The Big Questions of our Time and Anthroposophical Spiritual Knowledge
GA 336 — 2 June 1919, Tübingen
9. Der Impuls zur Dreigliederung des Sozialen Organismus Kein «Blosser Idealismus», Sondern Unmittelbar Praktische Forderung des Augenblicks
In das Wirtschaftsleben hat sich hineingeschlichen dadurch gerade, dass der moderne Kapitalismus mit seiner Sehnsucht nach der Rente, der Konkurrenz des Kapitals, das Auf-den-Markt-Werfen und Regeln nach Angebot und Nachfrage - es hat sich in dieses Wirtschaftsleben hineingeschlichen erstens eine Verwaltungsart eben durch den Kapitalismus, die durch die Natur des Wirtschaftslebens nicht notwendig in diesem Wirtschaftsleben stehen muss. Denn was braucht man in diesem Wirtschaftsleben? Man braucht den Boden mit seiner Möglichkeit, Produkte für den Menschen hervorzubringen; man braucht im industriellen Wirtschaftsleben die Produktionsmittel: Man braucht den Arbeiter an den Produktionsmitteln, den Handarbeiter auf der einen Seite, den geistigen Arbeiter auf der anderen Seite. Einzelne Menschen haben immer eingesehen, dass ein Wirtschaftsleben in sich vollendet ist, welches hat die Produktionsmittel, welches hat den Boden, welches hat den physischen und den geistigen Arbeiter. Deshalb haben stärkere Denker des Wirtschaftslebens, einer sogar, der in der Lage war, ein preußischer Minister zu werden, das Wort ausgesprochen: «Das Kapital ist das fünfte Rad am Wagen des Wirtschaftslebens.» Man kann sich nicht wegdenken aus dem Wirtschaftsleben den geistigen Verwalter der Produktionsmittel und des Bodens, man kann sich nicht wegdenken den physischen Arbeiter, man kann sich wegdenken, ohne dass die Wirtschaft gestört wird, das Wirken des Kapitals.
Dass das eine volkswirtschaftliche Wahrheit ist, das empfindet der heutige Proletarier; er empfindet es durch das, was ihm das Wirtschaftsleben an Leib und Seele bringt. Was ist in einem Wirtschaftsleben drinnen, in dem wirklich nur dasjenige herrscht, was ich eben angeführt habe? Arbeit, geistige und physische, und dasjenige, was die Produktionsmittel und der Boden liefern. Die Leistung entsteht, die notwendig macht im menschlichen Leben Gegenleistung, und es entsteht das Urgebilde des Wirtschaftslebens. Dieses Urgebilde des Wirtschaftslebens heute reinlich herauszuarbeiten, das ist vonnöten, damit soziale Erkenntnis möglich werde. Tritt der Mensch ein in das Wirtschaftsleben - er muss produzieren für sich und für die anderen Menschen. Das ist der Maßstab, dass er in seinen Leistungen sich und die anderen Menschen wirtschaftlich halten kann. Das ist die große Frage, so einfach sie klingt, für alles Wirtschaftsleben. Die große Frage für alles Wirtschaftsleben ist diese: Ich muss imstande sein, innerhalb des Wirtschaftslebens, welcher Art der Hervorbringung ich mich auch hingebe -, ich muss imstande sein, für dasjenige, was ich hervorbringe, so viel einzutauschen aus der übrigen Wirtschaft heraus, dass ich meine Bedürfnisse des Lebens aus dem Eingetauschten befriedigen kann, bis ich imstande bin, eine gleiche Produktion mit dem Hervorgebrachten wieder hervorzubringen. Eingerechnet muss werden in dasjenige, was da in Betracht kommt, ich möchte sagen, als das Atom des Wirtschaftslebens, als das Urelement des Wirtschaftslebens —, eingerechnet muss werden alles dasjenige, was ich abgeben muss für die, welche nicht unmittelbar in der Gegenwart produktiv tätig sein können; eingerechnet muss werden alles dasjenige, was für die Kinder, für ihre Erziehung und so weiter notwendig ist; eingerechnet muss werden die Quote, die ich für Arme, Kranke, Witwen als Altersunterstützung zu geben habe. Das alles ist einzurechnen in diese Urzelle des Wirtschaftslebens, die sich eben dadurch ausspricht, dass jeder Mensch im Wirtschaftsleben in die Lage kommen muss, für dasjenige, was er hervorbringt, so viel einzutauschen, dass er von dem Eingetauschten seine Bedürfnisse befriedigen kann, bis er ein gleiches Produkt wie das hervorgebrachte wieder hervorbringt. Man sieht es aber dieser Urzelle des Wirtschaftslebens an, dass sie nur geregelt werden kann, wenn sie in dem Kreislauf des Wirtschaftslebens nichts anderes drinnen hat als die Leistungen selber; wenn man nichts anderes im Kreislauf des Wirtschaftslebens hat als dasjenige, was der Einzelne erarbeitet als seine Leistung und was die anderen mit ihm als ihre Leistungen eintauschen können. Innerhalb dieses Kreislaufes des Wirtschaftslebens hat nicht Ort und Stelle all dasjenige, was man nennen kann «Kapital»; das dringt nur ein, um dieses Wirtschaftsleben zu stören und diesen Wirtschaftsprozess zu verunreinigen. Der Wirtschaftsprozess wird nur reinlich, wenn in ihm der durch das Leben aus seiner Urzelle des Wirtschaftslebens heraus gebotene Wertausgleich der Güter stattfinden kann.
Zum Vortrag Dr. Steiners über die Dreigliederung des sozialen Organismus
Zeitungsbericht von Hermann Heisler, erschienen in: Tübinger Chronik, 7. Juni 1919, Nr. 130
Der erste Eindruck Dr. Steiners am 2. Juni schien für manche der zahlreichen Zuhörer eine gewisse Enttäuschung zu sein. Denn zweifellos stellt Steiner an seine Zuhörer nicht alltägliche Forderungen. Er redet nicht in der Sprache festgeprägter wissenschaftlicher Begriffe und vermeidet alle parteimäßigen Schlagworte der Berufspolitiker, deren Gebrauch zwar dem Zuhörer sehr bequem ist, die aber zur Klärung unserer Lage nichts beizutragen vermögen. Auch der stark österreichisch klingende Tonfall der Rede schien manchem Zuhörer befremdlich zu sein. Doch derlei Äußerlichkeiten wurden bald überwogen von dem Eindruck, dass man es bei Dr. Steiner zu tun hat mit einer durch und durch selbstständigen machtvollen Persönlichkeit, die die treibenden Kräfte unserer entscheidungsschweren Zeit gründlich erfasst hat, und die getragen ist von dem heißen Wollen, unser Volk nach Kräften zu retten vor den Schrecken einer zweiten drohenden Revolution und den daraus folgenden Zuständen eines russischen Bolschewismus. Das Mittel zur Rettung sieht Steiner in der Dreigliederung des sozialen Organismus.
Um seine Zuhörer zum rechten Verständnis unserer heutigen Verhältnisse zu führen, legte Steiner zunächst einmal die Wurzeln des proletarischen Empfindens bloß, das er nicht nur als feinfühlender Beobachter der Volksseele, sondern aus eigenstem Erleben heraus kennt. Durch die Herrschaft der Maschine und des Kapitals wurde der Proletarier als unfreier Mensch unerbittlich eingespannt in den Wirtschaftskreislauf. Er empfand diesen Zustand je länger, desto mehr als einen menschenunwürdigen. Auch in dem materialistischen Geistesleben, das ihm von der bürgerlichen Gesellschaft angeboten wurde, fand er keinen Ausgleich für das, was ihm die seelenlose Maschine an Menschenwürde und innerer Befriedigung raubte. So setzte sich in der Seele des Proletariers die Überzeugung fest, die dem bürgerlichen materialistischen Denken entsprang, das ganze Geistesleben sei nur eine Ideologie, ein Spiegelbild des Wirtschaftslebens; und man brauche deshalb nur das Wirtschaftsleben zu ändern, dann werde man von selbst zu einem anderen Geistesleben kommen. Deshalb warf sich der Proletarier mit ganzer Kraft auf das Wirtschaftsleben und suchte dieses umzugestalten. Er wurde praktischer Materialist, um zu einem würdigeren Geistesleben zu gelangen. Trotz des entgegenstehenden Augenscheines ist die soziale Frage somit im tiefsten Grunde eine Geistesfrage. Der Proletarier will heraus aus dem seelenverödenden Dasein, in das ihn moderner Kapitalismus und wissenschaftlicher Materialismus hineingestoßen haben.
Hilfe hätte vonseiten des Geisteslebens kommen müssen. Aber dieses konnte die Hilfe nicht bringen, da es selbst abhängig und ganz im Banne des kapitalistischen Staates war und infolgedessen immer volks- und lebensfremder sich gestaltete. Unsere führenden Stellen wissen im Allgemeinen nichts von dem, was die Seele des Proletariers bewegt, und wie die eintönige Maschinenarbeit auf seine Seele wirkt. Das hat jener Regierungsrat Kolb erfahren, als er sein Amt aufgegeben und in Amerika erst in einer Brauerei und dann in einer Fahrradfabrik als einfacher Arbeiter gearbeitet hatte. Da hat er bekannt, dass er jetzt verstehe, warum die Arbeiter keine Arbeitsfreude haben und oftmals überhaupt nicht mehr arbeiten wollen. - [Steiner] ist überzeugt, dass sich das Geistesleben weniger lebensfremd und deshalb fruchtbringender entfalten würde, wenn es jeder staatlichen Beeinflussung und Bevormundung entnommen, nur auf sich selbst gestellt wäre. Der Staat hat es nur zu tun mit dem Rechtsleben, d.h. mit allem, was sich auf das Verhältnis von Mensch zu Mensch bezieht. Das Rechtliche ist das, was für alle Menschen gleich ist. Das Geistes[leben] dagegen hat es zu tun mit dem, was individuell ist, was der einzelne Mensch aufgrund seiner Begabung hervorbringt. Das kann nicht [von dem Boden] des Rechtsstaates aus verwaltet werden, sondern das Geistige muss sich auf dem Boden vollkommener Freiheit seine eigenen Organe schaffen. Nur dann kann es zur Förderung des Staats- und des Wirtschaftslebens den Beitrag leisten, den es zu leisten berufen ist.
Da es das politische Glied des sozialen Organismus, das Rechtsglied nur zu tun hat mit dem Verhältnis von Mensch zu Mensch, also mit dem, worin alle Menschen gleich sind, deshalb kann auch das Wirtschaftsleben nicht mit dem Staatsleben verschmolzen werden. Sonst kann das Wirtschaftsleben nicht gedeihen. Im Wirtschaftsleben steht jeder Mensch drinnen durch Beruf und Konsum. Zum Wirken im Wirtschaftsleben genügt nicht das Menschsein, sondern dazu gehören die wirtschaftlichen Assoziationen. Dieses Wirtschaftsleben kann und darf es mit nichts anderem zu tun haben als mit Warenproduktion, Warenzirkulation und Warenkonsumtion.
Aber nun haben sich in das Wirtschaftsleben eingeschlichen: menschliche Arbeitskraft, Grund und Boden und die Produktionsmittel, und damit im Zusammenhang das Kapital. Das Kapital ist das «fünfte Rad am Wagen» des Wirtschaftslebens. Es kann aus dem Wirtschaftsprozess vollkommen weggedacht werden. Die große Frage des Wirtschaftsprozesses ist nur die, wie bin ich imstande, für dasjenige, was ich hervorbringe, anderes einzutauschen, das meine Bedürfnisse befriedigt? Deshalb darf im Kreislauf des Wirtschaftslebens nichts anderes sein als Ware oder Leistung, die in diesem Zusammenhang auch Ware ist. Wenn Kapital in den Wirtschaftsprozess eindringt, so verunreinigt das den Wertausgleich der Güter. Mit dem Kapital hängt zusammen das Lohnverhältnis, d.h. die Betrachtung der menschlichen Arbeitskraft als Ware. Und das ist es ja gerade, was der Proletarier als unwürdig empfindet. Denn da er sich von seiner Arbeitskraft nicht trennen kann wie von einem Rock, den man auszieht, deshalb muss er sich selbst mit seiner Arbeitskraft verkaufen und kommt so in eine richtige Lohnsklaverei hinein. Deshalb muss die Arbeitskraft erlöst werden vom [Warencharakter]. Das ist einer der Kernpunkte der sozialen Frage. Das geht aber nur, indem man die Arbeitskraft aus dem Wirtschaftsprozess, in den sie ihrem Wesen nach nicht hineingehört, herausnimmt und sie auf den Rechtsboden des Staates verbringt. Der Rechtsstaat, der das Verhältnis von Mensch zu Mensch regelt, entscheidet grundsätzlich über Arbeitsart, -maß und -zeit. Diese Fragen müssen entschieden sein, bevor der Mensch an eine Arbeit herangeht. Dann schließt der «Arbeitnehmer» nicht wie heute mit dem «Arbeitgeber» einen Arbeitsvertrag, sondern - diese Begriffe fallen ganz weg - Arbeiter und Arbeitsleiter sind Gesellschafter und verwalten gemeinsam den Grund und Boden und die Produktionsmittel und ernten in entsprechender Weise den Ertrag ihrer individuellen Leistung an den Produktionsmitteln. So wird der Arbeiter wirklich frei und jeder Lohnsklaverei entnommen. Sein Recht und seine Menschenwürde sind gesichert durch den Rechtsstaat, denn seine Arbeitskraft kann nicht mehr wie eine Ware in den Wirtschaftsprozess hineingezogen werden.
Das Gleiche gilt von Grund und Boden und den fertigen Produktionsmitteln. Diese können schon aus dem Grund nicht in den Wirtschaftsprozess, der es nur zu tun mit Warenerzeugung, Warenumsatz und Warenkonsum, hineinbezogen werden, weil sie ja überhaupt nicht käuflich sind; sondern man kann höchstens das Recht auf alleinige Nutzung des Bodens oder eines Produktionsmittels erwerben. Hier handelt es sich also nicht um eine wirtschaftliche Angelegenheit, sondern um ein Recht. Und Rechte werden auf dem Boden des Staates entschieden. Grund und Boden und fertige Produktionsmittel gehören also der Gesamtheit des Volkes als Wirtschaftsgemeinschaft und werden von den Wirtschaftsräten jeweils demjenigen geistigen Leiter zur Bewirtschaftung übertragen, der das Vertrauen seiner Mitarbeiter besitzt und der den besten Gebrauch von den Produktionsmitteln zu machen verspricht. Das Kapital hat an Grund und Boden und Produktionsmitteln keinen Anteil mehr. Maß und Art der Produktion richtet sich nach den vorhandenen Bedürfnissen. Es darf nicht mehr im privatkapitalistischen Interesse sinnlos darauf los produziert werden.
Der von Steiner in Aussicht genommene «Abbau des Kapitalismus» und die Überführung des Bodens und der Produktionsmittel in den Besitz der Allgemeinheit ist auf dem Gebiet der geistigen Produktion heute schon bis zu einem gewissen Grade durchgeführt, indem das geistige Eigentum 30 Jahre nach dem Tode seines Erzeugers in den Besitz der Allgemeinheit übergeht. In ähnlicher Weise muss alles Eigentum, auch das materielle, in Fluss gebracht werden. So wie der Körper erkrankt, wenn in irgendeinem Organe eine Blutstockung eintritt, so erkrankt der soziale Organismus, wenn durch privatkapitalistische Wirtschaft eine Stockung im Kreislauf der wirtschaftlichen Güter eintritt. Das Geld darf nichts anderes sein als Anweisung auf Warenerhalt ohne allen Eigenwert. Dann ist seine Anhäufung, das ist Kapitalisierung, ganz von selbst hinfällig.
So kommt man zu einer Lösung der sozialen Frage ohne gewaltsame Umwälzungen auf dem Wege einer richtigen, von den Verhältnissen selbst geforderten Gliederung des sozialen Organismus. Anders ist es nicht möglich. Dr. Steiner betonte zum Schlusse noch, dass bei einer solchen Dreigliederung der Staat nicht etwa in drei Teile zerschnitten werde. Es soll nur dafür gesorgt werden, dass nicht z.B. religiöse und kirchliche Interessen das politische Leben schädlich beeinflussen und umgekehrt, und dass nicht wirtschaftliche Fragen verwirrend auf das politische Gebiet übergreifen. Dadurch entstehen jene Knäuel- und Geschwürbildungen am sozialen Körper, die zu Krisen und Kriegen führen müssen. Die Dreigliederung dagegen führt zur Gesundung des sozialen Organismus. Sie zerreißt diesen nicht künstlich, sondern stellt ihn einfach auf seine drei gesunden Beine. So hören auch die drei Losungsworte der Französischen Revolution, Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, auf, sich gegenseitig auszuschließen, sondern sie finden ihre Erfüllung, indem wir sagen können: Freiheit auf geistigem Gebiet, Gleichheit auf politischrechtlichem Gebiet und Brüderlichkeit auf wirtschaftlichem Gebiet.
Mit einem eindringlichen Appell an die Anwesenden, den Ernst der Stunde zu bedenken und den in der Dreigliederung des sozialen Organismus sich bietenden Weg zur Gesundung der sozialen Verhältnisse bald zu beschreiten, schloss der Redner seine mehr als eineinhalbstündigen Ausführungen. Die zunehmende Aufmerksamkeit der Hörer und ihr reicher Beifall zeigten, dass seine Worte nicht ohne Widerhall geblieben waren. Selbstverständlich ließen die Ausführungen Dr. Steiners bei dem Umfang und der Schwierigkeit des zu bewältigenden Themas und bei der Neuheit seiner Ideen eine Menge von Fragen offen; und so konnte es auch nicht an Bedenken und Missverständnissen fehlen. Diese kamen in der bis nach 12 Uhr währenden Debatte, an der sich 16 Redner beteiligten, neben reichlicher Zustimmung zum Ausdruck. Wir müssen es uns hier versagen, auf alle Einzelheiten der Debatte einzugehen. Beachtenswert war es jedenfalls, dass trotz verschiedenartiger sachlicher Bedenken alle Redner mit Ausnahme von wenigen, deren einem die Versammlung selbst wegen fortwährender unsachlicher persönlicher Angriffe gegen Dr. Steiner das Wort entzog, einen tiefen Eindruck empfangen hatten von dem Ernst und der Kraft der Steiner’schen Ideen. Besonders eindrucksvoll war es, dass zwei Vertreter proletarischer Parteien dankbar und warmherzig für Dr. Steiner eintraten, während Herr Kommerzienrat Molt aus Stuttgart darauf hinwies, dass er in seinem Betrieb die Steiner’sche Idee durch Einsetzung eines von den Arbeitern frei gewählten Betriebsrates bereits, soweit es unter den gegenwärtigen Verhältnissen möglich ist, verwirklicht habe, und dass nach seiner Überzeugung der allgemeinen praktischen Durchführung der Steiner’schen Gedanken nichts im Wege stehe. Herr Dr. Unger gab bekannt, dass sich in Stuttgart soeben ein Kulturrat gegründet habe, der die Begründung eines freien, selbstständigen Geisteslebens zur Aufgabe habe. Herr Prof. Wilbrand trat als wissenschaftlicher Fachmann für die Durchführbarkeit der Steiner’schen Ideen ein und widerlegte damit eine Reihe von Bedenken, die von anderer Seite geäußert waren. Dasselbe versuchte Herr Dr. Steiner noch zu tun in einem längeren Schlusswort, in dem er daran erinnerte, dass man das Neue nicht am Alten abwägen dürfe, sondern dass man sich innerlich erst einmal ganz neu einstellen müsse, um die vorgeschlagene Neuordnung begreifen zu können. Besonders erinnerte Steiner nochmals daran, dass die drei Glieder des sozialen Organismus nicht feindlich einander gegenüberstehen würden, wie offenbar vielfach vorausgesetzt werde, sondern dass sie in friedlicher Arbeitsteilung sich gegenseitig befruchten würden. Die Idee der Dreigliederung diene keiner Partei und keiner Schablone, sondern der inneren Gesundung unseres erkrankten sozialen Organismus. — Starker Beifall der bis nach 12 Uhr ausharrenden Teilnehmer dankte dem Redner für seine kraftvollen Ausführungen.
Es werden nun manche fragen, was können wir tun, um zur Durchführung der Steiner’schen Ideen beizutragen? Die Antwort lautet, schließt euch dem «Bund zur Dreigliederung des sozialem Organismus» (Geschäftsstelle Stuttgart, Champignystraße 17) an und verstärkt damit die Wirkungskraft seiner Bestrebungen, damit diese sich in den zweifellos noch kommenden schweren Zeiten bewähren können als Heilmittel gegen die Gefahr russischer Zustände. Der Bund ist parteilos und ruft Mitglieder aller Parteien auf zur gemeinsamen rettenden sozialen Tat. So ist die Steiner’sche Idee auch schon von vielen Tausenden aus allen Parteien verstanden und aufgenommen worden. Damit ist der Beweis erbracht, dass der Gedanke der Dreigliederung imstande ist, die weitesten Kreise mit der Hoffnung auf eine innere Gesundung unseres sozialen Organismus zu erfüllen und die Brücke zu schlagen zwischen den sich heute noch befeindenden Parteien.
Angesichts dieser bedeutsamen Tatsache sollten kleine Bedenken und Ängstlichkeiten hinsichtlich der praktischen Durchführbarkeit zurücktreten, zumal Dr. Steiner hier die größte Bewegungsfreiheit lässt und dem eignen Urteil und der kommenden Entwicklung in keiner Weise [vorgreift]. Er sagt darüber in seinem Buch «Die Kernpunkte der sozialen Frage»: «Eine Vorstellungsart, die wie die hier dargestellte wirklichkeitsgemäß sein will, wird niemals mehr wollen als auf die Richtung weisen, in der sich die Regelung bewegen kann. Geht man verständnisvoll auf diese Richtung ein, so wird man im konkreten Einzelfalle immer ein Zweckentsprechendes finden. Doch wird aus den besonderen Verhältnissen heraus für die Lebenspraxis aus dem Geiste der Sache das Richtige gefunden werden müssen. Je wirklichkeitsgemäßer eine Denkart ist, desto weniger wird sie für Einzelnes aus vorgefassten Forderungen heraus Gesetz und Regel feststellen wollen.» Außerdem betont Dr. Steiner immer wieder, dass er nicht etwa eine gewaltsame, überschnelle Durchführung seiner Ideen wünscht, sondern dass dieselben auf dem Wege einer organischen Überleitung in die neue Form zur Durchführung gebracht werden sollen.
Zunächst wird für Arbeiter in Betracht kommen als praktische Verwirklichung der Steiner’schen Ideen, dass sie sich unverzüglich zusammenschließen im Sinne des Aufrufes des Arbeitsausschusses des Bundes für Dreigliederung des sozialen Organismus zu richtigen, freien Betriebsräten, die den Kernpunkt bilden sollen für die künftige freie Organisation der Gemeinwirtschaft. - Für die geistigen Arbeiter im Besonderen, aber auch für alle anderen, wird es sich weiter darum handeln, sich dem neu gegründeten Kulturrat anzuschließen, dessen Aufruf lauter:
An alle Menschen! Jahrhundertelang diente unser Kulturleben (Schule, Wissenschaft, Kunst und Religion) dem Staat und der Wirtschaft. Gesetzesparagraphen und Verordnungen machten uns zu ideenlosen unselbstständigen Wesen. Eingespannt in das einseitige Wirtschaftsleben war hoch und nieder. Ein politisch gänzlich ungeschultes Volk - so traf uns die Weltkriegskatastrophe. Der Zusammenbruch war die Folge. Mangelnde soziale Erkenntnis der führenden Klasse übersah die Notwendigkeiten für das besitzlose Proletariat, das nur die Brocken der Kultur-Errungenschaften bekam, im Übrigen sich verbrauchte im Kampf um seine Existenz. Von der Revolution erhoffte das Proletariat Befreiung vom seelenverödenden Kapitalismus. Innerhalb des Wirtschaftslebens allein in der wirtschaftli‚chen Besserstellung sucht es sein Heil. In Wahrheit ringt jedoch der Drang nach Menschenwürde zum Durchbruch. Nur auf dem Kulturgebiet durch Schulung und Bildung des Geistes ist erreichbar das große Ziel. Drohend steht vor uns die erschreckende Gefahr, versklavt werde neuerdings das Kulturleben, indem Geistesprodukte zur Ware gestempelt werden. Das darf nicht geschehen, soll nicht untergehen die Menschheits-Kultur. Frei auf sich selbst gestellt muss werden das ganze Geistesleben in eigener Selbstverwaltung. Sie nur kann segensvoll befruchten Wirtschafts- und politisches Leben. So nur wird möglich die wahre Ausbildung der wirklich Tüchtigen. Wie auf der einen Seite das Wirtschaftsleben durch die Betriebsräteschaft, so muss auf der andern Seite das Geistesleben durch einen Kulturrat verwaltet werden. In dem müssen sich alle die Menschen zusammenfinden, welche ernstlich gewillt sind, ein jeder an seiner Stelle, das Geistesleben zu erneuern und mitzuarbeiten daran, dass es, frei von den Einflüssen des Staates und den Interessen der Wirtschaft, seinen eigenen Gesetzen folgen kann. - Geistesarbeiter ist jeder, der nach wahrem Menschentum ringt. Im Kulturrat ist sein Arbeitsplatz. Ob er in der alten Ordnung auf politischem Feld, auf Wirtschaftsboden oder Kulturgebiet tätig, ob Proletarier oder Nichtproletarier -, jeder trete sofort bei, ehe es zu spät ist!! Die Zeit ist ernst!!
In dieser Gründung haben wir den Keim zum Aufbau eines freien Geisteslebens. Für alle diese Organisationen ist der Unterzeichnete bereit, Zuschriften entgegenzunehmen und nach Stuttgart weiterzuleiten.
Hermann Heisler