The Big Questions of our Time and Anthroposophical Spiritual Knowledge
GA 336 — 26 July 1919, Mannheim
Die Übersinnliche Wesenheit des Menschen und die Entwicklung der Menschheit
Meine sehr verehrten Anwesenden! Wenn der Mensch der Gegenwart nachdenkt über die heutige Not, das heutige Elend, dann frägt er wohl zunächst nach den Ursachen dieser Not, dieses Elendes. Und er fragt wohl auch: Wie lässt sich herauskommen aus der Wirrnis, aus dem Chaos der sozialen Menschheitsentwicklung, in die wir hineingeraten sind? Zumeist werden nach den besonderen Anlagen des heutigen Menschen solche Fragen hin gerichtet werden nach den allernächsten äußerlichen Ursachen, die etwa liegen in den furchtbaren, in den schreckensvollen Ereignissen der letzten fünf bis sechs Jahre. Oder es werden die Gedanken hingelenkt werden auf Maßnahmen, die auf das Äußere gehen, um abzuhelfen dem Leid und dem Chaos, in denen wir drinnenstecken. Allerdings, mancher Mensch wird sich nicht begnügen mit demjenigen, was ihm die allerletzten Jahre sagen können. Er wird seine Aufmerksamkeit auf eine längere Zeit richten, auf die letzten Jahrzehnte, vielleicht Jahrhunderte, in denen sich, wenn auch weniger anschaulich für die Menschheit, vorbereitet hat dasjenige, was so furchtbar in den letzten Jahren zum Ausdruck gekommen ist, wie etwa, bildlich gesprochen, sich vorbereitet durch lange Zeit in Schwüle ein Gewitter, das dann plötzlich sich entlädt. Aber auch da bleibt man immerhin stecken beim Aufsuchen der äußeren Veranlassungen, und beim Aufsuchen äußerer Maßnahmen zur Hebung des Elendes. Man hat in einer gewissen Weise einseitig mit einem solchen Denken, mit einem solchen Empfinden, durchaus recht. Und inwieweit man recht hat, was sich fruchtbar ergeben kann aus einer Erkenntnis unserer Weltlage heraus mit Bezug auf Äußeres, davon, meine sehr verehrten Anwesenden, werde ich mir ja erlauben, übermorgen genauer zu sprechen. Heute aber möchte ich sprechen von jenen Ursachen, die in dem menschlichen Innenleben wirksam waren und an deren Abänderung die gegenwärtige Menschheit wird denken müssen, wenn sie herauskommen will aus der chaotischen Lage, in der sie sich befindet.
Ist es denn nicht bei einem einigermaßen genaueren Umblick und bei einem gutwilligen Umblick über dasjenige, was heute in der Menschheit steckt, leicht auffällig jedem Beobachter, dass wir in dieser Zeit, in der wir aus so vielen Herzen, aus so vielen Seelen heraus den Ruf vernehmen nach einer sozialeren Gestaltung unserer Verhältnisse, als diejenigen waren, die wir bisher hatten, ist es denn nicht merkwürdig, dass wir trotz dieses Rufes vernehmen, dass in unserer gegenwärtigen Menschheit intensive antisoziale Triebe überall walten? Ja, das ist gerade die Schwierigkeit, die dem ernsten Beobachter unserer Weltlage entgegentritt, dass man die Kräfte lenken soll nach einer sozialeren Gestaltung unseres Menschenlebens in einer Zeit, in der aus den Tiefen der Seele über unsere ganze zivilisierte Welt hin antisoziale Triebe aufsteigen. Dieses Aufsteigen von antisozialen Trieben, es hängt doch damit zusammen, dass der heutige Mensch nur sehr schwer eine Sehnsucht sich erfüllen kann, die nicht einmal bewusst, sondern mehr oder weniger unbewusst in seiner Seele steckt, die aber, wenn auch unbewusst, so stark sich in der heutigen Menschheit geltend macht, dass sie in moralischer, ja auch in äußerlich leiblicher Art oftmals wie krankhaft zum Vorschein kommt. Die Sehnsucht — wie gesagt, sie wird nicht leicht bemerkt, denn sie äußert sich für viele Menschen heute noch unbewusst —, die Sehnsucht ist diese, in einer neuen Art, in der Art, die sich heranerzogen hat der Mensch durch die letzten Jahrzehnte, ja auch durch die letzten drei bis vier Jahrhunderte, in der Art ein Verhältnis zu gewinnen zu dem, was als Ahnung wenigstens, wenn eben auch nicht als voll ausgesprochenes Bewusstsein, lebt in jeder Seele, als Ahnung von einem übermenschlichen Wesen in unserer vergänglichen, in unserer sinnlichen Menschenwesenheit. Auf der Suche, könnte man sagen, nach dem übersinnlichen Menschenwesen ist einmal der heutige Mensch. Und derjenige, der tiefer in die Bedürfnisse unserer Gegenwart hineinschaut, der wird es vor allen Dingen als erste Pflicht der geistig Strebenden empfinden, dieser Ahnung und Sehnsucht der gegenwärtigen Menschheit entgegenzukommen.
Zu den wichtigsten Aufgaben unserer Zeit gehört es, jene innere Seelenforderung zu befriedigen, die sich ausspricht in dieser Ahnung und in dieser Sehnsucht. Aber so, wie man heute noch vielfach in weitesten Kreisen dieser Sehnsucht entgegenkommen will, so werde ich am heutigen Abend nicht zu Ihnen sprechen können. Dasjenige, was ich werde zu Ihnen zu sprechen haben, das ist von einem Gesichtspunkte aus gesprochen, den ich nun schon seit Jahren zeigte als den der anthroposophischen Geisteswissenschaft.
Die Aufgabe der anthroposophischen Geisteswissenschaft ist es, für Menschen den Weg zu suchen in die übersinnliche Welt hinein, welche aufgenommen haben die Ideen, die Empfindungen, die Gefühle, die Willensimpulse der neueren Zeit, die aus der naturwissenschaft-wissenschaftlichen Weltanschauung hervorgegangen sind. Was von diesem Gesichtspunkte aus der gegenwärtigen Menschheit zu sagen ist, das wird in weitesten Kreisen heute entweder unverständlich oder auch unnötig gefunden. Man sagt dem Geistesforscher: Du bietest zwar Verständliches; nun ja, allerdings, so leicht Verständliches werde ich Ihnen gar nicht bieten können, als viele bieten möchten den heutigen Menschen noch, die ausgehen von der inneren Seelenbequemlichkeit, die in den heutigen Menschen gerade mit Bezug auf die höchsten Ziele des geistigen Menschenstrebens besteht. Jeder Mensch gibt heute zu, dass man einige Anstrengungen machen muss, wenn man kennenlernen will jene wissenschaftlichen Verrichtungen, die dazu führen, etwas zu wissen, sagen wir, über die Mondberge oder die Jupitermonde; oder über die Zellen des Organismus. Aber wenn es sich darum handelt, etwas zu erkennen über die übersinnliche Welt, da lehnt man es aus innerer Seelenbequemlichkeit heraus ab, einen ähnlichen schwierigen Weg zu gehen. Da heute sagen noch viele: Zu dem, was dem Menschen und der Welt zugrunde liegt als Übersinnliches, muss der Mensch kommen durch das einfältige Bekenntnis oder durch den bloßen einfältigen Bibelglauben. Zu kompliziert wird dasjenige befunden, was anthroposophische Geisteswissenschaft zu sagen hat. Aber hier liegt gerade einer der Hauptschäden unserer Zeit; einer derjenigen Schäden, die unserem verworrenen sozialen Streben zugrunde liegen.
Wer das Menschenleben kennt, der weiß, wie ungenügend diejenige Seelenbetätigung ist, die stehen bleiben will bei dieser Einfalt des Glaubens, des Bekenntnisses; ungenügend aus dem Grunde, weil, wenn man nicht auch in Bezug auf das Übersinnliche es hinausbringt über diese Einfalt des Glaubens, wenn man bei dieser Bequemlichkeit stehen bleibt, dann kann man nicht meistern die großen Fragen des sozialen Lebens, die in unserer Gegenwart an die Menschheit herantreten. Man sieht heute noch nicht, aber man wird bald sehen, wie diejenigen, die immer bei dem «schlichten Glauben des Bekenntnisses» bleiben wollen, diejenige Denkgesinnung in der Menschheit heranzüchten, die sich heute in den sozialen Wirrnissen über ganz Europa und die zivilisierte Welt überhaupt kundgibt.
Da fordern die Menschen auf, wieder zurückzukehren zum schlichten Glauben des Bekenntnisses, weil sie nicht wissen, dass das Stehenbleiben bei diesem schlichten Glauben das hervorgebracht hat, was heute als Chaos und Wirrnis auftritt.
Deshalb betrachtet es anthroposophische Geisteswissenschaft als eine erste Pflicht, von ihrem ganz anders gearteten Standpunkte aus über diese Dinge zum gegenwärtigen Menschen zu sprechen. Wenn der gegenwärtige Mensch vernimmt die Ahnung in seinem Herzen, in seiner Seele nach der übersinnlichen Menschenwesenheit, dann blickt er wohl in einer Art von Selbsterkenntnis von der Welt ab und er blickt auf sich selbst. Was bietet sich dem Menschen nun einmal da an, nach der Lage des gegenwärtigen Bewusstseins? Der Mensch drückt heute dasjenige, was sich ihm darbietet, wenn er nachdenkt über seine eigene Wesenheit, er drückt es dadurch aus, dass er sagt: Diese menschliche Wesenheit besteht aus Leib und Seele. Und dann glaubt der Mensch, dass er seinen Leib kennenlernt dadurch, dass er eben ihn mit seinen Sinnen beobachtet; dadurch, dass er die Sinnesbeobachtung dann zu begreifen sucht mit dem denkenden Verstande. Und für dasjenige, was der Mensch heute auf diesem Wege nicht selbst erreichen kann, wendet er sich dann an die landläufige Wissenschaft, an die Naturwissenschaft, an dasjenige, was Biologie, was Physiologie und so weiter über diesen Menschenleib zu sagen haben. Und dann glaubt der Mensch, dass er etwas Wirkliches wisse zunächst über das eine Glied der menschlichen Wesenheit, über den menschlichen Leib, wenn er sich auf diese Weise unterrichtet hat. Und dann denkt er wohl auch vielleicht nach über dasjenige, was im Innern seiner Seele lebt als Denken, als Fühlen, als Wollen. Da aber geht ihm, wenn er dasjenige etwas sich zum Bewusstsein bringt, was im Innern der Seele ist, da geht ihm sogleich auf das große Rätsel über das Menschenwesen. Denn da muss er finden: Ja, dasjenige, was mir äußerlich als mein Leib entgegentritt, es ist ja etwas ganz anderes, etwas radikal anderes, als dasjenige ist, was sich im Innern meiner Seele als Denken, Fühlen und Wollen offenbart. Und dann frägt der Mensch: Welches Verhältnis besteht zwischen dem, was im Innern als Seelisches sich mir offenbart, und dem Äußerlichen des Leibes? Und es liegt diesem Menschenrätsel ein Großes, Gewaltiges zugrunde in der Menschennatur. Es liegt zugrunde die große Frage nach dem Sinn des Lebens; die Frage: Wie lebt in dem, was mir als der vergängliche, sinnliche Menschenleib entgegentritt, dasjenige, von dem ich, wenn das Leben einen Sinn haben soll, nimmermehr glauben kann, dass es entsteht und verschwindet mit diesem äußerlich-sinnlichen Leibe, wie steht mit diesem äußerlich-sinnlichen Leibe die Seele in Beziehung?
Der Mensch kann in den meisten Fällen, wenn diese Frage an ihn herantritt, sie nicht anders empfinden als ein umfassendes Rätsel. Und wendet er sich von seinem eigenen, in der Regel ohnmächtigen Denken über diese Frage zu denjenigen, die wissenschaftlich nach der heutigen Denkgesinnung über diese Frage nach der Beziehung des Leibes zur Seele etwas ausmachen wollen, so findet er in der Regel, dass diese ihm nicht mehr zu sagen wissen als dasjenige, was ihm schon selbst so rätselhaft entgegengetreten ist: Philosophische und andere Weltanschauung, sie lassen den ernsten Frager auf diesem Gebiet wahrhaftig recht unbefriedigt.
Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, sie geht daher auf ganz anderen Wegen nach dem Übersinnlichen hin, und sie darf gar nicht anders reden über dieses Übersinnliche als in einer Art, die sehr verschieden ist von der Art der äußeren Wissenschaft. Denn kaum wird jemand zum wirklichen Geistesforscher, der nicht gelernt hat, gelernt hat auf seine Art, wie unmöglich es ist, mit dem gewöhnlichen Nachdenken und der gewöhnlichen äußeren Wissenschaft irgendetwas zu erkennen über die übersinnliche Menschenwesenheit. Nicht nur muss man, wenn man vom Standpunkte der anthroposophischen Geisteswissenschaft über diese Dinge spricht, über etwas anderes sprechen, als die Sinne und der Verstand dem Menschen darbieten, sondern man muss auch in anderer Art sprechen. Und das macht es eben, dass man heute noch, weil diese Art ungewohnt ist, wenig verstanden wird. Besser wird verstanden, wenigstens glaubt man dieses, der einfache schlichte Glaube. Allein er befriedigt die Menschheit nicht mehr, die durch die Erziehung der letzten drei bis vier Jahrhunderte gegangen ist. Schon wenn Sie den Geistesforscher reden hören wollen über die allerersten Ausgangspunkte seiner Geisteswissenschaft, dann werden Sie etwas anderes von ihm vernehmen, als Sie hören von denjenigen, die durch die äußere Wissenschaft der Natur heute hindurchgegangen sind.
Ist es denn nicht so, dass, wenn uns jemand erzählt, der auf irgendeinem Gebiete, wie man sagt, «Fachmann» geworden ist, erzählt von dem, was er im Laboratorium, in der Klinik, auf der Sternwarte durchgemacht hat, dass er über alles dasjenige, wovon er spricht, mit einer gewissen Ruhe spricht, sodass man sieht, es ist recht gleichmäßig sein Gemütsgang gewesen, während er über dieses oder jenes naturwissenschaftliche Fach im Laboratorium oder in der Klinik oder auf der Sternwarte gearbeitet hat. In einer solchen Weise kann Ihnen der Geistesforscher von seiner Art, zu erkennen, nicht sprechen. Fragen Sie ihn, wie er zu seinen Erkenntnissen gekommen ist, dann wird er Ihnen nicht von jenem gleichgültigen Forschen sprechen können, das in der Art ist, wie ich es eben gekennzeichnet habe, sondern der Geistesforscher wird Ihnen sprechen müssen von inneren Seelenkämpfen, von Leiden und Schmerzen, die seine Seele durchgemacht hat in Überwindungen, bevor er auch irgendeinen Schritt tun konnte, um zu solchen Erkenntnissen zu kommen, von denen wir heute Abend sprechen werden. Wiederholt war der Geistesforscher, der zu wirklichen Erkenntnissen des Übersinnlichen gekommen ist, vor inneren Abgründen, denen gegenüber es ihm so erscheint, als müsse die Seele in das Nichts hinunterstürzen. Und er weiß zu erzählen, was es heißt, alle Kraft zusammennehmen, um dasjenige in der Seele zu entwickeln, was die Seele hineinträgt in jene Regionen, in denen die wirkliche übersinnliche Menschenwesenheit, nicht bloß eine Illusion, geschaut werden kann.
So verläuft dasjenige, was der Geistesforscher in sich wirklich durchzumachen hat. Denn er muss anders stehen zu der äußeren Natur und zu sich selbst als der gewöhnliche Forscher. Ich möchte nicht missverstanden werden, meine sehr verehrten Anwesenden, deshalb sage ich von vorneherein: Derjenige, der ein Geistesforscher in dem hier gemeinten Sinne geworden ist, der verachtet nicht die zu so großen Triumphen gekommene Naturwissenschaft der Gegenwart. Er sieht es vielmehr als die Grundbedingung seiner Geistesforschung an, dass er zuerst sich bekannt gemacht hat mit den großen, gewaltigen Ergebnissen der Naturwissenschaft der letzten Jahrhunderte. Und er anerkennt vollständig diese Naturwissenschaft. Denn nur dadurch weiß er, wie man hinaussehen muss über diese Naturwissenschaft, um in den Geist, dem auch die Menschenwesenheit angehört, einzudringen.
Der Naturforscher redet mit Recht von gewissen Grenzen seines Naturerkennens. Und gerade die bedächtigsten Naturforscher, sie haben davon gesprochen, dass die Naturforschung immerzu den Menschen führt zu Begriffen, zu Vorstellungen, bei denen man nicht weitergehen kann im Naturforschen. Voreilige Menschen sprechen dann davon, dass bei solchen Grenzen eine Beschränkung des menschlichen Erkennens überhaupt läge. Der vorsichtige Naturforscher weiß, dass er nur mit dem Naturforschen nicht über diese Grenzen hinausgehen kann. Er wird daher, solange er Naturforscher bleibt, bei diesen Grenzen stehen bleiben; sagen wir, bei solchen Begriffen, die sich wie unüberbrückbare Fälle kundgeben der Naturforschung, wie zum Beispiel das Wesen der Materie, das Wesen der Kraft und viele andere; der Naturforscher bleibt da stehen. Der Geistesforscher kann das nicht. Der Geistesforscher beginnt gerade da, wo der Naturforscher stehen bleiben muss, seine Arbeit, indem er mit dem, was Grenze der Naturwissenschaft ist, innere Kämpfe ausfechten muss. Das ganze innere Seelenleben muss in Regsamkeit gebracht werden. Und während der Naturforscher an solchen Grenzen stehen bleibt, beginnt der Geistesforscher, lebendig sich hineinzufinden in Ideen und Begriffe und Empfindungen und Gefühle von solchen Grenzen. Dann erlebt er etwas, indem er immer mehr und mehr sich hineinfindet in das, worüber die Naturwissenschaft nichts sagen kann oder nichts sagen soll; dann empfindet er, was es eigentlich heißt, mit den Grenzen des Naturerkennens leben.
Dasjenige, was ich jetzt sagen werde, meine schr verehrten Anwesenden, von dem kann man selbstverständlich bemerken, dass es nicht im gewöhnlichen Sinne logisch beweisbar ist. Denn es ist nichts Ausgedachtes. Es ist dasjenige, was die Geistesforschung an einem bestimmten Punkte der Entwicklung erlebt.
Der Geistesforscher, er kommt in diesem inneren, lebendigen Erleben zu einem großen, erschütternden Ergebnis, indem er erlebt dasjenige, was sich an den Grenzen des Naturerkennens erleben lässt: Er muss sich aus innerer Erfahrung, aus eigenem Erleben die Antwort geben, dass wir als Menschen zwischen Geburt und Tod in unserem physisch-sinnlichen Leben nicht soziale Wesen jemals werden könnten, wenn wir die Grenzen der Naturerkenntnis überschreiten würden. In einer merkwürdigen Weise sind wir angepasst an den Gang der Welt als Menschen. Wir hätten etwas nicht - das erkennt erlebend der Geistesforscher -, wir hätten etwas nicht in unserer Menschennatur, wenn wir nicht, indem wir die Natur erforschen wollen, an Grenzen aufgehalten würden; wir hätten etwas sehr Wesentliches nicht; wir hätten nicht dasjenige, was eine Grundbedingung unseres sozialen, menschlichen Zusammenlebens ist; wir hätten nicht in uns die Kraft der Liebe.
Sehen Sie, meine sehr verehrten Anwesenden, das ist das erste erschütternde Erlebnis auf dem Wege in die übersinnliche Welt hinein, dass man so die Menschennatur kennenlernt, dass man sich sagt: Wir müssen begrenzt sein im Anschauen der Natur, dann sprudelt gewissermaßen aus uns im Anschauen der Natur die Kraft heraus, die in alles untertaucht ohne Grenzen; dann gingen wir Menschen im physischen Leben aneinander vorbei, könnten nicht Sympathie und Antipathie, könnten nicht die verschiedensten Nuancen der Liebe, ohne die das Leben nicht sein kann, entwickeln. Damit der Mensch zwischen Geburt und Tod leben könne, ist notwendig, dass er mit Bezug auf seine Naturerkenntnisse begrenzt werde. Innerhalb dieser Grenze kann sich dann die Kraft der Liebe ergeben. Das aber ergibt zugleich den Fingerzeig, wie nun der Weg dennoch gegangen werden kann, der ausmündet in einem gewissen Sinne in die Erkenntnis der übersinnlichen Welt.
Wir haben die Kraft der Liebe im gewöhnlichen Leben dadurch, dass wir leibliche Menschen sind in einem gewissen Grade; und dieser Grad genügt uns für das äußere soziale Zusammenleben mehr oder weniger — gewiss, in manchen Epochen sehr wenig, wie in der Gegenwart —, aber wenn er voll entwickelt wird, genügt er für das äußere Zusammenleben. Was nötig ist gerade mit Bezug auf diese Liebekraft und anderes, um den Geistesweg hinein in das Übersinnliche zu gehen, das habe ich ausführlich geschildert in allen Einzelheiten in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten»; heute kann ich es Ihnen nur in wenigen prinzipiellen Dingen andeuten, aber das soll geschehen.
Vor allen Dingen ist es notwendig, dass, wenn man durchgemacht hat dasjenige, von dem ich soeben gesprochen habe, dass man sich erfüllen könne von einer gewissen inneren Seelenverfassung, die der Mensch im gewöhnlichen Leben in einem sehr geringen Maße nur hat; ich möchte diese Seelenverfassung nennen die «intellektuelle Bescheidenheit». Macht man das durch, was ich geschildert habe, dann kommt man dazu, sich zu sagen: Und wenn du ein noch so begabter Mensch bist in Bezug auf die gewöhnlichen Denk- und Forschungsfähigkeiten, du musst dir gestehen: Mit diesen gewöhnlichen Denk- und Forschungsfähigkeiten kannst du überhaupt nicht in die übersinnliche Welt hineindringen. - Der Mensch möchte das. Deshalb ist er im gewöhnlichen Leben intellektuell unbescheiden.
Aber gerade diese intellektuelle Unbescheidenheit, sie muss zunächst bekämpft werden. Wir müssen fähig werden, uns etwa das Folgende zu sagen. Nehmen wir an, ein fünfjähriges Kind habe zum Beispiel einen Band Goethe’scher Gedichte in der Hand. Mit seinen Fähigkeiten wird es mit diesem Bande Goethe’scher Gedichte nicht dasjenige anfangen können, was vermöge der Wesenheit dieses Gedichtbandes mit ihm angefangen werden soll. So wie dieses fünfjährige Kind der Wesenheit dieses Gedichtbandes gegenübersteht, so — das müssen wir uns sagen in intellektueller Bescheidenheit -, so stehen wir mit den gewöhnlichen Denk- und Empfindungs- und Forschungsfähigkeiten der Welt und uns selbst in Bezug auf die übersinnliche Wesenheit gegenüber. Wie das fünfjährige Kind erst entwickeln muss diejenigen Fähigkeiten, die es ihm möglich machen, heranzutreten an das Wesen eines Gedichtbandes, so muss der Mensch ebenso in voller intellektueller Bescheidenheit, wenn er ein Geistesforscher werden will, das gewöhnliche Denken, das gewöhnliche Fühlen und Wollen erst entwickeln. Und wie bei dem fünfjährigen Kinde von außen durch seine Erziehung die seelischen und körperlichen Fähigkeiten entwickelt werden, so muss derjenige, der etwas wissen will über die übersinnliche Welt aus unmittelbarer Anschauung, seine Seelenentwicklung selbst in die Hand nehmen. Das heißt aber, meine sehr verehrten Anwesenden, man muss sich in einer wirklichen inneren Seelenbescheidenheit das Bekenntnis ablegen können: Die Kraft, die du nötig hast, um Übersinnliches zu erkennen, die musst du in dir selbst entwickeln. Und sie muss im Einzelnen entwickelt werden.
Man wird in der Regel gar nicht zu dieser Entwicklung kommen, wenn man nicht darauf aufmerksam wird durch jene Erlebnisse, die ich heute schon geschildert habe, dass man ja- und mag man noch so tief hineingedrungen sein in das Äußere der Naturerscheinungen -, dass man mit diesem Denken, mit den Errungenschaften über die äußeren Naturerscheinungen nichts wissen kann über dasjenige, was vorgeht im menschlichen Leibe, um zum Beispiel ein Verhältnis zu gewinnen zu dem, was wir als Denken eine wichtige Seelenbetätigung nennen. Da muss man erst dieses Denken auf eine ganz andere Stufe bringen, als es im gewöhnlichen Leben ist. Man muss dieses Denken weiterentwickeln. Das kann man, wenn man gewisse Verrichtungen
der Seele, die man im gewöhnlichen Leben instinktiv und unbewusst nebenher macht, wenn man diese Verrichtungen sich angewöhnt, immer bewusster und bewusster zu machen. Ich will herausgreifen aus dem vielen, was in dieser Beziehung der Geistesforscher zu tun hat, zwei Dinge. Das eine ist: Der Geistesforscher muss dasjenige, was man die Kraft der Aufmerksamkeit und die Kraft des Interesses für die Sache nennt, er muss sie in ganz anderer Weise ausbilden, als sie im gewöhnlichen Leben ausgebildet sind. Im gewöhnlichen Leben werden wir aufmerksam auf eine Sache, die uns durch die Sinneseindrücke auf sich hinweist. Wir lenken dann die Aufmerksamkeit, wenn wir eben aufmerksam gemacht werden durch die äußeren Eindrücke, auf die Sache hin.
Aber wir strengen uns in der Regel nicht aus der innersten Kraft unserer Seele heraus an, um die Kraft der Aufmerksamkeit zu verstärken; irgendetwas erweckt von außen her unser Interesse. Immer ist im gewöhnlichen Leben es beim Menschen so: das von außen her geweckte Interesse, das seine Seele aufmerksam macht. Übt sich der Mensch nun ernst und würdig darin, aufmerksam zu sein, dauernd lange aufmerksam zu sein auf dasjenige, auf das er aufmerksam sein will nur aus der inneren Gedankenkraft heraus, wendet er Dingen sein Interesse zu, die sich ihm nicht aufdrängen, denen er sich zuwendet aus ureigenster, innerster Initiative, macht er solche Übungen, wie ich sie in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten» beschrieben habe, übt der Mensch längere Zeit hindurch, denn der Weg in die übersinnlichen Welten hinein ist ein langer Weg, dann merkt er endlich, dass sein Denken etwas ganz anderes wird, als es im gewöhnlichen Leben ist. Er merkt, dass dieses Denken anfängt, eine innere Lebendigkeit zu bekommen. Und er merkt, dass er eigentlich eine ganz neue Art von innerem, lebendigem, von innerem in Aktivität versetztem Denken in sich hat. Richtig durchschaut man das, was sich da durch Anstrengungen, durch eine Entwicklung, als ein neues Denken entwickelt; richtig schaut man das, wenn man ganz geduldig nach und nach in der Seele heraufsteigen sieht: Du hast dein altes Denken; dein Denken, das sich mehr oder weniger passiv anschließt an die Dinge, das selbst dann noch forttreibt, wenn du dich nicht anstrengst, wenn du nicht irgendwie die Sinne oder den Verstand als Grundlage dieses Denkens anstrengst. Dieses Denken läuft fort, es schläft nicht. Aber gewissermaßen wie über diesem Denken stehend, es neben sich verlaufend schauend, wie eine Art Traum, steht dann das andere, das ganz helle, das niemals träumerische Denken, das man so entwickelt, wie ich es eben charakterisiert habe.
Dann kommt man zu einer inneren Entdeckung, zu einer inneren Erfahrung, die ich nun schildern möchte als das zweite erschütternde Ereignis auf dem Wege in die übersinnlichen Welten hinein: Man erfährt innerlich, dass das gewöhnliche Denken von uns gar nicht unterschieden werden kann von der äußeren leiblichen Tätigkeit; dass aber dasjenige Denken, das man so durch die eigene Kraft entwickelt, dass das so verläuft, dass man es an ihm erlebt: Es hat nichts zu tun mit irgendeiner äußeren leiblichen Tätigkeit; es hat nichts zu tun mit irgendeiner Nerven- oder sonstigen Tätigkeit. Indem man so denkt, wie ich es jetzt geschildert habe, weiß man: Du bewegst dich in einem rein geistigen Element mit deinem Denken, und du hast dein Leibliches neben dir; du bist wirklich aus deinem Leibe herausgetreten. Und jetzt merkt man, dass dieses Menschenwesen, wenn es so sein Denken verrichtet, wenn es seine innere Seelentätigkeit vollzieht, wie das oftmals aus den alltäglichen Illusionen der Menschen heraus beschrieben wird. Die Menschen glauben auch aus der heutigen landläufigen Wissenschaft heraus vielfach, indem sie sich materialistischen Ideen hingeben: Wir haben in uns das Nervensystem zum wunderbaren Gehirn ausgebildet; in diesem Gehirn sieht man, wie in der menschlichen Entwicklung die Forschung weiterschreitet; mit jeder Stufe des Denkens entwickelt sich das Gehirn weiter. Und da sagen dann die Menschen: Also entsteht durch die Tätigkeit des Gehirns, durch die Tätigkeit des Nervensystems das Denken, das Vorstellen. Und im Grunde genommen können die Menschen, die nichts wissen von dem, was ich Ihnen jetzt eben geschildert habe, von dem selbstständigen leibfreien Denken, diese Menschen können gar nicht anders, wenn sie irgendwie chrlich sind, als das Illusorische über den Leib denken.
Aber derjenige, der das leibfreie Denken kennenlernt, der weiß aus unmittelbarer Erfahrung ein anderes. Ich möchte Ihnen dafür ein Bild hinstellen: Denken Sie sich, Sie gehen über einen aufgeweichten Weg; auf diesem Wege finden Sie Furchen; Sie finden menschlichen Fußtritten ähnliche Eindrücke in dem eingeweichten Erdreich. Glauben Sie, dass derjenige über diese Tatsache etwas Richtiges sagt, der nun glaubt, da unten, unter der Oberfläche der Erde, da sind Kräfte, die wirken so, dass oben an der Oberfläche so etwas erscheint wie Eindrücke menschlicher Fußtritte? Nein, derjenige beurteilt die Sachlage richtig, der weiß, dass von außen in das weiche Erdreich die Furchen eingedrückt worden sind. Derjenige, der das selbstständige, leibfreie Denken kennengelernt hat, der weiß, dass das Geistig-Seelische so unabhängig ist vom Nervensystem und vom Gehirn wie der Wagen, der hinrollt über die Straße, wie die Füße des Menschen, der hingeht über die Straße. Das leibfreie Denken gräbt in das Gehirn die Furchen ein. Kein Wunder, wenn sich das Denken im Laufe der Menschheitsentwicklung fortentfaltet, dass das Gehirn überall Abdrücke desjenigen zeigt, was das Denken entwickelt. Aber eine furchtbare, eine die Menschheit irreführende Illusion ist es, wenn man glaubt: Aus dem Innern des Nervensystems steigt dasjenige herauf, was das Gehirn furcht und dadurch das Denken in irgendeiner Weise bewirkt. Über dasjenige, was zur unsterblichen Menschenwesenheit führt, kann erst Aufschluss geben das aus der intellektuellen Bescheidenheit herausentwickelte und entfaltete lebendige, leibfreie Denken.
Dann aber lernt man durch dieses leibfreie Denken den ersten übersinnlichen menschlichen Wesensteil kennen, dasjenige, was ich in meinen Schriften genannt habe - auf Namen kommt es ja nicht an, aber man muss Namen für die Sachen haben - den Ätherleib oder Bildekräfteleib. Das ist etwas, was der Mensch an sich trägt eben so, wie er an sich trägt den physischen Leib, aber etwas, das für die äußeren Sinne und für das gewöhnliche Denken nicht erfassbar ist; was erfassbar wird, wenn der Mensch dieses imaginative Denken - so nenne ich es - entwickelt, von dem ich heute gesprochen habe. Dann wird dieses imaginative Denken zu einem [GeistesJauge; mit dem sieht er den geistigen Menschengehalt, den Bildekräfteleib, der den Menschen durchdringt, so wie der Mensch an sich hat den physischen Leib.
So steigt man auf zu dem ersten übersinnlichen Gliede der Menschenwesenheit. Aber man kann nicht aufsteigen so, ohne dass man, indem man zum leibfreien Denken aufsteigt, andere Erfahrungen mitmacht. Sie werden ahnen können aus der Beziehung, von der ich Ihnen gesprochen habe zwischen den Grenzen des Erkennens und der Liebekraft im Menschen, Sie werden ahnen können, dass überhaupt tiefe, geheimnisvolle Beziehungen sind zwischen dem, was im Menschen Erkenntniskräfte sind, und dem sozialen menschlichen Leben. Eignet sich der Mensch an das übersinnliche Denken, wie ich es eben geschildert habe, dann findet er in einer neuen Art, wie sich gestaltet das soziale Leben, das sich abspielt zwischen Menschenseele und Menschensecle.
Wir begegnen Menschen im Leben. Zu dem einen Menschen gewinnen wir starke, zu dem anderen Menschen weniger starke Sympathie; zu manchem Menschen auch entwickeln wir Antipathie. Aber es durchzieht unser ganzes Leben, indem wir unsern menschlichen Verkehr haben, ein Netz von aus der Liebekraft heraus gestalteten Beziehungen zu anderen Menschen. Lernt man erkennen die Kraft des übersinnlichen Denkens, dann führt dies dazu, zu erkennen, dass diejenigen Sympathien und Antipathien, welche wir entwickeln zu den Menschen, die uns in der physischen Welt begegnen, daher kommen, dass wir mit diesen Seelen schon verbunden waren, bevor wir durch die Geburt oder die Empfängnis gegangen sind. Es eröffnet sich aus dem physischen Leben durch das entwickelte Denken der geistige Blick in diejenige Welt, in der wir gelebt haben - gelebt haben geistig-seelisch ebenso, wie wir hier leiblich-physisch leben -, in der wir gelebt haben als in einer geistigen Welt, bevor wir durch die Empfängnis und die Geburt herabgestiegen sind in die physische Welt. Möglich ist es in unserer heutigen Zeit durch eine kraftvolle Entwicklung des Denkens aus intellektueller Bescheidenheit heraus, zu schauen in die geistige Welt, aus der wir vor unserer Geburt heruntergestiegen sind. Nicht Spekulation, nicht Phantasterei ist es, wenn wir dann sagen aus solcher Erkenntnis: Wie du den Menschen hier im Leben gegenübertrittst, Seele zu Seele, das ist die Fortsetzung von dem, wie du ihnen entgegengetreten bist, nun ganz im Geiste, in der übersinnlichen Welt, bevor diejenigen Menschen, die hier Beziehungen eingehen, heruntergestiegen sind in diese sinnliche Welt. So wie der Mensch auf eine neue Art aufgesucht hat naturwissenschaftliche Zusammenhänge seit drei bis vier Jahrhunderten, so wird er von der heutigen Zeit an aufsuchen müssen - er wird sonst nimmermehr seine Ahnungen nach dem Übersinnlichen befriedigt fühlen -, er wird aufsuchen müssen geistige Beziehungen zu den übersinnlichen Welten.
Es muss ja zugegeben werden: Wenn man so spricht, spricht man heute noch von etwas recht Unverständlichem und Unglaublichem zu der gegenwärtigen Menschheit. Allein derjenige, der die Geschichte der Kulturentwicklung kennt, der weiß, in welch bedeutsamer Art sich die Menschen verhalten zu dem, was die großen Kulturfortschritte sind. Es war ja in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts, als ein Ärzte-Kollegium und andere Gelehrten gefragt worden sind, ob man Eisenbahnen bauen solle. Da haben sie das Urteil abgegeben - ich erzähle kein Märchen, sondern etwas, was dokumentarisch verbürgt ist —, man solle keine Eisenbahnen bauen, denn sie würden die Gesundheit derjenigen untergraben durch die großen Erschütterungen bei der Fahrt, die in ihr fahren werden. Und wenn man sie schon doch bauen wolle, so sagten sie, wenn doch Menschen sich finden sollten, die in den Eisenbahnen fahren, dann müsse man wenigstens links und rechts von der Eisenbahn große, hohe Bretterwände aufrichten, damit diejenigen, an denen die Eisenbahn vorbeifährt, keine Gehirnerschütterung bekommen. — So äußerte sich die Furcht vor dem wirklichen Fortschritt.
Solche Furcht lebt unbewusst heute in der Menschheit vor dem Übersinnlichen. Nicht eher werden wir zur Bekämpfung der antisozialen Triebe der Menschheit kommen, ehe wir uns nicht einlassen auf diesem Gebiet, nicht zu glauben, dass wir seelische Gehirnerschütterung bekommen, wenn vom Übersinnlichen gesprochen wird.
Das, meine sehr verehrten Anwesenden, ist das eine Glied der menschlichen Wesenheit, wie es hineinschaut in das vorgeburtliche Leben.
Noch in einer anderen Weise kann der Mensch aus seiner inneren Seelenbescheidenheit heraus seine Entwicklung in die Hand nehmen. Das ist, wenn so, wie im ersten Fall, den ich geschildert habe, er das Denken weiterentwickeln kann, wenn er [nun] seinen Willen weiterentwickelt. Da ist wiederum etwas, was der ganz Mensch ganz unbewusst im Laufe seines Lebens in sich entwickelt. Gestehen wir uns nur, meine sehr verehrten Anwesenden, dass wir doch im Grunde genommen im rein äußerlichen Werdegang des Menschen von Woche zu Woche, von Jahr zu Jahr, von Monat zu Monat anders werden. Wir lernen immerzu vom Leben. Man sehe nur zurück, wie man anders ist, als man vor zehn, vor zwanzig Jahren war. Aber dasjenige, was wir da an uns heranentwickelten, wir entwickelten es unbewusst heran. Wir lernten nicht, unsere Weiterentwicklung als Mensch, unsere Höherentwicklung als Mensch selber in die Hand zu nehmen. Und wiederum gibt es Methoden - Sie können auch darüber das Nähere in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten» nachlesen -, wodurch man vom Leben fortwährend lernen kann; wodurch man alles dasjenige betrachtet, was sich im Leben darbietet so, dass wir handelnd eingreifen; dann sagen wir uns: Was wir da getan haben — wären wir selber höher, reifer entwickelt, wir könnten es besser machen. Wenn wir diese Bescheidenheit in Bezug auf den Willen immerzu entwickeln - es kann immer weiter- und weitergehen mit unserer Entwicklung -, nehmen wir davon den Anlass, unsere Willensentwicklung so in die Hand zu nehmen, wie wir vorher in der geschilderten Weise unsere Denkentwicklung in die Hand genommen haben, dann stellt sich heraus, dass wir nach einer anderen Richtung hin den Weg in die übersinnliche Welt hinein finden. Dasjenige, was wir nunmehr in uns entwickeln dadurch, dass wir unsere Willenskräfte weiter entfalten, das ist, dass wir, indem wir das Leben absolvieren, wir immer unser eigener Zuschauer werden können. Wir werden gewissermaßen dann so, wie wenn wir in der Nacht schlafend über uns selbst schwebten und unseren im Bette liegenden Leib von außen anschauen würden. So lernen wir durch innere Entfaltung der Willenskräfte der Seele, in allem, was wir tun, uns selber zu schauen.
Das, meine sehr verehrten Anwesenden, ist eine starke menschliche Kraft. Dadurch, dass man sich einlebt in diese Kraft, dadurch wird man in einem höheren Grade als bloß durch die Entwicklung des Denkens unabhängig von seinem Leibe. Dadurch lernt man die höhere übersinnliche Wesenheit des Menschen kennen; dasjenige, was ich nennen möchte den Bewegungsleib, oder — schaudern Sie nicht zurück, es ist nur ein Name - den astralischen Leib des Menschen. Man lernt erkennen, was übersinnlich in uns ist, indem wir uns nur bequemen dazu, unsere Hände zu bewegen, indem wir arbeiten, uns überhaupt zur Willensentfaltung bringen, wenn wir den Willen in unserem eigenen Wachstum, in unserem eigenen menschlichen Werdegang entwickeln. Dann lernen wir also außer dem Ätherleib den Astralleib des Menschen kennen, der uns, weil wir ihn haben, einzig und allein befähigt, wirklich den Willen in der äußeren Welt zum Ausdruck zu bringen.
Lernt man aber das in sich erleben, was erst die so entwickelte Willenskraft ist, dann schaut man nach einer anderen Richtung in die übersinnliche Welt hinein. Dann macht man zunächst die Erfahrung: Du verhältst dich zu den Menschen, denen du sozial nahe trittst, so oder so; du tust ihnen Liebes oder tust ihnen wenig Liebes; du tust ihnen Zweckvolles oder Unzweckvolles; du handelst ihnen gegenüber so, dass sie die Folgen deiner Handlung erfahren. Indem man die Willenskräfte so entwickelt hat, wie ich es jetzt gesagt habe, lernt man erkennen, dass man dasjenige, was da lebt, erlebt durch den Astralleib, durch das eigentliche Geistig-Seelische. Der Ausdruck «Leib» ist eben nur ein Ausdruck. Was wir da entwickeln, das trägt unsere übersinnliche Wesenheit durch die Pforte des Todes hindurch; und wir werden die Fortsetzung nach dem Tode in der geistigen Welt erleben von dem, was wir an Verhältnissen zu den Menschen hier in der physischen Welt in der eben geschilderten Weise entwickelt haben. Das heißt, es tritt auf in der Geistesschau das unmittelbare Hineinblicken in die Welt, die wir durchleben, wenn wir durch die Pforte des Todes gegangen sind. Dasjenige, was den Menschen verbindet mit der geistigen Welt, es wird anschaulich, wenn er seine Seelenkräfte so entwickelt, wie ich es geschildert habe. Dann aber, meine sehr verehrten Anwesenden, treten diese beiden Kräfte zusammen. Diejenige Kraft, die sich aus dem Denken, aus dem lebendigen Denken entwickelt, und diejenige Kraft, die sich aus dem Willen entwickelt, sie gehen gleichsam eine innerliche Ehe ein. Und dann, dann wird etwas Neues für den Menschen die Betrachtung seiner eigenen Entwicklung; dann wird etwas ganz Neues dasjenige, was wir die Geschichte der Menschheit nennen. Oh, über diese Geschichte der Menschheit weiß das gewöhnliche, äußere Erkennen wenig, nur die äußeren Tatsachen. Mehr wie eine fable convenue ist es aber eigentlich nicht, was man heute die Geschichte nennt. Was in der Geschichte lebt, was aus der Geschichte heraus die Menschheit vorwärtsbringt, das lernt man erst in seiner Wahrheit kennen, mit denjenigen Kräften, die ich Ihnen eben geschildert habe. Da lernt man erkennen, wie Geistiges waltet im geschichtlichen Werdegang der Menschheit.
Nun, ich will Ihnen nicht dasjenige, was ich auf diesem Gebiet zu sagen habe, in abstrakten Worten schildern, sondern ich möchte Ihnen dasjenige darstellen, was unmittelbar Beziehung haben kann zu den großen Aufgaben der Menschheit in der Gegenwart. Derjenige, der [so, wie] ich jetzt meine, aus den geistig entwickelten Seelenkräften heraus die neuere Menschheitsgeschichte betrachtet, der findet einen bedeutsamen Wendepunkt in der neueren Menschheitsentwicklung in der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts.
Sehen Sie, im Leben werden oftmals sprichwörtlich Dinge gesagt, die eigentlich Illusionen sind oder einseitige Wahrheiten sind. Man sagt zum Beispiel oftmals: Die Natur - und man meint damit im Grunde genommen das ganze Weltgeschehen -, die Natur macht keine Sprünge. In gewissem Sinne ist das richtig, aber in einem anderen Sinne ist es ganz und gar nicht richtig. Die Natur macht fortwährend Sprünge. Man sche sich eine wachsende Pflanze an: Das grüne Laubblatt macht den Sprung zum farbigen Blumenblatt, zu den Staubgefäßen, zu dem Stempel und so weiter im weiteren Wachstum. So auch geschehen in der Geschichte fortwährend Sprünge; diese Sprünge werden nun nicht bemerkt, weil eben der Mensch nicht seelisch das Wirken der Geschichte verfolgt, sondern äußerlich. Derjenige, der seelisch das Werden in der Geschichte verfolgt, der kann deutlich sehen, dass seit der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts die menschliche Seelenverfassung in der zivilisierten Welt eine ganz andere geworden ist als vorher. Da haben wir zu unterscheiden einen langen Zeitraum der Menschheitsentwicklung von dem unsrigen, der in der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts begonnen hat und in dem wir jetzt noch als in unserer Entwicklungsepoche drinnenstecken. Die unmittelbar vorhergegangene Entwicklungsepoche, sie hat begonnen etwa im achten Jahrhundert v. Chr. Sie hat gedauert vom siebten vorchristlichen Jahrhundert bis in die Mitte des fünfzehnten nachchristlichen Jahrhunderts, was die äußere Geschichte gar nicht erzählt. Wer so, wie ich es heute geschildert habe, die Geschichte betrachtet, dem geht es auf: Die Menschen waren ganz anders in derjenigen Epoche, die im achten vorchristlichen Jahrhundert begonnen hat, und die in der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts abgeschlossen war. Da waren die Menschen so anders, wie ich es Ihnen durch ein Bild kurz darstellen will.
Sie wissen alle, meine sehr verehrten Anwesenden, dass der Mensch heute, indem er sich entwickelt in seinen Kinderjahren, mit Bezug auf seine körperliche, physische Entwicklung, ParallelStadien durchmacht mit seinem Seelisch-Geistigen. Bedenken Sie nur — und Sie können das nachlesen, was das bedeutet, in meinem kleinen Büchelchen «Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft aus» —, wie tief eingreift in dasjenige, was sich im Kinde heranentwickelt, der Zahnwechsel gegen das siebente Jahr. Und für denjenigen, der gut beobachten kann, wie wichtig ist dasjenige, was da eingreift in das Leben des Kindes, in das Seelische und Geistige noch viel intensiver eingreift, als die Menschen gewöhnlich glauben. Das ist die erste Epoche, wo der Mensch neben der leiblich-physischen Entwicklung eine Parallel-Entwicklung durchmacht in Bezug auf sein Geistig-Seelisches. Die zweite Epoche beendet der Mensch mit der Geschlechtsreife im vierzehnten, fünfzehnten Jahr. Ganz anders entwickelt sich der Mensch zwischen dem siebenten und vierzehnten Jahr. Und wiederum anders, aber so, dass er noch den Parallelismus hat mit der leiblichen Entwicklung, bis zum einundzwanzigsten Jahr. Und derjenige, der genau beobachten kann in unserer Zeit, der sieht, dass die heutige Menschheit in Bezug auf das Geistig-Seelische noch zeigt einen Parallelismus bis zum siebenundzwanzigsten Jahr. Dann hört dieser Parallelismus auf. Dann emanzipieren wir uns gewissermaßen innerlich mit Bezug auf unser Geistig-Seelisches von dem Physisch-Leiblichen. Dann gehen diese Entwicklungen nicht mehr miteinander parallel. Das aber, was ich jetzt schildere als ein Kennzeichen der gegenwärtigen Menschheitsentwicklung und wovon alles abhängt, was zwischen Mensch und Mensch, was in der menschlichen Gesamtheit überhaupt vorgeht, das war anders vor der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts, das war anders durch den ganzen langen Zeitraum, allerdings sich fortentwickelnd vom achten vorchristlichen Jahrhundert bis zur Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts. Da war der Mensch mit einem Parallelismus behaftet viel längere Zeit. Da konnte man noch, wenn auch nicht so stark wie beim Zahnwechsel und bei der Geschlechtsreife, leibliche Veränderungen, die seelischen Veränderungen entsprachen, bis in den Anfang der 30er Jahre erleben. Und derjenige, der wirklich verstehen will, was mit dem Griechentum in der Welt da war, was mit dem Griechentum eingetreten ist in die Menschheitsentwicklung, der muss wissen, dass das, was man gewöhnlich die griechische Menschennatur nennt, was man als das Harmonische des Griechentums empfindet, was man so empfunden hat, dass man die Nachwüchse und auch Nachwehen des Griechentums bis in unsere Zeit hereinträgt, dass das beruht auf dieser länger aufsteigenden Entwicklungsfähigkeit des Leiblich-Physischen der Menschennatur. Das geht parallel mit demjenigen, was die geistigseelischen Eigenschaften sind. Beim Griechen, beim Römer waren die geistig-seelischen Eigenschaften so, dass man sagen kann: Die Verstandes- und Gemütskräfte entwickelten sich mehr instinktiv; instinktive Gemütskräfte, instinktive Logik, instinktiver Verstand, instinktives Forschungsvermögen finden wir in jener Zeit.
Seit der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts treten an Stelle des instinktiven Verstandes die selbstbewussten Verstandeskräfte, die selbstbewussten Gemütskräfte. Alles, was im Staate und in der Gesellschaft, im sozialen Organismus ist, es war anders in dem Zeitraum vom achten vorchristlichen bis zum fünfzehnten nachchristlichen Jahrhundert, anders, als es in unserem Zeitalter sein kann. Aus dem Innersten der menschlichen Entwicklung heraus entwickelte sich dasjenige, was in der Außenwelt für die heutige Menschheit dasteht. Niemals hätte sich entwickeln können die neuere Naturwissenschaft mit alledem, was in der menschlichen Seelenverfassung liegt, niemals hätte sich entwickeln können der neue Industrialismus, wenn nicht um die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts dasjenige in der Menschheitsentwicklung geschehen wäre, was man nennen kann den Übergang der instinktiven in die selbstständigen Seelenund Gemütskräfte. Daher will sich der Mensch seit der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts aus der inneren Natur heraus auf die Spitze seiner Persönlichkeit stellen. Aus diesen inneren Impulsen der Entwicklung der Menschheit folgt dasjenige, was äußeres Wirtschaftsleben ist, was ökonomische, industrielle Ordnung ist, was auch naturwissenschaftliche Erkenntnisrichtung ist; folgt dasjenige, was man so charakterisieren kann, dass man sagt: Der Mensch musste, weil er selbstbewusst werden sollte seit der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts, mehr oder weniger auf Verstandes- und auch auf praktischen Gebieten eine Art Materialismus entwickeln. Er musste gewissermaßen von den Instinkten des Geisteslebens verlassen werden. Aber heute ist die Zeit wiederum gekommen, wo der Mensch selbstbewusst auch von der Erringung [Orientierung] im Materiellen aufsteigen muss zum bewussten Ergreifen des Geisteslebens, wie ich das geschildert habe.
Nun sieht man am besten dasjenige, was sich wandelte in der Entwicklung der Menschheit, wenn man den Blick lenkt auf das bedeutsamste Ereignis, das im Laufe der ganzen menschheitlichen Erdenentwicklung innerhalb dieser Entwicklung aufgetreten ist, auf dasjenige Ereignis, das der Menschheits- und Erdenentwicklung den eigentlichen Sinn gibt, wenn man den Blick hinlenkt auf das Mysterium von Golgatha, durch welches das Christentum begründet worden ist.
Was hat die Menschheit die ihre seelischen und leiblichen Kräfte so, wie ich es geschildert habe, ausgebildet hat vom achten vorchristlichen bis zum fünfzehnten nachchristlichen Jahrhundert, was hat diese Menschheit, die auch leiblich-physisch entwicklungsfähig geblieben ist, bis in die 30er Jahre herein, was hat diese Menschheit empfunden gegenüber dem, was geheimnisvoll sich bei dem Mysterium von Golgatha abgespielt hat? Diese Menschheit hat mit jenen Seelenkräften, die aus dem instinktiven Verstand, aus dem instinktiven Gemüt herauskommen, die aus einem Leibe herauskommen, der so, wie der unsrige nur bis zum Ende der 20er Jahre entwicklungsfähig ist, bis in die 30er Jahre hinein entwicklungsfähig war, diese Menschheit des griechisch-lateinischen Zeitalters, sie konnte hinschauen auf das Mysterium von Golgatha, und sie empfand in dem Ereignisse von Golgatha ein übersinnliches Ereignis, das hereinbrach in die menschheitliche Erdenentwicklung. Man verstand dazumal instinktiv, dass nicht nur gelebt hat irgendein Mensch in Nazareth oder in Palästina überhaupt, sondern dass in diesem Menschen Jesus von Nazareth eine übersinnliche Wesenheit gelebt hat, auf die nicht hinschauen konnten, weil sie noch nicht mit der Erde verbunden waren, die Menschen vor der Entwicklung des Christentums. Durch das Ereignis von Golgatha trat ein Geistiges, das vorher nicht mit der menschheitlichen Erdenentwicklung verbunden war, durch den Leib des Jesus von Nazareth in diese menschliche Erdenentwicklung ein. Das hat die Menschheit, die entwicklungsfähig war bis in die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts so, wie ich es geschildert habe, instinktiv verstanden.
Anders sollte die Entwicklung verlaufen von der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts angefangen bis heute. Da waltete nicht der instinktive Verstand, die instinktiven Gemütskräfte. Da entwickelte sich nicht wie bis zum Ende der zwanziger Jahre unser Leib bis in die dreißiger Jahre hinein; dafür aber, dass wir unabhängig werden heute ungefähr nach dem siebenundzwanzigsten Jahr ganz und gar von der leiblich-physischen Natur, dadurch entwickeln wir die menschliche Persönlichkeit zur vollen Freiheit. Aber diese Erziehung zur Freiheit, sie muss den Geist aus sich selber finden. Sie muss daher, indem sie äußerlich um sich schaut, eine Weile nur die Materie schauen. Denn würde sich uns der Geist aus der Materie aufdringen, so würden wir uns nicht selber zum Geiste zu erziehen brauchen. Aber unter dem Einflusse dieser menschheitlichen Entwicklungsimpulse ist die Wahrheit von Golgatha selber einer Veränderung unterworfen gewesen. Derjenige, der innerlich nicht mit Vorurteilen der heutigen äußerlichen Erkenntnis, sondern der innerlich die Entwicklung der Gedanken der Menschheit über das Christentum in Betracht zieht durch die Jahrhunderte hindurch, der weiß, dass sich im materialistischen Zeitalter, das notwendig über die Menschheit kommen musste seit der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts, das von heute ab aber wieder überwunden werden muss, er weiß, dass damit auch die Anschauungen über das Mysterium von Golgatha materialisiert werden mussten. Wir haben es erlebt, dass im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts schon und insbesondere im Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts die Menschen, auch die Theologen, geradezu stolz darauf gewesen sind, nicht mehr von dem Christus als einem übersinnlichen Wesen zu sprechen, das in dem Leibe des Jesus von Nazareth gelebt hat; sondern sie haben es gefunden als besser anstehend dem aufgeklärten Menschen der Gegenwart, wie sie sagen, von dem «schlichten Mann von Nazareth» bloß zu sprechen. Sie haben den Christus verloren und schildern in einer materialistischen Terminologie den Menschen von Nazareth so, als ob nicht der Christus als eine übersinnliche, überirdische Wesenheit gelebt hätte in ihm. Sie schildern ihn nur als einen hoch entwickelten Menschen, aber eben doch nur als einen entwickelten «Menschen».
Auch durch diese Prüfung musste die neuere Menschheit hindurchgehen. Aber es ist eine Prüfung, meine sehr verehrten Anwesenden. Und indem wir so, wie ich es geschildert habe, finden, auch aus dem selbstbewussten Verstand, aus den selbstbewussten Gemütskräften, aus intellektueller Bescheidenheit heraus den Weg in die übersinnlichen Welten, werden wir auch wiederum den Weg finden zu einer übersinnlichen Auffassung des Christentums. Bewusst werden wir hinschauen lernen zu dem Mysterium von Golgatha, wie die Menschen des griechischen Zeitalters, wie in einer heute abgelaufenen Weise die Menschen bis in die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts instinktiv hinschauten auf das Mysterium von Golgatha, das nach dem ersten Drittel jenes griechisch-lateinischen Zeitraumes als der Erde eigentlicher Sinn hereingebrochen ist in die Menschheitsentwicklung. Das wird ein Bedeutsames sein in der neueren Menschheitsentwicklung, wenn aus der Eroberung der geistigen Welt, aus der Erkenntnis der übersinnlichen Menschenwesenheit heraus der Mensch finden wird in einer neuen Art auch den Weg zum Mysterium von Golgatha.
Dann wird diese neue Christuserkenntnis Platz greifen können in den Seelen über die ganze zivilisierte Erde hin. Dann wird überwinden diese neue Christusidee dasjenige, was heute anhaftet den Christusauffassungen aus konventionellen Beengtheiten heraus, selbst aus Religionsbekenntnissen-Beengtheit heraus. Die Menschen, wie sie auch sonst nach Rassen und Völkern stehen mögen, sie werden, wenn selbstbewusst der Weg zum Mysterium von Golgatha gefunden wird, sie werden diesen Weg finden über die ganze zivilisierte Erde hin. Dann wird, von diesem Impuls ausgehend, etwas kommen, was heute gesucht wird, aber gesucht wird von einem utilistischen Standpunkt aus. Wir hören heute von Leuten, die eben am Äußerlichen haften, von dem Streben nach einem Völkerbund. Und einer derjenigen Menschen, die nun leider auch zu einer gewissen Zeit in Deutschland recht sehr überschätzt wurden, einer derjenigen, die die Menschen in solche Abstraktionen leiten, einer derjenigen Menschen ist Woodrow Wilson. Redet man so wie er über die Begründung eines Völkerbundes, dann redet man über etwas, zu dem man nicht erst aus der Wirklichkeit heraus die Bedingungen schafft. Wer heute davon redet, dass sich aus den Aspirationen der einzelnen Völker ein Völkerbund ergeben soll, der redet so, dass man sieht, er hat nie begriffen das große Gleichnis des Turmbaus zu Babel. Denn was will er denn eigentlich? Er will den Turmbau zu Babel fortsetzen. Die Völker so [lassen], wie sie sind; durch dasjenige, wodurch sie zu Völkern aus dem Einheitlichen heraus geworden sind, will er gerade den Völkerbund begründen. Als eine Illusion, als eine Abstraktion wird sich das ergeben. Aber umgekehrt ist es. Durch ein neues geistiges Leben muss begründet werden dasjenige, was gemeinsam werden kann in allen Menschenseelen: die Erkenntnis des geistigen Mittelpunktes der Menschheitsentwicklung; die Erkenntnis der übersinnlichen Natur des Mysteriums von Golgatha in seiner Bedeutung für die ganze Menschheit, ohne Unterschied von Religion und Rasse und Volkstum. Aus dieser Empfindung heraus, aus diesem Hinschauen zu dem Christusereignis, dem einmaligen Christusereignis, wird die reale Kraft zu dem neuen Völkerbund entstehen. Und nicht eher werden die Menschen über die Erde hin, über die zivilisierte Welt hin ihre Harmonie finden, ehe sie nicht aus einer neuen Eroberung des Geistes heraus den Weg gefunden haben zu einem neuen Christentum, das die Menschen über die Erde hin einigen kann. So sehen wir: Das liefert diejenige Erkenntnis, von der ich Ihnen schildern durfte, dass sie über Geburt und Tod hinaus zum ewigen, übersinnlichen Menschenwesen führt. Wir sehen, dass diese Erkenntnis zu gleicher Zeit zu einer solchen Durchdringung der menschlichen Entwicklung führt, die gehören muss zu den allerwichtigsten Aufgaben der gegenwärtigen Zeit. Und erfasst man die menschliche Natur in einer solchen Tiefe, dass man bei diesem Erfassen nicht auf jene äußere Menschenwesenheit bloß stößt, auf die die heutige äußere wissenschaftliche Erkenntnis stößt, fasst man die Menschenwesenheit so, dass man aus der intellektuellen Bescheidenheit heraus die Kraft findet, sich weiterzuentwickeln, wie man sich von der Kindheit bis hierher entwickelt hat, wo man im gewöhnlichen Leben angekommen ist, dann findet man auch die die Menschen einigenden Worte.
Ein starkes Chaos lebt über die zivilisierte Erde hin, eine furchtbare Wirrnis. In jeder Seele muss aufgehen die Sehnsucht, den Weg zu finden aus solcher Wirrnis, aus solchem Chaos heraus, Wirrnis und Chaos sind groß. Die Kraft, die angewendet werden muss, um aus ihnen herauszukommen, sie muss auch groß sein; sie muss starke, große Vorurteile überwinden. Scheint es auch heute vielleicht für viele zu stark, das Vorurteil, das überwunden werden muss, der Weg zu der neuen Erfassung des übersinnlichen Ereignisses von Golgatha, er muss gegangen werden. Denn die Menschheit, sie hat heute vor sich - das werden wir nun von außen zu beleuchten haben im nächsten Vortrag — zwei Wege. Der eine Weg geht links, der andere geht rechts. Wir können in einseitiger Weise auffassen, indem wir das Pendel zwischen beiden ausschlagen lassen, dasjenige, was in Materialismus, in den egoistischen Persönlichkeitskräften sich seit der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts entwickelt hat. Wir können aber auch rechts gehen und können bewusst den Geist wieder erobern aus unserem industriellen und naturwissenschaftlichen Zeitalter heraus. Lernt man erkennen die Entwicklung der Menschheit so, dass sozial übersinnliches Leben in dieser Entwicklung drinnenlebt, dann wird das [zur Erkenntnis werden], was heute noch viele für einen Aberglauben oder für eine Illusion halten, dasjenige, auf das Lessing hingewiesen hat, die wiederholten Erdenleben. - Lessing, der aufgeklärte Mensch, er hat zuerst, wie in der Morgenröte der neueren Zeit, in seiner «Erziehung des Menschengeschlechtes» auf die wiederholten Erdenleben des Menschen hingewiesen; sodass der Mensch durchläuft, solange die Erde in ihrer Entwicklung ist, wiederholte Erdenleben. Zwischen diesen wiederholten Erdenleben lebt er in einer geistig-seelischen Welt, aus der er durch die Geburt oder die Empfängnis herunterkommt in die physische Welt, aus der er dann wieder hinaufgeht durch die Pforte des Todes. Sich hineinzufinden in das Große, das mit solchen Gedanken bereits einmal angehoben hat bei Lessing, bei Herder, bei Goethe und so weiter, das führt nach rechts. Und wir in Mitteleuropa, wir müssen jetzt, da die Zeit der äußeren Not und des äußeren Elends vielleicht für uns begonnen hat, [das muss] schon gesagt werden in unserer schweren Zeit, wir müssen lernen, wiederum anzuknüpfen an jene Schritte, die in Mitteleuropa gemacht worden sind von den großen deutschen Geistern, die ich eben genannt habe, in die übersinnliche Welt hinein. Und wir müssen den Mut haben, weitere solche Schritte zu machen, weiter hineinzugehen in die übersinnliche Welt. Sonst verfällt die Menschheit in dasjenige, was man in der folgenden Art charakterisieren kann.
Will die Menschheit den Weg nur nach links gehen, dann wird sie dasjenige weiter fortsetzen, was eine Zeit lang über die Menschheit kommen musste, damit der Mensch seine freie Persönlichkeit ausbilden konnte. Von einem anderen Gesichtspunkte aus habe ich das schon im Beginn der Neunzigerjahre in meinem Buche «Die Philosophie der Freiheit» geschildert. Um zur Freiheit zu gelangen, musste der Mensch ausbilden, was in das neuere Zeitalter ihn so hineinführte, dass er seinen Geist mechanisiert hat. Er übersieht nur dasjenige, was maschinenmäßig ist in der äußeren Welt, und begreift es. Bleibt er dabei stehen, dann kann er seine Seele nicht zu dem erwecken, was ich heute geschildert habe als erweckbar aus der intellektuellen und willentlichen Bescheidenheit heraus; dann tritt zu der Mechanisierung des Geistes die Vegetarisierung der Seele, die Schläfrigkeit der Seele. Dann aber tritt zu der Schläfrigkeit der Seele, weil der Leib unedel wird, wenn er nicht von der geistdurchleuchteten Seele durchglüht wird, dann tritt für den Leib ein die Animalisierung. Dann treten die sozialen Forderungen aus den animalischen Trieben heraus auf. Das zeigt sich in der Gegenwart. Wir haben ein mechanisiertes Geistesleben. Wir haben aber auch mit Bezug auf die übersinnliche Menschenwesenheit die schläfrige, pflanzenartige Seele, die vegetative Seele. Und wir haben dasjenige, was im Osten Europas gerade auf der groß angelegten russischen Volksseele, wie diese Volksseele tötend, heute auftritt; auftritt wie ein Neues an sozialen Forderungen, was aber nichts anderes ist als das Sprechen des animalisierten Menschen. Das ist das Dritte.
Wollen wir wirklich einen Ausweg finden aus dem heutigen Chaos und der heutigen Wirrnis, dann müssen wir ohne Vorurteile hinblicken darauf, dass wir in Mitteleuropa, und dass die westliche Zivilisation die Mechanisierung des Geistes und die Schläfrigkeit der Seele ausgebildet haben, und dass als die Folge davon im Osten die animalisierten Triebe auftreten, die der Mensch heute nur fürchtet, die er aber verstehen lernen muss, damit er sie überwindet, damit er aus diesem illusionistischen, aus diesem verderblichen Sozialismus des Ostens zu einem wahren Sozialismus, von dem wir eben übermorgen sprechen wollen, zu einem durchgeistigten, zu einem durchseelten Sozialismus kommen können. Das ist für den Menschen notwendig, dass er nicht den Weg links mit der Mechanisierung des Geistes, der Vegetabilisierung der Seele, der Animalisierung des Leibes geht, sondern dass er den Weg geht, der ihn wiederum hinführt zur Durchdringung der übersinnlichen Menschennatur und der übersinnlichen Natur der Welt überhaupt. Dass er empfange aus seinem höher entwickelten Selbstbewusstsein der neueren Zeit heraus in seinem Geiste das Licht, in seiner Seele die Wärme, das Geistige, dadurch in seinem Leibe das Veredelnde, das zur wirklichen sozialen Liebe, zur echten Brüderlichkeit führen wird. Nur wenn wir so finden den Weg zur Durchleuchtung des Geistes, zur Durchgeistigung der Seele, zur Veredelung des Leibes, nur dann werden wir in eine bessere Zukunft hineingehen können. Dann wird nicht die äußere Materie, der ökonomische Prozess, sondern dann werden der Geist und die Seele uns hineinführen in diese Neuordnung. Der Geist aber kann den Menschen nur leiten, wenn der Mensch dem Geiste entgegenkommt; wenn der Mensch seinen Intellekt in Bescheidenheit durchglühen lässt von dem Geiste; wenn der Mensch die Seele wiederum durchdringen lässt von dem, was er als Geist erleben kann. Und glauben Sie nicht, dass in unserer Zeit jeder selber ein Geistesforscher werden soll, obwohl bis zu einem gewissen Grade heute jeder Geistesforscher werden kann; wie ich es ausgeführt habe in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten». Aber während man auf allen übrigen Gebieten nur hinschauen kann in der Wissenschaft auf den Autoritätsglauben der Wissenschafter hin, ist gerade das nicht wahr, was die Menschen so gerne behaupten möchten, dass die übersinnlichen Wahrheiten, wenn sie erforscht sind, nur auf Autoritätsglauben hin für wahr befunden werden können. Nein, die menschliche Natur ist so geschaffen, dass, wenn sie nur die Vorurteile wegräumt, die die letzten vier Jahrhunderte vor die Menschenseele aufgetürmt haben, dann wird jede einzelne Menschenseele, wenn auch heute noch nicht, hineinschauen können in die übersinnliche Welt, doch hinnehmen können dasjenige, was der Geistesforscher erforscht hat. Was der Astronom, der Physiologe erforscht, es wird hingenommen von den anderen Menschen. Es kann aus dem gesunden Menschenverstand heraus jede Seele heute auf die bloße Offenbarung derjenigen hin, die diese übersinnliche Welt erforscht haben, in diese übersinnliche Welt hinein den Weg selber finden. Dann wird diese Seele auch den Weg in ein wahres soziales Leben hinein [finden]. Denn dieses soziale Leben, es kann nimmermehr auf bloßer Naturnotwendigkeit, auf bloß äußerer wirtschaftlicher oder ökonomischer Notwendigkeit beruhen. Es kann das geläuterte soziale Leben nur auf der Freiheit beruhen. Die Freiheit des äußeren Lebens aber, sie kann nur auf jener höchsten Freiheit beruhen, welche ausgebildet werden muss im Innersten der Menschenseele. Alle äußere Freiheit darf nur sein in alle Zukunft hinein, damit die Menschheit aus Wirrnis und Chaos herauskommt, alle äußere Freiheit darf nur sein die unmittelbare Ankündigung der innerlich befreiten Menschenseele.
Möge der Mensch durch den Weg des Geistes und der seelischen Erforschung den Weg finden zu dieser innerlichen Befreiung, damit er ihn auch finden kann zur äußeren sozialen Befreiung.