The Big Questions of our Time and Anthroposophical Spiritual Knowledge
GA 336 — 28 February 1919, Winterthur
Die Soziale Frage Als Wirtschafts-, Rechts- Und Geistesfrage
Sehr verehrte Anwesende! Die Tatsachen, die sich heute abspielen auf dem Gebiete der sozialen Bewegung und die für manchen schreckhaft sind, sie scheinen zu den Menschen, die sie betrachten, wahrhaftig eine neue Sprache zu führen, eine Sprache, die ungewohnt ist gegenüber alldem, was zu erfahren war im [geschichtlichen] Hergang der Menschheit. Muss man nicht gegenüber dem, was heute aus den Tiefen des sozialen Lebens an die Oberfläche geht, muss man nicht aus dem schließen, wie wenig eigentlich, trotzdem das, was man soziale Frage nennt, seit mehr als einem halben Jahrhunderte in der Menschheit vorbereitet worden ist, muss man nicht sagen, dass die Gedanken, die Willensimpulse der Menschen eigentlich recht schlecht auf dasjenige vorbereitet sind, was sich heute in den Tatsachen ausspricht? Man hat sehr häufig, wenn man Gelegenheit gehabt hat, Eingang zu gewinnen in den Bestand der wirklichen sozialen Bewegung seit Jahrzehnten, man hat sehr häufig Gelegenheit gehabt, zu bemerken, wie sozialistische Denker, solche Denker, die mit ihrem ganzen Wollen glauben, drinnenzustehen in der Richtung des proletarischen Wollens, wie solche Denker immer wieder und wiederum darauf hinwiesen, dass die wirtschaftlichen Tatsachen selbst, die sich heraufgebildet haben in der Entwicklung der Menschen durch die moderne Technik und durch den Kapitalismus, dass diese wirtschaftlichen Tatsachen selbst durch ihre eigene Fortbewegung gewissermaßen etwas bringen werden wie eine Lösung der sozialen Frage. Wenn ich, was man da gedacht hat, kurz andeuten soll, so ist es etwa das Folgende:
Die Ausbreitung des Wirtschaftslebens mit der damit verbundenen Arbeitsteilung und allem anderen, was dazugehört, das hat alles dazu geführt, dass allmählich konzentriert wurde die privatkapitalistische Wirtschaft in den Willen Weniger, dass immer größere und größere Massen des Proletariats in diesen Willen Weniger eingespannt worden sind. Gehofft hat man, dass dasjenige, was sich so gewissermaßen wie eine wirtschaftliche Gewalt über das Proletariat ausspannte, dass das sich bis zu dem Punkte treiben werde, wo es sich selbst vernichtet, wie es gewissermaßen auf seinem eigenen Wege nicht mehr wird weiterkommen können, und wo dann das Proletariat in der Lage sein wird, wie gesagt, durch die Entwicklung der wirtschaftlichen Tatsachen selbst in der Lage sein wird, die Macht, von der es früher beherrscht war, selbst in die Hand zu bekommen. Von radikal revolutionären Anschauungen, die in dieser Richtung in früheren Zeiten eine Rolle spielten, ist man zu mehr [gesellschafts-]reformerischen übergegangen, durch die man erwartete, durch die Maßnahmen, die innerhalb des geregelten staatlichen Lebens durch das Proletariat herbeigeführt werden können, werde sich dieser allmähliche Übergang der wirtschaftlichen Macht von dem kapitalistischen Unternehmen auf das proletarische selbst vollziehen. Also man hat gewissermaßen gemeint, die objektiven, von den Menschen unabhängigen Tatsachen, sie werden eine gewisse Krise, und mit dieser Krise eine gewisse Lösung der sozialen Frage herbeiführen.
Sieht man heute nicht schon genau, dass es anders geworden ist, dass alle Gedanken, die sich in dieser Richtung bewegt haben, eigentlich neben den Tatsachen vorbeischlagen? Sieht man nicht, dass es heute doch der proletarische Mensch als solcher ist mit seinem Willen, mit seinen Forderungen, der die Tatsachen herbeiführt, die heute, wie gesagt, für viele so erschreckend am Horizonte des geschichtlichen Lebens auftreten? Zwingt das nicht, hinzuschauen auf das proletarische Leben und fordern selbst, nun nicht sich weiter betören zu lassen durch dasjenige, was man durch eine Lehrmeinung seit Jahrzehnten für das Richtige angeschaut hat?
In den Vorträgen, die ich schon halten durfte vor kurzer Zeit über diese Frage, habe ich bereits darauf hingewiesen, dass diese gegenwärtigen Tatsachen vor allen Dingen zwingen, die Betrachtung der sozialen Frage auf das Gebiet des proletarischen Menschen selbst zu lenken. Und ich habe bereits es ausgesprochen, warum dieser proletarische Mensch zu dem geworden ist, als was er eigentlich heute erscheint. Als was steht denn in der Offenbarung der gegenwärtigen Tatsachen das Proletariat mit seinen Wünschen, mit seinen Willensimpulsen, mit seinen Forderungen da? Steht es nicht da wie eine gewaltige, durch die Weltgeschichte wirkende Kritik desjenigen, was die führenden Kreise der Menschen bisher für das Richtige angesehen haben, und was sie zur Grundlage, zum Richtprinzip ihrer Maßnahmen gemacht haben? Eine Kritik, wie sie mit Worten nicht ausgesprochen werden konnte, wird durch diese Kritik ausgesprochen, die einfach in den Eigenschaften, in den Handlungen des gegenwärtigen Proletariats lebt.
Dieses gegenwärtige Proletariat sieht sich durch den Wirtschaftsprozess, der seit Langem heraufgezogen ist, eingespannt in das reine Wirtschaftsleben. Und wieder muss ich betonen, des Zusammenhanges willen, was ich ja schon in den früheren Vorträgen auseinandergesetzt habe, dass, indem sich dieses moderne Proletariat in das bloße Wirtschaftsleben mit seinem ganzen Schicksal eingespannt findet, es vor allem dasjenige im tiefsten Sinne als seiner unwürdig empfindet, dass des Proletariers Arbeitskraft für dieses gegenwärtige Wirtschaftsleben dasselbe bedeutet wie die Ware, die auf den Markt gebracht wird, deren Zirkulation geregelt wird nach Angebot und Nachfrage, die gekauft werden kann. Wie auch die Dinge lauten, die selbst von sozialistischen Denkern auf diesem Gebiete ausgesprochen werden, die Empfindungen, die darüber im Proletariate herrschen, dasjenige, was in den unbewussten Tiefen der proletarischen Seele lebt, das ist viel wichtiger als dasjenige, was bewusst gedacht und ausgesprochen wird. Und diese Empfindungen gehen eben dahin: Wie ist es möglich, die menschliche Arbeitskraft, die der Proletarier zu Markte zu tragen hat innerhalb der kapitalistischen Wirtschaftsordnung und die man kaufen kann, des Charakters der Ware zu entkleiden?
Indem man dieses ausspricht, richtet man die Aufmerksamkeit hin auf das erste Glied der heutigen sozialen Frage, darauf, inwiefern diese soziale Frage eine Wirtschaftsfrage ist, inwiefern sie eine Lohnfrage ist. Nun, derjenige, der gelernt hat, im Laufe der Jahrzehnte nicht bloß über das Proletariat zu denken, sondern der gelernt hat, mit dem Proletariat zu denken, der weiß, wie eingeschlagen hat die marxistische Lehre, die gerade mit besonderer Intensität die Proletarier darauf hinwies, wie ihre Arbeitskraft als Ware sich hineinstellt in den Wirtschaftsprozess. Man muss immer wieder und wieder auf die Beleuchtung, die Karl Marx dieser Sache gegeben hat, hinweisen, da ja diese Beleuchtung eben intensiv weiterlebt in dem Glauben, in dem Empfinden des Proletariats. Derjenige, der Kapitalist ist innerhalb der heutigen Wirtschaftslebens-Einrichtung, von dem sieht der proletarische Arbeiter, wie er ihn in die Fabrik, wie er ihn an die Maschine ruft, wie er ihn für seine Arbeitskraft bezahlt.
Marx versuchte nun das Folgende den Proletariern klarzumachen. Er versuchte, ihnen zu zeigen, dass eigentlich diese Arbeitskraft des Proletariers im Wesentlichen unterbezahlt wird. Diese Arbeitskraft muss ja fortwährend hergestellt werden durch die Nahrungsmittel, durch die anderen Unterhaltsmittel, die der Proletarier braucht. Wenn dem Proletarier möglich ist, sich die Nahrung, die anderen Unterhaltsmittel zu verschaffen, dann kann er seine im Wirtschaftsprozess verbrauchte Arbeitskraft immer wiederherstellen, dann kann er seine Arbeit verrichten. Das führt dazu - so ist die entsprechende Anschauung -, das führt dazu, dass der Arbeitgeber dem Arbeiter bezahlt dasjenige, was notwendig ist zur Herstellung dieser Arbeitskraft, dass er ihn aber arbeiten lässt weit über die Zeit hinaus, die notwendig wäre, um das zu verdienen, das zur Herstellung dieser Arbeitskraft notwendig ist. Dadurch entsteht dasjenige, was, wie gesagt, so tief einschneidend war in die Empfindungen der Proletarier, dadurch entsteht der Mehrwert. Der Arbeiter produziert für den Unternehmer. Er produziert mehr, als der Unternehmer ihm entschädigt. Und dasjenige, was er mehr produziert, ist Profit des Unternehmers. Diesen Mehrwert zu erringen durch eine Umänderung des Wirtschaftsprozesses, das ist geworden das Ideal des proletarischen Strebens.
Nun, sehr verehrte Anwesende, die Meinungen, die sich über diese Sachen gebildet haben, sie gehen im Grunde genommen alle, in bürgerlichen und in nichtbürgerlichen Kreisen, nach einer und derselben Richtung. Diese Meinungen gehen alle dahin, dass eben die proletarische Arbeit für die Warenerzeugung notwendigerweise selbst wie eine Ware behandelt werden muss. Dem gegenüber ist man wohl genötigt, tiefer in das volkswirtschaftliche Leben hineinzuschauen und sich die Frage aufzuwerfen: Liegt denn da nicht vielleicht etwas ganz anderes noch zugrunde als dasjenige, was Proletarier und Nicht-Proletarier glauben? Ist dieser Teil der sozialen Frage überhaupt richtig erfasst worden? Die Entwicklung der Tatsachen, die die Gegenwart zeigt, sie beweist wohl, dass das nicht der Fall sein kann, dass die Sache richtig erfasst worden ist. Geht man gerade auf das, was hier vorliegt, tiefer ein, so bemerkt man, dass dasjenige, was im Wirtschaftsprozesse sich wirklich abspielt, allerdings sich erschöpfen muss in der Warenproduktion, in der Waren-Zirkulation und in der Waren-Konsumtion.
Fragen kann man: Was gibt denn eigentlich diesem Wirtschaftsprozess seine Gesetze? Wovon hängt dasjenige ab, was im Wirtschaftsprozesse geschieht? Es geht alles dasjenige, was im Wirtschaftsprozess geschieht, dennoch — wie sich die Sache auch sonst verbirgt - zurück auf das menschliche Bedürfnis, auf das menschliche Interesse. Alles dasjenige, was im Wirtschaftsprozesse vor sich geht, läuft darauf hinaus, dass erzeugt werde, was durch das menschliche Bedürfnis herausgefordert und infolge davon von dem Menschen verbraucht werde. Und jede Anschauung über das, sehr verehrte Anwesende, was Ware ist, erweist sich gegenüber einem wirklichen volkswirtschaftlichen Studium als falsch, jede andere Anschauung, als allein diejenige, welche die ansieht als dasjenige, was seinen Wert erhält, indem es in der zweckmäßigsten Weise [durch die] menschliche Gesellschaft, durch den Menschen überhaupt [ver]braucht werden kann. Durch den zweckmäßigsten Verbrauch erhält die Ware ihren Wert. Und alles dasjenige, was Austausch der Ware im Wirtschaftsprozesse ist, wird eben gerade dadurch bestimmt. Die gegenseitigen Werte der Waren können nur davon abhängen, inwiefern diese Waren verbraucht werden.
Wer nun eingeht auf diesen Grundcharakter der Ware innerhalb des Wirtschaftsprozesses, dem wird klar werden etwas, was vielen Leuten leider nicht klar geworden ist: dass die menschliche Arbeitskraft etwas ist, was überhaupt sich nicht vergleichen lässt mit dem, was Ware ist, was daher auch, weil es sich real nicht vergleichen lässt, weil es gar kein Verhältnis gibt zwischen Arbeitskraft und Ware, was daher auch nicht Ware sein kann. Ein merkwürdiger Widerspruch, nicht wahr. Auf der einen Seite muss man eigentlich einsehen: Die menschliche Arbeitskraft ist ganz unvergleichbar mit der Ware, kann also auch nicht gegen sie ausgetauscht werden; auf der anderen Seite sieht man, dass innerhalb der heutigen Wirtschaftsordnung wirklich die proletarische Arbeitskraft zur Ware geworden ist. Was liegt denn diesem Lebenswiderspruch eigentlich zugrunde? Diesem Lebenswiderspruch liegt zugrunde, dass tatsächlich der Arbeitnehmer von dem Arbeiter die Arbeitskraft gar nicht kaufen kann. Und indem man glaubt, dass er sie kaufen könne, gibt man sich einem großen Irrtum hin. Es ist ein volkswirtschaftlicher Fundamentalirrtum, der darinnen sich ausdrückt, dass man glaubt, man könne überhaupt menschliche Arbeitskraft kaufen. Man kauft sie nämlich in der Wirklichkeit nicht. Was kauft der Arbeitgeber von dem Arbeitnehmer? In Wahrheit kauft der Arbeitgeber von dem Arbeitnehmer die Leistungen. Die Ware, die [der] Arbeitnehmer hervorbringt, und der Wert dieser Ware wird bestimmt durch das Verhältnis derselben zu anderen Waren auf dem Arbeitsmarkte. Und der wirkliche Tatbestand ist der, dass nun der Arbeitgeber diese Ware, die der Arbeitnehmer hervorbringt, überhaupt nicht bezahlt, dass er sich, gewissermaßen durch den heutigen Wirtschaftsprozess gedrungen, der Bezahlung entzieht - man kann die Sache schon so radikal aussprechen - und dass er dafür etwas anderes bezahlt, was im Grunde genommen innerhalb der menschlichen Gesellschaftsordnung niemals bezahlt werden sollte, weil es gar niemals Ware sein kann, er bezahlt dafür die Arbeitskraft. Und er bezahlt diese Arbeitskraft in dem Maße, als ihm möglich [ist] dadurch, dass er die wirtschaftliche Macht in Händen hat, dass er gewissermaßen einen Zwang ausüben kann auf den Arbeitnehmer, dass dieser Arbeitnehmer sich, um leben zu können, an die Maschine hinstellt, in die Fabrik sich begibt.
So liegt eigentlich die Tatsache vor, die schwerwiegende, bedeutungsvolle Tatsache, dass etwas in unserem volkswirtschaftlichen Leben verschoben ist, dass etwas verhüllt, verborgen wird. Die Tatsache wird verborgen, dass man in Wahrheit Ware kauft von dem Arbeitnehmer oder Leistungen kauft, aber sich der Vergütung für diesen Kauf entzieht, das heißt sie in Wirklichkeit nicht kauft, sondern den Arbeiter zwingt, sie freiwillig herzugeben, dafür, dass man ihm etwas anderes gibt. Indem der heutige Proletarier sich empfindet, empfindet er seine Existenz als eine menschenunwürdige. Und man wird niemals in der richtigen Weise eindringen können in die Seelen des modernen Proletariats, wenn man nicht in der Lage ist, die Sache so anzusehen, wenn man nicht in der Lage ist, sich aufzuschwingen zu der Anschauung: Ware muss in der zweckmäßigsten Weise verbraucht werden, wenn sie dem Wirtschaftsprozess in der rechten Weise dienen soll. Wird die proletarische Arbeitskraft zur Ware gemacht, so muss sie den Charakter der Ware annehmen, das heißt im wirtschaftlichen Prozess verbraucht werden. Damit wird der Mensch selbst verbraucht, und in diesem Bloß-verbraucht-Werden liegt dasjenige, was der proletarische Mensch als das Menschenunwürdige empfindet.
Wie ist es denn aber möglich, dass eine solche Kaschierung, dass eine solche Maskierung der Tatsachen eigentlich eingetreten ist? Darüber sehen wiederum Proletarier und Nichtproletarier in der Gegenwart keineswegs richtig. Dasjenige, was man auf diesem Gebiete sehen muss, ist, dass die Hineinstellung der menschlichen Arbeitskraft in den Gesellschaftsprozess, in das Zusammenleben der Menschen überhaupt keine Frage des Wirtschaftslebens sein kann, dass dasjenige, was diese Arbeitskraft regelt, gerade herausgenommen werden muss aus dem Wirtschaftsprozess.
Damit kommen wir zu dem, was für die Gesundung des sozialen Organismus so notwendig ist, damit kommen wir dazu, beleuchten zu können, welcher Schaden in der heutigen sozialen Ordnung dadurch angerichtet wird, dass man den sozialen Organismus in seiner ihm eigenen Gliederung nicht in der richtigen Weise zu erfassen versteht. Diesem sozialen Organismus gegenüber ist man der Anschauung, er solle ein einheitliches, zentralisiertes Gebilde sein. Diese Anschauung ist ebenso falsch, als es falsch sein würde, wenn man glauben würde - ich habe in den früheren Vorträgen schon darauf hingewiesen —, wenn man glauben würde, dass der menschliche natürliche Organismus ein einziges zentralisiertes System sei. Dieser zentralisierte natürliche Organismus hat zum Beispiel neben den Vorgängen des Stoffwechsels die Vorgänge des rhythmischen Lebens, des Atmungs- und des Herzlebens, und die Vorgänge des Sinnes-Nervenlebens, und das ist alles bloß nach einem Punkte hin Zentralisiertes - das wirkt, ein jedes mit einer gewissen Selbstständigkeit und dient dem anderen gerade durch seine Selbstständigkeit. Die Lunge nimmt die Luft von außen auf, ganz unabhängig von dem, was in den Vorgängen des Sinnes-Nervensystems sich vollzieht und in den Vorgängen des Stoffwechsels sich vollzieht. Aber gerade indem diese Teilorgane selbstständig sind, harmonisieren sie miteinander am besten. Mit Bezug auf den sozialen Organismus ist man zu einer solchen Betrachtung noch nicht vorgedrungen. Man ist nicht vorgedrungen zu der Erkenntnis des notwendigen Verhältnisses, in dem alles Wirtschaftliche in der sozialen Organisation stehen muss zu allem Rechtlichen.
Im Lauf der neueren Zeit hat sich ergeben, dass zunächst die führenden Klassen gewisse Zweige des Wirtschaftslebens verstaatlicht haben, wie man sagt. Man hat es für richtig befunden, für im Menschenfortschritte gelegen, solche Zweige des Wirtschaftslebens, wie Post, Telegraphenwesen, Eisenbahnwesen und dergleichen zu verstaatlichen, man könnte auch sagen, zu vergesellschaften. Man hat damit hinzugefügt zu demjenigen, was schon früher der Staat als Wirtschafter verwaltete, weitere Zweige dieses Wirtschaftslebens. Den Anfang mit dieser Vergesellschaftung des Wirtschaftslebens, den haben die führenden, die leitenden Kreise gemacht. Aber auf diesem Wege sind nachgefolgt die Anschauungen der proletarischen Kreise und ihrer Führer. Und heute spitzt sich dasjenige, was auf diesem [Gebiete] gedacht wird, zu der Forderung zu: der Gesamt-Vergesellschaftung des ganzen Wirtschaftslebens. Damit wird von dem Proletariat nur die letzte Konsequenz dessen gezogen, womit die leitenden Kreise begonnen haben und das sie allerdings je nach ihrem Vorteil begrenzt haben. Damit aber würde, wenn es sich verwirklichen ließe, der gesamte soziale Organismus zu einem einheitlich in sich zentralisierten System. Das widerspricht seiner Gesundheit. Er muss, wenn er gesund sein soll, ebenso in sich gegliedert sein wie der natürliche menschliche Organismus. Denn wie dasjenige, was in diesem natürlichen menschlichen Organismus als Luft, um in diesem natürlichen menschlichen Organismus weiterverarbeitet zu werden, in ganz anderer Art eintritt, auf ganz anderem Wege eintritt als die Nahrungsmittel, die in den Stoffwechsel übergehen, so muss dasjenige, was im Rechtsleben liegt, was im Rechtsleben wirkt, im System der öffentlichen Rechte, in einer ganz anderen Weise in den sozialen Organismus eintreten als dasjenige, was im Wirtschaftsleben liegt und zur Warenproduktion, zur Warenzirkulation und zur Warenkonsumtion führt.
Wovon wird das Wirtschaftsleben beherrscht? Nun, ich habe schon darauf hingewiesen: von dem menschlichen Interesse. Die Gesetze müssen sich innerhalb des Wirtschaftslebens verwirklichen, die dem menschlichen Interesse dienen. Da steht immer der eine Mensch dem anderen Menschen je nach dem Interesse gegenüber, der Konsument dem Produzenten, der eine Berufskreis dem andern Berufskreis und so weiter. Im gesunden sozialen Organismus muss neben dem, was sich da abspielt bloß infolge der Wirkung der menschlichen Interessen, ein anderes Glied dieses sozialen Organismus bestehen: dasjenige Glied, in dem sich entfaltet das Leben des öffentlichen Rechtes. Dieses Leben des öffentlichen Rechtes beruht auf menschlichen Impulsen, die sich in ganz anderer, in radikal anderer Weise entwickeln, als Impulse, die in den menschlichen Bedürfnissen liegen, welche zum Wirtschaftsprozess führen. Dasjenige, was sich als Bedürfnis ausdrückt im menschlichen Leben und zum Wirtschaftsprozess führt, das geht aus dem Elementaren der menschlichen Natur und der menschlichen Seele hervor. Das ist etwas, was von dem Menschen als solchem nicht unmittelbar abhängt.
Anders steht [es] mit dem Rechte, mit alledem, was als öffentliches Recht festgelegt werden kann durch das Zusammenleben der Menschen. Dieses Recht wird in einer ähnlichen Weise gebildet wie die menschliche Sprache selbst. Die menschlichen Bedürfnisse sind von Natur da, insofern sie in das volkswirtschaftliche Leben eingreifen. Das menschliche Recht, das es zu tun hat mit dem Verhältnis von Mensch zu Mensch, muss, insofern Sie Menschen sind, das muss sich entzünden im unmittelbaren Verkehre von Mensch zu Mensch, wie sich die Sprache bildet, oder bildete wenigstens, im Verkehre von Mensch zu Mensch. Während es die Volkswirtschaft mit dem Verhältnisse der Interessenkreise zu tun hat, hat es zu tun dasjenige, was Leben des öffentlichen Rechtes ist, mit Verhältnissen, die sich unabhängig von allem Übrigen bloß zwischen Mensch und Mensch abspielen dürfen. Verhältnisse müssen durch das Recht begründet werden, durch die der Mensch sich fühlt innerhalb der menschlichen Gesellschaft, würdig bloß als Mensch. Solche Rechtsimpulse, sie können sich nicht aus dem Wirtschaftsleben selbst heraus ergeben. Wenn aus dem Wirtschaftsleben selbst heraus solche Rechtsimpulse gebildet werden sollten, dann würden sie immer nur eine Umgestaltung der wirtschaftlichen Interessen sein. Wie man sich auch den Staat oder die menschliche Gesellschaft, oder wie man es nennen will, gebildet denkt, wenn in ihr Rechte festgesetzt werden nach dem wirtschaftlichen Interesse, dann werden diese Rechte nur der Ausdruck für die Offenbarung, nur die Umgestaltung der wirtschaftlichen Interessen sein. Aus dem Wirtschaftsorganismus kann sich ebenso wenig das ergeben, was im Rechtsleben vorhanden ist, wie sich aus dem Stoffwechsel das ergeben kann, was im Atmungsprozess vorhanden ist.
Nicht darauf kommt es an, sehr verehrte Anwesende, was eigentlich selbstverständlich ist, dass die Menschen, die im Wirtschaftsleben drinnenstehen, wissen, was Rechte zwischen Mensch und Mensch sind, sondern darauf kommt es an, dass sich neben dem selbstständigen Wirtschaftsleben im gesunden sozialen Organismus ein ebenso selbstständiges Rechtsleben ergeben muss, welches durch seine relative Selbstständigkeit gerade in der richtigen Weise wiederum in das Wirtschaftsleben eingreifen kann.
Nichts hat energischer gezeigt, dass dies eine Notwendigkeit ist, als das Verhältnis, in das die Arbeitskraft des Menschen einbezogen worden ist in den modernen Wirtschaftsprozess. Man muss sich, um das zu verstehen, nur einmal klar machen, was hier unter öffentlichem Recht verstanden wird. Im Wirtschaftsprozess hat man es nur zu tun mit Waren, Warenaustausch und so weiter. In den Wirtschaftsprozess gehört nicht hinein zum Beispiel das Besitzverhältnis, das Besitzverhältnis gehört in das Rechtsleben hinein. Warum? Was bedeutet es denn eigentlich, wenn ich Besitzer, sagen wir, eines Grundes bin? Das bedeutet, dass die menschlichen Einrichtungen, innerhalb derer ich wohne, so getroffen worden sind, dass mir als Einzigem zusteht das Recht, diesen Boden im Wirtschaftsprozess zu benützen. Das ist ein Recht auf diesen Boden; das ist ein Recht, das etwas ganz anderes ist als dasjenige, was sich nach Gesetzen des Wirtschaftsprozesses abspielen kann. Und so könnte man vieles anführen, das festlegen würde die Meinung, die man haben muss über den Unterschied zwischen dem eigentlichen Wirtschaftsleben und dem Rechtsleben.
Die menschliche Arbeitskraft gehört ihrer Natur nach, weil sie eben unvergleichbar ist mit der Ware, wie ich auseinandergesetzt habe, sie gehört ihrer Natur nach nicht in das Wirtschaftsleben hinein, sondern in das Rechtsleben. Man spricht heute sehr viel von Sozialisierung des Wirtschaftslebens; es frägt sich nur, sehr verehrte Anwesende, ob mit den Mitteln und Wegen, auf denen man diese Sozialisierung heute versucht, diese Sozialisierung auch wirklich erreicht werden kann. Nicht darauf kommt es an, dass man diese oder jene Ansicht aus bestimmten Menschheitsforderungen heraus hat, sondern darauf kommt es an, dass sie sich auch verwirklichen können, dass das Leben des sozialen Organismus durch sie möglich wird.
Man bedenkt nun nicht, dass alles dasjenige, was in einem selbstständigen Leben des öffentlichen Rechtes sich entwickeln kann, von vornherein einen sozialen Charakter haben muss, dass das von vornherein auf die Sozialisierung hinarbeitet, auf die Sozialisierung der menschlichen Gesellschaft. Und nur dann, wenn dieses öffentliche Recht nicht hervorgerufen wird durch das reine Verhältnis von Mensch zu Mensch, nicht hervorgerufen wird aus dem elementaren Rechtsbewusstsein heraus selber, sondern aus der politischen oder der wirtschaftlichen Gewalt, dann trägt es keinen sozialen Charakter, sondern einen antisozialen Charakter. Diejenigen Rechte, die wir im heutigen Gesellschaftskörper haben, sie tragen zum großen Teil diesen antisozialen Charakter, denn sie dienen nicht, herzustellen ein aus dem elementaren Rechtsbewusstsein hervorgehendes Verhältnis von Mensch zu Mensch überhaupt, sondern sie dienen dazu, Vorteile zu bieten der einen oder anderen Klasse, dem einen oder anderen Beruf und so weiter.
Dasjenige, was sich abspielt zwischen dem Arbeitgeber und dem Arbeitnehmer, darf im gesunden sozialen Organismus nicht auf einem Wirtschaftsverhältnis, sondern muss auf einem Rechtsverhältnis beruhen, muss festgestellt werden nicht innerhalb des Wirtschaftsprozesses, nicht innerhalb der Einrichtungen, die innerhalb des Wirtschaftsprozesses getroffen sind, sondern im abgesonderten Rechtsorganismus muss festgestellt werden das Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer mit Bezug auf die Arbeitskraft. Das wurde ja gewiss schon versucht im Laufe des modernen Lebens mit der Begründung der Gewerkschaften und dergleichen und Arbeitsnachweisen und dergleichen. Allein derjenige, der dieses moderne Leben durchschaut, wird wissen, dass das alles nur Surrogate [sind] für dasjenige, was eigentlich aus den Grundlagen der Menschennatur heraus der Proletarier als seine naturgemäße Forderung empfindet. Sagt man heute, sehr verehrte Anwesende, aber es ist ja schon das Verhältnis zwischen dem Arbeitgeber und dem Arbeitnehmer ein rechtliches, es beruht ja in wirklich zivilisierten Ländern heute auf dem Arbeitsvertrage, der zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer geschlossen wird —, mit solcher Rede verdeckt man nur den eigentlichen Sachbestand. Gewiss, dieser Vertrag wird geschlossen, und man renommiert sehr viel mit ihm; aber was hilft dieser Vertrag dem wirklichen Leben, wenn er geschlossen wird über etwas, worüber er nie und nimmer geschlossen werden dürfte nach der Natur[notwendigkeit] des Wirtschaftsprozesses wie des Rechtsprozesses? Der Arbeitsvertrag kann der Natur des sozialen Organismus nach nur geschlossen werden über dasjenige, was der Arbeitnehmer dem Arbeitgeber erzeugt als Waren. Wenn er geschlossen wird über das Verhältnis der Arbeitskraft des Arbeitnehmers zum Arbeitsgeber, so ruht er auf einer falschen sozialen Grundlage.
Sie sehen, sehr verehrte Anwesende, man muss die Dinge in viel größeren Tiefen aufsuchen, als man sie heute gewöhnlich aufsucht, sonst wird man immer mehr und mehr dem Einwande begegnen: Ja, was du da willst, das ist ja eigentlich schon da, das wird schon angestrebt. Wenn man es aber gerade in der allerverkehrtesten Weise anstrebt, dann zerstört es den gesunden Organismus, statt dass es zu seiner Heilung beiträgt. Da die menschliche Arbeitskraft niemals vergleichbar sein kann mit der Ware, so ist sie herauszuheben aus dem bloßen Wirtschaftsprozesse und hineinzustellen in das Rechtsleben, und man soll über die Arbeitskraft überhaupt keinen Vertrag schließen. Sie soll durch ganz andere Kräfte und Impulse in das menschliche Gesellschaftsleben hineingestellt werden. Verträge, die man schließt innerhalb des Wirtschaftslebens zwischen dem, der die Arbeit leitet, und demjenigen, der die Arbeit tut, die sollen sich lediglich auf die Leistungen beziehen. Dann würde, wenn sie sich auf die Leistungen bezögen, der Proletarier durchschauen, wie er eigentlich im Wirtschaftsprozesse drinnensteht; dann würde er einen Überblick darüber haben, was aus diesem Wirtschaftsprozess heraus aus seinem eigenen freien Willen dann seinem eigenen Unterhalte zufließen kann, und was zum Unterhalte der ganzen gesellschaftlichen Ordnung notwendig ist. So sonderbar das dem Menschen heute noch klingt, dann würde der Arbeiter mit dem, was sich entzieht seinem eigenen Erwerb von seiner Arbeit, seiner Arbeitsleistung, mit dem würde er völlig einverstanden sein. Denn er würde vernünftigerweise einsehen: Ich muss drinnenstehen in dem sozialen Organismus, ich muss ihm dienen, und ich gehe mit dem Unternehmer einen Vertrag ein, durch den ich nicht meine Arbeitskraft verkaufe, sondern durch den geregelt wird, hineingeregelt wird dasjenige, was ich leiste, in gesunder Weise in den sozialen Organismus.
Nicht darauf kommt es an, sehr verehrte Anwesende, im wirklichen Leben, dass sich aus dem Wirtschaftsleben heraus Rechte entwickeln, sondern darauf kommt es an, dass gewissermaßen das Leben selbst geteilt werde, auf der einen Seite das Wirtschaftsleben, auf der andern Seite das Rechtsleben, dass die Menschen auf der einen Seite in Verhältnisse des Wirtschaftslebens sich eingliedern nach den menschlichen Interessen, den menschlichen Bedürfnissen und nach dem, was danach produziert werden muss, dass sie auf der andern Seite sich wiederum herausheben aus diesem bloßen Wirtschaftsprozesse und sich hineinversetzen können in ein solches menschliches Zusammenleben, in dem nur das Verhältnis von Mensch zu Mensch eine Rolle spielt. Dass man wirklich trennt, nicht bloß in Gedanken, nicht bloß durch Einrichtungen, sondern wirklich trennt im Leben diese beiden Gebiete, darauf kommt es an.
Daher muss, wenn heute von einer Gesundung des sozialen Organismus gesprochen wird, eben auch davon geredet werden, dass neben anderen Bedürfnissen in diesem gesunden Organismus auf der einen Seite der Wirtschaftskörper, in dem es sich bloß um Warenzirkulation handelt, auf der andern Seite der Rechtskörper ist. Beide Körper haben ihre eigene Gesetzgebung, haben ihre eigene Verwaltung. Gesetzgebung und Verwaltung des Wirtschaftskörpers ergibt sich aus dem wirtschaftlichen Zirkulationsprozesse heraus, aus den Bedürfnissen dieses Zirkulationsprozesses heraus. Aus ganz anderen Voraussetzungen heraus wird sich dasjenige ergeben, was festgelegt wird über das Verhältnis von Mensch zu Mensch aus dem Rechtskörper heraus. Und man kann sagen: Wie souveräne Staaten müssen nebeneinanderstehen das eigentliche staatliche Leben, das zu umfassen hat eben die Festsetzung der öffentlichen Rechte, die Sicherheit, das, was man im engeren Sinne politisch nennt überhaupt, und das Wirtschaftsleben - wie souveräne Staaten müssen sie nebeneinander stehen. Gerade dann werden sie am besten ineinander eingreifen, wie die einzelnen Teile des menschlichen Organismus ineinander eingreifen, wenn sie selbstständig sind.
Wem das zu kompliziert erscheint, sehr verehrte Anwesende, der möge sich aber doch auch sagen, dass es wahrhaftig nicht darauf ankommt, ob einem irgendetwas kompliziert oder nicht kompliziert erscheint, sondern ob es dem Leben gegenüber notwendig ist; denn das Leben ist eben selbst kompliziert. Sobald das Rechtsleben in gesunder Weise sich abhebt von dem bloßen Wirtschaftsleben, so bald tritt die Sozialisierung des sozialen Organismus ein. Denn das Rechtsleben wirkt als solches aus dem, was ihm zugrunde liegen muss, aus dem demokratischen Prinzipe heraus, sozialisierend.
Sehen Sie, sehr verehrte Anwesende, den Gesichtspunkt, von dem aus hier diese Anschauung vertreten wird, werden Sie nur in der rechten Weise würdigen, wenn Sie den entsprechenden Unterschied zu machen versuchen zwischen einem Denken, das theoretisch, abstrakt dem Leben sich zuwendet, und einem solchen Denken, das konkret mit der Wirklichkeit des Lebens verwachsen sein will, das wirklich untertauchen will in die Wirklichkeit des Lebens. In der Naturwissenschaft kann man noch zur Not, weil es sich nicht so leicht zeigt, mit einem abstrakten, theoretischen Denken auskommen; dem sozialen Leben gegenüber kann man das nicht. Dem sozialen Leben gegenüber ist ein wirklichkeitsgemäßes Denken durchaus notwendig. Deshalb, nur deshalb weist zunächst dieses Denken im gegenwärtigen Augenblicke auf die Notwendigkeit der Gliederung des sozialen Organismus hin, denn sie ist in diesem Augenblicke das Allerallernotwendigste. Wer heute ausdenkt: Wie soll sich das Wirtschaftsleben gestalten, damit die Arbeitskraft des Proletariers des Warencharakters entkleidet werde? — der wird nicht viel erreichen; denn er wird seinen Denkgewohnheiten nach aus den bestehenden Verhältnissen urteilen, und er wird des Glaubens sein, dass man auf so einfache Weise das Richtige finden könne. Man kann auf so einfache Weise das Richtige nicht finden. Das Richtige soll überhaupt nicht so durch den einzelnen Menschen gefunden und diktiert werden, sondern das Richtige soll gerade durch das menschliche Zusammenleben gefunden werden. Dann muss aber dieses menschliche Zusammenleben in der richtigen Weise gegliedert werden. Deshalb weist die hier vertretene Ansicht darauf hin: Wenn der Wirtschaftskörper auf der einen Seite in seiner Selbstständigkeit besteht, auf der andern Seite daneben ein selbstständiger Rechtskörper, dann werden dieselben Menschen, die im Wirtschaftskörper nur Wirtschaftsinteressen vertreten, wenn sie gewählt werden für den Rechtskörper, für dessen Gesetzgebung oder Verwaltung, sie werden da, weil sie mit ganz anderen Menschengruppen zusammenkommen, mit diesen so zusammenkommen, dass überhaupt nur von dem Verhältnis von Mensch zu Mensch die Rede sein kann; sie werden da nicht wirtschaftliche Verhältnisse im engeren Sinne vertreten, sondern sie werden reine Menschheitsinteressen, soziale Menschheitsinteressen vertreten. Dass wirklich neben dem Wirtschaftsorganismus der Rechtsorganismus besteht, darauf kommt es an. Denn dann wird dasjenige, was richtig ist, sei es in Bezug auf Steuergesetzgebung, sei es in Bezug auf irgendetwas anderes, dann wird aus diesem selbstständigen Rechtsorganismus das Entsprechende, das Gesundende herauskommen.
Gewiss, Sie können heute schon glauben, dass manches, was man versucht, dem ähnlich ist, was hier gefordert ist. Derjenige, der tiefer auf die Sache eingeht, der wird finden, dass gerade das gewohnte Denken der heutigen Zeit im entgegengesetzten Sinne verläuft. Eine gewisse Götzendienerei gegenüber dem Staate ist dasjenige, was in allen Gemütern Platz gegriffen hat. Deshalb soll Wirtschaftsleben und Staat, das politische Leben und der wirtschaftliche Prozess eine Einheit werden.
Wie gesagt, in diesem Punkte sehen Proletarier und Nichtproletarier nicht das Entsprechende. Nicht darauf kommt es an, dass man ein soziales Programm aufstellt, sondern darauf kommt es an, dass man einsieht, wie sich das menschliche Gesellschaftsleben entwickeln muss, damit dann aus diesem Gesellschaftsleben heraus durch das, was die Menschen tun werden, das Gesunde entstehe, das Gesunde sich bilde. Aber in der neueren Zeit hat man diesem Gesunden gerade widerstrebt. Immer mehr und mehr fand man Geschmack an dem Verstaatlichen. Und diejenigen, welche sich ihr privates Wirtschaftsleben zurückbehalten wollten, suchten wenigstens in irgendeiner Weise sich an den Staat anzulehnen, um dann mit Hilfe des Staates ihre Privatinteressen vertreten zu können. Eine Konfundierung, eine Zusammenschmelzung des Wirtschaftslebens mit dem Staatsleben, die beide streng getrennt gehalten werden sollten für den gesunden Organismus, eine solche Zusammenschmelzung ist für Viele gerade das Ideal geworden.
In einer ähnlichen Weise verhält sich die Sache mit Bezug auf das Geistesleben. Die soziale Frage ist heute nicht nur eine einheitliche, sie ist in dem Sinne, wie ich das eben versuchte auseinanderzusetzen, erstens eine Wirtschaftsfrage, dadurch eine Wirtschaftsfrage, dass nach Mitteln und Wegen gesucht werden muss, wie im sozialen Organismus selbst durch das rechte Zusammenwirken der Menschheit die Arbeitskraft aus der Warenzirkulation herausgehoben werde. Sie ist, diese soziale Frage, eine Rechtsfrage, weil erst eingesehen werden muss in umfassender Art, wie das selbstständige Rechtsleben gerade dasjenige ist, was sozialisierend wirken wird, jenes selbstständige Rechtsleben, von dem wir heute eben durch den Hergang der neueren Geschichte nicht einmal die Ansätze haben. Aber etwas Ähnliches muss mit Bezug auf das geistige Leben gesagt werden. Von dem ich ja in den beiden letzten Vorträgen schon angedeutet habe, wie tief es eigentlich eingreift in die proletarische Frage der Gegenwart, ohne dass sich auch darüber Proletarier und Nichtproletarier die richtigen Vorstellungen machen. Und ich habe bereits auf eines hingewiesen: Immer wieder und wiederum kann derjenige, der — wie gesagt - nicht über das Proletariat denkt, sondern mit dem Proletariat denkt, immer wieder und wiederum kann er vom Proletariat selbst oder von Führern des Proletariats hören: Dasjenige, was sich im Geistesleben abspielt, alles Künstlerische, alles Religiöse, alles Wissenschaftliche, Sitte, Recht und so weiter, das ist eigentlich eine Ideologie, das ist nichts, was eine ihm eigene selbstständige Wirklichkeit in sich hat, sondern es ist etwas, was sich herausergibt aus dem Wirtschaftsprozesse, was gewissermaßen ein geistiger Überbau des Wirtschaftsprozesses ist, je nach dem Verhältnis, in dem die wirtschaftlichen Klassen zunächst standen im geschichtlichen Lauf der Menschheit, je nachdem sie heute stehen, je nach der Art und Weise, wie der Einzelmensch zusammenhängt mit dem, was er im wirtschaftlichen Leben zu tun hat, je nach dem bildet er sich Vorstellungen, künstlerische Empfindungen, religiösen Glauben aus. Es spiegelt sich dieses wirtschaftliche, rein materielle Leben in diesen Vorstellungen, in diesen Empfindungen. Die wirken ja vielleicht allerdings wiederum zurück auf Einrichtungen wirtschaftlicher Art aus diesen Vorstellungen, aus diesen Empfindungen heraus. Aber ursprünglich wurzeln diese Vorstellungen, diese Empfindungen durchaus im rein materiellen Wirtschaftsleben, sind bloß dessen Spiegelbild. Das ist Grundüberzeugung der heutigen proletarischen Seele. Das kann man immer wieder und wiederum hören und das schließt sich ein in das Wort: Alles geistige Leben ist eigentlich nur eine Ideologie. Und man hat sehen können, wie diese Stellung zum geistigen Leben aus der ganzen Veranlagung des Proletariats heraus die proletarische Seele [erfüllt], wenn sie dies auch noch nicht einsieht, sondern wenn sich das alles auch in den unterbewussten Begriffen abspielt, verdeckt. Sehen Sie, diese Dinge sind eigentlich nur aus dem Leben zu lernen, ganz anders wirkt das, was sich, ich möchte sagen, gleichzeitig mit der Entwicklung der modernen Technik und des modernen Kapitalismus in der geschichtlichen Entwicklung der Menschheit heraufgebildet hat, das moderne, wissenschaftlich orientierte Denken, ganz anders wirkt dieses wissenschaftlich orientierte Denken auf den Angehörigen der bisher leitenden Menschenklasse und auf den Proletarier. Sosehr auch die leitenden Menschenklassen immer wieder geneigt sein werden, zu sagen: Ach was, der Proletarier will doch nicht aus irgendeiner wissenschaftlichen Vorstellungsart das, was er fordert, sondern es ist eine Brotfrage oder dergleichen. Gewiss, es ist auch eine Brotfrage; aber wie diese Brotfrage zutage tritt, das hängt mit ganz anderen Dingen zusammen, das ist keineswegs bloß so banausisch orientiert, als viele Angehörige der leitenden Kreise glauben. Und wahr ist gerade dieses, dass in der Zeit, als eine gewisse Form der wissenschaftlichen Orientierung das Geistesleben der Menschen in den leitenden Kreisen angenommen hatte, dass da gerade geknüpft wurde der Arbeiter an die Maschine, an die Fabrik, dass er herausgerissen wurde aus anderen Lebenszusammenhängen und keinen anderen Zusammenhang hatte. Denn an der öden Maschine, und in dem seelenlosen Kapitalismus, ergibt sich für ihn kein Lebenszusammenhang. Da war er genötigt, dasjenige, was ihm Antwort auf die Frage [gibt]: Was bin ich [eigentlich] als Mensch in der Welt und in der Gesellschafts [wissenschaft] selbst? —, aus sich zu beantworten, aus seinem tiefsten Inneren heraus. Da wandte er sein großes Vertrauen, sein grenzenloses Vertrauen den leitenden Kreisen zu und entnahm diesen leitenden Kreisen als Erbgut die wissenschaftliche Orientierung. Der gegenüber war der Proletarier in einer ganz, ganz anderen Lage als die Angehörigen der leitenden, der führenden Kreise. Diese leitenden, führenden Kreise mochten gut übergehen zu jener modernen Wissenschaft, die über das Natürliche gut Auskunft gibt, auch über den natürlichen Hergang der menschlichen Entwicklung vom niedersten Lebewesen bis zum heutigen vollkommenen Menschen. Aber diese leitenden Kreise brauchten sich nicht die Frage so zu stellen: Wie stehe ich nun eigentlich in der menschlichen Gesellschaft drinnen, wenn das wahr ist über den Menschen? Sie hatten ihre alten Traditionen, wenn sie auch an diese alten Traditionen nicht mehr glaubten, wenn sie auch Freigeister, selbst Atheisten waren oder sind, sie stehen in der menschlichen Gesellschaft drinnen, so, wie diese menschliche Gesellschaft gebildet worden ist, ganz gewiss nicht nach dem Grundsatze der wissenschaftlichen Orientierung, sondern aus alten religiösen, aus alten sozialen Impulsen heraus, die wirklich mit der heutigen wissenschaftlichen Orientierung nichts zu tun haben.
Ja, sehr verehrte Anwesende, man kann ein Naturforscher Vogt, ein naturwissenschaftlicher Popularisator wie Büchner sein, man kann völlig davon überzeugt sein, dass alles, was geschieht, nur in der Naturordnung drinnen ist, aber man wird dadurch doch nur zu einer gewissen theoretischen Überzeugung für den Kopf kommen. Mit seinem ganzen Menschen steht man in der menschlichen Gesellschaftsordnung drinnen, deren Struktur auf ganz andere Weise bedingt ist als durch solche wissenschaftliche Fundierung. Das muss man im Leben lernen, was das bedeutet, dass der bürgerlich orientierte Mensch eine wissenschaftliche Überzeugung gewinnen kann durch die wissenschaftlich orientierte Denkweise. Der Proletarier aber braucht dasjenige, was dem anderen Menschen die Religion gibt, und das verlangte er von der wissenschaftlichen Orientierung.
Man kann, wenn man sich vom Leben belehren lässt, den Unterschied machen, wie anders aus der Seele heraus die wissenschaftliche Orientierung spricht bei dem Angehörigen der bisher leitenden Kreise, und wie anders hineinzuckt in die Seele des Proletariers, wenn man ihm spricht von dieser voll-wissenschaftlichen Orientierung, die ihm anweisen soll seine Stellung als Mensch unter Menschen, als Mensch in der Welt und in der menschlichen Gesellschaft überhaupt. Lassen Sie mich da, wenn ich da auch auf das Persönliche auf einen Moment eingehen muss, ein Beispiel anführen, das leicht verhundertfacht werden könnte. Ich stand einmal auf demselben Podium, unmittelbar, eine Rede haltend vor einer ziemlich großen Versammlung des Berliner Proletariats mit der kürzlich tragisch untergegangenen Rosa Luxemburg zusammen. Rosa Luxemburg sprach dazumal zu den Proletariern über die Wissenschaft und die Arbeiter. Sie sprach in ihrer Art einfach und zündend. Sie sprach wie jemand, der im Sinne der modernen wissenschaftlichen Orientierung spricht. Sie machte diesen Leuten klar, dass es ein Vorurteil ist, wenn man glaubt, der Mensch stamme ab von irgendetwas, was engelgleich sei, was irgendwie in einem geistigen Leben der Vorzeit wurzele. Nein, sagte sie, solch ein Engel war der Mensch nicht in der Vorzeit, solch ein Engel war der Mensch überhaupt nicht an der Stätte des Urmenschen; höchst unanständig verhielt er sich, indem er wie Affen auf Bäumen kletterte, und aus solchen Anfängen hatte er sich zu seinem heutigen Dasein emporgehoben. Das begründet nicht diejenigen Unterscheidungen, die heute in der menschlichen Ordnung gemacht werden, das begründet ein ganz anderes Bewusstsein des Menschen als Mensch.
Sehen Sie, sehr verehrte Anwesende, das ist etwas, was der Proletarier immer wieder und wieder gehört hat. Und wenn man von dem ungebildeten Proletariat spricht, so weiß man einfach nicht, was in der proletarischen Bewegung vorgeht. Das ist aber auch etwas, was seine Seele ganz anders erfasst, erfasst mit der Kraft eines Glaubensbekenntnisses, als die Seele erfasst wird bei den leitenden Kreisen. Auf das muss man hinsehen. Und dann, dann wird man geschult werden dazu, nachzudenken, woher denn das eigentlich kommt. Dann gelangt man zu Folgendem. Dann gelangt man dazu, sich die Frage eben beantworten zu können, wie es denn eigentlich hergegangen ist, als — wie ich schon sagte - gleichzeitig mit der Entwicklung der modernen Technik und des modernen Kapitalismus ein anderes sich entwickelt hat. Das andere, das sich entwickelt hat, ist nämlich dieses, dass das frühere, verhältnismäßig selbstständige Geistesleben aus den Instinkten der Menschheit heraus, die aber heute eben in bewusste Impulse übergehen müssen, aus den Instinkten heraus hat sich eine gewisse Selbstständigkeit des geistigen Lebens entwickelt. Die leitenden, die bisher leitenden Kreise, deren Interessen waren mit dem heraufkommenden Staate verbunden. Das, was wir heute «Staat» nennen, ist ja eigentlich erst vier Jahrhunderte alt. Und es ist ein Vorurteil, zu glauben, dass es in unserer geschichtlichen Entwicklung in unserem Sinne immer Staaten gegeben hat. Die frühere Entwicklung war etwas ganz anderes. Aber mit dem, was sich da heraufentwickelt hat, haben sich verbunden die Interessen der leitenden, führenden Kreise. Nur die Interessen des modernen Proletariats hat man davon ausgeschlossen, die sind einfach durch den modernen Wirtschaftsprozess ausgeschlossen worden. Die Folge davon war: Ebenso, wie einzelne Kreise, einzelne Gebiete des Wirtschaftslebens in der neueren Zeit in den Staat hineingeleitet haben, so wurde das geistige Leben in den Staat eingeleitet, Schulen, Mittelschulen, Hochschulen; und man strebt ja danach, immer mehr und mehr in dieses rein politische Leben des Staates hineinzuleiten.
Was geschah dadurch? Dadurch geschah dieses, dass der Staat aussog das geistige Leben. Und wer den Prozess, der sich hier abspielte, genau verfolgt, der weiß, dass dadurch nicht bloß die Verwaltung, die Gesetzgebung dieses geistigen Lebens von dem Staate abhängig geworden ist, sondern gar sehr abhängig ist der Inhalt der sogenannten Wissenschaft und der anderen geistigen Zweige von dem Staatsleben der bisher leitenden Kreise geworden. Der Staat wurde das Maßgebende für die Impulse der geistigen Betätigung der Menschheit. Daher kam es, dass der Staat seine Interessen durch diese geistigen Gewalten vertreten ließ. Und die Folge davon war, dass nun wirklich das, was im geistigen Leben zutage trat, nur ein Spiegelbild wurde, nur ein Überbau wurde derjenigen Interessen, die von den leitenden Kreisen mit dem Staatsleben verbunden waren. Das ist die Wahrheit, dass durch einen historischen Vorgang das geistige Leben zu einem Spiegelbild, zu einem Überbau, zu einer Ideologie geworden ist in der Zeit, in der das Proletariat ausgeschlossen wurde von der Anteilnahme an diesem Staatsleben. Was konnte es anders wollen als wie die anderen Klassen Anteil haben an diesem Staatsleben?
Und so sehen wir, wie dieses geistige Leben - nur in der Mathematik geht’s ja nicht, aber in andern Zweigen geht es - wirklich wie ein Spiegelbild geworden ist desjenigen, was sich draußen im rein politischen Leben abspielt nach den Interessen der leitenden Kreise. Man wird sich vielleicht gerade in der jetzigen Katastrophe der Menschheit schon überzeugen können doch davon. Wer sich die Mühe gegeben hat, zu verfolgen, was über den Hergang deutscher Geschichte mit ihrer Gipfelung in dieser Weltkriegskatastrophe sich abgespielt hat, der wird ganz gut einsehen können, dass dasjenige, was da die Gelehrten als «Geschichte» den Menschen erzählt haben, nur ein Ausdruck der verschiedenen Gebiete des Staatswillens der herrschenden Mächte war. Denn ich möchte einmal die Frage stellen: Wird vielleicht die Geschichte der Hohenzollern in Zukunft ebenso aussehen, wie sie bisher ausgesehen hat? Sie wird gar sehr verraten, wie sie bisher ein Spiegelbild desjenigen war, was die leitenden Kreise haben wollten nach den Gewalten, die sie hatten. (Beifall.) Da ist es besonders auffällig an einem solchen Beispiel. Aber diese Beispiele könnten vermehrt werden durch das, wobei sich das Entsprechende vielleicht nicht so radikal zeigt, aber vielleicht gerade dadurch, dass es verborgen wird, umso wirksamer ist.
Das sah, sehr verehrte Anwesende, der moderne Proletarier. Daraus bildete er sich die Ansicht, dass überhaupt alles Geistesleben bloß eine Spiegelung, bloß ein Überbau ist desjenigen, was sich unten abspielt im realen Prozess. Und da ihm die Anteilnahme an dem politischen Leben entzogen war, bildete er sich die Ansicht, dass alles Geistige nur eine Spiegelung des Wirtschaftsprozesses als solchem ist.
Wer wirklich die Möglichkeit hat, die Fähigkeit hat sogar, in diese Vorgänge einzudringen, der wird zu der Einsicht kommen, dass, als in der Morgenröte der neueren Zeit das Proletariat den leitenden Kreisen das große Vertrauen entgegenbrachte, entgegenzunehmen von ihm als Erbgut dasjenige, was sich im geistigen Leben herausgebildet hatte, [dieses Keimen, das zu einem unselig die Seele be]fruchtenden Erbgut geworden ist.
Und so ist es gekommen, dass der moderne Proletarier zwar in Verhältnisse hineingestellt worden ist, die er in seiner Art als menschenunwürdig empfindet, dass er aber heute noch immer denkt, über die Verhältnisse in demselben Sinne fortdenkt, wie er es gelernt hat von den leitenden Kreisen. In dieser Beziehung, sehr verehrte Anwesende, macht man die merkwürdigsten Erfahrungen über menschliche Illusionen. Derjenige, der da weiß, dass in der proletarischen Seele und in der Seele namentlich der dem Proletarierleben dienenden Denker gerade die letzten Konsequenzen des bürgerlichen Denkens wuchern, der weiß, dass es notwendig ist, dass die soziale Frage auch in ihrem dritten Glied als Geistesfrage begriffen werde. Nur dann wird sie als Geistesfrage begriffen, wenn das Proletariat auch noch zu allem Übrigen, was es in seiner Seele erlebt, das erlebt, dass es wollen wird anders zu denken, als es gelernt hat von den leitenden Kreisen.
Das erwartet gerade der vielleicht nicht, der tiefer hineinschaut in die Vorgänge der neueren Geschichte. Vielleicht wird es sogar noch schreckhafter sein als dasjenige, was heute vor sich geht, für den, der durch so etwas erschreckt, wenn noch nicht einmal die Proletarier zu der Ansicht gekommen sein werden, dass sie nicht die Verhältnisse umzuwandeln haben, in denen sie sich unglücklich fühlen, sondern dass die Menschheit umzudenken hat, über die Verhältnisse selbst anders zu denken hat. Darauf kommen wird man, dass dasjenige überwunden werden muss, was neuzeitliche wissenschaftliche Orientierung ist, und dass entgegengenommen werden muss ein neues Geistesleben - ein neues Geistesleben, für das vielleicht gerade der Proletarier, weil er der Erste sein kann, der an dem Alten irre sein wird, in der richtigen Weise vorbereitet wird. Vielleicht ist er gerade, der Proletarier, der rechte moderne Mensch, während die anderen nicht loskommen können von demjenigen, was alte Traditionen sind.
Man kann nun wiederum, insbesondere mir - verzeihen Sie, wenn ich da wiederum einen Moment etwas Persönliches erwähne -, man kann vielleicht gerade mir den Einwand machen: Nun, du sprichst ja sonst von einem geistigen Leben, das wirst du doch wohl für das Richtige halten. Glaubst du, dass die heutigen Proletarier dieses geistige Leben williger entgegennehmen als die Bourgeois oder andere führende Klassen? - Ganz gewiss glaub ich das nicht für die heutige Zeit, denn die Tatsachen sprechen ja deutlich vom Gegenteil. Aber urteilen in dieser Beziehung überhaupt schon die Proletarier als Proletarier? Sind die Proletarier frei genug geworden, um aus ihrem Inneren, aus ihrem wirklichen Inneren ein Urteil zu gewinnen? Haben sie nicht empfangen gerade die wissenschaftliche Orientierung, die ganze Gesinnungsweise des inneren Menschen von den leitenden Kreisen? Die leitenden Kreise sind, weil sie in alten Traditionen leben, und weil die neuere Geistesrichtung radikal mit den neueren Traditionen mit Bezug auf Denken, Empfinden und Wollen des Menschen brechen muss, die leitenden Kreise sind selbstverständlich gegen dieses neue Geistesleben. Und dagegen zu sein haben die anderen von diesen leitenden Kreisen — selbstverständlich Ausnahmen abgerechnet - gelernt. Wenn einmal der Zeitpunkt eintreten wird, wo der Proletarier empfinden wird, dass durch den Mangel eines Geisteslebens die menschliche Seele veröden muss, dass etwas ganz anderes notwendig ist als eine bloße Ideologie, ein bloßes Spiegelbild der rein materiellen Wirklichkeit, dann wird er ganz gewiss nicht zurückkommen auf die alten Weltanschauungstraditionen; aber brauchen wird er die Erkenntnis des Zusammenhanges zwischen dem Menschen und der geistigen Welt. In der rechten Weise in den sozialen Organismus wird sich diese Erkenntnis des Zusammenhanges des Menschen mit der geistigen Welt nur hineinstellen können, wenn sich zu den beiden schon erwähnten Gliedern des gesunden sozialen Organismus ein drittes hinstellt, wenn das in einer gewissen Weise wieder rückgängig gemacht wird, wozu hingedrängt hat die Entwicklung der letzten Jahrhunderte, wenn dasjenige, was auf dem Gebiete des geistigen Lebens verstaatlicht worden ist, wieder entstaatlicht wird, wenn neben dem in sich selbstständigen Wirtschaftskörper, in sich selbstständigen Rechtskörper ein drittes Gebiet des sozialen Organismus steht, das Gebiet des geistigen Lebens, das unmittelbar befreit wird von allen anderen Einflüssen und Impulsen, das rein auf sich selbst gestellt wird. Nur dann kann es gedeihen, nur dann kann wirkliches Geistesleben den Menschen ergreifen, wenn dieses Geistesleben aus der freien menschlichen Initiative hervorgehen kann. Man kann auch, wenn Gewalten dazu zwingen, etwas lernen selbstverständlich. Aber den Geist auf sich wirken lassen, den Geist erleben, wie es allein richtig wirksam sein kann für das menschliche Zusammenleben, das kann man nicht, wenn nicht der Geist auf sich selbst gestellt ist. Und so sonderbar das für die Denkgewohnheiten der heutigen Menschen noch klingen mag, der Zeit müssen wir zustreben, wo nicht nur der Wirtschaftskörper seine eigene Gesetzgebung [und] Verwaltung aus seinem eigenen Verhältnis heraus, wo nicht nur das Rechtsleben seine demokratische Struktur aus dem Verhältnis von Mensch zu Mensch erhält, sondern wo auch das geistige Leben in völliger Unabhängigkeit von Wirtschaft und Staat rein auf sich selbst gestellt ist, sodass es sogar durch seine Hervorbringungen erst recht Gutes dem Staate und dem Wirtschaftsleben geben kann, weil es sie erst tatkräftig auf seinem eigenen Gebiete entwickelt.
Über diese Sache denken ja die Menschen heute, ich möchte sagen, noch so sehr, sehr rückschrittlich. Sie denken vor allen Dingen nach bequemen Denkgewohnheiten. Man kann es immer wieder und wiederum erleben, dass die Frage aufgeworfen wird auch mit Bezug auf den geistigen Teil der sozialen Frage, ja, was wollen denn die Proletarier eigentlich? Gibt es denn nicht heute Bestrebungen genug? Werden nicht da und dort alle möglichen Bildungsvereine gegründet, von den leitenden Kreisen Vorträge veranstaltet, sonstige Unterrichtsmöglichkeiten gegeben für das Proletariat? Nun, sehr verehrte Anwesende, das Proletariat mag hingehen zu alledem. Was empfängt es denn dort? Dasjenige, was es eben schon seit Jahrhunderten empfangen hat, und was es empfindet als eine Ideologie, als einen bloßen geistigen Überbau der Wirtschaftsordnung, was es im Grunde genommen für die wirkliche Entwicklung seiner Seele nicht brauchen kann. Man mag gutwillig das alles begründen, es hat keinen Wert für die Gesundung des sozialen Organismus. Für die Gesundung des sozialen Organismus hat es allein Wert, wenn man sich zuwendet einer Geistesrichtung, welche sich unabhängig macht von den beiden anderen sozialen Gebieten, die daher wirkliches Geistesleben wiederum in die Entwicklung [der] Menschheit hineinzubringen geeignet ist.
Was wird die Folge sein, dass dieses Geistesleben auch dem Menschen für sein ganzes Menschenwesen und für das Bewusstsein von seiner Menschenwürde das Gepräge aufdrückt, dass es ihm ein wirkliches Lebensgut sein kann? Von dem Geistesleben, das in der geschilderten Weise als ein Erbgut von den leitenden Kreisen übergegangen ist auf das Proletariat, von dem kann das Proletariat nur denken, dass es eigentlich mehr oder weniger zur besseren Unterhaltung für die leitenden Kreise da ist. Und schließlich, in den meisten Fällen ist es ja auch nur dazu da, diese leitenden Kreise, sie haben es schließlich dahin gebracht, dass sie gerade mit ihrem Geistesleben eine geschlossene Gesellschaft für sich bilden. Da ist der Abgrund zwischen dem, was als Kunst, als Religion, als Wissenschaft, als Sitte selbst und sogar als Recht der Angehörige der leitenden Kreise für sich bekam, und was derjenige, der außerhalb dieser leitenden Kreise als Proletarier steht, gar nicht verstehen kann, zu dem er gar kein Verhältnis gewinnen kann, weil es herausgeboren ist aus den bloßen Impulsen der leitenden Kreise, die darauf abzwecken, diese leitenden Kreise zu einer geschlossenen Gesellschaft zu machen.
Gegenseitige Verständigung würde nur möglich sein, wenn gemeinsames Geistesleben da wäre. Dieses gemeinsame Geistesleben kann erstens auf der Grundlage des sozialisierend wirkenden Rechtsstaates erwachsen, der sich herausgliedert aus dem Wirtschaftskörper. Und es kann auf der anderen Seite erwachsen, wenn völlig emanzipiert wird von den beiden anderen Gewalten das geistige Leben selbst. Denn dieses geistige Leben wird eine ganz andere Stoßkraft haben als dasjenige, was man heute als das geistige Leben ansieht. Und dieses geistige Leben wird seelentragend sein, wird ganz anders den Menschen erfüllen können, wie einstmals religiöse Anschauungen erfüllten, zu denen das moderne Proletariat ganz gewiss nicht wieder zurückkehrt.
So ist tatsächlich die soziale Frage im eminentesten Sinne eine Geistesfrage, sehr verehrte Anwesende. Es ist das Lechzen nach einem neuen Geistesleben. Und einen Lösungsversuch auf diesem Gebiete kann es nur dadurch geben, dass man sich einen Sinn erwirbt für dasjenige, was als ein solches unabhängiges neues Geistesleben in die Menschheit hereinziehen will. Einwände sind immer billig. Man kann anfangen bei den alleruntersten Einwänden; man kann sagen: No ja, machen wir die Schule frei, sodass erstens ihr Unterhalt bloß auf demjenigen beruht, was freiwillig für sie hingeben die Menschen, dann werden wir wiederum zum Zeitalter der Analphabetität zurückkehren. - Das werden wir nämlich ganz gewiss nicht, sehr verehrte Anwesende, ebenso wenig, wie die höchsten Studien leiden werden, wenn sie befreit werden von den anderen Gewalten; sondern wir werden sehen, wie gerade dann, wenn dieses Geistesleben emanzipiert wird von den anderen Gewalten, es in der richtigen Weise zurückwirkt auf diejenigen Menschen, die im Wirtschafts- oder Rechtsleben sonst drinnenstehen. Es wird zurückwirken, weil sie gerade dann das Bewusstsein in sich tragen, sie und diejenigen, die sie zu leiten haben, aus freiem Willen zu diesem Geistesleben hinzuführen, damit sie hineinwachsen können in den übrigen gesunden sozialen Organismus. Nicht darauf kommt es an, was der eine oder andere heute will mit Bezug auf diesen gesunden sozialen Organismus, sondern was die Menschen tun werden, wenn man ihn anstrebt, oder wenn er wenigstens bis zu einem gewissen Grade verwirklicht ist. Die Menschen werden dann ganz gewiss, sagen wir, zum Beispiel zu dem Verwaltungskörper des Rechtsstaates nur denjenigen zulassen, der eine gewisse Schulbildung hat. Und ich, ich glaube eben wirklich zu denjenigen zu gehören, die nicht nur über das Proletariat denken können, sondern mit dem Proletariat denken können. Ich weiß dasjenige, was sich in den Menschen geltend machen wird, die aus dem modernen Proletariate herauswachsen und hinein sich gliedern in den dreigliedrigen, gesunden sozialen Organismus. Diese Menschen werden ganz gewiss nicht es ablehnen, ins politische Leben herein nur diejenigen zuzulassen, welche eine gewisse Schulbildung erlangt haben. Damit wird aber die Analphabetie aufgehört haben, wo sie auch heute noch besteht; ganz gewiss wird sie nicht von Neuem anfangen.
So beantworten sich konkrete Fragen, indem heute es vor allen Dingen wichtig ist, auf die großen Impulse als solche hinzuweisen. Eine wirklichkeitsgemäße Anschauung brauchen wir heute über diese Dinge, eine solche Anschauung, die untertauchen kann in das Leben und sich Vorstellungen machen kann über die Formen, die das Leben annehmen muss, damit in diesem Leben die Menschen aus ihren Impulsen heraus den sozialen Organismus nach und nach zu einem gesunden machen. Denn das muss immer wieder und wiederum wiederholt werden: Die soziale Frage ist heraufgezogen, zeigt sich, offenbart sich in gewaltigen Tatsachen, in für manche recht schrecklichen Tatsachen. Sie ist nicht so heraufgezogen, als ob man sie nun durch dies oder jenes morgen lösen werde, und dann ist sie gelöst, dann hört sie wieder auf - nein, die Entwicklung der Menschheit ist so, dass nun diese soziale Frage einmal da ist, dass sie in dieser dreifachen Weise angesehen werden muss als Wirtschafts-, als Rechtsund als Geistesfrage, und dass, wenn die Menschen sie so ansehen, wenn eine Empfindung davon so zur sozialen Empfindung wird, dass es dem Menschen eine selbstverständliche Forderung wird, den sozialen Organismus in seinen drei Gliedern auseinanderzuhalten, dann wird immer aus dem menschlichen Verhalten die fortdauernde Lösung dieser sozialen Frage erfolgen. Denn das Wirtschaftsleben wird immer in einer gewissen Weise den Menschen verbrauchen. Das Rechtsleben muss ihn immer vor diesem Verbrauch bewahren, immer behüten vor dem, was das Wirtschaftsleben will. Die soziale Frage kann nicht auf einmal, die soziale Frage wird im fortwährenden Werden gelöst. Und in sie Einblick gewinnen heißt: von vornherein in das Werden der Menschheit sich vertiefen, wie es seine Morgenröte in der Gegenwart hat, wie ihm die Sonne aufgehen muss immer mehr und mehr gegen die Zukunft hin.
So stellt sich allerdings heraus, dass ein wirklichkeitsgemäßes Anschauen die soziale Frage in ganz anderer [Art] sehen muss, wie man sie gewöhnlich sieht. Man denkt, durch das oder jenes könne man sie lösen; dadurch könnte man sie lösen, dass man seine Hand bietet zu einer Umgestaltung des sozialen Organismus selbst, ja erst zu einer wirklichen Formulierung des sozialen Körpers, zu einem Organismus, der die drei geschilderten Glieder hat, die dann, wenn sie selbstständig sind, in der richtigen Weise zusammenwirken können. Solange man sich nicht einlässt auf diese Dinge, wird man in der sozialen Frage nicht eine wirkliche Heilkunst des sozialen Organismus treiben. Woher auch der Versuch kommen mag, von proletarischer oder nicht-proletarischer Seite, man wird Kurpfuscherei treiben. Und die Dinge sind heute so weit gediehen, sehr verehrte Anwesende, dass man wahrhaftig sich die ernste Frage vorlegen sollte: Wodurch treibt man auf diesem Gebiete nicht Kurpfuscherei, sondern wirkliche Heil-Kunst?
Selbstverständlich denke ich nicht daran, dass eine solche Sache von heute auf morgen erreicht werden könne. Daran denken auch die Sozialisten nicht; sie reden von einer langsamen Entwicklung, insoferne sie auf dem Boden einer gewissen Vernünftigkeit stehen. Aber bei jeder einzelnen Maßregel, die der Mensch ergreift, kann er heute schon sein Denken, sein Handeln hinorientieren zu der Dreigliederung des sozialen Organismus. Wenn entsteht in denjenigen, die überhaupt Anteil nehmen wollen - und das ist ja im Grunde genommen an seinem Platze jedem Menschen gegönnt, dem einen mit größerer, dem anderen mit geringerer Verantwortlichkeit —, wenn in denen, die so Anteil nehmen wollen an dem Werden in der sozialen Ordnung, wenn in denen reift [der] Ausblick: Es muss sich gliedern der soziale Organismus in die drei geschilderten, charakterisierten Glieder, wenn alles, was gemacht wird in Gesetzgebung, alles, was selbst gemacht wird in der Verwaltung, alles, was selbst im gewöhnlichen Leben gemacht wird, in dieser Weise orientiert wird, dann gehen wir dem entgegen, dem wir entgegengehen müssen. Man denkt leicht nach darüber: Wie wird das Glück durch den sozialen Organismus begründet? Es ist kein richtiger Gedanke. Ein richtiger Gedanke ist der, sehr verehrte Anwesende, dass man vor allen Dingen sich klarmacht: Wodurch ist der soziale Organismus lebensfähig, wodurch der soziale Organismus gesund? Dann wird sich gerade, weil in dem das geistige Leben emanzipiert von anderen Gewalten ist, weil das Rechtsleben in seiner Selbstständigkeit da steht, weil dieses Rechtsleben in seiner Selbstständigkeit sozialisierend auf das Wirtschaftsleben wirkt, es wird sich gerade dadurch die Möglichkeit ergeben, dass in diesem gesunden sozialen Organismus nun durch ganz andere Faktoren als durch seine Vorgänge selbst dasjenige begründet, was die Menschen ein menschenwürdiges, vielleicht auch ein glückliches Dasein nennen. Der menschliche Organismus, der natürliche Organismus, er muss gesund sein. Dass er gesund ist, gibt uns das schon die Erhebung der Seele, das befriedigende Seelenleben? Nein, das gibt es uns nicht. Unser Organismus, wenn er krank ist, gewiss, er stimmt das Seelenleben herab, er macht uns unglücklich, menschlich erfasst. Aber wenn er gesund ist, müssen wir noch nach etwas anderem trachten, um im gesunden Organismus eine erfreute, eine zufriedene, eine innerlich vom geistigen Leben erfüllte Seele zu haben. Wir werden das nur können, wenn wir den Organismus gesund haben, wenn uns nicht Krankheit lähmt. Der soziale Organismus, er muss zur Lebensfähigkeit gebracht werden; dann werden die Menschen, die in dem lebensfähigen, gesunden sozialen Organismus leben, aus anderen Faktoren des Lebens sich ihr Glück begründen können. Die proletarische Welt - darüber darf man sich keiner Illusion hingeben - kann es heute nicht, denn sie ist gefesselt an den bloßen Wirtschaftsorganismus. Sie muss befreit werden, im gesunden sozialen Organismus befreit werden von dem bloßen Wirtschaftsleben. Dann wird erst der soziale Impuls gerade in der proletarischen Menschheitsmasse den rechten neuzeitlichen Charakter annehmen können.
Indem man bloß diese Dinge ausspricht, muss das Gewicht auf sie für das gegenwärtige Leben mit gefühlt werden, sehr verehrte Anwesende. In diesen Dingen steht der, der sich ihnen, wie ich glaube, mit wirklichem innerem Verständnis hingibt, nicht so darinnen, dass er bloß eine Ansicht gewinnen will oder bloß in irgendeiner Form recht haben will, sondern so darinnen, dass er vor allen Dingen daran denkt, dasjenige zu gewinnen, was ins wirkliche Leben eingreifen kann, was in die Herzen der Menschen einziehen kann, in ihre Seelen, aus denen doch ihre Handlungen und ihre Lebenslage hervorgehen muss.
Dasjenige, was ich hier in diesen Vorträgen ausspreche, ich habe es seit längerer Zeit ausgesprochen, auch während die furchtbare Kriegskatastrophe gewütet hat. Ich habe es manchem, der damals in führender Stellung war, gesagt, gesagt einerseits mit den Worten: Nicht erfunden ist es, nicht ist es, dass man denken soll, ich vertrete irgend etwas Ausgedachtes, sondern dasjenige, was hier vertreten wird, das ist entnommen aus den Anschauungen der Entwicklungskräfte der Menschheit, namentlich der europäischen Menschheit für die nächsten zehn, zwanzig, dreißig Jahre. Das will sich verwirklichen. Dass es sich verwirklichen will, das hängt nicht von irgendeinem von uns ab, es wird sich verwirklichen, weil es in der Menschheitsentwicklung drinnenliegt und sich objektiv verwirklichen will. Man kann nur zu dem Menschen sagen, der irgendwie eingreifen will in das soziale Leben: Du hast die Wahl, entweder im Sinne dieser Kräfte einzugreifen oder dich dagegen zu stemmen. In dem ersteren Fall ist es möglich, dass man der Zeitentwicklung dient durch Vernunft; in dem anderen hat man einfach tatenlos abzuwarten Revolutionen und Kataklysmen. Diese Revolutionen und Kataklysmen sind schneller gekommen, als manche geglaubt hatten, denen ich vor Jahren davon gesprochen habe.
Und jetzt nimmt das allerdings andere Formen an. Und schon mehr Menschen sind da, die solchen Dingen Verständnis entgegenbringen, weil die Tatsachen heute noch deutlicher sprechen. Aber andererseits sagte ich auch das Folgende zu denen, zu denen ich sprechen durfte über dasselbe, was ich hier schon auseinandersetzte: Ich könnte mir denken, dass die Menschen darangingen, in der Wirklichkeit die Dinge so anzugreifen, dass sie in dieser Richtung sich bewegten, die da angegeben wird in der Behandlung der sozialen Frage. Dann könnte daraus etwas entstehen, was vielleicht von dem, was ich selber heute sage, keinen Stein auf dem anderen ließe, was aber doch heilsam würde. Denn ich habe nicht den Glauben, dass ich so gescheit bin, alles Einzelne zu wissen, wie man es machen soll, aber den Glauben habe ich fraglos, dass mit diesen Dingen die Wirklichkeit als solche angepackt ist. Und lässt man sich ein auf solche Wirklichkeit, dann werden diejenigen Menschen, die sich in diesen dreigliedrigen Organismus hineinstellen, so gescheit sein, dass sie zusammenwirkend das Richtige treffen werden. Deshalb braucht von dem, was ich heute sage, kein Stein auf dem andern zu bleiben, es kann alles anders kommen, aber es wird so werden, wie es in der Richtung der Entwicklungs-Wirklichkeit liegt. Das ist es, worauf es ankommt.
Deshalb war es mir eine gewisse Befriedigung — jeder versucht dasjenige zu tun, was er auf dem Platze tun kann, auf den ihn das Schicksal des Lebens gestellt hat —, es war mir eine gewisse Befriedigung, als ich sah, wie ein Aufruf, der zu den Menschen sprechen will aus dem heraus, was sich ergibt aus der furchtbaren Katastrophe der letzten Jahre, ein Aufruf, der enthält auch dasjenige in kurzen Worten, mit einigen andeutenden Sätzen nur, der aber darauf hindeutet, dass das in allen Einzelheiten zu begründen ist, dass dieser Aufruf in einer verhältnismäßig kurzen Zeit weit über hundert Unterschriften in Deutschland, gegen hundert Unterschriften auch unter den Deutschen Österreichs gefunden hat, und jetzt auch schon Unterschriften von Schweizer Persönlichkeiten, die wir für diese Sache ganz besonders werten müssen.
Und ich glaube, dass durch diesen Aufruf, der in der nächsten Zeit erscheinen soll, unterstützt von denjenigen Persönlichkeiten, die sich heute schon mehr oder weniger intensiv, oder weniger intensiv, in Einklang versetzen können mit einem solchen Wollen, wie es hier charakterisiert wird, dass mit diesem Aufruf, glaube ich, ein Anfang gemacht sein wird. Ich werde dann dasjenige, was in diesem Aufruf nur angedeutet wird, was man bei diesem Aufruf mehr empfinden muss durch dasjenige, was man schon selber versteht, ich werde es unterstützen durch ein demnächst erscheinendes Büchelchen über die soziale Frage und ihre verschiedenen Kernpunkte und ihre Lösungsmöglichkeiten. Dieses Büchelchen ist bereits im Druck. Und so hoffe ich, sehr verehrte Anwesende, dass gerade diejenigen Ideen, von denen ich glaube, dass sie entsprechen einem wirklichkeitsgemäßen sozialen Anschauen, doch in der heutigen schweren Zeit - unterstützt nun doch schon von einer größeren Anzahl von über sie nachdenkenden Menschen - in die menschliche Seele einziehen können. Und das ist notwendig. Die Tatsachen, die heute am Horizonte des weltgeschichtlichen Werdens sich zeigen, diese Tatsachen fordern dies heraus.
Und ein Versäumnis müsste es sein, wenn nicht ein jeder an seinem Platze heute versuchte, irgendein Urteil zu gewinnen, das sich in seinen Handlungen verwirklichen kann, ein Urteil zu gewinnen darüber: Was tut eigentlich not? Was ist eigentlich die wahre Gestalt desjenigen, was soziale Bewegung genannt wird? Heute muss man schon den Anfang mit dem machen, was später solche Schulbildung sein muss wie das Einmaleins heute, oder wie die vier Rechnungsarten. Man muss den Anfang machen mit der Einsicht: Wie gestaltet sich die soziale Frage als Wirtschafts-, als Rechts-, als Geistesfrage? Und wird die Menschheit zukünftig leben können, wenn sie fortdauernd in immer wiederkehrenden Versuchen lösen muss innerhalb der Ausgestaltung der gesellschaftlichen Struktur die soziale Struktur als Wirtschafts-, Rechts- und Geistesfrage?
So stark sprechen die heutigen Tatsachen, und so stark greifen sie ein in das Leben vieler Menschen schon. Und schon zeigt sich, dass sie in das Leben jedes einzelnen Menschen eingreifen werden. So stark zeigen sich diese Tatsachen. In einer solchen Gestalt offenbaren sie sich, dass sie den Menschen doch zu dem Urteil, zur Empfindung bringen müssen: Ich muss mir irgendwelche Anschauungen auf diesem Gebiete aneignen, ich darf nicht weiter wie mit schlafender Seele in dem heutigen Gewoge der Tatsachen drinnenstehen. Sonst, wenn es nicht gelingen kann, irgendwelches Verständnis zu finden für eine aus der Seele herausgeborene Fortentwicklung in diesen Dingen, dann müsste es dahin kommen, dass einfach die Instinkte der Menschen Oberhand gewinnen, dass diese Instinkte die Entscheidung, die dann aber keine Entscheidung, sondern eine furchtbare Prüfung der Menschheit sein würde, eine grauenvolle Prüfung der Menschheit sein würde, dass die Instinkte diese Prüfung, dieses grauenvolle Schicksal herbeiführten. Angesichts dessen, was heute keimhaft sich zeigt, was aber vielleicht, wenn nur jeder Einzelne mit sich zu Rate geht, noch abgewendet werden kann, das legt uns immer wieder die Worte auf die Zunge, lässt sie hervorquellen aus dem Herzen, das Anteil nehmen will an dem Schicksale der Zeit und an dem Schicksale der Menschen in dieser Zeit: Man versuche einzudringen in das Wesen der sozialen Bewegung, ehe es zu spät ist.