenige System, das ich das rhythmische System nennen möchte, das mehr oder weniger zentralisiert ist in den rhythmischen Tätigkeiten der Atmungsorgane und des Herzens. Und dann, der dritte Mensch, gewissermaßen das dritte Glied des menschlichen natürlichen Organismus, das ist das gesamte Stoffwechselsystem. Und man kann zeigen, dass der Mensch, sofern er in Tätigkeit ist, aus diesen drei Systemen zusammengesetzt ist.
Aber diese drei Systeme haben eine gewisse Selbstständigkeit in sich. Es kann einfach dasjenige, was Stoffwechselsystem ist, was auf die Verdauungsorgane im eminentesten Sinne aufgebaut ist, kann nicht anders als selbstständig wirken, muss in sich selbstständig zentralisiert werden. Es hat neben sich in einer gewissen Selbstständigkeit das Lungen-Herz-System, das rhythmische System, und wiederum neben sich das Kopf-System, das Nerven-Sinnessystem. Und gerade dadurch besteht das lebendige Wirken im Organismus, dass nicht eine abstrakte Zentralisation da ist, sondern dass diese drei Systeme jedes in sich mit einer gewissen, relativen Selbstständigkeit wirken; jedes will Ergebnisse seines Wirkens in die anderen Systeme hineinsenden. Dass sie nebeneinander wirken, aufeinander wirken, darauf beruht dasjenige, was den Organismus gerade zu dem macht, was er ist.
Nun bin ich weit, weit entfernt, etwa den sozialen Organismus einfach in einer spielerischen Art, durch ein Analogiespiel, in einen Vergleich zu bringen mit dem natürlichen menschlichen Organismus. Und derjenige, welcher etwa aus einer oberflächlichen Auffassung desjenigen, was ich hier vorbringen werde, sagen wird: Ach, auch wiederum solch eine Analogiespiel, wie es unglücklicherweise durch Schäffle und jetzt wiederum in dem Buch «Weltmutation» zustande gekommen ist, auch wiederum solch ein analogisches Spielen, wo die Vorgänge des Organismus übertragen werden auf die soziale Gesellschaftsordnung, die ja doch von ganz anderen Gesetzen beherrscht ist; wer das sagen wird, der wird aus einer völlig missverständlichen Auffassung heraus dasjenige beurteilen, was ich eigentlich darstellen will. Denn nicht darum handelt es sich mir, irgendetwas, was im natürlichen menschlichen Organismus geschieht, zu übertragen auf den sozialen Organismus, sondern darum handelt es sich mir, dass das wirklichkeitsgemäße Denken, das in der richtigen Weise begreifen lehrt den menschlichen natürlichen Organismus, dass dieses wirklichkeitsgemäße Denken auch angewendet wird auf den sozialen Organismus, und dass der soziale Organismus, der auch eine Dreigliedrigkeit ist, dass der objektiv in seinen Lebensbedingungen erkannt werde, gerade dadurch, dass man diese seine Dreigliedrigkeit erkennt.
Wer in spielerischer Weise, wie in der «Weltmutation» oder bei Schäffle und vielen anderen, wer in spielerischer Weise nach Analogien sucht, der würde einfach sagen: Der menschliche natürlichen Organismus hat im Nerven-Sinnessystem einen geistigen Teil, der hat im rhythmischen Leben des Atmungs- und des Herzsystems einen regulierenden Teil; und er hat drittens im Stoffwechselsystem dasjenige, was auf den gröbsten materiellen Vorgängen des menschlichen Organismus beruht. Und was würde ein solcher sagen nach der Analogie im sozialen Organismus? Da würde er vergleichen dasjenige, was der soziale Organismus an geistigen Impulsen entwickelt, mit demjenigen, was das menschliche Kopfsystem, das Nerven-Sinnessystem ist. Er würde also vergleichen das äußere materielle Wirtschaftsleben mit demjenigen, was im Menschen das Stoffwechselsystem [ist], das im Menschen an die gröbsten materiellen Vorgänge also gebunden ist.
Derjenige aber, der einfach so wirklichkeitsgemäß den sozialen Organismus betrachtet, wie man wirklichkeitsgemäß den natürlichen Organismus des Menschen betrachten kann, der kommt gerade zum Entgegengesetzten, merkwürdigerweise! Der kommt nämlich dazu, zu betrachten all das - ob man es nun als das unterste oder oberste bezeichnen kann, darauf kommt es jetzt nicht an -, also das erste Glied des sozialen Organismus allerdings, das Wirtschaftssystem. Aber dieses Wirtschaftssystem, das ist nicht in Analogie zu bringen in spielerischer Weise mit dem Stoffwechselsystem des menschlichen natürlichen Organismus. Ja, die Gesetze des Wirtschaftslebens, wie sie sich im sozialen Organismus ausdrücken, wenn man schon einen Vergleich für sie brauchen will, so kann man diese Gesetze nur vergleichen mit jenen Gesetzen, die gerade im sogenannten edelsten System des menschlichen Organismus herrschen, im Kopfsystem, im Nerven-Sinnessystem, mit demjenigen System, dem menschlichen Kopfsystem, Sinnes-Nerven-System, woraus die menschlichen Begabungen kommen, auf denen alle menschliche Begabung und auch alle menschliche Erziehung beruhen muss. In demjenigen, was mit den natürlichen Begabungen des Nerven-Sinnessystems zusammenhängt, tritt etwas ein in den natürlichen, individuellen natürlichen Menschenorganismus, was nicht irgendwie hervorgezaubert werden kann durch ein bloßes Lernen, welches Äußeres an den Menschen heranbringt, sondern welches herausgeholt werden muss, je nachdem es sich eben veranlagt im Menschen, welches entzaubert werden muss aus einer gewissen Grundlage heraus. So, wie in der einzelnen menschlichen Entwicklung zu Erziehung und Lebensgestaltung einfach die Kopfbegabung, überhaupt die körperliche und seelische Anlage des Menschen stehen, so stehen im sozialen Organismus zu dem, was in diesem sozialen Organismus durch soziales Denken, also durch die Maßnahmen der Menschen erreicht werden kann, so stehen die Naturgrundlagen für alles menschliche Zusammenleben und Zusammenarbeiten! Der Mensch steht zunächst, indem er einem sozialen Organismus angehört, er steht durch diesen sozialen Organismus mit gewissen Naturgrundlagen alles menschlichen Daseins in Beziehung. So steht der soziale Organismus mit diesen Naturgrundlagen in Beziehung, wie der einzelne menschliche Organismus mit seinen angeborenen Begabungen, und es darf kein soziales Denken diese Naturgrundlagen in deren Einfluss auf die Gestaltung des ganzen sozialen Lebens leugnen. Man kann noch so schöne Betrachtungen anstellen über das Zusammenwirken von Grund und Boden, Rente, Kapital, von Arbeitslohn, von Unternehmergewinn und so weiter, und so weiter, wenn man nicht in richtiger Weise zu werten versteht dasjenige, was als Naturgrundlage dasteht, wodurch sich gewissermaßen der soziale Organismus nach einem außerhalb ihm selbst liegenden Elemente öffnet, so kommt man zu keiner wirklichkeitsgemäßen Betrachtung, wenn man das nicht einsehen kann.
Man bedenke nur einmal das Folgende, sehr verehrte Anwesende. Gewiss, von unendlicher, großer Bedeutung ist es, was für einen Anteil die menschliche Arbeit als menschliche Arbeit hat an der Gestaltung irgendeines sozialen Zusammenhanges von Menschen. Aber diese menschliche Arbeit, sie ist ja ungeheuer abhängig von der Naturgrundlage. So, wie der werdende Mensch von seinen Anlagen abhängig ist, so ist der soziale Organismus von der Naturgrundlage abhängig. Nehmen Sie radikal unter Zuhilfenahme eines Beispiels die Anschauung: Nehmen wir einen sozialen Organismus hypothetisch an, dessen Hauptnährmittel die Bananen wären, dasjenige, was notwendig ist, um die Bananen von ihrem Ursprungsort dorthin zu bringen, wo sie vom Menschen ersprießlich konsumiert werden können, [dazu] ist eine Arbeit notwendig, die sich verhält zu der Arbeit, die notwendig ist, um den Weizen von seinem Ausgangspunkt bis zum menschlichen Konsumtion zu bringen, eine Arbeit notwendig also von der materiellen Bananenkultur zu der materiellen Weizenkultur, eine Arbeit notwendig im sozialen Organismus, die sich verhält ungefähr von 1:100; das heißt: Eine hundert Mal größere Arbeit ist aufzuwenden, als Entfaltung von Arbeitskraft, ist nötig da, wo der soziale Organismus mit der Natur zusammenhängt durch die Weizenproduktion, als da, wo sie mit der Natur zusammenhängt durch die Bananenproduktion.
Oder nehmen Sie etwas anderes an: Die menschliche Arbeitskraft muss tätig sein, um das Naturprodukt umzuwandeln, sodass es hineinkommen kann in den sozialen Zirkulationsprozess, bis zu dem Punkt, wo es in der Konsumfähigkeit das Ende der Zirkulation findet. Da brauchen Sie nur zu bedenken: In Deutschland, in Gegenden mit mittlerer Ertragsfähigkeit, gibt der Weizen ein Erträgnis, welches das Sieben- bis Achtfache der Aussaat ist; in Chile gibt der Weizen ein Erträgnis, welches das Zwölffache der Aussaat ist; in Nordmexiko gibt der Weizen ein Erträgnis, welches das Siebzehnfache der Aussaat beträgt, in Peru das Siebzehnfache; in Süid-Mexiko das Fünfundzwanzigfache bis Fünfunddreißigfache der Aussaat! Da sehen Sie den Einfluss, den die Natur ergibt. Und das lässt sich auch übertragen auf dasjenige, was die Ergiebigkeit dieses oder jenes Rohstoffes für irgendeine Verarbeitung ist. Da sehen Sie die Beziehung, das Verhältnis der Naturergiebigkeit zur menschlichen Arbeit. Was für ein anderes Arbeits-Maß ist notwendig, um dasselbe, denselben Ertrag zu liefern, da, wo der Weizen das Siebenundzwanzigfache seiner Aussaat an Erträgnis ergibt, als da, wo er nur das Sieben- bis Achrfache ergibt!
Nun, das sind radikale Beispiele. Aber so verschieden ist auch innerhalb eines jeden sozialen Zusammenhanges das Verhältnis dessen, was die Natur, was überhaupt die gewöhnliche Produktion dem Menschen gibt zu seiner Arbeit, zu der Arbeit, die notwendig ist. Da haben wir, ich möchte sagen, den Ausgangspunkt des einen Gliedes des menschlichen sozialen Organismus. Alles dasjenige, was aus der Naturgrundlage heraus fließt in den Prozess, der sich abspielt zwischen Warenproduktion, Warenzirkulation, Warenkonsumtion, dieser Prozess, der ist ein ebenso abgeschlossenes System in dem gesunden sozialen Organismus, wie das Nerven-Sinnessystem ein abgeschlossenes Ganzes ist mit relativ selbstständiger Eigengesetzlichkeit im menschlichen natürlichen Organismus.
Und Hereinspielen-Lassen in dasjenige, was die Gesetzmäßigkeit des Wirtschaftsorganismus ist, der sein Wesentlichstes in der Warenzirkulation hat, Hereinspielenlassen von etwas anderem ist ebenso wenig heilbringend, wie heilbringend wäre, wenn hereinspielen wollte das Lungen-Herzsystem in das Nerven-Sinnessystem des Kopfes. So sonderbar das heute noch den Menschen anmutet, wenn man so spricht — das ist etwas, was als Fundamentalwahrheit zugrunde liegen muss allen, nicht nur sozialem Denken, sondern allen sozialen Maßnahmen, die irgendwie zum Heile der Menschheit im gesunden sozialen Organismus in Gegenwart und Zukunft getroffen werden können. Dasjenige, was in dem Kreislauf des Warensystems sich abspielt, das darf nicht überfluten und überschwemmen den ganzen sozialen Organismus, sondern es muss ein für sich bestehendes, relativ selbstständiges System sein und Leben haben. Für den, der dann praktisch in die Dinge eindringt, gliedert sich schon von selbst dieses System des reinen Wirtschaftsmechanismus ab von den anderen beiden Systemen.
Das zweite System des sozialen Organismus, das ist dasjenige, welches umfasst alles, was man nennen könnte das öffentliche Rechtsleben, und alles das, was reguliert die anderen Systeme, alles das, mit anderen Worten, welches das dem Menschen würdige Verhältnis herstellt zwischen Mensch und Mensch.
Mit dieser Herstellung eines würdigen Verhältnisses von Mensch zu Mensch hat nichts zu tun dasjenige, was als Gesetzmäßigkeit lebt im reinen wirtschaftlichen Leben, in dem, was zur Warenzirkulation innerhalb eines Wirtschaftskörpers führt. Das System des öffentlichen Rechtes, das System der Regulierung des Lebens, das System, welches das rechte Verhältnis herstellt zwischen Mensch und Mensch, das wird ebenso aber, wie das Lungen- und Herzsystem in den Ergebnissen seiner Tätigkeit hineinspielt in das Kopfsystem, so wird dieses System des öffentlichen Rechtes, der öffentlichen Regulierung der Gesetzgebung, in dasjenige, was man das politische Leben im weitesten Sinne des Wortes nennen kann, es wird gerade, wenn es relativ selbstständig sich entwickelt, in der richtigen, lebendigen Weise auch hineinspielen in das Wirtschaftsleben. Nur müssen die beiden Systeme ganz selbstständig nebeneinander sich entwickeln, jedes nach seinen eigenen Gesetzen, nach seinen eigenen inneren, wesentlichen Impulsen!
Es ist das große Verhängnis, könnte man sagen, in der neueren Zeit, dass man chaotisch durcheinanderkonfundiert hat dasjenige, was nur gedeihen kann, wenn es getrennt, in relativer Selbstständigkeit, sich entwickelt.
In älteren Zeit[en] sind, angemessen den menschlichen Vorstellungen und menschlichen Bedürfnissen in diesen älteren Zeiten, die drei Systeme, von denen ich heute gesprochen habe, in dem sozialen Organismus auch in einem entsprechenden Verhältnis gewesen.
Dasjenige Verhältnis, das die gegenwärtige und zukünftige Menschheit braucht, das muss erst gefunden werden. Allein, man ist von vielen irrtümlichen Voraussetzungen ausgegangen aus gewissem konservativem Hängen an dem, was aus älteren Zeiten herübergekommen ist. Aus älteren Zeiten hat sich herüberentwickelt etwas, was gut begründet war in den alten römischen Staatsanschauungen, herüberentwickelt durch Monarchien und andere Staatsformen hindurch, dasjenige, was man gerade den Rechtsstaat, den politischen Staat nennen könnte. Verbunden war mit diesem Rechtsstaate, diesem politischen Staate da und dort etwas von dem Wirtschaftsleben, Land und Forstwirtschaft dort und da. Andere Zweige hatten dasjenige, was als Staat sich girierte, für sich in Anspruch genommen; sodass gewissermaßen der Staat, der in der Hauptsache als Rechtsstaat, als politischer Staat, als politische Gemeinschaft dastand, als Schutzgemeinschaft mit seiner Wehrmacht dastand gegen äußere Einflüsse, dass dieser Staat auch in gewisser Beziehung zum Wirtschafter geworden ist.
Und als die neuere Zeit heranrückte mit ihren komplizierten Wirtschaftsformen in Technik und Kapitalismus, da fand man zunächst das Heil darinnen, nun nicht die alten Wirtschaftsgebiete, die der Rechtsstaat, der politische Staat schon in sich gehabt hat, von ihm auszusondern, und die beiden Sphären reinlich nebeneinander zu begründen: Rechtsstaat, der darauf ausgeht, das Verhältnis von Mensch zu Mensch zu ordnen, und auf der anderen Seite den Wirtschaftskörper hinzustellen. Stattdessen konfundierte man beide.
Und immer mehr und mehr entwickelte sich - indem zunächst Postwesen, Telegrafenwesen, Eisenbahnwesen, kurz, diejenigen Dinge, die der modernen Technik, dem modernen Wirtschaftsleben dienen, dem Staate aufgebuckelt wurden, dem Staate, der die Aufgabe eigentlich hat, das Verhältnis von Mensch zu Mensch zu regeln -, es entwickelt sich das, was man nennen kann: die Überflutung des rein politischen Staatswesens mit dem Wirtschaftssystem. Unter dem Einflusse gerade desjenigen, was zum Unheil der modernen Menschheit Technik und Kapitalismus heraufgeführt haben, entwickelten sich sozusagen moderne sozialistische Anschauungen, die dasjenige, was man «Überfluten des Rechtsstaates mit dem Wirtschaftsleben» nennen kann, noch bis auf die Spitze treiben wollen, aus einem durchaus guten Wollen heraus, aus berechtigten Forderungen heraus, allein aus Misskennen alter Verhältnisse heraus, die einer wirklichkeitsgemäßen Beobachtung des sozialen Organismus sich ergeben.
Die heilsame Entwicklung liegt nicht in einer ZusammenschlieRung der wirtschaftlichen sozialen Sphäre mit der politischen Sphäre, mit der öffentlichen Rechtssphäre, mit derjenigen Sphäre, die das Verhältnis des Menschen zum Menschen zu ordnen hat, sondern in der Auseinandertrennung zu einer relativen Selbstständigkeit eines jeden dieser Gebiete.
Man hat gesehen, sehr verehrte Anwesende, wie schädlich wirken können die wirtschaftlichen Interessenkreise, die nicht auf ihrem besonderen Wirtschaftsgebiete, nach wirtschaftlichen Impulsen organisieren, sondern die in die Vertretungen des politischen, des Rechtsstaates hineinkommen und dort, wo ganz andere Grundlagen des politischen Lebens herrschen sollten, durchdrücken wollen dasjenige, was rein wirtschaftliche Interesse sind, wofür sie Rechte begründen wollen, wofür sie besondere Privilegien begründen wollen. Dasjenige aber, was im Wirtschaftsleben pulsiert, darf einzig und allein auf die gesunden Verhältnisse des Wirtschaftslebens selbst aufgebaut sein.
Aus dem, was zum Teil in der äußeren Wirklichkeit, zum Teil in der menschlichen Auffassung, in der menschlichen Empfindung und in der Ausgestaltung der menschlichen Forderungen aus der Konfundierung des Wirtschaftslebens mit dem rein politischen, dem reinen Staatsleben, sich ergeben hat, das ist eben dasjenige, was verlogen, maskiert sich gestaltet hat zu einer der wesentlichsten Forderungen des modernen Proletariats. Dadurch, dass das Wirtschaftsleben alles überflutet hat, dass das Wirtschaftsleben allmählich in, man möchte sagen, sich hineingeschlichen hat in das politische Staatsleben, dadurch ist ein Impuls in dem menschlichen Wirken nicht an seinen richtigen Platz gestellt worden - neben anderem allerdings; aber einer der allerwichtigsten, einer derjenigen, der am tiefsten eingreift in die sozialen Probleme der Gegenwart.
Niemals wird können, innerhalb des bloßen Wirtschaftslebens abgetrennt werden können, niemals wird man können abtrennen innerhalb des bloßen Wirtschaftslebens dasjenige, was menschliche Arbeitskraft ist, von dem Charakter, den alles im Wirtschaftsleben hat, von dem Warencharakter!
Das empfindet aber, wie ich gestern schon ausführte, der moderne Proletarier als das eigentlich Menschenunwürdige, dass es einen Arbeitsmarkt gibt, einen Arbeitsmarkt, auf dem einfach nach dem Gesetze von Angebot und Nachfrage entschieden wird über den volkswirtschaftlichen Wert derjenigen Ware, die seine Arbeitskraft ist. Wie auch der moderne Proletarier seine Forderungen ausdrücken mag - diese Forderung liegt als etwas, was, wenn man auch unbewusst seiner ist, unbewusst seiner ist über diese Dinge, sie liegt als etwas, was die Hauptsache seiner Forderungen ist, all den anderen Forderungen zugrunde: Entkleidung der menschlichen Arbeitskraft von dem Warencharakter. Nicht mehr soll menschliche Arbeitskraft Ware sein!
Würde man so sozialisieren, wie heute ein großer Teil der Menschen, derjenigen Menschen, die eben sozialisieren wollen, dies auszuführen gedenken, dann wird man nicht loslösen die Arbeitskraft von dem Warenwesen, sondern man wird im Gegenteil diese menschliche Arbeitskraft immer mehr und mehr zur Ware machen!
Es kann kein irgendwie abstraktes Heilmittel angegeben werden, wie die menschliche Arbeitskraft des Warencharakters - Ware, die man kaufen kann und verkaufen kann — entkleidet werden kann; sondern es kann eben nur gesagt werden, wie schon im Eingange der heutigen Ausführungen dargelegt wurde, es kann eben nur gesagt werden: Man suche nicht nach Zaubermitteln, nach, im modernen Sinn des Wortes, abergläubischen Mitteln, um sozial zu kurieren, sondern man suche nach den Lebensbedingungen des sozialen Organismus. Dann wird sich dieser soziale Organismus entwickeln mit seiner eigenen Lebenskraft. Und indem einfach nebeneinander sich entwickeln werden das Wirtschaftsleben nach seinen eigenen Impulsen, und der politische Staatskörper, der das Verhältnis von Mensch zu Mensch zu begründen hat, wiederum nach seinen eigenen Gesetzen und nach seinen eigenen Impulsen, wird sich - jetzt nicht so, dass man theoretisch sagen kann: So und so hat es zu geschehen, dass aufhöre die Arbeitskraft eine Ware zu sein, sondern so, dass dieser lebendige Organismus sich entwickelt, so wird sich loslösen von dem Wirtschaftsprozesse die menschliche Tätigkeit, die menschliche Arbeit. Und sie wird fallen ganz von selbst in jenes Glied des sozialen Organismus, der als das politische Glied, als das Glied bezeichnet werden kann, welches das Verhältnis des Menschen zum Menschen regelt.
Es besteht nämlich - und ich habe bereits im Anfang des Jahrhunderts in einem Artikel, den ich in meiner damals erschienenen Zeitschrift «Lucifer-Gnosis» über die soziale Frage geschrieben habe -, ich habe damals schon aufmerksam darauf gemacht: Es besteht ein gewisses Gesetz für die menschliche Arbeitskraft in der Gesamtheit eines sozialen Organismus. Dieses Gesetz ergibt sich dem wirklichen Betrachter des sozialen Organismus als etwas Fundamentales im sozialen Leben. Also man konnte damals, kann noch heute von diesem Gesetze reden, das sich in allen Einzelheiten beweisen lässt, das wichtig ist für wirkliche Erkenntnis des sozialen Lebens. Man predigt mit einem solchen Fundamentalgesetz tauben Ohren bei denen, die da oder dort aufgestellt sind, um den Leuten «richtige Begriffe» über Volkswirtschaft und dergleichen beizubringen.
Dieses Gesetz, sehr verehrte Anwesende, ist das Folgende: Wenn jemand arbeitet, sei es handarbeitet oder geistig arbeitet innerhalb einer größeren sozialen Gemeinschaft, nicht innerhalb einer kleinen, da ist das Gesetz nicht in derselben Weise deutlich zum Ausdruck kommend, aber in einer größeren sozialen Gemeinschaft, wie sie allein bei der heutigen Betrachtung der sozialen Frage in Betracht kommt, wenn in einer größeren sozialen Gemeinschaft ein Mensch arbeitet, so kann unmöglich innerhalb des sozialen Prozesses, innerhalb dessen, was im Gesellschaftskörper vor sich geht, dasjenige, was er als einzelner Mensch arbeitet, ihm selbst zugutekommen! Er kann niemals gewissermaßen das Erträgnis, das Ergebnis seiner eigenen Arbeit haben - es würde heute die Zeit selbstverständlich nicht ausreichen, denn dafür wären Stunden, in denen Einzelbeobachtungen dargelegt würden, notwendig, um das im Einzelnen zu erhärten. Ich kann nur sagen, dass das Gesetz, das ich angab, ein wissenschaftlich voll zu erhärtendes Gesetz ist. Dasjenige, was der Einzelne durch seine Tätigkeit arbeitet, es kann nur scheinbar in seinem Ergebnis ihm dienen. In Wahrheit verteilt sich das, was der Einzelne arbeitet, auf den sozialen Organismus, dem er angehört. Alle Menschen haben etwas von seiner Tätigkeit; und er, was er hat innerhalb eines sozialen Organismus, kann nicht, wenn der soziale Organismus gesund ist, aus seiner eigenen Tasche stammen; sondern das stammt aus der Tätigkeit der anderen Menschen.
Dass dies so ist, wird einfach bewirkt durch die objektiven Zusammenhänge, die sich abspielen. Wenn ich einen groben Vergleich gebrauchen darf: Sie können ebenso wenig [volkswirtschaftlich leben] von dem, was Sie selber arbeiten, [...] wie Sie im physischen Sinne dadurch leben können, dass Sie sich selber aufessen!
Es ist ein Grundgesetz des volkswirtschaftlichen Lebens, dass man nicht von seiner Arbeit leben kann. Wenn man von ihr lebt, so wirkt das zum Unheil des sozialen Organismus. Gesund ist der soziale Organismus nur, wenn jeder Einzelne für die anderen, und alle anderen für den Einzelnen arbeiten.
Dies ist nicht nur eine Sache eines ethischen Altruismus, dies ist ein Gesetz einer gesunden, organischen Gliederung. Daher, sehr verehrte Anwesende, fälscht es die Grundgesetze des sozialen Organismus, wenn Sie Arbeitskraft einfach wie eine Ware bezahlen - aus dem Grunde, weil Sie ausgehen von etwas, was real gar nicht wahr ist. Sie wollen der Arbeitskraft ihr Erträgnis geben; Sie wollen den Menschen leben lassen von seiner Lebenskraft. Sie schalten ihn dadurch nicht ein in den sozialen Organismus, sondern schalten ihn aus.
Und weil die moderne wirtschaftliche Ordnung dazu geführt hat, äußerlich, maskiert, scheinbar den Proletarier abzufertigen mit dem, was Erträgnis seiner Arbeitskraft sein soll, hat sie, gerade durch die Gegenwirkung des Widerstandes, in ihm dasjenige erzeugt, was er selber mit aller seiner sonstigen scharfsinnigen Wissenschaft nicht zur Ausgestaltung bringen kann, das in ihm erzeugt, was aus dem Ertötetsein der sozialen Zusammenhänge kommt, das in ihm erzeugt, und er hineinwill in den sozialen Zusammenhang. Er ist herausgestellt durch dasjenige, das seine Arbeitskraft zur Ware macht; er will wieder hineingestellt sein; er will das tödliche Element aufgehoben haben. Das liegt in der einen Gestalt der sozialen Forderungen, die ich schon gestern angeführt habe, und auf die ich in dieser Form heute wieder zurückkommen muss.
Würde aber dasjenige, was in den sozialen Organismus die Arbeitskraft, die menschliche Arbeitskraft hineinstellt, was gerade auch unter den sozialistischen Ideen diese Arbeitskraft immer mehr und mehr hineinstellen will in den rein wirtschaftlichen Organismus, würde das Platz greifen, so würde das Proletariat immer mehr und mehr aus dem sozialen Körper herausgedrängt werden.
Allein davon hängt das Grundlegende ab, dass neben dem bloßen Wirtschaftskörper ein anderer, politischer Körper da ist, mit relativer Selbstständigkeit, welcher nicht dasjenige zu behandeln hat, was Warenzirkulation ist, sondern dasjenige zu behandeln hat, was das Verhältnis von Mensch zu Mensch begründet. Und im eminentesten Sinne schen Sie es, sobald Sie ein Verhältnis gewinnen können zu dem Gesetze, dass man nicht für sich, sondern für die anderen Menschen arbeitet.
In wahrstem Sinne gehört die menschliche Arbeitskraft, die Regulierung der menschlichen Arbeitskraft in dieses zweite Glied des sozialen Organismus, in den politischen Organismus. Der hat darüber zu wachen, dass die menschliche Arbeitskraft nicht missbraucht werde. Niemals aber kann der menschlichen Arbeitskraft unter anderen Menschen ihr Recht zugesprochen werden, wenn dieses Recht kommen soll aus dem bloßen Wirtschaftskörper heraus - dem bloßen Wirtschaftskörper, der nach seinen eigenen Gesetzen, selbstständig, abgesondert von dem politischen, dem rein politischen Körper, von dem reinen Staatskörper, dastehen soll!
Was heute entstanden ist, weil die Menschen so vielfach es so gewohnt sind, als das Rechte anzusehen, was heute vielfach als das Rechte angesehen wird, ja, das spricht allerdings alles dagegen, gegen dasjenige, was hier angeführt ist. Allein, sehr verehrte Anwesende, entweder wird man sich bequemen, nach den Gesetzen des gesunden sozialen Organismus zu leben, oder man wird noch in viel schrecklichere Katastrophen hineingetrieben werden, als [man] schon hineingetrieben ist, einfach dadurch, dass man nicht gestrebt hat nach einer solchen reinlichen Scheidung der einzelnen Glieder des sozialen Organismus.
Bis in gewisse Kriegsursachen hinein kann man verfolgen, wozu die Konfundierung der wirtschaftlichen Verhältnisse mit den staatlichen Verhältnissen geführt hat!
Man wird schon studieren, denn man wird genötigt sein, immer genauer und genauer zu studieren dasjenige, was in die Katastrophe hineingetrieben hat, in der wir bis zur Krise nun drinnenstecken. Man wird finden, dass unter den mancherlei Ursachen - ich kann sie selbstverständlich erschöpfend in diesem Zusammenhange nicht besprechen -, dass unter den mancherlei Ursachen die ist, dass die Staaten gegeneinander getrieben werden konnten durch die wirtschaftlichen Kreise, die sich der politischen Körperschaften einfach bemächtigt hatten für ihre Interessen! Hätten die politischen Körperschaften nicht sich gängeln lassen müssen durch die Konfundierung von gewissen, rein wirtschaftlichen Interessen-Cliquen, sehr verehrte Anwesende, dann hätte die Katastrophe diesen Charakter nicht annehmen können! Auch die internationale Politik der Menschen, das internationale Wollen der Menschen hängt daran, dass man die Gesetze des sozialen Organismus erkennt.
Ein drittes Glied des sozialen Organismus ist dann das geistige Leben, sehr verehrte Anwesende, dieses geistige Leben, wie es in dem jetzigen Abschnitte der Menschheitsentwicklung sich allmählich zu einer Art Ideologie gebildet hat, in die alte Formen nur hereinragen wie Überbleibsel - ich habe es gestern geschildert. Aber dieses geistige Leben, das aus gewissen sozialen Instinkten bis in die Mitte, bis zum Ende des Mittelalters in einer gewissen Selbstständigkeit dastand, auch das ist aufgesogen worden, so, wie aufgesogen werden soll unter dem Einflusse gewisser moderner Aspirationen das Wirtschaftsleben vom Staatsleben oder umgekehrt, [so] könnte man auch sagen: Dieses geistige Leben ist aufgesogen worden von demjenigen Leben, das nur regeln sollte das Verhältnis des Menschen zum Menschen. Wie die Menschen zueinander stehen sollen, rein dadurch, dass sie Rechtssubjekte sind, das muss Gegenstand eines besonderen sozialen Gliedes im sozialen Organismus sein.
Das geistige Leben muss selbst wiederum ein besonderes Glied mit relativer Selbstständigkeit im sozialen Organismus sein. Für den gesamten sozialen Organismus ist dasjenige, was kommt von dem geistigen Leben in seiner wahren Gestalt, gerade so, wie für den einzelnen menschlichen Organismus die Aufnahme der Nahrungsmittel und der Stoffwechsel ist. Man muss dieses geistige Leben im sozialen Organismus gerade mit dem gröbsten System — sogenannten gröbsten System - im menschlichen natürlichen Organismus vergleichen.
Alles dasjenige gehört in dieses System, welches nur hervorgehen kann aus der körperlichen und seelisch-geistigen Fähigkeit, Begabung des Menschen; alles dasjenige, was nur auf die Grundlage der individuellen Freiheit des Menschen gestellt werden kann. Da hinein gehört alles dasjenige, was im religiösen Leben der Menschen spielt. Da hinein gehört alles dasjenige im weitesten Umfange, von der untersten bis zur höchsten Stufe, was in das Schul- und Erziehungssystem hineingehört. Da hinein gehört auch neben manchem anderen, neben aller Kunstpflege, neben aller sonstiger Pflege freier Geistigkeit, da hinein gehört auch - und es würde zu weit führen, weil es wiederum Stunden in Anspruch nehmen würde, die Einzelheiten anzugeben -, dazu gehört auch das Privatrecht und das Strafrecht. Das öffentliche Recht gehört zum zweiten Glied des sozialen Organismus, das öffentliche Recht, das herstellt das Verhältnis vom Menschen zum Menschen einfach im gesunden menschlichen Zusammenleben.
Soll mit Bezug auf verletzte Privatinteressen, soll mit Bezug auf Straftaten der Mensch über den Menschen urteilen, dann ist ein solches individuelles Verhältnis des Urteilenden zu dem Beurteilten notwendig vor einer wahren Wirklichkeitsbeobachtung, dass der ganze Vorgang nur in den Bereich der individuellen Freiheit gestellt werden kann. Man muss so untertauchen als wirklicher Richter in die Subjektivität desjenigen, über den man, sei es im privatrechtlichen, sei es im strafrechtlichen Sinne, zu urteilen hat, dass es gar nicht anders möglich ist, als dass da walte der Impuls individueller menschlicher Freiheit.
Ich könnte sehr viele Beispiele anführen; ich will nur eines anführen: Derjenige, der gleich mir Jahrzehnte lang mitbeobachtet hat durch unmittelbares Darinnenleben Verhältnisse, wie sie sich abspielten da, wo rein [offiziell], [inoffiziell] noch viel mehr einzelne Nationalitäten nebeneinander und durcheinandergewürfelt gelebt haben wie in Österreich, wer das beobachtet hat, wer beobachtet hat, wie viel die Gerichtsverhältnisse beigetragen haben zu dem Chaos, in das jetzt die ungeheure österreichische Katastrophe hineingeführt hat, der weiß, welche Bedeutung gerade der falschen Regulierung der Gerichtsverhältnisse beizumessen ist!
Allerdings zeigt es sich innerhalb solcher Verhältnisse, nur in radikaler Weise. Wenn man bedenkt: Da haben wir eine Gegend, in der wohnen durcheinandergemischt Deutsche mit Tschechen. Der Tscheche, wenn er irgendetwas verbrochen hat, er kommt, weil das einfach nach den übrigen politischen Verhältnissen so ist, vor den Richter, der in deutscher Amtssprache amtiert. Der Tscheche versteht gar nichts von dem, was da über ihn verhängt wird. Er weiß, er kann außerdem kein Vertrauen entgegenbringen seinem Richter, der nach völkischen Eigentümlichkeiten ja von ihm verschieden ist.
Das alles - ich kann es nur kurz anführen - das alles hätte dazu führen müssen, dass man vor Jahrzehnten schon, um diese furchtbare jetzige Katastrophe zu vermeiden, darauf verfallen wäre, dass es notwendig gewesen wäre, wie auch die übrigen Territorialgrenzen gingen, mit Bezug auf die juristischen Verhältnisse des Privat- und des Strafrechtes so zu verfahren, dass auf fünf oder zehn Jahre jeder seine Richter frei wählt, so, wie im Übrigen auf dem Gebiete des geistigen Lebens jeder für seine Nachkommen die Schule frei zu wählen hat und dergleichen mehr. Unendlich vieles schließt diese Befreiung des Schulwesens ohnedies, des Erziehungswesens, der ganzen geistigen Angelegenheiten von dem übrigen wirtschaftlichen und rein staatlichen Betrieb des sozialen Organismus ein.
Es werden sich natürlich die Menschen zu diesem notwendigen Gedanken am allerwenigsten heranbändigen lassen, denn in der Verstaatlichung des Schulwesens, in dem Ausdehnen der staatlichen Fangarme über die freie Geistigkeit, sieht gar mancher das Allerheilsamste. Dennoch ist dies das Gegenteil des Heilsamen. Dasjenige, was als Geistigkeit mit Wirklichkeits-Charakter sich entwickeln soll oder kann, ist nur zu entwickeln, wenn diese Geistigkeit rein auf sich selbst im sozialen Organismus gestellt ist, wenn der staatliche Organismus nur dafür zu sorgen hat, dass sich dieses geistige Leben frei entwickeln kann.
Die sozialistischen Agitatoren und ihre Anhänger haben ein einziges Gebiet bis jetzt entdeckt, und das aus einem Missverständnis heraus, das sie in dieser Weise behandeln: das religiöse Gebiet. Sie hören innerhalb der sozialistischen Agitationsgebiete: Religion ist Privatsache - aber eigentlich nicht, weil man die Religion beschützen will in ihrer Freiheit vor den staatlichen und wirtschaftlichen Eingriffen, sondern weil man kein rechtes Interesse hat. Man will sie absondern; sie soll für sich leben, soll für sich vielleicht auch sterben.
Das Richtige wäre, dass man gerade die größte Schätzung für das geistige Leben in all seinen einzelnen Serien hätte; dann würde man wissen, dass dieses geistige Leben nur dann gedeihen kann, wenn es seine eigene Verwaltung, seine eigene Organisation, seine adäquate, relative Selbstständigkeit hat. Dieses Geistesleben muss man sich gleich denken im umfassendsten Sinne, im umfänglichsten Sinne, nicht nur die eigentlichen geistigen Ideen, nicht nur die eigentlich geistigen Leistungen, die von diesen geistigen Gebieten ausgehen, sondern auch alles dasjenige, was sich als geistige Impulse über die anderen beiden Gebiete erstreckt. Es muss ausgehen von diesen Gebieten; die technischen Ideen, dasjenige, was eigentlich das Wirtschaftsleben in Schwung bringt, das wird ausgehen von der geistig-seelischen Arbeit.
Aber diese geistig-seelische Arbeit, sie darf nicht unterhalten werden, nicht verwaltet werden, nicht gesetzgeberisch regiert werden von den beiden anderen Sphären; sie muss sich mit relativer Selbstständigkeit regieren, damit sie gerade in der entsprechenden Weise wie das [Verdauungs]system auf die beiden übrigen Systeme des natürlichen Organismus, dass sie gerade in der rechten Weise durch ihre Freiheit, durch ihre Selbstständigkeit, auf die beiden anderen sozialen Systeme wirken könne.
So ist zu denken, dass das wirtschaftliche Glied des sozialen Organismus, dasjenige Gebiet, welches das Verhältnis des Menschen zum Menschen regelt, und dasjenige Gebiet, welches, als das eigentlich geistige Gebiet, auf die individuelle Freiheit alles dessen gestellt ist, was aus den geistig-seelischen und körperlichen Anlagen des Menschen hervorgeht, dass diese Gebiete so nebeneinander leben, dass jedes, wie es seinem eigenen Wesen gemäß ist, seinen eigenen Verwaltungs- und Gesetzgebungskörper hat. Nicht das eine Parlament, das alles zusammenkonfundiert, ist das Heilsame für die soziale Entwicklung der Zukunft, sondern die drei Vertretungskörper, von denen [einer] alle Menschen angeht: derjenige des politischen Organismus, der wahrscheinlich auf den meisten Territorien der Erde, der zivilisierten Welt, rein demokratisch sein wird; während die beiden anderen in ihrer Vertretung sachgemäß sein werden.
Der Wirtschaftskörper wird auf assoziativer Grundlage aufgebaut sein. Wir sehen heute schon die Anfänge, wie er sich dadurch, dass der Mensch zusammenwachsen muss mit demjenigen, was ihm als Naturgrundlage vorliegt für sein Wirtschaftsleben, wie er sich zusammenschließen muss mit anderen Menschen; dieser Zusammenschluss, wie er heute in Genossenschaft und Gewerkschaft und so weiter versucht wird, der muss aber aufgebaut werden auf rein wirtschaftlichen Unterlagen, die wirtschaftlichen Unterlagen der Produktion, die wirtschaftlichen Unterlagen der Konsumtion, die wirtschaftlichen Unterlagen des Handels, die sich gegenseitig nach rein wirtschaftlichen Grundsätzen regeln werden.
Dasjenige, was der politische Körper ist, der auf dem Rechtsverhältnis von Mensch zu Mensch beruht, der wird im Wesentlichen sich immer mehr demokratischer und demokratischer gestalten, denn er hat es zu tun mit dem Verhältnis eines jeden Menschen zu der Warenzirkulation. Dasjenige, was das geistige Gebiet ist, wird sich auf dem, was aus dem geistigen Leben aus dem Vorgerücktsein des einzelnen Menschen im geistigen Leben folgt, aufbauen.
Diese drei Gebiete im gesunden sozialen Organismus gewissermaßen souverän nebeneinandergestellt, und so miteinander verantwortlich, wie souveräne Staaten, gerade dadurch werden die Delegationen in der rechten Gemeinschaft aufeinander wirken können, dass die einzelnen Glieder im sozialen Organismus in relativer Selbstständigkeit sind!
Man kann zugeben, dass diese Ideen für viele heutige Menschen vielleicht zu radikal erscheinen. Sie sind aber nicht so gedacht, sehr verehrte Anwesende, dass man etwa von heute auf morgen irgendeine soziale Gemeinschaft so umgestalten solle, wie das selbstverständlich, wenn man solche Dinge zum Ausdrucke bringt, scheinen könnte. Nein, von dem Ausbilden solcher Theorien als Theorien hält der Wirklichkeitsdenker — und das ist immer der Geisteswissenschafter, der wahre Geisteswissenschafter — außerordentlich wenig. Er hält viel mehr davon, dass die Menschen sich in ihrem ganzen Wollen und in ihrem unmittelbaren Leben durchdringen mit demjenigen, was als Impulse aus einer solchen Lebensanschauung folgt, sodass sie in allen Einzelheiten ihren Handlungen, ihren Maßnahmen, die entsprechende Richtung geben.
Gewiss würde es ganz falsch sein, wenn man - wie man es heute auf vielen Gebieten versucht - von heute auf morgen den sozialen Körper umgestalten würde; aber es trat ja immer vor die Menschen die Notwendigkeit, das oder jenes zu ordnen. Man kann es so ordnen, dass man besessen ist von der Idee, alles muss, durcheinandergewürfelt, eine staatliche Einheit sein; oder man kann dasjenige, was Alleralltäglichstes ist, in eine solche Richtung bringen, dass sich seine Gestaltung eingliedert in das allmähliche Sich-Verwirklichen dieser drei nebeneinander bestehenden Glieder des sozialen Organismus — wahrhaftig, mehr noch als viele sozialistische Denker der Gegenwart, die sich gar nicht irgendwie träumen lassen, von heute auf morgen eine andere Gestaltung des sozialen Organismus herbeizuführen, sondern die an eine langsame Entwicklung denken, denkt derjenige, der, da seiner Beobachtung die Wirklichkeit durchaus diesen Darlegungen zugrunde liegt, so denkt der, dass eine Richtung gegeben wird der sozialen Entwicklung, die sich langsam verwirklicht.
Von irgendwelchen konfusen, zum Beispiel schnell sich abspielenden sozialen Revolutionen ist gerade bei diesem wirklichkeitsgemäßen Denken nicht die Rede. Davon ist aber die Rede, sehr verehrte Anwesende, dass man gerade sich bequeme, zu dem hin seine Gedanken zu richten, was aus der wirklichkeitsgemäßen Betrachtung des sozialen Organismus selber folgt.
Dasjenige, was ich Ihnen hier auseinandergesetzt habe, sehr verehrte Anwesende, mir erscheint es aus einer, wie ich glaube, objektiven Betrachtung auch der Ereignisse der Gegenwart als für diese Gegenwart ganz besonders wichtig, als für diese Gegenwart zur Heilung von manchem, was geheilt werden muss, besonders notwendig. Und ich darf sagen: Nicht aus bloßen theoretischen Erwägungen heraus haben die Ideen, die ich Ihnen heute vorgetragen habe, ihre letzte Gestalt erhalten.
Das, was ich Ihnen ausgeführt habe - ich konnte Ihnen der Kürze der Zeit halber nur eine Skizze geben -, es kann in allen Einzelheiten
begründet werden, es kann in allen Einzelheiten ausgebaut werden. Das kann schon heute geschehen in vollkommen wissenschaftswürdiger Weise! Derjenige, der dieser Richtung nahetreten will, kann das heute schon, indem er zusammenarbeitet mit denjenigen, welche gewillt sind, ihre Kraft darauf zu verwenden, dem sozialen Organismus eine Gestaltung zu geben, die ihn vor einer wirklichkeitsgemäßen Lebensauffassung wirklich gesund macht. Das kann man; das kann man heute in allen Einzelheiten ausführen - in allen Einzelheiten, dasjenige, was ich Ihnen heute nur in einer umfassenden Skizze darlegen konnte.
Diese Ideen, sie sind nicht entstanden aus einer bloßen theoretischen Erwägung heraus; sie sind aus der Betrachtung der Verhältnisse entstanden, wie sich diese Verhältnisse gestaltet haben, sodass zuletzt nichts anderes mehr heraus resultieren konnte aus ihnen als diese europäische Katastrophe.
Demjenigen, der sich eingelassen hat auf das innere Gefüge dieser Verhältnisse der gegenwärtigen zivilisierten Welt, dem ist es vielleicht so ergangen, wie zum Beispiel - ich könnte auch andere anführen - mir mit Bezug auf einen gewissen Punkt. Ich will wahrhaftig mit diesen Dingen nicht irgendwie renommieren. Allein, sehr verehrte Anwesende, diese Dinge sind ernst; und wenn auch irgendetwas, das man heranzieht zum Verständnisse, wie persönlich ausschaut, dann darf es trotzdem heute gegenüber dem furchtbaren Ernst der Zeiten vielleicht geschehen.
Es war die Zeit noch, die dieser [Kriegs]katastrophe vorangegangen ist, in der [Diplomaten], Politiker und Staatsmänner und sonstige gescheite Leute Europas ein sonniges Lächeln hatten, wenn davon die Rede war, wie der Friede, oder was sonst Ähnliches aufgezählt wurde, wie alles das, was man eingerichtet hat, festgefügt in der Welt dastünde. Da musste ich vortragen dazumal in Wien, innerhalb eines Vortragszyklus auch sprechen von dem, wozu die tieferen Grundlagen unserer sozialen Verhältnisse hintendieren. Ich sprach dazumal, bevor diese Katastrophe irgendwie äußerlich bemerkt wurde in ihrem Heranrücken, als die Diplomaten noch ein sonniges Lächeln hatten über die guten Taten, die sie vollbracht hatten, ich sprach davon, dass schleichend geht durch unsere soziale Ordnung etwas wie ein soziales Karzinom, wie eine Krebskrankheit, lange bevor das dilettantische Buch «Weltmutation» mit allen möglichen Sozialismus-Spielereien erschienen war! Und ich sagte dazumal: Die Zeit ist so ernst, dass man so etwas wie verpflichtet sich fühlt, in die Menschheit hineinzuschreien, damit die Seelen aufgerüttelt werden, damit sie wissen: Zur rechten Zeit muss das Rechte geschehen, damit Unheil später, unsägliches Unheil abgelenkt würde.
Das war vor dem Kriege gesprochen.
Während der Zeit des Krieges, da hatte ich, gedrängt durch den Ernst der brennenden sozialen Gestaltungen, die sich gerade in ihrer rechten Gestalt, in ihrer rechten Weise während der Kriegskatastrophe an die Oberfläche brachten, gedrängt dadurch, hatte ich manchem, der dazumal noch ein Maßgebendes hätte tun können innerhalb des gesellschaftlichen Organismus, in dem er stand, vorgelegt dasjenige, was zur Gesundung notwendig ist. Äußerlich theoretisch hat das mancher verstanden; die Brücke vom theoretischen Verständnis zum Wollen konnten die Leute nicht schlagen, weil eben das Verständnis nicht gründlich genug war.
Jetzt möchte man glauben, dass das, was maßgebliche Leute nicht verstehen wollten während der kriegerischen Katastrophe, jetzt, möchte man glauben, jetzt müssen manche, die durch diese kriegerische Katastrophe in Mittel- und Osteuropa ins Unglück gebracht worden sind, und manche anderen, denen noch eine Galgenfrist gegeben ist, jetzt müssten sie verstehen, zur rechten Zeit den Dingen Verständnis entgegenbringen! Denn manchem sagte ich vor zwei oder drei Jahren, wo die Dinge noch anders hätten gehen können, als sie im Herbste 1918 gegangen sind, manchem sagte ich innerhalb Mitteleuropas: Es muss dasjenige, was sich in diesen Ideen von der Dreigliederung des Sozialen Organismus ausdrückt, es muss dieses auch auswärtige Politik werden; dann wird dem ganzen Verlauf der Dinge eine andere Richtung gegeben, eine heilsamere Richtung. — Und ich sagte dann: Sie haben die Wahl, entweder zur rechten Zeit durch Vernunft diese Dinge anzunehmen, denn diese Dinge sind nicht ausgedacht, diese Dinge sind keine Programme, diese Dinge sind kein abstraktes Ideal, wie abstrakte Ideale gewisse Gesellschaften oder Parteien haben, sondern diese Dinge sind beobachtet aus den Entwicklungskräften der Menschheit; sie wollen und müssen sich einfach in den nächsten zehn, zwanzig, dreißig Jahren verwirklichen. Nicht davon hängt das ab, ob ich oder Sie oder irgendein anderer das will, was in dieser Richtung liegt, sondern dass die Entwicklungskräfte, durch die die Menschheit durchgehen muss, selber dieses wollen, dass dieses geschehen muss, davon hängt alles ab. Sie haben die Wahl, entweder durch Vernunft mitzuwirken zu der Gestaltung einer solchen sozialen Organisation, oder revolutionäre Katastrophen und Kataklysmen werden auf dem Gebiete sich abspielen, für die Sie nun auch verantwortlich sind. Die Wahl zwischen Vernunft und der Entfesselung der furchtbarsten Instinkte, die dann nicht mehr bewältigt werden können durch eine bloße Verständigung, diese Wahl, sie ist vor die Menschen gestellt.
Das ist es, worauf es ankommt, dass die Menschen von jenem Suchen nach einem bloß bequemen Denken abkommen, dass die Menschen dahin kommen, dass nicht mehr diese, die die wirklichen Lebenspraktiker sind, weil sie die Gestaltungskräfte der Menschheitsentwicklung sehen, dass nicht mehr diese als die «unpraktischen Idealisten» hingestellt werden und unschädlich gemacht werden oder gemieden werden, sondern dass gerade dasjenige, was sie zu sagen haben, fruchtbar gemacht werde - darauf kommt es an! Die wirkliche Lebenspraxis ist auf vielen Gebieten etwas ganz anderes als der kurze Sinn derer, die sich oftmals für die ganz besonderen Praktiker halten. Dasjenige, was diese «Praktiker» getan haben durch Jahrzehnte, das hat gerade in das Unglück der Gegenwart hineingeführt.
Missverstanden wurden diese Ideen auch noch nach der andern Richtung, nach der, dass geglaubt wurde, es handelte sich bloß um innere Ideen, um irgendeinen abgeschlossenen sozialen Organismus im Innern zu gestalten.
Nun, dass Menschen, die nichts gelernt haben, nichts gelernt haben konnten noch durch diese kriegerischen Katastrophen der letzten Jahre, dass die das Eingreifende und Einschneidende solcher aus der Wirklichkeit kommender sozialer Ideen nicht verstehen konnten, das ist begreiflich. Selbstverständlich konnten sich zum Beispiel in ein staatliches Land solche Ideen nicht hineinfinden, in ein staatliches Land und Leben, dessen Lenker durch lange Zeit hindurch ein solches Buch schreiben konnte, wie zum Beispiel Bülow unter Wilhelm II; dass dieses Buch noch Ernst genommen werden konnte, dass dieses Buch nicht genommen wurde als ein historisches Dokument dafür, wie das Unglück Deutschlands herbeigeführt werden musste durch das Unverständnis der modernen Menschheitsentwicklung, das gehört zu den besonderen Charakteristiken unserer Zeit, die vielfach Veranlassung geben werden, beurteilt zu werden nach einem besonderen wissenschaftlichen Gebiete - ich habe es schon gestern genannt «Sozialpathologie» oder «Sozialpsychiatrie». Ich brauche das nicht bloß als ein «bon mot», ich meine es sehr ernst.
Dasjenige aber, was notwendig wäre einzuschen, was nicht eingesehen wurde bei denjenigen, denen ich diese Ideen bisher vorgelegt habe, das ist, dass diese Ideen nicht bloß für die innere Gestaltung irgendeines sozialen Territoriums gelten, sondern dass sie die Grundlage einer wahren internationalen Außenpolitik für jeden Staat nach und nach sein müssen, obwohl jeder Staat sie einzeln, für sich, beginnen kann.
Dasjenige, um was es sich handelt, ist, dass ferner nicht Staaten wie geschlossene Gebiete miteinander verhandeln, sondern dass von jedem sozialen Gebilde nach jedem anderen - es kann auch einseitig geschehen, daher kann jeder Staat damit anfangen -, dass jeder Staat mit jedem anderen Staat, oder ein Staat aus seinen drei Gliedern heraus mit einem andern Staat, der an der alten Konfundierung noch festhält, und sein Vertrauen dazu gibt, dass in Betracht kommen auf der einen Seite die Vertreter des reinen Wirtschaftskörpers, die wiederum mit dem wirtschaftlichen Leben der Außenwelt für sich, aus den Lebensgrundlagen des Wirtschaftskörpers heraus verfahren, in den politische Gedanken, politische Beziehungen, diejenigen Faktoren, die es überhaupt mit dem Verhältnisse von Mensch zu Mensch zu tun haben, verkehren mit den entsprechenden Faktoren des anderen sozialen Territoriums. Ebenso die geistigen Vertreter mit den geistigen Vertretern des anderen Territoriums.
Dadurch gewinnen die sogenannten «Landesgrenzen» eine ganz andere Bedeutung; dadurch wird dasjenige, was durch die Landesgrenzen zu Konflikten führt, nicht mehr, wie es jetzt geschieht dadurch, dass alles zusammengeworfen und zusammengeschweißt ist, aufgebauscht wird, sondern ein Konflikt auf einem Gebiete wird ausgeglichen durch die anderen Gebiete, die daneben wirken.
Da muss man nur hineinschauen in die Art und Weise, wie diese Dreigliederung eben über die ganze Erde im internationalen Verkehr der Völker funktionieren wird, [ja, etwas anderes begründen wird], etwas tief Organisches gegenüber dem, was man ja aus einem guten Wollen heraus, aber eben nur aus einem abstrakten Denken heraus [anstrengt]: Völkerbund, Zwischenstaatlichkeit und dergleichen. Alles dies wird nicht aufgebaut wie ein Menschheits-Organismus, sondern, hervorgerufen nach seinen Bedingungen, wie ein lebendiger sozialer Organismus werden, wenn die heute skizzierte Dreigliedrigkeit in die Strömung gebracht wird, die in dem dahinfließenden sozialen Wollen und Denken und Empfinden der Menschheit zum Ausdrucke kommt.
Sehr verehrte Anwesende, vielleicht können wir uns auch am Schlusse noch kurz durch Folgendes miteinander verständigen: Als die Morgenröte der neueren Zeit, aber noch nicht voll durchtränkt von den neueren Verhältnissen, über die Menschheit hereinkam, da strahlten drei große Ideen durch Denken und Empfinden und Wollen der Menschheit: «Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit». Wer könnte nicht die tiefste Sympathie haben mit dem, was in den Ideen, in den Impulsen von Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit liegt? Und dennoch, hören muss man auch auf diejenigen, die ihre tiefen Bedenken geltend gemacht haben, nicht aus irgendwelchen Parteivorurteilen heraus, sondern aus einem gesunden, objektiven Denken heraus geltend gemacht haben ihre Bedenken. Da hat gar mancher ernste, gewissenhafte Denker herausgefunden: Wie soll sich die Freiheit, die im Wesen des Menschen so begründet ist - ich darf in Parenthese einfügen, dass ich diese Freiheit für ein unerlässliches soziales Ingredienz der Menschheit halte! Das zeigt einfach meine «Philosophie der Freiheit», die jetzt wiederum in neuer Auflage erschienen ist —, wie soll sich mit dieser menschlichen Freiheit, die nur auf die menschliche Individualität in ihrer Ausgestaltung aufgebaut werden kann, wie soll sich damit die soziale Gleichheit vertragen? Sie stehen ja in vollständigem Widerspruch zueinander! Und wie wiederum die Brüderlichkeit mit der Gleichheit vor dem Gesetz?
Ebenso klar scheint der Widerspruch vor diesen drei Ideen dazwischen zu liegen, als die große, einleuchtende Gewalt dieser Ideen.
Nur dann, wenn man von einem bloßen abstrakten, von einem bloßen theoretischen Denken aus, das zu einem sozialen Homunkeltum führen müsste, zu einem wirklichkeitsgemäßen Empfinden vorrückt, kann man einsehen, wie sich diese drei Ideen in der menschlichen sozialen Wirklichkeit verhalten müssen:
Freiheit, sie führt in das Gebiet, in dem sich das geistige Leben entfalten muss
Gleichheit führt dahin, wo das Verhältnis von Mensch zu Mensch auf dem eigentlich so zu nennenden politischen Gebiete sich entwickelt.
Brüderlichkeit führt in das Gebiet des Wirtschaftslebens, wo ein jeder nach der wirtschaftlichen Möglichkeit geben und empfangen soll.
Wenn man weiß, dass der soziale Organismus sich gliedert nach drei relativ selbstständigen Gliedern, dann weiß man, dass diese Ideen einander widersprechen müssen wie die Entwicklungsgesetze in der Dreigliederung eines natürlichen, menschlichen Organismus; dann weiß man, dass das große, entscheidende Ideen und Impulse sind; dann wundert man sich nicht über den Widerspruch, der einem aber entgegentreten muss, wenn man glauben will, dass diese drei Ideen angewendet werden müssen auf einen sozialen Organismus, in dem alles durcheinandergewürfelt und zusammengeschweißt sein soll.
So wird sich dasjenige, was die Menschheit nötig empfand für das soziale Leben auszugestalten in der Morgenröte der neueren [Zeit], es wird sich erst einleben können in die wahrhafte soziale Wirklichkeit der Menschheit, wenn man die drei Glieder dieser sozialen Wirklichkeit der Menschheit durch ein wirklichkeitsgemäßes [Beob achten und Handeln und Wollen] im sozialen Organismus wird der Menschheit einverleiben wollen.
Ich weiß, wie viel heute noch Vorurteile und Vorempfindungen gegen diese Dinge sprechen. Allein, ohne irgendwie in Eitelkeit oder in Hochmut zu verfallen, möchte ich dasjenige, um was es sich handelt, zum Schlusse durch einen Vergleich zum Ausdruck bringen. Gar mancher wird sagen: Nun ja, aus der Geisteswissenschaft heraus will da jemand in so einfacher Weise das soziale Problem zu einem Lösungsversuche bringen. - Ja, sehr verehrte Anwesende, da darf ich vielleicht vergleichen, für denjenigen nur, dem der Lösungsversuch so einfach, so primitiv zu sein scheint, nicht angemessen zu sein scheint dem, was an großer Gelehrsamkeit von den Volkswirtschaftslehrern und anderen Leuten aufgebracht worden ist, da darf ich vielleicht für einen solchen den Vergleich wagen: Es war einmal ein armer Knabe, der saß als dienender kleiner Arbeiter an einer Newcomen-Dampfmaschine. Er hatte mit der Hand die beiden Hahnen zu besorgen, die immerfort gestoßen und gestoßen werden mussten, von denen der eine das Kondensationswasser, von denen der andere den Dampf einlassen sollte in die Maschine. Da bemerkte der kleine Knabe, dass dieses Öffnen und Schließen der beiden Hahnen, die er mit seinen Händen im entsprechenden Zeitpunkt hin- und herschieben musste, mit Bezug auf ihr Auf- und Abschwenken, da kam er auf die Idee, mit Schnüren die Hähne zusammenbinden, mit Schnüren die Hahnen zu bändigen. Und da stellte sich heraus, dass sich in seinem Auf und Ab von selber der Hahnen auftat und schloss, also die Hahnen, die auf der einen Seite das Kondensationswasser, auf der anderen Seite den Dampf wieder einfließen ließen. Und von dieser Beobachtung des kleinen Knaben ging aus eine der wichtigsten Erfindungen der neueren Zeit: die Selbstregulierung der Dampfmaschine.
Es hätte auch geschehen können, dass ein «ganz gescheiter Mensch» gekommen wäre und zu dem Jungen gesagt hätte: Du Nichtsnutz, was machst du denn da? Weg mit den Schnüren! Besorg deine Hahnen wie bisher mit der Hand, mach, was dir geboten ist! Und glaube nicht, dass du da etwas Besonderes machen kannst!
Wie gesagt, man kann die Dinge vergleichen, aber ein Vergleich hinkt ja immer etwas. Man kann den Vergleich anwenden für etwas anderes, also für das, auf das man mit einem gewissen Hochmut herunterschaut: auf diese Geisteswissenschaft, die nun auch ihre Erfahrungen über das soziale Problem ausdehnen will! Aber vielleicht darf ich doch den Vergleich wagen mit dem kleinen Knaben. Wenn die «ganz gescheiten Leute» es heute außerordentlich töricht finden, dass irgendjemand aus der Geisteswissenschaft heraus sich an das soziale Problem wagt, so möchte ich denen sagen: Solche Leute wollen ja nur weiter nichts sein als der kleine Knabe, der nun eben dasjenige bemerkt, was die andern nicht bemerkt haben in ihrer ganzen Gescheitheit und Gelehrtheit, vielleicht auch verkehrten Gelehrtheit.
Denn davon glaube ich überzeugt sein zu können, gerade aus einem Einblicke in das soziale Wirken und Walten der heutigen Menschheit und deren Forderungen. Davon glaube ich überzeugt zu sein: Darauf kommt es an, dass, wenn man in der richtigen Weise bemerkt, wie die drei Gebiete des sozialen Organismus in ihrer Selbstständigkeit sich entfalten können, hat man das Leben dieses sozialen Organismus entdeckt. Und wie das Leben selbst Steuer und wie das Leben selbst Regulation ist, so wird sich der soziale Organismus selber regulieren, wenn nur in der richtigen Weise die Gesetze seiner einzelnen Gebiete gefunden sind.
Das, sehr verehrte Anwesende, das beseelt denjenigen, der es ernst meint, gerade in der heutigen ernsten Zeit, mit dem, was der Menschheit mit Bezug auf die sozialen Forderungen notwendig ist.
Damit lassen Sie mich schließen, dass ich eigentlich all das, was man in dieser Richtung zu sagen hat, zusammendränge in eine Empfindung: Möge es doch wenigstens genügend Menschen geben in der Gegenwart, die ein wenig ergriffen werden von dem, was ja doch geschehen muss, weil es im Innern der Entwicklungskräfte der Menschheit liegt in den nächsten 20 bis 30 Jahren, möge es genügend viele Menschen heute schon geben, mögen genügend viele Menschen ihre Herzen, ihre Sinne öffnen demjenigen, was die Menschheit der Zukunft entgegenführen muss, damit nicht noch größeres Unheil komme! Denn wenn dasjenige fortgeht, was gerade die meisten von denen glauben, die sich - im richtigen Sinne in ihrem Sinn - für Praktiker dünken, dann wird nicht eine Heilung des Unglücks, sondern eine unermessliche Vermehrung dieses Unglücks geschehen!
Mögen daher möglichst viele Menschen sich finden, die Herz und Sinn öffnen dem, was geschehen muss, damit eine Verständigung, eine Verständigung zwischen Herz und Herz, eine Verständigung zwischen Seele und Seele innerhalb des sozialen Zusammenlebens der Menschheit möglich werde, bevor die Instinkte so weit entfesselt sein werden, dass eine solche Verständigung über die furchtbar tierisch wirkenden Instinkte der Menschen hin gar nicht mehr möglich sein wird.