The Big Questions of our Time and Anthroposophical Spiritual Knowledge
GA 336 — 26 February 1919, Basel
6. Die Soziale Frage
Sehr verehrte Anwesende! Dasjenige, was man gegenwärtig die soziale Frage nennt, hat sich ja am Horizonte des neuzeitlichen geschichtlichen Werdens mehr als ein halbes Jahrhundert lang gezeigt, und die Menschheit hätte Gelegenheit gehabt, darüber nachzudenken, was sich ausspricht in den sozialen Forderungen der mit dieser Frage gemeinten Bewegung. Die Menschen haben auch im Laufe dieser Zeit Maßnahmen getroffen, kleinere, mittlere, größere, umfangreicher gedachte staatliche, durch die man so, wie man es am besten verstanden hat, diese Forderungen zu befriedigen versuchte. Aber jetzt, da aus der furchtbaren kriegerischen Katastrophe der letzten Jahre diese soziale Frage, die demgegenüber, was jetzt ist, doch vorher mehr in den Unterströmungen des menschlichen Lebens vorhanden war, jetzt, da diese Frage durch manche recht sehr in Schrecken versetzende Tatsachen in eine ganz neue Gestalt eingetreten ist, kann man gegenüber diesen Tatsachen, wenn man von ihnen überhaupt lernen will, nicht die Frage aufwerfen, warum alles dasjenige, was die Menschen versucht haben, sich zum Verständnis dieser sozialen Frage anzueignen, unzulänglich ist. Erweist es sich nicht, dass die Menschen in vieler Beziehung heute nicht nur überrascht worden sind durch die Gestalt der Tatsachen, von denen sich wahrlich die meisten nicht haben träumen lassen, dass sie so kommen werden dereinst, es sich nicht haben träumen lassen, dass diese Tatsachen alles dahin bringen müssen, was in der menschlichen Seele sich hinrichten kann auf diese soziale Frage, dass sie in einem gewissen Sinne umzulernen, umzudenken haben?
Man konnte schon, sehr verehrte Anwesende, während der kriegerischen Katastrophe sehen, wie die niedergehaltenen Kräfte dieser Bewegung an die Oberfläche des Lebens drangen. Gar manche Persönlichkeit, die durch ihr Wort, durch ihren Rat irgendetwas hat beitragen können zur Hemmung oder zur Förderung desjenigen, was 1914 zu der furchtbaren Kriegskatastrophe drängte, die hat sich dazumal bewogen gefühlt, zu diesem Kriege zu drängen, weil sie glaubte, dass ein Waffensieg ihres Landes retten werde diejenigen Mächte, gegen die sich die soziale Bewegung richtet, vor dem, was ihnen drohte. Aber solche Persönlichkeiten haben sich überzeugen müssen im Laufe der letzten Jahre, dass sie unter schweren Illusionen ihre Entschlüsse gefasst haben, denn nicht haben sie können durch dasjenige, was sie erreicht haben, irgendwie die an die Oberfläche sich bewegenden sozialen Kräfte zurückdrängen, sondern im Gegenteil, sie haben - man kann so sagen, die Tatsachen lehren es - das Feuer erst recht geschürt. Und wiederum während der Kriegskatastrophe — die anderen weltbewegenden Mächte haben die Menschheit in ein Chaos hineingetrieben, in ein furchtbares Unglück; da tauchte während der Katastrophe da und dort in weiten Kreisen die Hoffnung auf, dass gerade aus den Reihen des internationalen Proletariats und seiner Führer diejenigen Menschen erstehen werden, welche wiederum Ordnung hineinbringen werden in das Chaos, das sich herausgebildet hatte.
An alledem kann man ersehen, dass gerade bei diesen Kriegskatastrophen diese soziale Bewegung erst ihre krisenhafte Gestalt erlangt hat. Und nun, nachdem die Katastrophe selbst in eine Krise eingetreten ist —, was zeigt sich nun? Tatsachen zeigen nicht, sehr verehrte Anwesende, ob gegenüber alles desjenigen, was geschicht, gegenüber diesen Tatsachen [alles] von einer tiefen Tragik erfasst ist. Menschen, sowohl solche, welche Bekenner der modernen sozialistischen Weltanschauungen sind, wie solche, die Gegner sind, sie zeigen überall, dass die Gedanken, die sie gemacht haben, zu denen sie gekommen sind, dass die Vorbereitungen, die sie getroffen haben, überall diesen Tatsachen nicht gewachsen sind. Die Tatsachen wachsen den Menschen über den Kopf, so kann man wohl angesichts der heutigen Weltenlage sagen.
Da rechtfertigt es sich, darüber nachzudenken, ob denn die Vorstellungen, die man gehegt hat im Laufe langer Jahrzehnte, wirklich die rechte Gestalt der sozialen Frage trafen. Ob sie den wahren Charakter ins Auge fassten? Ob nicht vielleicht in den Untergründen der Seele des Proletariats etwas ganz anderes west und wirkt als dasjenige, was man in den Vorstellungen zu erfassen suchte? Ob nicht vielleicht in der Tiefe dieser Proletarierseelen etwas ganz anderes vorhanden ist als dasjenige, was der Proletarier selber glaubt, dass es in ihm wirke und fordere?
Nun, gerade in den Kreisen der heute sozialistisch Denkenden findet man eine wahre Geringschätzung des geistigen Lebens. Derjenige aber, der mit einer gewissen Lebenseinsicht verfolgen konnte die proletarische Bewegung der letzten Jahrzehnte, der muss sich sagen, dass eigentlich in dieser Ablehnung gerade des geistigen Lebens, der geistigen Kultur, in dieser Geringschätzung der geistigen Kultur vonseiten des Proletariates, dass darinnen gerade sich etwas außerordentlich Bedeutungsvolles ausdrückt, das den Weg weist wenigstens zu einem in der wahren Gestalt der modernen sozialen Bewegung. Wenn man verstanden hat im Laufe der letzten Zeit, nicht bloß von irgendeinem theoretischen oder ganz gelehrten Standpunkt aus nachzudenken über das Proletariat, sondern wenn man mit dem Proletariat zu leben verstanden hat, dann konnte man merken, dass in dieser Ablehnung des geistigen Lebens etwas viel, viel Tieferes steckt, als man gewöhnlich glaubt. Und hingewiesen wird man, was darinnen eigentlich steckt, wenn man ein gewisses Wort, das man immer wieder und wiederum aus dem Munde proletarischer Menschen hören konnte, auf seinen wahren Gehalt hin prüft. Es ist ein Wort, das bedeutsam herausleuchtet aus der modernen proletarischen Bewegung, es ist das Wort: Klassenbewusstsein des Proletariats. Klassenbewusst sei er geworden, so sagt der moderne Arbeiter. Und er meint damit, es sei um sein Bewusstsein nicht so wie in alten Zeiten, wo aus gewissen Instinkten heraus der Mensch sich in Abhängigkeit von diesem oder jenem anderen Menschen begeben hat, um bei ihm zu arbeiten, auch sein Verhältnis zu diesen Arbeitgebern mehr instinktiv, mehr unbewusst eingerichtet hat -, der moderne Arbeiter weiß sich klassenbewusst. Das heißt, dass er sich richtet nach bestimmten Gedanken, die er sich über seine Würde als Mensch, über seinen Wert als Mensch, über seine Stellung als Mensch in der Gesellschaft macht. Nach diesem richtet er ein das Verhältnis, in das er eingehen will zu denjenigen, von denen er die Arbeit nimmt. Was er vorstellt in der Welt, das drückt er mit diesem Worte «klassenbewusst» aus. Und an dieses Klassenbewusstsein schließt sich dann eine gewisse Empfindung, ein gewisses Gefühl. Es ist dieses, dass nur dann, wenn der Arbeiter die volle Konsequenz zieht dieses Klassenbewusstseins, wenn er sich so verhält in seiner gesellschaftlichen Stellung, wie dieses Klassenbewusstsein in ihm sich zu verhalten zur Menschenpflicht macht, dann werde er dasjenige zuerst erreichen, dasjenige Ziel, das ihm vorschweben muss im wahren Sinne des Wortes: der Mensch zu werden, der er nach einer gerechten Weltordnung zu sein begehren kann.
Man kann nun prüfen, sehr verehrte Anwesende, wie sich im Laufe der neueren Zeit das herausgebildet hat, was sich in dem Worte «klassenbewusstes Proletariat» verbirgt. Da wird man weiter zurückgehen müssen in der Zeitgeschichte. Und es ist ja auch oft hingewiesen worden auf diejenige Wende der Zeit, bis zu welcher man, um Aufklärung dieser Frage zu erlangen, zurückgehen muss. Immer wieder und wiederum hat man betont, wenn man nachdenken wollte über den Ursprung der modernen Proletarierbewegung, wie am Horizonte der Menschheit heraufgezogen ist die moderne Technik, wie diese moderne Technik hervorgerufen hat den modernen Kapitalismus; wie Technik und Kapitalismus das alte Handwerk zerstört haben, wie sie den Arbeiter weggerufen haben von dem, was seine eigenen Produktionsmittel waren, zu dem umfänglichen Produktionsmittel der modernen Fabriken und der modernen Technik. Und man hat aus alledem, was man da ersehen konnte, aus dem geschichtlichen Werden, sich die Vorstellung gebildet, dass moderne Technik und der mit ihr verbundene moderne Kapitalismus eigentlich das Proletariat hervorgebracht haben.
Allein, sehr verehrte Anwesende, darauf kommt es nun nicht an, dass man einsieht: Moderne Technik, moderner Kapitalismus haben das Proletariat sozusagen gemacht; sondern darauf kommt es an, was der Proletarier selber geworden ist an der Maschine, in der Technik, durch sein Einspannen in den modernen kapitalistischen Wirtschaftsprozess. Und wenn man sich eine dahingehende Frage vorlegt, dann zeigt sich für den, der die Dinge versteht, im Geschichtlichen Parallelen zu betrachten, etwas außerordentlich Bedeutungsvolles. Dann erinnert man sich unwillkürlich an eine andere große Bewegung in der Weltgeschichte. Man erinnert sich an die Ausbreitung des Christentums von Asien herüber, durch Griechenland und Rom nach dem Norden — nach jenem Norden, wo dazumal, während sich das Christentum ausbreitete, Barbarenhorden gegen den Süden zogen, mit elementareren Empfindungen, als sie die Bewohner des Südens hatten. Und eine merkwürdige geschichtliche Erscheinung trat dazumal ein: Das Christentum, das sich dann als Weltbewegung erwiesen hat, es zog ja in einer gewissen Weise auch bei den Menschen, bei den hochgebildeten Menschen Griechenlands, bei den Menschen des Römischen Reiches ein. Allein in der Art und Weise, wie es in diesen Gegenden der damaligen Zivilisation eingeschlagen hat, zeigt sich zugleich, dass es nicht das geworden wäre, was es in der Weltgeschichte geworden ist, wenn es nur hätte kommen können zu den Griechen und Römern. Die Griechen und Römer hatten eine hoch entwickelte Intelligenz, sie hatten eine hoch entwickelte Weisheit; aber zu gleicher Zeit war diese Intelligenz, diese Weisheit, ich möchte sagen, so, wie eine über[reife] Frucht, in einem gewissen Niedergangsprozesse. Und gerade diese hoch ausgebildete Intelligenz, dieses hoch ausgebildete Geistesleben des europäischen Südens konnte weniger stark und intensiv die Impulse des Christentums aufnehmen als die elementaren Gemüter der Barbaren, die vom Norden heranrückten; und in der unverbrauchten Intelligenz, in den unverbrauchten Geisteskräften dieser anrückenden Völkerschaften des Nordens schuf das Christentum die Impulse, durch die es dasjenige geworden ist, was seine eigentliche Schlagkraft in der Weltgeschichte zeigt.
In der von Norden gegen Süden gehenden Völkerwanderung muss zu gleicher Zeit die erste [Geschichte] des Christentums studiert werden.
Ein Fehler aber, sehr verehrte Anwesende ist es auch, womit die moderne proletarische Bewegung begann, und was sie eigentlich im Grunde noch immer darlebt, und noch lange darleben wird. Nur haben wir es da zu tun mit einer Völkerwanderung, die gewissermaßen nicht in horizontaler Linie verläuft, sondern die darinnen besteht, dass Menschenmassen, die vorher bloß sich führen ließen, nach aufwärts streben, zustreben derjenigen Bewusstseinsform, derjenigen Intelligenz, derjenigen Entschlussfähigkeit, die die führenden Klassen haben: eine, man möchte sagen, in vertikaler Linie verlaufende Völkerwanderung!
Aber dieser in vertikaler Linie verlaufenden Völkerwanderung gegenüber trat eben ganz anderes ein als dem Christentum gegenüber. Dem Christentum konnten die hoch entwickelten Griechen und Römer dasjenige geben, was einschlug in die elementarischen, in die primitiven Herzen, in die nördlichen Barbarenherzen der anstürmenden Bevölkerung. Und diese Letzteren brauchten das, lechzten in einer gewissen Beziehung nach dem aus ihrem Gemüte heraus, was ihnen die höher entwickelten Griechen und Römer brachten.
Ein besonderes Geistesgeschenk mit einer starken Stoßkraft in die Seelen hinein - das war es, was das Christentum den primitiven Gemütern des Nordens brachte. Was aber konnten die herrschenden Klassen in der neuen Völkerwanderung machen, was konnten sie den von unten nach oben stürmenden Proletariermassen bieten?
Ich sage nicht, sehr verehrte Anwesende - ich bitte, das ausdrücklich zu berücksichtigen -, ich sage nicht: Sie konnten ihnen bieten die moderne Wissenschaft; sondern ich sage: Sie konnten ihnen bieten diejenige menschliche Gesinnungsrichtung, diejenige menschliche Vorstellungsart, die mit dieser modernen Wissenschaft verbunden ist. Und die anstürmenden Proletariermassen drängten geradezu hin nach dieser Vorstellungsart, nach dieser Entgegennahme der modernen wissenschaftlichen Denkungsart. Warum drängten sie dahin? Sie drängten deshalb dahin, weil sie herausgerissen, heraus aus den alten Lebenszusammenhängen gerissene Menschen waren.
Betrachten wir das Handwerk, wie es sich entwickelt hat bis zum dreizehnten und vierzehnten Jahrhundert, noch bis ins spätere Mittelalter hinein. Wir werden sehen, da steht der Mensch bei dem, was ihn zur Produktion anfeuert. Da steht er bei dem, was ihm die wirtschaftliche Produktion möglich macht. Und aus seinem Berufe heraus erwächst ihm nicht nur eine äußerliche Berufsehre, sondern etwas erwächst ihm, was ihm die Empfindung gibt: Er ist etwas wert in der menschlichen Gesellschaft, er steht in einer gewissen Weise da. Die Menschenwürde ist in dieser menschlichen Gesellschaft darinnen. Das Handwerk war wert demjenigen, der es übte. Das Handwerk flößte der Seele etwas ein, was diese Seele trug. Nicht so bei denjenigen, die aus ihren Lebenszusammenhängen herausgerissen wurden und in die öde Fabrik hineingeführt wurden, an die Maschine gestellt und in den [den] Menschen fremden Kapitalismus eingespannt wurden. Diese Menschen empfingen nichts aus ihrer Umgebung heraus. Fremd war alles dasjenige, was ihnen entgegenfloss aus ihren Arbeitsmitteln, aus ihrer Arbeitsumgebung. Worauf waren sie gewiesen, wenn sie die Frage aufstellten: Was bin ich als Mensch in der Welt? Was bedeute ich in der menschlichen Gesellschaft? Auf ihr Inneres waren sie gewiesen, auf dasjenige, was laut aus der Seele aufsteigen kann, was von dem Inneren aus dem Menschen sagen kann: Das bedeute ich in der Welt als Mensch. — Aber es ist ganz selbstverständlich, dass nicht aus einer inneren Intuition heraus, aus einer inneren Erleuchtung heraus Antwort kommen konnte diesen Leuten auf Fragen nach ihrer Menschenwürde, nach ihrem Menschenwert. Sie sahen sich um nach demjenigen, was die führende Klasse ihnen bieten konnte. Geradeso, wie angenommen haben die von Norden anstürmenden Barbarenmassen früher das Christentum, so wollten annehmen, wollten annehmen die modernen Proletariermassen dasjenige, was ihnen an Geistesleben entgegengebracht werden konnte, was ihnen an einer gewissen Weltanschauungsgesinnung entgegengebracht werden konnte von denjenigen führenden Klassen, die solches Geistesleben, solche Gesinnung hatten.
Man darf das nicht verkennen, sehr verehrte Anwesende. Es wurde oftmals ganz und gar verkannt, dass mit einem gewissen, ich möchte sagen, unbewussten Vertrauen die moderne Arbeitermasse den führenden Klassen entgegenkam und verlangte von ihnen: Gebt uns aus eurem Wissen, aus der Wissenschaft heraus, zu der ihr es gebracht habt, Auskunft, was der Mensch eigentlich bedeutet in der Welt!
Wie war aber diese wissenschaftliche Denkungsweise? Wie war dasjenige, was als eine wissenschaftlich orientierte Vorstellungsart das Bürgertum ausbildete ungefähr gleichzeitig mit dem Heraufkommen der modernen Technik und des modernen Kapitalismus? Das war so, dass selbstverständlich alles dasjenige, was geschehen ist, auch in einem gewissen Sinne historische Notwendigkeit ist. Man kann gewissermaßen hypothetisch sagen: Dasjenige, was nun das Bürgertum zu bieten hatte dem Proletariat an Geistesleben, das war zwar wissenschaftlich geartet, das war gerade die Errungenschaft der neu heraufkommenden Wissenschaft; aber man hatte in den führenden Klassen nicht verstanden, hineinzugeheimnissen in diese wissenschaftliche Gesinnung die Stoßkraft des geistigen Lebens, die den alten Weltanschauungen eigen war.
Man braucht sich da nur zu erinnern an dasjenige, was an solcher Stoßkraft in alten religiösen, in alten künstlerischen Vorstellungen lebte, in allgemeinen Weltanschauungsvorstellungen lebte. Diese Vorstellungen waren geeignet, dem Menschen etwas zu geben, das seine Seele trug, seine Seele ganz ausfüllte, seiner Seele zeigen sollte, wie diese Seele zusammenhing mit einer über der bloßen Natur stehenden geistigen Welt.
Das konnte die moderne wissenschaftliche Vorstellungsart nicht. Gerade das war man — gewiss, es war notwendig, aber man kann es doch so charakterisieren: Es war so, dass sich die alten Weltanschauungen, und ihre Träger namentlich, sogar feindlich stellten gegen dasjenige, was als moderne wissenschaftliche Gesinnung heraufgezogen ist. Man verstand nicht, dieser Wissenschaft etwas mitzugeben, was ein Seelentragendes gewesen wäre. Und so wurde diese Wissenschaft wohl geeignet, dem Menschen Aufklärung zu geben über die Natur und über die Art, wie er selbst in der Natur drinnensteht; aber unmöglich konnte diese Wissenschaft in allem Ernste dem Menschen etwas sagen über diejenigen Fragen, die in seinem tiefsten Inneren auftauchten: Was bin ich als Mensch?
So brachte, man möchte sagen, das Proletariat den führenden Klassen wohl Vertrauen entgegen; aber dieses Vertrauen, das wurde, wenn das auch selbst heute noch nicht voll gewusst wird von dem Proletariat, so muss man es sagen: Dieses Vertrauen wurde getäuscht. Das Proletariat glaubte, in der modernen Wissenschaft etwas finden zu können, was ihm Bekenntnis, was ihm gewissermaßen Religion werden könnte, und was fand es? Da gibt es wiederum ein Wort, das hell leuchtet auf dasjenige, was in den modernen proletarischen Seelen lebt und vorgeht. Es gibt das Wort, das man in proletarischen Schriften, in proletarischen Versammlungen immer wieder und wieder hören kann, das Wort, das proletarische Führer immer auf der Zunge haben - es gibt das Wort «Ideologie».
Was meint das Proletariat, wenn es von Ideologie spricht? Es meint das, dass das gesamte Geistesleben: Wissenschaft, Kunst, Religion, Recht, Sitte, Sittlichkeit, dass das alles nicht etwas ist, was eine innere, über der Natur stehende geistige Wirklichkeit in sich birgt, sondern dass das alles nur auf Ideen beruht, die bloß die Spiegelbilder, ein bloßer Abglanz sind desjenigen, was draußen im materiellen Leben vorgeht. Herabgelähmt so weit war das Geistesleben, das die bürgerliche Klasse dem Proletariat übergab, herabgelähmt war das so weit, dass die proletarische Klasse es nach und nach nur als Ideologie empfinden konnte, dass sie nicht mehr in ihm etwas spürte, was als Wirklichkeit die Seele trug, sondern in ihm spürte nur wesenlose, unwirkliche Spiegelbilder der äußeren materiellen Wirklichkeit.
Und welches war für den Proletarier diese äußere materielle Wirklichkeit? Nur das Wirtschaftsleben, in das er eingespannt war, nur die Maschine, die Fabrik. Die nur gab ihm der öde Kapitalismus, in den er gesellschaftlich hineingestellt war. Und so zeigte sich dieses, dass nunmehr bei dieser neuen Völkerwanderung von unten nach oben auch die Menschen verlangten nach einer geistigen Nahrung, dass ihnen aber eine geistige Nahrung nur geboten wurde, die nach und nach die Seelen aushöhlte, die nach und nach die Seelen öde machte.
Und was war die Folge davon? Die Folge davon war, dass Forderungen auftraten im modernen Proletariat, die nicht beleuchtet sein konnten von dem Impuls irgendeines geistigen Lebens, die sich gewissermaßen als bloße Instinkte geltend machen mussten. Indem das Proletariat das Geistesleben, das ihm vererbt worden ist von den führenden Klassen, als Ideologie empfindet, muss es dieses Geistesleben auf der einen Seite ablehnen, muss aber auf der anderen Seite dieses Geistesleben auch so wirken lassen, dass ihm genommen wird die Möglichkeit, die es darinnen gesucht hat in diesem Geistesleben, durch dieses Leben zu fühlen, was er als Mensch ist, wodurch er sich hineinstellt in die ganze wissenschaftliche Ordnung.
Mit diesen Andeutungen, sehr verehrte Anwesende, glaube ich berührt zu haben das eine Glied in der modernen proletarischen, in der modernen sozialen Bewegung. Überhaupt, mehr als man glaubt, ist diese Bewegung eine geistige Bewegung, nicht aber eine solche, auf die das Geistige in segensvoller Weise gewirkt hat. Aus dem Vertrauen zu dem Geistesleben der führenden Klassen ist Misstrauen geworden. Und in den Tatsachen, die heute für viele so schreckhaft dastehen, erlebt man die Konsequenzen dieses Misstrauens. Ja, wie sich die Dinge an der Oberfläche abspielen, wie sie sich in der menschlichen Vorstellung ausleben, das ist manchmal nicht das Wesentliche, nicht das Maßgebende; in dieser Beziehung missversteht sich der Mensch oftmals selbst. Dasjenige, was unten [in der wahren Tiefe] der Seelen wühlt, das ist dasjenige, worauf es ankommt. Und wenn er es auch noch so wenig zugibt, der moderne Proletarier, in den Tiefen seiner Seele lechzt er nach etwas, was diese Seele tragen kann. Und wenn er glaubt, es in der landläufigen wissenschaftlichen Gesinnung zu finden, zu finden mit seiner Vorstellung, seinen Gedanken, so sagt ihm das unbewusste Gefühl, dass er mit seiner ganzen Lage unzufrieden sein muss, weil ihm gewissermaßen diese moderne wissenschaftliche Gesinnung doch nur zeigt die Nichtigkeit des Menschen.
In dieser Beziehung ist ein großer Unterschied, ein gewaltiger Unterschied zwischen dem, was noch das Bewusstsein der führenden Klassen durchflößt, und demjenigen, was durchflößt das Bewusstsein des Proletariers.
Sehr verehrte Anwesende, diese Dinge muss man erlebt haben so, wie sie sich elementar abspielen in dem strebenden Proletariat selbst. Wenn ich etwas Persönliches hier einschalten darf: Ich erinnere mich sehr genau einer Szene mit allen ihren Einzelheiten, die ich unter anderem auf diesem Gebiete erlebt habe, als ich vor Jahren gleichzeitig auf dem Vortragspult stand mit der jüngst so tragisch umgekommenen Rosa Luxemburg. Gerade in dieser Szene zeigte sich mir die tiefe Kluft, welche besteht und immer mehr und mehr sich vergrößern musste zwischen den führenden Klassen und dem anstürmenden Proletariat. Man konnte als bürgerlicher Mensch, als Mitglied der führenden Klasse gut überzeugt sein von dem, was die moderne Wissenschaft über den Menschen lehrt, man konnte theoretisch ein Freigeist sein, man konnte theoretisch sogar Atheist sein, aber mit dem, was in den Gefühlen lebte, stand man drinnen in einem Lebenszusammenhang und wollte auch darinnen bleiben, selbst wenn man ein Naturforscher wie Vogt oder ein naturwissenschaftlich-psychologischer Forscher wie zum Beispiel Büchner war, wollte darinnen bleiben, trotz aller theoretisch-wissenschaftlichen Überzeugung, in dem, was ein Lebenszusammenhang war, der wahrhaftig nicht von der modernen Wissenschaft bestimmt war, sondern von alten Weltanschauungsimpulsen. Da wirkte die Wissenschaft zwar theoretisch überzeugend, aber es entstand in der Seele nicht der Anspruch, durch diese Wissenschaft ganz ausgehöhlt zu werden. Anders beim modernen Proletarier. Ich erinnere mich an die Worte genau, die in ihrer Rede über die Wissenschaft und die Arbeiter damals die Rosa Luxemburg sprach, wie sie den Arbeitern klar machte, dass die neuere wissenschaftliche Denkweise endlich den Menschen in wahrer Art über sich aufgeklärt hat, wie der Mensch jetzt wissen kann, dass er nicht seinen Ursprung hat, der in der Nähe von Engeln liegt oder irgendwelchen geistigen Wesen, wie der Mensch seinen Ursprung hat, indem er einstmals in unanständiger Weise kletternd auf Bäumen sich bewegte, und anderes dergleichen mehr. Solchen Ursprungs, sagte sie, auf solchen Ursprung ginge der Mensch zurück, und wer das bedächte, der müsse sich zugeben, welch ungeheures Vorurteil in all den Rangunterschieden, in all den Standesunterschieden, innerhalb der menschlichen Gesellschaft herrschend sind. Aus einem solchen Aufklären über den Menschen als Menschen, aus einem solchen Hinstellen des Menschen in die Naturordnung, nicht in eine geistige Weltordnung, folgte für den Proletarier noch etwas ganz anderes als für den Angehörigen der bürgerlichen Klasse. Das gab dem modernen Proletarier sein Seelengepräge. Das machte ihn zu dem, was er eigentlich ist.
[Sagen] Sie nicht, sehr verehrte Anwesende, wie viele Proletarier gibt es, die sich mit solchen Dingen beschäftigen. Wie weit ab liegt die proletarische Brotfrage oder Stellungsfrage von dem, was solche Weltanschauungsfragen berührt! Wenn Sie dieses sagen, so bezeugen Sie damit nur, wie wenig Sie kennen die Wirklichkeit der proletarischen Bewegung. Mag der einzelne Proletarier noch so ungebildet sein nach der Ansicht der führenden Klasse, mag er noch so wenig gehört haben von den Dingen, die ich eben angedeutet habe - innerhalb der proletarischen Klasse ist er so eingeordnet, dass tausend Fäden führen, von den vielleicht wenigen Wissenden, dass tausend Fäden führen von solchen Dingen zu ihm. Und die radikalsten Handlungen, die radikalsten Maßnahmen, die heute die führenden Kreise erschrecken, die vom Proletariat ausgehen, sie stehen in einem wirklichen Zusammenhange mit der geistigen Richtung, mit dem geistigen Gepräge, welche das Proletariat erlangt hat.
So ist die proletarische Frage in einem ihrer Glieder mehr, als man meinen könnte, eine geistige Frage. Aber sie ist nicht allein eine geistige Frage. Sie ist in zweiter Linie dasjenige, was man eine Rechtsfrage nennen kann. Denn noch etwas anderes geschah in derselben Zeit, in der sich die moderne Technik, der moderne Kapitalismus ausbildeten. Es geschah eine gewisse Hinlenkung der menschlichen Interessen an das staatliche Leben.
Auch was da geschah, verkennt man vielfach heute. Geschichte ist ja eigentlich so, wie sie gelehrt wird, heute gewöhnlich nur eine Art fable convenue. Die Menschen stellen sich heute vor, so, wie der Staat heute ist, war er ungefähr so das ganze geschichtliche Leben hindurch. Das ist aber nicht der Fall. Dasjenige, worauf es im staatlichen Leben heute ankommt, das hat sich eigentlich erst herausgebildet in den letzten vier Jahrhunderten. Es hat sich dadurch herausgebildet, dass die führende Klasse in dem Staate etwas sehen konnte, was ihren Interessen dient. Der Staat ist den führenden Klassen ein Instrument für dasjenige, was nicht gerade ihre Interessen [Lücke in der Mitschrift] im Laufe früherer Zeiten herausgebildet hatte. Und die Folge davon war, dass die leitenden, die führenden Klassen im Staate zu verwirklichen suchten dasjenige, was sie ihre Rechte nannte. Man kann es geschichtlich verfolgen, wie das Eigentumsrecht, wie andere Rechte sich nach und nach dadurch herausgebildet haben, dass immer mehr und mehr die führenden Klassen der Menschheit ihre Interessen verbanden mit dem Staatsleben.
Aber der Arbeiter ward an die Maschine gerufen, ward in die Fabrik gesteckt, ward eingespannt in den seelenlosen Kapitalismus. Für ihn blieb ein Recht unverwirklicht bei der Verwirklichung der Rechte im modernen Staatsleben. Und dieses unverwirklichte Recht, das brachte einen der stärksten Impulse der modernen sozialen Bewegung herauf. Dieses unverwirklichte Recht, es entstand dadurch — oder vielmehr, das entsprechende Recht entstand nicht, weil der Arbeiter ganz und gar hineingestellt wurde in das bloße Wirtschaftsleben, in das bloße äußere ökonomische Dasein, in dasjenige, was sich nur ausspricht in Warenproduktion, Warenzirkulation und Warenkonsumtion. Und innerhalb dieses wirtschaftlichen Daseins stellte es sich heraus, dass ein wichtiger Faktor wurde innerhalb dieses wirtschaftlichen Lebens bei der Produktion der Waren, auch im modernen technischen Sinne, die menschliche Arbeitskraft! Was ist geworden diese menschliche Arbeitskraft? Diese menschliche Arbeitskraft wurde selber zur Ware. Andere, die objektive Waren hatten, boten sie auf dem Warenmarkte an; die Waren wurden gekauft, werden gekauft. Der Arbeiter hat nichts zu verkaufen als seine Arbeitskraft. Und diese Arbeitskraft nahm den Charakter der Ware an. Geradeso wie andere Waren unterlag sie dem Gesetze von Angebot und Nachfrage. Das lernte fühlen der moderne Proletarier, und tief, tief drang es in seine Seele ein, das Bewusstsein: Ja, es ist menschenunwürdig, ein Stück von sich selbst als Ware zu wissen innerhalb der menschlichen gesellschaftlichen Ordnung.
Was dieser Impuls bedeutet, davon bekommt man ein Verständnis, verehrte Anwesende, wenn man immer wieder und wiederum gesehen hat, wie es einschlug in die Herzen der Proletarier. Was ihnen zum Beispiel aus dem Marxismus und ähnlichen sozialistischen Bekenntnissen in die Seelen floss, wo ihnen klargemacht wurde, durch die moderne kapitalistische Produktionsweise sei ihre Arbeitskraft zu einer gewöhnlichen Ware geworden. Das verstand aus dem eigenen Leben heraus der Proletarier. In dem drückt sich aber die soziale Frage in einem zweiten Punkt, in einem zweiten Gliede in ihrer wahren Gestalt aus. Allerdings glaubt der moderne Proletarier, dass es ganz erklärlich sei, dass das moderne Wirtschaftsleben seine Arbeitskraft zur Ware gemacht hat, und er glaubt sogar, dass die Weiterentwicklung dieses Wirtschaftslebens seiner Arbeitskraft den Charakter der Ware wiederum nehmen werde. Aber dieser Glaube ist eitel. Dieser Glaube ist nur an der Oberfläche des Bewusstseins. In den Tiefen der Seele fühlt der Proletarier etwas anderes. In den Tiefen der Seele fühlt er, dass diese Arbeitskraftfrage nichts weiter ist als eine Fortsetzung desjenigen, was sich innerhalb der Menschheit ausdrückt auf dem Wege vom Sklaventum durch die Leibeigenschaft eben bis zu dem modernen Proletariat, das seine Arbeitskraft zu Markte zu tragen hat.
In anderen Zeiten konnte man den ganzen Menschen kaufen als Sklave. Dann ist die Zeit, wo man weniger vom Menschen, aber immerhin noch ein gutes Stück von ihm innerhalb des wirtschaftlichen Lebens kaufen konnte, in der Leibeigenschaft. In der neueren Zeit innerhalb der kapitalistischen Wirtschaftsordnung kann man nur die Arbeitskraft kaufen, aber der ganze Mensch muss mitgehen, wenn man seine Arbeitskraft kauft. Der ganze Mensch kommt dadurch in eine Abhängigkeit von demjenigen, der ihm die Arbeit gibt, die er als menschenunwürdig empfindet. Und Verständnis kann man dieser Sache nur entgegenbringen, wenn man gewahrt, dass man es in dieser Frage über die menschliche Arbeitskraft nun zu tun hat mit einer Rechtsfrage.
Ich sagte vorhin: Der Arbeiter ist zu kurz gekommen. Sein Arbeitsrecht wurde nicht verwirklicht im modernen Staatsleben. Er wurde in das Wirtschaftsleben hineingeworfen, und aus dem Wirtschaftsleben heraus gestaltete sich das Verhältnis seiner Arbeitskraft zu den übrigen Faktoren der menschlichen Gesellschaft.
Immer mehr und mehr machte sich in dem Unbewussten der Drang geltend, sich herauszureißen aus diesem Wirtschaftsleben, sich herauszureißen und sich hineinzutragen in ein anderes Gebiet, wo die Arbeitskraftfrage nicht eine bloße Wirtschaftsfrage ist, wo sie zu einer Rechtsfrage wird. Das steckt eigentlich in der Arbeitskraftfrage: die Umwandlung der Arbeitskraft aus einem wirtschaftlichen Faktor in einen Rechtsfaktor. Dies ist die wahre Gestalt der zweiten Gliederung der sozialen Frage.
Das dritte Gebiet, das kann man betrachten in seiner wahren Gestalt, wenn man auf das Wirtschaftsleben selber hinschaut. Dieses Wirtschaftsleben, es ist menschlich getrübt dadurch, dass in ihm nicht nur vom Menschen abgesonderte Waren zirkulieren, sondern dass in ihm menschliche Arbeitskraft entlohnt wird, wie eine Ware bezahlt wird. Dadurch steckt im modernen Wirtschaftsleben nicht nur objektive Ware, die dem Tausche unterliegt, dadurch [stecken im modernen Wirtschaftsleben] Menschen, die abgetrennt werden von der übrigen Menschheit, dadurch, dass sie in ihrem ganzen Wollen, in allen ihren Seelenimpulsen bestimmt werden müssen von diese[m] Wirtschaft[sleben]. [Das wegzureißen] von dem Menschen, es zu stellen auf seine Grundlage, es auf die Grundlage zu stellen, auf der es dann einen bloßen Warenzirkulationscharakter hat: Das ist das dritte Gebiet der sozialen Frage in seiner wahren Gestalt.
Und so sehen Sie, dass die soziale Frage eigentlich drei Kernpunkte hat, in drei Glieder zerfällt: Das eine Glied ist eine geistige Frage, das zweite Glied ist eine rechtliche Frage, das dritte Glied ist eine wirtschaftliche Frage. Diese drei Glieder des sozialen Lebens, diese drei Kernpunkte muss man berücksichtigen, wenn man überhaupt irgendeine Einstellung gewinnen will in der modernen sozialen Bewegung.
Diese Einstellung kann sich nur ergeben, wenn man das Folgende bedenkt. Unsere Zeit ist in einer schweren Krise der Menschheitsentwicklung schon einmal drinnen. Und etwas von dieser Krise zeigt sich in dem Folgenden: Soziales Leben - selbstverständlich gab es auch früher soziales Leben. Aber die Menschen stellten sich in dieses soziale Leben so hinein, dass sie gewisse Gedanken wie selbstverständlich hatten, die sie in ein Verhältnis brachten von Mensch zu Mensch. Das beginnt jetzt anders zu werden. Es begann eigentlich seit Langem schon anders zu werden. Die Notwendigkeit zieht herauf, dass in jedem einzelnen Menschen eine Empfindung davon erwächst, wie er drinnensteht in dem gesamten sozialen Organismus. Und notwendig wird es werden, dass etwas von dieser Empfindung in unser Erziehungswesen, in unser Schulwesen einzieht.
Die Menschen können sich nach ihren Denkgewohnheiten zu solchen Dingen sehr schwer bequemen. Dennoch werden die Menschen lernen müssen, zu diesen Dingen sich immer mehr und mehr hingezogen zu fühlen. Heute gilt man als [ein] gebildeter Mensch nur, natürlich, wenigstens bis zu einem gewissen Grade, wenn man die vier Rechnungsarten wenigstens kennt, wenn man nicht Analphabete ist. Man muss ein gewisses Maß von Bildung haben, wenn man im rechten Sinne unter den Menschen gerechnet werden will; aber man kann recht wenig ergriffen werden von der Empfindung, drinnenzustehen in einem sozialen Organismus, wie ein einzelnes menschliches Glied im natürlichen menschlichen Organismus drinnensteht. Empfindungen werden ausgebildet werden müssen wie die Regeln, wie die Wahrheiten des Einmaleins, in dem zukünftigen Menschen - Empfindungen davon, wie sich äußert im sozialen Organismus das geistige Leben, das Rechtsleben, das Wirtschaftsleben. Darinnen liegt mehr, in dem eben Gesagten, als man gewöhnlich meint. Darinnen liegt die eigentliche rein menschliche Seite der sozialen Frage.
Wenn heute über den sozialen Organismus geredet wird, da kommt man oftmals zu dem Gedanken, dass eigentlich in alledem Reden über den sozialen Organismus etwas steckt wie ein letzter Rest eines mittelalterlichen Aberglaubens. Dieser mittelalterliche Aberglaube tritt einem in einer gewissen Szene des zweiten Teiles des «Faust» von Goethe entgegen, da, wo Wagner im Laboratorium den Homunkulus bereitet, bereiten will den Homunkulus nach bloßen abstrakten menschlichen Ideen, aus natürlichen Ingredienzien heraus.
Goethe behandelt da in seiner Art den mittelalterlichen alchemistischen Aberglauben. An diese mittelalterliche Alchemie glaubt selbstverständlich die moderne aufgeklärte Menschheit nicht; aber sie weiß nicht, dass sie oftmals nur auf ein anderes Gebiet einen solchen Aberglauben übertragen hat. Dasjenige, das man mit Bezug auf den sozialen Organismus, das soziale Lebewesen, heute versucht mit allerlei sozialistischen Theorien, und sozusagen anstrebt in dem, was im «Faust» der mittelalterliche Alchemist tut, indem er auf künstliche Art ein lebendiges Wesen, ein Menschlein selbst erzeugen wollte, das, was angestrebt wird als sozialer Organismus, aus allerlei Prinzipien heraus, aus allerlei Impulsen heraus, von dem müsste man sich auch sagen: Es ist künstlich erdacht. Es liegt nicht das Prinzip zugrunde, ein Selbst-sich-Tragendes, ein Natürliches werden zu lassen, ihm nur die Gelegenheit zu geben, dass es lebensfähig werde - diese Empfindung gegenüber dem sozialen Organismus muss in die Menschheit einziehen. Die Menschen müssen erkennen lernen, dass man nicht theoretisch nachzudenken hat: Wie soll man es machen, dass eine soziale Ordnung entstehen kann? -, sondern dass man die Wirklichkeit zu fördern hat, durch welche diese soziale Ordnung fortdauernd sich verwirklichen kann.
Wer von diesem Gesichtspunkte aus an die Betrachtung des sozialen Organismus herangeht, der findet, sehr verehrte Anwesende, dass durch die ganze Entwicklung, die sich im Laufe der letzten Jahrhunderte ergeben hat, und insbesondere durch die Entwicklung des neunzehnten Jahrhunderts drei Glieder dieses sozialen Organismus gewissermaßen zusammengeschweißt worden sind, von denen jedes eine gewisse Selbstständigkeit fordert, um wirken zu können. Man wird sich am besten über diese Sache verständigen können, wenn man einen Vergleich zieht. Aber es soll nicht eine wissenschaftliche Spielerei sein, sondern eben nur ein Vergleich, wenn man einen Vergleich zieht zwischen dem sozialen Organismus und dem natürlichen menschlichen Organismus. Ich habe auf die Wahrheit, die hier zugrunde liegt, in meinem letzten Buche «Von Seelenrätseln» hingewiesen. Wir sind heute naturwissenschaftlich schon so weit — das, was ich jetzt sagen werde, wenn auch die naturwissenschaftlichen Gelehrten selbst das noch nicht anerkennen, sie werden es schon anerkennen -, das, was ich jetzt sage, wird voll behauptet werden können: Es ist schon so, das System des menschlichen natürlichen Organismus besteht aus drei Gliedern eigentlich. Das eine Glied ist dasjenige, was man nennen kann das Nerven-Sinnen-System, was diejenigen Vorgänge, die in den Nerven und Sinnen sich abspielen, umfasst. Das zweite Glied des natürlichen menschlichen Organismus ist dasjenige, was ich nennen möchte das rhythmische System, dasjenige, welches umfasst die Tätigkeit der Lunge und des Herzens und alles dessen, was damit zusammenhängt. Und das dritte System, das ist das Stoffwechselsystem, das man oftmals als das gröbste, als das materialistischste System im menschlichen Organismus empfindet.
Diese drei Systeme des menschlichen Organismus, sie sind nicht zentralisiert vollständig; jedes hat eine gewisse Selbstständigkeit, und jedes steht auch selbstständig in einem gewissen Verhältnis zur Außenwelt. Das Nerven-Sinnessystem eben durch die Sinne; das rhythmische System durch die Atmungsorgang; das Stoffwechselsystem durch die Ernährungsorgane. Diese drei Organsysteme öffnen sich selbstständig nach der Außenwelt.
Wie gesagt, nicht um ein wissenschaftliches Analogienspiel zu treiben, sondern nur, um mich verständlich zu machen, weise ich hin auf diese drei selbstständigen Glieder des menschlichen Organismus. Das Nerven-Sinnessystem hat eine gewisse Selbstständigkeit, und gerade dadurch kann es in der richtigen Weise dargestellt und unterstützt werden von dem Atmungs-, von dem rhythmischen System, das wiederum selbstständig wirkt und in einem selbstständigen Zusammenhang mit der Außenwelt steht. Würde alles dasjenige, was im menschlichen Organismus ist, nach einem einzigen Punkte hin zentralisiert sein, so könnte der menschliche Organismus nicht in jener vollkommenen Harmonie bestehen, in der er besteht. Dasjenige, was durch die Natur der menschliche Organismus geworden ist, ein dreigliedriges System mit drei relativ selbstständigen einzelnen Gebieten, das muss werden aus dem Impulse der neueren Zeit heraus der gesunde soziale Organismus. Er war es bisher auf eine instinktive Weise. Auf die bewusste Weise muss der Mensch hinarbeiten, es muss dabei jeder einzelne Mensch diesen gesunden sozialen Organismus aufbauen. Das erfordert aber, dass man einsehen wird, dass die Zusammenschweißung von drei Gliedern in dem einen staatlichen Leben aufhören muss. Und hier berühren wir einen derjenigen Lösungsversuche, der einzig und allein den Charakter eines Wirklichkeitsdenkens trägt, einen derjenigen Lösungsversuche, an die aber gerade die Menschheit der Gegenwart am allerwenigsten denkt. Darauf kommt es an, dass man in dem sozialen Organismus zunächst herbeiführen kann, indem er lebensfähig wird —, das kann man aber nur, indem man gewisse Dinge wieder auseinanderstreben lässt, die in den letzten vier Jahrhunderten durch die geschichtlichen Impulse zusammengestrebt haben.
Es handelt sich nämlich dabei um Folgendes. Zunächst haben die führenden Klassen eben durch die Interessen, die sie nach dem Staate hindrängten, auch das geistige Leben in diesen Staat hineingezogen. Der Staat hat immer mehr und mehr seine Macht auch über das geistige Leben ausgedehnt. Das soziale Wesen und viele andere Zweige des geistigen Lebens sind in die Sphäre des Staates einbeschlossen worden. Wer das geistige Leben aber kennt, sehr verehrte Anwesende, seinem inneren Gefüge nach, wer da weiß, was in diesem geistigen Leben wirken soll, wenn dieses geistige Leben seelentragend sein soll, der weiß, dass dieses Seelentragende, dieser wahre Wirklichkeitsimpuls des geistigen Lebens, immer mehr und mehr schwinden muss, wenn sich die äußere Macht des Staates dieses geistigen Lebens bedient. Das geistige Leben kann einzig und allein nur dadurch den Menschen voll erfüllen, dass es auf die unmittelbar individuelle Freiheit des Menschen, auf die freie Initiative jedes einzelnen Menschen, auf die Begabungen und Fähigkeiten jedes einzelnen Menschen gestellt ist. Man schaudere nicht zurück vor dem Gedanken, dass das geistige Leben wiederum herausgezogen werden muss aus der Sphäre des Staates, damit es durch seine eigenen Kräfte sich entwickeln kann.
Sowenig das moderne Proletariat dies weiß — gerade diejenige Sehnsucht, die es hingetrieben hat nach dem geistigen Erbgut des Bürgertums, diese Sehnsucht ist in den Tiefen der Seele, in den unbewussten Tiefen der Seele in Wahrheit da: nach einem befreiten Geistesleben! Erst dann, wenn dieses Geistesleben herausgeholt sein wird aus dem staatlichen Organismus, wenn es auf sich selbst gestellt sein wird, dann wird es wiederum die Stoßkraft haben, die Stoßkraft haben durch die freie Initiative des Menschen, durch das Verbundensein der tiefsten, innersten Interessen mit dem Geistesleben, die notwendig sind, um dem Menschen ganz innerlich die Frage zu beantworten: Was weiß ich als Mensch? Ein Geistesleben, das losgelöst sein wird von dem äußeren, wiederum mit dem Wirtschaftsleben und Rechtsleben verquickten Staate, ein solches Geistesleben wird nicht materialistisch sein. Der Staat hat die Wissenschaft materialisiert. Der Staat hat das Geistesleben veräußerlicht. Das verinnerlichte geistige Leben, das ist geeignet, aus dem Proletarier eine ganz andere Persönlichkeit zu machen.
Das ist der erste Kernpunkt in den Lösungsversuchen, in dem wahren Lösungsversuche der sozialen Frage; wenn es auch heute der Proletarier noch nicht weiß, er lechzt nach derjenigen Entwicklung, die er braucht und die er nicht hat empfangen können, trotzdem er sie verlangt hat in dieser Zeit, als er zunächst in die Fabrik gesteckt worden ist, in umfassender Art.
Sehr verehrte Anwesende, dann aber, wenn herausgeholt worden war aus dem Gebiet des eigentlichen politischen Staates das Geistesleben, dann wird diesem Staat verbleiben das eigentliche Rechtsleben. Und er wird dann von selbst dazu gedrängt werden, gewissermaßen seine Kompetenz zu beweisen. Er wird dann einsehen, dass er der Hort des Rechtes sein muss. Dann wird auch die Tendenz entstehen, geradeso, wie auf der einen Seite das geistige Leben hinausgedrängt ist aus der Sphäre des Staates, das Wirtschaftsleben hinausgedrängt ist, das auch durch die leitende Klasse in den Staat hineingedrängt worden ist, man hat angefangen mit den größeren Verkehrsanstalten: Post, Telegraf, Eisenbahn und so weiter, die Verstaatlichungen, Vergesellschaftungen geworden sind. Man ging immer weiter. Und das moderne Proletariat will die letzten Konsequenzen ziehen, will alles verstaatlichen, und macht auch da nur dasjenige nach, zieht die letzten Konsequenzen davon, was es als Erbgut von dem Bürgertum empfangen hat. In dem Augenblick, wo man gewissermaßen das geistige Leben befreit haben wird von der Sphäre des Staates, wird der Staat selbst einsehen, dass er auch das Wirtschaftsleben nach der anderen Seite aus sich herauszudrängen hat. Dann wird dem Staat sein eigenes Gebiet bleiben, und drei Glieder des gesunden sozialen Organismus werden bestehen. Das erste also angesehen relativ als das Staatsleben, öffentliche Rechtsleben, und das wieder abgerundete, abgesonderte, mit realem Inhalt ausgestattete Wirtschaftsleben, das seine eigenen Gesetze hat, wie das Rechtsleben, wie das Geistesleben seine eigenen Gesetze hat. Ganz selbstständige Impulse ruhen in diesen drei Gebieten. Das Wirtschaftsleben ist ganz beherrscht von dem, was der Mensch als Bedürfnis im alltäglichen und sonstigen höheren Leben auch hat. Das Wirtschaftsleben muss aufgebaut sein auf das Interesse, auf die Befriedigung der Bedürfnisse. Und eine Eigentümlichkeit des Wirtschaftslebens, sehr verehrte Anwesende - es ist schade, dass ich diese Dinge nicht weiter ausführen kann, aber die Zeit drängt -, ein besonderer Charakter des Wirtschaftslebens spricht sich darinnen aus, dass dasjenige, was im Wirtschaftsleben zirkuliert, gerade hingehörig sein muss auf den zweckmäßigsten Verbrauch. Alles dasjenige, was im Wirtschaftsleben erzeugt wird, es will in der entsprechenden Weise verbraucht werden. Und wird es nicht verbraucht, so hat es sein Ziel verfehlt. Wenn aber das der Fall ist, dann darf nicht eingespannt sein in dieses Wirtschaftsleben die menschliche Arbeitskraft; denn die darf nicht restlos verbraucht werden, die muss bewahrt werden für dasjenige, was der Mensch sein will als ein Wesen, das sich in rechtlicher Weise hineinstellt in die ganze Weltenlage. Dieses Menschenwesen muss etwas herausentnehmen können aus dem bloßen Wirtschaftsleben, darf nicht völlig verbraucht werden im Wirtschaftsleben. Was für jeden Menschen herausgenommen werden muss aus diesem Wirtschaftsleben, das ist das Verhältnis von Mensch zu Mensch selbst, und das Arbeitsverhältnis ist kein anderes Verhältnis, als ein solches von Mensch zu Mensch auf dem Gebiete des politischen Staates, der neben dem Wirtschaftsleben das zweite Glied im gesunden sozialen Organismus ist. Da wirkt nicht wie im Wirtschaftsleben das Interesse, sondern da wirkt das Recht, da wirkt dasjenige, was den Menschen gleich macht dem anderen Menschen, Da wirkt das Gesetz, vor dem alle Menschen in einer gewissen Beziehung gleich sein müssen, Aber dieses Recht kann nur wirken, auch auf die menschliche Arbeitskraft, wenn die Konsequenz, wenn die Bestimmung der menschlichen Arbeitskraft nicht aus den Wirtschaftsprozessen heraus geregelt wird, sondern wenn sie geregelt wird durch das Recht; wie andere Rechte Gegenstand sein müssen des vom Wirtschaftsleben und geistigen Leben abgesonderten politischen Staates, so muss auch das Arbeitsrecht entschieden werden innerhalb dieses abgesonderten politischen Staates, nicht innerhalb des Wirtschaftslebens. Und so wird sich herausbilden müssen im gesunden Organismus das selbstständige Wirtschaftsleben, das auf das Interesse und des Menschen Bedürfnis gebaut wird, das vorzugsweise in Assoziationen sich ausleben wird, welche aufgebaut sind für die gegenwärtige Regelung von Konsum und Produktion und anderem, was im Wirtschaftsleben vorhanden ist. Es wird sich aufbauen mit realer Selbstverständlichkeit im gesunden sozialen Organismus der Staat, das öffentliche Recht, der nicht weiter Wirtschafter sein will. Gerade die entgegengesetzten Wege und Einrichtungen muss die Entwicklung nehmen, die vom Proletariate erträumt werden, der Staat muss gerade abgesondert werden, vom Wirtschaftsleben ausgeschaltet werden. Im Staate hat sich das eine öffentliche Recht auszubilden.
Und das dritte Gebiet muss sein das freie Geistesleben, das auf die menschliche Freiheit, auf die menschliche Begabung allein gebaut werden kann. Wie der Staat allein gebaut werden kann auf das Recht, wie die Wirtschaft allein gebaut werden kann, das Wirtschaftsleben, auf das Interesse, so, wie kein menschlicher Organismus gesund bestehen kann, wenn der Kopf die Funktionen übernehmen wollte des Lungen- und Herzsystems oder des Stoffwechselsystems, so kann in der Zukunft kein gesunder sozialer Organismus bestehen, in dem diese drei Glieder durcheinandergemischt werden. Sie werden gerade in rechter Weise sich gegenseitig tragen und unterstützen, wenn ein jedes selbstständig dasteht. Daher muss gefordert werden durchaus eine relative Selbstständigkeit der charakterisierten drei Glieder. Wenn ich mich so ausdrücken darf: Das geistige Leben muss aus seinen eigenen Gesetzen heraus sich seinen Verwaltungskörper, seinen Gesetzgeber-Körper bilden. Auf dem staatlichen Gebiete des Rechtes wird eine demokratische Ordnung zu herrschen haben. Da wird das Verhältnis geregelt werden von Mensch zu Mensch. Aber wiederum muss dieses staatliche System seinen eigenen Gesetzgebungs- und Verwaltungskörper haben. Und aus den Assoziationen des Wirtschaftslebens heraus wird die ganze soziale Struktur dieses Wirtschaftslebens sich ergeben.
Aber diese drei Glieder werden gewissermaßen jedes für sich souverän, wie souveräne Staaten nebeneinander stehen und miteinander zu verantworten haben, um ein ähnliches Verhältnis miteinander einzugehen, wie die drei charakterisierten Gliedersysteme des menschlichen natürlichen Organismus.
Man ist vielleicht heute etwas erstaunt, wenn man auf eine solche Lösung der sozialen Frage hinschaut. Aber sehr verehrte Anwesende, die Denkweise, die hier vor Ihnen vertreten wird, sieht nicht auf Theorien, sondern sieht auf Wirklichkeiten. Sie frägt nicht: Wie muss man denken, um das oder jenes soziale Problem zu lösen; sondern danach: Wie muss sich das menschliche Zusammenleben gestalten, damit der Mensch aus dem, was in Empfinden, Denken und Wollen selbst heraus die soziale Frage fortwährend löst?
Weder aus dem einseitigen Wirtschaftsleben, noch aus dem einseitigen staatlichen Leben, noch aus dem einseitigen geistigen Leben kann irgendein Mensch die soziale Frage lösen. Denn diese soziale Frage ist nicht so etwas, was heute heraufgezogen ist in der Welt und morgen gelöst werden wird - die soziale Frage ist gekommen, um dazubleiben. Die soziale Frage ist in das menschliche Seelenleben eingetreten und wird nun immer da sein. Deshalb wird sie immer wieder von Neuem gelöst werden müssen. Es wird immer mehr der Zustand eintreten, dass das Wirtschaftsleben den Menschen verbraucht, dass der Mensch sich wieder herausretten muss, sich unabhängig machen muss vom Wirtschaftsleben, um im staatlichen Rechtsleben dasjenige wiederherzustellen, was im Wirtschaftsleben von ihm verbraucht wird. Gerade so, wie im menschlichen Nervensystem eben etwas verbraucht wird, was immer wiederhergestellt wird durch das Lungen-Herz-System. Nicht darauf kommt es an, das eine Gebiet mit dem andern zu durchdringen, sondern darauf kommt es an, dass diese Gebiete nebeneinander stehen und gerade dadurch in der richtigen Weise lebendig aufeinander wirken. Einen gewissen Zustand des sozialen Organismus muss man anstreben, durch den dieser soziale Organismus lebensfähig werden wird.
Ich konnte Ihnen das, was eigentlich der hier vertretenen Weltanschauung sich ergibt, nur skizzenhaft darstellen; das alles aber, was ich gesagt habe, ist in aller Ausführlichkeit heute schon wissenschaftlich zu begründen, und es ist in Bezug auf alle Einzelheiten auch wirklich für das Gesamtleben des sozialen Organismus auszuführen. Man muss nur sich klar sein darüber, dass die Fragen, die in Betracht kommen, nicht gelöst werden sollen dadurch, dass der eine oder andere aus seinem Nachdenken eine Ansicht gewinne über dies oder jenes, sondern die Fragen sollen dadurch gelöst sein, dass auf der einen Seite das Wirtschaftsleben da ist und etwas erzeugt, was auf der anderen Seite eine Gegenwirkung braucht auf geistigem, auf rechtlichem Wege. Dadurch bietet sich zwar nicht ein solcher Ausweg aus den sozialen Wirrnissen der Gegenwart, der morgen eine Lösung bringen kann; aber ein Ausweg bietet sich, der den sozialen Organismus in der Zukunft lebensfähig machen kann.
Man möchte sagen: Instinktiv war dasjenige, was hier auseinandergesetzt worden ist, in den Seelen der modernen Menschen schon, als im achtzehnten, am Ende des achtzehnten Jahrhunderts ertönten die großen, gewaltigen Impulse durch die Französische Revolution, die sich kleideten in die Worte: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Da war auf der einen Seite schon ein Gefühl dessen vorhanden, was zur Gesundung des sozialen Organismus zu geschehen habe; auf der anderen Seite war noch die Wirrnis, war noch der wirre Gedanke vorhanden, das alles in einem zentralisierten Staatswesen zu verwirklichen. Dann haben gescheite Menschen des neunzehnten Jahrhunderts oftmals nachgedacht, wie sich diese drei Impulse, die sich ausdrückten als Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, miteinander im wirklichen Leben vertragen sollen. Und manches außerordentlich Scharfsinnige ist mit Bezug darauf im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts zutage getreten. Da haben zum Beispiel Menschen von großem Scharfsinn gesagt: Die Freiheit, die bringt es mit sich, dass der Mensch aus seiner Individualität, aus seiner Persönlichkeit heraus schafft, alles dasjenige zutage treten lässt aus ihm heraus, was gerade ihm eigen ist; da kann er nicht vollständig gleich sein dem andern. Gleichheit widerspricht der Freiheit. Und wiederum die Brüderlichkeit lässt sich schwer vereinen mit der bloßen Gleichheit und so weiter.
Was liegt da zugrunde? Das liegt zugrunde, dass die wahre Bedeutung dieser drei Impulse Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit erst zutage treten kann nicht im einseitig zentralisierten, sondern erst im gesunden dreigliedrigen sozialen Organismus. Dieser gesunde soziale dreigliedrige Organismus, er wird seine drei Glieder in relativer Selbstständigkeit haben. Dasjenige, was sich auslebt auf dem Gebiete des geistigen Lebens, wird auf Freiheit aufgebaut sein, auf die individuelle Freiheits-Initiative der menschlichen Begabung und Fähigkeit. Da wird die Freiheit verwirklicht werden können, wie im natürlichen Organismus, im Kopfe, also im Nerven-Sinnessystem das eine, in einem anderen System das andere verwirklicht wird. In dem eigentlichen politischen Staatsgliede des gesunden sozialen Organismus wird die Gleichheit aller Menschen als Mensch verwirklicht werden. Und in dem dritten Gliede, in dem wirtschaftlichen Gliede des gesunden sozialen Organismus wird die Brüderlichkeit verwirklicht werden. Selbst dann, wenn dieser soziale Organismus als dreigliedrige Wesenheit von Tag zu Tag immer aufs Neue verwirklicht wird, wird sie eben leben können, weil diese Dreigliedrigkeit dann wie eine weitere Einheit leben wird in Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit.
Das alles, was ich ausgeführt habe, zeigt vielleicht eines, sehr verehrte Anwesende; es zeigt, dass viele Menschen sich heute Vorstellungen machen über das soziale Problem, welche sehr abweichen von einer wirklichen Erfassung des sozialen Problems durch die moderne Lebensnotwendigkeit. Wenig, glaube ich, ist noch Verständnis vorhanden für dieses aus dem Leben selbst Herausgegriffene der sozialen Frage, wie ich es Ihnen heute charakterisiert habe. Denn es erfordert dieses, dass man nicht nur zugibt, dies und jenes in den Zuständen muss geändert werden, sondern es erfordert, dass manches in den menschlichen Gedanken selber geändert werden muss. Man muss sich dazu bequemen, wenn die soziale Bewegung gesunden soll, nicht nur die Dinge umwandeln zu wollen, sondern sie in sich selber umdenken, umlernen zu wollen. Und laut sprechen die Tatsachen der Gegenwart, die für manchen so schreckhaft sind, dass man wohl umlernen müsse. Wie sollte man nicht umlernen müssen, nachdem sich gezeigt hat, dass dasjenige, was man durch Jahrzehnte, durch mehr als ein halbes Jahrhundert gelernt zu haben meint, sich als so unfruchtbar erweist bei Berücksichtigung der Geschichte mit Bezug auf die soziale Bewegung, gegenüber den Tatsachen selbst! Zeigen nicht die Tatsachen, dass sie etwas ganz anderes fordern als dasjenige, worauf man sich vorbereitet hat? Fordern also nicht diese Tatsachen, dass man umändern müsse?
Nun, sehr verehrte Anwesende, wer so recht hinzeigt auf diese Tatsache, der wird sich sagen, dass es wohl [nottäte], dass die Kluft, die zwischen den Klassen sich aufgetan hat und über die heute kaum noch ein Verständnis führt, dass diese Kluft sich schließe; aber eines ist notwendig: dass die Seelen sich auftun, dass die Herzen sich öffnen und nach einem solchen Verständnis suchen.
Dieses Verständnis muss aber dahin gehen, eindringen zu wollen in das Wesen des gesunden sozialen Organismus, eindringen zu wollen in das Wesen einer solchen Empfindung, die dem Menschen sagt: Ich stelle mich nicht würdig hinein in den sozialen Organismus, wenn ich nicht mitempfinde mit dem, was im sozialen dreigliedrigen Organismus geschieht.
Wer dann anschaut, wie, sehr verehrte Anwesende, verschieden das ist, was als ein Lösungsversuch der sozialen Frage aus der Betrachtung des wirklichen Lebens sich ergibt, von dem, was sich viele Menschen als solche Lösungsversuche vorstellen, wer das richtig ansieht, der wird, wenn er auf der anderen Seite einmal merkt, wie die laut sprechenden Tatsachen sind, also ein Augenmerk auf die laut sprechenden Tatsachen lenkt, der wird sich sagen: Zwar ist Anstrengung, zwar ist Überwindung der Denkunbequemlichkeit mancher Empfindungen und Willensunfähigkeit notwendig heute, wenn man einer Tatsache gegenüber entsprechende Stellung gewinnen will im sozialen Leben dieser Gegenwart. Aber ein solcher wird vielleicht auch noch etwas anderes denken können: Lösung, die wirkliche Lösung der sozialen Frage, sie kann durchaus nicht mit Ausschluss des menschlichen Geisteslebens, mit Ausschluss des menschlichen Seelendaseins gewonnen werden. Sie muss nicht nur gewonnen werden im Wirtschaftsleben, das sich abspielt von Mensch zu Mensch, sie muss gewonnen werden durch die Harmonie der Seelen. Wird nicht zur rechten Zeit verstanden, dass durch eine stärkere Vertiefung als die bisher gesuchte solche Harmonie der Seelen, solche Sozialisierung der Seelen angestrebt werden müsse, dann könnte es sein, sehr verehrte Anwesende, dass durch die Verkennung der wichtigsten Tatsachen das eintritt, dass sich geltend macht nicht soziales Verständnis, nicht soziale Empfindung, sondern dass sich geltend machen die wildesten Instinkte der Menschheit. Und wir sehen eine Entwicklungsströmung der Gegenwart schon auf dieser Bahn. Diese Entwicklungsströmung könnte sich mahnend hinstellen vor den Menschen im Geiste und ihm sagen: Ein jeder ist heute im Grunde genommen verpflichtet, Einsicht zu nehmen in die Kernpunkte der sozialen Frage, denn von jedem Einzelnen hängt es ab, ob der soziale Organismus möglichst bald lebensfähig wird oder nicht. Und recht tut man auf diesem Gebiete wohl nur, wenn man keine Zeit verliert, wenn man Verständnis sucht desjenigen, was allein Heilung, was allein einen Ausweg bringen kann in und aus dem Chaos. Das muss man fühlen: Heute ist anderes notwendig in Bezug auf die soziale Frage für jeden einzelnen Menschen, als die Menschheit sich noch vor kurzer Zeit einbildete, dass notwendig sei. Aus dieser Einsicht in die Notwendigkeit, die vorliegt, möge jeder sein Denken, sein Empfinden mit Bezug auf das soziale Leben genügend vertiefen, sonst könnten an die Stelle der Verständnismöglichkeiten die wilden Instinkte treten, und dann, sehr verehrte Anwesende, dann würde es zu spät sein.