The Big Questions of our Time and Anthroposophical Spiritual Knowledge

GA 336 — 4 April 1919, Dornach

7. Die Kernpunkte der Sozialen Frage

Sehr verehrte Anwesende! Bedeutsam laut sprechende Tatsachen im sozialen Leben der ganzen heutigen zivilisierten Welt haben sich herausentwickelt aus der fast fünf Jahre dauernden, furchtbaren Weltkriegskatastrophe. Wer nicht seelisch schlafend, sondern mit wachem Bewusstsein heute in die Welt schaut, um dasjenige wahrzunehmen, was sich ankündigt, der kann wohl nicht anders, als zu dem Urteile kommen, dass auch nur bedeutsame, tief einschneidende Maßnahmen dem entgegenkommen können, was als weltgeschichtliche Forderung heute vor der Menschheit auftritt.

Die Zeit, in der man in billiger Weise von allerlei Verständigungen gesprochen hat, durch die man in einer gewissen Art das Alte wiederum in bequemer Weise aufrechterhalten kann, diese Zeit, die ist wohl vorbei. Heute kann es sich nur handeln um eine ganz, ganz andere Verständigung, um die Verständigung des Menschen mit den großen weltgeschichtlichen Kräften, die sich von der Gegenwart in die nächste Zukunft hinein sinnlich verwirklichen wollen.

Aber trotzdem man von manchen Menschen zur Genüge hat aussprechen hören in den letzten vier bis fünf Jahren, dass mit der Weltkriegskatastrophe ein Ereignis hereingebrochen sei über die Menschheit, wie es ein solches im Laufe dessen, was man gewöhnlich die Geschichte nennt, noch nicht gegeben hat, so kann man auf der anderen Seite nicht viele Empfindungen erleben dafür, dass in einer Zeit, in der Dinge geschehen, die noch nicht geschehen sind in der Geschichte, auch Gedanken, Maßnahmen gefasst werden müssen, getroffen werden müssen, welche in einer gewissen Weise noch niemals vorgenommen worden sind in der Geschichte der Menschheit.

Kann man denn sagen, sehr verehrte Anwesende, dass sich in der letzten Zeit viel Verständnis gezeigt hätte für die weltgeschichtliche Lage und ihre Forderungen, in die wir hineingekommen sind? Wenn man diese Frage beantworten will, dann ergibt sich eigentlich für heute noch ein fast aussichtsloses Bild. Denn, sehen Sie, wenn ich die persönliche Bemerkung machen darf: Im Frühling des Jahres 1914 versuchte ich zusammenzufassen das Urteil, das ich mir habe bilden können aus einer ehrlichen Beobachtung der Sachlage heraus im Laufe der letzten Jahrzehnte über die europäische und über die sonstige Weltlage. Ich versuchte dazumal im Frühling 1914, bevor es zu dem gegenwärtigen furchtbaren Ereignisse gekommen ist, vor einem kleinen Kreise - ein größerer hätte mich wahrscheinlich dazumal noch verlacht mit meinen Anschauungen -, vor einem kleinen Kreise auszusprechen, wie ich mir eigentlich diese kommende Weltenlage denke. Und ich musste sagen: Dasjenige, was der beobachtet, der nun wirklich einen Sinn hat für die Beobachtung von den großen Menschenschicksalen, der muss sagen: Wir leben in einer Zeit, in der sich das soziale und große politische Leben so abspielt, wie wenn ein großes soziales Geschwür da wäre, eine Art Krebskrankheit, die nächstens in einer furchtbaren Weise zum Ausbruch kommen müsse. Und ich fügte dazumal die Worte hinzu: Man möchte eine solche Erkenntnis hinausschreien, damit die Menschen Verständnis fassen für dasjenige, was eigentlich bevorsteht.

Allerdings, «Staatsmänner» - ich sage das unter Gänsefüßchen heute, denn man tut gut, wenn man Staatsmänner heute nur in Anführungszeichen anführt — (Heiterkeit), «Staatsmänner», die haben im Frühjahr und noch im Frühsommer des Jahres 1914 anders gesprochen. Zum Beispiel im deutschen Reichstag. Da sprach der dazumal für die Ereignisse verantwortliche Außenminister ungefähr so: Durch die Bemühungen der europäischen Kabinette kann man sagen, dass Hoffnung vorhanden sei, dass der Weltfriede für die nächste Zeit keine Störung erleiden werde. - Dies von einem leitenden Staatsmann im Mai 1914 gesagt. Man darf sich da schon fragen: Was sehen denn die Leute eigentlich von demjenigen, was sich vorbereitet?

Nun, dieser Friede, der so gesichert war, bis heute hat er mindestens, ganz gering gerechnet, über Europa hin zwölf Millionen Tote und dreimal so viel zu Krüppeln geschlagene Menschen gebracht. Da darf man fragen: Waren die verantwortlichen Lenker dazumal irgendwie in Betracht kommende Propheten? Das waren sie ganz gewiss nicht. Und jetzt wiederum hört man gerade von maßgeblichsten Seiten her wahrhaftig über dasjenige, was jetzt als das Allerwichtigste in der Menschheitsentwicklung drinnen pulsiert, ähnliche unzutreffende Urteile. Das Allerwichtigste in der Menschheitsentwicklung, was lebt und was drängt zu Ereignissen, die ebenso bedeutungsvoll sind, die viel bedeutungsvoller sind als diejenigen, die sich in so schrecklicher Weise abgespielt haben, das ist die soziale Frage, das ist die soziale Bewegung.

Nun kann man ja nicht sagen, meine verehrtesten Anwesenden, dass die Menschen, die den bisher leitenden Kreisen angehören, durchaus aus einer Art teuflischer Böswilligkeit - auch heute noch, wo ihnen das Wasser sozusagen in den Mund rinnt -, aus einer teuflischen Böswilligkeit heraus gerade sich absolut unverständig zeigen für dasjenige, was geschehen soll und was sich verwirklichen will. Aber etwas ganz anderes liegt zugrunde. Und eigentlich ist es wegen dieses ganz anderen, dass ich von meinem Gesichtspunkte gerade in dieser Frage das Wort ergreifen möchte.

Was zugrunde liegt, man erkennt es, wenn man mit gutem Willen ein wenig sich in die Entstehung dessen vertieft, was man die soziale Frage nennt, die ja heute - die laut sprechenden Tatsachen bezeugen es - etwas ganz, ganz anderes geworden ist, als sie eigentlich vor vier bis fünf Jahren war; aber sie ist doch eine Frage, die seit mehr als einem halben Jahrhunderte spielt. Die Menschen sind einmal durch die neuzeitliche Entwicklung wie durch eine tiefe Kluft, durch einen Abgrund voneinander getrennt. Auf der einen Seite stehen diejenigen, die immer wieder und wiederum nicht müde wurden, die hohe Zivilisation der Menschheit, welche die neuere Zeit heraufgebracht hat, ungeheuer und restlos zu loben. Was hat man da für Loblieder auf diese neuzeitliche Zivilisation gesungen! Man braucht sich nur an einiges zu erinnern. Wie oft und oft haben die Leute, denen das bequem war, immer wieder gesagt: Da haben wir die modernen Errungenschaften, die modernen Verkehrsmittel, durch die man über weite Strecken mit einer Geschwindigkeit kommen kann, die alten Menschen fabelhaft erschienen wären. Der Gedanke eilt mit Blitzesschnelligkeit selbst über Meere hin. Und erst die eigentliche geistige Kultur, wie hat man sie mit Lobhudeleien überhäuft. Aber fragen muss man sich: Auf welchem Grunde lebte all dasjenige, was man mit diesen Lobhudeleien förmlich überflutete? Ohne was ist all diese moderne Zivilisation nicht möglich geworden? Nicht möglich geworden ist sie, ohne dass sie sich erhoben hat auf der Grundlage, die geschaffen wurde von der großen Masse der Menschheit, die nicht teilnehmen durften und nicht teilnehmen konnten, die in einer wirtschaftlichen Lage waren, dass sie nicht teilnehmen konnten an alledem, dem man solche Loblieder sang. («Bravo!») Auf der Grundlage ist sie erwachsen, diese Zivilisation, der Grundlage der leiblichen und seelischen Not und des Elendes eines großen Teiles der Menschheit, auf jener Grundlage ist sie erwachsen, durch die ein großer Teil der Menschheit eigentlich seine Menschenwürde verloren hat. Man braucht nur hinzuschauen - ich möchte sagen, in die Zeit, in der die soziale Frage zuerst, in ihren allerersten Anläufen heraufgezogen ist.

Die Leute, die da ihre Loblieder sangen über diese moderne Zivilisation, sie kamen zusammen, nun, meinetwillen in Spiegelsälen selbst; sie sprachen da viel von der göttlichen Weltordnung, sprachen viel von dem, was die Menschen gut macht; sprachen viel davon, dass die Menschen einander lieben müssen; sprachen viel von Brüderlichkeit. Sie sprachen das bei gut geheizten Öfen in gut beleuchteten Zimmern. Woher waren die Kohlen, bei denen so von Nächstenliebe und von treuer Brüderlichkeit aus allerlei Unterlagen heraus gesprochen wurde -, woher waren die Kohlen? Ja, bis in die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts herein war das ja so, dass herauskam, aus welcher Grundlage sich bis dahin diese moderne Zivilisation entwickelt hatte, durch eine Enquete, welche die englische Regierung dazumal veranstaltet hatte. Dieses Sich-Erlaben an allerlei leeren Redensarten von Menschenbrüderschaft und so weiter, das erhob sich nur dadurch, dass in den Kohlengruben die Menschen arbeiten vom kindlichen Alter an. Manche Kinder mit neun, elf, dreizehn Jahren! Sodass sie hinuntergesteckt wurden in die Bergwerkschächte und außer den Sonntagen niemals das Licht der Sonne sahen, weil sie so früh hinuntergeführt wurden in die Schächte, dass die Sonne noch nicht schien, und so spät hinauf, dass die Sonne nicht mehr schien. Durch die Bergwerksarbeiten war es ja auch notwendig, dass gerade diesen Arbeitern alles Schamgefühl verloren gehen musste; nackte Männer mit halb nackten Frauen mussten gemeinsam da unten arbeiten, auf der einen Seite furchtbarste Arbeit leisten, auf der anderen Seite in fortwährender Lebensgefahr schweben. Nun, ich brauche Ihnen das nicht weiter zu schildern. Diese Dinge sind wahrhaftig nicht durch das Verdienst derjenigen, die der Zivilisation Loblieder gesungen haben, besser geworden, sondern durch die Organisation der Bedrückten ja seither etwas besser geworden. Aber der Abgrund ist geblieben. Die Kluft ist vorhanden. Verständnis ist nicht viel seither eingezogen für dasjenige, was eigentlich wirklich die proletarisch soziale Bewegung ist. («Bravo!»)

Nun kann man fragen, wenn man so etwas sieht: Was ist es denn eigentlich bei den bisher leitenden Kreisen, was schier aussichtslos erscheinen lässt, dass von dieser Seite her in der nächsten Zeit irgendetwas Günstiges komme -, was ist es denn? Vor allen Dingen ist es in der Zeit, in der so sehr von geistigem Fortschritt und so weiter gesprochen wird, vor allen Dingen ist es- das muss vorbehaltlos gesagt werden - die Gedankenlosigkeit. («Sehr richtig!») Diese Gedankenlosigkeit, sie hat die Menschen furchtbar ergriffen, weil sie vor allen Dingen viel zu bequem sind, auf die Wirklichkeiten hinzuschauen. Und so ist es gekommen, dass die unzutreffendsten Urteile heute gehört werden können über dasjenige, was in den weiten Kreisen des Proletariertums aus den Seelen heraus als berechtigte Forderung sich an die Oberfläche drängt. Man braucht ja allerdings nicht gleich so weit zu gehen wie der gewesene deutsche Kaiser -, allerdings ein Mann, der den neueren Zeitforderungen so ferne stand, als nur irgendein Mensch diesen fernstehen kann — man braucht nicht gleich so weit zu gehen wie er, der einmal sagte: die sozial denkenden Menschen, sie seien wie Tiere («Pfuil»), die den Unterbau des deutschen Reiches benagen und die ausgerottet werden müssten. Man braucht nicht so weit zu gehen, wie gesagt, aber ein größeres Verständnis für dasjenige, was notwendig ist, zeigt sich von gewissen Seiten her, welche die bisher Leitenden waren, durchaus eigentlich nicht.

Was immer wieder und wieder betont werden muss, das ist, dass dasjenige, was heute als so für manche schreckhafte Tatsache auftritt, was vor allen Dingen auftritt aus dem Leben des Proletariats heraus, das ist eine gewaltige weltgeschichtliche Kritik desjenigen, was die herrschenden Klassen durch Jahrhunderte hindurch angerichtet haben. Bisher war es ja zumeist eine Kritik, die aber in sehr bedeutsamer Weise ertönte aus den Versammlungen heraus - man muss sie nur kennen -, in denen die Proletarier seit Jahrzehnten immer wieder und wiederum entgegenriefen denjenigen, die bisher die Lenker waren: So kann es nicht weitergehen! In jenen Versammlungen, die sich die Proletarierseelen abrangen, nachdem sie den Tag über gearbeitet haben, in jenen Versammlungen, in denen - derjenige, der mit den Dingen gelebt hat, weiß es - die ernstesten Menschheitsfragen durch Jahrzehnte hindurch in bedeutsamer Weise besprochen wurden, in derselben Zeit, wo die Leute draußen mit ihren Luxuskulturen in irgendein wertloses Theaterstück saßen oder irgendwie in noch tadelnswerterer Weise ihre Zeit verbrachten, oder auch Skat klopften, dass in dieser Zeit aus den Tiefen des Proletariats heraus gewaltige geistige Forderungen sich gestaltet haben, etwas ganz anderes noch, wie eine bloße Brot- oder Lohnfrage, wie heute in bequemer Weise viele glauben wollen, davon ahnen aufseiten derjenigen, die die leitenden Kreise bisher waren, nicht viele etwas.

Wenn man nun frägt: Aus welchen Untergründen heraus gingen die Anschauungen der proletarischen Welt? -, so kommt man auf drei menschliche Gebiete, jene Gebiete, die man im sozialen Leben immer wieder und wiederum antrifft. Man kommt erstens auf das Gebiet des Geisteslebens; zweitens auf das Gebiet des Rechtslebens; drittens auf das Gebiet des Wirtschaftslebens. Diese drei Gebiete sind die Grundlage auch für die Betrachtung, für die wahre, wirklichkeitsgemäße Betrachtung der sozialen Frage, die eigentlich eine dreifache ist: eine Wirtschafts-, eine Rechts- und eine Geistesfrage.

Gestatten Sie, sehr verehrte Anwesende, dass ich hier in diesem Goetheanum, wie auch sonst, aber besonders hier zuerst spreche von den proletarischen Fragen als einer Geistesfrage. Man hat sehr viel dann, wenn von der Entstehung der sozialen Frage, namentlich der Entstehung der proletarischen Bewegung gesprochen worden ist, immer wiederum darauf hingewiesen, wie unter dem Einflusse der modernen Technik, der modernen Industrie, unter dem Einflusse vor allen Dingen des Kapitalismus der neueren Zeit sich dasjenige entwickelt habe, was man die proletarische Bewegung nennt. Gewiss, diese Dinge sind alle richtig, die da gesagt worden sind, bis zu einem gewissen Grade; aber etwas anderes kommt noch in Betracht.

Vor allen Dingen kommt das in Betracht, dass mit der modernen Technik, mit dem modernen Fabrikwesen, mit dem, was als der ganze seelenverödende moderne Kapitalismus bezeichnet werden muss, ein neueres Geistesleben über die Menschheit hereinbrach. Dieses Geistesleben ist allerdings zunächst in den bürgerlichen Klassen ausgebildet worden. Die bürgerlichen Klassen haben aus den alten religiösen und sonstigen Vorstellungen dieses neuere Geistesleben, das man das wissenschaftlich orientierte Geistesleben nennen könnte, herausgebildet. Die proletarische Welt, die weggerissen worden ist von denjenigen Lebenslagen, in denen sie früher war, die hingeführt worden ist an die öde Maschine, eingespannt worden ist in den verödenden Kapitalismus, diese proletarische Welt nahm dieses Geistesleben der bürgerlichen Klasse vertrauensvoll entgegen.

Das ist eine wichtige Tatsache, dass in der neueren Zeit dieses Proletariertum gewissermaßen ein letztes großes weltgeschichtliches Vertrauen dem Bürgertume entgegengebracht hat, und dass dieses Vertrauen getäuscht worden ist. («Sehr richtig! Bravo!») Von dieser Täuschung des weltgeschichtlichen Vertrauens lassen Sie mich zunächst sprechen.

Ich glaube, dass ich da nicht aus einer grauen Theorie heraus spreche, denn ich weiß, da ich mitgearbeitet habe an der Berliner Arbeiterbildungsschule, die von dem alten Wilhelm Liebknecht gegründet war, wie das Geistesleben innerhalb des Proletariats getrieben wird. Die verschiedensten Zweige dieses Geisteslebens habe ich ja selbst gelehrt. Und dann konnte ich von da aus den Eingang gewinnen zum Geistesleben der verschiedenen Gewerkschaften und Genossenschaften und auch der politischen Parteien. Da sah man, wie ganz anders in den Seelen der modernen Proletarier dasjenige fortlebt, was man die neuzeitliche, wissenschaftlich orientierte Aufklärung nennt. Da konnte man lernen, nicht dasjenige, was heute viele glauben, über das Proletariat denken zu können - das hat keinen Wert -, da konnte man sich einleben so, dass man mit den Proletariat denken kann. Darauf kommt es heute an. («Sehr richtig!») Darauf kommt es an, dass man vor allen Dingen einsieht, wie man noch so sehr aufgeklärt sein konnte in Bezug auf die neuere naturwissenschaftliche Orientierung, die die alte religiöse Orientierungs-Gabe gelöst hat, dass man noch so aufgeklärt sein konnte: Das blieb eine Kopfaufklärung. Das bleibt eine Aufklärung, neben der alles mögliche andere im sozialen Leben bestehen kann. Man kann selbst wie der dicke Naturforscher Vogt, der naturwissenschaftliche Popularisierer Büchner, ganz ehrlich dem Kopfe nach überzeugt sein von dieser neueren naturwissenschaftlichen Weltanschauung, aber man steht doch drinnen, wenn man den wirklichen leitenden Kreisen angehörte, in einer sozialen Ordnung, welche noch von den alten Anschauungen her eigentlich gemacht ist. Man nahm mit dem theoretischen Verständnis diese naturwissenschaftliche Orientierung hin; aber man machte nicht für seinen ganzen Menschen Ernst. Das ist es, was das moderne Proletariat in seiner tiefsten Seele machen musste.

Ich stand einmal in Spandau zu gleicher Zeit mit der vor Kurzem tragisch geendeten, in Berlin erschlagenen Rosa Luxemburg zu gleicher Zeit auf dem Podium. Wir sprachen beide über die Wissenschaft und die Arbeiter. Was dazumal Rosa Luxemburg sagte in ihrer gemessenen, durchaus vornehmen Art, das war so recht - ich möchte sagen - ein Spiegelbild dafür, wie die neuere Weltanschauung auf die Proletarierseelen wirkt. Mit ein paar Worten will ich nur andeuten, wie Rosa Luxemburg dazumal sprach. Sie sagte etwa, dass die neuere Weltanschauung ja den Menschen ausgetrieben habe den Glauben, dass sie alle eigentlich im Anfange der Erdenentwicklung wie Engel gelebt haben; nein, sagte sie zu den Leuten, eigentlich waren wir alle als Menschen im Beginne der Erdenentwicklung recht unanständig und kletterten als Klettertiere auf den Bäumen herum. Das gibt keine Veranlassung dazu, gerechtfertigt zu finden die jetzigen Klassen- und Rangunterschiede. - Das gibt eine ganz andere Vorstellung von dem, wie die Menschen eigentlich ihrem physisch wesenhaften Ursprunge nach nebeneinander auf der Welt stehen sollen. Ja, wenn das zum Proletarier so gesagt wird, der genötigt ist, aus diesen Dingen das zu machen, was man früher eine religiöse Weltanschauung nannte, wenn das so gesprochen wurde, dass es vom ganzen Menschen, nicht bloß vom Kopf entgegengenommen wurde, da konnte man sehen, was in die Seele des modernen Proletariers hineingeschlagen hat, wie etwas ganz anderes in ihm wurzelte als eine bloße Brotfrage, die gewiss auch die soziale Frage ist - wir werden gleich nachher davon sprechen —, aber etwas anderes als eine bloße Brotfrage, eine Frage der Menschenwürde, die innig zusammenhängt mit der anderen Frage, die jeder Mensch irgendwie stellen muss, mit der Frage: Was bin ich eigentlich als Mensch in der Welt?

Der mittelalterliche Handwerker, der noch von seinem Handwerke ja mit einem gewissen Rechte sagte, es hat einen goldenen Boden, er konnte sich diese Frage beantworten aus seinem Verhältnis zum Handwerk heraus. Da gab es noch für ihn aus diesem Verhältnis zum Handwerk heraus eine Art Berufsehre; da gab es auch irgendetwas, was ihm einleuchtend sagte: Ich habe einen gewissen Wert in der menschlichen Gesellschaft. - Die öde Maschine, der seelenlose Kapitalismus, die sagten darüber nichts, gar nichts. Die wiesen dem Menschen eben, der vor eine dieser Maschinen gestellt worden ist, der in den Kapitalismus eingespannt worden ist, sie verwiesen diesen Menschen darauf, eben in der modernen wissenschaftlichen Orientierung diese Frage sich zu beantworten: Was bin ich eigentlich als Mensch? Wichtig wird ja vor allen Dingen aus der Weltanschauung, aus der Wissenschaft heraus dasjenige, was eben zu tun hat mit der menschlichen Entwicklung, mit Menschenwert und Menschenwürde.

Wie gesagt, ein letztes großes weltgeschichtliches Vertrauen setzte der Proletarier in dasjenige, was ausgearbeitet war —, ausgearbeitet war allerdings durch bedeutende Geister aus der bürgerlichen Gesellschaftsordnung heraus. Dieses letzte große Vertrauen, er setzte es deshalb, weil er glaubte gerade, dass ihm die Frage beantwortet werden könnte: Was bin ich als Mensch innerhalb der menschlichen Gesellschaft?

Nun, da sagten aus ihrer nun aufgeklärten Weltanschauung heraus die Leute: Die menschliche Entwicklung steht unter der göttlichen Weltordnung. Oder: Sie ist der Ausdruck der moralischen Weltordnung; oder aber: Geschichtliche Ideen walten. Und dasjenige, was da sich im Menschen abspielt, das ist das Ergebnis von geschichtlichen Ideen, von großen weltgeschichtlichen Gedanken.

Der Proletarier sah nichts, wenn er an seine Maschine gestellt war, in den Kapitalismus eingespannt war, von einer göttlichen Weltordnung, von einer moralischen Weltordnung; er sah nur das moderne Wirtschaftsleben; er sah, wie das alles, was sich als Geistesleben abspielte, und [was] die Leute göttliche Weltordnung nannten, wie das hervorsprießt und hervorkommt aus demjenigen, was moderne Technik, moderner Kapitalismus den leitenden Kreisen eben dargeboten haben.

Das ist denn auch seine Anschauung geworden. Seine Anschauung wurde, dass im Grunde genommen alles dasjenige, was diese leitenden Kreise als Geistesleben haben, im Grunde eine Art Luxus ist für sie, an dem nicht teilnehmen dürfen diejenigen, die ebenso berechtigt sind, teilzunehmen an demjenigen, was hervorgebracht wird, wie diese leitenden Kreise. («Sehr richtig! Bravo!»)

Das prägte sich tief ein in die Seelen des Proletariats. Und in den Brocken, die da abfielen, wo man darbot dasjenige, was in bürgerlichen Geistesküchen ausgekocht wurde, dem Volke dargeboten wurde. Damit wollte man sich nicht abfertigen lassen, sondern man setzte vor allen Dingen darauf den größten Wert, das Geistesleben der Menschheit zu verstehen, anders zu verstehen, als es sich gestaltet hat aus der bürgerlichen Entwicklung der neueren Zeit heraus. Dasjenige, was sich da entwickelt hatte, man sah ja, es ist nichts anderes als ein Spiegelbild desjenigen, was sich in Staat- und Wirtschaftsleben für die leitenden Kreise entwickelt hat. Man kam dazu, für die neuere Zeit mit Recht zu behaupten, wie ein Spiegelbild nur ist dieses Geistesleben aus dem Wirtschaftsleben derjenigen Kreise heraus, die durch das neuere Wirtschaftsleben eben begünstigt worden sind. Ideologie wurde immer wieder dieses Geistesleben genannt. Der Ausdruck «Ideologie» für dieses Luxus-Geistesleben wurde dasjenige, was auf der einen Seite zeigte, als was der Proletarier dieses Geistesleben empfand; auf der anderen Seite zeigte, wonach er sich sehnte: nach einem wirklichen Geistesleben, das in seine Seele so hereindringen konnte, dass diese Seele fühlte ihren Zusammenhang mit irgendetwas, das hinausging über die alltäglichsten Interessen an der Maschine und im Kapitalismus.

Auch da braucht man ja nicht immer gleich so weit zu gehen, wie wiederum der verflossene deutsche Kaiser gegangen ist, der die Proletarier einmal nicht nur Feinde der leitenden Kreise genannt hat, sondern Feinde der göttlichen Weltordnung; (Bewegung unter den Zuhörern) aber in einem gewissen Sinne fühlte man in den leitenden Kreisen auch wiederum auf diesem Gebiete nicht anders. Was sah der Proletarier von diesem ganzen Geistesleben, wenn er sich der Wahrheit gemäß über dieses Geistesleben zur Klarheit kommen wollte? Was sah er davon? Oh, was er davon sah - in einem Worte erklang es immer wiederum durch Jahrzehnte und Jahrzehnte hindurch, seit Karl Marx in einer verständlichen Weise für das Proletariat dieses Wort geprägt hat und verarbeitet hat, das ist das Wort Mehrwert. Ängstliche Gemüter reden heute in ganz sonderbarer Weise über dieses Wort Mehrwert. Aber der Proletarier verstand vom Mehrwert eigentlich: Dieses ganze Luxus-Geistesleben, diesen Mehrwert muss ich produzieren, von dem es gespeist ist. Nichts anderes empfand der Proletarier von diesem Geistesleben, als dass er den Mehrwert dafür produzieren muss, und dass von diesem Mehrwert ein Geistesleben erzeugt wird, das zwischen sich und seinen innersten Seelenbedürfnissen eine tiefe Kluft aufrichtet. Daher fanden Karl Marx und seine Nachfolger so viel Verständnis in den Seelen der Proletarier, weil die aus ihrem tiefsten Empfinden heraus - sie brauchten gar nicht in alles theoretisch einzudringen - an ihrem Leibe es erlebt haben, was eigentlich der Mehrwert bedeutet, der von ihrer Arbeit abgezogen wird und fließt in Kanäle, die durchaus nicht zu ihren eigenen Lebensgewohnheiten führen. («Bravo!»)

So entstand auf dem Gebiete des Geisteslebens der erste Teil der modernen sozialen Frage, der sich ausdrückt in dem Mehrwert. Der Proletarier musste nachschauen diesem Mehrwert; und dasjenige, was aus diesem Mehrwert erzeugt wurde, es entging ihm, insoferne er als Mensch nicht daran teilnehmen konnte. Das ist der erste Teil der sozialen Frage, insofern er auf dem Geisteslebensgrunde sich abspielte. Irgendein Kapitalistisches konnte der Proletarier nur sehen in diesem Geistesleben, etwas, was ganz und gar aufgebaut war auf der Grundlage des modernen Kapitalismus; gewiss, noch aus anderen Grundlagen heraus, aber zunächst aus dieser Grundlage des modernen Kapitalismus in der Form des Mehrwertes.

Die zweite Lebensgrundlage, aus der die soziale Forderung hervorging, das war die Rechtsgrundlage. Was ist Recht? Sehr verehrte Anwesende, über Recht zu sprechen ist eigentlich ebenso schwierig und ebenso leicht, wie über die blaue Farbe mit jemandem zu sprechen, der selbst farbenblind ist oder blind ist, blind ist für dasjenige, was in dem gesunden Menschengemüte quillt, blind für das, was das wahre Recht ist. Blind ist allerdings unter dem Einflusse der modernen Wirtschaftsordnung ein großer Teil der Menschheit geworden. Daher lässt sich mit diesen Leuten so schwer reden, wie es schwer ist, über das Rot oder das Blau mit einem Blinden zu sprechen. Denn was hat, wenn er nun auf den Rechtsboden sich stellen wollte und schaute, was ihn umgibt, was hat der Proletarier in der neueren Zeit auf diesem Rechtsboden gefunden? Rechte? Nein, nicht Rechte, aber Vorrechte, vor allen Dingen derjenigen, die durch die moderne Wirtschaftsordnung zu diesen Vorrechten gekommen sind, oder die durch alte Erobererrechte zu diesen Vorrechten gekommen sind. Dasjenige, was sich ausdrückte auf diesem Rechtsboden, war nicht die Auswirkung des Rechtes; es war das, was der moderne Proletarier fasste mit dem Worte: Klassenkampf. («Bravo! Sehr richtig!») Zum modernen Staate schaute der moderne Proletarier, indem er zu diesem modernen Staate sich so stellte, dass er sich sagte, dass dieser moderne Staat nicht dasjenige darstellte, was, wie wir gleich nachher hören werden, jeder Staat sein sollte: ein Ausleben des Rechts; sondern dieser Staat war der Boden für den modernen Klassenkampf. Und das ist das Zweite neben dem Mehrwert, der moderne Klassenkampf, der entgegentrat dem modernen Proletarier; aus diesem Mehrwert und dem Klassenkampf ist sein Klassenbewusstsein hervorgegangen. Diesen Klassenkampf zu überwinden, das ist seine große Sehnsucht. Eine soziale Ordnung, in der es nicht mehr den furchtbaren Kampf der Herrschaft der einen Menschenklasse über die andere gibt. Das ist die zweite Gestalt der sozialen Frage: die gegen den sich aufrichtenden Klassenkampf.

Die dritte Gestalt entsteht auf dem Boden des Wirtschaftslebens, wenn man mit gesundem Sinn das Wirtschaftsleben überblickt. Dasjenige, was eigentlich Wirtschaftsleben genannt werden kann. Was bewegt sich denn in diesem Wirtschaftsleben? Was soll sich in diesem Wirtschaftsleben bewegen? Warenerzeugung im weitesten Sinne natürlich, dass jede menschliche Leistung, die vom menschlichen Bedürfnisse gefordert ist, Ware ist, Warenerzeugung, Warenzirkulation, Warenverbrauch.

Aber im Laufe der neueren Zeit mischte sich in diesen Wirtschaftskreislauf von Warenerzeugung, Warenverkehr und Warenverbrauch etwas anderes hinein, das ein Überbleibsel war von einer wirtschaftlichen Ordnung uralter verflossener Zeiten, und zu dessen Überwindung die modernen kapitalistischen Leute nichts beitragen wollten.

Im Altertum, sehr verehrte Anwesende, gab es Sklaven; nicht nur Güter, nicht nur das vom Menschen Erzeugte oder das unter dem Menschen in der Natur Stehende, wie das Tier, wurde auf dem Warenmarkte nach Angebot und Nachfrage gekauft und verkauft, sondern der Mensch selber, der Sklave war. Der Mensch wurde unter die Güter gemischt. Der Mensch wurde in die wirtschaftliche Ordnung hinuntergedrängt.

Im Mittelalter gab es dafür die Leibeigenschaft; weniger schon vom Menschen wurde gekauft und verkauft. Es blieb in der neueren Zeit dasjenige, worauf nun wiederum Karl Marx aufmerksam machte. Allein man muss auf diesem Gebiete wahrhaftig aus den Forderungen der Neuzeit heraus noch radikaler sein als Marx; aufmerksam machte er darauf, dass innerhalb des modernen Warenmarktes noch als Ware vorhanden ist die menschliche Arbeitskraft des Proletariers. Diese Arbeitskraft wird auf dem Warenmarkte nach Angebot und Nachfrage gekauft und verkauft, wie eine Ware. («Pfui!»)

Im Grunde genommen, sehr verehrte Anwesende, kann denn der Proletarier, so, wie er heute leben muss, seinen Menschen, seine Menschenwürde von seiner Arbeitskraft trennen? Er muss doch [Lücke in der Mitschrift] seine Arbeitskraft verkaufen, verkaufen in einem gewissen Sinne seinen ganzen Menschen, wenn er seine Arbeitskraft verkauft [als Ware]. («Sehr richtig!») Das ist der letzte Rest der [mittelalterlichen] Weltordnung im Kapitalismus. Das ist die dritte große sozialistische Forderung, zu entkleiden die menschliche Arbeitskraft des Warencharakters. Derjenige, der gesund denkt, weiß, dass die menschliche Arbeit und menschliche Kraft etwas ist, was sich schlechterdings nicht vergleichen lässt mit irgendeiner Ware, was nicht auf dem Markte figurieren darf wie eine Ware, was keine Preisvergleichung mit der Ware eingehen kann. Dennoch, man sträubt sich dagegen, herauszunehmen aus dem Wirtschaftskreislauf dasjenige, was menschliche Arbeitskraft ist.

Menschen, auf die man heute sehr viel gibt, weil sie in der letzten Kriegsperiode eine gewisse, manchmal recht zweifelhafte Rolle gespielt haben, wie zum Beispiel Rathenau, er hat in seiner neuesten Schrift: «Nach der Flut» - mit der Flut ist die letzte Kriegskatastrophe gemeint —, er hat geschrieben: Es wäre nicht eigentlich angängig, dass man die Arbeitskraft aus dem Wirtschaftskreislauf herausnähme. — Dass die eigentliche proletarische Forderung danach geht, das spüren solche Leute; aber sie finden es in ihrem ängstlichen, gedankenlosen Gemüte nicht angezeigt, dass die Arbeitskraft des Warencharakters entkleidet werde. Denn - so meint Rathenau — dadurch würde über die ganze moderne Wirtschaftsordnung hinflutend eine große Entwertung des Geldes geschehen. — Das ist dasjenige, was gefürchtet wird: die Entwertung des Geldes durch die Loslösung der Arbeitskraft vom reinen Wirtschaftskreislauf. Aber der moderne Proletarier empfand gerade in dieser dritten Forderung der Loslösung der Arbeitskraft von der bloßen Preisbildung durch den Wirtschaftsprozess dasjenige, mit dem er zusammenfasste seine Frage nach Menschenwürde und Menschenwert. Er war ja auf eine neue Art im Laufe der letzten Jahrhunderte, insbesondere im neunzehnten Jahrhundert, in den Wirtschaftsprozess hineingestellt.

Dieser Wirtschaftsprozess, sehr verehrte Anwesende, an ihm kann man recht interessante Studien machen, wenn man diesen modernen Wirtschaftsprozess über die ganze zivilisierte Welt hin verfolgt, und gerade auf das hin verfolgt, wie dieser Wirtschaftsprozess in die furchtbare Katastrophe der letzten Jahre hineingeführt hat. Im Wesentlichen war es der aus dem Kapital erwachsene Wirtschaftsprozess, der hineingeführt hat, der zu dieser furchtbaren Katastrophe geführt hat, aus der wir nicht bloß so herauskommen, wie sich jetzt die Leute, die Friedensverhandlungen machen wollen, vorstellen. Dass wir auf eine ganz andere Weise herauskommen, das zeigen die Wetterzeichen, für die es nicht, wie für den Weltkrieg, feindliche Mächte und neutrale gibt, das zeigt die soziale Frage, die vor keinen Territorialgrenzen irgendwie haltmachen wird. Das zeigt diese Frage, die im eminentesten Sinne eine internationale Frage sein wird, und internationale Tatsachen, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat, an die Oberfläche des Menschendaseins bringen wird. Irgendeinmal muss sich das enthüllen. Derjenige, der es nicht sehen will, der wird es schon am eigenen Leibe erleben können. («Bravo, sehr richtig!»)

Nun, sehr verehrte Anwesende, in den Wirtschaftsprozess fühlte sich hineingestellt derjenige, der zwar noch in vorsichtiger Weise, aber in sehr deutlicher Weise die moderne soziale Ordnung, wie sie zu seiner Zeit eben schon möglich war, kritisiert hat, der hat herausgefunden, vorsichtig, aber immerhin sehr radikal, hat Goethe im zweiten Teil des «Faust» hingewiesen darauf, woran es eigentlich liegt. Da führt er auf, dass eigentlich herstammen innerhalb des Wirtschaftsprozesses aus den verflossenen Zeiten, wie er sagt, die Heiligen und die Ritter, sie stehen jedem Ungewitter - so sagt der Kanzler im zweiten Teil des Goethe’schen Faust: Sie stehen jedem Ungewitter, der Heilige und der Ritter! - So sagt über die führenden, leitenden Kreise, die Heiligen und die Ritter, Goethe.

Nun, in der neueren Zeit, sehr verehrte Anwesende, haben sich diese Heiligen und diese Ritter etwas verwandelt. Aus den Heiligen sind zuweilen recht unheilige Staatsmänner geworden (Heiterkeit), und aus den Rittern ist der moderne Militarismus geworden in seinen allerverschiedensten Formen. («Bravo, sehr richtig!») Die stehen auch und standen auch aushaltend in jedem Unwetter. - Aber Goethe sagt weiter ein sehr richtiges Wort: Sie fordern dafür Kirche und Staat zum Lohn, nämlich alles dasjenige versteht er darunter, was das geistige Leben ist. Und sie fordern außerdem den Staat zum Lohn. (Lachen.) Das Wirtschaftsleben haben sie ohnedies für sich, das brauchen sie nicht erst zu fordern.

Das ist dasjenige, was aus Goethes Weltanschauung auch noch in unsere Zeit recht deutlich hereinleuchtet. Und man muss nur nicht beim alten Goethe stehen bleiben, sondern seine Anwendungen verstehen auf die unmittelbare Gegenwart. («Sehr richtig!»)

Aus alledem ersehen wir, dass es eigentlich eine dreifache soziale Frage gibt: Die proletarischen Forderungen, wie sie sich als weltgeschichtliche Forderungen in dieser Zeit ergeben, sie zeigen eine dreifache Gestalt, wie ich sie angeführt habe. Die eine ist auf dem Geistigen gegründet, auf dem Geistesboden; die zweite ist auf dem Rechtsboden, die dritte ist auf dem wirtschaftlichen Boden. Von dem Geistesgut kennt der Proletarier nur dasjenige, was er als seine Grundlage liefern muss, den Mehrwert. Auf dem Boden des Staats sieht er sich nur hineinversetzt in den Klassenkampf. Und auf dem Boden des Wirtschaftslebens sieht er sich selbst eingespannt in den Kreislauf des Wirtschaftslebens, sodass darinnen nicht nur Ware zirkuliert, sondern seine eigene Arbeitskraft, das heißt sein Fleisch und Blut.

Nun komme ich zu dem, was ich mir bilden musste aus einer jahrzehntelangen Beobachtung der europäischen sozialen Verhältnisse, aus der Beobachtung von alledem, was sich vorbereitet und was sich durch die nächsten Jahrzehnte gestalten wird. Gewiss, ich kann mir denken, dass sehr viele hier in diesem Saale sind, die mit den Vorstellungen, die ich ja auch nur skizzenhaft andeuten kann hier, so, wie ich sie hinstelle, nicht ganz einverstanden sein werden. Das kann ich durchaus verstehen. (Lachen.) Darum handelt es sich aber nicht, sondern dass diese Vorstellungen, so, wie ich sie vorzutragen gedenke, aus der Wirklichkeit herausgenommen sind. Über diese Wirklichkeit kann man sich verständigen. Ist die Verständigung auf einer ehrlichen Grundlage errichtet, dann wird sich mit demjenigen, der es nun aber wirklich ehrlich meint mit den Forderungen der neueren Zeit, diese Verständigung, die eine andere sein wird als die, von der die Menschen heute vielfach reden, diese Verständigung wird sich dann finden.

Während der Kriegskatastrophe selber, meine sehr verehrten Anwesenden, habe ich zu manchem Staatsmann - ich betone noch einmal, ich sage heute «Staatsmann» nur unter Gänsefüßchen -, habe ich so manchem «Staatsmann» gesagt: Dasjenige, was zu tun ist, das zeigt sich heute schon ganz klar: Sie haben die Wahl, entweder heute Vernunft anzunehmen, oder aber dasjenige, was geschehen soll und muss, über sich hereinbrechen zu lassen, Revolutionen und Kataklysmen entgegenzugehen. - Man hat tauben Ohren gepredigt während der Kriegskatastrophe.

Die Welt hatte zum Beispiel nicht sehr weit nördlich von hier während dieser Kriegskatastrophe nur Gehör für eine Persönlichkeit, die man dazumal zu den recht praktischen Persönlichkeiten zählte; man wusste nicht von dieser Persönlichkeit - ich meine den Ludendorff —, dass er ein Schwarmgeist allerersten Ranges war, ein Mensch, der gar außerhalb der Wirklichkeit stand, wie es ihn nicht mehr gegeben hat; wer Gelegenheit hatte, aus allen Untergrundlagen heraus gerade diese Persönlichkeit kennenzulernen, der weiß, dass diese Persönlichkeit bereits seit dem 5. August des Jahres 1914 nicht mehr vollsinnig war. Man kann selbstverständlich sehr gescheite strategische Pläne entwerfen, kann aber doch verrückt sein. Das müsste eigentlich jeder Psychiater zugeben. (Heiterkeit.)

Die Kriegsgeschichte der letzten Jahre, meine sehr verehrten Anwesenden, wird in vieler Beziehung sein eine soziale Psychiatrie, eine soziale Wahnlehre. Vieles wird man auf diesem Gebiete lernen können; aber man wird den Mut haben müssen, in die Wahrheiten hineinzuschauen. Und diese Wahrheit ist vor allen Dingen, dass in den letzten Jahren sich die Menschheit so sehr hineingeritten hat in verkehrte Vorstellungen, dass diese verkehrten Vorstellungen in den Schrecknissen dieser furchtbaren Kriegskatastrophe zum Vorschein gekommen sind.

Wenn ich mich frage: Wodurch ist denn eigentlich all dasjenige, was sich in den modernen Staaten im Lauf der Zeit ausgebildet hat, wodurch ist es denn so geworden, wie es geworden ist? — Ich will Ihnen zunächst ein Beispiel anführen. Das Beispiel ist nicht aus der Schweiz genommen. Allein, die soziale Frage ist heute eine internationale Frage, und man muss sie dort studieren, wo sich die Beispiele am allerklarsten ergeben - das Beispiel ist genommen aus dem nun seinem Schicksal verfallenen Österreich. Dieses Österreich hätte niemals kommen können zu dem verhängnisvollen österreichisch-serbischen Konflikte, wenn sich nicht das Sozial- und Rechtsleben und das geistige Leben in diesem Österreich eben so ausgebildet hätten, wie sie sich unter dem Einflusse ganz verkehrter Anschauungen ausgebildet haben, seit man seit den Achtzigerjahren angefangen hat, ein Verfassungsleben zu entwickeln, das Verfassungsleben des Österreichischen Reichsrates. Wie war das? Es wurde gewählt nach Kurien der Großgrundbesitzer, der Städte, Märkte und Industrialorte, der Kurie der Handelskammern, der Kurie der Landgemeinden. Die Letzteren durften nur indirekt wählen; die anderen durften direkt wählen. (Heiterkeit.) Aus diesen Wirtschaftskurien - denn Sie werden zugeben, es sind reine Wirtschaftskurien -, aus diesen heraus wurden gewählt die Abgeordneten des Österreichischen Reichsrats. Dieser Österreichische Reichsrat, der hatte aber zu entscheiden über das Recht. Das heißt, man stand von vornherein unter der Anschauung, dass aus dem Rechtsleben heraus nur durch die Umwandlung der wirtschaftlichen Interessen das Rechtsleben sich entwickeln soll. Man verschob ganz das wirtschaftliche Leben in das Rechtsleben. Das hat sich auch auf anderen Gebieten gezeigt.

Gewiss, der deutsche Reichsrat zum Beispiel hatte allgemeines Wahlrecht. Man hatte ja über dieses oftmals gesprochen, sogar direktes Wahlrecht - aber es konnte sich gerade in der neueren Zeit recht sehr breitmachen der neue Bund der Landwirte, das heißt rein wirtschaftliche Interessen auf dem Rechtsboden. Ich könnte Ihnen nun unzählige Beispiele dieser Art vorführen, in denen sich zeigt, wie man gerade den Segen der neueren Zeit suchte, gerade den wahren Fortschritt der Zeit suchte dadurch, dass man verschmolz das Wirtschaftsleben mit dem Rechtsleben. Und heute können sich gewisse Leute gar noch nicht vorstellen, dass das Wirtschaftsleben nicht eigentlich mit dem Rechtsleben als eins behandelt werden soll. Die besitzenden, tonangebenden Klassen, diejenigen, welche Kirche und Staat als Lohn fordern, die haben es zunächst bequem gefunden, einmal das Telegrafenwesen, das Postwesen, das Verkehrswesen in die Sphäre des Staates einzubeziehen. Dann ging das immer weiter und weiter. Aber namentlich für gewisse Zweige versuchte man nicht eine unmittelbare Verschmelzung von Wirtschaftsleben und Staatsleben, sondern man versuchte, den Schutz des Staates für die tonangebenden wirtschaftlichen Interessen zu bekommen Und wenn man einmal vorurteilslos studieren wird, warum dieser Krieg sich entwickelt hat, dann wird man auch unter den Ursachen finden die unselige Verquickung von Wirtschaftsinteressen mit Rechts- und Staatsinteressen in Mitteleuropa. («Bravo!»)

Das ist auf der einen Seite die Verquickung des Staatslebens mit dem Wirtschaftsleben, die man versucht hat. Auf der anderen Seite hat man verknüpft das Geistesleben mit dem Staatsleben. Dieses Geistesleben - man sah ja einen ganz besonderen Fortschritt der neueren Zeit darinnen, dass dieses Geisteslebens nicht selbstständig sich entwickele, sondern dass es in das Staatsleben eingespannt wurde. Ja, die meisten Menschen können sich heute überhaupt noch gar nicht vorstellen, dass man auf diesem Gebiete den Rückzug antreten kann und muss, dass man muss wieder hinarbeiten darauf, dass das Geistesleben emanzipiert werde, wieder losgelöst werde vom Staate, und dass das Wirtschaftsleben auf seiner freien Grundlage sich entwickeln könne. Allerlei Kurzsichtigkeit haben die Menschen auf diesem Gebiete entwickelt und entwickeln sie noch. Dieses Geistesleben, man kann ihm ansehen, und ich glaube darüber reden zu dürfen, sehr verehrte Anwesende, denn ich glaube dadurch dieses Recht dazu zu haben, dass ich mein ganzes Leben hindurch niemals auf einem anderen Boden als auf dem des frei sich entwickelnden Geisteslebens gestanden habe, nie im Geistesleben irgend der Diener des einen oder andern Staates, auch nicht der Diener irgendeiner Wirtschaftsordnung war, sondern immer versucht habe, das geistige Leben aus seinen eigenen Grundlagen heraus zu entwickeln. Daher weiß ich, was es heißt, dieses Geistesleben frei gehalten zu haben. Aber ist es, indem es verknüpft worden ist in der neueren Zeit immer mehr und mehr mit dem Staatsleben, ist es frei gehalten? Nun, man hat viel sich darauf zugutegetan, indem man betonte, im Mittelalter, gewiss, die Zeiten, wir würden sie nicht wiederum zurückwünschen, selbstverständlich nicht, in den Zeiten des Mittelalters war die Wissenschaft die Schleppenträgerin der Theologie. Gewiss, das war so, und das soll nicht wieder zurückkommen. Aber ist es denn in der neueren Zeit auf einem anderen Gebiete viel anders? Gewiss, dasjenige, was sich als Wissenschaft innerhalb des Staates, der Staatsanstalten ausbildet, es ist ja nicht mehr so stark Schleppenträger der Theologie wie im Mittelalter, aber es ist ganz gewiss Schleppenträger des Staates.

Nicht bloß, dass die wissenschaftlichen Anstalten, dass die Schulanstalten vom Staate verwaltet werden, sondern in den Inhalt des Geisteslebens selbst hinein ist gedrungen dasjenige, was vom Staate ausfließt, und die Wissenschaft ist nicht dasjenige geworden, was sie vielfach nach den Verfassungen des einen und des anderen Landes ist: freie Forschung, freie Lehre —, nein, die Wissenschaft ist geworden Staatsdienerin. Es gibt schon Staaten, in denen die neuere Wissenschaft zwar nicht nachträgt der Theologie die Schleppe, aber die, gerade die letzten Jahre haben es gezeigt, dass diese Wissenschaft ganz stark sich anhängt an die Säbelschnur (Heiterkeit) und der Garnisonsordnung nicht ganz fernesteht, und dasjenige, was sich als die Anschauung des Proletariats von dieser Wissenschaft ausgebildet hat, es ist vielleicht doch nicht so unwichtig, wenn es sagt: Diese Wissenschaft ist als Ideologie nur das Spiegelbild der herrschenden Wirtschafts- und Staatsordnung. Haben denn nicht in der neueren Zeit auf dem Gebiete der Mathematik und Physik ähnliche Zustände geherrscht? Da ist es nicht so durchsichtig, da kann man nicht gleich staatsdienern; aber auf der anderen Seite, Gebiete, die gerade in das menschliche Leben einschlagen, da kann man recht stark schon staatsdienern. So wurde vielfach die Wissenschaft, namentlich der Geschichte - der kann man es ansehen, aber auch andere Zweige der Wissenschaft - eine Staatsdienerschaft. So wie die jeweiligen Machthaber es wollten, so wurde gelehrt; die jeweiligen Machthaber stellten sich ihre Theologen, Juristen, Mediziner, Philologen und so weiter an, und ein klares Spiegelbild der Staatsordnung wurde die Wissenschaft, die aber nur dann gedeihen kann, wenn sie auf sich selbst gestellt ist und auf ihrem eigenen Boden sich entwickelt.

Nehmen Sie die Geschichte. Glauben Sie, dass die Geschichte der Hohenzollern in der Zukunft gerade so geschrieben würde, geschrieben werden wird, wie sie vorher von den deutschen Professoren geschrieben worden ist? («Nein!») Das wird nicht der Fall sein. (Heiterkeit.) Diese Geschichte der Hohenzollern, sie war so recht ein Kapitalspiegelbild des geistigen Lebens von den herrschenden Mächten. Man braucht nicht gleich so weit zu gehen wie einmal der berühmte Physiologe - er ist sonst ein tüchtiger Mann gewesen, «ehrenwerte Männer sind sie ja alle» — so heißt es bei Shakespeare — wie der berühmte Physiologe, der einmal sprach in einer glänzenden Versammlung und sagte: Wir deutschen Wissenschafter sind die wissenschaftliche Schutztruppe der Hohenzollern. - Oh, es war ein aufrichtiges Wort. (Heiterkeit)

Sehen Sie, sehr verehrte Anwesende, es war ein aufrichtiges Wort, aber nicht gerade die Bezeichnung eines wünschenswerten Zustandes. Man braucht nicht gleich so weit zu gehen. Aber wissen kann man, wie es ganz anders werden wird, wenn der Lehrer der untersten Schulstufe nicht mehr wissen wird, dass er nach den Maximen der bloßen politischen Ordnung behandelt wird, sondern dass er nur verwaltet wird von einer Verwaltung, die rein aus dem Boden des geistigen Lebens selbst herauswächst. Was entsteht, wenn politisches und irgendwie geistiges Leben zusammenkommt, das hat sich ja auch im Deutschen Reichstag gezeigt, zeigt sich aber auch in anderen Gebieten. Da haben wir im Deutschen Reichstag das sogenannte Zentrum gehabt, eine rein auf religiöser Grundlage ruhende Partei. Mit allen möglichen anderen Parteien ist sie Koalitionen eingegangen, und hineingeflossen in das Recht des Reiches ist dasjenige, was aus rein religiösen Grundfesten herausgenommen worden ist. Diese Dinge alle, die verhundertfältigt werden könnten als Beispiele, die bezeugen, dass es notwendig ist, dass in der Zukunft dasjenige, was man gerade unter dem Einflusse des modernen Kapitalismus verschmolzen hat - Geistesleben, Rechtsleben oder politisches Leben und Wirtschaftsleben -, dass das wiederum auseinandergestellt sein muss, dass eine Dreigliederung des sozialen Organismus eintreten muss, dass da kommen muss ein Nebeneinanderstehen, wie souveräne Staaten, eine selbstständige Verwaltung des Geisteslebens, eine selbstständige Verwaltung des politischen oder Staatslebens, eine selbstständige Verwaltung des Wirtschaftslebens. Gerade dann werden sich diese drei Gebiete in einer richtigen Weise zu einer Einheit verbinden, wenn auf jedem dieser drei Gebiete das aus den eigenen Kräften dieser Gebiete Herauswachsende sich entwickeln kann.

Nehmen wir das Beispiel für das Wirtschaftsleben. Da können wir sehen, wie dieses Wirtschaftsleben auf der einen Seite abhängig ist von der Naturgrundlage, je nachdem in dem sozialen Territorium, das in Betracht kommt, ob der Boden fruchtbar oder mehr oder weniger unfruchtbar ist, je nachdem das oder jenes gedeiht oder nicht gedeiht, ist auch das wirtschaftliche Leben dieses oder jenes. Man kann an extremen Beispielen dies gerade lernen. In einem Bananenlande, wo die Banane ein wichtiges Nahrungsmittel ist, da stellt sich heraus, dass die Arbeit, die notwendig ist, um die Bananen vom Ausgangsorte zum Konsum zu bringen, hundertmal kleiner ist als die Arbeit, die bei uns nötig ist, bei unseren mittleren europäischen Gegenden nötig ist, um den Weizen von der Aussaat bis zum Konsum zu bringen. So extreme Beispiele selbstverständlich sind im einzelnen Territorium unserer Gegenden nicht vorhanden; aber es unterscheiden sich doch die einzelnen wirtschaftlichen Produktionszweige so voneinander, dass verschiedene Menschenarbeit zu ihnen notwendig ist, und so weiter, und so weiter. Das Wirtschaftsleben ist von der Naturgrundlage auf der einen Seite abhängig. Man kann diese Naturgrundlage verbessern durch allerlei technische Errungenschaften; aber eine Grenze ist auf dieser Seite geschaffen. Zu dieser Grenze muss auf der anderen Seite eine andere kommen, die von dem selbstständigen Rechtsstaate herrührt. Diese andere Seite wird dann geschaffen werden, wenn nicht mehr solche sonderbaren Dinge figurieren werden, die eigentlich, indem sie angeblich mit modernem Menschenrechte arbeiten, nur Lebenslügen vertuschen.

Solche Einrichtungen sind zum Beispiel der moderne Arbeitsvertrag. Solange der Arbeiter einen Vertrag zu schließen hat, wie eine Ware, mit dem sogenannten Unternehmer, so lange kann von einem Rechtsverhältnis zwischen Unternehmer und Arbeiter überhaupt nicht die Rede sein. Selbst dann, wenn das ganze Arbeitsverhältnis herausgenommen ist aus dem Wirtschaftsprozesse und hineingestellt ist in den selbstständigen Rechtsorganismus, wenn innerhalb des selbstständigen Rechtsorganismus wirkliche Demokratie herrscht, wo in Betracht kommt dasjenige, was für alle Menschen in gleicher Weise gilt, wenn auf diesem Rechtsboden entschieden wird über Zeitmaß, über Art der Arbeit, wenn schon entschieden ist über die Arbeit, bevor diese Arbeit überhaupt im Wirtschaftsprozess zur Anwendung kommt, wie entschieden ist in der Erde selbst durch die Naturkräfte über die Fruchtbarkeit und Unfruchtbarkeit, bevor der Wirtschaftsprozess beginnt, erst dann ist ein wirkliches Rechtsverhältnis möglich zwischen dem sogenannten Arbeiter und Arbeitgeber, die in der Zukunft ganz andere Formen annehmen müssen.

Zunächst muss bestimmt werden, wie lange gearbeitet werden darf, wie gearbeitet wird und so weiter; dann wird festgestellt, welches Verhältnis zwischen dem Arbeiter und dem Arbeitsleiter sein muss, bevor der Wirtschaftsprozess überhaupt in Betracht kommt. Dann aber wird der Arbeitsvertrag nur sich erstrecken können auf die entsprechende Verteilung desjenigen, was gemeinschaftlich der Arbeiter mit dem Arbeitsleiter produziert. Dann erst wird Gerechtigkeit herrschen können auf diesem Gebiete. («Bravo!»)

Sagen Sie nicht, sehr verehrte Anwesende, dass ich, indem ich dieses ausspreche, etwa zurückgreifen möchte zu dem alten Stücklohn. Das kann nur derjenige glauben, der nicht berücksichtigt, dass ich ja hineinstelle in einen ganz gesunden sozialen Organismus das, was ich in dieser Weise vorschlage. Der alte Stücklohn war eben auch ein Lohn. Dasjenige, was ich hier vorschlage, ist ein auf ein selbstverständliches Rechtsverhältnis gegründetes Vertragsverhältnis zwischen demjenigen, der die körperliche Arbeit verrichtet, und demjenigen, der durch seine individuellen Fähigkeiten diese Arbeit im Nutzen des sozialen Organismus leiten soll, nicht zu seinem kapitalistischen, persönlichen, egoistischen Nutzen.

Das ist dasjenige, was ich zu sagen habe zu etwas ganz anderem als etwa zu einer Erneuerung des alten Stücklohns. Das Lohn-Verhältnis hört überhaupt auf. Und dasjenige, was eintritt, ist ein Vertragsverhältnis über die erzeugte Arbeit. Dann wird der Arbeiter wissen, wohin sein Mehrwert geht; denn dann wird er in die Lage versetzt werden, wenn er frei dem Arbeitsleiter gegenübersteht, denn sein Verhältnis zur Arbeit wird auf dem Rechtsboden geschaffen, dann wird er wissen, wie er in diesem freien Vertrag die Verteilung vornehmen kann.

Das ist auf der einen Seite das Arbeitsverhältnis, das aber nur so geschaffen werden kann, wenn es so selbstständig ist, wie in der neueren Zeit dem Wirtschaftsprozess der Rechtsstaat gegenübersteht.

Oh, ich weiß, sehr verehrte Anwesende, wie viele Vorurteile gegen diesen selbstständigen Rechtsstaat auf der einen Seite und den selbstständigen Wirtschaftsstaat auf der anderen Seite da sind. Aber das haben sich die Leute doch eben nur so vorgemacht in der neueren Zeit. Der Staat als solcher ist ja für die Leute der reine Götze, um nicht zu sagen, der reine Gott geworden. Man kann ein Goethe’sches Wort auf diesen Götzen- oder Gott-Staat anwenden, allerdings ein Wort, das der Faust zu dem sechzehnjährigen Gretchen in Bezug auf religiöse Fragen spricht: «Der Allumfasser, Allerhalter, fasst und erhält er nicht dich, mich, sich selbst?», so könnte ungefähr, wie Faust von dem Gotte, so könnte ungefähr der moderne Kapitalist, der moderne Arbeitgeber von dem Staate zu dem Arbeitnehmer sprechen: «Der Allumfasser, der Allerhalter, fasst und erhält er nicht dich, mich, sich selbst?» Dabei könnte er im Geheimen sogar denken vielleicht: besonders aber mich. (Heiterkeit.)

Sehr verehrte Anwesende, die Denkgewohnheit ist eben eine starke geworden, und sie wird sich sträuben gegen diese Verselbstständigung des Wirtschaftslebens und des Staatslebens. Man wird nicht können auf dem Wege der bloßen Genossenschaft, der den ganzen Staat umfassenden Genossenschaft, man wird nicht können dasjenige erreichen, was erreicht werden muss. Im Gegenteil, man wird das Rechtsleben herausnehmen müssen aus dem Wirtschaftsleben. Dann wird auf der einen Seite das Wirtschaftsleben sich bloß als Warenzirkulation, Warenerzeugung, Warenkonsum entwickeln können, und das wird sich realisieren können, wovon die Sozialdemokratie immer gesprochen hat, dass nicht mehr produziert werden dürfe, um zu produzieren, sondern produziert werden dürfe, um zu konsumieren. («Bravo!»)

Das aber kann sich nicht anders entwickeln, meine sehr verehrten Anwesenden, als wenn ein selbstständiger Rechtsboden da ist, der sich allerdings auf der einen Seite auf das Arbeitsrecht erstreckt, auf der anderen Seite erstreckt aber hauptsächlich auch über den sogenannten Besitz, über das sogenannte Eigentum, namentlich das Privateigentum.

Wer über das Privateigentum zur Klarheit kommen will oder kommen möchte, genauer gesagt, der soll vor allen Dingen sich klar sein darüber, dass für den sozialen Organismus, für das soziale Leben das Besitzverhältnis nur ein Rechtsverhältnis sein kann. Zunächst ist es ein Vorrecht, ein Klassenverhältnis; aber es ist seinem Wesen nach ein Rechtsverhältnis. Denn was ist Besitz? Alles andere ist ja Wischiwaschi. Dasjenige, was an Besitz wichtig ist im sozialen Leben, das ist das Verfügungsrecht über irgendeine Sache. Das ist ein Recht, und das kommt als Recht in Betracht, kommt insofern in Betracht als ein Recht, als das Recht Gegenstand des politischen Staates sein muss, indem dieses Recht ausgemacht, geregelt wird von Mensch zu Mensch. Auf rein demokratischem Wege ist der Wirtschaftsstaat dasjenige, was ersteht aus menschlichen Bedürfnissen und aus der notwendigen Produktion heraus. So ist der Rechtsstaat dasjenige, was entsteht aus dem heraus, worinnen alle Menschen gleich sind, was alle Menschen angeht. Wir haben eine Verständigung von Mensch zu Mensch, die auf demokratischem Boden errichtet werden muss. Der Wirtschaftsorganismus wird sich entwickeln aus dem heraus, was sich in den Anfängen, aber eben nur in solchen Anfängen gezeigt hat im Genossenschaftswesen, Gewerkschaftswesen und so weiter aus den verschiedenen Berufsständen heraus, aus namentlich den Interessen, die sich entwickeln zwischen Produktion und Konsumtion, bei der sich Assoziationen bilden, und auf Grundlage dieser Assoziationen, die rein sachgemäß verwaltet werden, wird der Wirtschaftsstaat verwaltet werden, meinetwillen sage ich der Wirtschaftsstaat; ich könnte auch sagen, der Wirtschaftsorganismus verwaltet werden, der Wirtschaftskreislauf, in dem nur noch Ware zirkulieren wird. Und in diesem Wirtschaftsorganismus wird vor allen Dingen dasjenige walten, was heute noch von den Staatsgesetzen verwaltet wird, in diesem Wirtschaftsorganismus wird walten der Wert, die Währung des Geldes. Nicht der Staat wird durch Gesetze festzustellen haben, welches die Währung ist, wodurch die starken Preisschwankungen eigentlich zustande kommen, sondern im Wirtschaftsorganismus wird dasjenige eintreten können aus der bloßen Verwaltung dieses Wirtschaftsorganismus heraus, was Geldverwaltung ist. Geld ist dasjenige, was nach der Naturalwirtschaft die Menschen, die in einem sozialen Organismus leben, eben zur gemeinsamen Wirtschaft veranlassen. Geld kann nichts anderes sein als die Anweisung, die ich habe, auf Grundlage dessen, dass ich selber etwas hervorgebracht habe, die Anweisung, die ich habe, dass ich zur rechten Zeit auf Grundlage des von mir Hervorgebrachten, von einem anderen sein anders Hervorgebrachtes wieder bekommen kann. Das kann aber nur ausgemacht werden, was hier als die eigentliche Funktion des Geldes genannt ist, das kann nur ausgemacht werden auf dem Boden des Wirtschaftsorganismus.

Der eigentliche staatliche Boden wird nur in sich hegen dasjenige, was auf demokratischer Grundlage, was auf der Rechtsgrundlage, auf der Rechtsgrundlage, wo Gleichheit aller Menschen ist, erbaut werden kann.

Und das Geistesleben, das als Drittes abgegliedert werden muss von beiden: Heute lebt ja wahrhaftig dieses Geistesleben in ganz merkwürdigen Zusammenhängen mit dem Staatsleben, mit dem politischen Leben. Als ich am letzten Mittwoch in Basel drinnen vorgetragen habe über denselben Gegenstand, da erwiderte ein Diskussionsredner — über manches, was er erwiderte, war ich ja anderer Meinung, aber in einem, worauf er hinwies, das war ja wirklich etwas, was von der Vermischung, von der unnatürlichen Verquickung des Geisteslebens, eines Teiles des Geisteslebens sogar mit dem Wirtschaftsleben sprach.

Mit Bezug auf das Geistesleben, seine Verselbstständigung, hat die moderne Sozialdemokratie eigentlich erst ein einziges Glied, von dem sie sagt: Religion muss Privatsache sein, eine Religion abgegliedert von dem Staatsleben. Aus welchem Motiv das auch sein mag, die Fortsetzung desjenigen, was in dieser Forderung liegt für das gesamte Geistesleben, die Abgliederung von dem Staats- und Wirtschaftsleben, darinnen liegt das Heil der Zukunft. Sonst werden immer solche merkwürdigen Gebräuche zustande kommen, die darauf hinweisen, wie etwas Ungesundes in unserem sozialen Leben ist. Wie gesagt, dieser Herr wies darauf hin, dass auch wiederum in dieser neuesten Nuance, ich weiß nicht, wie ich es benennen soll, um ihr nicht wehzutun, also sagen wir, in dieser Nationalversammlung dieses Deutschen Reiches wiederum eine Koalition besteht zwischen dem Zentrum und den Mehrheitssozialisten. («Pfui!» - und Lachen.) Zentrum und Mehrheitssozialisten, die gehen ja miteinander. Zentrum - das sind katholische Leute, nicht wahr, ganz gut katholische Leute - ja, ich weiß nicht, indem sie da auf diese Weise zusammenarbeiten, wie sich die Katholiken da zusammentun können, wenn auch mit den Mehrheitssozialisten, so doch immer mit den Sozialdemokraten, wenn man den letzten Hirtenbrief des Bischofs von Chur einmal gesehen hat, wie dieser schreibt in seinem Hirtenbriefe! Es steht dort nichts Geringeres, als dass jeder, der als Soldat sich auflehnt, gegen die göttliche Weltordnung verstößt, und dass daher niemandem die Sünden erlassen werden können in der Beichte, der sich zu irgendeiner sozialen Partei bekennt. Das ist der neueste Hirtenbrief, vom 2. Februar des Jahres 1919. Ja, ich frage mich, wie stimmt denn das zu der Koalition von Zentrum und Sozialdemokratie in der deutschen Nationalversammlung? Da haben sich ja die gut katholischen Leute mit anderen verbündet, von denen der Erzbischof von Chur verlangt, dass ihnen in der Beichte keine Sünden erlassen werden, die also sündenbeladen zur Hölle gehen müssen. Also die sehen wir Hand in Hand gehen in der deutschen Nationalversammlung, diese Katholiken mit denjenigen, die nicht einmal in der Beichte freigesprochen werden können von ihren Sünden. Ich möchte bloß wissen, was auf dem Wege zur Hölle aus dieser Koalition eigentlich werden soll. Ja, die Sache sieht wirklich recht lächerlich aus. Aber diese Lächerlichkeiten, sehr verehrte Anwesende, sind in unserer Gegenwart Wirklichkeiten. Über diese Wirklichkeiten kommt man nur hinaus zu gesunden Verhältnissen, wenn man sich wirklich darauf einlässt, dass die Dreigliederung des sozialen Organismus immer mehr und mehr angestrebt werden muss, dass tatsächlich das gesamte Geistesleben, von dem untersten Schulleben an bis hinauf zu der obersten Universität, durchaus auf eigenem Grund und Boden steht. Derjenige, der das Geistesleben kennt, der weiß, dass dieses Geistesleben aus seinen eigenen inneren Kräften nur gedeihen kann, wenn es weder vom Staat noch vom Wirtschaftsleben abhängig ist. Wenn aber derjenige, der geistig produzieren soll, den Weisungen eines Staates zu gehorchen hat, oder auch wenn er Sklave ist dieses oder jenes Kapitalisten, dieser oder jener Clique — mancher ist es unbemerkt, weiß es gar nicht, glaubt, er folgt nur seinem Genius, indem er ein Bild malt, und in Wahrheit folgt er gar nicht seinem Genius, sondern er folgt der kapitalistischen Wirtschaftsordnung. («Sehr richtig.») Die Leute sind nur nicht gedankenbeschlagen genug, um in die Gesetze des modernen sozialen Lebens hineinzuschauen, in denen sie drinnenstehen.

Das aber ist die Aufgabe vor allen Dingen, dass man hineinschaut. Dann wird man auch darauf kommen, was diese Dreigliederung des sozialen Organismus bedeutet. Mit der Morgenröte der neueren Zeit, am Ende des achtzehnten Jahrhunderts, erklangen aus der Französischen Revolution heraus, und schon an ihrem Anfange, drei bedeutungsvolle Worte, wie die Devise der neueren Zeit: Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts haben recht gescheite Leute, ehrenfeste Männer, sie haben immer wieder betont, wie diese drei Eigenschaften einander widersprechen, wie Freiheit nicht vereinbar sei mit Gleichheit; denn wenn alle Menschen gleich sind, so kann der Einzelne sich nicht frei entwickeln. Nun, ich werde in dem Buche, das nächster Tage über die soziale Frage von mir erscheinen wird, zeigen, dass überhaupt der Fortgang in der Entwicklung desjenigen, was man Kapital nennt, nur dann herausführen kann aus den Schäden des modernen Kapitalismus, wenn alles dasjenige, was Kapital ist, in einer gewissen Weise in Beziehung gebracht wird zu demjenigen Glied des sozialen Organismus, wo die individuellen geistigen Fähigkeiten verwaltet werden. Da wird das eintreten können - das kann ich hier nur andeuten, Sie werden es in meinem Buche deutlicher ausgeführt finden -, was heute innerhalb gewisser Grenzen nur zugegeben wird für das unbedeutendste Eigentum, das man haben kann in unserer heutigen kapitalistischen, materialistischen Zeit. Was ist denn eigentlich für die tonangebenden Menschen das allerunbeträchtlichste, das schofelste Eigentum? Das Geistige. Man lässt es doch wenigstens gerechterweise noch zu, dass es 30 Jahre nach dem Tode desjenigen, der es hervorgebracht hat, übergeht an die Allgemeinheit, Allgemeingut wird. Es wird in der nächsten Zeit ganz anders gehen müssen mit dem materiellen Gut. Man wird denselben Weg finden müssen des Übergehens des materiellen Guts an die Allgemeinheit, wie man es heute nur gefunden hat für die schofelste Angelegenheit, das Geistesgut. Dieses Geistesgut geht mit Recht über. Denn wie sehr es sich auch mit den materiellen Fähigkeiten des Menschen und so weiter verhält, man braucht Begabung und so weiter, um etwas hervorzubringen; aber ist etwas hervorgebracht aufgrund der sozialen Gemeinschaft, so gut, wie man die Sprache nur von der Gemeinschaft hat, so gut hat alles materielle Gut nur durch die soziale Gemeinschaft zustande kommen können, hat nur insofern eine Beziehung zu dieser Gemeinschaft, als man mit seinen Fähigkeiten damit verknüpft ist. Solange die Fähigkeiten eines Leiters verknüpft sein können mit einem Produktionsunternehmen, so lange wird er es in der Zukunft leiten. Darin müssen Mittel und Wege gesucht werden, dass das materielle Gut, ebenso wie das Geistesgut heute, in den Kreislauf des Kapitals, der Produktionsmittel aufgenommen wird.

Das ist es, worauf gesonnen werden muss, das ist es, was der Zukunftsentwicklung der Menschheit unbedingt einverleibt werden muss. («Bravo!») Freiheit muss allerdings sein auf dem Gebiete des Geisteslebens. Aber die Menschen haben immer wiederum bewiesen, wie gesagt, sehr scharfsinnig bewiesen, dass diese Freiheit widersprechen würde der Gleichheit. Sie hatten auf der anderen Seite bewiesen, dass die Gleichheit der Brüderlichkeit widersprechen würde. Es würde allerdings widersprechen, wenn es so aufgefasst würde nach dem Grundsatz: Und willst du nicht mein Bruder sein, so schlag ich dir den Schädel ein. Nun ja, so reden schon die Leute, wenigstens manche Leute. Aber diese Dreie, die werden es schon, sein, die in mein Herz hineinfließen, Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit.

Dass wir sie nicht bloß auf einen oberflächlichen Widerspruch hin prüfen, sondern dass wir zum Beispiel um etwas Tieferes dabei fragen müssen, das ist es, auf was es ankommt. Und da wird uns klar, dass, als diese drei bedeutungsvollen sozialen Impulse erklangen, die Leute noch hypnotisiert waren von dem Einheitsstaate, ganz offenbar hypnotisiert waren von dem Einheitsstaat: der dich und sich und mich erhält, besonders aber mich erhält.

Die Leute waren hypnotisiert davon. Aber diese drei Impulse, sie haben ihre Bedeutung gerade, wenn die Dreigliederung durchgeführt wird. Da reden die Leute heute noch immer davon; Schlagworte führen sie an: Individualismus, Sozialismus, Demokratie. Gewiss, sehr verehrte Anwesende, so, wie Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit drei Impulse sind, so sind auch Individualismus, Demokratie und Sozialismus drei Impulse. Verstehen kam man sie nur, wenn man weiß, Individualismus ist dasjenige, was mit den individuellen Fähigkeiten und Begabungen des Menschen zusammenhängt. Das muss auf dem Gebiete des geistigen Lebens sein, Demokratie auf dem Gebiete des Staates sein, wo die Gleichheit aller Menschen in Betracht kommt, wo dasjenige, was geschieht, alle Menschen angeht, wo Arbeitsrecht und Besitzrecht — Besitz wird es nicht geben -, aber Leitungsrecht in Betracht kommen wird. Dasjenige, was als Sozialismus in der Zukunft sich ausbildet, es wird auf dem Gebiete des Wirtschaftslebens herrschen. Und ebenso wird es sein mit Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Freiheit muss sein auf dem Gebiete des geistigen Lebens. Deshalb muss das geistige Leben auch frei sich entfalten können. Ängstliche Gemüter, die da sagen: Wenn die Schule aber frei sein wird, wie wird das dann ausfallen? Na, ich denke, die Leute kennen wenig gerade dasjenige, was moderne Arbeiterbewegung ist. Der moderne Arbeiter hat alles Interesse daran, dass er nicht wieder in eine Botmäßigkeit von herrschenden Klassen durch irgendwelche Unwissenheit komme. Überlässt man es ihm frei, seine Kinder zur Schule zu schicken, dann wird er das ganz gewiss tun. Ausbleiben werden vielleicht andere, die Angehörigen derjenigen Klasse, die heute schon wissen, was ihnen ihr bisschen Glanzbildungsversuch eigentlich gekostet hat, und wie oft sie, während sie sich ausgebildet haben, die Schule geschwänzt haben. Nicht nur tagelang, sondern manchmal so geschwänzt haben, dass die Zeugnisse nur einen sehr minderen Wert noch haben.

Freiheit auf dem Gebiete des Geisteslebens, Gleichheit auf dem Gebiete des politischen oder Staatslebens, Brüderlichkeit im umfassenden Sinne auf dem Gebiete des Wirtschaftslebens durch die Assoziationen, Genossenschaften, welche wirklich sachgemäß die Brüderlichkeit ausdehnen werden über das ganze Wirtschaftsleben: Erst dann, meine sehr verehrten Anwesenden, wenn man einsieht, dass die soziale Organisation dreigliedrig sein muss, dann weiß man auch, wie nebeneinander sich entwickeln werden in der Zukunft Freiheit im Geistesleben, Gleichheit im demokratischen Staatsleben, Brüderlichkeit im Wirtschaftsleben. Das wird die Erfüllung desjenigen sein, was seit mehr als einem Jahrhundert die Menschheit durchtönt.

So die Zusammenhänge ansehen, so ansehen, was in den Kräften, die heute schon in der geschichtlichen Entwicklung der Menschheit liegen, eigentlich steckt, das wird zu der notwendigen Anerkennung dieser drei Glieder, die ich Ihnen nur skizzieren konnte, die Sie dann in meinem Buche weiter ausgeführt finden werden, führen.

Ich glaube aber, sehr verehrte Anwesende, sosehr heute noch die Leute mit allen möglichen. Schlagworten, weil es Ihnen bequem wäre, in der alten Ordnung bleiben zu können, sich stemmen werden gegen solche Gedanken, es sollte doch eingesehen werden, in welcher Weise diese Gedanken neu sind. Gar mancher sagt heute, er hielte das oder jenes für die Zukunft für gut. Oh, man kann manches für gut halten! Aber ich bilde mir durchaus nicht ein, über die Einzelheiten desjenigen, was geschehen soll, gescheiter zu sein als andere Menschen. Deshalb stelle ich keine Utopie auf, sondern das Gegenteil von ihr ist dasjenige, was ich vorgeführt habe. Was ich vorgeführt habe, kann überall in Angriff genommen werden, wo man auch steht. Wie weit in Osteuropa die [Revolution] vorgerückt ist, wie weit man noch von ihr ab ist in anderen Gegenden Europas, überall kann begonnen werden damit, dass man von einem bestimmten, realen Punkte ausgehend, auf der einen Seite wirkt nach der Begründung des freien Schulwesens und des freien geistigen Lebens; auf der anderen Seite nach der Begründung des vom Staat unabhängigen Wirtschaftslebens, das sich genossenschaftlich, das sich namentlich durch Verbrüderung der Produktion und der Konsumtion in der Zukunft ausbilden muss. Das ist ja das Allerrealste, das ist das Praktischste, was sich überhaupt nur in der Gegenwart ersinnen lässt. Denn es baut nicht auf irgendein Programm, es baut auf die Wirklichkeit des Menschen. Immer wieder und wieder wird gesagt: Wenn du eine Dreigliederung des sozialen Organismus einführen willst, wo bleibt dann die Einheit? Die Einheit wird der Mensch sein, sehr verehrte Anwesende, denn wenn eingewendet wird: Willst du denn wiederaufrichten die alte Ständeordnung, Nährstand, Wehrstand, Lehrstand? Gewiss, der Nährstand, gegen den ist ja auch heute nichts Besonderes einzuwenden, denn ihn brauchen die Leute.

Der Wehrstand — na, es ist in den letzten Jahren so viel darüber geredet worden, ich werde die Dinge nicht zu wiederholen brauchen! Lehrstand, na, dem Schuldienerstand, Staatsdienerstand ist das nicht unähnlich geworden. Denn um die Aufrichtung neuer Stände handelt es sich nicht; es handelt sich darum, dass die Verwaltung, die Organisation, die völlig vom Menschen abgesondert ist, dass die dreigliedrig ist. Der Mensch selbst, er wird in allen drei Organismen sein; insofern er individuelle Fähigkeiten zu entwickeln hat, wird er dem geistigen Organismus angehören, wird zu ihm Beziehungen haben, wird zu entscheiden haben, wie er dem Geistes-Organismus sich eingliedern will, wird, selbstverständlich in Bezug auf dasjenige, was für alle Menschen gleich ist, im Staatsorganismus drinnenstehen. Für den Wirtschaftsorganismus gilt das Gesetz, dass jeder drinnenstehen muss. Der Mensch wird die Einheit sein. Der Mensch wird aber dadurch gerade auf seine wahre Menschenwürde gestellt werden können. Das ist es, worauf es ankommt, dass man nicht mehr die Menschen gliedert, sondern dadurch, dass man die soziale Ordnung selbst gliedert.

Ich glaube, sehr verehrte Anwesende, dass allerdings aus dem Proletariat heraus entstehen können diejenigen, die am ehesten Verständnis haben können für eine solche soziale Ordnung. Der Proletarier hat wahrhaftig keine Veranlassung, viel Vorliebe zu haben für die alten Ordnungen, die sich auf die Neuzeit übertragen haben, die manche Menschen heute noch so bequem finden möchten, wenn sie nur nicht da zu sehr angefochten würden. (Lachen.) Der Proletarier hat gelernt, sich auf sich selbst zu stellen. Er hat gelernt, nach etwas anderem zu schauen als nach demjenigen, was bisher manchen Menschen zuteilgeworden ist. Er hat gelernt vielleicht auch, dass neue Gedanken notwendig sind, dass umgedacht werden muss, dass man nicht bloß mit den alten Denkgewohnheiten ein paar Einrichtungen umwandeln muss, sondern dass neue Gedanken notwendig sind, dass ein Umdenken notwendig ist. Den unverbrauchten Intellekt des modernen Proletariers, ihn verkennt man in vielen Kreisen; er wird sich gerade finden zu solchem Denken. Man sollte solche Gedanken hegen in einer Zeit, in der man so oftmals sagt: In der Kriegskatastrophe hat sich etwas gezeigt, was noch niemals da war in der Geschichte. Diejenigen, die durchaus nicht glauben wollen, dass man diese Gedanken braucht, sollten darüber nachdenken, dass in einer solchen Zeit, wo Ereignisse eingetreten sind, die noch nicht da waren, auch Gedanken kommen müssten, die einem ungewohnt sind, ungewohnt denjenigen Leuten, die nur in den alten ausgefahrenen Geleisen leben. Das aber glaube ich, dass das nachrückende Proletariat, so, wie es sich unbefriedigt fühlen musste in dem Erbstücke der alten bürgerlichen Ordnung, dass es sich hineinfinden wird in dasjenige, was als eine neue soziale Ordnung gerade für die gesunde Dreigliederung des sozialen Organismus notwendig ist. Deshalb glaube ich, dass es nicht vergeblich gesprochen ist gerade in die Proletarierseelen hinein, wenn von dieser sozialen Ordnung der Zukunft gesprochen wird, von der ich glaube, dass sie sich verwirklichen will und verwirklichen muss, weil sie in dem innersten Menschenimpulse drinnen für die nächste Zeit liegen.

Das ist es, was zu gleicher Zeit mich mit der Hoffnung erfüllt, dass aus der proletarischen Welt heraus diejenigen kommen werden, die Verständnis haben werden für eine in diesem Sinne vernünftige, fortschrittliche Bewegung, zum gesunden sozialen Organismus hin. Dann würde gerade aus dem Proletariat heraus diejenige Menschheit kommen, welche durch das, was sie nun anstrebt, anstrebt aus Not und Elend, aus Verachtung ihrer Menschenwürde vonseiten der anderen Klassen heraus, was sie anstrebt, aber für ihre Klasse, sie würde aus dem heraus entwickeln dasjenige, was Zukunftsentwicklung werden muss, nicht um des Vorteiles einer Klasse willen, sondern um des Vorteiles alles Menschlichen willen, was erstrebt werden muss: Befreiung der ganzen Menschheit, Befreiung desjenigen in der Menschheit, was wert ist, befreit zu werden.

Das kann aber nur geschehen durch solche soziale Anschauungen, die nicht irgendwie aus einer Idee heraus gefasst sind, sondern aus der Lebensbeobachtung heraus gefasst sind. Gewiss, wahr ist es: Der Worte sind genug gewechselt bis zum heutigen Tage; aber es kann sich ja nur darum handeln, dass zunächst das Verständnis vertieft werde, was geschehen kann, was in Taten sich verwandeln kann; von solchen Anschauungen habe ich Ihnen sprechen wollen, die nicht bloß abgegriffene Worte und alt gewordene Anschauungen wiedergeben, sondern von solchen Gedanken wollte ich Ihnen sprechen, die wirklich überall, wo man den guten Willen hat, sich verwirklichen lassen - von Gedanken, die in der nächsten Zeit in Taten übergehen sollen, weil sie nach den Anforderungen der Weltgeschichte selbst in Taten übergehen müssen und von den Menschen auch mehr oder weniger unbewusst, für die nächste Entwicklung gefordert werden. (Lebhafter Beifall.)

Wir machen nun eine kleine Pause von etwa fünf Minuten. Dann findet noch eine freie Diskussion statt. Wer sich auszusprechen wünscht oder etwa zu dem Thema etwas zu sagen wünscht, der möge es von sich aus tun und mir seinen Namen nennen, oder wenn jemand eine Frage schriftlich stellen will, ist dazu auch Gelegenheit. Rudolf Steiner: Nun, es scheint ja nicht der Fall zu sein, sehr verehrte Anwesende. Ich nehme das nicht etwa so oberflächlich hin als ein Zeichen dafür, dass Sie alle einverstanden sind bis ins Einzelnste mit dem, was ich gesagt habe - auch allerdings nicht als ein Zeichen dafür, dass Sie alle nicht einverstanden sind mit dem, was ich gesagt habe. Aber ich glaube, dass ja allerdings in Bezug auf Diskussionen die Sache heute recht schwierig liegt; denn die meisten Diskussionen auf diesem Gebiete werden ja sehr häufig doch so geführt, dass man schon seinen vorgefassten Standpunkt mitbringt; und diejenigen, die es mit den Fragen, um die es sich handelt, so recht ernst nehmen, die wissen, wie schwer es eigentlich ist, aus den Forderungen heraus - die ergeben sich ja leicht - zu Ansichten zu kommen, die zu der Wirklichkeit begründet sind, zu begründeten Ansichten zu kommen, die wirklich zu dem führen können, was wir ja alle ersehnen. Es ist in unserer Zeit mehr, als man glaubt, Schulmeisterei und Ähnliches an der Tagesordnung.

Und ich selber habe in der letzten Zeit, nachdem ich jenen «Aufruf» verfasst hatte, der ja von einer ganzen Reihe von Leuten in Deutschland, Österreich und der Schweiz unterschrieben worden ist, zu meiner großen Befriedigung, in welchem ich aber nur die allgemeinen Ideen dieser Dreigliederung vorerst auseinandersetzen konnte, die dann weiter ausgeführt werden sollen in meinem demnächst erscheinenden Buche über die soziale Frage - ich selber habe es zum Beispiel erfahren müssen, dass mir jemand sagte, es sei höchst merkwürdig, da kommt nun der Herr Doktor just von Dornach, vom Goetheanum, wo wir doch wissen, es wird immerfort vom Geiste geredet, und da steht nun in dem ganzen Aufruf gar nichts drinnen vom Geiste. - Na, es steht ja zwar drinnen, dass das Geistesleben auf sich selbst gebaut werden solle, und ich habe das Vertrauen, wenn es nur auf sich selbst gebaut ist, so wird es sich auch gesund entwickeln. Aber von jenen Deklamationen, die man heute immer wieder und wiederum hören kann, dass die Menschen gesund werden in Bezug auf ihr soziales Leben, wenn sie möglichst von der Materie ab- und sich wiederum zu dem Geiste wenden - ja, von diesen Deklamationen, da hört man bei mir gar nichts.

Nun sehen Sie, meine sehr verehrten Anwesenden, ich suche ja nicht da den Geist, wo man immer redet vom Geist, sondern ich glaube, dass der richtige Geist derjenige ist, der die Kraft hat, ins praktische wirkliche Leben unterzutauchen, der wirklich Verständnis hat für das Leben. Eine geistige Weltanschauung, die immer nur von Geist und Geist redet, meinetwillen, wie sie diesen Geist auch nennt, die immerfort nur diesen Lippendienst vom Geist hat, eine solche Weltanschauung scheint mir insbesondere in der jetzigen Zeit durchaus nicht das, was auf etwas Zukünftiges hinweist, sondern das scheint mir gerade das schrecklichste Ergebnis der zu Ende gehenden Ordnung zu sein.

Das ist dasjenige, dass ich da erwidern möchte, wo mir gerade gesagt wird, ich sollte mehr vom Geiste sprechen: Ich suche eben nicht den Geist in dem, was da gesagt wird, nicht in dem Was, sondern in dem Wie, wie verstanden wird das Leben, wie man versucht, dem Leben verständnisvoll beizukommen. Und so sind mir ja gerade, weil man diese Anschauung von dieser Hochschule für Geisteswissenschaft, die errichtet werden soll, ausgehen lässt, sind mir mancherlei Einwendungen gemacht worden, weil die Leute eben etwas anderes erwartet haben. Aber das, was Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, eigentlich treiben will, das ist etwas, was dem Leben dient. Und in unserer heutigen Zeit, sehr verehrte Anwesende, dient dem Leben der, der vor allen Dingen sich jenen Fragen widmet, die heute nicht durch bloße Worte zu uns sprechen, sondern die sprechen durch die Tatsachen.

Und sehen wir es denn nicht? Die Parteianschauungen ziehen wie Mumien unter uns herum. Die Gedanken sind überall zurückgeblieben hinter den Tatsachen. Aus der Weltkriegskatastrophe heraus haben sich Tatsachen von größerer Gewalt entwickelt; diesen Tatsachen muss beigekommen werden. Man wird ihnen nicht beikommen, wenn man bei den Gedanken stehen bleibt, die man sich bisher gebildet hat. Man muss heute umdenken lernen.

Das ist dasjenige, was ich als eine Art Gefühl hervorgerufen haben möchte. Und in diesem Fühlen, in dem Fühlen, dass eine neue Zeit heraufkommen muss und dass sich in den Forderungen, mögen sie nun so oder so auftreten, die sich durch die laut sprechenden Tatsachen durch Europa hin ausdrücken, doch eine neue Zeit ankündigt, wie sehr sich auch manche dagegen sträuben, in diesem Gefühl möchte ich vor allen Dingen von Ihnen verstanden werden. Denn, wenn sich die Menschen immer mehr und mehr in gemeinsamem Empfinden, in gemeinsamem Fühlen finden werden, dann wird dasjenige unter ihnen erst aufleben können, dem wir durch so etwas zuzustreben gedenken, was auch diese von mir aufgestellte Dreigliederung des sozialen Organismus will. In diesem Sinne möchte ich von Ihnen verstanden sein. Und so können wir uns auch verstehen, ohne dass wir eine Diskussion, die, wie es scheint, nicht gewünscht wird, miteinander pflegen. Aber ich darf, gerade weil ich gern in einer solchen Weise verstanden sein möchte, auch vielleicht dem, was ich heut schon gesagt habe, hinzufügen: Es ist mir wirklich eine herzliche große Befriedigung, Sie heute hier begrüßt haben zu können, in diesen Räumen, von denen Sie, wie ich glaube, noch eine Meinung erhalten werden, die anders ist als diejenige, die sich da oder dort gebildet hat, dass Sie vielleicht doch die Meinung sich bilden können, dass hier in diesen Räumen bei uns nicht gerade irgendwelche Luxusanschauungen entwickelt werden, sondern dass ernst und ehrlich gestrebt wird, gerade den höchsten Interessen der Menschheit zu dienen. In diesem Sinne möchten diese Räume eine Hochschule für Geisteswissenschaft sein. Und das macht mir eine ganz besondere innere und herzliche Freude, die Damen und Herren der Umgebung hier in diesen Räumen gerade bei Besprechung einer so wichtigen Frage haben begrüßen zu können. Ich hoffe, es wird innerhalb dieser Räume wahrhaftig nicht das letzte Mal sein. («Bravo!»)

German original of The Key Points of the Social Question · ← Previous · Next →