The Big Questions of our Time and Anthroposophical Spiritual Knowledge

GA 336 — 10 April 1919, Münchenstein

8. Soziales Wollen und Proletarische Forderungen

Sehr verehrte Anwesende, zunächst sind, bevor die Diskussion zu beantworten ist, einige Fragen eingegangen, und ich möchte zuerst auf diese hier gestellten Fragen [einiges antworten]. Zum Teil hängen auch diese Fragen doch mit alledem zusammen, was auch während der Diskussion gesprochen worden ist, und ich darf daher wohl in meinen Schlussbemerkungen, die nicht mehr lange dauern, einiges zusammenfassen.

Da ist zunächst die Frage gestellt: «Ist es nicht ein großer Fehler, dass die Sozialdemokratie das Geistige und Seelische leugnet und nur den Leib [und das Leibhafte] anerkennt?»

Nun, es ist nicht so leicht, mit ein paar Worten gerade auf diese umfassende Frage einzugehen, aus dem einfachen Grunde, weil dasjenige, was in den gelobhudelten wissenschaftlichen Kreisen als geistiges und seelisches Leben vielfach geschildert und vertreten wird, tatsächlich für den Einsichtigen nicht etwas im Aufstieg Begriffenes eigentlich ist, sondern etwas ist, was im Grunde genommen seine letzte Entwicklungsphase, seinen vollen Abstieg durchmacht. Wenn man von Geistigem spricht, sollte man nicht im Allgemeinen vom Geistigen sprechen, sondern man sollte sich immer klar sein, dass das Geistige absteigende Entwicklungen durchmacht, aufsteigende Entwicklungen durchmacht. Und diejenigen, die heute das landläufige, gebräuchliche Geistesleben, das ich ja auch im Vortrage charakterisiert habe, das ein Ergebnis der führenden Klasse in den letzten Jahrhunderten ist, wenn dieses Geistesleben abgelehnt wird, gerade dieses Geistesleben, welches durch die staatliche und wirtschaftliche Entwicklung, gerade der letzten Jahrhunderte, insbesondere des neunzehnten Jahrhunderts, [groß] geworden ist, so kann man begreifen, dass dieses abgelehnt werden muss. Es handelt sich ja darum, gerade ein wirkliches Geistesleben zu finden, ein Geistesleben, das seine eigene Wirklichkeit behält.

Und dann muss ich sagen, dazu ist vor allen Dingen heute notwendig, dass erfüllt werde das eine, was ich mir erlaubte, im Vortrag auszusprechen: dass wirklich von den Ereignissen gelernt werde. Und dann muss ich sagen; dazu ist vor allen Dingen heute notwendig, dass erfüllt werde das eine, was ich mir erlaubte im Vortrag auszusprechen; dass wirklich von den Ereignissen gelernt werde. Sehen Sie, gerade mit Bezug auf manches, ich möchte sagen, in Anlehnung an diese Fragen die verschiedenen Herren Diskussionsredner gesprochen haben, möchte ich Folgendes sagen: Nicht wahr, der eine Herr hat sehr schön ein ewiges Wort ausgesprochen, das er als ein Wort des Christentums bezeichnet hat, insbesondere das ja natürlich seinem Sinne nach nicht schöner sein könnte: «Liebe deinen Nächsten als dich selbst.» Ja, aber sehr verehrte Anwesende, handelt es sich heute wirklich darum, ein solches Wort einfach auszusprechen? («Sehr richtig!») Ist es denn nicht auch eine Wahrheit, dass dieses Wort, also wollen wir es anerkennen als ein Christuswort — 2000 Jahre fast von Sich-berufen-Dünkenden ausgesprochen worden ist, und dennoch sind wir in die Verhältnisse von heute hineingekommen? Beweisen es diese Verhältnisse, dass die Kraft gefunden worden ist, dieses Wort wirklich in den Menschen lebendig zu machen? Ich möchte Sie fragen, ob es nicht doch auf etwas anderes ankommen muss als auf dasjenige, was nur im Betonen eines Wortes lebt, im Vernehmen eines solchen Wortes in Predigten und dergleichen?

Sehen Sie, ich habe oftmals in Unterredungen, in Versammlungen, zu denen ich gesprochen habe, auf die Wertlosigkeit des bloßen abstrakten Betonens eines solchen Wortes dadurch mich begreiflich zu machen gesucht, dass ich sagte: Nehmen wir einmal an, ein Ofen stehe hier; es ist seine Ofenpflicht, das Zimmer warm zu machen, und ich sage ihm, indem ich so spreche, wie der Satz, der von der Nächstenliebe handelt, gesprochen worden ist: Lieber Ofen, es ist deine wirkliche Ofenpflicht, das Zimmer warm zu machen! Ich rede ihm herzlich, ich möchte sagen, mit gemütvollstem Predigerton - er wird niemals das Zimmer warm machen, wenn man kein Holz hineintut! (Heiterkeit.) Aber wenn ich einheize, dann wird das Zimmer warm, auch wenn ich ihm nicht zurede, sondern Holz hineintue; das Zimmer wird dann warm werden. (Lebhafter Beifall.) Damit will ich durchaus nichts gegen die Wahrheit eines solchen Wortes sagen; aber es handelt sich darum, dass man ein solches Wort wirklich in die Lebenspraxis umsetzt, zur Erkenntnis macht.

Das ist ja gerade das Eigentümliche, meine sehr verehrten Anwesenden, dass sich innerhalb der so vielfach gelobten Zivilisation die Menschen gefunden haben, die von Nächstenliebe, von Gottesliebe, von Brüderlichkeit gesprochen haben - gesprochen haben, nun, aus dem Zeitalter der sogenannten Humanität heraus. Sie haben sehr gescheit, sehr vernünftig gesprochen, oftmals in Zimmern mit Spiegelscheiben, in geheizten Räumen; aber es war geheizt mit Kohlen, bei deren Förderung — Enqueten haben das gezeigt gerade im Aufgang der sozialen Bewegung der neueren Zeit -, bei deren Förderung Kinder von neun bis elf, zwölf, dreizehn Jahren mitgearbeitet haben! Kohlen, die heraufgefördert worden sind aus Zechen, in denen nackte Männer unter halb nackten Frauen standen, wo wahrhaftig keine Veranlassung war, nicht einmal das Schamgefühl nicht zu bemerken, geschweige denn irgendwelche anderen christliche Ideen innezuhalten. Das muss man wirklich bedenken, dass es sich nicht bloß darum handelt, ein solches Wort hinauszuschmettern. Durch die Richtigkeit und Wichtigkeit des Gefühlsinhaltes wird man damit natürlich immer einen Eindruck machen. Aber darum handelt es sich, zu finden in einem bestimmten Zeitalter diejenigen Dinge, die so praktisch sind wie das Holz, das ich in den Ofen legen muss, damit er mir das Zimmer wärmen kann, und die unter Umständen es ersparen können, immer wieder und wiederum das Wort im Munde zu führen: «Herr, Herr»! Es ist das übrigens auch ein christliches Wort: Ihr sollt nicht immer sagen: Herr! Herr!, sondern versucht irgendwie, gerade dasjenige in eurem Gemüte, in eurem ganzen Menschen aufzunehmen, was das innere Wesen des Christentums ist.

Da macht man sehr eigentümliche Erfahrungen. Kein Mensch, glaube ich, kann es mir in diesem Saale zuvortun in dem Vertreten desjenigen, was die wahrhaft innerliche Wesenheit des Christentums ist. Aber, sehr verehrte Anwesende, ich habe doch auch damit meine Erfahrungen gemacht. Ich sprach einmal ungefähr so in einem Vortrage — damals war wenigstens solch ein Gespräch möglich — über das Wesen des Christentums. Und da waren auch zwei Geistliche, wirklich zwei katholische Geistliche drinnen. Nach meinem Thema - ich rede immer aus [dem] Thema heraus — konnten die Herren nichts Rechtes einwenden gegen das, was ich sagte. Sie kamen nach dem Vortrage zu mir, und es war sogar so, dass sie sagen mussten: Da lässt sich nicht viel einwenden dagegen; aber - so sagten sie - der große Unterschied ist doch der: Wir, wir reden so, dass es alle Leute verstehen können; Sie reden nur für ein paar Gebildete. - Da sagte ich zu dem Manne, der mir das entgegenhielt: Ja, sehen Sie, Herr Pfarrer, ich frage Sie jetzt um etwas anderes: Dass Sie glauben, Sie reden zu allen Leuten, das glaube ich Ihnen; das bildet sich ja jeder Mensch schließlich ein, sonst würde er ja wahrscheinlich das Reden einstellen können; aber man kann auch auf diesem Gebiete Erfahrungen machen; es kommt nicht darauf an, dass Sie oder ich sich einbilden, wir reden zu allen Menschen, sondern wir lassen die Erfahrungen selber reden, wir lassen die Tatsachen reden. Und da frage ich Sie: Sprechen die Tatsachen so, dass sie Ihnen recht geben? Gehen alle Leute noch zu Ihnen in die Kirche? Ja, sehen Sie, da werden Sie mir nicht sagen können, dass Sie für alle reden! Und, sehen Sie, für diejenigen, die draußen bleiben, zu denen rede ich. - Das war, als ich wahrhaft über Christus und über das Christentum sprach.

Sehr verehrte Anwesende, es handelt sich nicht darum, dass wir immer wieder und wiederum auch auf dem Gebiete des Christentums das Alte aufwärmen, sondern dass wir tatsächlich die Zeichen der Zeit vernehmen können. Und wir wissen, die Zeit schreitet vor, und es ist nicht möglich, bloß immer fort und fort dasselbe zu wiederholen; sonst kommt man dahin - ich hörte neulich in Bern drüben so einen christlichen Redner, der sagte etwas außerordentlich Wirkungsvolles; er sprach sehr menschenfreundlich; er sprach über die Gottheit Christi. Aber zu den Worten, zu welchen ihm reichlicher Beifall gespendet worden war, musste ich das Folgende denken: Vor 45 Jahren habe ich in einem christkatholischen Gutachten genau dieselben Worte - es war nämlich wörtlich übernommen worden — gelesen, die der Pfarrer, der Universitätsprofessor, glaube ich, ist, in Bern für sein Publikum verkündet hat! Ich sagte mir nur: Wie ist es möglich, so gar nichts aus der Zeitgeschichte zu lernen zwischen diesen 45 Jahren, wo ich als Kind jene Worte gelesen habe? Und heute stehen die deutlich geschriebenen, mit Blut geschriebenen Worte des Weltkrieges da! Und die Leute glauben, man könne immer nur dasselbe und dasselbe wiederholen!

Da, meine sehr verehrten Anwesenden, nimmt man es doch lieber hin, zunächst einmal weniger verstanden zu werden und hinzustellen dasjenige, durch das man der neuen Zeit dienen kann, denn als nur das Alte immer wieder und wiederum wiederholen zu müssen. Es muss eben die Frage aufgeworfen werden für alle diejenigen, die da sagen: Behaltet nur eure alte Religiosität, bewahrt auch den früheren Gottesglauben - und dergleichen, für alle diese muss gesagt werden: Nun, ihr habt ja schließlich nahezu 2000 Jahre Zeit gehabt, habt ja schließlich 2000 Jahre lang immer dieses bringen wollen. Wie weit habt ihr es eigentlich gebracht damit, wenn ihr euch gegen dasjenige, was der Zeit dienen will, so widersetzt? Bedenket eben, dass ihr doch Zeit genug gehabt hättet! Euch ist die Zeit gelassen worden durch 2000 Jahre hindurch; jetzt ist es notwendig, dass ihr anerkennet, dass ein Neues hereinbrechen muss über die geprüfte und geplagte Menschheit.

Das muss gerade jemand [aussprechen], der ganz auf dem Standpunkte steht, dass gerade er die Hoffnung hegen darf, weil er auf dem Boden wahren sozialen Denkens steht, dass dadurch ein neues Geistesleben begründet werde, ein Geistesleben, welches den Menschen wirklich wieder zusammenbringen wird mit einem lebendig empfundenen Geistigen, nicht mit einem Toten, zu dem die alten Traditionen und dergleichen doch schon geworden sind.

Gewiss, man kann [dem Sozialismus] vorwerfen, wenn man will, dass [er] bis jetzt wenig das Geistesleben berücksichtigte. Aber warten wir es ab. Das Geistesleben, das heute selbst von unseren Universitäten her tönt, das kann keine besondere Vorliebe finden bei denjenigen Menschen, die etwas Menschliches haben wollen: das Geistesleben, das den Menschen wiederum - allen Menschen wiederum das Bewusstsein geben wird, dass ihr [physischer] Mensch mit innerer Notwendigkeit zusammenhängt mit des Menschen Seelisch-Geistigem. Warten wir es ab, ob nicht gerade die sozialistisch denkenden Menschen die Nächsten sein werden, die sich zuwenden dem eigentlichen Geistesleben und nicht länger verständnislos dem entgegenstehen werden! Und wenn man die Frage aufwirft: Man kann nicht sagen, dass man in den heutigen bürgerlichen Kreisen gerade besondere Vorliebe findet, wenn man ihnen diese Geistesrichtung nahe zu bringen versucht - nun, sehr verehrte Anwesende, über diese Frage ist außerordentlich schwer zu sprechen, aus dem Grunde, weil es dem sachlich denkenden Menschen, und vor allen Dingen mir, notwendig erscheint, zu wissen: Wer es auch tue, darauf kommt es an, dass das Richtige getan werden könne! Und wenn gefragt wird, wie man manches abwenden könne, was gerade aus diesem Weltkriege heraus sich entwickeln könne, musste ich manchen Leuten sagen: Mir kommt es gar nicht darauf an, mich für gescheiter zu halten, als die anderen Menschen sind; sondern mir kommt es darauf an, eine Wirklichkeits-Anregung zu geben!

Bemerken Sie, sehr verehrte Anwesende, wie sich das, was ich gesprochen habe, unterscheidet von demjenigen, was viele andere sagen. Die Leute kommen und wollen Programme haben. Die Leute haben allerlei Wünsche, schöne Zukunftsziele und dergleichen und sehen sie in dem oder jenem Worte ausgesprochen. Programme sind heute billig wie Brombeeren! Es werden Gesellschaften begründet, Programme verfasst und so weiter, und so weiter. Aber darauf kommt es nicht an, sondern worauf es ankommt, das ist, dass man die Wirklichkeit erfasst.

Ich bin der Überzeugung, dass, wenn man sagen kann: Wie müssen sich die Menschen organisieren in einem gesunden sozialen Organismus — und ich sehe eben in der Dreigliederung des sozialen Organismus etwas Gesundes -, dann werden die Menschen finden, was ihnen frommt, ich möchte sagen, wenn sie eben nur finden die Gestaltung, die Struktur des sozialen Organismus, in dem die Menschen entsprechend verwirklichen können dasjenige, was für die Menschheit kommen muss. Das ist dasjenige, was ich immer zu den Menschen sagen muss. Vielleicht bleibt kein Stein von demjenigen, was ich heute auszusprechen habe, bestehen; darauf kommt es nicht an; sondern darauf kommt es an, dass, wenn man die Dinge irgendwo so anfasst, wie ich es meine, dann kommt vielleicht etwas ganz anderes heraus, aber es handelt sich eben um die Anregung, irgendwo im Gebiet der Wirklichkeit ernsthaft irgendetwas zu tun, was herausgedacht ist aus der Dreigliederung des sozialen Organismus, aus der Lebenserfahrung, nicht aus einer grauen Theorie heraus oder aus einem egoistischen Vorurteil heraus. Das ist es, worauf es ankommt.

Deshalb ist mein Programm dasjenige, welches die Menschen vor allen Dingen aufruft, nicht wahr, dass diese Menschen wieder die Möglichkeit haben, das in einem gewissen Sinne zu verwirklichen. Das, was ich gerade ausgesprochen habe, unterscheidet sich wesentlich von den üblichen Programmen. Und deshalb glaube ich, die Zeit wird ihren Gang gehen, selbstverständlich. Und im Grunde genommen ist das, was heute so vielfach ausgesprochen wird, gar nicht so sehr jung. Einer derjenigen, die am meisten angeregt haben, Karl Marx, der sozialistische Bekenner, er sprach in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts, als er noch jung war, etwa folgende Worte aus: Sollte alle Aufklärung und Überzeugungskraft an der Hartnäckigkeit der besitzenden Klasse abprallen, so sei die heiligste Pflicht seitens des Proletariats, gegen das Bollwerk des Kapitalismus anzustürmen, der um die höchsten Güter der Menschheit Streitenden, vor dem Forum gerechtfertigt - [Lücke in der Mitschrift]. So, sehen Sie, ist in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gesprochen worden. So appellierte Marx an die Einsicht für die Aufklärung der Besitzenden an die weitesten führenden Kreise!

Man kann nicht sagen, meine sehr verehrten Anwesenden, dass sehr viel von dem bis jetzt erfüllt worden ist. Aber darum handelt es sich jetzt nicht. Sondern es handelt sich darum, dass jedenfalls das Notwendigste geschehen muss fürs Zukünftige. Und deshalb denke ich, dass es notwendig ist, vor allen Dingen Aufklärung in die weitesten Kreise zu tragen; denn aus der Aufklärung, aus dem sozialen Verständnis wird sich das ergeben, was sich durch keine Gewalt, sei sie von oben oder von unten, jemals ergeben kann. Durch Gewalt kann man vieles zerstören; durch dasjenige aber, was sich an Fruchtbarem hereintragen lässt in die Welt, kann man aufbauen. Deshalb sehe ich etwas Erfolgreiches nur in dem, wenn innerhalb des Proletariats im weitesten Sinne nun so gestrebt wird, dass der Einzelne, soweit das möglich ist, immer mehr und mehr sich durchringt mit sozialem Verständnis. Und dann kann er bis zu den höchsten philosophischen Problemen des Lebens dringen wollen, noch so viele Sprossen um Sprossen des sozialen Leitens hinaufstreben wollen: Er wird dann fruchtbar wirken können. In allererster Linie handelt es sich darum, dass wir uns mit sozialem Verständnis durchdringen! Denn der Mangel an sozialem Verständnis ist es, der die gegenwärtige furchtbare Lage herbeigeführt hat. Deshalb verspreche ich mir gerade vom Proletariat, dass es den Fehler der Einsichtslosigkeit nicht begehen wird, nicht die Aufklärung in sozialen Fragen vermeiden will! Mag dann im Einzelnen dies oder jenes noch notwendig sein — das Beste, das wesentlichste Wirksame wird dasjenige sein, dass auf dem Wege der Aufklärung weitergedrungen wird.

Und wenn gefragt wurde: «Ist es denn so leicht, dann die Dreigliederung der sozialen Frage ins Praktische umzusetzen, wenn die Hand dazu geboten wird?», so ist Folgendes dazu zu sagen:

Sehr verehrte Anwesende, gewiss, sagte ich: An jedem Punkt kann angefangen werden - ich weiß aber nicht, was es heißen soll: «wenn die Hand dazu geboten wird». Wer soll denn die Hand dazu bieten? Ich denke, es ist wichtiger, dass vor allen Dingen die Köpfe dazu geboten werden; der Kopf eines jeden Einzelnen. Und darauf wird gerechnet, dass nun wirklich sich immer mehr und mehr Menschen finden werden, die restlos in alle Konsequenzen sich vertiefen, in dasjenige, was die soziale Struktur des sozialen Organismus verbessern kann.

Dann ist hier die Bemerkung: «Die Kapitalistenseele hat kein Gefühl für die Proletarierseele», eine Erfahrung, nun ja, die man schon reichlich in der Gegenwart heute machen kann. Nun ist verschiedenes Nötige heute dazu vorgebracht worden. Vor allen Dingen kann nicht, weil die Zeit schon zu weit vorgerückt ist, auf jedes Einzelne eingegangen werden, und so möchte ich nur einiges bemerken über einzelne Gesichtspunkte, die vorgebracht wurden. Da ist vor allen Dingen gesagt worden: Dasjenige, was ich ausgesprochen habe, stehe im Widerspruch mit dem sozialdemokratischen Programm.

Sehen Sie, sehr verehrte Anwesende, ob solche Widersprüche vorhanden sind oder nicht, das wird nicht der Wortlaut desjenigen [entscheiden] müssen, meine ich, was ich heute zu sagen habe, sondern das wird erst durch die Zukunft entschieden. («Sehr richtig!») Ich glaube, dass es heute, unter den gegenwärtigen Verhältnissen, notwendig ist, dass Menschen ganz aus ihrer unbefangenen Überzeugung heraus das aussprechen, was sie glauben, dem Leben abgelauscht zu haben, das notwendig ist zur weiteren Entwicklung der Menschheit. Programme sind im Grunde genommen genug aufgestellt worden. Dasjenige, was da kommen muss, muss durch die Menschen und ihre Einsicht kommen. Deshalb halte ich es gerade für das Allererfreulichste - und es ist ja das auch zuweilen zugegeben worden, es ist dieses anerkannt worden -, ich halte es für das Allererfreulichste, dass, obgleich ich vieles zu sagen habe, was nicht übereinstimmt mit irgendeinem Programm, mit irgendeiner Partei der Gegenwart, dass trotzdem Menschen sich finden, die diesen Dingen zuhören und die diesen Dingen ihre Aufmerksamkeit schenken. Und ich glaube, dadurch werden wir gerade vorwärtskommen, dass wir einfach zuhören, dass wir nicht einander niederdonnern. Man donnert unter Umständen gar nicht mit Worten; man kann auch niederdonnern denjenigen, der einem unbequem ist, dadurch, dass man es gar nicht in Worten ausspricht, sondern indem man es verschweigt, was man mit dem Munde nicht sagen will. Das ist auch eine beliebte Methode geworden in unserer Gegenwart.

Somit habe ich einzelne der Punkte berührt, welche mir aus dieser Diskussion heraus besonders wichtig erschienen.

Es ist allerdings noch gesagt worden, «dass uns intelligente Leute noch fehlen». Ich denke über die Beziehungen der Intelligenz zu dem heutigen wahren Fortschritt etwa in der folgenden Weise. Sehen Sie — gestatten Sie mir diesen geschichtlichen Vergleich: Das Christentum, das ja doch einen großen, einen bedeutsamen Einfluss gehabt hat auf die Entwicklung der Menschheit in der Gestalt, in der es entstanden ist vor beinahe 2000 Jahren, hat sich von Asien herüber entwickelt durch die hoch entwickelte Griechenwelt, durch die hoch gebildete römische Welt hindurch. Da war die Spitze der Intelligenz, aber [Fuß gefasst] hat es [da zunächst] nicht! [Fuß gefasst] hat es bei den Leuten, die durch die Völkerwanderung herunterkamen aus dem Norden, die von den Römern als die Barbaren, die von den Griechen als unintelligente Leute angeschaut worden sind. Die haben die unverbrauchte Intelligenz gehabt; die haben die neue, die dazumal junge Intelligenz gehabt. Die anderen haben die alte, die verblühte, die verfruchtete Intelligenz gehabt.

Das ist dasjenige, was wir heute wieder als die Grundlage der Hauptbewegung der gegenwärtigen Geschichte wiederum erkennen: Wir leben sozusagen in einer neuen Völkerwanderung. Diejenigen Menschen, die heute als die Intelligenten gelten, die reden zuweilen etwas höchst Unintelligentes. Die reden von etwas, was durchaus die Zeit nicht vorwärtsbringen kann. Wir leben in einer Völkerwanderung, die nur nicht horizontal sich bewegt, sondern die von unten nach oben sich bewegt - wenn auch die Ausdrücke symbolisch gemeint sind, sie können doch verwendet werden dafür. Es sind eben diejenigen Menschen, die mit unverbrauchter Intelligenz herauskommen aus denjenigen Kreisen, aus denen sich die bisherige zivilisierte Anschauung erhoben hat, da brechen sie ein. Und wenn es auch heute vielfach noch gesagt werden muss: Im Grunde ruht ein Verständnis in diesen Seelen für das, was die Zukunft bringen muss. Ich glaube gerade an diese unverbrauchte Intelligenz, denn sie ist gesund, ist nicht dekadent. Sie ist nicht in der abwärtsgehenden Bewegung wie die Intelligenz der heute vielfach leitenden Kreise.

Ich sehe eine Völkerwanderung in der modernen proletarischen Bewegung, eine Völkerwanderung, die eben nur in anderer Richtung sich bewegt. Und sie wird etwas in die Welt setzen, was die Menschheit auf lange Zeiten hindurch wiederum in die Höhe tragen wird.

Das ist dasjenige, was einen in die Zukunft hinausschauen lässt, was einige Hinweise gibt. Wenn auch heute noch überall Unzulängliches, Ungesundes, auch in den hoffnungsvollsten Bewegungen existiert, werden wir nicht pessimistisch sein müssen, sondern es ist etwas, was einen glauben lässt daran, dass doch vonseiten derjenigen, die werden fühlen können, was die alte Kultur verbrochen hat, dass doch vonseiten derjenigen endlich gebracht werden wird das, was nun heute eben gebracht werden muss: ein geistiges Leben, ein Rechts- und Wirtschaftsleben, das für alle Menschen da ist. Und Sie werden vielleicht bemerkt haben aus meinen Ausführungen, dass ich nicht daran denke, die Menschen weiter in Stände oder in Klassen zu gliedern. In älteren Zeiten hat man unterschieden: Lehrstand, Nährstand, Wehrstand. Darum handelt es sich nicht. Gerade dasjenige, was abgesondert ist von dem Menschen in den Einrichtungen, wie wir sie, ich möchte sagen, in dem dreigegliederten sozialen Organismus haben: Der Mensch, er ist dasjenige, was gerade alle Dreie vereint. Und er wird in einem demokratischen Staatswesen seine Vertretung haben, oder selbst darinnen stehen, und er wird im Wirtschaftsleben stehen müssen, und im Geistesleben, also im ganzen dreigegliederten sozialen Organismus stehen - aus dieser Dreigegliedertheit heraus stehen. Der Mensch ist dasjenige, was die drei voneinander getrennten Gebiete einheitlich umfasst. Das ist dasjenige, was ich ausgesprochen habe mit den Worten: den Menschen frei machen. Und er wird frei werden, wenn wir nicht mehr schwören auf den abstrakten Einheitsstaat.

Zwischenfrage: Ja, aber es müssen doch zum Beispiel für alle drei Gebiete Recht und Gerichte sein?

Rudolf Steiner: Selbstverständlich, sehr verehrte Anwesende, muss das sein, aber es handelt sich darum, dass gerade, wenn irgendetwas in allen drei Gebieten richtig leben soll, so muss unbedingt in dem einen Gebiet dies erzeugt werden. So wie der menschliche Kopf ein Teil des ganzen Organismus ist und auch die Luft braucht, so kann er selbst die Luft nicht einatmen; die Lunge muss die Luft einatmen. Und die Luft wird dann dem ganzen Organismus mitgeteilt.

(Zu der Frage wegen der Milch für die ganze Familie): Die ganze Familie braucht Milch; aber es ist doch nicht notwendig, dass, wenn das Ganze eine Einheit ist, das heißt, dass alle Milch geben, sondern gerade dann wird die ganze Familie richtig mit Milch versorgt werden, wenn die drei Glieder richtig funktionieren. Darauf kommt es an, wenn in allen drei Gebieten richtig gelebt sein soll, dass dann das Recht in diesem einen Gebiete erzeugt wird und gerecht gerichtet wird. Darauf kommt es an, dass richtig gerichtet werden soll. Darauf kommt es an, dass das Wirtschaftsleben in der richtigen Weise in sich gegliedert ist, das rechtliche Leben und das Geistesleben auch in der richtigen Weise, in der Art, wie ich es gesagt habe.

Das ist es gerade, dass ein konsequentes, eindringliches, mit der Natur gehendes Denken endlich einmal Platz greife unter den Menschen; dann erst wird man in der Lage sein, irgendetwas zu ändern.

Es haben uns die alten Denkgewohnheiten im Grunde genommen in die heutige Lage hineingebracht. Die alten Denkgewohnheiten haben im Grunde genommen das herbeigeführt, was wir heute als den Druck, als das Bedrückende empfinden; und den Ersatz dieser Denkgewohnheiten, den Ersatz der alten Gedanken durch neue, das brauchen wir! Und ich glaube daran, meine sehr verehrten Anwesenden, dass sich Menschen finden werden, auch wenn heute noch durchaus viele sich ablehnend stellen, wie wir gesehen haben; man wird diese Dreigliederung des sozialen Organismus, man wird sie erkennen als praktisch. Und die große Lehre wird gezogen werden müssen aus dem Elend der letzten Jahre, dass diejenigen, die sich praktisch dünkten, gerade die Unpraktischsten waren — dass von ganz anderer Seite her die Praxis, die wahre Lebenspraxis wird herkommen müssen, und deshalb freut es mich, dass ich gerade bei Ihnen reden konnte, unter jüngeren Leuten habe reden können, die das Herz auf dem rechten Fleck haben. Es ist das etwas sehr Erfreuliches, wenn der Mensch nicht nur einen Glauben hat allein, sondern dass er eine gewisse Kraft im Herzen hat. Denn aus diesen Kräften wird die unverbrauchte Intelligenz erstehen können.

Ich möchte einem jeden, der so denkt, wie viele auch unter Ihnen, zurufen: Nun gut, mag auch manches noch unverständlich vielleicht bleiben für manchen heute - wenn Sie das Herz auf dem rechten Fleck haben, so wird ganz gewiss die Zeit kommen, wo Sie auch das verstehen können, was Ihnen heute noch etwas unverständlich bleiben musste!

Sehr verehrte Anwesende, ich habe bald das sechste Jahrzehnt vollendet, bin inzwischen alt geworden und habe die soziale Bewegung zum großen Teil heraufkommen sehen, ich weiß, wie vieles noch überwunden werden muss. Ich habe aber auch deshalb die Möglichkeit, mich zu freuen über dasjenige, was heute gerade in der Jugend vorgeht. Und wenn die Jugend festhalten wird an demjenigen, was sich in Worten so ausdrücken lässt: «das Herz auf dem rechten Fleck haben», dann wird die Zeit kommen, die doch kommen muss, weil sonst die ganze Menschheit in eine furchtbare Lage kommen wird!

Glauben wir an diese Zeit; denn wir müssen an sie glauben, weil wir gar nicht anders können, wenn wir überhaupt richtig fortleben wollen, meine sehr verehrten Anwesenden.

Und man kann heute eine gewisse Hoffnung haben, dass sich Dinge verwirklichen werden, die sich eben bisher noch nicht verwirklicht haben, einfach aus dem Grunde, weil so unendlich Unheilvolles angerichtet worden ist in den letzten Jahren, muss die Menschheit schon als Sühne - wenn ich mich so ausdrücken darf - das wollen, muss etwas dafür tun wollen, dass Dinge, die sich bisher nicht verwirklichen konnten, nach und nach in einer möglichen Weise gelöst werden. Das ist dasjenige, was ich mir zum Schluss hier zu sagen noch erlauben wollte.

German original of Social Aspiration and Proletarian Demands · ← Previous · Next →