The Big Questions of our Time and Anthroposophical Spiritual Knowledge

GA 336 — 14 February 1919, Basel

4. Die vom Leben Geforderten Wirklichkeitsgemässen Lösungsversuche für die Sozialen Fragen und Notwendigkeiten Aufgrund Geisteswissenschaftlicher Lebensauffassung

Sehr verehrte Anwesende! Gestern versuchte ich die wirkliche Gestalt der sozialen Frage so darzustellen, wie sich eine solche Darstellung ergibt aus der Betrachtung desjenigen, was nach und nach im Laufe der letzten Jahrhunderte, insbesondere des letzten Jahrhunderts, in den Menschengemütern, insbesondere den Proletarierseelen sich entwickelt hat.

Heute möchte ich den Versuch machen, von Lösungsmöglichkeiten dieser sozialen Frage zu sprechen, von solchen Lösungsmöglichkeiten, sehr verehrte Anwesende, die sich nicht aus irgendeinem Programm, aus irgendeiner Parteiforderung, aus menschlichen Emotionen heraus ergeben; sondern vielmehr von solchen Lösungsmöglichkeiten möchte ich sprechen, welche sich aus den Entwicklungsbedingungen und Entwicklungskräften der gegenwärtigen Menschheit heraus ergeben.

Allerdings, wenn man von einem solchen Gesichtspunkte aus sprechen will, dann kommen ganz andere Dinge in Betracht, als berücksichtigt werden von denjenigen, die heute vielfach sich anschicken, Stellung zu nehmen zu dem, was als proletarische soziale Bewegung in das Leben der Menschheit heraufgezogen ist.

Wenn man einen Blick hat für die Entwicklungskräfte der Menschheit in der Gegenwart, so, wie etwa der Naturforscher einen Blick haben soll für die Entwicklungskräfte, die ein einzelner Mensch in einem bestimmten Lebensalter, sagen wir im Lebensalter der Geschlechtsreife hat, dann muss man doch endlich, wie ich glaube, dazu kommen, über so manches, über vieles, das gegenwärtig in begreiflicher Weise, in durchaus begreiflicher Weise da oder dort auftaucht wie ein theoretisch oder praktisch oder irgendwie gearteter Lösungsversuch der sozialen Fragen, dass man es da zu tun habe mit dem Aufleben desjenigen, was ja mit Recht von vielen auf einem anderen Gebiete als ein mittelalterlicher Aberglaube angesehen wird. Es ist einem so, als ob gewisse abergläubische Vorstellungen sich bereits ausgelebt hätten auf dem schneller sich entwickelnden Gebiete der Naturwissenschaft, und als ob sie, unvermerkt für menschliches Denken, weil sie sich da nur maskieren, weil sie eine andere verhüllte Gestalt angenommen haben, als ob sie sich auf dem Gebiete des sozialen Lebens und seiner Probleme und seiner Rätsel bis heute erhalten hätten.

Ich erinnere, um mich über das, was ich eigentlich meine, so recht verständlich zu machen, an jene Stelle im zweiten Teile von Goethes «Faust», wo Wagner in der Retorte den Homunkulus, ein künstliches Menschlein, erzeugt. Goethe weist hin für dasjenige, was er gerade an dieser Stelle seines «Faust» darstellen will, auf die mittelalterlich abergläubische Alchimie, die da glaubte, durch künstliches, denkerisches Verarbeiten von irgendwelchen Stoffen und Kräften, im chemischen Laboratorium einen Menschen herstellen zu können. Weiteste Kreise halten aus den Grundlagen des gegenwärtigen naturwissenschaftlichen Denkens solche alchimistische Bestrebungen, künstlich einen Organismus, einen menschlichen Leib zu erzeugen, für einen Aberglauben. Auf dem Gebiete des sozialen Denkens herrscht, wie gesagt, ohne dass die Menschen es merken, weil sich die Sache verhüllt, dieser alchimistische Aberglaube bis in unsere Gegenwart herein. Denn manches, was gedacht und getan wird, um die soziale Gliederung, die soziale Organisation der menschlichen Gesellschaft heute herbeizuführen, das gleicht dem Bestreben jenes Goethe’schen Wagner, der den Homunkulus künstlich im Laboratorium erzeugen will. Man denkt heute zusammenbrauen zu können aus irgendwelchen gesellschaftlichen Stoffen und Kräften in künstlicher Art den sozialen Organismus.

Und wenn man genauer prüft, sehr verehrte Anwesende, was eben da oder dort als sogenannte Lösung der sozialen Fragen auftaucht, dann findet man, dass da nicht darauf geschen wird - auch bei den schon heute schr ausgebreiteten Experimenten wird nicht darauf gesehen -, welches die Lösungsbedingungen sind des sozialen Organismus, sondern man denkt, man könne ein Künstliches auf irgendeine Weise herstellen.

Das geisteswissenschaftliche Denken, von dem diese Betrachtung ausging und die Methode auch für die soziale Frage nimmt, dieses geisteswissenschaftliche Denken geht auf Wirklichkeit, muss daher in ganz anderer Weise verfahren als manches sozialistische Experiment von heute. Für die hier vertretene Methode ist nicht die Frage: Wie gestaltet man den sozialen Organismus? —, sondern die Frage ist: Wie führt man die Lebensbedingungen herbei, durch die der soziale Organismus sich als ein lebendiges Wesen selber gestalten, durch die er ins Dasein treten kann? So, wie man in der Natur nicht den Organismus künstlich durch irgendwelches Denken herstellt, sondern wie man die Bedingungen zu schaffen hat, unter denen der natürliche Organismus sich zu bilden hat, und durch die er dann aus seinem eigenen Lebensimpuls heraus sich entwickeln kann, so hat es auch zu geschehen für eine wirklichkeitsgemäße Lebensanschauung mit Bezug auf den sozialen Organismus.

Das allerdings, sehr verehrte Anwesende, fordert für viele Menschen heute eine radikale Umänderung geradezu des ganzen Denkens, und das ist für weiteste Kreise heute eine recht unbequeme Sache. Auf eine Umwandlung irgendwelcher Einrichtungen, auf eine Umwandlung irgendwelcher Verhältnisse mögen sich die Menschen, wenn sie nicht gar zu schläfrig sind, noch einlassen. Auf eine andere Einstellung des Denkens, auf eine Umwandlung des ganzen Anschauens der Wirklichkeit wollen sich die Menschen weniger einlassen. Eine solche Umstellung, Umschaltung des Denkens aber ist notwendig für das tiefe, nicht nur in einzelnen Lebensgebieten, sondern in das Gesamtleben der Gegenwart einschneidende soziale Problem. Dasjenige, um was es sich dabei handelt, ist, dass man wirklich den Weg gewissermaßen wandeln muss, der von sozial abergläubischer Alchimie zu wirklicher sozialer Einsicht, zum wirklichen Durchschauen des sozialen Organismus führt.

So, wie man den einzelnen menschlichen natürlichen Organismus studieren kann, kennenlernen kann, wenn man nur die naturwissenschaftliche Methode unbefangen genug anwendet, so kann man, wenn man energisches Denken und Forschen hat, auch den sozialen Organismus in seinen Lebensbedingungen durchschauen. Darum handelt es sich.

Über den einzelnen individuellen Organismus des Menschen, den natürlichen Organismus, habe ich mir hier in Basel in früheren Vorträgen schon erlaubt zu sprechen. Ich will heute nur darauf hinweisen, dass niemand diesen natürlichen Organismus des Menschen, den natürlichen Lebensleib des Menschen, wie mir scheint, wird begreifen können, trotz aller Physiologie und Biologie mit ihren Fortschritten in der Gegenwart, der nicht imstande ist, die drei zusammenwirkenden, aber in sich relativ selbstständigen Glieder dieses Organismus zu studieren. Ich erlaubte mir damals, als ich aus anderen Zusammenhängen heraus hier in Basel von derselben Stelle aus über diese drei Glieder des menschlichen natürlichen Organismus sprach, hierauf hinzuweisen, dass ich damit etwas gebe - ich habe es skizzenhaft dargestellt in meinem Buche «Von Seelenrätseln» -, woran ich eigentlich dreißig Jahre lang gearbeitet habe, indem ich versucht habe, dasjenige, was sich mir aus geisteswissenschaftlichen Unterlagen ergeben hat, zu rechtfertigen mit allen Mitteln, welche die moderne Naturwissenschaft in dieser Beziehung heute geben kann. Sodass ich sagen kann: Wer da will, wer gerade nicht dilettantisch, sondern richtig naturwissenschaftlich vorgehen wird, vor dem braucht nicht zurückzuscheuen dasjenige, was ich hier nur kurz anführen will, und was vielleicht manchem, der da glaubt, in naturwissenschaftliche Dinge tiefe Einsicht zu haben, heute noch frappieren wird.

Dieser einzelne menschliche Organismus, er ist nicht zentralisiert in einfacher Weise, sondern er ist eigentlich dezentralisiert in drei relativ selbstständige Glieder: man kann sagen, in das Nerven-Sinnessystem, das nach dem Kopfe hin zentralisiert ist; man könnte auch sagen, das Kopf-System. Dann in das rhythmische System, das umfasst das Lungen- und das Herzleben, das eine gewisse innere Selbstständigkeit hat gegenüber dem Kopfleben. Und dann wiederum das System des Stoffwechsels.

So sonderbar es ausschaut, in diesen drei Systemen erschöpft sich alles dasjenige, was der menschliche Organismus von Vorgängen in sich birgt. Aber das ist nicht eine zentralisierte Verwaltung gewissermaßen, die da stattfindet im menschlichen Leib, sondern es sind drei selbstständige Glieder, jedes gewissermaßen mit seinem eigenen Mittelpunkt. Sie arbeiten selbstständig. Und gerade dadurch, dass sie nebeneinander selbstständig arbeiten, dadurch bauen sie auf das Gesamtgeschehen in diesem einzelnen natürlichen menschlichen Organismus. Jedes dieser Glieder, dieser drei Glieder des natürlichen menschlichen Organismus steht für sich wiederum mit der Außenwelt in Beziehung: das Kopfsystem durch die Sinne, das Herz-Lungen-System durch die Lunge, durch die Atmungsorgane und das Stoffwechselsystem durch die Verdauungsorgane, die sich nach außen öffnen.

Gerade auf dieser Selbstständigkeit beruht auch das harmonische Zusammenwirken, das mögliche und zweckmäßige Zusammenwirken des einzelnen menschlichen Organismus. Derjenige verkennt ganz, worauf das Wesentliche des menschlichen Organismus beruht, der da glaubt, diesen menschlichen Organismus wie eine Summe von Vorgängen darstellen zu können, die nur von einem Zentrum heraus reguliert werden. In dem Zusammenwirken, nicht in der Unterordnung, liegt das Wesentliche des einzelnen menschlichen Organismus.

Das, was nun in einer gesunden Betrachtung dieses menschlichen Lebensleibes zutage treten muss, das muss man übertragen auf das Betrachten, ja nicht bloß auf das Betrachten, sondern auf das Darinleben gegenüber dem sozialen Organismus, dem sozialen Lebensleib. Und da wird die Sache weitaus ernster.

Dasjenige, was dem menschlichen Organismus gegenüber, man könnte sagen, eine bloße theoretische, eine wissenschaftliche Erkenntnissache ist, das wird gegenüber dem sozialen Organismus eine praktische Sache. Das wird gegenüber dem sozialen Lebensleib eine Sache, die jeden einzelnen Menschen angeht; allerdings so, dass er nicht wissenschaftliche Erkenntnis braucht, sondern dass er gewisse Intuitionen, ein gewisses Gefühl davon braucht, wie er sich in diesem nun auch einen dreigliedrigen sozialen Organismus in das menschliche Leben hineinstellen soll. So, wie man von Kindheit an auf lernt das Einmaleins, wie man addieren, subtrahieren und so weiter lernt, um rechnen zu können, so wird man - das wird eine wesentliche soziale Forderung für die Menschheit der Zukunft sein - von Kindheit auf sich ein Gefühl aneignen müssen für das Drinnenstehen in einer menschlich sozialen Gesellschaft, die im Wesentlichen drei nebeneinander wirkende, relativ selbstständige Glieder hat, wenn sie gesund sein soll, wenn sie nicht dem Homunkulus gleichen soll, dem künstlich hergestellten Menschlein, sondern dem Homo, dem wirklichen, aus seinen Lebensimpulsen heraus sich gestaltenden Menschen.

Damit ich aber nicht missverstanden werde - man wird ja heute fast immer missverstanden, wenn man Dinge ausspricht, die, nicht wahr, klar geradezu auf der Straße liegen -, damit ich nicht missverstanden werde, will ich gleich darauf hinweisen, dass dasjenige, was ich hier ausführe, nichts zu tun hat, auch nicht das Geringste, mit irgendeiner, wie man es nennen kann, Gleichnis- oder Analogiespielerei, die darauf ausgeht, den menschlichen Organismus zu studieren, und dann das, was sie glaubt, gefunden zu haben im menschlichen Organismus, überträgt auf den sozialen Organismus, auf den sozialen Lebenskörper. Solche Dinge, wie sie der Nationalökonom zufällig in seinem sozialen Organismus versucht hat, der Nationalökonom Schäffle, oder wie sie jetzt wiederum [Meray] in der sogenannten, in der so betitelten «Weltmutation» versucht hat, diese Dinge sind vor einer ernsten Wirklichkeitsauffassung eine bloße Spielerei. Es handelt sich nicht darum, solche Spielereien weiterzutreiben, irgendwie auf etwas zu übertragen von dem einen auf das andere, sondern es handelt sich darum, dass ebenso gesund wie die Betrachtung, von der ich hier gesprochen habe, für den natürlichen menschlichen Organismus sein muss, ebenso gesund muss — und jetzt nicht eine wissenschaftliche Betrachtung, sondern eine soziale Empfindung sein, ein soziales Verständnis aller Menschen für den dreigliedrigen sozialen Organismus. Würde man ein bloßes Analogiespiel treiben, dann würde man vielleicht das Folgende machen: Man würde sagen: Nun ja, der Mensch hat einen Kopf; das ist das Organ für sein Geistiges. In dem äußeren sozialen Organismus ist auch etwas wie eine geistige Kultur da. Also vergleicht man die Gegensätze, die sich beziehen auf das Organ des Teiles, auf den Kopf, die vergleicht man mit dem, was sich im sozialen Organismus als geistige Kultur findet. Weil das politische Leben, das Recht, das Leben des öffentlichen Rechts etwas Regulierendes hat für die menschlichen Tätigkeiten, vergleicht man vielleicht das regulierende Lungen-Atmungs-System mit dem Polizei-System, mit dem politischen System, mit dem staatlichen System. Und weil, wie sich’s die Menschen schon einmal vorstellen, das Stoffwechselsystem das gröbste, das materiellste ist, vergleicht man das mit der materialistischen Kultur des Menschen, mit dem äußeren Wirtschaftsleben.

Das läge nahe, wenn man ein bloßes Analogiespiel treiben wollte. Geht man auf die Wirklichkeit ein, dann hat man es gerade mit dem Umgekehrten zu tun. Ein Analogiespiel stellt so den sozialen Organismus neben den einzelnen natürlichen menschlichen Organismus, dass beide auf den Beinen stehen. So paradox es klingt: Die Wirklichkeit stellt sich die Sache so vor uns, dass im Verhältnis zum einzelnen natürlichen menschlichen Organismus der soziale Organismus für das menschliche Vorurteil allerdings auf dem Kopfe steht.

Denn diejenige Gesetzmäßigkeit, die man suchen muss gerade für das sogenannte edelste System des menschlichen natürlichen Organismus, für das Kopfsystem, diese Gesetzmäßigkeit entspricht im sozialen Organismus dem Wirtschaftsleben. Das findet sich im Wirtschaftsleben. Das Lungen-Atmungs-System als regulierendes System findet sich allerdings, wie wir gleich nachher sehen werden, im Rechtsleben, im eigentlichen engeren Sinne im politischen Staat. Dasjenige aber, was geistige Kultur im sozialen Organismus ist, das unterliegt sonderbarerweise denselben Gesetzen oder solchen Gesetzen, die man nur vergleichen kann mit den Gesetzen des menschlichen Stoffwechsels im natürlichen Organismus. Also Sie sehen, sehr verehrte Anwesende: Die wirklichkeitsgemäße Betrachtung stellt einem die Sache auf den Kopf. Das ist in der folgenden Weise zu verstehen.

Tatsächlich gliedert sich für den, der nun die Lebensbedingungen untersuchen will, unter denen sich der soziale Lebenskörper entfalten kann, tatsächlich gliedert sich für den der gesunde soziale Lebenskörper auch in drei Glieder, und ohne dass das Leben versucht, diese drei Glieder in relativer Selbstständigkeit herauszuarbeiten, sodass sie nicht zentralisiert in irgendeinem einheitlichen Staate oder dergleichen leben, sondern jedes selbstständig für sich lebt, sodass sie gerade dadurch nebeneinander so harmonisierend wirken für das Ganze, wie die drei Glieder des menschlichen Organismus, wie ich das dargestellt habe, ohne dieses wird niemals eine gesunde Lösung für das soziale Problem, für das soziale Rätsel gefunden werden können.

Gegliedert muss werden, und zwar jetzt nicht durch irgendeine abstrakte Theorie, wenn diese abstrakte Theorie auch ein Parteiprogramm wäre, sondern gegliedert muss werden durch das Leben selbst, durch die realen Lebensfaktoren der soziale Organismus, der soziale Lebenskörper in drei selbstständig nebeneinander stehende Gliederungen: in das Wirtschaftsgebiet, welches seine eigenen Gesetze hat und durch seine eigenen Gesetze allein wirklich gesund leben kann; in ein zweites, neben diesem, oder dieses durchdringend, aber in relativer Selbstständigkeit sich entwickelnd, ein Glied, das man bezeichnen könnte als das eigentliche politische Staats-Glied, als alles dasjenige, was ein System von Rechten, ein System von Zusammenhängen zwischen Mensch und Mensch zu begründen hat; und ein drittes relativ selbstständiges Glied, das seine Unabhängigkeit, sein Gestelltsein auf seine ureigensten Gesetze braucht, das ist alles dasjenige, was zum geistigen Leben gehört.

Das Wirtschaftsgebiet, wir wollen es als das erste Glied des gesunden sozialen Organismus einmal betrachten. Ich sagte, wenn man vergleichen will- aber solch ein Vergleich muss zum Verständnis dienen, nicht irgendein Analogiespiel sein -, wenn man vergleichen will, so kann man sagen: In dem Wirtschaftsleben ist zunächst etwas da für jeden begrenzten sozialen Organismus, der sich auf irgendeinem Territorium in irgendeinem Lande, auf irgendeinem geografischen Gebiet entwickelt, für einen solchen sozialen Organismus ist etwas da, was man vergleichen könnte mit den ursprünglichen Begabungen, Talenten des einzelnen individuellen menschlichen Organismus.

So, wie Erziehung - [die] kein Leben durch ein bloßes Lernen ist, durch ein bloßes Zusprechen oder irgendwelche andere künstliche Methode - weder unberücksichtigt lassen darf, was als ursprüngliche Begabung im Nerven-Sinnes-Organismus veranlagt ist, noch auch kann, so liegt dem einen Gliede des gesunden sozialen Organismus, dem Wirtschaftsleben zugrunde alles dasjenige, was die Naturbedingungen dieses Wirtschaftslebens sind: Ertragfähigkeit von Grund und Boden, vorhandene Rohprodukte, alles dasjenige, was damit zusammenhängt, wie man diese Dinge verarbeiten kann, alles das ist hier gemeint, was den Menschen verbindet mit demjenigen, aus dem er alles, was in Gewerbe und Industrie produziert wird, erzeugt. Das liegt zugrunde dem Wirtschaftsleben als eines begrenzten Gebietes, wie die Begabungen, die Talente dem menschlichen einzelnen Leben.

Und in der Tat, da treten die großen Differenzierungen auf. Da tritt dasjenige auf, wo der soziale Organismus gewissermaßen etwas als Mitgift erhält. Wie als Mitgift erhält der Mensch seine einzelnen Talente, seine einzelnen Begabungen. Durch ein paar, ich möchte sagen, etwas radikal wirkende Beispiele lassen Sie uns sagen, was da eigentlich gemeint ist.

Ich habe gestern von dem Hineingestelltsein der menschlichen Arbeit in den sozialen Organismus gesprochen. Wir werden gleich nachher wieder darauf zu sprechen kommen, wie diese menschliche Arbeit - das ist wesentlich für das soziale Problem der Gegenwart — entkleidet werden muss des Charakters der Ware. Aber ebenso gut, wie entkleidet sind die Atmungs- und Blutzirkulations-Rhythmen dem bloßen Stoffwechselleben, so muss entkleidet sein im gesunden sozialen Organismus alles dasjenige, was sich auf die menschliche Arbeitskraft bezieht, von alldem, was herausquillt aus den dem Wirtschaftsleben ureigensten Gesetzen.

Aber trotzdem ist das Atmungs- und Herzleben in Beziehung, im Verhältnis zum Stoffwechselleben. So ist menschliche Arbeitskraft in Beziehung zu dem Wirtschaftsleben - so in Beziehung zu dem Wirtschaftsleben, dass man sagen kann: Je nach den Vorbedingungen dieses Wirtschaftslebens wird durch dasselbe die menschliche Arbeitskraft in ganz verschiedener Weise in Anspruch genommen. Betrachten wir einmal nun eben radikal die Sache; aber wenn sie nicht zu stark differenziert ist, so sind die Dinge doch da; sie sind dann nur in geringerem Maße da, aber sie wirken doch im Wirtschaftsprozess. Aber betrachten wir, um uns die Sache vors Auge, vors geistige Auge zu setzen, irgendetwas Radikales. Sagen wir zum Beispiel, wir wollten hindeuten auf ein Land, in dem die Bananen ein Grundernährungsmittel sein könnten, und wollen vergleichen ein solches Territorium der Erde, in dem sich die Menschen hauptsächlich von der Banane nähren können, mit einem Lande, in dem der Weizen ein mittleres Erträgnis liefert, wie zum Beispiel in Deutschland. Man kann ausrechnen, wie sich die menschliche Arbeitskraft verhält, die notwendig ist in dem einen Territorium, zu demjenigen, die notwendig ist in dem anderen Territorium. Die Banane ist so leicht von ihrem Ausgangspunkte bis zur Konsumtion zu führen, ist so leicht umzuwandeln in dasjenige, was man dann verzehrt. Man hat so wenig dazu Arbeit anzuwenden, dass sich die angewendete Arbeit, die man braucht, um die Banane im wirtschaftlichen Prozess zum Konsumartikel zu machen, dass diese Arbeit zu der Arbeit, die man braucht, um in einem Lande, das mittleres Weizenerträgnis hat, den Weizen zum Konsumprodukt zu machen, dass sich die für die Bananenkultur notwendige Arbeit zu der für die Weizenkultur notwendige Arbeit wie 1:100 verhält, das heißt, hundert Mal mehr menschliche Arbeit ist aufzuwenden, um den Weizen als Rohprodukt für den Menschen konsumfähig zu machen, als die Banane.

Aber das ist auch wiederum innerhalb desselben Artikels nach den Territorien verschieden. Betrachten wir die Sache über die Erde hin, da ergeben sich große Verschiedenheiten. Aber auch auf einem beschränkteren Territorium treten dann solche Verschiedenheiten auf. In Deutschland ist das so: Wenn Sie bei gesundem mittlerem Erträgnis die Sache betrachten, der Weizen das Sieben- bis Achtfache an Erträgnis gegenüber der Aussaat ergibt, in Chile das Zwölffache, in Nord-Mexiko das Siebzehnfache, in Peru das Zwanzigfache. Es sind Gegenden da, wo er das Fünfundzwanzig- bis Fünfunddreißigfache ergibt. Das bedingt einen großen Unterschied in der aufzuwendenden menschlichen Arbeit, um irgendein Produkt, das so dem Wirtschaftsprozess gegeben ist wie die Voraussetzungen der Begabungen, der Talente der Menschen, um ein solches Produkt von seinem Ausgangspunkte zuletzt bis zur Konsumfähigkeit zu bringen. Warenproduktion Warenzirkulation, Warenkonsum, das ist dasjenige, was im Wirtschaftsleben lebt, was aber auch allein das Wirtschaftsleben umfassen kann. Der Mensch hat nötig, gerade aus solchen Gründen - es könnten auch noch viele ähnliche angeführt werden, wie die Notwendigkeit in der Menge der menschlichen Arbeitskraft -, der Mensch hat notwendig, verquickt zu sein, verbunden zu sein mit demjenigen, was die Naturgrundlage, was die sonstigen Ausgangspunkte des Wirtschaftslebens betrifft.

Dieses Zusammengeschlossensein des Menschen im sozialen Organismus mit den wirtschaftlichen Voraussetzungen, das ist dasjenige, welches die Gestaltung der dem Wirtschaftsleben ureigenen Gesetze ergibt. Dieses Wirtschaftsleben kann nur auf der Auslegung derjenigen Gesetze beruhen, die sich aus dem eben Gesagten ergeben. Worauf zielt seinem Grundcharakter nach dieses Wirtschaftsleben? Nun, man kann sagen, sehr verehrte Anwesende: Dasjenige, was tätig sein muss, unbedingt tätig sein muss in diesem Wirtschaftsleben, ohne das das Wirtschaftsleben nicht gedeihen kann, das ist das menschliche Bedürfnis, das ist das Bedürfnis überhaupt. Es gibt auch ZwischenBedürfnis dieser menschlichen Bedürfnisse: Das ist das, was man nennen kann das menschliche Interesse. Und gewisse Denker auf dem Gebiete des sozialen Organismus haben mit Recht darauf hingewiesen, dass nur in der freien Betätigung des menschlichen Interesses, des unmittelbaren menschlichen Begehrens und des Wechselspieles von Begehrungen und Befriedigungen im Wirtschaftsleben die richtige Entwicklung dieses Wirtschaftslebens liegen kann.

Worauf zielt das alles, was nun im Wechselspiel abläuft zwischen Bedürfnis und Bedürfnisbefriedigung auf dem Wege von Warenproduktion, Warenzirkulation und Warenkonsum? Es zielt notwendigerweise das alles auf den Zweck der Ware, auf den Verbrauch der Ware, man könnte auch sagen, auf den zweckmäßigsten Verbrauch der Ware. Mögen Sie Umschau halten, wo Sie wollen - wenn die Zeit es gestatten würde, würde ich den Begriff der Ware weiter ausführen, aber den fühlt ja jeder -, wenn Sie Umschau halten wollen, wo immer es sein kann im Wirtschaftsleben, Sie werden sehen, dass es zuletzt darauf ankommt im Wirtschaftsleben, in der zweckmäßigsten Weise dasjenige, was produziert wird, zu verbrauchen - in der zweckmäRigsten Weise, sage ich, zu verbrauchen.

Was heißt das gegenüber der menschlichen Arbeitskraft, sehr verehrte Anwesende? Wenn sich im modernen Leben der Menschheit herausgebildet hat, gerade durch die Überflutung dieses modernen Lebens mit dem Wirtschaftsleben in Technik und Kapitalismus, wenn sich da herausgebildet hat, dass bei dem besitzlosen Proletarier, dessen eigene Arbeitskraft auf den Arbeitsmarkt gebracht wird, und eine Behandlung erfährt, wenn sie eben auf dem Arbeitsmarkt ist, ganz im Sinne einer Ware, im Sinne von [Angebot] und Nachfrage, so widerspricht das - und darin drückt sich ein Grundnerv der modernen proletarischen Bewegung aus -, so widerspricht das der Menschenwürde. Denn gegenüber jeglichem, was Ware sein darf, trägt der Mensch nicht sein eigenes Wesen mit zu Markte. Gegenüber dem aber, was seine Arbeitskraft ist, trägt er sich selbst zu Markte.

Das ist dasjenige, dessen Aufhebung das moderne Proletariat aus dem Gefühl der Menschenwürde heraus unbedingt erstrebt. Vielleicht wird kaum da oder dort einer sein, der nun im vollen Bewusstsein die richtigen Gründe für diese Forderung anzugeben weiß; aber im Unterbewussten, in den Tiefen der menschlichen Seelen, in [den Tiefen] der Proletarierseelen, da lebt das, um was es sich handelt. Da lebt ein Gefühl davon: Alles, was auf den Warenmarkt kommt, das läuft darauf hinaus, in der zweckmäßigsten Weise verbraucht zu werden. Der Mensch aber muss sich sträuben, unbedingt dagegen sträuben, dass auf dem Arbeitswarenmarkt seine Arbeitskraft in der zweckmäßigsten Weise einfach verbraucht wird. Er fühlt diesem gegenüber, dass er einen Wert in sich selber hat, dass er etwas zu bewahren hat in sich, dass er etwas in sich trägt, was auch liegt in seiner Arbeitskraft, was nicht auf den Warenmarkt gebracht werden darf, was nicht so behandelt werden darf im sozialen Organismus wie eine Ware. Weil in dem dreigliedrigen sozialen Organismus alles zuletzt darauf hinausläuft, in der zweckmäßigsten Weise verbraucht zu werden, schreit in die Welt hinaus das moderne Proletariat: Ich will aber nicht, dass zum bloßen Verbrauch für andere meine Arbeitskraft werden soll.

Das liegt unbewusst zugrunde dem, was ich gestern als die eine hauptsächlichste Gestalt der sozialen Frage versuchte herauszuarbeiten. Und wenn man sieht, wodurch es eigentlich gekommen ist, dass im Laufe der Entwicklung der modernen Technik und des modernen Kapitalismus die Arbeitskraft in den Wirtschaftsprozess hineingetrieben ist, dann muss man, um das zu verstehen, sich fragen: Woraus haben sich denn die Wirtschaftsverhältnisse, Befriedigung der Wirtschaftsinteressen, die Aufwirbelung der Wirtschaft für die bisher leitenden Kreise, für die bisher leitenden Stände entwickelt?

Das ist eine wesentliche und wichtige Frage. Sie haben sich entwickelt nicht aus dem Wirtschaftsleben heraus, sondern eben gerade dadurch, dass in der modernen Zeit eine für diese moderne Zeit nicht mehr passende Verquickung des Staatslebens mit dem Wirtschaftsleben eingetreten ist; mit demjenigen, was sich neben der Wirtschaft der Menschheit heraufentwickelt hat als der moderne Rechtsstaat, als der moderne Autoritätsstaat, mit dem hat sich zunächst nicht das Interesse des Proletariats verbunden, sondern das Interesse der sogenannten leitenden Kreise und leitenden Stände. Diese hatten innerhalb der Entwicklung der modernen Technik und des modernen Kapitalismus ein Interesse daran, aus den Rechten, wie man sie sich dachte, innerhalb des den bürgerlichen und anderen leitenden Ständen angepassten Staates, aus diesen Rechten heraus die wirtschaftlichen Untergründe zu regulieren.

Dasjenige, was das Bedrückende ist im Wirtschaftsleben, dasjenige, was im Wirtschaftsleben für das Proletariat eine unerträgliche Lage geschaffen hat, das, sehr verehrte Anwesende, rührt nicht vom Wirtschaftsleben selbst her. Es ist ein völliger Irrtum, das zu glauben. Und wie niemals von einem sich selbst überlassenen Stoffwechsel irgendein Defekt des Atmungs- und des Lungenlebens unmittelbar herrühren kann, sondern nur mittelbar, dasjenige, was im Wirtschaftsleben bedrückend geworden ist für die proletarische Welt, das rührt her - man braucht nur die Geschichte zu studieren, und man sieht das, wenn man nicht in Vorurteilen befangen ist —, das rührt her aus der Geschichte der Eroberungen, aus der Geschichte der Machtverhältnisse und der die Machtverhältnisse begründenden Rechtsverhältnisse in das Proletariat bedrückende Rechte. Auch die Besitzverhältnisse, wie ich schon gestern bemerkte, gründen sich auf Rechte. Aus solchen Rechtsverhältnissen geht das Bedrückende der Lage des Proletariats und das eigentlich Pulsierende der proletarischen Bewegung hervor.

So, wie hinuntergewirkt haben ins Wirtschaftsleben Rechtsfragen des alten Staates müssen heraufgenommen werden die durch die moderne technische und kapitalistische Entwicklung in das Wirtschaftsleben heruntergestoßenen proletarischen Arbeitskräfte in das Rechtsleben, das als selbstständiges Glied sich nun entwickeln muss im gesunden sozialen Organismus neben dem wirtschaftlichen Gliede.

Auf Namen kommt es dabei wahrhaftig nicht an. Meinetwillen können die Menschen, wenn es ihnen besser gefällt, den wirtschaftlichen Organismus Staat nennen und das andere anders - auf Namen kommt es nicht an; sondern dass diese beiden Systeme, diese beiden Glieder des sozialen Organismus nicht eine einzige Zentralisierung haben, sondern jedes in sich zentralisiert sei, darauf kommt es an, dass sie nebeneinander wirken, und gerade durch ihr Nebeneinanderwirken sich harmonisieren. Darauf kommt es an!

Dasjenige, was im eigentlichen engeren Sinne staatlich sein kann, das kann nur umspannen das regulierende System, dasjenige, was sich abspielt in dem Verhältnis von Mensch zu Mensch. Wie der wirtschaftliche Organismus in sich das Interesse am Verbrauch hat, Bedürfnis und Bedürfnis-Befriedigung, so hat zu seinem Grundnerv der rechtliche Organismus, der eigentliche Staatsorganismus, der nicht Wirtschafter sein darf, der gar keinen Wirtschaftszweig betreiben darf, im gesunden menschlichen [sozialen] Organismus, der hat zu seinem Grundnerv den Willen zum Recht.

Rechte, die kann es nur geben im staatlichen Zusammenhang. Wirtschaftliche Interessen kann es nur geben im Wirtschaftskörper. Und die müssen selbstständig nebeneinander und zusammen gehen. Das ist es, wenn man genauer zusieht, so wenig es auch heute noch die meisten Menschen glauben, das ist es, was so Unseliges heraufgebracht hat im modernen Leben, was ein Vertretungskörper, eine Verwaltung umspannt, das Wirtschaftsleben, und das staatliche regulierende Rechtsleben. Selbstständiges System des Repräsentierens, selbstständige Vertretung ist notwendig für das rein politische Staatswesen. Selbstständige Vertretung, selbstständige Verwaltung meinetwillen im Reichstag oder in irgendeinem Ministerium für das Rechtsleben. Eigene Verwaltung, eigenes Ministerium, aber cum grano salis gesprochen, für das Wirtschaftsleben ist dasjenige, was in ihm liegt auch in Bezug auf seine Verwaltung und auf seine immerwährende Weiterentwicklung, [was] sich selbst ergeben wird. Während das staatliche Rechtsleben es zu tun hat mit dem Verhältnis von Mensch zu Mensch, indem wir alle gleich vor dem Gesetz sein müssen, während das Rechtsleben, wenn es richtig verstanden wird, auf nichts anderes hinauslaufen kann als auf eine vollständige Demokratie, muss sich das Wirtschaftsleben auf selbstständigen Assoziationen aufbauen, auf solchen Assoziationen, die mit dem Verwachsensein des Menschen, wie den vorhin charakterisierten Naturbedingungen, seines Wirtschaftslebens hervorgehen. Ganze Systeme von Assoziationen werden sich bilden, welche in entsprechender Weise aus der Selbstregulierung der Kräfte heraus den Wirtschaftsorganismus so auslegen, wie er eben muss lebensfähig sein, lebensfähig sein kann für alle. Diese Dinge sind im Grunde Anfänge, ja; aber Anfänge, in denen viele Missverständnisse walten. Wir haben Genossenschaften - schön; wir haben Gewerkschaften, wir haben verschiedene andere Assoziationen; gewiss, aus dem Drange, den Entwicklungskräften der neueren Zeit zu dienen, sind solche Dinge entstanden. Aber teilweise aus der Gestalt, die solche Dinge angenommen haben, teilweise daran, dass man denkt, man könne das Wirtschaftsleben an Staat, an Kommune abgeben - in all diesen Dingen zeigt sich, dass man in diesen neuen Gebilden nicht bloß das aufnehmen will, was aus den eigenen Gesetzen des wirtschaftlichen Lebens hervorgeht, sondern aufnehmen will dasjenige, was neben dem Wirtschaftsleben als selbstständiges Glied des sozialen Organismus sich entwickeln muss als das im engeren Sinne beschriebene, politisch-rechtliche Staatsleben. Gegenüber all den Begriffen von Arbeit und der Stellung von Arbeit im sozialen Organismus, wie sie heute gespenstisch herumspuken, wird es geben, wenn diese beiden Glieder des gesunden Organismus nebeneinander stehen, wird es geben vor allen Dingen, so, wie es Besitzrecht gibt, in dem alten sozialen Organismus, so ein allerdings ganz anders geartetes Arbeitsrecht im neuen, gesunden sozialen Organismus der der Gegenwart und der Zukunft entsprechen wird.

Dadurch, sehr verehrte Anwesende, wird eines eintreten: Dafür, dass in einer gewissen Weise für die ökonomische Wertbildung in der Warenzirkulation die Naturbedingungen ausschlaggebend sind, dafür sorgen schon diese Naturbedingungen selber. Aber ebenso ausschlaggebend muss etwas anderes werden. Wenn das eintritt, was ich dargestellt habe, wenn die relative Selbstständigkeit des Rechtslebens eintritt, die in sich begreifen wird das Arbeitskraftrecht, dann wird ebenso begrenzt werden, wie die Naturbedingungen, der Wert der in der Wirtschaft zirkulierenden Ware. Ebenso wird dieser Wert begrenzt, bestimmt werden durch dasjenige, was an Arbeitskraft für den Wirtschaftsprozess abgegeben werden kann nach allgemeinen Menschenwerten und menschenwürdigem Arbeitsrecht. Niemals wird im bloßen Wirtschaftsprozess selbst irgendein wahres Arbeitsrecht entstehen können, sondern einzig und allein in dem abgesonderten, relativ selbstständigen Rechtsgliede des gesunden sozialen Organismus.

Davon ist man abgekommen, schon als in der eigentlichen Schwungzeit des Kapitalismus der Staat, der bloß Rechtsstaat sein soll, seine Fänge ausgestreckt hat über die größeren Verkehrsunternehmer, besonders Eisenbahn und so weiter. Und während man dasjenige, was als soziale Krankheit aus dem Verstaatlichungswahn hervorgegangen ist, während man das gesund machen sollte, erstrebt eine gewisse Form des modernen Sozialismus geradezu die Fortsetzung der Krankheit. Das ist es, worauf es ankommt. Denn man sieht Folgendes nicht ein. Man sieht das nicht ein, was auf diesem Gebiete eine wirkliche Erkenntnis des sozialen Organismus ergibt.

Unter den mancherlei Schulen, die sich in der neueren Zeit heraufgebildet haben, war eine schon im achtzehnten Jahrhunderte für die Nationalökonomie. Man nennt sie die physiokratische Schule. Diese physiokratische Schule hatte, aber in furchtbar einseitiger Weise, wir würden heute sagen, nach Bourgeois-Methode - sie hatte den Grundsatz der freien Zirkulation der wirtschaftlichen Kräfte und des wirtschaftlichen Wesens. Die Anhänger dieses physiokratischen Systems, die nicht wollten, dass der Rechtsstaat sich einmische in das Wirtschaftsleben, die sagten Folgendes. Sie sagten: Entweder gibt der Rechtsstaat Gesetze, welche übereinstimmen mit den Gesetzen, die das Wirtschaftsleben schon von selbst hat, dann sind diese Gesetze überflüssig, oder aber er gibt Gesetze, welche widersprechen den eigenen Gesetzen des Wirtschaftslebens - dann zerstören diese Gesetze ja den rechtmäßigen Bestand des Wirtschaftslebens; dann sind sie erst recht nicht zu geben. - So sagten die Physiokraten.

Das scheint ungemein plausibel - denn was erscheint dem oberflächlichen Menschen nicht plausibler, als wenn sich ein solches Entweder-oder ergibt! Aber dem Leben der Wirklichkeit gegenüber ist gerade ein solches Entweder-oder ein Unsinn, eine Torheit. In welcher Weise? In der folgenden Weise: Das Wirtschaftsleben entwickelt sich auch, wenn der Mensch nicht will, wenn er hineinpfuscht durch allerlei staatliche Gesetze, es entwickelt sich durch seine eigene Kraft selbstständig, und es hat immer eine bestimmte Tendenz, immer eine bestimmte Richtungskraft. Die geht immerhin daraufhin, das menschliche Zusammenleben in eine solche Waage zu bringen, dass es wiederum zurechtgerichtet werden muss.

Das ist der große Irrtum eines gewissen radikalen Sozialismus, dass man glaubt, das Wirtschaftsleben könne die Menschen zufrieden und glücklich machen, wenn es seinen eigenen Gesetzen folgt. Nein, wenn es diesen eigenen Gesetzen folgt, dann kommt es immer an krisenartigen Zuständen an, denen gegenüber geholfen werden muss, denen gegenüber ein anderes System eingreifen muss, so, wie immer in das Stoffwechsel- oder das Kopf-System das Atmungs-LungenSystem regulierend eingreifen muss. Daher ist es der Wirklichkeit gegenüber notwendig, zu sagen: In der Richtung der Wirtschaftsgesetze können die Gesetze des Rechtsstaates nicht laufen. Aber weil das Wirtschaftsleben einer fortdauernden Korrektur bedarf, weil es sonst den Menschen verbrauchen würde, ist es gerade notwendig, dass die Gesetze des Rechtsstaates das bloße Wirtschaftsleben immerfort beschränken, regulieren, zurechtrücken, wie der Stoffwechsel durch das Atmen zurechtgerückt wird. Das ist es, worauf es ankommt.

Immer mehr hat man heute, wo man glaubt, so praktisch zu sein, immer mehr hat man heute abstrakte Theorien im Kopfe, nicht die Wirklichkeit. Man glaubt, irgendetwas mache sich selber, und Gesetze sind dann da, wenn man das, was sich selber macht, nur nachdenkt. Gesetze, Einrichtungen, Kräfte müssen oftmals gerade in entgegengesetztem Sinne dessen, was von der einen Seite gegeben ist, getroffen werden, damit eine gedeihliche, eine gesunde Entwicklung stattfinden könne. Das ist es, worauf es ankommt.

Daher muss gerade die gesunde geisteswissenschaftliche Methode, die auf die Wirklichkeit geht, nicht irgendwelche abstrakte - und das sind ja auch Partei-Programme heute -, irgendwelche abstrakte Prinzipien aufstellen, sondern sie muss auf das Leben hinweisen. Sie muss darauf hinweisen, nicht wie man auszudenken hat, dass die Arbeitskraft des Warencharakters entkleidet wird, sondern sie muss aufzeigen, was entstehen soll, damit in dem entstehenden sozialen Organismus wirklich immerwährend die menschliche Arbeitskraft entzogen werde dem Warencharakter. Das ist es, worauf es hier ankommt: lebendige Gestaltung der Wirklichkeit. Das ist es, was gerade von der vielfach geschmähten Geisteswissenschaft angestrebt wird, und worauf es aber in der Gegenwart ganz besonders ankommt, was der Gegenwart wahrhaftig dringend notwendig ist: Auf das lebendige Nebeneinanderwirken kommt es an. Man kann weder im Wirtschaftlichen, noch in bloßen starren konservativ wirkenden Rechtsgesetzen das Leben des sozialen Organismus drängen.

Gladstone, einer der abergläubigsten Bourgeois des modernen Liberalismus, der sagte einmal: Die Amerikaner haben eine so vollkommene Verfassung, dass sie schon gar nicht mehr vollkommener sein könnte, dass sie wirklich in allen einzelnen Lebenslagen des amerikanischen Volkes sich bewährt.

Ein anderer Engländer, der, wie mir scheint, gescheiter war, wenn vielleicht auch kein so großer Staatsmann wie Gladstone, der sagte: das sei gar kein Beweis, dass die amerikanische Verwaltung eine vollkommene ist, dass sie sich bewähre. Denn wäre sie weniger vollkommen, so würde sie sich auch bewähren, weil die Amerikaner noch ein so gesundes Volk sind - nach der Ansicht des Betreffenden , dass sie auch mit einer weniger gesunden Verfassung das alles machen würden. - Und der Letztere hat gewiss mehr recht als das, was Gladstone gesagt hatte, deshalb, weil es auf die lebendige Wirklichkeit weist, weil es wirklich nicht darauf ankommt, welche Gesetze walten in einem lebendigen Zusammenhang, sondern dass Menschen so zusammenwirken, dass immerfort die notwendigen Schäden, die auf der einen Seite entstehen, durch die lebendigen Kräfte auf der anderen Seite korrigiert werden.

Denken Sie ein Menschlein, einen Homunkulus aus, in dem [im] Inneren nicht Abfallsprodukte der Verdauung erzeugt [werden], die durch andere Kräfte wiederum abgeführt werden müssen — dann haben Sie etwas ausgedacht, was keine Lebensluft hat. Spintisieren Sie, und wenn es auch im Sinne von noch so radikalen Menschen der neueren Zeit ist, über einen sozialen Organismus, der keine Schäden hervorbringt in den Menschen, der den Menschen nicht verbraucht, der nicht neben sich haben muss ein anderes Glied des sozialen Organismus, als der Rechtsstaat ist, als den eigentlichen Staat, so haben Sie einen ungesunden sozialen Organismus ausgedacht. Das ist es, dass man immer wiederum gedrängt wird, von der sich praktisch dünkenden, aber im eminentesten Sinne unpraktischen Denkweise der neueren Zeit, dass man wiederum durchdringe zu einer Wirklichkeitsauffassung, zu solchen Gedanken, die untertauchen können in die wahre Realität, die reden können von dem, was sich selbst bedingt, nicht was aus menschlichen Vorurteilen heraus Bedingtheit haben will.

Und als drittes Glied neben den beiden Gliedern, die ich angeführt habe - neben dem Wirtschaftsglied und dem im engeren Sinne politischen oder Rechtsgliede —, muss sich entwickeln dasjenige, was das geistige Leben im weitesten Sinne umfasst, das geistige Leben, das da besteht im Erziehungswesen, in allem Schulwesen, von der elementarsten Schule bis hinauf zur Universität; das da besteht im künstlerischen Leben, schließlich im religiösen Leben, das aber auch umfassen muss — das wird wiederum manchem heute paradox erscheinen, trotzdem es aus wirklichen sachlichen Betrachtungen heraus hervorgeht -, das auch umfassen muss [nicht] das öffentliche Recht, das Recht, welches bedingt wird durch das Verhältnis von Mensch zu Mensch; es gehört dem zweiten Gliede an.

Diesem dritten Gliede muss aber angehören alles dasjenige, was abzielt auf Privatrecht und auf Strafrecht. Da steht der einzelne individuelle Mensch dem einzelnen individuellen Menschen so gegenüber, in einem abnormen Verhältnisse, dass das öffentliche Leben des Rechtsstaates zwar demjenigen, der - wenn ich mich trivial ausdrücken darf — etwas herbeizuschleppen hat; das Urteil aber zu fällen, das obliegt einem Verhältnis des individuellen Menschen zum individuellen Menschen. Die Ausführung des Urteiles mag wiederum dem Rechtsstaat zugehören.

In dieses Gebiet gehört hinein, sehr verehrte Anwesende, in dieses geistige Gebiet gehört hinein eben alles dasjenige, was auf den Boden der individuellen menschlichen seelischen und körperlichen Begabung gestellt sein muss, die nur aus dem Individuum, aus der Freiheit des Menschen hervorgehen kann -, wie gestellt sein muss auf das wirtschaftliche Interesse der Wirtschaftskörper, der selbstständige, wie auf das Rechtsleben gestellt sein muss der politische Körper, so muss auf die Freiheit gestellt sein derjenige Körper, der umfasst das eigentliche Geistesleben. Aus einem gewissen Instinkt heraus hat die moderne Sozialdemokratie ein einziges Gebiet — aber das nicht aus einer Schätzung dieses Gebietes, sondern gerade aus einer Unterschätzung dieses Gebietes in einen Impuls einbezogen, der nach der hier bezeichneten Richtung geht: Religion soll sein Privatsache.

Gewiss soll sie das sein. Und derjenige wird es erst recht fordern, welcher die Religion nicht unterschätzt, sondern sie in ihrem vollen Wert eben einzuschätzen versteht! Aber Privatsache gegenüber dem Rechts- und dem Wirtschaftsstaate muss sein alles Geistesleben. Und indem die nunmehr zu ihrem Schluss kommende - denn darin besteht die soziale Frage der Gegenwart, indem die Verquickung eingetreten ist des Wirtschaftslebens mit dem Rechtsleben, des Staates mit dem Wirtschaftsorganismus, ist gerade durch das Heraufkommen der kapitalistischen und der technischen Weltordnung in der neueren Zeit auch die Verquickung eingetreten, die vor dem gestern gekennzeichneten Zeitpunkte, vor dem fünfzehnten Jahrhunderte gar nicht da war. Die Verquickung des geistigen Lebens mit dem staatlichen Leben. Die Interessen des heraufkommenden Bürgertums, die verbunden waren mit der Entwicklung des modernen Staates, sie gingen auch dahin, untertauchen zu lassen das geistige Leben in den Organismus des Staates. Man brauchte Richter, man brauchte Ärzte, man brauchte auch Theologen, man brauchte Lehrer und so weiter, und so weiter. Aus diesem Impulse heraus dehnte der Staat seine Omnipotenz aus über das geistige Leben.

Dieses geistige Leben muss wiederum erlöst werden, muss wiederum auf seinen eigenen Boden, auf die freie Individualität der Menschen gestellt werden. Dann, und gerade dann wird es sich entwickeln in einem gesunden Verhältnis zu den andern beiden Gliedern des sozialen Organismus.

Da liegen die Dinge manchmal sehr verborgen und maskiert. Was eigentlich die Verquickung des geistigen Lebens, diese unselige Verstaatlichung des geistigen Lebens dem ganzen modernen Leben gebracht hat, davon kann vielleicht nur derjenige zeugen, der — wie derjenige, der zu Ihnen spricht - sein ganzes Leben hindurch vermieden hat, irgendwie dasjenige, was er geistig erstrebt hat, zu irgendeinem Staate in irgendeine Beziehung zu bringen; der daher wissen kann, wie dieses geistige Leben sich entwickeln muss, wenn es frei auf sich selbst gestellt ist. Und es muss frei auf sich selbst gestellt sein, wenn es sich entwickeln soll.

Nicht zum Geringsten hat beigetragen zum Herablähmen der Stoßkraft des geistigen Lebens bis zu der toten Ideologie, die die moderne soziale Frage schafft, gerade diese Abhängigkeit des geistigen Lebens von dem Staatsleben. Denn nicht allein, dass etwa die Persönlichkeiten, von denen das geistige Leben getrieben wird, in Abhängigkeit kommen vom Staatsleben, dienen müssen demjenigen, was die Einrichtungen des Staatslebens sind — derjenige, der diese Dinge bis in ihre Tiefen betrachten kann, der weiß noch etwas ganz anderes, der weiß, dass die innere Gestalt, der Inhalt des geistigen Lebens selber abhängig wird von der Beziehung zu den anderen Organismen, die nur eine gesunde sein kann, wenn das geistige Leben sich in völliger Selbstständigkeit entwickelt, sonst kaschieren und maskieren sich auch die Abhängigkeiten. Tritt es selbstständig auf, tritt es in völliger Freiheit auf, ist es ganz auf sich selbst gestellt, dann wird sich ein gesundes Verhältnis zum Rechts- und Wirtschaftskörper ganz von selbst ergeben im Leben. Wie wir eigene Impulse einstellen; sonst bemerkt man aus gewissen Vorurteilen heraus die Dinge nicht. Nehmen wir einen Fall, der ja radikal wirken könnte, aber der durchaus charakteristisch ist. Nehmen wir an, irgendein junger Student will sein Doktorexamen machen auf dem Gebiete der Philologie. Er bekommt den Rat, zu schreiben, sagen wir, über Empfindungswörter bei irgendeinem alten römischen Schriftsteller oder über die [Parenthesen] bei Homer. Solch eine Aufgabe hat sogar ein junger Freund von mir machen müssen. Zu solch einer Arbeit braucht ein junger Mensch ein Jahr ausgiebiger Arbeit.

Derjenige, der so schlafend im heutigen Wissenschaftsleben drinnensteht, der wird etwa da sagen: Nun ja, wissenschaftliche Interessen. Die Wissenschaft fordert eine solche Untersuchung über die Empfindungswörter eines alten römischen Schriftstellers, oder über die [Parenthesen] bei Homer. Damit ist der Wissenschaft ein Dienst geleistet. Aber es ist etwas [anderes] zu bedenken. Es ist das gesunde Verhältnis einer solchen Arbeit zu dem gesamtmenschlichen Leben zu betrachten. Das muss durchsichtig werden im gesamten menschlichen [sozialen] Organismus. Der Student, der ein Jahr lang arbeitet, um festzustellen die verborgenen [Parenthesen] bei Homer, der isst, der trinkt, der kleidet sich ein Jahr. Das heißt: Für diese Arbeit müssen eine Anzahl von Menschen arbeiten, Arbeit leisten ein Jahr hindurch, um ihn zu ernähren, um ihn zu kleiden, damit er in der Zeit dasjenige machen kann, was ganz gewiss nicht in einem angemessenen Interesse sich hineinstellt in den gesunden menschlichen [sozialen] Organismus! Denn mit einem angemessenen Interesse stellt sich nur dann eine geistige Leistung in den gesunden menschlichen Organismus hinein, wenn sie verlangt wird, wenn ein Bedürfnis nach ihr vorhanden ist. Das ist es, worauf es ankommt.

Und noch auf etwas anderes kommt es an. Von dieser gesunden Entwicklung des geistigen Gliedes des sozialen Organismus hängt es ab, dass auch das Geistige in der menschlichen Kultur die entsprechende Stoßkraft habe, dass sie wirklich hervorbringe dasjenige, was wirklichkeitstragend ist. Aus diesem geistigen Leben entspringen zum Beispiel auch die technischen Ideen, entspringt dasjenige, was als Geistiges immerfort produzierend und produktiv eingreift in das Wirtschaftsleben. Das wird nur in gesunder Weise geboren in einem wirklichen Geistesleben, nicht in einem bis zur Abstraktheit abgetöteten Geistesleben, das mit dem Ausdruck Ideologie bezeichnet werden kann.

Das Wichtige ist nicht, dass man etwa kämpfe gegen die Bezeichnung des Geisteslebens als Ideologie durch die Führer des modernen Proletariats, sondern dass man einsieht: Dasjenige Geistesleben, das hervorgegangen ist durch die unselige Verquickung der geistigen Kultur mit den andern beiden Gliedern des sozialen Organismus, das hat das Geistesleben heruntergedrückt zur Ideologie. Es ist leicht, das moderne Geistesleben als Ideologie zu bezeichnen; aber es muss wiederum eintreten im gesunden sozialen Organismus ein produktives, ein selbstwirksames Geistesleben. Das wird gesund auch in das Wirtschaftsleben, auch in das Rechtsleben eingreifen. Das muss wiederum relativ selbstständig dastehen.

Dass dieses Leben in der geistigen Kultur, im dritten Gliede des gesunden sozialen Organismus, gebaut sein muss auf sich selbst, ich glaube es gezeigt zu haben schon im Anfang der Neunzigerjahre des vorigen Jahrhunderts in meiner «Philosophie der Freiheit», die jetzt, wie ich glaube, zur rechten Zeit ihre Neuauflage erlebt hat, und die da zeigt, dass wirkliche Freiheit nur da sein kann, aber auch nur da berechtigt ist, wo wahres Geistesleben erblühen kann.

Nun ist die Zeit viel zu wenig, um hier im Genaueren das auszuführen, was ich mit Bezug auf das freie Geistesleben zu sagen hätte. Aber wenigstens andeuten will ich es. Andeuten will ich es so, dass ich sage: Eine gesunde Betrachtung des dreigliedrigen menschlichen Organismus zeigt, dass dann gesund eingreift dasjenige, was aus dem Geistigen heraus produziert wird, in die beiden anderen Organismen, wenn das geistige Leben völlig auf sich selbst gestellt ist. Denn dann, dann wird derjenige, der eine leitende Stellung nach seinen Vorbedingungen haben kann zum Beispiel im Wirtschaftsleben, der wird nicht nur brauchen den sich abarbeitenden und sich abrackernden Proletarier, der dann überhaupt nicht mehr als solcher da sein wird, sondern der wird brauchen denjenigen, der für ihn als geistigen Arbeiter der Konsument sein kann. Der aber kann durch Arbeitsrecht dasjenige von seiner Arbeitskraft, das heißt von seiner Lebenskraft, bewahren, was nicht verbraucht werden darf auf dem Arbeitsmarkte, sondern reguliert werden muss durch das zweite Glied des gesunden sozialen Organismus. Heute, innerhalb desjenigen mindestens, was kapitalistische Wirtschaftsordnung ist, hat derjenige, der in einer leitenden — also heute im Wesentlichen kapitalistischen - Stellung ist, nur ein Interesse an dem Verbrauch von menschlicher Arbeitskraft beim Proletarier. Der gesunde dreigliedrige soziale Organismus wird nicht nur ein Interesse haben an dem arbeitenden Arbeiter, sondern an dem ruhenden Arbeiter, an demjenigen Arbeiter, der konsumieren kann dasjenige, was nach Konsum streben wird. Das wird allerdings nicht das sein, was der junge Dachs treiben wird, ein Jahr lang, indem er über die Empfindungswörter bei irgendeinem alten Schriftsteller ein Jahr lang schreibt und eine Doktorarbeit macht, sondern das wird dasjenige sein, was verlangt wird, was gebraucht wird vom geistigen Leben. Ein voller Einklang, ein lebendiger Einklang wird entstehen zwischen geistiger Produktion und allgemeinem menschlichem, geistigen Verbrauch. Keiner wird ausgeschlossen sein von dem, was das geistige Leben darbietet. Und durch die Verknüpfung der drei selbstständig sein sollenden Glieder des sozialen Organismus ist gerade das eingetreten, dass so unendlich viele Menschen eigentlich ausgeschlossen sind von dem, was andere Menschen treiben.

Alles dasjenige, was als sozialer Lebenssaft erzeugt wird in dem gesunden menschlichen Organismus, muss auch in gesunder Weise in die übrigen Glieder des sozialen Organismus hinüberfließen. Man wird nicht sagen können, sehr verehrte Anwesende, dass ja auch in der Zukunft zum Beispiel im Rechtsstaate, der eine demokratisch orientierte Vertretung haben wird, auch die einzelnen Kreise sitzen, dass sie ja auch Partei bilden können, eine landwirtschaftliche Partei und so weiter. Das wird aus dem Grunde nicht der Fall sein, weil die Interessen, die sich heute entgegengesetzt entwickeln, dann gleich entwickelt werden. Selbst der Gegensatz zwischen konservativer und liberaler Partei wird nicht da sein in der Zukunft, wenn man den sozialen Organismus gesund sich entwickeln lässt, weil im Rechtsstaate die immer konkret auftretenden Verhältnisse auch sachlich nicht nach dem, man kann ja nicht sagen, Schlagwort, ich sage Schlagbegriffe, nicht nach den Konservativen, Liberalen und so weiter sich orientieren werden.

So konnte ich Ihnen heute nur skizzieren, sehr verehrte Anwesende, worauf es ankommt, indem nicht nur eine Umwandlung der Verhältnisse, sondern eine Umwandlung des ganzen Lebens für den sozialen Organismus eintreten muss.

Am 28. Februar werde ich hier wiederum einen Vortrag halten. Da werde ich einzelnes Beweisende, einzelnes Ausführende angeben, werde auch zeigen, dass für alles dasjenige, was ich heute angedeutet habe, skizzieren nur konnte, dass für alles das eine beweisende, eine begründende Wissenschaft da ist. Das soll also am 28. Februar hier in diesem Saale stattfinden.

Heute möchte ich nur noch darauf aufmerksam machen, dass ja diese furchtbare Katastrophe, die seit viereinhalb Jahren über die Menschheit hereingebrochen ist, die soziale Frage, wie ich schon gestern ausführte, als eine große weltgeschichtliche Tatsachenfrage herausgestellt hat, der gegenüber jeder Mensch aus dem Leben heraus praktische Stellung nehmen muss.

Notwendig ist es gegenüber dem, was eingetreten ist, dass solche Stellung jeder einzelne Mensch nimmt. Man wird sich schon überzeugen, wie das Leben jedes einzelnen Menschen abhängig ist von der Stellung, die er zum sozialen Problem, zum sozialen Rätsel in der Zukunft nehmen wird. Daher ist es auch so gekommen, weil ich ja immer diese Dinge - gestatten Sie hier, eine zwar persönliche, aber in Wirklichkeit doch nicht persönliche, sondern durchaus objektive Bemerkung —, weil ich diese Dinge doch nicht um etwas auszudenken ersonnen habe, sondern weil ich sie gewonnen habe aus der Beobachtung der in der gegenwärtigen Menschheitswirklichkeit vorhandenen Kräfte, dass ich sie immer mehr praktisch machen wollte, als diese furchtbare Kriegskatastrophe einen gewissen Punkt erreicht hatte, wo man sehen konnte, dass sich herausentwickeln werde aus dem Ad-absurdum-Führen früherer Kräfte, dass sich herausentwickeln wird im Wesentlichen das soziale Menschheitsproblem. Da versuchte ich zum Beispiel damals, abgetastet und angepasst den Verhältnissen, während dieser Kriegskatastrophe einzelnen Menschen vorzutragen, dass die Zeit fordert so etwas wie den sozialen Impuls, den ich jetzt auch hier in dem gestrigen und heutigen Vortrag ausgeführt habe.

Zeigen wollte ich gewissermaßen, dazumal noch aktiven, heute allerdings hinweggeschwemmten Persönlichkeiten, was sie nötig haben, wenn sie zur Umänderung desjenigen, was im sozialen Organismus sich als krank erweist, etwas beitragen sollen. Und so musste ich sprechen zu manchem, auf den es dazumal noch ankam, dasjenige, was ich hier sage. Es ist nicht ein Programm, ist nicht ausersonnen, nicht irgendetwas Ausersonnenes, sondern Wirklichkeit, indem in den Kräften, die innerhalb der Menschheitsentwicklung sich selber fortspinnen, dasjenige liegt, was in zehn oder zwanzig Jahren über einen großen Teil des Gebietes Europas sich verwirklichen will. Und zu manchem sagte ich, von dem ich glaubte, dass ihm Herz und Seele dadurch gerührt werden könnte, zu manchem sagte ich: Sie haben jetzt die Wahl, wenn Sie noch mittun wollen, entweder dasjenige, was geschehen wird, weil es geschehen muss, aus Vernunft zu befolgen, oder Sie warten ab, bis soziale Kataklysmen und soziale Revolutionen kommen werden.

Die Leute kamen schneller in das hinein, in das sie gekommen sind, als man ihnen dazumal nur andeuten konnte. Das «konnte» bedeutet in diesem Falle «durfte». So musste man dazumal sprechen. Aber die Leute wollten nicht hören. Haben wir ja auch auf anderen Gebieten Ähnliches erlebt! Haben wir doch erlebt, dass Staatsmänner, leitende Staatsmänner noch im Mai 1914 an hervorragendster Stelle den Parlamenten verkündigt haben: Wir sind in solchen europäischen Zusammenhängen, dass der Friede für lange Zeiten gesichert ist. — Das kann man ihnen nachweisen. So voraussehend sind die Leute!

Allerdings, derjenige, der es ernst meint mit dem, was in der Wirklichkeit pulst, der musste dazumal anders reden zu den Menschen. Vor dieser kriegerischen Katastrophe musste ich wiederholt andeuten dasjenige, was ich, wiederum vor dieser kriegerischen Katastrophe, wie die anderen, wie die Staatsmänner noch gesagt haben: Der Friede ist gesichert, wir leben in einer der besten der Welten nunmehr -, da wurde von mir in Wien gesagt: Diese Tendenz - nämlich die Tendenz, die im gegenwärtigen sozialen Leben liegt - wird immer größer und größer werden, bis sie sich in sich selber vernichten wird. Da schaut derjenige, der das soziale Leben geistig durchblickt, überall, wie furchtbar überall die sozialen Geschwürbildungen aufsprossen. Das ist die große Kulturfrage, die auftritt für denjenigen, der das Dasein durchschaut; das ist das Furchtbare, was so bedrückend wirkt, und was selbst dann, wenn man allen Enthusiasmus sonst für die Geisteswissenschaft unterdrücken könnte, wenn man unterdrücken könnte, was sonst den Mund für die Geisteswissenschaft öffnet, was einen dann doch dazu bringen könnte, das Heilmittel der Welt gleichsam entgegenzuschreien für das, was so stark schon im Anzug ist, und was stärker und stärker werden wird, wenn der soziale Organismus so sich weiterentwickelt, wie das bisher geschehen ist. So entstehen Schäden der Kultur, die für diesen, für den sozialen Organismus anzuschauen sind, wie die Krebsbildungen für den menschlichen natürlichen Organismus sind.

Gegenüber der sozialen Frage, sehr verehrte Anwesende, stehen wir vor der Möglichkeit, dass die Menschen weiterschlafen gegenüber den Ereignissen, dass sie nicht hören auf dasjenige, was notwendigerweise gesagt werden muss, gesagt werden kann dem sozialen Organismus gegenüber, geradeso, wie dem natürlichen Organismus gegenüber gesagt werden kann, wenn einer ein Krebsgeschwür in sich hat.

Nicht nur, dass man die volle Tragweite desjenigen, was ich meine, im bisherigen Fortgang der Kriegskatastrophe nicht sehen wollte - man nahm, was man davon verstand, in der Regel so, dass man es nur als Ausdruck etwa der inneren Politik dieses oder jenes Staates betrachten kann. Ich meinte es dazumal und meine es auch heute nicht nur als innere Politik dieses oder jenes Staatsterritoriums, sondern ich meine es so, dass ich es begründet finde in den Entwicklungskräften, denen die Menschheit zueilt. Und ich meine es in erster Linie, als Außenpolitik der verschiedenen Staaten sei es notwendig.

Das ist dasjenige, worauf ich vor allen Dingen hingewiesen habe gewisse Staaten, die es angeht, dass sie diese Dinge als Außenpolitik der Welt entgegenzuhalten haben. Wenn man bedenkt, ein Staat sei mit dem andern nicht so verknüpft, wie sie verknüpft wären zum Beispiel diese europäischen Staaten, 1914, dass durch die unnatürliche Durcheinandermischung des politischen und des staatlichen Problems gegen Südosten von Österreich hinunter, das österreichisch-serbische Problem, unseligen Angedenkens, entstanden ist -, die Staaten hätten ihre wirtschaftlichen und politischen Interessen nicht so verknüpft, die sozialen Organismen hätten ihre Interessen nicht so verknüpft, wie sie überhaupt in Europa verknüpft waren, und deshalb Bündnisse entstanden, die notwendig nach einem bestimmten Punkte hin so sich auslebten, dass zuletzt Entscheidungen gefällt wurden von einseitigsten strategisch-militärischen Standpunkten heraus.

Nehmen wir an, die Staaten stünden in dem Verhältnis, dass sich die Fäden zögen, die rechtlichen, die ja im Wesentlichen für alle Staaten die gleichen sein werden - die eigentlichen politischen Verhältnisse werden für alle Staaten gerade bei dem gesunden Organismus die Gleichen sein -, dann werden sich die wirtschaftlichen, dann werden sich die geistigen Fäden schlingen. Immer mehr wird das eine durch das andere korrigiert werden. Und gerade da, wo heute an den Grenzen durch das Verknüpftsein der drei Gebiete die Gegensätze entstanden sind, werden diese Gegensätze korrigiert werden, wenn über die Grenzen hinübergeht, unbeschadet des politischen Verhältnisses, das System der Wirtschaftlichkeit.

Das kann ich hier nur andeuten. Das soll aber bedeuten, das soll hinweisen darauf, dass die verschiedenen Territorien der Welt durch das, was hier als gesunder sozialer Organismus charakterisiert wird, in ein solches System kommen, dass dagegen der Völkerbund, wie er heute gedacht wird, eben eine Abstraktheit sein wird, in ein solches System kommen, welches auf Realität begründet ist, sodass immer mehr eine Realität die Schäden der anderen ausschließt. Das ist das, worauf es ankommt heute.

Nun, sehr verehrte Anwesende, dasjenige, was ich dargestellt habe, ist vielleicht doch unbequemer für viele als dasjenige, was sich eben diese vielen heute als Lösung der sozialen Frage denken. Denn Sie sehen sehr leicht aus dem, was ich dargestellt habe - wie gesagt, Weiteres am 28. Februar —, Sie sehen aber heute schon aus dem, was ich dargestellt habe, dass man sich gar nicht denken kann: Die soziale Frage ist entstanden, gescheite Leute werden sie lösen, dann wird der Sozialismus da sein. So ist es aber nicht. Das wiederstrebt jeder Entwicklung.

Gewiss, die soziale Frage ist da, weil die menschheitliche Entwicklung in ein neues Stadium ihres Daseins eingetreten ist, weil neue Kräfte aufgetreten sind. Aber seitdem sie da ist, wird bis in alle Zeiten der zukünftigen Menschheitsentwicklung diese soziale Frage nicht mehr verschwinden. Das Wirtschaftsleben wird fernerhin immer mehr eine soziale Frage da sein lassen. Man wird nicht einen Sozialismus erfinden können, der auf einmal die soziale Frage löst. Man wird aber einen gesunden sozialen Organismus gestalten können, indem im fortdauernden Prozesse immerzu durch die lebendige Wirksamkeit der Menschen, von Tag zu Tag, von Jahr zu Jahr, von Epoche zu Epoche die immerwährende soziale Frage im lebendigen Zusammenhange gelöst werden wird. Nicht darf eine solche Lösung der sozialen Frage erfolgen, die man heute ausdenken kann. Nicht auf Einrichtungen weise ich Sie hin, die die soziale Frage aus der Welt schaffen. Sie ist da, sie ist als eine Lebenskraft der zukünftigen Menschheit da. Das Leben dieser zukünftigen Menschheit wird darinnen bestehen, dass diese zukünftige Menschheit etwas wird schaffen müssen, wodurch immerwährend die Lösung der sozialen Frage wird erlebt werden. Eine Bereicherung, nicht eine Verarmung wird das Dasein der sozialen Frage, das Dasein der sozialen Entwicklung sein, ein neues Lebenselement kommt in den sozialen Organismus hinein. Das ist es, worauf es ankommt: Die Selbstregulierung des sozialen Lebens durch die drei relativ selbstständigen sozialen Glieder, darauf kommt es an.

Wenn ich dies bedenke, und wenn ich bedenke, dass das allgemeine Vorurteil, das gegen die Geisteswissenschaft einmal herrscht, das wohl auch angewendet wird, wenn diese Geisteswissenschaft über die soziale Frage spricht, da fällt mir auf der einen Seite ein, dass mir ein sehr bekannter Herr hat sagen lassen, als ihm zu einem gewissen Ziele auseinandergesetzt wurde, was praktisch von mir angestrebt wird, in Bezug auf einen Neuaufbau der krank gewordenen Verhältnisse der zivilisierten Welt - in einem kurz gefassten Aufruf konnte der Betreffende lesen, in wenigen Sätzen zusammengestellt, was ich Ihnen gestern und heute auseinandergesetzt habe - da erwiderte er: er hätte gerade von mir geglaubt, dass ich zur Gesundung der jetzigen menschlichen Lage nicht auf solche wirtschaftlichen Dinge hinweisen würde, sondern auf den Geist.

Nun, sehr verehrte Anwesende, daran sieht man gerade, wie die Schwarmgeister, wie diejenigen, die seit Langem mitgearbeitet haben, das Unglück herbeiführten, auch heute noch nicht sehen wollen, worauf es ankommt. Nicht darauf kommt es an, dass man nur immerfort predigt: Geist, Geist und Geist - nicht darauf kommt es an, dass man heute hineinrufe in die Menschen: Werdet wieder geistig -, sondern darauf kommt es an, dass man diesen Geist verwendet, um in die tatsächlichen Verhältnisse unterzutauchen, die tatsächlichen Verhältnisse zu beherrschen so, wie sie sich entwickeln müssen der Wirklichkeit gemäß. Auf das, wie der Geist angewandt wird im Leben, darauf kommt es an. Nicht darauf, in abstrakter Weise immer wieder hinzuweisen darauf: Geist, Geist, Geist muss wiederum in die Menschheit gestellt werden, dann geht alles gut.

Das ist das eine, was mir einfällt. Das andere, was einem einfällt gegenüber dem, was die gescheiten Leute sagen, ja was will denn der Geisteswissenschafter in der sozialen Frage? Dem möchte ich erwidern: Er will gerade da auch, wie sonst auch, auf die wahre Wirklichkeit das menschliche Denken und Empfinden und Wollen einstellen. Da fällt mir ein der arme Knabe, der einmal als dienendes Organ saß an einer Newcomen’schen Dampfmaschine. Er hatte die zwei Hähne abwechselnd herauszunehmen und hereinzustoßen, welche auf der einen Seite das Kondensatwasser, auf der anderen Seite den Dampf einlassen. Und da bemerkte dieser Knabe, dass oben der Balancier auf- und abspringt. Da fiel ihm ein, weil er nun keine Theorien ausbildete, sondern an der Maschine selbst stand, da fiel ihm ein: Wie wäre das, wenn ich nun zwei Schnüre nehme, das eine Mal an der einen, das andere Mal an der anderen ziehen würde? Und siehe da, der Balancier ging auf und ab, und ganz von selber machte sich das, dass der eine Hahn zur rechten Zeit aufging und wieder herunterkam und der andere von der anderen Seite. Und der Knabe konnte zuschauen! Sehen Sie, da hätte können einer vom Schlage derjenigen Menschen, die alles, was von der Wirklichkeit aus beobachtet wird, schlecht beobachten und sagen: Du nichtsnutziger Junge, was machst du da! Weg mit den Schnüren. - Die Weltgeschichte hat es anders gemacht. Die Weltgeschichte hat hervorgehen lassen aus diesem anfangs armen Knaben, der den Hahn an den Balancier angebunden hat, die Selbststeuerung der Dampfmaschine, eine der wichtigsten modernen Erfindungen, eine der Erfindungen, die am umfassendsten eingegriffen hat in das moderne technische Leben.

Nicht etwa aus Unbescheidenheit, und nicht um etwas für denjenigen zu charakterisieren, der in der hier vertretenen Lehre schon drinnensteht, sondern um diejenigen zu charakterisieren, die kommen möchten, um gegenüber dem sozialen Aperçu, das ich vorgetragen habe, etwa so zu sprechen vom Standpunkt ihrer Gescheitheit herunter, wie einer gesprochen hätte, der gesagt hätte: Dummer Junge, rasch weg mit demjenigen, was du da machst, was treibst du da für Unsinn? Lass das bleiben! - Nur denen möchte ich das sagen, was mir da einfällt mit Bezug auf den kleinen arbeitenden Jungen, wie ich es Ihnen gesagt habe. Denn einsehen werden die Menschen ja doch bald müssen, diejenigen, die es nicht mit dem Verstande können, werden es einsehen müssen mit dem Leben und mit der Empfindung -, einsehen werden sie müssen, dass sie heranzutreten haben wirklichkeitsgemäß an die Wirklichkeit der sozialen Frage. Sie ist da; sie ist, während sie lange Jahrzehnte an die Pforte des Menschenlebens geklopft hat, zur Türe hereingekommen. Sie wird sich nicht wiederum durch irgendjemanden herauswerfen lassen. Das Hinauswerfenwollen wird die schlechteste Politik sein. Aber es wird auch schlimm sein, wenn man nicht zur rechten Zeit hört auf dasjenige, was notwendig gerade über die soziale Frage gesprochen werden muss. Denn dann könnte es sein, dass eine Verständigung von Mensch zu Mensch, überhaupt über die Klassen hin, nicht mehr möglich ist, weil die Instinkte zu stark entfesselt worden sind. Man schaue hin auf die Feuerzeichen, die heute am Horizont der Welt aufsteigen, und man wird empfinden: Man muss sich mit dem hier Behandelten beschäftigen, sonst könnte es eben durch die Entfesselung der menschlichen Instinkte, die nicht mehr beruhigt werden könnten - vielleicht in Jahrzehnten nicht -, sonst könnte es wohl zu spät werden!

German original of Realistic Attempts to Solve the Social Questions on the Basis of a Spiritual-Scientific View of Life · ← Previous · Next →