The Big Questions of our Time and Anthroposophical Spiritual Knowledge
GA 336 — 28 July 1919, Mannheim
11. Freiheit für den Geist, Gleichheit für das Recht, Brüderlichkeit für das Wirtschaftsleben
Meine sehr verehrten Anwesenden! In dem Vortrage vorgestern versuchte ich darzustellen den Weg in übersinnliche Welten hinein, welcher von der modernen Menschheit begangen werden kann und welcher entsprechen soll demjenigen, was aus dem Zeitbewusstsein und aus der Stufe der Menschheitsentwicklung, auf der wir stehen, heraus der Mensch von sich aus heute als eine Forderung aufstellt, wenn er auch diese innere Seelentatsache bisher mehr ahnt, als mit genauem Bewusstsein verfolgt. Eine Forderung, eben hinein in die übersinnliche Welt auf anderen Wegen, als diejenigen sind, die man bisher zu verstehen gewöhnt war.
Nicht so sehr, weil ich glaube, dass das unmittelbare inhaltliche Hineinleben gerade in diejenige Form übersinnlicher Weltanschauung, von der ich vorgestern gesprochen habe, zugrunde liegen müsse auch den Gedanken und Impulsen der Neugestaltung unseres äußeren öffentlichen, namentlich sozialen Lebens, sondern weil ich der Überzeugung bin, dass zum Durchdringen des Übersinnlichen vom Gesichtspunkte des heutigen Menschen aus eine solche Umwandlung des ganzen Seelenlebens notwendig ist, wie sie auch stattfinden muss, um die großen Probleme, [um] die sozialen Probleme der Gegenwart zu lösen, weil sich einfach, wie ich glaube, das Denken, das Empfinden schulen muss an solchen Gedanken und Ideen über das Übersinnliche, wie sie erwähnt worden sind, habe ich den Vortrag am letzten Sonnabend hier dem heutigen vorangeschickt. Denn, meine sehr verehrten Anwesenden, ich glaube allerdings, dass ein Herauskommen aus den Wirrnissen und dem Chaos der gegenwärtigen sozialen Lebensgestaltung nur möglich ist dadurch, dass man mit vollem Bewusstsein und ohne Scheu auf das ganz Radikale der Umwandlung hinzuschauen vermag, in der wir gegenwärtig mit Bezug auf dieses unser öffentliches Leben drinnenstehen. Ich glaube nicht, dass derjenige, welcher in der so schreckensvollen Weltkriegskatastrophe nur ein Ereignis sieht, das gewissermaßen unterbricht den Menschheitsentwicklungsgang, der sich nachher wiederum in derselben Weise fortsetzen kann, ich glaube nicht, dass, wer so diese Kriegskatastrophe ansieht, geneigt ist, die Gedanken und Empfindungen aufzubringen, welche heute notwendig sind für den Menschen, der mittun will an dem, was notwendiger Aufbau ist. Mir scheint, dass nur derjenige so mittun und mitdenken kann, welcher in dieser Weltkriegskatastrophe den Zusammenbruch einer alten Geistes-, einer alten Weltanschauung wirklich zu sehen vermag, und der zugleich zu sehen vermag neue Forderungen, die herauftauchen, die keineswegs noch eine bestimmte Gestalt, von der man sich das Nötige für die Zukunft versprechen kann, angewöhnt haben, die aber doch schon ankündigen überall wenigstens Teile dessen, dem wir zuzustreben haben. Aber noch können diejenigen, welche in der alten Anschauung drinnenstehen, welche mit ihren Gedanken sich eingewöhnt haben in den alten sozialen Geist, welche mit ihren Lebensgewohnheiten in den alten Einrichtungen wurzeln, noch können sie sich nicht entschließen, wirklich anzunehmen, dass eine gründliche Umwandlung notwendig ist. Und noch können diejenigen, welche mit ihren neuen Forderungen ehrlich und aufrichtig auftreten, sich nicht entschließen, die Wirklichkeit des Lebens so gründlich anzusehen, wie es nötig ist, um diese Forderungen des Charakters der Parteiungen, des Charakters der abstrakten Programme zu entkleiden und sie herauszudenken, herauszuempfinden aus der unmittelbaren Wirklichkeit des Lebens. Erst wenn die Menschheit dahin gelangt sein wird, dass sie sehen wird den furchtbaren Abgrund, der zwischen zwei Bevölkerungsschichten heute sich aufgetan hat, dann wird sie auf der Höhe des geistigen Lebens und seiner Forderungen stehen. Tatsächlich leben wir heute so in einer Übergangszeit, dass wir alle Einzelheiten, alle einzelnen Eigenschaften eines Untergehenden uns vor die Seele führen müssen; dass wir auf der anderen Seite sorgfältig alles dasjenige prüfen müssen, was sich in mehr oder weniger unbestimmter Weise als neue Forderungen geltend macht.
Und so, meine sehr verehrten Anwesenden, wird unser Blick zunächst, indem wir die Zeiterscheinungen anschauen, nicht hingewendet zu dem, wovon ich letzten Samstag sprach. Sondern unser Blick wird hingelenkt zu demjenigen Glied des Lebens, das gewissermaßen entgegengesetzt ist der eigentlichen Geistesströmung der Menschheit, aus dem aber aufquillt alles dasjenige, was die heutige Zeit an neuen Forderungen enthält, und an dem sich zeigt der Zusammenbruch aller Denk- und Lebensgewohnheiten; unser Blick wird gewendet, wenn wir uns klar werden wollen über den eigentlichen Charakter der Zeit, auf das Wirtschaftsleben. Und innerhalb dieses Wirtschaftslebens, ich denke, man sieht ganz klar, dass zwei Menschheitsanschauungen, Menschheitsempfindungsweisen sich geltend machen, zwischen denen ein Abgrund ist, und die sich heute weniger verstehen können, als solche Menschheitsströmungen jemals innerhalb der Menschheitsentwicklung sich verstanden haben. Man hat auch nicht die Neigung, überall auf das eigentlich Charakteristische hinzuschauen. Vor allen Dingen hat man nicht die Neigung, auf das Wirtschaftsleben der Gegenwart so hinzuschauen, dass man in ihm erkennt andere Kräfte noch als die eigentlich wirtschaftlichen, die sich geltend machen sowohl im Zusammenbruch wie in dem zu erhoffenden Neuaufstieg. Aber eine umfassende Anschauung, sie darf nicht zurückscheuen vor dem Aufmerksammachen auf diese anderen Kräfte. Daher werde ich heute nötig haben, nicht bloß vom Wirtschaftsleben zu sprechen, sondern auch von allem Übrigen, das im Wirtschaftsleben steht, und das ebenso eine Erneuerung, eine Umwandlung durchmachen muss als das Wirtschaftsleben selbst. Ich werde Ihnen daher zu sprechen haben heute von der eigentlichen Grundforderung unserer Zeit als einer dreifachen. Ich werde zu sprechen haben von der sozialen Frage als einer Geistesfrage oder Kulturfrage, ich werde zu sprechen haben von der sozialen Frage als einer Rechts- oder Staatsfrage; ich werde zu sprechen haben von der sozialen Frage als einer Wirtschaftsfrage.
Aber hat sich nicht dieses wirtschaftliche Leben in der neueren Zeit so herausgebildet, dass wir sagen können: Es überflutet im Grunde genommen alles, und wir sind mit Bezug auf das äußere öffentliche Leben ganz abhängig geworden, auch mit Bezug auf das geistige Leben und mit Bezug auf das rechtliche Leben, ganz abhängig geworden von der Gestaltung unseres Wirtschaftslebens.
Sehen wir zunächst hin auf dasjenige, was wir nennen können die geistige Kultur der Gegenwart. Diese geistige Kultur der Gegenwart, sie hat viele Lobreden erfahren. Immer wieder und wiederum hat man es betont, und von einem gewissen Gesichtspunkte aus mit Recht betont, wie unendlich weit die Menschheit es gebracht hat mit Bezug auf die Ausgestaltung des geistigen Lebens, der geistigen Kultur. Immer wiederum hat man darauf aufmerksam gemacht, wie märchenhaft unsere Geisteskultur erscheinen müsste demjenigen, der heute aufstehen würde als ein Bürger, der vor einem Jahrtausend gelebt hat und das damalige menschliche Geistesleben überblickt. Immer wiederum hat man betont, wie der Gedanke heute durch die menschlichen Hilfsmittel mit Blitzesschnelle über die ganze Erde hineilt. Immer wiederum hat man betont, wie die Grenzen, die früher den einzelnen Kulturgebieten gezogen worden sind, in der neueren Zeit überwunden wurden - und Ähnliches mehr.
Allein wenig war man bedacht auf etwas, was zusammenhängt, innig zusammenhängt mit dem ganzen Grundcharakter dieses unseres neueren Geisteslebens. Mit diesem Grundcharakter unseres neueren Geisteslebens hängt zusammen, dass nur eine geringe Minderheit von Menschen an dieser eigentlichen Geisteskultur teilnehmen kann. Sie selbst ist so geartet, diese Geisteskultur, dass nur diese geringe Minderheit aus ihren Denkgewohnheiten, aus ihrer ganzen Gefühlsweise sich hineinfinden kann in dasjenige, was auf den verschiedensten Gebieten des neueren Geisteslebens zutage tritt, wenn es sich handelt um die eigentliche geistige Ausgestaltung dieser Kultur. Wir haben ein reiches Literaturleben, ein reiches Kunstleben. Wir haben die verschiedensten Weltanschauungen. Wir haben eine ausgebildete Ethik und so weiter, und so weiter. Aber alles das umschließt menschliche Impulse, menschliche Ideen, menschliche Empfindungen, die herausentspringen aus der besonderen Seelenartung von wenigen. Und diese Wenigen, sie müssen sich erobern dieses geistige Leben dadurch, dass die große Masse der Menschen einfach nicht teilnehmen kann an diesem geistigen Leben. Derjenige, der von diesem Gesichtspunkte aus überblickt, was eigentlich in der Gegenwart mit Bezug auf diese Kultur geschieht, der weiß das Folgende sehr gut: Er weiß, dass heute auf vielen Seiten der gute Wille besteht, durch allerlei volkstümliche Kunstveranstaltungen, Volkshochschulen und dergleichen dasjenige, was von einer Minderheit geistig erobert wird, der großen Mehrheit mitzuteilen. Allein, so gut der Wille auf diesem Gebiete sein mag, er führt nicht zu dem, wozu er eigentlich führen soll; er führt im Grunde genommen doch nur zu einer Kulturlüge. Denn, meine sehr verehrten Anwesenden, das Geistesleben ist so geartet, dass man an irgendeiner Gestaltung desselben nur teilnehmen kann, wenn dieses Geistesleben herausquillt aus den ursprünglichsten menschlichen Lebensempfindungen und Lebenserfahrungen. Nun aber ist unsere Menschheit gespalten in eine geringere Minderheit derjenigen, aus deren Lebensgewohnheiten heraus das heutige Geistesleben quillt, und in die große Masse, welche nur der Handarbeit, dem äußeren Wirtschaftsleben hingegeben ist und innerhalb dieses äußeren Wirtschaftslebens die Lebensgewohnheiten, die innere Seelenverfassung entwickelt, und keinen wirklichen inneren Zugang finden kann zu dem, was die Seele einer Minderheit ihr Geistesleben nennt. Wir mögen heute mit noch so gutem Willen dasjenige, was wir an Wissenschaft, an Kunst erzeugen, mitteilen durch volkstümliche Veranstaltungen der großen Masse, wir geben uns einer großen Illusion hin, wenn wir glauben, dass diese große Masse wirklich ins Innere der Seele hinein aufnehmen kann dasjenige, was die Minderheit als ihr geistiges Eigentum anzuschauen in der Lage ist. Darüber, meine sehr verehrten Anwesenden, muss man eigentlich aus den Lebenserfahrungen heraus sprechen. Und daher gestatten Sie, dass ich gerade mit Bezug auf das eben Angedeutete eine scheinbar persönliche Bemerkung vorbringe, die aber symptomatisch gemeint sein soll für dasjenige, was ich hier bespreche. Ich war lange Jahre hindurch Lehrer an einer Arbeiterbildungsschule. Meine Schüler waren durchaus Angehörige des Proletariats. Ich versuchte dazumal innerhalb dieser Arbeiterbildungsschule auf den verschiedensten Gebieten des Kulturlebens dasjenige vorzubringen, was ich unmittelbar vorbringen konnte von Mensch zu Mensch, was ich aussprechen konnte auf dem Gebiete der Geschichte, auf dem Gebiete der Naturwissenschaft, sodass immer waltete in dem, was ich aussprach, anderes als etwa dasjenige, was als Allgemein-Menschliches nur auf anderen Gebieten auch letzten Sonnabend hier vorgebracht worden ist. Und ich wurde, indem ich umgestaltete die Geschichte im allgemein-menschlichen Sinn, indem ich umgestaltete das Naturwissen im allgemein-menschlichen Sinn, eigentlich immer gut verstanden. Aber man hatte aus einer gewissen Zeitmode heraus unter den Schülern und der Leitung der Schule auch das Bedürfnis, dass ich zum Beispiel die Schüler führen sollte durch Galerien und dergleichen. Und da stellte sich mir heraus, dass ich mir eigentlich vorkam wie jemand, der von etwas spricht zu den Leuten, die davorstanden, wie von einem ihnen völlig Unbekannten. Sprach ich dasjenige aus, was ich unmittelbar aus der Seele der Menschen entnahm in der Schulstunde, so verstanden wir uns. Sprach ich den Leuten von dem, was von der Minderheit als ihre Kultur, als ihr Geistesleben erzeugt worden ist, so war eigentlich die Mitteilung im Grunde genommen eine Lüge, denn die Menschen fanden nicht aus ihren Denkgewohnheiten, aus ihren Empfindungen heraus den Zugang zu dem, was eben aus ganz anderen Seelenuntergründen heraus stammte. Man hat die Gedanken durchaus in den leitenden Kreisen auf solche Tatsachen und Erscheinungen nicht gerichtet. Daher richtete sich die Kluft, der Abgrund auf zwischen der Geisteskultur der Minderheit und dem Seelenleben, dem ganz in den wirtschaftlichen Kreislauf eingespannten Leben des Proletariers. Was wusste im Grunde genommen in den letzten drei bis vier Jahrhunderten, insbesondere aber im neunzehnten und am Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts derjenige, der der Minderheit angehörte, von dem, was in den Seelen der breiten Masse des Proletariats vorging? Er dirigierte diese breiten Massen zur Arbeit hin, zur Arbeit, die durchaus in der Richtung der Minderheitskultur geschaffen worden ist. Aber er suchte nicht den Zugang zu den Menschen, er suchte nicht den Zugang zu den Herzen und zu den Seelen. Das merkte man gerade dann, wenn man ihn suchte, wie es in dem angeführten Falle durch mich geschehen ist.
Das, meine sehr verehrten Anwesenden, das ist ungefähr dasjenige, was sich von der geistigen Seite her geltend machen lässt mit Bezug auf die Charakteristik der einen Menschheitsstufe. Und sieht man sich dann dieses geistige Leben, dieses Kulturleben der Minderheit näher an, dann muss man in der Tat sagen: Es ist dieses Kulturleben, weil es eben das Leben einer Minderheit ist, fremd dem ganzen menschheitlichen Leben der Gegenwart. Im Grunde genommen leben wir trotz all unseres Hochmuts auf unseren Wirklichkeitssinn, wir leben in einer abstrakten Kultur drinnen; in einer Kultur, die nicht eindringt in die Wirklichkeit des Menschenlebens. Daher braucht man sich nicht zu verwundern, dass diese Kultur ein Gedankenleben erzeugt, das eigentlich wirklichkeitsfremd ist. Ein Gedankenleben, das aus den ganzen Menschen heraus ist, es hat die Eigentümlichkeit, dass es auch untertauchen kann in die Wirklichkeit. Und wenn Sie mir gestatten, noch einmal eine persönliche Bemerkung zu machen, die wiederum nur symptomatisch gemeint ist, so ist es die Folgende:
Ich war genötigt, im Jahre 1914 im Januar zusammenzufassen, absichtlich dazumal in Wien vor einer kleinen Versammlung, denn eine größere hätte mich dazumal wahrscheinlich noch ausgelacht, ich war genötigt, zusammenzufassen dasjenige, was sich mir als Anschauung, die ich erzählte, gebildet hatte über den ganzen [Verlauf] dieses neuzeitlichen Kulturlebens und seiner Denkweise, was ich mir als Anschauung bilden musste über die Richtung, in der dieses Kulturleben hinsteuert. Und ich musste dazumal diese meine, ich glaube, es Erkenntnisse nennen zu dürfen, zusammenfassen - also im Frühfrühling des Jahres 1914 - über dasjenige, was durch die Widersprüche in diesem Geistesleben in die Welt der Menschen hereingebracht wird, ich musste das zusammenfassen, indem ich sagte: Unsere sozialen Verhältnisse bis in die höchsten Höhen hinauf, sie machen auf den, der sie unbefangen beobachtet, den Eindruck einer sozialen Krankheit, eines sozialen Krebsgeschwüres, das in der nächsten Zeit über die ganze zivilisierte Welt hin in furchtbarer Weise zum Ausdruck kommen muss.
Das war dazumal die Meinung eines «unpraktischen Idealisten», wie die heute sagen; die Meinung eines Menschen, der aus seinem Eigenen heraus über die Wirklichkeit etwas entscheiden will. Heute könnte man schon erinnert werden an eine solche Auffassung der Wirklichkeit, wenn man denkt, wie auf der anderen Seite diejenigen, die nun ganz hervorgegangen sind aus der Geisteskultur der Minderheit mit ihrem wirklichkeitsfremden Sinn, wie diese dazumal gedacht haben über das, was da kommen werde. Erinnern wir uns doch daran, dass ein dirigierender Staatsmann im Januar 1914 seine Anschauungen, trotz der Verantwortung, die auf ihm lastete, zusammenfasste in die Worte, die er dazumal einer parlamentarischen Körperschaft sagte: Wir leben in einer allgemeinen Entspannung der politischen Verhältnisse - so sagte er ungefähr -, die uns hoffen lässt, in der nächsten Zeit in Europa den Frieden zu erhalten. - Und er fügte hinzu: Wir stehen in den freundschaftlichsten Beziehungen zur russischen Regierung, die dank der Bemühungen der Kabinette sich nicht einlässt auf die Lügereien der Pressemeute. Und wir denken durchaus — der betreffende Staatsmann sprach als Staatsmann Mitteleuropas — wir denken durchaus, unsere freundnachbarlichen Beziehungen zu Polen fortzusetzen. - Und er fügt hinzu, also in der damaligen Zeit: Mit England schweben Verhandlungen, die das Allerbeste versprechen für den europäischen Frieden. Sie sind zwar noch nicht zum Abschluss gekommen, aber sie werden wünschenswerte Zustände herbeiführen.
Das, meine sehr verehrten Anwesenden, ist die Gedankenrichtung eines in der Bildung der Gegenwart drinnenstehenden Menschen in der Zeit, auf die dann folgte jene furchtbare Weltkatastrophe, durch die Tausende und Abertausende von Menschen in Europa getötet worden sind und dreimal so viel zu Krüppeln geschlagen worden sind. Solche Dinge sollen von dieser Weltkatastrophe gelernt werden, dass bis ins Innerste der Seele hinein die Minderheitskultur den Sinn, den Instinkt für Wirklichkeiten verloren hat. Diese Dinge sind ernster zu nehmen als jemals. Und sie werden nur dann ganz ernst genommen, wenn man nicht vorübergehen will an der Tatsache, dass die Gedanken, die aus dieser wirklichkeitsfremden Grundlage herauskamen, eben nicht geeignet waren, in unser Wirtschaftsleben hinein befruchtende Idee[n] zu bringen. Das will man heute noch nicht wahrhaben. Das ist aber die wichtigste Tatsache des Wirtschaftslebens der neueren Zeit, dass die eigentlich leitenden Kreise verloren haben die umfassenden Gedanken dieses Wirtschaftslebens, und dass daher durch einen langen Zeitraum hindurch über die ganze zivilisierte Welt dieses Wirtschaftsleben eben ablief, wie wenn es mechanisch von selbst ginge. Und die Weltkriegskatastrophe ist nichts anderes als das in seine eigenen Widersprüche, seine eigene Vernichtung Hineintreiben des von den Gedanken verlassenen Wirtschaftslebens; von den Gedanken verlassen deshalb, weil diese Gedanken innerhalb der modernen Geisteskultur nicht aus der Wirklichkeit heraus genommen waren und deshalb auch nicht diese Wirklichkeit meistern und beherrschen konnten. So trieben die leitenden, führenden Kreise ein Wirtschaftsleben, das eben, weil es alte Einrichtungen fortsetzte, das Leben auch fortgab. Aber sie kümmerten sich niemals darum, dieses Wirtschaftsleben vom Menschen aus in die Hand zu nehmen. Aber innerhalb dieses Wirtschaftslebens stieg auf dasjenige, was herkam aus den Herzen, aus den Seelen derjenigen Menschen, die durch ihre Arbeit bloß in dieses Wirtschaftsleben eingespannt sind. Und indem wir darauf blicken, kommen wir auf die andere Seite des Abgrundes; auf die Seite, wo diejenigen stehen, die nicht teilnehmen konnten in der angedeuteten Weise an der Geisteskultur der Minderheit, die, seitdem die moderne Technik, der moderne Kapitalismus heraufgekommen ist, ganz eingespannt waren mit all ihrem Menschenwesen in diese Technik, in diesen sinnverödenden Kapitalismus.
Nun möchte ich sagen: Alles dasjenige, was ich charakterisiert habe als eine Minderheits-Geisteskultur, als ein gewisses Sich-Stellen zu den breiten, arbeitenden Proletariermassen, und als ein Sich-Stellen zu dem mechanischen Ablauf des Wirtschaftslebens, das auf der einen Seite bemerkbar ist - es hat sein Echo gefunden auf der anderen Seite. Und dieses Echo, es entwickelt sich langsam, nach und nach herauf. Nur dann wird man der gegenwärtigen Zeit gerecht, wenn man in dieser Weltkatastrophe sieht das Sich-selbst-ad-AbsurdumFühren des Geistes- und Wirtschaftslebens, das ich soeben geschildert habe. Aber nun tönt von der anderen Seite seit mehr als einem halben Jahrhundert dasjenige, was ausklang einmal in die Worte, die welterschütternden Worte: «Proletarier aller Länder, vereinigt euch!» Und die Weltkriegskatastrophe, sie hat heraufgebracht das Zeitalter, in dem alles dasjenige, was mittlerweile unter dem Einflusse dessen, aus dem jener Ruf entstanden ist, in den Herzen und Seelen der weitesten Kreise des Proletariats sich geltend gemacht hat. Es hat das alles heraufgebracht und zusammengefasst in einer neuen Weise.
Daher ist die Gegenwart erst recht von der Notwendigkeit durchdrungen, verständnisvoll hinzuweisen auf dasjenige, was wie ein Echo auf der anderen Seite des Abgrundes steht. Da sehen wir, dass die Proletariermassen anschauen die Geisteskultur der Minderheit, die ihnen abgegeben werden sollte durch allerlei volkstümliche Veranstaltungen und alles dasjenige, was für die Lebensgewohnheiten der Minderheit zusammenhängt mit diesem geistigen Leben -, da sehen wir, dass die Proletariermassen hinschauen auf das alles, an dem sie nicht teilnehmen konnten; und sie fanden es verständlich, als ihnen der genialische Führer, der ebenso groß in seinen Wahrheiten ist, wie er groß in seinem Irrtum ist, als ihnen Karl Marx das Wort, was in einer missverständlichen, allgemein missverständlichen, aber für die Herzen umso verständlicheren Weise dieses ihr Verhältnis zu dem Leben der Minderheit charakterisierte in den Worten «Mehrwert» und «Arbeitsleistung». Und mehr oder weniger deutlich wurden von dem Bewusstsein ergriffen große Proletariermassen, man möchte sagen, nicht überall zu verstehen, aber zu fühlen: Dasjenige, was wir als Verhältnis haben zwischen dem, was religiös erhebt, was künstlerisch befriedigt, was als Weltanschauung durchwärmt die Minderheiten, das ist, dass wir für diese Geisteskultur der Minderheiten die Unterlagen schaffen, indem wir die Kapitalsgrundlage durch den Mehrwert dafür erzeugen, durch dasjenige, was uns abgenommen wird von dem von uns Erzeugten, von den Erträgnissen unserer Erzeugnisse über das hinaus, was nur Entgelt ist für unsere Arbeitskraft. Und man muss die heutige Zeit nicht bloß äußerlich national-ökonomisch beurteilen, da wird man ihr nicht gerecht; man muss sie beurteilen auch vom Standpunkte der Massen-Psychologie der Menschheit. Da kommt es nicht darauf an, ob man über ein solches Wort wie Mehrwert mehr oder weniger zutreffend diskutieren kann, sondern darauf, wie ein solches Wort in den Massen wirkt; wie es Gefühle erregt, die Hoffnungen anregt. Diese Hoffnungen, sie liegen durchaus auf der Linie, die ich eben charakterisiert habe. Und immer genauer und genauer sahen sich diese Proletariermassen an, was ihr Anteil ist an demjenigen, was da als Geisteskultur lebt, und was als Geisteskultur leitet auch das rechtliche und das wirtschaftliche Leben. Und deshalb verstanden sie auch noch ein zweites Wort, welches ihnen von derselben Seite her geprägt worden ist; sie verstanden das Wort von der Arbeitskraft des Menschen, die auf dem Arbeitsmarkte als Ware gekauft werden kann, so, wie andere Waren gekauft und verkauft werden können. Es mag wiederum so sein, dass verstandesmäBig die Menschen durchaus nicht begriffen, was damit gemeint ist, aber sie fühlten es. Indem sie auf dieses Wort aufmerksam gemacht worden sind, und es auch aus mehr oder weniger hellen oder trüben Quellen vernahmen, empfanden sie sich hinein in alte Zeiten, in denen noch die Sklaverei herrschte, wo der ganze Mensch auf dem Arbeitsmarkt gekauft und verkauft werden konnte, wie eine Sache oder wie ein Tier. Und sie sahen hin auf die etwas spätere Zeit der Leibeigenschaft, wo weniger, aber immer noch genug Menschenkraft und Menschenarbeit in Unfreiheit eingespannt war. Und sie empfanden etwas von jenem Persönlichkeitsbewusstsein, das in der Entwicklung der Menschheit die Herzen, die Seelen ergriffen hat, wie ich es vorgestern ausgeführt habe, seit der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts. Und sie empfanden: Die Zeit ist vorüber, in der noch etwas wie eine Ware, wie eine Sache verkauft werden kann von dem Menschen. Und sie empfanden: Die leitenden, führenden Kreise haben versäumt, den Zeitpunkt ins Auge zu fassen, wo entkleidet werden muss die Arbeitskraft des Charakters der Ware. Und in der einen oder anderen mehr oder weniger deutlichen oder undeutlichen Weise steigt diese Forderung «Entkleidung der Arbeitskraft des Charakters der Ware» herauf. So war die Antwort auf das Unverständnis, das von den leitenden, führenden Kreisen den großen Massen des Proletariats entgegengebracht worden ist.
Und ein anderes machte sich noch geltend, das man berücksichtigen muss, wenn man in so naiver Weise, wie es auch Woodrow Wilson tut, die soziale Frage der Gegenwart nur als eine Produktionsfrage behandelt. Sie ist gewiss eine Produktionsfrage, aber dass sie nur eine Produktionsfrage hat werden können, das ist eben die Schuld und das Versäumnis der leitenden, führenden Kreise. Dasjenige, was seit den letzten drei bis vier Jahrhunderten sich heraufentwickelt in der Menschheit, das, meine sehr verehrten Anwesenden, ist nicht nur das neuere Wirtschaftsleben mit seiner ausgebreiteten Technik, mit seinem Kapitalismus. Das ist auch eine ganz bestimmte Richtung des Geisteslebens. Dieses Geistesleben ist nicht nur das Geistesleben der Minderheit, wie ich es charakterisiert habe, sondern eine ganz bestimmte Richtung des Geisteslebens ist in die Menschheit eingezogen.
Wenn wir zurückblicken in frühere Zeiten, da war auch ein religiöses, ein künstlerisch geartetes Geistesleben; ein Geistesleben, das man heute mehr oder weniger als Phantasieleben ansieht. Darüber wollen wir jetzt nicht sprechen. Aber es war ein Geistesleben, das eine lebendige Weltanschauung den Menschen lieferte, mit einer inneren Stoßkraft; das den Menschen hineinstellte so in die Menschheitsentwicklung und in die Gesellschaftsordnung, dass dieser Mensch in irgendeiner Weise sich die Antwort geben konnte aus diesem Geistesleben heraus, wie er zusammenhängt als Geist, als Seele, mit dem Geiste, mit der Seele der Welt. Er bekam die Antwort auf die Frage: Habe ich in der ganzen Welt ein menschenwürdiges Dasein? Diese Möglichkeit hörte auf unter dem Eindruck desjenigen, was aus der neueren Wissenschaft den Menschen entgegenkam. Diese neuere wissenschaftliche Gesinnung und Orientierung, sie hat zuletzt wirklich alle Zusammenhänge mit den Untergründen des Daseins verloren; sie richtet sich bloß auf das Äußere des Daseins. Man hatte zuletzt nicht das Gefühl: In deine Gedanken, in deine Vorstellungen leuchtet hinein ein Übersinnliches - sondern man hatte die Empfindung: Die Gedanken, die Vorstellungen sind nur Gedanken, nur Vorstellungen. Man gestand sich das nicht ein; man behielt zurück die Geste des alten religiösen, des alten künstlerischen und sonstigen Weltanschauungsempfindens; aber dasjenige, was man neu gestaltete, das bildete sich so aus, dass es den Menschen nicht als ganzen Menschen erfüllen konnte. Der Proletarier, der hinweggeholt worden ist aus derjenigen Gesellschaftslage, in der er früher war, an die Maschine, in den seelenverödenden Kapitalismus hinein, der Proletarier, er konnte an dieser Maschine, innerhalb dieses Kapitalismus wahrhaftig nicht an dasjenige glauben, was sich den leitenden, führenden Kreisen als der Inhalt dieses Geisteslebens ergeben hatte. Die sprachen noch in den alten Formeln, welche davon reden, dass eine göttliche Weltordnung, eine sittliche Weltordnung sich im geschichtlichen Werden der Menschheit ausspricht. Der Proletarier war eingeklemmt in die bloße Wirtschaftsordnung, in den Kapitalismus, der diese bloße Wirtschaftsordnung orientiert und führt. Da empfand er nichts anderes als: Das ist Phrase, Ideologie, was sich da in dem neueren Geistesleben entwickelt; Wahrheit hat nur das Wirtschaftsleben; Wahrheit hat nur die ökonomische Ordnung! Und so ertönte immer wiederum gerade in den führenden denkenden Menschen des Proletariats die Anschauung: Alles Geistige, alles Künstlerische, alles Religiöse, alles Wissenschaftliche, alles Recht, alle Sitte ist etwas, was wie ein Rauch aufsteigt aus der einzig wirklichen, aus der ökonomisch-wirtschaftlichen Grundlage des Daseins, die die einzige Wirklichkeit ist.
Ja, mit einer solchen Anschauung lässt sich denken, eine solche Anschauung lässt sich wissen - was man so wissen nennt -, aber mit einer solchen Anschauung lässt sich nicht leben, weil die Seele verödet damit, weil die Seele endlich abgezogen wird von alledem, was ihr antworten kann auf die Frage: Führe ich ein menschenwürdiges Dasein? Die Seele wird erst hingetrieben zum bloßen brutalen Glauben an das äußere Produkt und seine Wirksamkeit. Diese Ideologie, sie hat das Proletariat nicht ausgebildet! Diesen Unglauben an den Geist, ihn hat das Proletariat nicht ausgebildet. Das alles ist das letzte Erbe, das das Proletariat von den leitenden, führenden Kreisen übernommen hat. Übernommen hat in gutem Glauben, dass das die neuere Weltanschauung sein müsse. Und alles dasjenige, was Seelenverödendes in die Herzen, in die Geister der Proletarier sich hineingegraben hat, das kommt von dieser Seite her. Und so sehen wir, wie es auf der anderen Seite des Abgrundes aussieht. Und wir werden aufmerksam, dass das Proletariat zuletzt, wenn es hingeschaut hat auf das Geistesleben, das die neuere Zeit gebracht hat, dass es dann gesagt hat: Das ist schließlich nur Rauch und Schall desjenigen, was aufsteigen lässt das Wirtschaftsleben, die eigentliche Grundlage des Menschenlebens, des Lebens der leitenden, führenden Kreise. Mit dem wollen wir nichts zu tun haben!
Und das andere Bewusstsein entstand im Proletarier: Diese leitenden, führenden Kreise, sie haben sich von uns getrennt, indem sie die alte Struktur des Wirtschaftslebens in ihren Besitz genommen haben, indem sie davon das Leben der Minderheit gestaltet haben. Uns aber haben sie eine Klasse zweiter Ordnung sein lassen, und unser Verhältnis zu ihnen ist nicht dasjenige von Mensch zu Mensch; unser Verhältnis zu ihnen ist eigentlich das Verhältnis einer benachteiligten Klasse zu einer bevorrechtigten Klasse. Und eine Phrase ist es, wenn sie sprechen von der göttlichen, der sittlichen Weltordnung, von den Ideen, die in der Geschichte leben, von den geistigen Mächten, denn alles das kommt aus der Wirtschaftsordnung her. Und aus einer anderen Wirtschaftsordnung muss dasjenige kommen, was uns so befriedigt, wie sie befriedigt werden durch ihre Geistes- und sonstige Kultur, ihre Lebenskultur in der Minderheit! - Dasjenige, was man «geschichtlichen Materialismus» nennt, es entstand aus diesen Empfindungen heraus.
Von den dreifachen Wegen her hat das Proletariat erfahren, wie eine Kluft sich aufgerichtet hat zwischen ihm und den leitenden, führenden Kreisen, auf dem Wege des Geisteslebens in der Art, wie ich es angeführt habe. Dann entstand aber, indem dieses Geistesleben sich heraufentwickelt hat und indem die Minderheit heranziehen musste zu seiner Arbeit die breiten Massen des Proletariats, noch etwas anderes. Man musste dasjenige, was man neuere Menschheitsbildung nennt, mehr oder weniger in die breiten Massen hineintragen. Was war die Folge davon? Ja, da tritt eine besondere Tatsache auf. Die Tatsache, dass, wenn eine Eigenschaft der Seele sich entwickelt, gleichzeitig eine andere sich entwickelt. Die eine Eigenschaft war diese, die sich entwickelte durch die Intellektualität des Proletariats, indem demokratische Bildung, Volksbildung in das Proletariat hineingetragen wurde. Aber indem sich diese Eigenschaft entwickelte, entwickelte sich etwas anderes als allgemein menschliches Weltbewusstsein. Man hat viel gefabelt über dieses heutige Bewusstsein. Für denjenigen, der die Dinge dieser Welt unbefangen betrachtet, ist dieses heutige Bewusstsein ein elementarer Ausfluss des Menschenwesens selbst. So wie man im Grunde genommen nicht diskutieren kann über die Farbe mit demjenigen, der kein gesundes Auge hat, so kann man mit einer nicht aufgewachten Menschenseele nicht diskutieren über dasjenige, was allgemeines Menschenrecht ist. Aber mit der immer mehr und mehr aus patriarchalischen Zuständen heraus aufwachenden Proletarierseele ließ sich diskutieren über diese allgemeinen Menschenrechte. Und ein deutliches Bewusstsein entstand von dem Recht, das der Mensch hat dadurch, dass er ein Mensch ist. Von diesem Bewusstsein aus sah der Proletarier hin auf dasjenige, was in dem Staate, den die leitenden, führenden Kreise an sich genommen haben, als Recht lebt. Und er fand nicht dieses Menschenrecht, sondern das Recht bevorzugter Klassen und die Benachteiligung anderer Klassen. Das war dasjenige, was sich immer tiefer und tiefer einfraß in die Seelen der Proletarier. Und das war dasjenige, was den zweiten Leidensweg bildet, den Rechtsweg, und das Dritte war das, was sich notwendigerweise dadurch ergab, dass der Proletarier ganz und gar eingespannt war in das Wirtschaftsleben und in den Kapitalismus; dass er nicht konnte, wie die anderen, die [Muße] und die Arbeitsruhe finden, nicht konnte die menschliche Entwicklung durch die Erziehung finden, um teilzunehmen an demjenigen, was das Leben der Minderheit verschönt. Das war dasjenige, was er empfand, indem er sich sagen musste: Ich bin ja nur eingespannt in das Wirtschaftsleben; ich bin im Grunde genommen nur ein Rad im Wirtschaftsleben. Das ganze menschliche Leben ist für mich ein Ablaufen dieses Wirtschaftslebens. Ich bin wie eine Maschine in dieses Wirtschaftsleben eingespannt.
Das ist der dritte Leidensweg, den das Proletariat durchmachte. Dieser dreifache Leidensweg des Proletariats, er führt, wenn man ihn sachgemäß verfolgt und vergleicht damit dasjenige, was auf der anderen Seite des Abgrundes in der von mir charakterisierten Weise lebt, er führt dazu, zu suchen dasjenige, was erst aus unserem heutigen Zeitbewusstsein heraus angestrebt werden muss, wiederum auf einem dreifachen Weg: auf dem Weg des Geisteslebens, auf dem Weg des Rechts- oder Staatslebens und auf dem Weg des Wirtschaftslebens. Und dass in Bezug auf diese drei Lebenswege aus dem Bewusstsein der neueren Menschheit heraus etwas angestrebt werden muss, es tritt einem entgegen in drei Grundforderungen der neueren Zeit, die sich ganz deutlich ausgesprochen haben, die aber mehr oder weniger Allgemeinheiten dennoch geblieben sind, und sich nicht voll hineinversetzen konnten in unser neueres Wirklichkeitsleben.
Da dringt herauf im Laufe der letzten Jahrhunderte immer mehr und mehr im Menschheitsbewusstsein der Ruf nach Liberalismus. Heute ein Wort, das nur noch wenig geschätzt wird. Da dringt herauf ebenso der Ruf nach Demokratie. Da dringt herauf als Drittes immer deutlicher und deutlicher der Ruf nach Sozialismus. Man konnte von dieser oder jener Seite nicht widerstehen dem einen oder anderen Impuls, der in diesen Dreien sich ausdrückt; aber man versuchte dennoch, in den alten Zuständen zu bleiben und das, was sich in diesen drei Ausdrücken ankündigt, in die alten Zustände hineinfließen zu lassen, hineinzupressen. Man nahm einfach den alten Einheitsstaat und wollte ihn liberal, demokratisch, sozial gestalten. Heute leben wir in dem Zeitalter, wo eingesehen werden muss, dass jener Irrtum endlich erkannt werden muss, der darin besteht, dass man unter der Suggestion dieses Einheitsstaates lebt und glaubt, in diesen Einheitsstaat lässt sich hineinpressen dasjenige, was in Liberalismus, Demokratie und Sozialismus zum Ausdruck kommt.
Nehmen wir einmal dasjenige, was wie das Mittlere in der neueren Menschheit als ein Impuls sich herausgestaltet hat, als Demokratie. Lebt nicht in dem Rufe nach Demokratie alles dasjenige, was ich eben charakterisiert habe aus dem Rechtsbewusstsein des Menschen heraus, lebt nicht in dem Rufe nach Demokratie der Impuls nach etwas, was jeden Menschen jedem Menschen in der Welt gleich macht? Lebt darin nicht etwas, was sagt, dass hineinzureden hat in alles dasjenige, was betrifft einfach den mündig gewordenen Menschen in seiner Stellung im Menschendasein, dass da hineinzureden hat jeder mündig gewordene Mensch? Ausgedacht dieses, gibt die Notwendigkeit der Ausgestaltung demokratischer Staatsordnung. Herausgestaltet werden solche demokratischen Staatsordnungen, wo jeder mündig gewordene Mensch sich auseinandersetzt mehr oder weniger unmittelbar durch Vertretung mit jedem mündig gewordenen Menschen über das, worin jeder Mensch dem anderen Menschen gleich sein soll. Man konnte nicht widerstehen im Laufe der neuzeitlichen Entwicklung dem, was [als] ein solcher Impuls der Demokratie in der Menschheit lebt. Und man versuchte, dasjenige, was man historisch als die alten Staaten übernahm, zu durchdringen in den modernen Parlamentarismen mit diesem demokratischen Element. Man nahm nicht wahr, dass in dieses demokratische Element, gerade wenn es ehrlich und aufrichtig aufgefasst werden soll, zwei Elemente des Lebens nicht hineinpassen. So wahr es ist, dass über alles das, worin jeder Mensch dem andern gleich ist, worüber zu entscheiden hat jeder mündig gewordene Mensch gegenüber jedem mündig gewordenen Menschen, so wahr es ist, dass das vom Standpunkte demokratischen Parlamentarisierens aus erlebt und geregelt werden muss, so wahr ist es, dass in dem Augenblick, wo man dieses demokratische Element entscheiden lässt auf der einen Seite über das Wirtschaftsleben, auf der anderen Seite über das Geistesleben, dass dieses in Unmöglichkeiten hineinführt.
Betrachten wir zunächst das Wirtschaftsleben. Das Wirtschaftsleben, es steht ja auf dem Boden, der nur gegeben werden kann dadurch, dass der einzelne individuelle Mensch sich hineinarbeitet im Verlaufe seines Lebens in die wirtschaftliche Kenntnis des einzelnen Berufs- und Produktionszweiges. Nur derjenige, der nicht bloß theoretisch, sondern dadurch, dass er miterlebt hat, drinnensteht in einem Berufs- oder Produktionszweige, nur derjenige kann entscheiden über das, was in diesem Berufs-oder Produktionszweige notwendig ist. Nur demjenigen kann man Vertrauen entgegenbringen in diesem wirtschaftlichen Leben, der zusammengewachsen ist mit irgendeinem Berufe, durch den das oder jenes erzeugt wird. Kurz, irgendein Produktionszweig des Wirtschaftslebens, eingespannt in die Demokratie, wird zur Unmöglichkeit, Denn es entscheidet dann durch Majorität derjenige, der nicht drinnensteht und der nichts versteht oder auch mit Einseitigkeit drinnensteht in einem wirtschaftlichen Zweige, er entscheidet über diejenigen, die in ganz anderen Zweigen drinnenstehen, von denen er eben gar nichts versteht. Wir haben gesehen, wie furchtbar sich hineingelebt hat dieses Unverständnis der Beziehungen von Demokratie zum Wirtschaftsleben in denjenigen Staaten, die sich vor allen Dingen am wenigsten reif erwiesen haben zum Unter ... [Lücke in der Mitschrift]. Aber gerade wer seine halbe Lebenszeit, drei Jahrzehnte des Lebens, dort gelebt hat und das politische Leben in Österreich mitgemacht hat, der weiß, wo die Schäden lagen, welche es zuletzt dahin gebracht haben, dass über dieses Österreich so furchtbare Schrecknisse aufgezogen sind, dass dieses Österreich so furchtbar zusammengebrochen ist in dieser Weltkriegskatastrophe. Denn sehen Sie, als man auch in diesem patriarchalisch-klerikalen Österreich in den [18]60er Jahren daran arbeitete, aus den alten Zuständen herauszukommen, dem modernen Rufe nach Liberalismus und Demokratie wenigstens etwas Rechnung zu tragen durch eine Volksvertretung — wie gestaltete man diese Volksvertretung? Man gestaltete sie so, dass man vier Wahlkurien kreierte: Großgrundbesitz, Städte und Märkte etc., Handels- und Gewerbekammern, Landgemeinden; lauter Wirtschaftskurien. Die Vertreter waren Leute, welche die wirtschaftlichen Interessen einzelner Gruppen zu vertreten hatten. Die bildeten nun das Parlament Österreichs. Was pflegte man denn eigentlich da? Was strebte man an? — Nichts anderes als die bloße Umwandelung wirtschaftlicher Interessen in menschlich-rechtliche Verhältnisse, in die staatlichen Verhältnisse, die Sicherheitsverhältnisse. Die staatlichen gegenseitigen menschlichen Verhältnisse sollten hervorgehen aus demjenigen, was aus dem Interesse einzelner wirtschaftlicher Kreise beschlossen wurde. Man hatte die Ansicht, dass nur wirtschaftliche Interessen umgestaltet zu werden brauchten, dann entstehen Rechtsinteressen. Wer die Entwicklung Österreichs hat verfolgen können, weiß, dass in diesem Aufbau des Staatslebens aus bloßen wirtschaftlichen Verhältnissen heraus jene Schäden entsprungen sind, die notwendig zum Untergang führen müssen. Und wie durch dieses Beispiel, so könnte durch zahlreiche Beispiele für andere Staaten erhärtet werden, dass es unmöglich ist, dasjenige zusammenzuschmieden, was als demokratische Forderung heraufkam in der neueren Zeit, mit dem, was im Wirtschaftsleben gestaltet worden ist.
Eine gleiche Frage taucht auf mit Bezug auf das geistige Leben, auf die ganze geistige Kultur. Es ist unmöglich, dass aus demokratischer Grundlage heraus entschieden werde über dasjenige, worauf es eigentlich bei der geistigen Kultur ankommt. Bei der geistigen Kultur kommt es darauf an, dass alles dasjenige, was, sagen wir, aus unbekannten Untergründen als menschliche, individuelle Fähigkeiten und Begabungen sich ergibt, dass das entwickelt werde nach bloß geistigen Prinzipien; nach denjenigen Prinzipien, die unbefangen hinschauen auf das, was im Menschen geistig-individuell sich entwickeln kann bis in die physische Arbeitskraft hinein. Aber die neuere Zeit hat die ganze Sorge für dieses Entwickeln der menschlichen individuellen Fähigkeiten in den Staat hineingebannt. Das ist gekommen durch ganz begreifliche geschichtliche Tatsachen. In der neueren Zeit, als man nötig hatte, aus gewissen Untergründen heraus, zu entreißen das Staatliche des Erziehungswesens der Kirche, da war es berechtigt, dass man zunächst dem Staate, an den man sich halten musste, gewisse Zweige, die öffentlichen Zweige nämlich, die Zweige der Erziehung, des Unterrichts, als das Geistesleben übergab. Immer wiederum stellte sich heraus, dass dadurch dieses Geistesleben zum Abklatsch des Staates würde; dass schließlich in dem, was die Menschen geistig hervorbrachten, nicht dasjenige lebt, was hervorquillt aus der unmittelbaren Menschennatur, was das Geistige erzeugt im Menschen, sondern dass hervorging im Geistesleben dasjenige, was den Interessen, den Bedürfnissen des Staates entsprach. Kein Wunder, dass schließlich - und die Weltkriegskatastrophe hat das ja furchtbar gezeigt -, kein Wunder, dass dieses Geistesleben auf einzelnen wenigen Zweigen, auf künstlerischen oder dergleichen, frei geblieben ist; dass das Geistesleben im Übrigen nichts wurde als ein Abklatsch, ein Spiegelbild der Nützlichkeitsforderungen und Interessen der modernen Staaten. Und indem die modernen Staaten durch das Überhandnehmen der modernen Kompliziertheit des Wirtschaftslebens immer mehr und mehr Wirtschaftskörper geworden sind, war schließlich das Geistesleben nur noch der Ausdruck des Wirtschaftslebens.
Das sah das Proletariat, was die neuere Zeit aus dem Geistesleben gemacht hat. Das sah das Proletariat und glaubte, das sei die absolute Wahrheit, dass das Geistesleben immer nur aus dem Wirtschaftsleben hervorgehe. Das ist der große Irrtum des modernen Proletariats, eine Erscheinung für etwas zu nehmen, was absolut sein soll. Das ist der große Irrtum des Marxismus, dass man nicht hinschaut darauf, dass gerade durch die Entwicklung der letzten drei bis vier Jahrhunderte, auf dem Wege, wie ich es angedeutet habe, das Geistesleben aufgesogen worden ist von dem Staate, der immer mehr und mehr zum Wirtschaftskörper geworden ist, und dass wir unter der Wirkung dieser Tatsache heute stehen; dass es aber nicht richtig ist zu sagen: Ändern wir das Wirtschaftsleben, dann kommt auch ein anderes Geistesleben und ein anderes Rechtsleben. Sondern notwendig ist es heute, zu sagen: Es muss das Geistesleben wiederum frei gemacht werden; es muss das Geistesleben losgerissen werden von der Staatsordnung; es muss das Geistesleben auf seinen eigenen Grund und Boden gestellt werden. Es darf sich fernerhin in dem Geistesleben nur das ausdrücken, was aus geistigen Untergründen des Menschenwesens hervorkommt. Es darf das Geistesleben nicht ein bloßes Spiegelbild des Staats- oder des Wirtschaftslebens sein.
Aus diesen Unterlagen heraus ist nun dasjenige entstanden, was sich zuerst angekündigt hat in meinem Aufruf «An das deutsche Volk und an die Kulturwelt» und dann in meinem Buche «Die Kernpunkte der sozialen Fragen in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft» und was nun vertreten wird durch den Bund für soziale Dreigliederung in seinen verschiedenen Verzweigungen. Was dieses Buch anstrebt, das ist, aufzuheben die Suggestion, als ob der soziale Organismus nur der Einheitsstaat sein müsste, den auf der einen Seite das Wirtschaftsleben ganz überflutet, von dem auf der anderen Seite aufgenommen wird das Geistesleben.
Nein, dasjenige, was notwendig ist für die Zukunft, das ist, dass das Wirtschaftsleben auf seine sachlich-fachliche Grundlage gestellt werde, dass dieses Wirtschaftsleben herausgehoben werde aus dem demokratischen Parlament. Dann nur ist es möglich, dieses Wirtschaftsleben zu sozialisieren, wenn dieses Wirtschaftsleben so auf seinen eigenen Grund und Boden gestellt wird, dass sich zusammenschließen in Assoziationen diejenigen Menschen, die gleichen Berufes sind, gleichen Berufes als Handarbeiter, als geistige Arbeiter; wenn sich zusammenschließen in anderen Assoziationen diejenigen Menschen, die gewisse Konsumenten- und Produktionskreise umfassen. Wenn solche Wirtschaftsgemeinschaften entstehen, die kettengliedartig aneinandergereiht sind durch föderative Grundlagen, dann wird von Beruf zu Beruf, von Konsumententum beziehungsweise zusammengekettet mit Produktionszweig zu anderen Zweigen verhandelt werden. Dann wird es nicht möglich sein, dass in einem auf demokratischen Grundlagen ruhenden Parlamente mit der Majorität von Leuten über wirtschaftliche Interessen entschieden wird, die nur aus Interessen oder aus Unkenntnis heraus entscheiden. Dann wird von Berufszweig zu Berufszweig, von Produktionszweig zu Produktionszweig durch freies wirtschaftliches Verhalten dem Interesse des Wirtschaftslebens gedient. Dann wird innerhalb dieses Wirtschaftslebens nichts anderes auftreten als dasjenige, was dazu führen wird, die gegenseitigen Preise der Waren in gerechter Weise zu regeln. Dann wird in diesem Wirtschaftsleben nichts anderes sich geltend machen als Warenerzeugung, Warenzirkulation und Warenkonsum. Dann wird vor allen Dingen ausgeschaltet werden müssen alles dasjenige, was auf demokratischer Grundlage verwaltet werden muss, vor allen Dingen die menschliche Arbeit und das Kapital. Wohin führt uns die menschliche Arbeit? Heute steht innerhalb des Wirtschaftslebens die menschliche Arbeit. Ich habe auf das Bewusstsein des Proletariats hingedeutet, dass das Lohnverhältnis im Wirtschaftsleben drinnen wie andere Waren steht. Man kauft die Ware Arbeitskraft durch den Lohn. Herausgenommen werden muss die Arbeitskraft hinsichtlich ihrer Maße, hinsichtlich ihrer Art aus dem Wirtschaftsleben, dann wird in den Preisen der Ware nur der gegenseitige Wert der Ware stecken. Dann wird nicht in dem Preise der Ware dasjenige drinnenstecken, was heute durch Lohnverhältnisse drinnensteckt. Dann wird entschieden werden auf dem Boden des Wirtschaftslebens nur über den vom Menschen abgesonderten Warenpreis. Dann wird entschieden werden auf dem Boden des Rechts- oder Staatslebens, des politischen Lebens, des Sicherheitslebens über Maß, Art und Zeit der menschlichen Arbeit. Die Regelung der menschlichen Arbeit wird ein Rechtsverhältnis sein. Die Regelung der menschlichen Arbeit wird nicht so erfolgen, dass einen Einfluss darauf hat das wirtschaftliche Zwangsverhältnis. Sondern auf die Feststellung der menschlichen Arbeitskraft wird nur dasjenige Einfluss haben, was auf dem Boden der Demokratie sich entscheidet, wo entscheidet jeder mündig gewordene Mensch über dasjenige, was jedem mündig gewordenen Menschen zukommt. In die demokratische Rechtsordnung gehört hinein die Regelung der menschlichen Arbeitskraft. Ist diese menschliche Arbeitskraft durch die Demokratie geregelt, dann betritt der Arbeiter als ein über seine Arbeitskraft frei Verfügender den Wirtschaftskörper und schließt nicht einen Arbeitsvertrag, der niemals Gerechtigkeit enthalten kann, [sondern] einen Vertrag über die Leistungen mit denjenigen, die als geistige Leiter mit dieser Leistung zu tun haben. Dann wird einfach über das Erträgnis und seine Leistungen der Vertrag geschlossen. Dann wird die Regelung der Arbeitskraft vom Wirtschaftsleben vollständig getrennt.
Das erscheint den heutigen Menschen in ihrem Vorurteil ganz unglaublich, sodass selbst solch ein Denker wie [Rathenau] glaubt, dass ein solches Loslösen der Arbeitskraft vom Wirtschaftskreislauf gar nicht möglich sei. Es ist gerade so möglich, wie auf der anderen Seite im Wirtschaftskreislauf nicht drinnen ist dasjenige, was von den Naturverhältnissen abhängt; was für ein Erträgnis der Boden liefert, was die klimatischen Verhältnisse bedingen, das muss hingenommen werden im Wirtschaftsleben. Was als Rohprodukte im Boden ist, wie es heraufbefördert werden kann, es muss hingenommen werden als gegeben. Das kann man nicht nach sogenannten Wirtschaftskonjunkturen entscheiden. Ebenso wird man in Zukunft nicht entscheiden dürfen aus Wirtschaftskonjunktur heraus über das, was der Arbeiter bekommt. Das wird entschieden durch mündige Menschen auf demokratischem Boden. Mit diesem Entscheid wird der Arbeiter in den Wirtschaftskreislauf eintreten und einen Vertrag abschließen, in dem seine Arbeitskraft eine Grundbedingung liefert, wie die Naturbedingungen selber. Der Wirtschaftsprozess wird eingeklemmt sein auf der einen Seite von den Naturbedingungen, auf der anderen Seite von Rechtsbedingungen. Das ist dasjenige, was zu erreichen fordert unbewusst die breite Masse der Menschheit. Man braucht diese unbewusste Forderung nur zu verstehen; man braucht sie nur ins Bewusstsein hinaufzuheben und zu formulieren; dann wird man dasjenige, was heute so furchtbar verwirrend lebt, was sich als soziale Unklarheiten auslebt, das wird man in Klarheit empfinden. Dasjenige, was dieser Weg will, der hier als Dreigliederung des sozialen Organismus angedeutet wird, das ist ein wirklicher Weg, zur Klarheit über die abstrakten Forderungen, die heute erhoben werden. Sagt jemand: Abschaffung des Lohnverhältnisses! —, so kann man das lange sagen. Solange man keinen Weg zeigt, wie dieses Lohnverhältnis überwunden werden kann, so lange bleibt es eine abstrakte Forderung, die nur beunruhigend wirkt, die nur die elementaren Triebe der Menschennatur erregt, die aber zu nichts führt. In dem Augenblick, wo man einsieht, dass in Bezug auf die öffentlichen Einrichtungen ganz losgelöst werden muss das Wirtschaftsleben von dem Rechtsleben, dass auf dem Boden des demokratischen Rechtslebens sich entwickeln muss das Arbeitsrecht als Vorbedingung des Wirtschaftslebens, in dem Augenblick zeigt man einen Wirtschaftsweg, der jeden Tag beschritten werden kann von jedem beliebigen Ausgangspunkte aus. Denn es ist eine Unmöglichkeit, solch einen Weg sogleich morgen zu beschreiten, wenn man nur den guten Willen dazu hat. Und ebenso steht es mit den heute in das Wirtschaftsleben hineingeklemmten Kapitalverhältnissen.
Oh, die Menschen haben eigentlich schon ganz vergessen das, was der Ursprung des Kapitalismus eigentlich ist. Der Ursprung des Kapitalismus ist verschiedenartig. Er beruht zum Beispiel darauf, dass in älteren Zeiten Grund und Boden erobert worden ist und dadurch in Privatbesitz übergegangen ist, und diejenigen, über die die Eroberungen sich ausdehnten, in Abhängigkeit, in Besitzlosigkeit hereingekommen sind. Er beruht darauf, dass aus dem, was sich als Besitz aus den Eroberungen ergab, die Möglichkeit geboten war, die Kraftbedingungen der modernen Zeit, die Produktionsmittel wiederum in privategoistischen Besitz des einzelnen Menschen zu bringen. Indem das Proletariat darauf hinsieht, was jetzt eben angedeutet worden ist, formt es wiederum eine Forderung: Abschaffung des Kapitals. In seiner Naivität weiß es nicht, dass mit den Worten «Abschaffung des Kapitals» eigentlich gar nichts gesagt ist, auch wenn man es immer wieder und wieder wiederholt. Man spricht etwas aus, was man gerecht empfindet, aber man berücksichtigt nicht, dass diese modernen Verhältnisse eben so sind, in ihrer wirtschaftlichen, ihrer sonstigen Konfiguration, dass schon einmal in dem modernen sozialen Leben mit dem Kapital gearbeitet werden muss. Verwandeln Sie auch, wie das manche Sozialisten wollen, den ganzen modernen Staat in eine große Genossenschaft, so könnte doch auch darin nichts anderes als Kapital arbeiten, nur wird anstelle der heutigen Privatbesitzer der [bürokratische] Beamte treten. Und diejenigen, die heute als Proletarier diese Forderung erheben, sie würden sehr bald bemerken, wie sie unter diesen neueren Verhältnissen viel schlimmer daran sind als unter den gegenwärtigen Verhältnissen. Da muss man, indem man aus der Wirklichkeit heraus denkt, ganz anders gerade über die Kapitalverhältnisse denken. Man muss sich auch klar darüber sein, dass es schließlich die Grundlagen menschlicher Fähigkeiten sind, die den Einzelnen dahin bringen, eine gewisse Übermacht über den anderen zu haben. Dadurch, dass der Einzelne eine gewisse Übermacht erlangt hat, dadurch ist es möglich, einzusammeln jene Boden- und Produktionsmittel, welche ihn zum Leiter machten und welche ihm möglich machten, was er als Leiter sich errungen, auf andere zu übertragen. Wer dies genau durchdenkt, wer es seiner Wirklichkeit nach beurteilt, unbefangen beurteilt, der weiß, meine sehr verehrten Anwesenden, dass alles Kapital beruht auf der Fähigkeit des individuellen Menschen, und dass diese individuelle Fähigkeit des Menschen durchaus nicht beseitigt werden darf. Stellen Sie an die Stelle des individuellen, befähigten Menschen, welcher die Produktionsprozesse leitet, die abstrakte Allgemeinheit, sie wird nur zum Abbau oder Raubbau des Wirtschaftslebens führen, nicht zu einem Neu-Aufbau. — Das aber bedingt nun nicht, dass die alten Einrichtungen fortleben sollen, dass so, wie das gegenwärtig geschieht, das, was Kapital- oder Produktionsmittel ist, im Sinne der alten Ordnung immer wiederum übertragen werden. Sondern es kann an die Stelle dieser alten Ordnung, durch die nach und nach diejenigen Menschen in den Besitz des Kapitals in Form auch von Geldkapital und Rente kommen, die nichts mehr mit der Produktion zu tun haben, mit Anwendung individueller Fähigkeiten in der Leitung des Wirtschaftslebens, in den Besitz des Kapitals kommen. Dagegen richtet sich dasjenige, was sich aufbäumen muss gegen die alte Wirtschaftsordnung. Es muss auch in der neuen Wirtschaftsordnung durchaus möglich sein, dass Kapital konzentriert wird durch die Fähigkeiten des einzelnen individuellen Menschen, dass aber nur so lange dieser einzelne individuelle Mensch, der diese Kapitalien, das heißt Produktionsmittel zusammengebracht hat, Leiter bleibt, oder überhaupt in einem Zusammenhang bleibt mit diesen Produktionsmitteln, als seine individuellen Fähigkeiten damit verbunden sein können. Dann geht auf den Wegen, die ich angedeutet habe in meinem Buche «Die Kernpunkte der sozialen Frage», das Kapital beziehungsweise die Summe der Produktionsmittel durch Rechtsübertragung über auf diejenigen, die wiederum die besten individuellen Fähigkeiten haben. Dadurch wird etwas eingeleitet, was ich nenne die Zirkulation des Kapitals im sozialen Organismus. Diese Zirkulation des Kapitals, beziehungsweise des Eigentums, sie ist auf geistigem Boden wenigstens im Prinzip bis zu einem gewissen Grade immer zugegeben worden. Mutet man heute den Menschen zu, dass dasjenige, was sie auf geistigem Boden zugeben, auch eintreten soll auf dem Gebiete des materiellen Besitzes, dann machen sie allerdings verwunderte Gesichter. Das, was ich geistig produziere, das bleibt ja geistig mein und meiner Erben Eigentum nur eine gewisse Zeit hindurch; dann geht es über in die Allgemeinheit, in der es jeder, der die individuelle Fähigkeit hat dazu, es verwalten kann. - In ähnlicher Weise muss in der Zukunft dasjenige, was als materielles Eigentum erworben wird, übertragen werden auf denjenigen, der es am besten durch individuelle Fähigkeiten leiten und verwalten kann. Dann wird eintreten eine Harmonie des physisch Arbeitenden mit dem geistig Arbeitenden. Dann wird das Kapital, das seinen Ursprung immer aus den individuellen Fähigkeiten hat, nicht übergehen können an diejenigen, die den Besitz nicht rechtfertigen durch individuelle Fähigkeiten. Sondern dann werden die individuellen Fähigkeiten immer verbunden bleiben mit der Leitung der Produktionsmittel. Dann wird derjenige, der zu arbeiten hat unter solchen Leitungen, sich sagen: Meine Arbeit gedeiht am besten, wenn die Zirkulation des Kapitals in dieser Weise stattfindet, dass immer eine Summe von Produktionsmitteln an den, der die besten Fähigkeiten hat, übergeht; denn er leitet meine Arbeit am besten.
Es ist durchaus so, dass man den Impuls für Dreigliederung des sozialen Organismus nicht anklagen darf eines falschen Idealismus. Diejenigen, die da sagen, es müssten erst andere Menschen kommen, um so etwas durchzuführen, die berücksichtigen nicht, dass dieser Impuls für Dreigliederung des sozialen Organismus durchaus mit den Menschen rechnet, die wir gegenwärtig haben. Derjenige, der Handarbeiter ist, er hat sein egoistisches Interesse daran, dass immer der Beste Leiter da sein kann. Das aber kann nur dadurch herbeigeführt werden, dass eine solche Zirkulation der Produktionsmittel stattfindet. Das bedingt aber, meine sehr verehrten Anwesenden, dass man bricht mit dem Prinzip, die Produktionsmittel seien eine Ware wie diejenigen Güter, die unmittelbar durch die menschlichen Bedürfnisse konsumiert werden. Ein Produktionsmittel, das heißt dasjenige, in das Kapital hineingesteckt wird, darf nur so lange Kapital in Anspruch nehmen können, solange es etwas kostet, bis es fertig ist. Die Lokomotive darf nur so lange als Kapital gelten, bis sie fertig ist. Dann hört sie auf, einen äußeren Warenwert zu haben. Dann geht sie nur noch durch Übertragung beziehungsweise durch Rechtsverhältnisse über an denjenigen, der sie im Sinne des Ganzen am besten zu leiten weiß. Grund und Boden wird ... [Lücke in der Mitschrift] von allem Anfang an.
Den Leuten widerstreben solche Dinge heute noch aus ihren Vorurteilen heraus, die nicht nur begründet sind in Denkgewohnheiten, sondern auch in Bezug auf Lebensgewohnheiten in alten Einrichtungen. Aber derjenige, der sich nicht überwinden kann, einzusehen, dass uns die furchtbare Weltkriegskatastrophe auffordert, nicht an eine kleine, sondern an eine große Abrechnung zu denken, der wird nur beitragen zum weiteren Hineinsegeln und zum Untergang, niemals aber dazu, aus dem Untergang herauszukommen. — So sehen wir, dass einfach das Wirtschaftsleben, in dem nur Warenerzeugung, Warenzirkulation, Warenkonsum sein darf, getrennt werden muss von der Regelung der Arbeitskraft, von der Verwaltung des Kapitals. Und was muss eintreten in unser gesamtes Leben auf dem Umwege, den ich eben bezeichnet habe? Dass das Kapital, das heißt die Produktionsmittel, immer derjenige zu verwalten hat, der dazu die individuellen Fähigkeiten besitzt. Da muss eintreten dasjenige, was die Loslösung ist des geistigen Lebens von unserem Wirtschaftsleben und Rechtsleben. Dieses geistige Leben muss auf seinen eigenen Grund und Boden gestellt werden. Sodass in der Zukunft nicht mehr irgendwelche, bloß in den Staatsbürokratismus eingespannte Sachverständige, die herausgerissen sind aus dem geistigen Leben, in der Verwaltung mitwirken, sondern dass dieses geistige Leben aus sachlichen Untergründen ganz allein durch sich selbst, durch seine Selbstverwaltung organisiert werde. Es muss in der Zukunft das Leben des sozialen Organismus so gestaltet werden, dass das geistige Leben von denjenigen verwaltet wird, die zu gleicher Zeit irgendwie produzierend unmittelbar in diesem geistigen Leben drinnenstehen. In diesem geistigen Leben, wenn wir es im Speziellen betrachten, auf dem Boden des Erziehungs- und Unterrichtswesens, so müssen in dem geistigen Organismus einzig und allein drinnenstehen jene Menschen, die an der Erziehung teilnehmen, vom untersten Volksschullehrer bis hinauf zum höchsten Hochschullehrer. Derjenige, der auf irgendeinem Gebiete lehrend tätig ist, wird in der Zukunft nur so viel zu lehren haben, dass ihm von diesem Lehren noch Zeit übrig bleibt, zu gleicher Zeit mit zu verwalten. Das heißt, Produktion des Geistes, Verwaltung des geistigen Lebens wird in einer Tätigkeit vereint ausgeübt werden. Kein staatliches Schulwesen, kein Zusammenhang des Geisteslebens mit dem Wirtschaftsleben; ganz auf sich selbst gestellt, sodass die unterste Volksschule lediglich darauf ausgeht, Menschenkunde oder Anthropologie im umfassendsten Sinne künstlerisch sich anzueignen, sodass der Mensch vom sechsten bis zum vierzehnten Jahre so unterrichtet wird, dass dieser Unterricht einzig und allein dazu führt, die Kräfte auszubilden, die der Mensch braucht im Leben. - Das wird von selbst eine Einheitsschule geben, keine solche, die vom Staate diktiert ist. Alles, was sich aufbaut, wird aus allgemein menschlichen Bedürfnissen hervorgehen. Es wird zum Beispiel an den Mittelschulen aufhören dasjenige, dass diese Mittelschulen so gestaltet werden, dass auf bestimmten Schulstufen der Unterricht sich danach richtet, dass derjenige, der den Unterricht empfangen hat, geeignet ist, in dieses oder jenes Staatssystem hineinzugehen. Das Umgekehrte muss eintreten: dass nach pädagogisch-didaktischen, nach geistigen Prinzipien die Schulstufen gestaltet werden, und die Menschen werden mit 17, mit 19 Jahren dieses oder jenes erreicht haben, und der Staat wird sich zu fragen haben: Wie verwende ich die Menschen, die ausgebildet sind nach geistigen Grundsätzen? Der Staat wird sich anpassen müssen dem Geistesleben. Die Hochschulen werden Autonomie haben müssen; sie werden die Verwalter im höchsten Sinne des geistigen Unterrichts- und Erziehungswesens selbst sein.
Ich kann das alles nur skizzieren. Es soll nur ausgedrückt werden, dass auf diesem Gebiet des Geisteslebens wirklich ein Kampf geistiger Tüchtigkeit mit geistiger Tüchtigkeit stattfinden muss. Dass weiter dasjenige sich ausleben muss, was man nennen kann: umfassender Liberalismus.
Auf dem Gebiete des Staatslebens, auf dem Gebiete, wo entschieden wird über die Übertragung des Kapitals, über die Verwaltung des Arbeitsrechtes, da wird sich ausleben dasjenige, was als demokratische Impulse heraufgekommen ist.
In demjenigen, was im Wirtschaftsleben der Zirkulation der Waren und den menschlichen Fähigkeiten dient, wird sich ausleben dasjenige, was als Sozialisierung in der neueren Zeit heraufgekommen ist; zusammenhängen werden nach sachlichen Grundsätzen, wo nur Güter und ihre Erzeugung verwaltet werden, nicht Menschen regiert werden, die einzelnen Kreise des Wirtschaftslebens. Dann wird man im Wirtschaftsleben produzieren können aus Assoziationen heraus, die die Bedürfnisse der, Menschen kennenlernen in liberaler Weise, nicht durch Statistiken oder andere Zusammenhänge, sondern die sie kennenlernen in liberaler Weise. Man wird so produzieren können, dass die abstrakten Forderungen des Proletariats sich in konkretere Forderungen, in einen wirklichen Weg verwandeln. Das Proletariat hat betont, in Zukunft soll nicht produziert werden, um zu profitieren, sondern um zu konsumieren. Es kann aber nur konsumiert werden, wenn durch die Assoziationen des sozial gestalteten Wirtschaftskreislaufes wirklich solche Zusammenhänge entstehen zwischen Produzenten und Konsumenten, welche nicht nach der Zufälligkeit von Angebot und Nachfrage auf Märkten, sondern welche nach sorgfältigem, verständnisvollem, sachgemäßem Studium der Bedürfnisse produzieren. Es wird das eintreten müssen, dass man die wirtschaftlichen Gesetze ganz anders kennt und vor allen Dingen befolgt, als sie in dem heutigen Zufallsverhältnis von Angebot und Nachfrage befolgt werden. Da wird man wissen müssen: In dem Augenblick, wo zu viel Arbeiter in einem Produktionszweige arbeiten, da wird in diesem Produktionszweige zu billig produziert. Es wird Menschenkraft verschwendet. Es müssen Arbeiter durch Verhandlungen und Verträge in andere Produktionszweige hinüberdirigiert werden. Wenn irgendwo zu wenig produziert wird, wird der Artikel zu teuer; dann werden andere Arbeiter in diesen Produktionszweig hineindirigiert werden müssen.
Kurz, es muss in der Zukunft in dem sozialistischen, kapitalistischen Wirtschaftsleben dasjenige geben, was jetzt angefangen wird durch die Bemühungen des Bundes für Dreigliederung einzurichten als die Institution der freien [Betriebsräte], zu denen sich später gesellen werden die Verkehrsräte, die Wirtschaftsräte, dieses ganze System, das aber kein politisches System ist, weil das Politische auf dem Boden der Demokratie stehen muss. Dieses Rätesystem, das im Wirtschaftsleben drinnen wurzelt, das es nur zu tun hat mit sachgemäßer Verwaltung des Wirtschaftslebens, dieses Rätesystem ist dasjenige, was nicht durch die willkürliche Forderung der einzelnen Menschen, sondern durch die berechtigte Zeitforderung an die Oberfläche des neuzeitlichen Lebens treten wird. Das Institut der Beratenden wird eine solche Körperschaft sein, welche nicht durch bürokratische oder demokratische Zwangsgesetze waltet, sondern welches waltet durch Verhandlungen von Mensch zu Mensch, von Rat zu Rat, von Wirtschaftsassoziation zu Wirtschaftsassoziation. Über eine solche Verteilung der Arbeiterschaft über einzelne Produktionszweige, dass jede Ware, jedes Gut, dessen der Mensch bedarf, erzeugt wird in einer solchen Menge, wie dafür Bedürfnis ist. Dann kommen solche Preise heraus, dann herrscht im Wirtschaftsleben dasjenige, was den Grund bilden kann, dass im Wirtschaftsleben gerechte Preise walten, während, indem wir den Lohn haben im Wirtschaftsleben, der als Ware der Arbeitskraft entspricht, da können Sie den Lohn steigern, ... [Lücke in der Mitschrift] die Warenpreise steigern sich auch, weil kein gerechtes Rechtsverhältnis hergestellt werden kann, solange im Wirtschaftsleben drinnen ist etwas, was nicht hineingehört, nämlich die menschliche Arbeitskraft, die in das Rechtsleben gehört.
So sehen wir, meine sehr verehrten Anwesenden, dass zukünftig gegliedert werden muss dasjenige, was wie durch eine suggestive Kraft auf den Menschen gewirkt hat als Einheitsstaat, in den dreigliedrigen sozialen Organismus, in das selbstständige, aus seinen eigenen Anforderungen heraus verwaltete Geistesleben; in das demokratische Staats- oder politische Leben, in dem entschieden wird mittelbar und unmittelbar von jedem mündig gewordenen Menschen dasjenige, was ihn betrifft als Gleichem jedem anderen Menschen gegenüber. Dazu gehören auch Besitz und Arbeitsverhältnisse. Als drittes selbstständiges Glied tritt uns entgegen in der Zukunft das Wirtschaftsleben, worin nur sachgemäße Verwaltung durch wirtschaftliche Assoziationen und Körperschaften stattfindet. Diese drei Gebiete werden miteinander auskommen. Man hat es ja erfahren, dass zum Beispiel die Mitglieder des Geisteslebens Sorgen haben, nicht leben können, weil vom Staat nicht genügend Gehalt bezahlt wird. Es wird sich eben in Zukunft herausstellen, dass schließlich gerade so, wie jetzt das Proletariat, der Mensch als Lehrer bezahlt werden muss, nur dass der Weg ein anderer sein muss. Die geistigen Korporationen werden in Bezug auf ihre [Produktion] dem Wirtschaftskörper gerade so angehören wie auch dem Wirtschaftskörper als Konsumenten, und es wird sich das entsprechende Verhältnis ergeben müssen. Es wird diese Regelung nur ein Grund sein, die einzelnen Glieder des Rechtslebens, des Wirtschaftslebens, des Geisteslebens werden gerade dadurch harmonisch sich zusammenfinden, dass ein jeder in seiner Tüchtigkeit wirklich wirken kann.
Und man braucht auch keine Furcht darüber zu haben, wie das internationale Verhältnis diese Dinge beurteilt. Dasjenige, was ich vorgetragen habe, das ist zuerst entstanden durch jene Betrachtung der internationalen Verhältnisse, die unsere furchtbare Kriegskatastrophe herbeigeführt haben. Wer studiert durch Jahrzehnte die Entwicklung der neueren Menschheit, die vorangegangen ist dieser Katastrophe, der weiß zum Beispiel, wie durch das Zusammenknäueln da unten im Südosten Europas der drei Gebiete, des geistigen oder Kulturlebens, des politischen oder Rechtslebens und des Wirtschaftslebens die Balkanfragen entstanden sind, soweit sie das Verhältnis des Balkans zu Österreich betroffen haben; dass sie dann geführt haben zum Ausbruch des Weltkrieges von dieser Seite her. Zuerst hat vorgelegen die allgemeine Kulturfrage der kulturellen, der geistigen Auseinandersetzung des Slawentums mit dem Deutschtum. Wie weit vorgelegen hat eine Rechtsfrage, als das alte konservative türkische Element vom jungtürkischen Element abgelöst wurde, die türkisch-bulgarische Frage vorgelegen hat, zum Beispiel die Geschichte der Sandschak-Bahn, wenn man sie studiert, dann sieht man, dass wirtschaftliche Interessen vorgelegen haben von Österreich nach dem Balkan hin. Hätten diese Verhältnisse geordnet werden können aus eigenen Grundlagen heraus, es wäre etwas anderes entstanden als diese Zusammenknäuelung der Verhältnisse. Diese Zusammenknäuelung war es, die solche internationalen Konflikte heraufgebracht hat. Ebenso können Sie studieren das Problem der Bagdadbahn. Auch da werden Sie sehen, wie immerfort durcheinanderwirbelt Kulturelles der Nationen, die daran beteiligt sind, Politisch-Rechtliches und Wirtschaftliches. Und immer wieder sehen wir, wie das Wirtschaftliche mächtiger wird als das Kulturelle, und dadurch immer wieder ein anderer Staat obenauf ist, zum Beispiel bei dem Problem der Bagdadbahn, und so weiter. Gerade in die internationalen Verhältnisse spielt in furchtbarerer Weise diese Zusammenknäuelung der drei Gebiete herein, die auf dem Boden eines jeden sozialen Organismus zu drei Gliedern werden müssen. Ein Heil für die Entwicklung der Menschheit der Zukunft ist nur in der Dreigliederung des sozialen Organismus zu finden, in ein selbstständiges Geistesleben mit eigener Verwaltung, in ein demokratisches Rechtsleben, in ein selbstständiges, sich selbst aus der Sachgemäßheit heraus in Assoziationen und Korporationen, in Genossenschaften verwaltendes Wirtschaftsleben. Und wer studiert dasjenige, was sich verbirgt in dieser furchtbaren, schreckensvollen Kriegskatastrophe und in dem, was jetzt aus ihr entstanden ist, der braucht nur hinzuschauen nach Osten, und er wird finden, dass hinter diesen Verhältnissen, die im Osten herrschten, die heute zu einem so furchtbaren Raubbau führen aus missverstandenen sozialen Impulsen heraus, leben die großartigen geistigen Impulse des russischen und anderer östlicher Völker. Diese geistigen Impulse glimmen unter der Oberfläche heute, und sie müssen sich erst wiederum emporarbeiten aus dem, was sich aus Zivilisationsvorurteilen herübergelagert hat und was als das drohende soziale Schreckgespenst vom Osten her lauert nach Mitteleuropa. Dass es nicht dieses Mitteleuropa überfallen soll, dazu sollen die Bestrebungen dienen, dass in diesem Mitteleuropa nicht konfundiert werde dasjenige, was im Osten konfundiert wird, sondern dass in Mitteleuropa auseinandergeschält werden geistiges Leben, Staats- oder Rechtsleben, Wirtschaftsleben.
Und schauen wir nach dem Westen hin. Diese westlichen Staaten, sie haben es im Wesentlichen dazu gebracht, das Wirtschaftsleben auszubilden. Sie durchdringen die Weltwirtschaft; sie dehnen aus die Privatkonkurrenzverhältnisse zu den großen imperialistischen Verhältnissen. Dasjenige, was da einseitig als Wirtschaftsleben waltet, korrumpiert das Staats-und Geistesleben. Hier in Mitteleuropa müssen diese drei Gebiete auseinandergeschält werden. Hat man das nicht begriffen durch die Lehre der furchtbaren Kriegskatastrophe, man wird es begreifen aus der Not heraus, in die uns gebracht hat dasjenige, was aus dreifach unnatürlichen Untergründen heraus sich in der neueren Zeit, in der neuzeitlichen Entwicklung ergeben hat, als begonnen hat jener Zeitpunkt, jene Epoche, die ich vorgestern besprach, um die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts. Die Menschen lechzten nach einem Geistesleben, aber es kam nicht ein neues Geistesleben herauf. Es wurde nicht das Geistesleben auf den eigenen Boden der neuzeitlich geistig produzierenden Persönlichkeiten gestellt. Es kam nur herauf die Reformation und die Renaissance, eine Erneuerung des Alten. Heute leben wir in einer großen, in einer wichtigen Zeit. Heute dürfen wir nicht mit einer Renaissance eines alten Geisteslebens uns begnügen; heute müssen wir appellieren an ein ganz neues Geistesleben. Das kann aber nicht gedeihen im Schatten eines Wirtschaftslebens, im Schatten einer Staatsordnung. Das kann nur gedeihen, wenn es frei auf sich selbst gestellt ist.
Schauen wir nach dem Osten; da konnte man sehen, wie das Geistesleben zuerst es war, das gewirkt hat, und hinter dem sich nur versteckt haben wirtschaftliche und Rechtsinteressen. Erst war es so, dass von Russland aus die Banatvölker befreit werden sollten. Das ging hervor aus echten Volksinstinkten. Damit konfundiert, trat dasjenige auf, was damit nicht konfundiert werden durfte.
Und dann die Französische Revolution, man sieht da das Gleiche heraufkommen. Diese Französische Revolution war eine andere Art von Renaissance. Die Menschen dürsteten nach Menschenrechten. [Bürger]rechte nur kamen in die Menschheit hinein, eine Renaissance des staatlichen Lebens, der wir uns ja im neunzehnten Jahrhundert in Mitteleuropa auch hingegeben haben.
Aus dem Menschen als solchem heraus aber wird gefordert ein neues Rechtsleben. Wir können auch auf dem Gebiete des Rechtslebens keine Renaissance gebrauchen, keine römischen oder anderen Rechtsanschauungen. Wir brauchen eine gründliche Absonderung des Rechtslebens vom Geistes- und vom Wirtschaftsleben, aus denen beiden nicht hervorgehen darf ein Machtverhältnis, weder geistig noch physisch, des einen Menschen über den anderen; sondern nur dasjenige, was alle mündig gewordenen Menschen gleichstellt, darf hervorgehen aus dem demokratischen Staatswesen. Gebildet hat sich aus alledem ein Wirtschaftsleben, dem gegenüber man glaubt, dass es souverän ist. Im Osten Europas will man aus dem bloßen Wirtschaftsleben heraus regeln auch das rechtlich-politische Leben, das geistige Leben. Man wird auf diese Weise zwar erreichen können eine bloße Verwaltung von Gütern, aber nur eine solche Verwaltung von Gütern, welche, statt ein neues Menschenrecht zu begründen, die alten Rechte abbaut und nichts an die Stelle setzen kann; welche, statt ein neues Geistesleben zu begründen, das alte Geistesleben hindämmern und zuletzt versickern lässt, und alles umwandelt in den Mechanismus eines Wirtschaftslebens. Dann werden die Menschen erst sehen, ob sie etwas Besseres erreicht haben, wenn sie überwunden haben das Alte, das man mit Recht den Dienst gegenüber Thron und Altar genannt hat. Aber dieser Dienst gegenüber Thron und Altar darf nicht bloß weichen dem Dienst gegenüber Kontor und Maschine im mechanisierten Wirtschaftsleben, sondern es muss die Zukunft uns bringen ein selbstständiges Wirtschaftsleben, in dem sich die einzelnen Korporationen und Assoziationen und Genossenschaften brüderlich zusammenschließen zur wirklichen Sozialisierung. Das aber kann nur aufgebaut werden, wenn ihm zur Seite steht ein demokratisches Staatswesen, in dem der Mensch sein Recht als Gleicher neben dem anderen Gleichen findet. Und befruchtet werden kann das Wirtschaftsleben, das sonst versickern und verhärten muss, wenn immerzu in einem freien Geistesleben die Kräfte erzeugt werden und hineingeschickt werden in das Leben, die aus diesem freien Geistesleben nicht eine wirklichkeitsfremde Begriffswelt und Wissenschaft, nicht eine wirklichkeitsfremde Geisteskultur liefern, sondern die eine solche Geisteskultur liefern, die überall im Leben angreifen kann. Wir haben die Renaissance zu schr dem Griechentum nachgebildet; das hatte aber ein Geistesleben für sich gebildet. Wir brauchen ein Geistesleben, das nur für unsere Gegenwart geeignet ist. Und, so sonderbar es klingt, je geistiger, desto praktischer wird dieses Geistesleben sein; und je mehr werden wir imstande sein, wirklich einzugreifen im Staats- und Wirtschaftsleben. Nur wird der Geist es sein, der befruchten kann das Kapital; der die Arbeit aufruft, den gleichen Dienst zum gleichen Dienst für alle. Nicht wie es heute ist, wo bloß schafft die Produktion für den Markt. Dann wird man erst verstehen, was es eigentlich bedeutet hat, dass im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts sehr gescheite Leute nachgedacht haben über die große Devise vom Ende des achtzehnten Jahrhunderts: Freiheit, Gleichheit Brüderlichkeit, und gesagt haben — wahrhaftig nicht aus Vorurteilen heraus - es müsse die Freiheit der Gleichheit widersprechen, und schließlich sei alles, was in Freiheit und Gleichheit lebt, nicht mit Brüderlichkeit vereinbar. Es stellte sich heraus, dass Widersprüche bestehen zwischen demjenigen, was man als Freiheit, als Gleichheit und als Brüderlichkeit empfand, also zwischen den drei großen, öffentlichen Idealen der Menschheit. Worauf beruht das, dass drei Ideale dastehen können, wie herausgeboren aus dem innersten, ehrlichsten Streben des menschlichen Herzens und der menschlichen Seele, und dass sie dennoch sich widersprechen können? Darauf beruht es, meine sehr verehrten Anwesenden, dass man bisher diese drei Ideale aufgestellt hat unter dem Gesichtspunkt des Einheitsstaates. Solange man glaubt, dass diese drei Ideale, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, im Einheitsstaate leben müssen, so lange muss man sie widerspruchsvoll finden. Die Zukunft muss verstehen, dass dieser Einheitsstaat nicht zusammenknäueln darf drei Lebensgebiete, welche aus verschiedenen Untergründen heraus verwaltet werden müssen. Die Zukunft muss verstehen, dass dieser Einheitsstaat als sozialer Organismus gegliedert werden muss in drei Gebiete, und dass herrschen muss in der Zukunft der Geist in der Freiheit. Dass leben muss der Mensch als Besitzer seines Menschenrechtes in demokratischer Gleichheit. Dass gearbeitet werden muss für die Bedürfnisse der Menschen in Assoziationen, in Genossenschaften, kurz, durch Bruderschaften im Großen aus der wirtschaftlichen Brüderlichkeit heraus. Wird man nicht mehr unter der Suggestion des Einheitsstaates stehen, dann wird man erst den Ruf der Zukunft gründlich genug vernehmen.
Haben wir bisher noch eine gewisse Scheu getragen in Mitteleuropa, unsere Gedanken, unser Empfinden, unsere Lebensgewohnheiten zu richten auf die drei Lebensgebiete in ihrer wahren Gestalt - seit Versailles, seit wir leben unter der Aussicht, dass uns Not und Elend noch viel bevorstehen werden, werden wir vielleicht zurückfinden den Weg zu jenen Kräften unseres mitteleuropäischen Volkstums, aus denen das hervorgegangen ist in früheren Zeiten, was wir den deutschen Idealismus nennen, der auch leben kann auf anderen als den künstlerischen und ideellen Gebieten. Es ist nur ein Vorurteil, zu glauben, dass die Praktiker diejenigen sind, die aus alten Zeiten herstammend zu kurze Gedanken hatten für das Wirtschaftsleben, sodass dieses Wirtschaftsleben der neueren Zeit in die Vernichtung hineinsegelt. Man wird diejenigen als wirkliche Praktiker in der Zukunft ansehen, die man heute als unpraktische Idealisten verspottet. Man wird sich für öffentliche Angelegenheiten zu denjenigen wenden, die diese Kräfte ausgebildet haben, zu den Kräften, die uns Lessing, Goethe, Schiller hervorgebracht haben. Dann aber wird man aus diesen gesunden Kräften Mitteleuropas in die Entwicklung der Menschheitszukunft hinein so arbeiten, dass stehen wird der dreigliederige soziale Organismus auf seinen drei gesunden Grundlagen, die sich charakterisieren lassen dadurch, dass leben muss in der Zukunft der Geist in Freiheit, in der freien Entwicklung; dass leben muss alles dasjenige, was jeden Menschen gleich dem anderen Menschen macht, in demokratischer Gleichheit; dass leben muss in der Sonne dieser demokratischen Gleichheit das Rechtsleben; dass leben muss unter dem Prinzip der Brüderlichkeit das assoziativ geregelte, föderativsachlich verwaltete Wirtschaftsleben. Dann wird erst gedeihen die Menschheitszukunft Mitteleuropas. Es soll ausstrahlen von diesem Mitteleuropa etwas, was Musterbild sein kann für Ost und West. Es soll ausstrahlen von Mitteleuropa, was der Menschheit in Zukunft frommt. So wird das, was geschehen soll gerade von diesem Mitteleuropa aus, geschehen müssen, dass man wird sagen müssen von diesem Geschehen:
Freiheit für den Geist,
Gleichheit für das Recht,
Brüderlichkeit für das Wirtschaftsleben!
Diskussion [nicht überliefert]
Schlussworte
Meine sehr verehrten Anwesenden! Ich muss sagen, dass ich den ersten Diskussionsredner außerordentlich schätze mit Bezug auf sein sehr schönes soziales Wollen, aber dass ich doch - indem ich einiges zu sagen habe mit Bezug auf dasjenige, was er heute vorgebracht hat -, dass ich doch bedenklich finden muss, dass auch durch ihn dasjenige eintritt, was ich überhaupt als ein sehr bedauerliches Zeichen unserer Zeit ansehen muss. Nehmen Sie es mir nicht übel, meine sehr verehrten Anwesenden, wenn ich das offen und ehrlich auch einem geschätzten Diskussionsredner gegenüber zum Ausdruck bringe. Dasjenige, was Herr Dr. Einstein gesagt hat, ich habe es durchzudiskutieren gehabt, sagen wir, in den Achtzigerjahren des neunzehnten Jahrhunderts, zum Beispiel mit [Adler und Pernerstorfer] oder dergleichen Leuten. Diese Dinge, die heute auch wieder von Herrn Dr. Einstein vorgebracht worden sind, sind gewissermaßen nur die typischen Redewendungen desjenigen, was sich als sozialdemokratische Parteiordnung seit mehr als einem halben Jahrhundert in der zivilisierten Welt, insbesondere aber in Mitteleuropa entwickelt hat. Das kennt man sehr gut. Und gerade wenn man es sehr gut kennt, vielleicht sogar noch etwas anders kennt als Herr Dr. Einstein, dann steht man gerade in der gegenwärtigen Zeit vor einem gewaltigen Problem, auf das ich, so gut es möglich war in der Kürze eines Vortrages, der ohnedies schon zu lange war, doch etwas hingewiesen habe.
Dasjenige, was als sozialdemokratisches Programm auftritt, es war geeignet - ich habe im Vortrag gesagt, bei solchen Dingen, die gewissermaßen große kulturpädagogische Mittel sind, kommt es nicht so sehr darauf an, ob man diskutieren kann, ob man die Dinge beweisen oder widerlegen kann, sondern darauf, wie sie erzicherisch wirken. Und in dem, was man hatte als sozialdemokratisches Programm, was gewissermaßen im Resume, wie der Herr Dr. Einstein aufgeführt hat, in dem hat man ein solches Erziehungsmittel. Und ich kenne alle die einzelnen Strömungen, die einzelnen Empfindungen und Gedanken, die auf diesem Wege in die Herzen und Seelen der Proletarier des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts eingezogen sind. Vor allen Dingen aber darf nicht vergessen werden, wie dieses Programm dazu geführt hat, zu begründen innerhalb unseres neuzeitlichen Wirtschafts- und politischen Lebens die Anschauung von, sagen wir, der Selbstentwicklung dieses Wirtschaftslebens und politischen Lebens. Man hat sich so leicht vorgestellt: Dasjenige, was als Kapitalismus heraufgezogen ist, es ist Privatkapitalismus geworden, es wird sich immer mehr und mehr konzentrieren zu großem Kapitalbesitz, dann wird von selbst die Umformung der kapitalistischen Gesellschaft in eine sozialistische eintreten.
Heute kann man es noch immer erleben, dass man von positiven Impulsen spricht, die Keimgedanken zu Taten sind, und dass einem diese Selbstentwicklung entgegengehalten wird. Sie hängt innig zusammen mit dem, was Herr Dr. Einstein als richtiges sozialistisches Programm ansieht. Aber die ganze Sachlage in Bezug auf das eben Erwähnte ist einmal für den wirklich unbefangenen Beobachter der gegenwärtigen Zeitereignisse durch die Weltkriegskatastrophe etwas anders geworden. Wir haben es heute nicht zu tun mit einer selbstläufigen wirtschaftlichen oder politischen Entwicklung; wir haben es damit zu tun, dass sich alte Kulturströmungen - wie ich es im Vortrag ausgedrückt habe -, in die Selbstauflösung hineingeführt haben. Wir haben es heute nicht zu tun mit irgendeinem Programm, sondern mit der Tatsache, dass Menschen vor einer zusammenbrechenden Wirtschaftsordnung stehen und sie neu aufbauen müssen.
Wir stehen heute vor dem proletarischen Menschen mit seinen subjektiven Forderungen, subjektiven Impulsen. Da ist es notwendig, dass man nicht stehen bleibt bei allgemeinen Redensarten, wie zum Beispiel «Vergesellschaftung der Produktionsmittel», sondern dass man zeigt: Wie muss man es machen, dass die Produktionsmittel wirklich im Zukunftssinne funktionieren können? Und für mich war das Problem dieses, alle Abstraktionen, zu denen auch das gehört, was Herr Dr. Einstein gesagt hat, auf eine konkrete Wirklichkeit zu bringen und immer zu fragen: Was kann geschehen, ohne dass wir abbauen, sondern indem wir das, was da ist, weiterentwickeln; nicht indem wir die Kulturentwicklung zugrunde richten, sondern indem wir sie so weiterentwickeln, dass die berechtigten Forderungen, die ich auch heute in meinem Vortrag aufgezählt habe, für die breiten Massen befriedigt werden können. Das war die Aufgabe: nicht stehenzubleiben bei den alten sozialistischen Parteiprogrammen, die heute noch herumschwirren wie Urteilsmumien von Parteibeamten, sondern fortzuschreiten im Sinne der Lehre, die uns diese Weltkriegskatastrophe gegeben hat. Das ist, um was es sich handelt, dass das Abstrakte, das Nicht-Wirklichkeitsgemäße der Sozialdemokratie wiederum umgewandelt werden muss in dasjenige, was im Sinne des heute ausgeführten dreigliedrigen sozialen Organismus gedacht ist. Es ist eine schr merkwürdige Sache, wenn irgendein Redner auftritt, der die Ideologie und die Tatsache, dass die Ideologie in Herzen und Seelen der Menschen eingezogen ist, als Seelen verödend schildert, wenn ein Redner auftritt, der in der Ideologie ein schädliches Erbe des Proletariats vonseiten der bisherigen führenden Kreise sicht, dass dann ohne Weiteres ein Redner dogmatisch auftritt, der sagt: Dieser Redner will nur eine neue Ideologie. Das heißt zurückfallen in alte Dogmatik; das heißt nicht mitgehen wollen mit dem, was sich redlich bemüht, das Alte in eine wirklich zeitgemäße Form zu bringen. Dass heute wiederum ausgesprochen wird, dass das alte Heilmittel im Beginn, wenn auch nicht am Ende eine Überführung der Produktionsmittel in den Besitz der Gesamtheit sei, dagegen muss immer wiederum eingewendet werden: Was ist diese Gesamtheit? Ich habe Ihnen konkret ausgeführt, wie diese Überführung in den Dienst der Gesamtheit dadurch geschieht, dass die Zirkulation der Produktionsmittel eintritt. Es ist ein inhaltleerer Begriff, der niemals einen Tatkeim in sich enthält, wenn man nur spricht, man solle die Produktionsmittel in den Dienst der Gesamtheit überführen. Denn, wie diese Gesamtheit funktionieren kann mit dem Produktionsmittel, darauf kommt es an. Das ist etwas, was derjenige erkennen wird, der nicht bei der alten Dogmatik stehen bleibt, dass man hier nicht eine neue Ideologie geben will; sondern er wird darauf eingehen, wie hier versucht ist, ehrlich und gut gemeinte Abstraktionen endlich einmal in wirklichkeitsgemäße Gedanken und wirklichkeitsgemäßes soziales Wollen umzusetzen.
Ich sehe gerade in denjenigen, die nicht sich entwickeln wollen unter dem Eindruck unserer so schwierigen, so not- und leidvollen Zeit, sondern die nur stehen bleiben wollen bei den alten Dogmen, ich sehe darin - ohne damit irgendjemand persönlich treffen zu wollen, am wenigsten selbstverständlich Dr. Einstein -, ein furchtbar Konservatives der Meinungen. Und ich freue mich darüber, dass immerhin es heute schon gerade im Proletariat Leute gibt, die über diese konservativen Führer hinweggehen und die da fordern, dass über die Köpfe der Führer hinweg dasjenige gesucht werde, was endlich zu den Zielen führen kann. Wenn man in derselben Weise wie Du Bois-Reymond sein «Ignorabimus» ausgerufen hat gegenüber den Grenzen der Natur, ein Ignorabimus ausruft gegen diese Dreigliederung des sozialen Organismus; oder wenn man sagt: Wir können nicht darauf warten -, so redet man eigentlich so, dass man ein Nichts an die Stelle setzt desjenigen, was ja natürlich nicht in einem kurzen Vortrag erschöpfend charakterisiert werden kann. Aber es ist heute notwendig, dass man nicht bei leeren Abstraktionen stehen bleibt, dass man nicht immer nur redet: Wir brauchen, weil das Manometer auf 95 steht, die Revolution. Was ist denn das nun schließlich wiederum, die Revolution, wenn man nicht daran denkt, was eigentlich gewollt sein soll durch eine Revolution? Wenn die Leute nur immer reden von Eroberung der Maschinen, dann muss die Frage gestellt werden: Was fangen sie denn an mit diesen Maschinen, wenn sie sie haben? Das ist die Frage. Man hat oftmals in der Entwicklung der Menschheit das Beispiel gehabt, dass Leute, die Maschinen gehabt haben, nicht wussten, was sie mit diesen Maschinen anfangen sollten. Soll wiederum aus den unbestimmten Abstraktionen heraus die Forderung der Maschinen erstrebt werden, und dann erlebt werden, dass man nicht weiß, was man damit anfangen soll?
Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, das habe ich Ihnen ausführen müssen gerade in Anknüpfung an einen Standpunkt, der von mir geschätzt wird, wie der, der in gewohnter Weise davon gesprochen hat. Ich bin daran gewöhnt seit den 80er Jahren, und was ich für mich daran gelernt habe, das ist aufgegangen in dem, was ich heute als Dreigliederung des sozialen Organismus vertrete.
Derjenige, der hier eingewendet hat, dass man nicht warten kann, den verweise ich nur darauf, dass er einmal genauer und gründlicher anschauen soll in meinem Buche «Kernpunkte der sozialen Frage», wie im Einzelnen konkret das ausgeführt werden kann, was ich heute mit großen Zügen angedeutet habe; dann wird er nicht mehr sagen, wir hätten so und so viele Jahre zu warten, sondern er wird sagen: Wir können von jedem Punkte des geistigen, des wirtschaftlichen, des politischen Lebens aus die Entwicklung in eine solche Richtung bringen, wie sie im Sinne der Dreigliederung des sozialen Organismus vorgesehen ist, von heute auf morgen. Man soll sie nur in diese Richtung bringen, dann wird sich das Weitere ergeben, aber man braucht dazu den Mut. Man braucht weniger Mut, davon immerzu zu reden, dass die Revolution kommen muss, dass die Diktatur des Proletariats angestrebt werden müsse und so weiter, als nun wirklich in Einzelheiten die Hand anzulegen. Denn dieser Mut schließt ein das Überwinden alter Denkgewohnheiten.
Meine sehr verehrten Anwesenden, wenn Sie näher eingehen auf das, was die Dreigliederung des sozialen Organismus ist, dann werden Sie nicht mehr sagen: Praktische Arbeit soll getan werden und nicht ewig Vorträge gehalten werden! Praktische Arbeit ist Stück für Stück gerade in dem Wollen der Dreigliederung des sozialen Organismus angedeutet worden.
Und wenn da gesagt wird: Man braucht andere Menschen, ja, dann weiß man eben nicht, welche Beziehung besteht zwischen dem Sozialen, in dem der Mensch drinnenlebt, und zwischen dem, was der Mensch wirkt. Sehen Sie, neulich stand in einer Zeitschrift, die sich auch eine soziale nennt: man solle die Sozialisierung nicht überstürzen, denn die Menschen wären heute noch nicht reif. Wenn ich so etwas höre oder lese, dann bin ich immer der Ansicht, dass diejenigen, die so reden, selber nicht reif sind. Denn hätten wir diejenigen Menschen, die nun in diesem Sinne ganz reif wären, dann brauchten wir ja nicht mehr zu sozialisieren, dann würden die Menschen wahrhaftig frei und gleich und brüderlich leben. Dann würden wir die ganze soziale Frage nicht haben. Dasjenige, um was es sich handelt, ist etwas anderes. Da möchte ich eine Tatsache anführen, die auf einem gewissen Gebiete aufgetreten ist. Während der sogenannten Kriegswirtschaft hatte man nötig, in die Bürokratie hineinzustellen Kaufleute zum Beispiel, weil das Fachleute waren. Die Kaufleute unterschieden sich von den Bürokraten noch sehr beträchtlich, als sie draußen waren. Aber eine merkwürdige Tatsache trat ein: Nach wenigen Monaten waren diese Kaufleute bürokratischer als die Bürokraten. So hatte die Umgebung auf sie abgefärbt. Das wird eintreten, wenn Sie in dem sozialen Organismus nicht jedem einzelnen Glied den Charakter geben, den ich heute angeführt habe. Dann wird dadurch eine soziale Minorität geschaffen werden, worin die Leute, die früher ganz anders waren, im Sinne einer Menschenveredelung sich weiterentwickeln können. Ich möchte wissen, wie man an soziale Ideale denken könnte, wenn man sich immer in dem Kreise bewegen würde: Wir brauchen andere Menschen zu den anderen Zuständen, Wenn wir dabei stehen bleiben, werden wir niemals andere Zustände herbeiführen können. Es handelt sich ja gerade um die Herbeiführung solcher Zustände, unter denen die Menschen sich ethisch und ideell entwickeln können! Das ist wiederum ein Kennzeichen der Dreigliederung, dass sie sich nicht im Kreise herumdreht, sondern auf Tatsachen losgeht; dass sie darauf ausgeht, in die Wirklichkeit unmittelbar einzugreifen.
Wenn da gesagt wird, ich hätte das vor zehn bis fünfzehn Jahren sagen sollen, da wäre es neu gewesen: Es ist heute nicht anders als vor zehn Jahren. Aber woher wissen Sie denn, ob ich nicht, vielleicht weniger deutlich formuliert, dasjenige, was ich heute sage, auch schon vor zehn bis fünfzehn Jahren gesagt habe. Da möchte ich Ihnen doch etwas erzählen. Ich habe schon erwähnt: Ich war lange Jahre Lehrer an der von Liebknecht begründeten Arbeiterbildungsschule. Da habe ich insbesondere den Leuten zu zeigen versucht, wie die materialistisch gerichtete Lehre nur abstrahiert ist vom geschichtlichen Verlauf der letzten drei bis vier Jahrhunderte. Dazumal - also Anfang des jetzigen Jahrhunderts — hatte ich eine ziemlich große Schülerschaft. Als ich wenig Schüler hatte, kümmerten sich die Parteibonzen wenig um dasjenige, was ich da den Leuten sagte. Als die Schülerschaft immer größer wurde, wurden diese Parteibonzen in unangenehmer Weise aufmerksam auf dasjenige, was da in einer zentralen Arbeiterbildungsschule gelehrt wird. Da kam es dazu, dass einmal die Schüler in einer großen Anzahl zusammengerufen wurden und einige Parteiführer zu den Leuten hingeschickt wurden. Ich sagte dazumal: Sie wollen doch eine Partei der Zukunft sein, wollen Zukunftsverhältnisse begründen. Ich möchte nun wissen, wo heute Lehrfreiheit herrschen soll, wenn Sie diese immer unterdrücken wollen, wenn Sie hier einen Parteidogmatismus lehren wollen. Da stand der eine dieser Führer auf und sagte, im Widerspruch mit seiner gesamten, nach Hunderten zählenden Schülerschar: Freiheit des Lehrens können wir nicht dulden; wir kennen keine Freiheit auf diesem Gebiet, wir kennen nur einen vernünftigen Zwang. — Das ist das [Erlebnis], das ich dazumal gehabt habe. Das zeigte mir, dass man zunächst weiterarbeiten muss, dass man aber warten muss, bis einem Verständnis entgegenkommen kann. Deshalb muss ich es auch heute ablehnen, wenn gesagt wird: Man braucht ja nicht eine neue Partei! Die braucht man gewiss nicht. Wo das aus dem Vortrag zu entnehmen war, dass ich eine neue Partei will, das weiß ich wirklich nicht. Ich habe mein ganzes Leben so zugebracht, dass ich studiert habe die verschiedenen sozialen Verhältnisse in allen Kreisen und allen Gesellschaftslagen. Worin ich aber niemals gesteckt habe, das waren die Parteien. Und dessen bin ich froh. Und glauben Sie, dass ich jetzt am Ende meines sechsten Jahrzehnts mich selber in eine Partei hineinstecken möchte, nachdem ich sagte, was die Parteien eigentlich bewirkt haben, wohin sie unser politisches Leben gebracht haben? Ich appelliere an Verstand und Vernunft jedes einzelnen Menschen und nicht an Parteien; das muss ich immer wiederum sagen, wenn mir erwidert wird, dass das schwer verständlich sei, was ich vortrage. Ich weiß, es ist der Wirklichkeit entnommen. Und dasjenige, was der Wirklichkeit entnommen ist, das fordert einen gewissen Instinkt seiner Realisierbarkeit. Dieser gewisse Instinkt für die Realisierbarkeit kann nicht aufgenommen werden von abstrakten ParteimenschenMeinungen. Aber das sollten wir auch von der Zeit lernen. Wir haben es ja auch leider in Mitteleuropa genügend erlebt, dass die Leute dasjenige angenommen haben, was ihnen von irgendeiner Seite her anzunehmen befohlen worden ist, durch reichlich viereinhalb Jahre. Wir haben es erlebt: Wenn nur vom großen Hauptquartier oder sonst woher die Meinungen, die man wahrhaftig nicht gut verstehen konnte mit seiner eigenen Vernunft, wenn man die nachbeten konnte, dann sah man sie ein. Man frug nicht darnach: Soll das verstanden werden oder nicht? Man ließ sich das Verstehen befehlen. Jetzt handelt es sich darum, etwas zu begreifen, was einem nicht befohlen wird, dass man es verstehen soll, sondern aus Freiheit der Menschenseele heraus. Und nur dieses Appellieren an die unmittelbare Freiheit der Menschenseele, das führt uns vorwärts. Ich denke nicht an eine Partei, aber ich denke an alle diejenigen Menschen, die heute aus der Not und aus dem Elend heraus sich retten wollen ein vernünftiges Urteil des gesunden Menschenverstandes: Die werden sich nicht in eine Partei scharen. Sie werden aber vielleicht die Träger desjenigen sein, was wir für die Zukunft brauchen, was wir anstreben müssen, wenn wir aus Wirrnis und Chaos herauskommen wollen.