The Big Questions of our Time and Anthroposophical Spiritual Knowledge
GA 336 — 13 February 1919, Basel
Die Wirkliche Gestalt der Sozialen Frage, Erfasst aus den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwärtigen Menschheit Aufgrund Geisteswissenschaftlicher Untersuchung
Sehr verehrte Anwesende! Wer die gegenwärtigen Lebensverhältnisse, die sich um einen herum abspielen, und in die das eigene Dasein verstrickt ist, nicht gewissermaßen seelisch verschläft, sondern mit geistwachem Bewusstsein mitmacht, der wird empfinden können, dass dasjenige, was heraufgezogen ist in der Lebensentwicklung der modernen Menschen seit Jahrzehnten, erst in der Gegenwart im Grunde seine wahre geschichtliche Gestalt, seine elementare geschichtliche Kraft errungen hat. Das ist dasjenige, was uns heute ins Leben herein so mächtig sich kundgibt: die soziale Frage. Insbesondere sollte man empfinden, wie etwas, was durch Jahrzehnte hindurch sich vielleicht doch mehr unter der Oberfläche des Lebens in seiner eigentlichen Gestalt abgespielt hat, heraufgeflutet ist zu seiner großen, immer einschneidenderen und einschneidender werdenden Bedeutung. Zeigte ja schon der Ausgangspunkt der letzten Jahre, der die Welt durchwogenden kriegerischen Katastrophe, wie die sozialen Impulse der neueren Menschheit in das allgemeine Leben hereinspielten. Gar manche Persönlichkeit, die mitverantwortlich ist für dasjenige, was als ein solches Unheil in unser Leben eingegriffen hat, sie hätte anders sich verhalten, wenn sie nicht durch lange Zeit hindurch schon unter dem Einflusse, sei es der Angst oder dergleichen, in der sogenannten sozialen Bewegung gestanden hätte und aus einer gewissen Furcht oder Angst oder anderen Seelenzuständen heraus in ganz anderer Weise sich verhalten hat, als sie sich verhalten hätte, wenn sie in völliger Besonnenheit klare Einsicht in dasjenige hätte bekommen können, was in der Luft lag im Unglücksjahre 1914.
Und wiederum, während dieser furchtbaren Katastrophe, wie hat man auf der einen Seite Hoffnungen gehegt, dass aus der sozialen Bewegung der Menschheit heraus die zerstörten Harmonien wiederum in irgendeiner Weise in Einklang gebracht werden könnten. Wie haben andererseits diejenigen Persönlichkeiten, die in dieser Schreckenszeit irgendwie leitend waren, unter dem Einflusse der sozialen Forderungen der Menschheit gestanden, sodass sie in ihrem Handeln wesentlich von dieser Seite beeinflusst worden sind. Manches hätte einen anderen Verlauf genommen, wenn das nicht so gewesen wäre.
Und jetzt, sehr verehrte Anwesende, jetzt, wo die Katastrophe in eine Krise eingetreten ist, jetzt kann man sehen, dass erst recht dasjenige, was soziale Bewegung genannt werden kann, sich in einer entscheidenden Weise in das Leben der gegenwärtigen Menschheit hereinstellt, so hereinstellt, dass gewissermaßen die Einstellung der meisten Menschen wie etwas von tiefer Tragik durchsetzt sich erkennen lässt. Kann man denn nicht sagen, dass die Tatsache, in die unser Leben eingespannt ist, über einen großen Teil der zivilisierten Welt hin - und die Dinge werden sich immer weiter und weiter ausbreiten, das kann jeder Einsichtige gewahr werden -, kann man nicht sagen, dass die Tatsache, in die unser Leben eingespannt ist, an das Urteil der Menschen, an dasjenige Urteil der Menschen, das sich durch Handlungen, durch Eingreifen in das Leben in der richtigen Weise bewähren soll, dass diese Tatsache gegenüber diesem Urteil zeige, wie wenig eigentlich das Urteil der meisten diesen Tatsachen gewachsen ist.
Ja, sehr verehrte Anwesende, es ist wirklich so, als ob gewisse Strömungen, gewisse Kräfte im Leben der neueren Menschheit sich in ihrer Unmöglichkeit, in ihrer Absurdität hätten zeigen wollen durch diese Katastrophe, und als ob dasjenige, was in einer absurden Gestaltung sich ausgelebt hat zum Unglücke der Menschheit, etwas zurückgelassen hätte, gegenüber dem manches versagt, von dem man vielleicht früher, bevor diese Katastrophe eingetreten ist, geglaubt hat, dass es nicht versagen könne.
Wir sehen auf der einen Seite die einschneidenden Tatsachen, die sich so ankündigen, dass sie in jedes individuelle Leben tief eingreifen müssen. Wir sehen, wie aus dem innersten Impulse der Menschheit heraus verlangt wird nach einer Neugestaltung des Lebens. Wir sehen innerhalb desjenigen, was so auftritt, die alten Parteivorstellungen, Parteiprogramme vielfach sich geltend machen, so sich geltend machen, dass sie dasjenige, was da ist, bewältigen wollen. Aber wie kommen uns diese Parteivorstellungen, diese Parteiprogramme, dieses auch manchmal in den sozialen Ereignissen schulmäßig gebildete Denken heute vor? Man möchte sagen: Wie Urteilsmumien, die plötzlich lebendig werden wollen, die aber doch nur als Mumien herumgehen gegenüber den lebendigen Ereignissen.
Dasjenige, was die Menschen heute vielfach denken über das, was geschieht, ist wie ein Abgestorbenes gegenüber dem, was als lebendige Forderungen des Daseins auftritt. Aus dem Ernste der Lage, der damit gekennzeichnet ist, drängt sich wohl jedem denkenden Menschen die Notwendigkeit auf, in einer gewissen Weise ein Urteil, ein für sein Handeln mögliches Urteil gegenüber dieser Zeitlage zu gewinnen.
Von diesem Gesichtspunkte aus, sehr verehrte Anwesende, werden die Vorträge ausgehen, die ich hier zu halten gedenke. Heute möchte ich mehr zeigen, welches eigentlich die wahre Gestalt der sogenannten sozialen Forderung ist, wie sich diese wahre Gestalt aus dem Leben der neueren Menschheit ergeben hat, und morgen möchte ich auf das allerdings Wichtige eingehen, auf die möglichen Lösungsversuche, die sich nicht aus dieser oder jener phantastischen Vorstellung, aus diesem oder jenem einseitigen Willensimpuls, aus dieser oder jener Parteifärbung heraus ergeben, sondern die sich ergeben, wenn man Rücksicht nimmt auf die wahre Wirklichkeit des Lebens, auf die wahre Wirklichkeit in ihrer ganzen Tiefe und in ihrer ganzen Breite.
Es ist ja nicht nur im Leben des einzelnen Menschen, sondern auch im gesellschaftlichen, im staatlichen Zusammenleben der Menschen vieles wirksam, das nicht im Bewusstsein sich auslebt, sondern das gewissermaßen im Unbewussten waltet; ja, man kann sagen, dass sogar im sozialen, im staatlichen, im gesellschaftlichen Leben des Menschen noch viel mehr unbewusste Faktoren spielen als im Leben des einzelnen Menschen. Und derjenige, der keine Ahnung hat von diesen unbewussten Faktoren, oder der keinen Sinn dafür hat, auf sie sich einzulassen, der wird wohl kaum hinter die wahre Gestalt desjenigen kommen, was heute als soziale Bewegung sich geltend macht.
Man kann gewiss mit einem gewissen Respekte hinschauen auf alles dasjenige, was seit Jahrzehnten gedacht, geschrieben, gesprochen worden ist, auch innerhalb bestimmter Grenzen getan worden ist zur Bewältigung der sogenannten sozialen Fragen und der sozialen Bewegung. Allein, so viel Achtung die darauf verwendete Denk- und Tatenmühe verrät, man wird doch nur richtig hineinkommen können in das heute jedem Menschen so unerlässliche Verständnis der sozialen Frage, wenn man diese Frage nicht aus dem heraus betrachtet, wie sie sich aus dem Bewusstsein der Menschen heraus gestaltet hat, sondern wenn man sie aus dem vollen Leben, auch aus denjenigen Tiefen des Lebens heraus betrachtet, wo die unbekannten Faktoren spielen.
Und wenn ich beginnen darf, sehr verehrte Anwesende, mit einer persönlichen Bemerkung, so möge es diese sein: Mir war die soziale Bewegung früh nahe getreten, insbesondere aber in ihrer vollen Lebendigkeit, als ich Jahre hindurch Lehrer an einer Arbeiterbildungsschule war, von da aus Vorträge gehalten habe, Diskussionen veranstalten musste in Gewerkschaften, in Genossenschaften, und gerade durch diese Lebensverhältnisse miterlebend dasjenige, was im Proletariergemüt vorgeht, aus dem unmittelbaren Leben heraus erblicken konnte, was als Impulse eigentlich in der modernen proletarischen Bewegung spielt. Ich möchte sagen, wer so lebenswirklich die moderne proletarische Bewegung zu betrachten geneigt ist, dem drängt sich vor allen Dingen etwas auf, was man nennen könnte ein Widerspruchsvolles im Fühlen, im Wollen, im Denken des modernen Proletariers, aber ein so Widerspruchsvolles, wie das vorhanden ist in allem Leben, das sich nicht in logischen Hindeutungen abspielt, sondern das sich eigentlich so abspielt, dass es von Widerspruch zu Widerspruch geht.
Und so tritt einem bei solcher Betrachtung der modernen proletarischen Bewegung insbesondere das entgegen, dass sie auf der einen Seite gar nicht geneigt ist, einen großen Wert demjenigen beizulegen, was menschliches Denken und Empfinden ist, für das soziale Zusammenleben, für die sozialen Impulse, dass sie eigentlich geneigt ist, alles dasjenige, was der Mensch denkt und empfindet, mehr für einen Ausfluss desjenigen zu halten, was im Wirtschaftsleben und was im reinen materiellen, ökonomischen Leben vorgeht. Wir werden darauf noch zu sprechen kommen.
Ich möchte sagen, die Tragfähigkeit, die Impulsität des Gedankens selbst, sie wird in einer gewissen Weise verleugnet im Seelenleben des modernen Proletariers. Und doch - das ist das Merkwürdige —, noch niemals, kann man sagen, war eine weltgeschichtliche Bewegung in einem so hohen Grade auf den Gedanken gebaut, ja auf wissenschaftliches Erkenntnisstreben gebaut, als diese moderne proletarische Bewegung. Wer jemals wirklich gesehen hat — was ja leider die bürgerlichen Kreise durch Jahrzehnte versäumt haben aus gewissen Verhältnissen heraus -, wer gesehen hat, wie sich gewisse schwierig zu fassende Vorstellungen, sagen wir Vorstellungen, wie sie aus dem wissenschaftlichen Marxismus heraus sich ergeben, sich hineinleben, voll hineinleben in die moderne Proletarierseele, der erst bekommt eine Vorstellung von dem, was wie unbewusst heute in Millionen und Millionen von Menschen lebt. Denn - das werden wir gerade durch diese Vorträge erkennen -, dass ein Bedeutsames mit Bezug auf die soziale Bewegung dieses ist, dass sich eine tiefe Kluft aufgetan hat zwischen Menschenklassen, auf der einen Seite die bisher leitenden Kreise mit ihren Vorstellungen, mit ihren Denkgewohnheiten, wie es heute modern geworden ist, mit ihrer Sentimentalität; auf der anderen Seite das Proletariat mit seinen Denkgewohnheiten, mit seiner besonderen Empfindungsweise -, wenig Möglichkeit eines gegenseitigen Verständnisses! Das ist etwas tief Einschneidendes für das ganze moderne Leben. Denn, im Grunde genommen, wie spielerisch sieht manches aus, was, um sich Verständnis zu erwerben, die bisher leitenden Kreise getan haben mit Bezug auf das soziale Leben weiter Kreise der Menschheit! Sie sind ins Theater gegangen und haben sich Hauptmanns «Weber» angeschaut, um gewissermaßen hineinzublicken in das Leben eines großen Teiles der modernen Menschheit. In diesem Verhalten liegt — das wird man immer mehr und mehr erkennen, sehr verehrte Anwesende - ein tiefes Missverständnis.
Wenn man versucht, aus dem, was sich auf der Oberfläche des Lebens abspielt, einzudringen in die Tiefen, dann wird man weniger Rücksicht nehmen wollen auf alles dasjenige, was intellektualistische, sogenannte intellektualistische leitende Kreise heute denken über die soziale Bewegung. Man wird sogar vielleicht weniger Rücksicht nehmen wollen auf dasjenige, was der moderne Proletarier selber denkt über dasjenige, was er will, was er anstrebt; man wird aber umso mehr sich veranlasst fühlen, eines genauer zum eigenen lebendigen Verständnis zu bringen: nicht so sehr die objektiven Hergänge der sozialen Bewegung als vielmehr den modernen Proletarier selbst, das Seelenleben dieses modernen Proletariers.
Ich glaube, unzählige Beobachtungen intensiver Art, intensiven Miterlebens mit dem Leben des Proletariats haben mir das Richtige in einem gewissen Sinne eröffnet, indem ich zu bemerken glaubte, dass ein Wesentliches in dieser sozialen Frage dasjenige ist, was sich in dem Worte verbirgt, das man immer wieder und wieder hören kann innerhalb des modernen Proletariats, in dem Worte: Der moderne Proletarier fühlt sich klassenbewusst. Er ist erwacht aus einem früher instinktiv dumpfen Leben zum Klassenbewusstsein, zum Bewusstsein seiner Lage innerhalb seiner Menschenklasse.
Aber gerade wenn man dies ins Auge fasst als ein Charakteristikon der modernen Proletarierseele, dann kommt man darauf, dass dieses Sich-Fühlen durchtränkt von Klassenbewusstsein noch auf etwas viel, viel Tieferes hinweist, auf etwas hinweist, was einem erst den Weg eröffnet zu der eigentlichen, wahren Gestalt der sozialen Frage der Gegenwart.
Das, was man als diese wahre Gestalt der sozialen Frage der Gegenwart erkennen kann, es ist von vielen versucht worden zu erkennen dadurch, dass man immer wieder und wiederum hingewiesen hat, wie das moderne Proletariat eigentlich geschaffen worden ist unter dem Einflusse der modernen, die Lebensverhältnisse der Menschen umwälzenden Technik, und des damit zusammenhängenden Kapitalismus in der Wirtschaftsordnung, auf dasjenige, was in diesen Dingen sich weltgeschichtlich abspielte.
Nun, sehr verehrte Anwesende, ich brauche nicht besonders darauf hinzuweisen, es ist immer wieder und wieder dargestellt worden. Es ist dargestellt worden, wie dadurch, dass das alte Handwerk, dass die alten wirtschaftlichen Verhältnisse aufgesogen worden sind von alldem, was abhängig ist von Technik und Kapitalismus, wie dadurch eigentlich erst die Proletarierklasse innerhalb des neueren Lebens der Menschheit geschaffen worden ist. Allein dem tiefer in die Menschheitsentwicklung Hineinblickenden enthüllt sich gegenüber diesen Dingen ja noch etwas ganz anderes. Und hier komme ich an denjenigen Punkt, wo es vielleicht für den Menschen der Gegenwart doch ersichtlich sein könnte, dass die geisteswissenschaftliche Methode gerade den einschneidenden sozialen Fragen gegenüber erst wahrhaft zu der Wirklichkeit vordringen kann.
Was da heraufzieht als moderne Technik, als moderner Kapitalismus, hinter ihm liegt doch noch etwas ganz anderes. In Vorträgen, die ich durch Jahre hindurch hier in Basel halten durfte, habe ich auch schon auf dasjenige hingedeutet, worauf es hier ankommt. Das Gesamtleben der Menschheit verläuft, wenn auch in vieler Beziehung fundamental anders, doch mit Bezug auf Eines ähnlich dem individuellen Einzelleben. Wer sachgemäß dieses individuelle Einzelleben des Menschen ins Auge fasst, der wird immer wieder und wieder gedrängt werden dazu, die vorurteilsvolle Anschauung zu bekämpfen, dass die Natur nirgends Sprünge mache. In entscheidenden Punkten macht nämlich jede natürliche Entwicklung Sprünge. Im einzelnen Leben des Menschen, sehr verehrte Anwesende, da finden wir, dass sich nicht die Entwicklung gradlinig vollzieht, sodass wir immer die Wirkung an die Ursache anknüpfen können unmittelbar. Wir stehen zum Beispiel einer einschneidenden Krisis im Leben des einzelnen Menschen so gegen das siebte Jahr zu beim Zahnwechsel gegenüber. Wir finden wiederum eine einschneidende Krisis, wenn die Geschlechtsreife eintritt. Wir finden solche Krisen noch später, wenn wir das Leben genauer beobachten. Allerdings, die späteren entziehen sich der äußeren oberflächlichen Erkenntnis.
Dasjenige, was sich da vollzieht im Leben des einzelnen Menschen, schließt sich nicht in gradliniger Weise als Wirkung an eine vorhergehende Ursache unmittelbar an, sondern es ist, als ob Kräfte mit elementarer Gewalt aus den Tiefen des Organismus heraufkämen.
So, wie in diesen Dingen das Leben des einzelnen Menschen sich verhält, so auch das ganze geschichtliche Leben. Innerhalb dieses geschichtlichen Lebens geht nicht alles einfach sukzessive so vorwärts, sondern in der Geschichtsentwicklung der Menschheit sind auch solche krisenhaften Umwälzungen, wo Elementarisches aus den Tiefen an die Oberfläche sich arbeitet. Und eine solche Krisis ist für die moderne Menschheit eingetreten um die Wende des fünfzehnten, sechzehnten Jahrhunderts.
Nur dadurch, dass man das geschichtliche Leben der Menschheit heute schulmäßig behandelt, recht oberflächlich betrachtet, entgeht den meisten der fundamentale Unterschied im Seelenleben - und in allem, was damit zusammenhängt - des Menschen nach der Wendung im fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert von dem, was sich im Mittelalter oder in noch älteren Zeiten im Menschen abgespielt hat.
Wenn einmal eine wahre Geschichtsbetrachtung an die Stelle desjenigen treten wird, was insbesondere in Bezug auf diesen Punkt heute vielfach fable convenue ist, dann wird man einsehen, wie radikal sich das Leben gerade um diese Zeitenwende geändert hat. Und wenn man bezeichnen soll, was da aus tiefen Untergründen herauf an die Oberfläche getreten ist, so kann man sagen: Dinge, die früher im sozialen Zusammenleben der Menschen wie instinktive Impulse gewirkt haben, unbewusste Impulse, sie drängen sich immer mehr und mehr herauf so, dass der Mensch sie im Bewusstsein umfassen will.
Und dieses Stellen der menschlichen Persönlichkeit auf sich selbst durch eine Vertiefung, durch eine Erhellung des Bewusstseins, das fällt zusammen mit dem, was sonst oberflächlich sich abspielt als modernes technisches Leben, als modernes kapitalistisches Wirtschaftsleben. Und das Wesentliche ist, dass heraus aus Lebensverhältnissen, die früher anders waren, der Mensch hingestellt wird an die Maschine, zu der er ein unpersönliches Verhältnis nur haben kann, dass der Mensch einverwoben wird in das kapitalistische Wirtschaftsleben, innerhalb dessen er ebenfalls nur ein unpersönliches Verhältnis haben kann.
Man blicke hin, wie der alte Handwerker noch im dreizehnten Jahrhunderte gestanden hat zu dem, was er hervorgebracht hat, wie ihm das lieb war, wie ihm das Freude gemacht hat, wie in den Zusammenhängen mit dem Berufe seine Ehre engagiert war. Man sche alle die persönlichen Zusammenhänge des Menschen mit dem, was er gemacht hat im wirtschaftlichen Leben in früheren Zeiten vor dieser Zeitenwende, man sehe, wie sich das im neueren Leben ändert, wie der Mensch kein persönliches Verhältnis mehr entwickeln kann, weder zu der Maschine, an der er arbeitet, noch auch zu den wirtschaftlichen Zirkulationsverhältnissen, in denen er lebt. Und zu diesen unpersönlichen Verhältnissen wird er aufgerufen - wenigstens ein großer Teil der Menschen aufgerufen - in einer Zeit, in der im Besonderen erwacht das Persönlichkeitsbewusstsein, das Gestelltsein der menschlichen Persönlichkeit auf sich selbst.
Das ist das Bedeutsame. Während wirtschaftliche Verhältnisse eintreten, die den Menschen ins Unpersönliche hineintreiben, wird er auf der anderen Seite gedrängt, durch die geschichtlichen Ereignisse, gerade auf die Spitze seiner eigenen Persönlichkeit sich zu stellen. Nach außen hin wird er unpersönlich gemacht, im Innern umso persönlicher. Nach außen hin kann er kein Interesse an dem entwickeln, womit er zu tun hat. Dadurch wird gerade die innerste Kraft seiner Seele heraufgedrängt. Er kommt zur Selbstbesinnung. Er kommt zur Frage: Was bin ich eigentlich als Mensch? Was bedeute ich als Mensch in der Welt?
Einfach und elementar ausgesprochen könnte man sagen: Derjenige, der als Arbeiter hingeführt worden ist an die Maschine, er hatte, da ihn die Maschine nicht interessieren konnte, wahrhaftig Gelegenheit und Zeit und Veranlassung, nachzudenken über dasjenige was er eigentlich im Weltenzusammenhange als Mensch ist.
Und so tritt uns ein Eigentümliches entgegen. Der moderne Proletarier nennt es Klassenbewusstsein. Doch hinter diesem Klassenbewusstsein steht eigentlich das heraufkommende Bewusstsein der Menschenwürde überhaupt, die Frage: Was bin ich als Mensch im ganzen Menschheitszusammenhange?
Nicht die Maschine, nicht der Kapitalismus hat das hervorgebracht; sie waren nur die Veranlassung dazu, dass gerade in denjenigen dieser modernste Impuls des Menschenlebens zutage trat, die von den Lebensnotwendigkeiten in die moderne Technik und in das moderne materialistische Wirtschaftsleben hineingetrieben worden sind.
Man wird nicht übersehen dürfen, dass das klassenbewusste Proletariat eigentlich in Wahrheit der menschheitsbewusste Teil der modernen Welt ist. Da spielt sich etwas Eigentümliches ab, das man sehr leicht erkennen kann. Man wird sich vielleicht darüber verständigen können, wenn man es mit einer anderen geschichtlichen Tatsache vergleicht.
Bedenken wir: In einer bestimmten Zeit stellte sich ein in einer weniger damals in Betracht kommenden Provinz des Römischen Reiches der Impuls des Christentums. Jener Impuls, der dann in einer so intensiven Weise die Welt ergreifen sollte. Der christliche Impuls breitet sich aus. Aber wie merkwürdig breitet er sich aus innerhalb der griechischen, innerhalb der römischen Welt. Er kommt gewissermaßen, trotzdem in der griechischen, in der römischen Welt eine reife Bildung ist, eine Kulmination der alten Bildung ist, er kommt da nicht zur Geltung. Er kommt erst zur Geltung, als vom Norden her die barbarischen Menschen, wie man sie nannte, kamen und das Christentum annahmen. In den einfachen, elementaren Gemütern, da erst konnte das Christentum seine eigentliche Kraft entfalten, nicht in der reifen Bildung der griechischen und römischen Welt.
Solche Dinge erkennt man nur, wenn man weiß, wie da steht auf der einen Seite die gewissermaßen reife, oder überreife, Bildung irgendeines Teiles der Menschheit zu den unverbrauchten, jungfräulichen Kräften eines anderen Teiles der Menschheit. Gerade diejenigen Persönlichkeiten, die sich zu den bisher leitenden Kreisen der Menschheit rechnen, die haben in diesem Punkte ein sehr schiefes Urteil. Was kann man da alles hören darüber: Ach, dieses oder jenes, was da auftritt, es ist zu hoch für das Volk, sagt man. Diese Urteile hat man ja bis zum Überdrusse in einer dekadenten Zeit am Ende des neunzehnten Jahrhunderts gehört. Was hatte man sich alles vorgestellt, wie irgendetwas sein müsse, kindisch, einfach, damit das Volk das versteht, denn die Intelligenz des Volkes, die wäre nicht sehr hoch. Gewöhnlich beweisen solche Urteile nicht viel mehr, als dass es unbequem demjenigen war, der dieses Urteil fällte, eine solche Sache für sich entgegenzunchmen.
Derjenige, der das Leben wirklich kennt, der weiß, dass das, was der bürgerlich Gebildete manchmal für außerordentlich schwierig zu begreifen hält, gerade leicht begreiflich ist dem unverbrauchten Intellekt, der unverbrauchten Seelenkraft des sogenannten untergeordneteren Teiles der Bevölkerung.
Und so hätte sich der alte Grieche, der alte Römer sagen können: Dasjenige, was ihm nicht recht eingehen wollte, das Christentum, gerade drang es ein in die unverbrauchte seelische Kraft der vom Norden herabkommenden barbarischen Stämme. Und das war neue, ursprüngliche, elementare Seelenkraft. Die verstand viel mehr als der hochgebildete Grieche und Römer in Bezug auf dasjenige, was die Zeit verlangt.
Etwas ganz Ähnliches sehen wir heute, nur wird es von den meisten noch nicht erkannt. Unverbrauchte intellektuelle, unverbrauchte Seelenkraft wandert herauf aus den Tiefen der Menschheit und nimmt entgegen dasjenige, was ihm geboten werden kann aus der ganzen geschichtlichen Kraft des modernen menschlichen Lebens heraus.
Es ist in gewisser Beziehung eine neue Völkerwanderung, in der wir leben. Nur vollzieht sich diese Völkerwanderung nicht so, dass von irgendeiner Weltgegend her sich Völkermassen bewegen, sondern statt der horizontalen Richtung nimmt diese Völkerwanderung eine vertikale Richtung an: Aus den Tiefen des Volkes heraus erhebt sich etwas, mit ungeheurer Kraft des Verständnisses, mit ungeheurer Kraft der Sehnsucht, etwas zu empfangen von den Gütern, von den besten Seelengütern auch der Menschen.
Es ist, wenn man dies bedenkt, sehr naheliegend, die Frage aufzuwerfen: Was kam denn nun eigentlich diesem modernen Proletariat, welches diese Völkerwanderung darstellt, von den leitenden Kreisen seit der angedeuteten Zeitenwende entgegen? Was brachte als Menschheitsgüter der leitende Teil der Menschheit in der neueren Zeit dem Proletariat, das gerufen wurde durch diese leitenden Kreise der Menschheit, das eingewoben wurde in die kapitalistische Wirtschaftsordnung? Es lechzte dieses Proletariat, das hingewiesen wurde durch das Leben an der Maschine, hingewiesen wurde auf die eigene Persönlichkeit, hingewiesen wurde auf die Sehnsucht, die Seele zu bereichern, es lechzte dieses moderne, heran sich bildende Proletariat nach etwas, was ihm entgegenkommen könnte. Aber was kam ihm entgegen?
Was ihm entgegenkam, war unähnlich in geschichtlicher Beziehung dem Christentum, das auf dem Boden der römisch-griechischen Bildung den nördlichen Barbarenstäimmen entgegenkam. Und da zeigt sich etwas ganz Eigentümliches. Das seelische, das geistige Leben der Menschheit, das hatte die besondere Entwicklungsform angenommen gegen das fünfzehnte, sechzehnte Jahrhundert, überhaupt gegen die neuere Zeit hin, in der nicht mehr die alte Stoßkraft des Menschengeistes lag. Wer das geschichtliche Leben der Menschheit tiefer betrachtet, oh, der findet, wie er sich auch stellen mag zu dem Inhalt dieses oder jenes älteren religiösen oder sonstigen geistigen Impulses, dass diese Impulse tief, tief einschlagen können in Menschenherzen und Menschenseelen, dass sie das Menschenleben von dieser Seite her tragen können, dass sie eine gewisse Stoßkraft haben, um den Menschen zu führen zum Glück zu einer gewissen Schätzung seines Lebens auf der Erde. Denn es eröffnen ihm die geistigen Impulse die Aussicht auf einen Zusammenhang desjenigen, was er hier auf der Erde erlebt, mit einem Übersinnlichen, mit einem, was seine Menschenwürde in einem höheren Lichte zeigt, als der sinnliche Alltag zeigen kann.
In der neueren Zeit seit der bezeichneten Wende tritt an die Stelle der früheren geistigen Impulse dasjenige, was moderne Wissenschaft ist. Diese moderne Wissenschaft, sie hat ihre immer größere, sie hat ihre ungeheure Bedeutung für die ganze Entwicklung der Menschheit an die Namen Giordano Bruno, Galilei, Kepler geknüpft in ungeheurem Maße. Allein eines tritt merkwürdig ein in dieser neueren Entwicklung der Menschheit: Die älteren geistigen Impulse können sich nicht ausdehnen über dasjenige, was da heraufzieht. Und so erleben wir es, dass eine Wissenschaft, eine Erkenntnis die Menschen ergreift, in der nichts lebt von dem, was dem Menschen sagt, was er ist, wie er hineingestellt ist in die Welt.
Und so lechzt das moderne Proletariat immer mehr nach Aufschluss durch die Wissenschaft. Aber es bekommt, indem es eine Aufgabe sucht, nicht zu gleicher Zeit einen Impuls, der ihm sagt, was es ist im gesamten Zusammenhang der Menschheit, was ausmacht seine Menschenwürde.
Hier liegt ein Punkt, wo gewissermaßen das moderne Leben in einer gewissen Art tragisch wird. Wir sehen, wie die Religionen an einem Punkte angekommen sind um die Wende dieses Zeitraumes, wo sie ablehnen, was als Wissenschaft heraufzieht, ablehnen, was als menschliche Erkenntnis heraufzieht, es als ketzerisch erklären, sich unfähig erweisen, dasjenige, was ihre Impulse sind, [hineinzusenden] in das, was als Neues heraufzieht.
Und so muss man als einen der wesentlichsten Entwicklungsfaktoren im Leben des modernen Proletariats das Folgende ansehen: Aus dem angegebenen Grunde heraus lechzt dieses moderne Proletariat gerade nach Wissen, nach Erkenntnis, will durch die Erkenntnis erfahren, was menschenwürdig ist, was menschenwertes Dasein ist.
In diesem Sinne kann nur, neben demjenigen, was ihm die bürgerlichen Kreise oder die anderen Stände überhaupt bringen, etwas als Erkenntnis leben, in das nicht hineinfließt die Stoßkraft, die das Wissen, die Erkenntnis zu gleicher Zeit zu einem mächtigen Lebensinhalte macht.
Und so sehen wir etwas herauftreten, heraufkommen in der neueren Menschheitsentwicklung, was in einem Punkte, auf einem Gebiete uns die wahre Gestalt der modernen sozialen Frage enthüllt. Wir sehen heraufziehen das Lechzen des Proletariats nach einer Erkenntnis des eigenen Wesens, das Suchen dieses eigenen Wesens durch die moderne Wissenschaft. Wir sehen aber auch die Unmöglichkeit, in dieser modernen Wissenschaft einen eigentlich geistigen Impuls mitzuempfangen. Und so wird dasjenige, was dieses moderne Proletariat als seine Erkenntnis, als sein Seelenleben sucht, zu dem, was nun in den führenden Kreisen dieses modernen Proletariats genannt wird: Ideologie.
Und in dieser Anschauung, dass das geistige Leben eine Ideologie ist, haben wir auf einem Gebiete die wahre Gestaltung der sozialen Frage. Vieles andere ist nur eine Folge dieses. Selbst dasjenige, was oftmals — wir werden es im Verlauf dieser Vorträge sehen - im rein wirtschaftlichen Gebiete auftritt, ist nur eine Folge von dem, dass im entscheidenden Zeitraume, als das Proletariat lechzte, ein geistiges Leben zu empfangen, von den anderen Ständen ihm entgegengebracht wurde etwas, worinnen keine Geistigkeit mehr lebte. Zur Ideologie, zur Ideologie war geworden das moderne Geistesleben. Der religiöse Schwung, die religiöse Stoßkraft, die geistige Stoßkraft überhaupt war aus diesem Geistesleben verschwunden. So empfing dieses Geistesleben der moderne Proletarier. Er, der an die Maschine gestellt war, er, der in die kapitalistische Wirtschaftsordnung eingesponnen war, der fragte: Was ist ein menschenwürdiges Dasein? Wie kann ich erfahren etwas über menschenwürdiges Dasein aus der Wissenschaft heraus?
Allein das geistige Leben war zu bloßen Gedanken, zu bloßen Begriffen, zu bloßen Naturgesetzen geworden. Er sah als Realität dasjenige, woran seine Hand angreifen musste. Der Proletarier, er sah dasjenige, was hineinkam als Unpersönliches in das moderne Wirtschaftsleben. Nirgends sah er etwas anderes als seine Realität; und dasjenige, was ihm sagten aus dem Geistigen heraus die leitenden bürgerlichen Kreise, das war abgelähmt, abgeschattet zu bloßen Gedanken, zu bloßen Ideen, das war nicht durchpulst von lebendiger geistiger Kraft.
Und so stellte sich im Gemüte des Proletariers die Meinung heraus, dass das einzig Wirkliche das äußere ökonomische Leben ist, dass aus diesem ökonomischen Leben in seiner Zirkulation, im äußeren wissenschaftlichen Dasein des Menschen gewissermaßen wie ein Rauch hervorgeht, wie ein gesellschaftlicher Überbau nur, dasjenige, was sich als geistiges Leben abspielt - abspielt in der Wissenschaft, abspielt in der Kunst -, dass dieses geistige Leben nur Ideologie ist.
Nicht wahr, wäre dieses geistige Leben etwas, was vom Geiste selbst durchtränkt wurde, etwas, was durch seinen eigenen Inhalt den Menschen dahin brächte, sein Dasein anzuknüpfen an eine höhere Welt, nicht nur ein Spiegel der äußeren materiellen Wirklichkeit, für den Proletarier der äußeren ökonomischen Wirklichkeit war das geistige Leben so. Aber das geistige Leben so anzusehen, bedeutet, dass die Seele verödet, dass die Seelen mit Bezug auf ihre innersten Impulse leer bleiben, dass die Seele fragt, fragt in den leeren Raum hinaus -, keine Antwort erhält, vor dem Rätsel des Daseins gefühlsmäßig, empfindungsgemäß steht, keine Antwort erhält!
Das ist die Gemütsverfassung immer mehr und mehr geworden des modernen Proletariats: dass es übernehmen musste als Erbschaft von den anderen Klassen nicht ein lebendiges Geistesleben, sondern eine Ideologie, das war sein Schicksal.
Dasjenige, was durch dieses verursacht in den Seelen des modernen Proletariers vorging, das hat schließlich zu alledem geführt, was heute als soziale Bewegung auftritt. So muss man die wahre Gestalt der sozialen Frage auf dem einen Gebiete verstehen. Es ist das eigentlich geistige Gebiet. Verurteilt war der moderne Proletarier, ein Geistesleben zu führen, das ihm zu einer bloßen Ideologie werden musste.
Das zweite Gebiet, sehr verehrte Anwesende, das tritt einem entgegen, wenn man das Rechtliche, das Politische eigentlich ins Auge fasst. Das politische, das rechtliche gesellschaftliche Zusammenleben, das trat ja den älteren Ständen mit ihren Traditionen dadurch entgegen, dass ihre Interessen, ihr ganzes Lebensglück verbunden war mit dem, was sich heraufbildete als Staat, als äußeres politisches Leben, als äußeres Rechtsleben. Dasjenige, was der Einzelne hatte, was der Einzelne tat in den sogenannten leitenden Ständen, das hatte seinen Bestand in der Struktur, die die staatliche, die die politische war.
Vom Leben des Proletariers, das sich herausbildete, floss in diese Struktur, in diese politische, in diese rechtliche Struktur nur eines ein: dasjenige, was mit seinem Dasein eng verbunden ist, und in Bezug auf das er nicht in ein ähnliches Verhältnis zu Staat und Politik kommen konnte, wie die leitenden Kreise: Es floss ein in die soziale Struktur des Proletariers Arbeitskraft.
Und indem wir dies betrachten, kommen wir auf einem zweiten Gebiete zu einer wahren Gestalt der modernen sozialen Forderung. Arbeitskraft - wenn derjenige, der als Arbeiter nichts anderes hat als seine Körperkraft, an die Maschine oder an irgendetwas anderes gibt, so steht er ganz anders im sozialen Organismus drinnen als derjenige, der etwa durch Besitz oder durch andere Rechtsverhältnisse am politischen, am staatlichen Leben interessiert ist. Nun wurde aber der Proletarier immer mehr und mehr gewahr, indem er sich hineingestellt sah in das moderne technische, in das moderne kapitalistische Leben, dass seine Arbeitskraft einen ganz bestimmten Charakter durch die modernen Verhältnisse angenommen hatte und diesen Charakter in ganz besonders deutlicher Gestalt in das menschliche Bewusstsein hereingedrängt hat. Gewahr wurde der moderne Proletarier desjenigen, weil in der neueren Zeit dasjenige, was früher instinktiv war, in das Bewusstsein des Menschen sich heraufdrängte, gewahr wurde der moderne Proletarier, dass seine Arbeitskraft angenommen hat den Charakter der Ware.
Sonst lebt im wirtschaftlichen Leben dasjenige, was man Warenzirkulation nennen kann, die da besteht in Warenproduktion, Warenzirkulation im engeren Sinne, und Warenkonsumtion. Alle anderen Stände brachten gewissermaßen ihre Waren zum Markte, kauften und verkauften. Der Proletarier hatte nichts zu verkaufen anderes als seine eigene Arbeitskraft. Und das Leben ergab sich so, dass diese Arbeitskraft des modernen Proletariers immer mehr und mehr dieselbe Gestalt annahm, wie die Ware sie hat auf dem Wirtschaftsmarkte. Wie man Ware kauft nach dem Prinzip von Angebot und Nachfrage, so hat zu Markte zu tragen, der moderne Proletarier seine Arbeitskraft, die ihm derjenige, der der Besitzer der Produktionsmittel ist, abkauft - abkauft zu dem möglichst billigen Preis, wenn nicht Gegenmaßregeln rechtlicher Natur ihn daran hindern.
Hier liegt das zweite Gebiet, wo uns die wahren Gestalten der modernen sozialen Forderungen entgegentreten. Hier liegt gewissermaßen einer der fundamentalen Punkte der modernen proletarischen Bewegung. Man muss nur wissen, man muss nur verstehen, welchen Eindruck - sei das auch heute in gewissen Kreisen selbst der Arbeiter überholt -, welchen Eindruck es gemacht hat, auf die moderne Proletarierseele durch Jahrzehnte, dass Karl Marx — wie gesagt, wenn auch der Marxismus vielfach überholt ist —, dass Karl Marx in eindringlicher, als wissenschaftlich mit Recht geltender Art zeigte, wie die moderne wirtschaftliche Entwicklung es dahin gebracht hat, dass der moderne Proletarier hintragen muss auf den Wirtschaftsmarkt seine Arbeitskraft, so, wie der andere seine Ware hinträgt, dass gewissermaßen der Proletarier handeln muss mit etwas, was so innig zusammenhängt mit seinem Menschenwesen wie seine Arbeitskraft, das war das Zündende, das war das sich tief, tief in die Seele Eingrabende. Das ist das, was sie empfindungsgemäß in sich trugen, die Leute, die Proletarier, was sie hören konnten in wissenschaftlicher Gestalt von denjenigen, die wissenschaftlich das moderne Proletariat führen wollten.
Hier liegt der Punkt vor, den man in der rechten Weise hineinstellen muss in die geschichtliche Entwicklung der Menschheit, um seine ganze Bedeutung zu erkennen. Hier liegt nicht etwas vor, was nur durch die moderne Technik in die Menschheit hineingekommen ist, hier liegt etwas vor, was, wenn auch nicht in vollem Bewusstsein, sondern manchmal, indem es im Unterbewussten bleibt, der moderne Proletarier so erlebt, dass er weiß, weiß in einer gewissen Art: Einstmals gab es Sklaven, da wurde der ganze Mensch verkauft auf dem Arbeits-, auf dem Warenmarkte. Da war der ganze Mensch Ware. Leibeigenschaft: die nächste Stufe; weniger schon war vom Menschen Ware. Nun ist an die Stelle getreten in der neueren Zeit die Arbeitskraft: Mit ihr wird noch immer ein Teil des Menschen auf den Sklavenmarkt gebracht. So ist die Empfindung des modernen Proletariers.
Und so, wie man einstmals überwunden hat - so fordert er aus seinem tiefsten Wesen heraus - geschichtlich das Sklaventum, wie man überwunden hat vor verhältnismäßig kurzer Zeit die Leibeigenschaft, so muss überwunden werden durch das moderne Leben das, dass die Arbeitskraft wie eine Ware wirkt im modernen Wirtschaftsleben.
Das ist dasjenige, was als sein Interesse gegenüber dem politischen, dem Rechtsstaate der Proletarier immer mehr und mehr empfinden musste. Das ist einer der Fundamentalpunkte der modernen proletarischen Bewegung: zu entreißen die menschliche Arbeitskraft dem Warenmarkte, zu entkleiden diese Arbeitskraft des Charakters der Ware,
Gewiss, sehr verehrte Anwesende, viele Menschen sind in der Gegenwart noch, die nicht einsehen können, wie abgetrennt werden soll von dem Gut, von dem Produkt, in das diese Arbeit hineinfließt, diese Arbeit selbst. Man braucht nur Folgendes zu bedenken. Man wird über dieses Vorurteil hinwegkommen. Die großen griechischen Weisen Plato und Aristoteles haben die Sklaverei für etwas Notwendiges gehalten; dennoch ist sie in den Ereignissen der Menschheit überwunden worden. Heute gibt es viele Menschen, die sich noch nicht vorstellen können, dass in derselben Weise überwunden werden muss dasjenige, was eben angedeutet worden ist in Bezug auf die menschliche Arbeitskraft.
Und so wird beachtet werden müssen auf diesem zweiten Gebiete die wahre Gestalt der sozialen Forderungen, die darinnen besteht, der menschlichen Arbeitskraft eine solche Stellung im sozialen Organismus zu geben, dass der Mensch diese Arbeitskraft nicht mehr wie eine Ware zu verkaufen hat, dass dem Wirtschaftsleben nur objektive Sachgüter als Ware verbleiben, nicht mehr die menschliche Tätigkeit.
Das ist etwas, was manchem geradezu als ein unlösbares Problem erscheint. Wir werden morgen sehen, wo wir zu Lösungsversuchen vorschreiten wollen, dass gerade in dem Versuch der Lösung dieser Frage etwas ungeheuer tief Einschneidendes für das ganze soziale Leben der Gegenwart liegt. Nach einer politischen, nach einer Rechtsgestaltung im modernen Staate lechzt das moderne Proletariat, durch die seine Arbeitskraft den Warencharakter verliert, sich ändert diese Arbeitskraft - Einrichtung in dem sozialen Organismus entsprechend in Bezug auf die Ware.
Und ein drittes Gebiet tritt uns entgegen. Das ist dasjenige Gebiet, was das Wirtschaftsleben im engeren Sinne, das rein ökonomische Leben darstellt, das ja verläuft in Warenproduktion, Zirkulation, Warenkonsum. Dasjenige, was so in den menschlichen sozialen Organismus sich hineinstellt, das hat ja gewiss eine ganz besondere Gestalt angenommen nach dem eben angegebenen Zeitpunkt im fünfzehnten, sechzehnten Jahrhundert und während des Heraufkommens der modernen Technik und des modernen Kapitalismus. Dieses Wirtschaftsleben, es trat allmählich, man möchte sagen, alles Übrige überflutend hervor durch seine Kompliziertheit, dadurch, dass sich die Wirtschaft ausdehnte, in der neueren Zeit über die ganze Welt sich erstreckte, in die Verhältnisse der ganzen Welt sich erstreckte; während früher die Wirtschaftsgebiete verhältnismäßig von engeren Grenzen waren; dadurch aber auch, dass eben das Wirtschaftsleben unpersönlich wurde, getrennt wurde von menschlicher Ehre, von menschlicher Freude, von menschlicher Hingabe, dadurch wurde dieses Wirtschaftsleben dasjenige, was in einer besonderen, zwangsmäßigen Schwierigkeit sich hereinstellte in das Gesamtleben des Menschen.
Und so kam es, dass, indem aus dem früheren Verbundensein des Menschen mit dem, was er arbeitete, was er hervorbrachte, sich entwickelte das unübersehbare Verhältnis zu der technischen, zu der kapitalistischen Welt, dass dadurch, ich möchte sagen, weggedrängt worden ist das Wirtschaftsleben von dem Menschen. Aber gerade dadurch, dass es weggedrängt wurde von dem Menschen, dass er nicht mehr persönlich damit verbunden war und sein Blick wie hypnotisch in Anspruch genommen wurde von diesem Wirtschaftsleben, gewann es immer mehr und mehr durch diese Dinge, gewann es immer mehr und mehr Kraft über den Menschen selbst.
Und so stellte es sich heraus, dass in dem heraufrückenden Materialismus der neueren Zeit die Aufmerksamkeit, der Blick der Menschen, die Lebensverhältnisse der Menschen immer mehr und mehr gerichtet wurden nach diesem Wirtschaftsverhältnisse hin.
Dadurch ergab sich gegenüber demjenigen, was in den anderen Gebieten des sozialen Organismus lebt, gerade für den Proletarier ein ganz besonderes Missverhältnis. Das geistige Leben hat er als Ideologie empfangen durch den geschichtlichen Hergang. Das Rechtsleben, das konnte er nicht bejahen, weil durch dieses Rechtsleben, das dem anderen Besitz und dem anderen Rechte gab, im Grunde genommen seine Arbeitskraft ihn gestempelt hat zur Ware. So war in einer gewissen Weise nichtige Ideologie das geistige Leben; etwas, womit sich seine Interessen, womit sich seine Menschenwürde nicht verbinden konnten, das politische, das Staatsleben. So war der moderne Proletarier ganz und gar hingedrängt zu dem Wirtschaftsleben, und so kam es, dass er von diesem Wirtschaftsleben alles, alles erwartete, bis sich das geistige Leben wie zu einem Schattendasein abgelähmt hat, überflutet immer mehr und mehr auf der anderen Seite durch seine derbe Wirklichkeit das wirtschaftliche Leben alles Denken, alles Empfinden, alles Wollen.
Und so kam denn der Glaube, die Meinung herauf, die im modernen Proletariat nun auf einem dritten Gebiete eine wahre Gestaltung der sozialen Forderung ergibt; es kam die Meinung herauf: Das Übrige ist für mich wertlos; ich kann mich einzig und allein verlassen auf dasjenige, was in dem Wirtschaftsleben selbst spielt. Aus dem Wirtschaftsleben und aus seinen eigenen Gesetzen muss mir hervorgehen dasjenige, was mich erlöst, was meiner Menschenwürde Dasein gibt. Und ein merkwürdiger Glaube, man möchte sagen, eine merkwürdige ökonomische Religion, ist heraufgezogen. Keine religiösen Impulse konnten aus dem geistigen Leben, das zur Ideologie geworden ist, kommen. [KJein irgendwie den Menschen mit seiner eigenen Würde erfüllender Impuls konnte für den Proletarier aus dem Staats-, aus dem politischen Leben kommen - er hoffte von demjenigen, mit dem er verbunden geblieben war, mit dem er immer mehr und mehr durch Technik und Kapitalismus verbunden wurde, er hoffte mit religiöser Zuversicht gerade alles für ihn von dem Wirtschaftsleben.
Aus diesem Empfinden heraus ist es erklärlich, dass wiederum mit solcher Macht einzog in die moderne Proletarierseele die marxistische Lehre oder dasjenige, was sich später aus ihr entwickelt hat in der einen oder anderen Gestalt, dass das Wirtschaftsleben, dass der Kampf der einzelnen wirtschaftlichen Klassen das einzig Reale, das einzig Wirkliche ist; dass alles Übrige, das Geistige, das Staatliche, alles, was Sitte und Sittlichkeit, ja selbst, was Kunst und Religion ist, sich ergäbe als eine Art Überbau, als ideologische Überbauung des einzig wahren, des wirtschaftlichen Lebens. Der wirtschaftliche Prozess aber ist ein objektiver Prozess. Der wirtschaftliche Prozess ist ein solcher, der außerhalb der menschlichen Persönlichkeit verläuft.
Und so könnte man sagen: Aus diesen Untergründen heraus verlor die moderne Proletarierseele alles Vertrauen zu den persönlichen Kräften des Menschen, behielt nur noch das Vertrauen zu dem, was ohne den Menschen, man möchte sagen, mit naturgeschichtlicher Notwendigkeit die Welt durchflutet: das Wirtschaftsleben.
Man versuchte zu erkennen den Verlauf dieses Wirtschaftslebens, wie es sich aus früheren Wirtschaftsformen entwickelt hat zum modernen Kapitalismus, wie dieser moderne Kapitalismus gipfelte, kulminierte darinnen, dass Kapital durch sich selbst sozusagen sich weiter vermehrt. Man beobachtete das alles. Man beobachtete die Ansammlung des Kapitals in wenigen Händen. Das wurde schließlich für das auf diesem rein materiellen, ökonomischen Gebiete hellsichtig gewordenen Auge des modernen Proletariers ganz besonders durchsichtig: Der ohne die Menschen sich abspielende Wirtschaftsprozess, er hat das moderne Elend gebracht, er hat dasjenige gebracht, was der moderne Proletarier als seine Lebenslage empfindet. Er muss weitergehen. Aber Karl Marx versuchte zu zeigen, wie er weitergehen muss, indem er in sein Gegenteil umschlägt, indem dasjenige, was durch die neuere wirtschaftliche Ordnung der Kapitalismus dem Proletariat genommen hat, durch Umschlagen in das Gegenteil dem Kapitalismus wieder genommen werden muss durch das Proletariat.
Von diesem Umschlagen in das Gegenteil innerhalb des Wirtschaftsprozesses, also von einem rein in der ökonomischen Entwicklung vor sich gehenden Kräftevorgang erwartete der moderne Proletarier dasjenige, was ihm werden soll. Wie er durch die Erbschaft, die er überkommen hat von den anderen Klassen, das geistige Leben zur Ideologie abgelähmt hat und es verkennt, so verkennt er auf der anderen Seite das Wirtschaftsleben, das aus sich selber heraus gewiss niemals Geistiges entwickeln kann, von dem er aber glaubt, dass es Geistiges entwickeln muss, zu dem einzig und allein er Vertrauen hat. Unterschätzung des Geistigen, Herablähmung des Geistigen bis zur Ideologie; mangelnder Glaube an die rechtliche Kraft des politischen Staates, der ihm genommen hat die Würde seiner Menschheit, indem er ihm seine Arbeitskraft zur Ware gemacht hat; Überschätzung der Tragkraft des Wirtschaftslebens, indem man glaubt, dass alles, was der Mensch erlebt, nur einzig und allein aus dem Wirtschaftsleben hervorgehen kann, indem man der Entwicklung des Wirtschaftslebens geradezu eine religiöse Weihe gibt — diese drei Dinge auf drei verschiedenen Gebieten, auf dem geistigen, auf dem staatlich-rechtlichen Gebiete, auf dem wirtschaftlichen Gebiete, das ist die dreifache wahre Gestaltung der sozialen Frage, das ist dasjenige, was lebt im modernen Proletarier. Erkennt man diese, dann weiß man, wie die moderne proletarische Bewegung entstanden ist. Dann weiß man aber auch, welche Gewalt sie hat. Und man sieht ein, dass sie sich mit einer gewissen Notwendigkeit herein ergeben hat in die Entwicklung der Gegenwart und dass sie fortleben muss in die Entwicklung der Zukunft hinein. Das macht es, dass aus zwei Wurzeln herausquillt das ganze moderne Leben, dass so wenig Möglichkeit eines gegenseitigen Verständnisses der Klassen ist.
Auf der anderen Seite haben die ehemals führenden Stände heraufgebracht geistiges, staatliches, wirtschaftliches Leben. Sie haben es abgeschwächt zu dem, was dann als Erbschaft übergegangen ist auf das Proletariat.
Das Proletariat lechzte aus dem Impulse der modernen Menschheit heraus gerade nach geistigem Leben. Ideologie wurde ihm gegeben. Es lechzte nach menschenwürdigem Dasein. Dieses menschenwürdige Dasein wurde ihm ausgelöscht durch das Aufdrücken des Warencharakters gegenüber seiner Arbeitskraft. Das Wirtschaftsleben endlich war auch für die anderen Klassen als das alles Überflutende aufgetreten. Aber diese anderen Klassen trugen herein dasjenige, was sie als Tradition in sich hatten, in die moderne Gestaltung des Wirtschaftslebens. Der moderne Proletarier war einzig und allein in dieses Wirtschaftsleben hineingestellt. Daher erwartete er aus der Entwicklung dieses Wirtschaftslebens heraus alles.
Hier sind auch die Gründe zu suchen, aus denen sich die Lösungsversuche für das soziale Problem in der Gegenwart ergeben; wie nun dieses soziale Problem, sei es zur Vorläufigkeit, sei es zu irgendwie definitiver Lösung gebracht werden kann, man wird es nur ergründen, wenn man erst versucht, voll zu erkennen, wie auf diesen drei verschiedenen Gebieten, auf dem geistigen, auf dem staatlichen, auf dem wirtschaftlichen Gebiete, sich die wahre Gestaltung der proletarischen sozialen Bewegung ergeben hat.
Man wird suchen müssen die dreifache Lösung dieser proletarischen, modernen Bewegung von dem, was als solche Lösungsversuche sich ergeben kann gerade aus den drei Strömungen, die zu der modernen proletarischen Strömung hingeführt haben. Von diesem Untergrund heraus wollen wir uns nun morgen, sehr verehrte Anwesende, dem zu nähern versuchen, was heute der Menschheit so brennend, so drängend notwendig ist: ein Urteil zu gewinnen über gewisse Lösungsversuche, wirklichkeitsgemäße Lösungsversuche der modernen sozialen Frage.