The Big Questions of our Time and Anthroposophical Spiritual Knowledge
GA 336 — 18 August 1919, Dresden
12. Die Dreigliederung des Sozialen Organismus I
Nicht ein Programm zur Lösung der sozialen Frage will ich geben, sondern ich will sprechen über Lebensbeobachtungen.
Man sagt, die Menschen hätten nie, seit es Geschichte gibt, solch Furchtbares erlebt wie diesen Krieg: Folgerichtig müsste man dann aber auch hinzufügen: Es bedarf einer ganz besonderen Idee, um Lösung zu finden der heutigen Aufgabe. Ganz anders muss es jetzt sein, was gegeben wird, was die Menschen in sich aufnehmen müssen, als bisher. In dem Kommunistischen Manifest liegt nicht nur eine theoretische Frage, sondern eine Weltgeschichtsfrage, das muss man verstehen. Was man soziale Frage nennt, ruht tief, tief unten in der Menschheitsentwicklung, nur muss man sie anfassen.
Thermometer — Erkennungszeichen für die Temperatur eines Raumes.
Was da bewusst an die Oberfläche tritt, die Forderungen, die sind gar nicht das Wirkliche. Ein geschichtlich Notwendiges ist alles, was da in dem Kommunistischen Manifest aller Länder [aufflackert]: «Proletarier aller Länder, vereinigt Euch!» Es wird appelliert nicht an eine Idee, sondern an das, was an Impulsen aus einer gewissen Lebenslage herauskommt, gerade da herauskommt, dass man Proletarier ist, was da an unbestimmten Forderungen aus dem proletarischen Leben aufsteigt, etwas Ideenloses, eine Kraft steigt da auf. Nichts wird da gewollt an Ideen, Ideologie wollen die Proletarier gerade nicht. Aber aufgebaut ist und wird nun auf dem, was aus dem Bürgertum herstammt. Man spricht so, als ob die proletarischen Programme etwas Neues seien, aber dem ist nicht so. Sie sind aus dem Bürgertum übernommen. Das wird man erst später erkennen. Eine Kluft ist aufgetan zwischen den führenden Kräften und dem Proletariat. Aber dem ist nicht so; das ist nicht der Fall, nur die Klassenunterschiede sind da; die proletarische Welt hat viel gelernt von den führenden Kreisen. Aber als sie sah, dass deren Wissenschaft ihr nicht zum Heile gereichen konnte, da verlor sie das Vertrauen in diese Wissenschaft, verlor das Vertrauen zu jenen Kreisen. Die Ideologie des Geisteslebens erkannte das Proletariat.
Die frühere Weltanschauung hatte noch eine ganz andere Stoßkraft, sie hing noch zusammen mit der geistigen Welt. Die heutige Weltanschauung hat keine Stoßkraft, das Wirken der geistigen Kraft fehlt. Diese Weltanschauung füllt den Menschen nicht aus. Sie ist eine Kopfsache, während jene eine Herzenssache ist. Zum Ausdruck ist dieser Unterschied in dem evangelischen Bekenntnis gekommen: mit dem Verstand alles verstehen, was die Welt um uns herum bietet; für das andere muss der Glaube ausreichen. Im Bürgertum ist noch der letzte Rest der früheren Weltanschauung, eine Art Zusammenhang mit der geistigen Welt. Ganz anders im Proletariat. Der Proletarier ist hineingestellt in die Fabrik, an die Maschine. Nichts geht in ihn über, was zum Beispiel im alten Handwerk noch darinnen war, was da an Seelischem sprach aus den alten Türgriffen zum Beispiel, und so weiter. Abgeschieden von jeglichem Zusammenhang, den das alte Handwerk noch hatte, was aus den Dingen und Ereignissen sprach.
«Was bin ich in der Welt?» - «Ich bin ein höher entwickelter tierischer Organismus.» — So ist die Auffassung des Proletariats als das, was er [der Proletarier] von der Wissenschaft übernommen hat. Man kann sich begeistern für solche Ideen, aber leben kann man damit nicht auf die Dauer. Dem Verstande leuchtet dies ein, nicht aus dem Geistigen zu stammen, aber die Seele revoltiert dagegen. Und das ist es, was allen sozialen Fragen zugrunde liegt. Das ist das eigentliche Gesicht. Man meint, dass alles, was als Kunst, als Wissenschaft, als Sitte, Recht und so weiter lebt, das sei Ideologie, Rauch. Mit einer solchen Auffassung lässt sich denken - es lässt sich nicht damit leben.
Es hängt auch damit zusammen, dass das Wirtschaftsleben aufgesogen ist von dem Staat in den letzten Jahrhunderten.
Die Stadtverwaltungen wurden aufgesogen, mit den fürstlichen Interessen vereinigt. In diese Staatgebilde mündet ein das Geistesleben. Dass man die Schule der Kirche entriss und dem Staat überantwortete, das musste ja kommen. Dem «Schleppe-Nachtragen» der Kirche ist gefolgt ein Aufsaugen vonseiten des Staates betreffs der Schule. Bei der Forderung nach Sozialismus und Demokratie muss man durchaus zu dem Rufe kommen nach Befreiung des Geisteslebens vom Staat.
Soll jetzt die Abhängigkeit der Schule und des Erziehungswesens noch mehr gekettet werden an den Staat? Totgetreten wird jetzt in Russland das Geistesleben.
Jeder mündig gewordene Mensch soll frei sein betreffs Einrichtung alles dessen, worüber der mündig gewordene Mensch zu entscheiden hat. In dem geistigen Leben sollen mitreden nur die, die sach- und fachkundig sind in diesem geistigen Leben. Nur solche sollen da mitzubestimmen haben, die selbst tätig sind im geistigen Leben, vom untersten Lehrer bis zum höchsten Lehrer an der Hochschule. Er muss so viel Zeit haben, dass er in der Verwaltung dieses Lebens mitttätig sein kann neben seiner Tätigkeit im Erziehungswesen. Nicht wie heute, dass Leute, die nicht im Berufe praktisch darinnenstehen, bestimmen, was zu geschehen hat.
Dann haben wir wahre Demokratie im Rechtsleben und sachkundige, tüchtige Leitung des geistigen Lebens.
Das aber, was im Wirtschaftsleben zur Geltung kommt, kann nur kommen von sachkundigen und fachkundigen und tüchtigen Persönlichkeiten oder Gruppen von Personen. Es ist schwer, sich sachgemäße Urteile zu bilden. Die heutige wirtschaftliche Ausgestaltung des Staates ist ein Entwicklungsprodukt der Geschichte. Das ist sehr richtig. Marx’ Freund, Engels, hat dies sehr gut ausgeführt in seinem Buche.