The Big Questions of our Time and Anthroposophical Spiritual Knowledge

GA 336 — 25 May 1920, Dornach

15. Das Goetheanum und die Dreigliederung des Sozialen Organismus

Roman Boos: Ich möchte nur noch die Mitteilung machen vor dem Vortrag von Herrn Dr. Steiner über Dreigliederungsprobleme, dass nach dem Vortrag Gelegenheit geboten wird, Fragen zu stellen. Ich bitte sehr, von dieser Gelegenheit Gebrauch zu machen und Fragen zu stellen, die sich ergeben im Hinblick auf diese Probleme der Dreigliederung.

Rudolf Steiner: Meine sehr verehrten Anwesenden! Es ist nicht aus irgendeiner persönlichen oder Gesellschaftswillkür heraus, dass von diesem Goetheanum aus, beziehungsweise von der geistigen Bewegung, deren Repräsentant dieses Goetheanum sein soll, auch in der neueren Zeit [aus]geht eine Anregung mit Bezug auf die soziale Frage der Gegenwart und der nächsten Zukunft. Es ist eine innere Notwendigkeit, dass aus dem Ernste heraus, mit dem hier die geistigen Angelegenheiten der Menschheit behandelt werden sollen, auch Anregungen erfließen müssen über die wichtigsten, das heißt eben die sozialen Probleme der Gegenwart und der nächsten Menschheitszukunft.

Nun sind die Anregungen, welche von hier ausgehen, in der sonderbarsten Weise oft missverstanden worden. Und indem ich auf einiges Prinzipielle der von hier ausgehenden Betrachtung der sozialen Frage heute hindeuten möchte, soll zu gleicher Zeit vielleicht Gelegenheit gegeben werden, Missverständnisse entweder sogleich in den Auseinandersetzungen oder nachher, anknüpfend an Fragestellungen, zu erledigen.

Es handelt sich, wenn man heute die soziale Frage betrachtet, doch im Grunde genommen um ein wirklich schon recht altes Missverständnis. Es handelt sich darum, dass man eigentlich diese soziale Frage in der Zeit, in der sie am allerheftigsten begann aufzutreten und in der sie sich am intensivsten entwickelte, dass man diese soziale Frage doch nicht in ihrer wahren Gestalt sah. Im Grunde genommen ist sie erst in ihrer wahren Gestalt herausgekommen nach der furchtbaren oder vielleicht während der furchtbaren Kriegskatastrophe der letzten Jahre. Vorher hat man sich im Grunde genommen denn doch damit abgefunden, über die soziale Frage von den verschiedensten Parteistandpunkten aus zu reden, oder auch nach dem einen oder dem anderen Verständnisse — aber meistens sehr geringen Verständnisse —, das man für diese Frage entwickelt hat, die oder jene Auskunftsmittel, diese oder jene Einrichtungen zu versuchen, welche dem einen oder dem anderen im Verlaufe der sozialen Bewegung auftretenden Übelstande abhelfend entgegenkommen sollten. Aber ein wirkliches intensives Verständnis [dessen], was eigentlich vorliegt in dem, was man soziale Frage nennt, das ist im Grunde genommen doch in den letzten Jahrzehnten nicht zutage getreten; schon seit der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts eigentlich, wo es hätte zutage treten sollen, ist es nicht zutage getreten. Heute stellt sich ja heraus, dass diese soziale Frage gar nicht angefasst werden kann, ohne sie zu betrachten als eine Menschheitsfrage, als eine Lebensfrage unseres ganzen gesellschaftlichen Zusammenseins innerhalb der europäischen und der amerikanischen Zivilisation. Und solange man wird nicht den Weg finden, diese [soziale] Frage als eine Menschheitsfrage aufzufassen, so lange wird man auch nicht zu Ansichten kommen, wird man nicht zu Einrichtungen kommen, welche in irgendeinem erheblichen Maße dienlich sein können, dieser Frage eine menschenmögliche Lösung entgegenzubringen.

Geredet wird ja über die soziale Frage seit Langem sehr viel, und man muss sagen: Gegenwärtig machen sich die Menschen eigentlich gar nicht recht Vorstellungen darüber, wie in den letzten, in den aufeinanderfolgenden Jahrzehnten des neunzehnten Jahrhunderts diese Frage in den Köpfen der Menschen gelebt hat, wie sie auf der anderen Seite in das Leben der Menschen eingegriffen hat. Es ist schon einmal so, dass heute die Menschen verhältnismäßig kurz denken, dass sie bei ihrem Denken nur auf das Allernächste sehen, und dass ihnen die Möglichkeit nicht gegeben ist, größere Zusammenhänge zu überblicken. Man kommt nicht, meine sehr verehrten Anwesenden, ohne das Durchschauen größerer Zusammenhänge zu einem Verständnis dieser sozialen Frage.

Nun liegt aber der Mangel, auf den hier hingewiesen wird, tatsächlich in unserer ganzen gegenwärtigen Bildung. Er liegt auch in der Art, wie unsere gegenwärtige Bildung die Menschen der verschiedensten Gesellschaftsklassen durch die besondere Entwicklung der zivilisierten Welt in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts ergriffen hat. Geisteswissenschaft, wie sie von diesem Bau hier in Dornach ausgehen will, sie soll ja nicht bloß sein ein Erheben der Menschenseele zu geistigen Welten, sie soll nicht bloß sein das Herantragen von auf die Geisteswelt bezüglichen Erkenntnissen, sondern sie soll sein ein Durchdringen des ganzen menschlichen Tuns mit dem, was man als Frucht aus dieser Geisteswissenschaft bekommen kann. Und nun wurde ja von mir in öffentlichen Vorträgen, ich darf jetzt schon sagen, seit zwei Jahrzehnten betont, dass das Wichtigste bei dieser Geisteswissenschaft nicht das ist, das man inhaltlich aufnimmt — es ist schon wichtig, aber es ist nicht das Wichtigste, es ist sozusagen die Vorbedingung, aber es ist nicht dasjenige, bei dem man stehen bleiben soll. Es ist nicht dieses das Wichtigste, dass man aufnimmt die Erkenntnisse, aus diesen und jenen Gliedern physischer und geistiger Art bestehe der Mensch, so und so verlaufe, von geistigen Gesichtspunkten angesehen, das menschliche Leben - sondern das Wichtigste ist, dass man vorwärtsschreitet von dieser geisteswissenschaftlichen Grundlegung der menschlichen Erkenntnis zu etwas ganz Lebensvollem. So muss man sich dieses Vorwärtsschreiten denken. Hört man von den Erkenntnissen der Geisteswissenschaft, liest man davon - man kann ja jetzt in zahlreichen Werken einer maßgebenden Literatur viel über diese Geisteswissenschaft schon lesen -, liest man, hört man an dasjenige, was sie darbietet, so ist man gezwungen, ganz anders zu denken, als man gewohnt worden ist zu denken in den letzten drei bis vier Jahrhunderten. Das muss ja jeder empfinden: Will er verstehen das, was hier als Geisteswissenschaft geboten wird, so muss er sich andere Ideen, andere Begriffe aneignen, als diejenigen sind, die heute und schon seit längerer Zeit die landläufigen sind. Dadurch aber, dass man sich diese anderen Gedanken, diese anderen Begriffe aneignet, dadurch wird zuerst unser Denken viel beweglicher. Denn die Unbeweglichkeit des Denkens, das ist ein Kennzeichen der neueren Bildung. Das Denken wird viel beweglicher. Man muss, um die großen Zusammenhänge, welche die Anthroposophie darbietet, nur einigermaßen sich nahezubringen, man muss umfassendere Begriffe und vor allen Dingen solche Begriffe, die nicht an den Einzelheiten hängen bleiben, in sich aufnehmen. Man trainiert also gewissermaßen zunächst sein Denken auf größere Lebensmaßstäbe hin. Man macht sein Denken auch beweglicher.

Dass das so ist, das ist ja durch einen äußeren Umstand, meine sehr verehrten Anwesenden, eigentlich erhärtet. Man kann immer wieder und wiederum hören, wenn öffentliche anthroposophische Vorträge gehalten werden und sich die erlauchten Herren von der Journalistik doch herbeilassen, irgendetwas darüber zu schreiben, man kann immer wiederum hören: «In dem Saal war vorzugsweise ein Damenpublikum» — wobei den dort anwesenden verehrten Damen nicht immer gerade bloß Komplimente gemacht werden mit Bezug auf ihre geistige und sonstige Verfassung. Aber es ist ja in einem gewissen Sinne nicht immer unwahr, dass das Publikum vorzugsweise bei solchen Vorträgen ein «Damenpublikum» ist. Aber vielleicht hat die Sache doch eine andere Seite noch, als gewöhnlich gemeint wird, wenn das als Vorwurf gegen diese geisteswissenschaftliche Bewegung erhoben wird; vielleicht könnte man doch auch das sagen, was ich ja öfter dieser als Vorwurf gemeinten Aussage entgegengesetzt habe: Ja, warum sind denn die Männer nicht da? Sie könnten ja ebenso gut kommen wie die Damen, und vielleicht liegt es nicht gerade an der Geisteswissenschaft, dass diese Männer nicht da sind, denn schließlich - zu denjenigen, die nicht da sind, kann man ja, wie Sie zugeben werden, meistens nicht reden!

Nun hat die Sache auch einen inneren Grund, und da muss ich schon bitten, dasjenige, was ich zu sagen habe, wirklich sine ira und ohne Emotion aufzunehmen. Ich freue mich ja niemals, dass - verzeihen Sie — die Majorität des Publikums meistens aus Damen besteht. Ich hätte es ja sehr gerne - die Damen mögen das nicht als irgendeine Anspielung auf irgendetwas ansehen -, ich hätte es ja sehr gerne, wenn sozusagen jede Dame beim Vortrage ihren Herrn haben könnte. Aber das ist nun schon einmal nicht der Fall, und es liegt nicht bloß ein äußerer Grund vor, sondern es sind schon da tiefere Gründe.

Sehen Sie, unsere ganze moderne Bildung ist ja im Grunde eine Männerbildung. Wie lange ist es denn her, dass die Frauen in einer gewissen Weise teilnehmen konnten an dem, was die Bildungsmittel der neueren Zeit bieten? Unsere ganze Zivilisation ist mehr oder weniger eine Männerzivilisation. Mir trat das wirklich sehr stark entgegen in all den Gesprächen, in denen ich zum Beispiel solchen Leuten wie der Gabriele Reuter entgegensetzen musste: Ja, die Frauenbewegung kann im Grunde genommen nur dann etwas Bedeutsames für das ganze soziale Leben der neueren Zeit sein, wenn die Frauen nicht einfach eintreten in dasjenige, was in unserer Zeit ja nur eine Männerbildung ist. Was würde denn schließlich viel herauskommen, wenn die Frauen alle sich Fräcke anziehen würden, Beinkleider, [und] Zylinder aufsetzen würden? Sie würden eben die Geschmacklosigkeiten der Männer mitmachen. Aber es ist ja im Grunde genommen auf geistigen Gebieten dasselbe geschehen! Die Frauen haben nicht dasjenige, was in ihnen lag, hineingetragen in das moderne Leben, sondern sie haben sich angepasst, sie haben die geistigen Hosen angezogen, das heißt, sie sind solche Mediziner geworden, wie die Männer es geworden sind, sie sind solche Juristen oder Philologen geworden, wie die Männer Juristen oder Philologen wurden, werden jetzt sogar anstreben, solche Theologen zu werden, wie die Männer es geworden sind - sie haben eben nur die geistigen Hosen angezogen. Es ist so, dass man sagen muss: Aus der Frauenbewegung wird erst dann etwas, wenn die Frauen ihr besonderes Element - ich meine jetzt gar nicht das Weibliche, sondern das besondere Element - hinzutragen zu unserer geistigen Zivilisation, welches davon herkommt, dass — nun, ich will mich drastisch ausdrücken, obwohl es nicht immer so drastisch gemeint sein muss —, dass nicht ihr Gehirn eingeschnürt ist in die spanischen Stiefel, welche aus den verschiedenen Fakultäten auch noch der Gegenwart kommen; denn die Männergehirne, sie sind eben in diese spanischen Stiefel seit Jahrhunderten eindressiert worden. In ihnen sind geworden jene Gedanken, die keine großen Zusammenhänge übersehen können, die vor allen Dingen unbeweglich sind, starr, und die so etwas wie die Geisteswissenschaft, weil sie längere Gedanken fordert, eben nur als etwas Phantastisches ansehen können. So kommen die Frauen, geschützt durch ihre Naivität, durch den Umstand, dass in ihre Gehirne noch nicht eingezogen ist das falsche Stiefelelement der Männerbildung, so kommen sie in die anthroposophischen Vorträge. Sie kommen aus dem Grunde, weil — wenn ich mich bildlich ausdrücken darf - ihr Gehirn noch weicher geblieben ist. Es kann noch ein Neueres mehr aufnehmen als das Männergehirn. Das ist auch als ein tieferer Grund schon vorhanden. Ich will also gar nicht den Damen etwa ein Kompliment machen, dass sie etwa das bessere Gehirn haben; sie haben nur dasjenige, welches weniger verbildet ist. Ich will den Damen auch nicht das Kompliment machen, dass sie die Anthroposophie, weil sie Damen sind, besser verstehen, sondern nur deshalb verstehen sie sie besser, weil sie aus dem Gemüte heraus urteilen und weniger gelernt haben von dem, was man gewohnt worden ist zu lernen in den letzten vier Jahrhunderten.

Da stellt sich eben gerade dieser Bildung der letzten vier Jahrhunderte ganz bewusst die Geisteswissenschaft entgegen und verlangt einfach umfassendere Gedanken, welche auch zunächst das Vorstellen beweglicher machen, aber vom Vorstellen aus den ganzen Menschen beweglicher machen. So kann man schon sagen: Jemand, der durch die Trainierung der Geisteswissenschaft gegangen ist, wird leichter eine Wirklichkeit, auch vom wirtschaftlichen Zusammenhang, durchschauen als derjenige, der nur aus der Bildung der letzten Jahrhunderte hervorgegangen ist.

Ich habe schon letzthin einmal aufmerksam darauf gemacht, wie wenig diese Bildung der letzten Jahrhunderte geeignet war, auf das Wesentliche der Sache hinzusehen. Ich habe aufmerksam darauf gemacht, wie in einer bestimmten Zeit des neunzehnten Jahrhunderts die Goldwährung aufgekommen ist gegen den früheren Bimetallismus. Diejenigen, die die Goldwährung vertreten haben, haben überall - Sie können das nachlesen in den verschiedensten Parlamentsberichten - überall behauptet, durch die Goldwährung werde der Freihandel auf die Beine gebracht werden. Die Zollschranken der verschiedenen Länder werden fallen. - Nun, es ist zweifellos, wenn diese Zollschranken gefallen wären, wir stünden heute woanders, als wir stehen. Aber es sind ja nicht bloß die Zollschranken nicht gefallen, sondern jeder, der heute Grenzen passiert, der weiß, dass noch ganz andere Schranken aufgerichtet worden sind. Nichts ist eingetroffen von dem, was gelehrte Nationalökonomen und Lebenspraktiker vorausgesagt haben als Frucht der Goldwährung, des Monometallismus. Gar nichts ist davon eingetroffen, überall das Gegenteil davon: Aufrichtung der Zollschranken. Das heißt: Die verehrten Praktiker auf allen Gebieten des Lebens, sie haben sich gründlich geirrt, sie haben gar nichts vorausgesehen von dem, wie die Wirklichkeit läuft. Was da im Großen zutage getreten ist - im Geschäftsleben —, im Kleinen ist es überall zutage getreten und tritt heute noch überall zutage. Dasjenige, was Überschauen der Verhältnisse ist, es ist nicht anerzogen worden den Menschen. Aus dem, was man bis in die höchsten Schulen hinauf lernen konnte, ergab sich nicht eine Erziehung der Menschenseele für das Überschauen auch der größeren Zusammenhänge des praktischen Lebens.

Nun glauben Sie aber durchaus nicht, dass ich all die Praktiker oder die gelehrten Nationalökonomen, die das ausgesagt haben, was ich eben jetzt angedeutet habe, dass ich die für Dummköpfe halte. Im Gegenteil, ich finde, dass die Leute, die, namentlich in den Sechzigerjahren, Fünfzigerjahren, in den europäischen Parlamenten geredet haben, in den europäischen Zeitungen geschrieben haben, sehr gescheite Leute waren. Sehr gescheite Leute haben Falsches vorausgesagt, aus dem Grunde, weil man gar nichts Richtiges voraussagen konnte nach den Verhältnissen, die da waren. Denn, meine sehr verehrten Anwesenden, die Gescheitheit hilft einem nichts, wenn man nicht durch diese Gescheitheit Lebenserfahrungen machen kann. Und die Verhältnisse, wie sie da waren im Industrialismus, im Kommerzialismus, die boten eben nur die Möglichkeit, das Nächste zu schen; sie boten nicht die Möglichkeit, auch die gescheitesten Gedanken anzuknüpfen an dasjenige, was in der Wirklichkeit lebt. Man hatte sich gewöhnt, in der Wissenschaft durch das Mikroskop zu schen, das Kleinste sich zu vergrößern, damit man ja nicht irgendwie Größeres zu beurteilen hat. Das hat anerzogen den Menschen den Blick auf die kleinsten Verhältnisse. Das ist nur ein Vergleich, eine Analogie, aber die Analogie gilt.

Geisteswissenschaft will also als Wichtiges nicht betrachten dasjenige, was man als Inhalt lernen kann, sondern sie will als Wichtigstes betrachten die Erziehung, welche der Mensch erlangt durch die Gedanken, die er sich machen muss, wenn er Geisteswissenschaft begreifen will. Und deshalb liegt eine innere Notwendigkeit vor, dass gerade diese Geisteswissenschaft sich ergeht heute in den praktischen Gebieten des Lebens, denn sie will jene Schulung des Menschen heranbilden, welche ihn befähigt, klar, ohne Illusion in die praktischen Gebiete des Lebens hineinzuschauen.

Und so kann man sagen: Weil man [nicht] in der Lage war, von solchen größeren Gesichtspunkten aus die soziale Frage zu betrachten, deshalb ist man zum wahren Antlitz eigentlich nicht gekommen. Heute, nach der Kriegskatastrophe, könnte man eigentlich schon sehen: All die Diskussionen, die man geführt hat, all die schönen Theorien, die man aufgestellt hat, sie sind eigentlich für nichts, sie führen im Grunde genommen nicht zu etwas; denn man hat es ja gar nicht zu tun mit der Schlechtigkeit von Einrichtungen; man hat es gar nicht zu tun, nicht wahr, nicht im Großen, selbstverständlich im Einzelnen wohl, aber nicht in dem Umfange, wie man sich das in den illusionären Theorien der Sozialisten und Antisozialisten ausmalt, man hat es nicht zu tun, nicht im Allerentferntesten zu tun mit solchen Gegensätzen wie Kapital und Lohn - worauf ganze breite Theorien aufgebaut werden -, nein, man hat es mit etwas ganz anderem zu tun. Man hat es zu tun mit dem, dass in breiten Massen der Bevölkerung der zivilisierten Menschheit Empfindungen, Triebe herangewachsen sind, die man durch Jahrzehnte hindurch unberücksichtigt gelassen hat und die man verstehen sollte. Man sollte menschlich verstehen dasjenige, was da heranstürmt. Man sollte sich fragen: Wie sind die Menschen geartet, die heute Revolution oder sonst etwas verlangen, die heute anstreben die politische Macht oder dergleichen? Wie ist das heraufgekommen in diese Menschenseelen? Als eine Menschheitsfrage sollte man das betrachten, was soziale Frage ist, dann könnte man Ideen gewinnen, wie man das, was uns vorliegt, bewältigen soll. Immer wieder und wiederum wurde nicht danach gefragt: Wie bilden sich die Seelen der breiten Masse des Proletariats aus? Sondern es wurde danach gefragt: Wie sind die Lebensverhältnisse der breiten Masse des Proletariats, da die Proletarier selber, unter dem Einfluss der bürgerlichen Bildung, bildeten sich nur Begriffe, die eigentlich herangeschult waren in der nationalökonomischen Wissenschaft des Bürgertums. Irgendetwas, was wirklichkeitsgemäß die soziale Lage erfasst, haben wir ja in der allgemeinen Weltbildung heute überhaupt noch gar nicht.

Man kann sagen, meine sehr verehrten Anwesenden: Dasjenige, was einem das Herz am meisten belastet, wenn man es heute aufrichtig mit der sozialen Frage meint, das ist, dass so wenige klar und deutlich einsehen wollen, welche Schuld die führenden Kreise in der neueren Zeit auf sich geladen haben, eine wirkliche Schuld, wahrhaftig nicht auf dem Gebiete des äußeren wirtschaftlichen Lebens so sehr als gerade auf dem Gebiete des Bildungslebens, auf dem Gebiete des geistigen Lebens. Man hat eine ganz neue Klasse in den letzten Jahrhunderten heranwachsen sehen. Man hat diese neue Klasse neben sich gehabt; man hat es mit angeschen, wie diese neue Klasse eine ganz neue Sprache für Seelenentwicklung hat, auf die man nicht hingeschaut hat. Man hat fortgefahren, die alte Sprache der Tradition zu sprechen im Bildungsleben der führenden Kreise. Man hat sich nicht darum gekümmert, zu überbrücken die Kluft zwischen den führenden Klassen und den Klassen, die heraufkamen im Proletariat. Man hat dem, was in der Menschheit heraufwuchs als Menschheitsfrage, wirklich kein Interesse zugewendet. Man hat höchstens Anstalten und Einrichtungen getroffen, die im Sinne der altorientierten Wohltätigkeit sorgen sollten für die breiten Massen, sorgen sollten für Magen, Kleid und Wohnung und so weiter. Man hat aber nicht bedacht, dass es nötig geworden ist, eine Weltanschauung zu erringen, in der sich verständnisvoll alle Menschen der neueren Zeit zusammenfinden können. Heute haben wir die Früchte. Sie lesen heute in den Zeitungen des Proletariats hohnerfüllte Auslassungen über alles dasjenige, was von den führenden, von den ehemals führenden Klassen ausgegangen ist. Sie lesen davon, dass eigentlich all das, was man gedacht hat in früherer Zeit, all das Denken über Kapitalismus, Sie lesen, dass das alles nichts taugt, dass ein ganz anderer Geist kommen müsse, der Geist der großen Masse, der Geist, der herausraucht so aus den großen Massen, wie der Rauch aus dem Schornstein raucht. Die allerärgste Abstraktion, sie ist der Götze geworden der breiten Masse des Proletariats; ein unbestimmter Geist, der aufsteigen soll aus der Gesamtheit.

Zwei Fragen kann man stellen; die eine, die man sich beantworten muss aus einem tieferen Verständnis der Geschichte, die immer wieder und wiederum besagt, dass ja der Geist, wenn er wirken will im Leben, durch Persönlichkeiten gehen muss, dass niemals ein Geist herumfliegt, ohne dass er durch Persönlichkeiten wirkt. Aber die andere Frage - man kann sie heute sehr konkret stellen. Zuerst ist ausgegangen eine praktische Verwirklichung desjenigen, was gemeint werden kann in sozialer Beziehung, hier von Dornach aus [und] von unseren Freunden in Stuttgart.

Sie wissen, unsere Freunde Molt, Unger, Kühn, Leinhas und andere haben sich in Stuttgart zusammengetan, um einmal dasjenige, was von Dornach in sozialer Beziehung ausgehen kann, ins praktische Leben überzusetzen. Wir haben dann - ich will die Einzelheiten selbstverständlich übergehen —, wir haben dann angefangen etwa im April 1919 zu arbeiten. Selbstverständlich kann ein solches Arbeiten — wo man es nicht zu tun hat mit Wachsfiguren, sondern mit der lebendigen Menschheit der Gegenwart -, es kann ein solches Arbeiten nur so sein, dass es Schritt für Schritt verläuft, mit genauer Berücksichtigung der wirklichen Verhältnisse. Und man darf sagen: Insbesondere in den ersten 14 Tagen unserer damaligen Arbeit ist eigentlich alles recht gut gegangen. Es ist dasjenige bis zu einem gewissen Grade gelungen, was gelingen muss: für vernünftige soziale Ideen breitere Kreise des Proletariats zu gewinnen. Wäre dazumal auch noch etwas anderes gelungen, nämlich breitere Kreise des Bürgertums, der führenden Klasse, für diese Ideen zu gewinnen, namentlich die damals Erstführenden zu gewinnen, dann wäre ganz gewiss etwas, was schr fruchtbar hätte werden können, geschehen. Aber die breiteren Kreise des Bürgertums haben im Grunde genommen zunächst ganz versagt, weil sie eben nicht wussten, dass man es mit einer Menschheitsfrage zu tun habe. Ich habe damals in Stuttgart zu so manchem gesagt, auf den es hätte ankommen können, solche Dinge zu verstehen: Ja, sehen Sie, dass wir uns, Sie und ich, über soziale Theorien unterhalten, das kann ja ganz gewiss einen guten theoretischen und später auch einen praktischen Wert haben, aber darauf kommt es jetzt zunächst nicht an, sondern es kommt darauf an, dass man etwas tun könne, dass man die Menschen zusammenbringt, die zusammen etwas wirklich tun können. Dazu ist es notwendig, dass zum Beispiel zu den Arbeitern so geredet wird, wie [es] die Arbeiter verstehen können, sodass man zunächst die Arbeiter hat. Ich sagte sogar: Wenn Ihnen manches nicht gefällt, was in der Sprache des Proletariats zu dem Proletariat gesprochen sein muss, so kommt es ja darauf zunächst nicht an, sondern es kommt darauf an, dass man die Menschen zusammenbringt. Habe man nur die Geduld, die Menschen zusammenzubringen.

Dass die moderne soziale Frage eine Menschheitsfrage ist, dem brachte man wirklich recht wenig Verständnis entgegen. Und so konnte es kommen, dass eines Tages die sogenannten Führer des Proletariats bemerkten - es ist immer dies das Schlimmste, wenn die Führer irgendeiner Partei oder Klasse oder Religionsgemeinschaft bemerken, dass man unter ihren Schäflein Anhänger erwirbt; das ist immer das Gefährlichste eigentlich. Sie interessieren sich nicht stark für die Dinge, wenn man Kohl redet und keine Anhänger gewinnt. Aber als die Leute merkten: Ja, da verwandelt sich etwas, da erschienen sie auf dem Plan, und da zeigte es sich sehr bald, dass durch alles Mögliche, was an törichter Aufwärmung alter sozialistischer Theorien und Marxismen getan werden konnte, eben getan wurde, dass den Leuten eingeredet wurde, dass man es doch nicht ehrlich und aufrichtig mit ihnen meine, sondern dass man doch auch etwas von verkappter Kapitalist oder mindestens Kapitalistenknecht sei. Kurz, es erschienen einige wenige führende Persönlichkeiten auf dem Plane, und flugs war die Masse verflogen, verstoben. Das ist erwas, was in schr konkretem Sinne lehrt, dass der Geist nicht etwas ist, was aus der breiten Masse herauskommt und herumfliegt, sondern indem uns die Stuttgarter Arbeiter gezeigt haben, dass sie in Bezug auf die Methode [des] Gehorchens katholischer sind, als nur jemals römische Katholiken gewesen sind, konnte man sehen, dass all das ein Klimborium ist, eine Phrase von dem «Geiste», der «aus den Massen» stammt, dass auch heute die Massen, wie sie es immer getan haben, folgen einigen wenigen Leithammeln. Nicht nur die Geschichte lehrt das, sondern das lehrt auch die Erfahrung. Denn es hätte sich eben [darum] gehandelt, zu untergraben den Boden - ich sage es ganz aufrichtig —, zu untergraben den Boden den Führern. Ehe man sich das nicht eingesteht, dass nichts besser werden kann, wenn die Führer nicht wegkommen aus dieser Führung der breiten Massen, die herausgekommen sind aus den Verhältnissen der letzten Jahrzehnte, eher wird die Sache nicht besser. Das ist dasjenige, auf was es ankommt. Deshalb musste man auch - und darinnen sind sogar von uns Fehler gemacht worden —, deshalb musste man auch mit Ausschaltung alles desjenigen, was die Führer taten, direkt herangehen an die Masse selber. Eine Menschheitsfrage ist es, und sie ist im Grunde genommen als Menschheitsfrage aufgestiegen, und man hat hie und da bemerkt: Es handelt sich darum, zu erringen nicht einzelne Einrichtungen, sondern eine solche Welt- und Lebensauffassung, durch die man eine Brücke schaffen kann zwischen den Menschen, die als führende Klasse aus der alten Weltordnung hervorgegangen sind, und denen, die so wild wühlen im Proletariat. Aber das ist das Merkwürdigste: Diejenigen Menschen, die etwas gesehen haben, sie sind immer wie Prediger in der Wüste gewesen. Man kann ja die merkwürdigsten Erfahrungen durch sachgemäße Rückblicke machen.

Als ich meinen ersten Aufruf geschrieben habe, der ja dann als Nachtrag in meinen «Kernpunkten der sozialen Frage» auch erschienen ist, den so viele Leute unterschrieben haben, da wurden manche Leute wütend darüber, weil ich [darauf] hingewiesen habe, wie die letzten Jahrzehnte, namentlich in Deutschland, ganz und gar nicht geeignet waren, wirklichkeitsgemäße Aufgaben zu stellen und zu lösen; und heute noch immer bekomme ich wütende Briefe gerade über diesen ersten Aufruf von «gutmeinenden» Leuten. Und dennoch, diese Leute kennen alle nicht die Tatsachen. Tatsachen spiegeln sich nur in so etwas, wie zum Beispiel das Folgende ist.

V[iktor] Alim&] Huber hat in einer Zeitschrift 1869 - ich bitte, die Jahreszahl zu berücksichtigen, ich wähle diese Jahreszahl und gerade dieses Zitat ganz absichtlich, weil dasjenige, was da niedergeschrieben wurde, also liegt vor der Wiederaufrichtung des deutschen Reiches -, Huber hat in einer in Stuttgart erscheinenden Zeitschrift 1869 das Folgende zum Beispiel geschrieben, indem er zuerst hingewiesen hat darauf, wie die Arbeiterfrage entstanden ist, wie die soziale Frage zu den Fenstern hereinscheint; nachdem er auseinandergesetzt hat, wie man versuchen soll, wie er es nennt, durch den «Korporationsweg», durch den Weg des sachgemäßen Zusammenschlusses etwas von Minderung der Gegensätze, die sich herausbilden müssen, zu schaffen, nachdem er — 1869, meine sehr verehrten Anwesenden -, nachdem er gesagt hat: Wenn man den Geist weiter entfaltet, den man bisher entfaltet hat im Ansehen der sozialen Frage, dann kommt die Zeit, wo der Militärstaat in einer furchtbaren Weise offenbaren wird diese Frage als «Sein oder Nichtsein». - Diese Worte stehen 1869 in einer Stuttgarter Zeitschrift! Ich möchte wissen, wie viele Menschen das gedacht haben, jetzt oder nach der sogenannten deutschen Revolution, wo man das Wort «Sein oder Nichtsein» immer wieder gebraucht hat, wie viele Menschen bedacht haben, dass ein etwas Hellsichtigerer 1869 [das] schon hingeschrieben hat, in einer Zeit, in der man ganz anderen Tatsachen gegenübergestanden hätte, als man heute gegenübersteht. Der Mann schrieb, nachdem er solche Dinge auseinandergesetzt hat:

Auch hier werden wir also schließlich auf eine Reform, Stärkung und Vermehrung aller Anstalten und Mittel der sozialen Volksbildung auf allen, hier aber namentlich auf den höheren Stufen, als unerlässliche Bedingung sozialer Reformen verwiesen.

Der Mann hat gemerkt, dass es sich handelt um die Ausbreitung eines besonderen Geisteslebens, das allerdings damals noch nicht da war. Aber es hätte können aus solchen Untergründen Verständnis für ein Geistesleben erwachsen, wenn man überhaupt solche Menschen gehört hätte in dem Taumel der nächsten Jahrzehnte. Und sogar noch präziser hat dieser Mann gesprochen 1869:

Dass davon ohne eine gründliche Hebung des Geistes unserer Universitäten nicht die Rede sein kann, versteht sich von selbst, und zwar umso mehr, je weniger man dort

— nämlich an den Universitäten —

eine Ahnung oder gar ein Verständnis dieses Bedürfnisses und dieses Berufs hat.

Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, während der Mann gesagt hat, 1869: An den Universitäten muss begonnen werden, da muss was anderes hinein in die Hörsäle, denn es ist von dem Geiste weit entfernt, der Platz greifen muss in der Menschheit, wenn Besserung eintreten soll -; während der Mann das 1869 gesagt hat, kommen heute die Leute, die’s «gut meinen», und sagen: Also begründen wir Volks-Hochschulen! Das heißt: Nehmen wir in Bausch und Bogen dasjenige, was an den Universitäten ausgekocht worden ist, kochen wir es in etwas günstigeren Präparaten, dass es der Menge frommt, in Präparaten, in kleineren Gefäßen verabreichen wir dasselbe Zeug, dann wird alles besser werden. - Was heißt das in Wirklichkeit? In Wirklichkeit heißt es: Das, was nichts getaugt hat, als es die führenden Klassen getrieben haben, nun hineingetragen in die breiten Massen, da soll es etwas taugen. Nicht darum handelt es sich, dass wir dasjenige, was gelehrt worden ist, weiter hineintragen in die breiten Massen, sondern darum handelt es sich, dass wir an die Stelle desjenigen, was gelehrt worden ist, und was uns in die Katastrophe hineingetragen hat, dasjenige setzen, was hier immer betont wird, wovon hier ausgegangen wird, ist: Wir müssen erst diejenige Geisteskultur finden, die in die Volkshochschule hineinführt. Die werden wir nicht finden, wenn wir uns nicht herbeilassen, aus der materialistischen Wissenschaft den Weg herauszufinden in die Geisteswissenschaft hinein. Dasjenige, was aus der alten Wissenschaft kommt, das haben gelernt die Führer der Proletarier, das haben gelernt die Trotzkis, Lenins und so weiter, und so weiter. Das hat zu dem geführt, was diese Leute den Proletariern predigen, was sie einrichten. Das, das ist genügend verbreitet. Das ist dasjenige, womit man eben nichts machen kann. Dasjenige, was wir brauchen, das ist dasjenige, was aus der Geisteswissenschaft kommt. Das ist nicht etwas, was den Leuten zum Beispiel auf sozialem Gebiet sagt: Richten wir das so ein und so ein, militarisieren wir die Arbeit, dann wird ein Paradies auf der Erde entstehen! Solch einen Satz werden Sie in den «Kernpunkten der sozialen Frage» nicht finden. In den «Kernpunkten der sozialen Frage» finden Sie als Ausgangspunkt dieses: Wir wollen einen möglichen sozialen und lebensfähigen sozialen Organismus haben, das heißt, wir wollen nicht ein irdisches Paradies, ein solches ist vielleicht ganz unmöglich. Das ist überhaupt gar keine Frage, ob man dies oder jenes anstreben soll, denn selbstverständlich streben die Leute, wenn ihnen eines geboten wird, wieder etwas Höheres an; denn dasjenige, was man einmal angestrebt hat als das Höchste, das ist sogleich wiederum das Niedrigste in einem nächsten Moment. Darauf kommt es gar nicht an, den Leuten den Himmel auf der Erde zu versprechen, sondern darauf kommt es an allein, zu studieren, wie der soziale Organismus lebensfähig wird, wie er am besten zum Leben gebracht werden kann. Dann wird sich vielleicht ergeben, dass nicht alle Wünsche der Menschen erfüllt werden können, aber es könnte ja sogar ein besonders geistreicher Mensch sagen - ich habe solche gekannt, ich habe in meinem langen Leben manchen Kostgänger des Lebens kennengelernt -, es könnte zum Beispiel Menschen einfallen, zu sagen: Es ist eine höchst unzweckmäßige Einrichtung, dass sich da Wesen auf zwei Pendeln weiterbewegen, das könnte alles anders eingerichtet sein; dieser physische menschliche Organismus, da ist so vieles unzweckmäßig, und so weiter, und so weiter. - Es könnte durchaus besonders angelegte Köpfe geben, die sich den menschlichen Organismus viel anders vorstellen könnten, als er ist. Es würde die Vorstellung natürlich keine wirklichkeitsgemäße sein. Aber es gibt diese Leute, ich habe sie kennengelernt. So gibt es natürlich auch die Menschen, die den anderen das Paradies auf Erden versprechen. Aber das ist kein Beweis, dass das auch möglich ist, einzurichten, was die Leute versprechen und worinnen sie Verständnis finden, denn, selbstverständlich, man braucht den Leuten nur das zu versprechen, das, was sie wollen und wünschen, dann findet man Verständnis in breiten Kreisen leichter, als wenn man bloß von dem spricht, was möglich ist, wenn man bloß von dem spricht, was die soziale Frage wirklich gestalten kann. Von dem allein sprechen die «Kernpunkte der sozialen Frage».

Deshalb, weil von dem allein gesprochen werden kann, ist man zu der scheinbar utopistischen, aber nur für oberflächliche Blicke scheinbar utopistischen Dreigliederung des sozialen Organismus gekommen, denn man mag, wenn man nicht geblendet ist durch vorgefasste Theorien, wo immer das Leben anfassen — überall zeigt sich, dass die Hauptstruktur unseres jetzigen Geisteslebens, sogenannten Geisteslebens, dadurch heraufgezogen ist, befördert worden ist, dass der Einheitsstaat dieses Geistesleben mit seinen Prinzipien beglückt hat, dass der Einheitsstaat, gewiss, unter dem Zwange der konfessionellen Notwendigkeiten — damals, als es geschehen ist, war es eine Notwendigkeit, heute können wir darüber hinauskommen -, dass der Einheitsstaat damit dieses Geistesleben, indem er die Schulen an sich gezogen hat, dieses Geistesleben so gestaltet hat. Er erzieht sich seine Menschen, wie er sie braucht. Er erzieht sich Theologen, wie er sie braucht, er erzieht sich Juristen, Mediziner, wie er sie braucht. Die Schweiz braucht zum Beispiel Mediziner, die nur in der Schweiz, an schweizerischen Fakultäten gebildet sind, weil ein ein paar Stunden weiter weg gebildeter Mediziner eben nicht heilen kann in der Schweiz; und so ist es mit den Philologen, so ist es mit allen. Der Staat, wenn er das Bildungswesen in der Hand hat, muss selbstverständlich seinen Gesichtspunkt geltend machen.

Nun stellen Sie sich an Stelle eines solchen staatlichen Bildungswesens ein Bildungswesen vor, das sich ganz und gar selbst regiert, ein Bildungswesen, das von den untersten Schulen bis hinauf zu den höchsten Schulen als Verwalter diejenigen hat, die lebendig in diesem geistigen Bildungswesen drinnenstehen — der Lehrer so lange unterrichtend nur, dass er Stunden frei behält, in denen er sich der Verwaltung des Unterrichtswesens widmen kann; niemand anders beteiligt an dieser Verwaltung des Unterrichtswesen als derjenige, der aktiv drinnensteht. Keine Körperschaft hat hineinzureden, kein Parlament; denn dasjenige, was in Bezug auf die Heranbildung des Geisteslebens zu sagen ist, erfordert Fachbildung und Sachkenntnis, erfordert gewisse Fähigkeiten und würde sich nur ausbilden können, wenn das Geistesleben auf seinem eigenen Boden steht. Sobald dasjenige, was aus Majoritätsmeinungen oder aus der Durchschnittsanschauung herauskommt, als Gesetz verfügt wird und dann in die Verwaltung übergeht über das geistige Bildungswesen, muss dieses geistige Bildungswesen verkümmern. Und ein innerer Zusammenhang ist zwischen dem materialistischen Typ unseres modernen Geisteslebens und der Verstaatlichung dieses Geisteslebens.

Sehen Sie, man kann da besondere Dinge erleben. Die Leute können nicht immer gleich einsehen, wenn sie nicht in der Geisteswissenschaft drinnenstehen, die selbst durch sich, durch ihre ganze Wesenheit zeigt: Es kann das, was durch sie angestrebt werden muss, nur im freien geistigen Leben angestrebt werden; es kann nur angestrebt werden, wenn es von den Persönlichkeiten einzig und allein ausgeht, wenn es nur so gut und so schlecht wird, als die Persönlichkeiten eines Zeitalters es machen können, wenn man sich nicht der Illusion hingibt: Da sind Gesetze, die schreiben vor, wie unterrichtet werden soll. Was nützen die Gesetze! Auf die Lehrer kommt es an, auf die realen konkreten Lehrerpersönlichkeiten kommt es an; auf die Menschen kommt es an, die im Unterricht, im Geisteswesen überhaupt drinnenstehen, dass sie zu gleicher Zeit das verwalten. Wenn wir hypothetisch einmal annehmen wollten den traurigen Fall, dass in einem Zeitalter, in einer Generation nur blitzdumme Lehrer da wären, so würde eben diese Generation blitzdumm auferzogen werden müssen. Das wäre noch immer besser, als wenn gute Gesetze da wären für das Unterrichtswesen, und diese guten Gesetze eben in einer noch schlechteren Weise behandelt würden als schließlich die Dummheit, wenn sie aus dem Menschen selber hervorsprießt. - Auf geistigem Gebiete ist es notwendig, dass dasjenige, was geschieht, aus den Fähigkeiten des Menschen herauskommt, denn dadurch wird es das zu einem gegebenen Zeitalter immer denkbar Beste. Das ist es, worauf es ankommt. Daher kommt es, dass man nicht gleich einsehen kann, dass diese Freiheit, diese Emanzipation des Geisteslebens als des einen Gliedes des sozialen Organismus, eine Notwendigkeit ist. Es kann vorkommen, dass einem sehr gutmeinende, sehr gescheite Leute den Einwand machen - er kommt immer wieder vor -, sagen wir zum Beispiel, es ist einer, ich will jetzt sagen, in dem Staate X - um keinem nahezutreten -, es ist einer im Staate X, und man sagt ihm, dass das notwendig sei, die Dreigliederung des sozialen Organismus, die Freiheit des Geisteslebens. Da wird er vielleicht das Folgende sagen: Ja, im anderen Staate Y, Z und so weiter, da ist es schon so, wie du sagst, aber bei uns in X, da, da merken wir nichts von der Abhängigkeit des Unterrichts von der Regierung, von den staatlichen Mächten; bei uns ist das Unterrichtswesen nicht gestört durch die staatlichen Mächte.

Ja, meine sehr verehrten Anwesenden, ich möchte sagen: Das ist eben gerade das Schlimme, dass die Leute so sagen, denn indem sie so sagen, merken sie eben nicht mehr, wie sie abhängig sind. Sie sind schon so abhängig, dass ihnen ihre Abhängigkeit als Freiheit erscheint. Durch ihren Kopf geht nur die Abhängigkeit. Sie finden alles gut, was in ihren Kopf hineingesetzt wird, und weil sie den Staatsanordnungen so brav wie eine Selbstverständlichkeit gehorchen, so fühlen sie sich nicht im Geringsten durch sie beirrt. Sie merken gar nicht nämlich, wo eigentlich die Sache liegt. Das ist gerade vielleicht das Allerschlimmste, dass gerade auf geistigem, namentlich aber auf erzieherischem Gebiete es schon so weit gekommen ist, dass die Leute gar nicht mehr fühlen, wie sie abhängig sind, dass sie diese Abhängigkeit als Freiheit glorifizieren. Selbstverständlich, wenn einer so denkt, wie jener Pfarrer als Auskunft gegeben hat, der gerade eine Predigt gehalten hat und in dieser Predigt ausgeführt hat, dass der Mensch nach der Weisheit der Welt am allerbesten gebaut ist, da wartete am Kirchenausgang auf ihn ein Buckliger, und der fragte dann den Herrn Pfarrer: Ja, Hochwürden, können Sie mir sagen, dass auch ich am allerbesten gebaut sei? - Da sagte er: Für einen Buckligen bist du am allerbesten gebaut. — Ja, sehen Sie, wenn man selbstverständlich spricht von der Freiheit des Geisteslebens zu Menschen, die die Abhängigkeit als Freiheit empfinden, so sagen einem diese: Ja, wir haben ja alle Freiheit! Das ist das eine Glied des dreigliederigen sozialen Organismus, das freie Geistesleben.

Ebenso wenig wie das Geistesleben verträgt die schematische Einordnung gerade in den demokratischen Staat, in den am allerwenigsten, weil Demokratie nur zur Manifestierung von Durchschnittsmeinungen führen kann, und Durchschnittsmeinungen sind am allerunerträglichsten in der freien Entfaltung des Geisteslebens, geradeso wenig aber, wie das Geistesleben die schematische Prinzipienreiterei des Staates verträgt, ebenso wenig [verträgt sie] das Wirtschaftsleben. Das Wirtschaftsleben, das verträgt nur ein Arbeiten so aus wirklichen Verhältnissen heraus, wie das Geistesleben ein Arbeiten aus den menschlichen Anlagen heraus verträgt. Das Geistesleben muss so arbeiten, wie es aus den Anlagen der Menschen eines Zeitalters heraus möglich ist; das Wirtschaftsleben muss so arbeiten, dass in diesem Wirtschaftsleben zur Entfaltung kommen kann voll Sachverständigkeit, Fachtüchtigkeit und Drinnenstehen in einem Zweige des Wirtschaftslebens, so, dass die anderen, die mit diesem Wirtschaftszweig zu tun haben, Vertrauen haben können zu dem, der in diesem Wirtschaftszweig drinnensteht. Das heißt, das Wirtschaftsleben ist nur möglich, wenn es aufgebaut wird auf assoziativem Wege, wenn es so aufgebaut wird, dass dasjenige, was im Wirtschaftsleben zusammengehört, sich zusammenschließt, dass sich Wirtschaftskreise - seien es Berufskreise, seien es Kreise, die einander gegenüberstehen wie Produktionskreise, Konsumtionskreise und so weiter, dass sich Kreise zusammenschließen so, dass sie assoziiert sind.

Selbstverständlich kann nicht jeder Kreis in jedem Kreis assoziiert sein; aber es ist auf mittelbare Weise ein Assoziieren durch das ganze Wirtschaftsleben möglich. Dadurch aber, dass so [siehe Wandtafelzeichnung, S. 596] die einzelnen Wirtschaftskreise ineinander assoziert sind, dadurch steht derjenige, der in irgendeiner Assoziation drinnensteht, der steht [einer anderen] gegenüber und kann aus den Verhältnissen, denen er gegenübersteht, durch Verträge oder Ähnliches, das herausgewinnen, was notwendig ist, damit man Unterlagen hat für ein sachgemäßes Wirtschaften. Das Wirtschaftsleben können Sie nie organisieren, sondern man kann es nur assoziieren. Man kann nicht von einer Zentralstätte aus, so, wie es Lenin und Trotzki machen wollen, organisieren, wie die einzelnen Berufsstände arbeiten sollen und so weiter, sondern man kann nur, indem man die Berufsstände hat, versuchen, sie in solche wirtschaftlichen Verbände zu bringen, dass der eine den andern trägt, dass der eine für seine Arbeit aus dem, was er vom andern erfährt, Vertrauen herausgewinnt.

So die Verhältnisse wirklichkeitsgemäß anzuschauen, liegt ja den Menschen der Gegenwart so furchtbar ferne. Ach, was für Ironie der Tatsachen erlebt man doch in unserer Zeit! Wir haben es erlebt, meine sehr verehrten Anwesenden, dass in gewissen Staaten der Segen des Militarismus von den Parlamenten ausgesprochen worden ist, dass niemand als höchstens kleinere Parteien Widerspruch erhoben hat. Es ist jahrzehntelang hinter uns. Wir haben es erlebt, insbesondere während dieses Krieges, dass diejenigen, die die Verhältnisse am wenigsten durchschaut haben wiederum, aus dem Antimilitarismus [heraus] ihre Dekrete losgelassen haben!

Es kommt ja gar nicht darauf an, dass einer recht hatte, sondern darauf, dass man weiß, warum einer recht haben kann, dass man die Verhältnisse kennt. Und wir haben es erlebt, dass heute im sozialistischen Deutschland zum Beispiel über einen Militarismus losgedonnert wird, und wir erleben einen Mann, der nun auch in einer gesetzgebenden Versammlung heute sagt: «Der Militarismus hat nicht nur Schattenseiten gezeitigt, sondern der Militarismus hat große Wohltaten unter die Menschheit gebracht. Bei denjenigen Menschen, die in diesen Krieg gezogen sind, haben wir gesehen, wie sie gelernt haben, zu organisieren; und als sie wieder zurückgekommen sind, haben wir es erlebt, dass wir in den Menschen, die durch die Schule dieses Krieges gegangen sind, die besten Menschen gefunden haben, die in den Fabriken die Arbeit im militärischen Sinne organisieren könnten. Wir haben es erlebt, dass wir eine richtige Stufenfolge von übereinanderstehenden Menschen durch die Schulung dieses Krieges bekommen haben, dadurch, dass die Menschen dieses Krieges gelernt haben, systematisch zu arbeiten, sich unterzuordnen. Wir sind in die Lage gekommen, den Sieg der militärischen Ordnung für das soziale Leben gründlich einzusehen.» - Und noch weiter in diesem Sinne hat dieser Mann fortgesprochen vor wenigen Wochen! Wer war es? Trotzki in Moskau, um zu rechtfertigen die Militarisierung der russischen Arbeit!

Ja, man möchte solchen Dingen gegenüber doch fragen: Ist denn nur noch ein Funke von Wachheit in der heutigen Menschheit, wenn sie nicht hinsieht auf diesen krassen Widerspruch des Lebens? Soll denn das Leben fortgehen, wenn diese krassen Widersprüche in diesem Leben drinnenstehen? Es handelt sich wirklich darum, dass zum Beispiel in diesen «Kernpunkten der sozialen Frage» nichts anderes angestrebt wird als dasjenige, was entstehen kann - es ist ausführlich an einer Stelle klar hervorgehoben -, was entstehen kann gerade aus den gegenwärtigen Einrichtungen heraus. Wenn die Menschen, die in diesen gegenwärtigen Einrichtungen drinnenstehen, nur anfangen, sich als Zielrichtung vorzusetzen dasjenige, was der Sinn der Dreigliederung ist- man kann überall heute im Sinne der Dreigliederung [arbeiten], wenn man sich sie als Zielrichtung vorsetzt, wenn man weiß, dass es sich nur darum handeln kann, wirklich auf der einen Seite, wie ich’s charakterisiert habe, zu einem freien Geistesleben zu kommen, auf der anderen Seite aber zu einem Wirtschaftsleben [zu] kommen, das nur aus wirtschaftlichen Notwendigkeiten heraus arbeitet.

Sehen Sie, es ist sogar möglich geworden, einige Wochen hindurch in Stuttgart die Leute beisammen zu haben, mit denen man reden konnte über die nächsten Anforderungen eines unstaatlichen, freien Wirtschaftslebens. Wirklich nicht einmal, sondern oftmals sagte ich da den Leuten: Diejenigen, die jetzt berufen sein werden, mitzuarbeiten an dieser freien Gestaltung des Wirtschaftslebens, sie werden wahrhaftig bald, wenn es an den Ernst gehen wird, sehen, dass sie nicht stehen bleiben können bei den sozialistischen Phrasen, bei dem Marxismus und so weiter, sondern dass sie werden arbeiten müssen aus den konkreten Forderungen des Wirtschaftslebens heraus, und jeder an seinem Platze; der Betriebsleiter, der Arbeitsleiter ebenso wie der Proletarier, sie werden arbeiten müssen, jeder von seinem Platze aus, unter Gesichtspunkten, die vom Wirtschaftsleben selber kommen. Da treten dann ganz andere Fragen zutage als diejenigen, die man gewöhnlich heute aufwirft, und namentlich die die Praxis aufwirft. Gerade eben war man daran, einzusehen, dass unter vielem anderen zum Beispiel [es] notwendig sei, darauf zu kommen, wie in einem gewissen Wirtschaftsgebiete ein bestimmter Artikel einen ganz bestimmten Preis haben müsse, eine ganz bestimmte Preislage, und dass einfach die Einrichtungen so getroffen werden müssen, dass eine bestimmte Preislage da ist. Ich habe gezeigt den Leuten, wie man durch Einrichtungen diese Preislagen erreichen kann, nicht durch Dinge, wie zum Beispiel die Geld-Theoretiker mit ihrer Statistik, mit ihrem Staatsamt, was alles utopistisch ist, [es] wollen, sondern wie man das erreichen kann durch die tatsächliche soziale Struktur, durch das, was entsteht durch das Zusammenwirken der Assoziationen. Was ist heute Praxis? Heute ist Praxis, dass durch gewisse Verhältnisse irgendetwas teurer wird. Es wird mehr Lohn gefordert, oder man streikt. Dadurch, dass mehr Lohn gefordert wird, werden wiederum andere Verhältnisse teurer, selbstverständlich, dann wird wieder mehr Lohn gefordert. Und so ist dasjenige, was am wichtigsten ist, zu berücksichtigen: ein bestimmtes Preis-Niveau, dasjenige, was durch unsere sozialen Verhältnisse gerade als das Nichtigste betrachtet wird. Jede beliebige Preissteigerung wird heute mit einer Gleichgültigkeit von den meisten angesehen, während sie ruinös ist für unser Menschheitsleben.

Wir waren eben daran, in die konkreten Verhältnisse einzutreten, und man kommt ja nicht weiter, meine sehr verehrten Anwesenden, als dadurch, dass in möglichst vielen Köpfen Verständnis für die konkreten Fragen eintritt. Was wollen Sie denn mit Menschen machen, die nichts verstehen von dem, was sein muss, die nur dasjenige verstehen, was ihnen ihre Agitatoren vorsagen? Glauben Sie, dass Sie da mit denen eine neue wirtschaftliche Ordnung herbeiführen können? Nur mit denjenigen können Sie eine neue wirtschaftliche Ordnung herbeiführen, die zuerst Verständnis gewonnen haben für die Anforderungen des Lebens selber. Alles Übrige im Grunde genommen, was die «Kernpunkte der sozialen Frage» für ein freies Wirtschaftsleben fordern, liegt schon in diesem. Denn wovon Einzelne gesprochen haben, wo das aufleuchtet - und schließlich, man muss ja sagen: Die Dreigliederungsidee, ein Stück davon, leuchtet ja auf, ein Stück leuchtet auf -, das machen Theoretiker sogar zu einem Einwande; immer wiederum kommen die Leute und sagen mir: Ja, was Sie da sagen, das wird ja da und dort schon gewollt! Ich kann den Leuten immer nur sagen: Mir wäre es am allerliebsten, wenn alles das, was ich sage, schon gewollt würde. Ich strebe durchaus nicht darnach, etwas Neues zu sagen, sondern dasjenige, was vernünftig aus den Verhältnissen folgt!

Aber das ist ja das Wesentliche, dass die Einzelheiten da oder dort gefordert werden, dass es sich aber darum handelt, eben diese Einzelheiten zusammenzufassen. Um das Umfassende, um die großen Linien handelt es sich. Deshalb muss Geisteswissenschaft eingreifen, weil die erzieht zu den großen Linien. Es ist richtig, dass da und dort auftritt Verständnis für das oder jenes, aber dann muss man die Möglichkeit haben, [dieses Verständnis] zur Geltung zu bringen. Und so leuchtet auch bei einzelnen Menschen auf, wie unsinnig es ist, wenn zum Beispiel geurteilt werden soll über eine Frage, nun, sagen wir, die die Industrie interessieren soll. Nun wird geurteilt in den Zweigen, die verstaatlicht sind, von der staatlichen ZentralVertretung oder dergleichen. Das heißt, es wird geurteilt von einer Majorität von Menschen, die unter Umständen überstimmen können jene kleine Minorität, die gerade etwas versteht von der Sache; abgesehen von allem Übrigen, was da an Gegenseitigkeiten und so weiter entwickelt wird, worüber ja einzelne, namentlich Weststaaten wunderbare Gelegenheit geben zu Studien, auch Südstaaten. Daher haben manche vorgeschlagen: Nun ja, das Parlament müssen wir ja haben, den Einheitsstaat müssen wir haben; also brauchen wir wenigstens für das Wirtschaftsleben industrialistische Komitees, Berufsvertretungen im Parlamente. Ja, aber darauf kommt es an, dass diese Berufsvertretungen im Parlamente zunächst für sich wirklich das geltend machen können, was dann von Berufsverband zu Berufsverband entschieden werden kann, was notwendig ist; nicht, dass wiederum alles zusammengemuddelt wird in einem Parlament, um vielleicht dasjenige, was für diesen Kreis zu entscheiden ist /siehe Wandtafelzeichnung], von den anderen, die’s gar nichts angeht, entschieden wird. Man hat in Bezug auf Majoritäten manchmal ganz sonderbare Dinge erlebt zum Beispiel in Österreich, welches ja der «Musterstaat» ist für das Staats-Zugrundegehen. Denn dieser österreichische Staat, man hat ihn zugrunde gehen sehen - ich habe drei Jahrzehnte drinnen gelebt -, man hat ihn zugrunde gehen sehen, wenn man mit offenen Augen dasjenige gesehen hat, was da eigentlich vorgegangen ist. In diesem österreichischen Staat kam es einmal dazu, dass man das Schulgesetz, das da war, zurückrevidieren wollte. Man wollte wiederum ein reaktionäres Schulgesetz an die Stelle desjenigen setzen, das man nun einmal gehabt hat. Dieses Schulgesetz wäre mit einer Minorität abgelehnt worden, wenn die Verhältnisse normal gewesen wären. Es war nur eine Majorität dadurch zu erreichen, dass mit den andern Leuten, die für dieses reaktionäre Schulgesetz waren, die Polen mitgestimmt haben. Die Polen mussten mit den anderen Reaktionären zusammen eine Majorität bilden. Die Polen haben dazumal gesagt: Gut, wir bilden mit euch eine Majorität, wir machen mit euch das schlechte Schulgesetz, aber unser Galizien, das muss ausgenommen werden von diesem schlechten Schulgesetz! - So also kamen die Leute im gemeinschaftlichen Parlament zusammen. Es fand sich eine Gemeinschaft, die polnische Delegation, die mit den andern zusammen den Ländern der anderen, die’s nicht haben wollten, ein Schulgesetz gaben, von dem sie ihr eigenes Land ausnahmen. Krass trat das dazumal besonders hervor. Aber wie sollte denn das nicht auf anderen Gebieten vielfach der Fall sein in einem Parlamente wie das österreichische, das ja eigentlich nur Wirtschaftsvertreter gehabt hat. Denn sehen Sie, als man in Österreich, wo ein Minister, der Giskra, ungefähr in derselben Zeit, als der Huber da, [in Stuttgart], seine Anschauungen niedergelegt hat, gesagt hat: Soziale Fragen gibt's ja gar nicht, die hören bei Bodenbach auf - es ist öfter besprochen worden -, in diesem Lande hat man doch so etwas von einer neuen Zeit erträumt. Es kamen solche Träume, dass eine neue Zeit notwendig sei, dass ein Parlament eingerichtet werden müsse. Da hat man das Parlament aufgebaut auf vier Kurien: die Kurie der Großgrundbesitzer, die Kurie der Städte, Märkte und Industrialorte, der Landgemeinden und die Kurie der Handelskammern - durch ihre besondere Eigenart lauter Wirtschaftsgenossenschaften, lauter Wirtschaftsgemeinschaften. Die bildeten dann das Parlament, welches die österreichischen Gesetze machte, die Rechte fabrizierte. Es ist doch ganz selbstverständlich, dass nicht eine Majorität zustande kommen konnte aus den Vertretern der Handelskammern und der Großgrundbesitzer zusammen, dass diese solche Gesetze machten, die in ihren Interessen gelegen waren, nicht solche Gesetze, die hervorgegangen wären aus dem, was in der Neuzeit immer mehr und mehr heraufdämmert in der Menschheit aus dem Gefühl der Demokratie. Gerade derjenige, der es in der Demokratie ernst nimmt, muss das Wirtschaftsleben und [das] Geistesleben, die ja gar nicht auf Demokratie beruhen können, sondern die aus Sach- und Fachkenntnis herauskommen, der muss das Wirtschaftsleben, der muss das Geistesleben absondern von dem, was das Rechtsleben im weitesten Sinne ist, das nur sich entwickeln kann, wenn im Parlament entgegensteht der mündig gewordene Mensch dem andern mündig gewordenen Menschen als ein Gleicher. Dann darf aber in diesem Parlament auch nur entschieden werden dasjenige, was angeht jeden mündig gewordenen Menschen gegenüber jedem [andern] mündigen Menschen als einem Gleichen. Und die Frage muss immer wieder sein: Es kann sich nicht darum handeln, dass sich Berufskomitees bilden in einem demokratischen Parlament, und dann doch die Entscheidungen herbeigeführt werden durch Majoritätsbeschlüsse, sondern dass dasjenige, was im Wirtschaftsleben Zukunftstat ist, aus Verhandlungen, aus den direkten Verhandlungen der wirtschaftlichen Verbände dasjenige hervorgeht, was im Wirtschaftsleben aus dem Wesen des Wirtschaftslebens selbst sich herausentwickelt.

Dasjenige, was als Dreigliederung des sozialen Organismus auftritt, ist ja gar keine Theorie, ist ja gar kein Programm. Programme habe ich genug erlebt. Es war in den 80er Jahren, da trank ich auch immer meinen schwarzen Kaffee nach Tisch im Wiener Literaten-Cafe, im sogenannten Cafe Griensteidl. Da kamen nächst Literaten und Verfassern aller Größen, Dichter, Maler, Bildhauer - jeder war eine Größe, was immer alle andern leugneten -, da kamen auch die Sozial-Reformer, da kamen auch die Marxisten zusammen. Viktor Adler war auch immer da. Da konnte man die Programme mittags und abends und mitternachts erleben in den verschiedensten Gestalten. Jeder hat immer gewusst, was das Allerbeste ist, und jeder meinte, die Welt wird zum Paradiese, wenn gerade just sein soziales Programm durchgeführt wird. Das Gegenteil von allen diesen Programm-Macherei[en] ist dasjenige, was angestrebt wird von der Dreigliederung des sozialen Organismus. Auf eine einfache Formel gebracht — was heißt es denn eigentlich? Es heißt: Es gibt im sozialen Leben der Menschheit drei verschiedene, genau voneinander zu scheidende Interessenkreise, Sachkreise. Das eine ist das geistige Leben. Keiner hat das Recht, sich anzumaßen, zu sagen, wie am besten dieses geistige Leben verwaltet wird; keiner hat das Recht, zu sagen: Ich schreibe diesem geistigen Leben ein Programm vor. Das sagt man auch nicht, wenn man in der Wirklichkeit steht, für die man erzogen wird in der Geisteswissenschaft. Aber man sagt: Lasst einmal verwaltet sein dieses geistige Leben von den Leuten, die dazu berufen sind, die aktiv drinnenstehen, dann kannst du dir dein Programm ersparen; dann wird durch dasjenige, was das Leben hervorbringt, das Richtige entstehen. Es handelt sich nicht darum, Programme anzugeben für die Dreigliederung des sozialen Organismus, sondern es handelt sich darum, hinzuweisen darauf, wie die Menschen im Leben sich finden müssen, damit von Woche zu Woche, von Jahr zu Jahr im Leben selber das Beste entstehe. Und ebenso handelt es sich darum, dem Wirtschaftsleben eine solche Gestalt zu verleihen, dass durch die Wirtschaftenden dasjenige entsteht, was immer wieder von Neuem entstehen muss. Denn sehen Sie, das Allerabsurdeste ist überhaupt, soziale Programme aufzustellen, die immer gelten sollen. Denn die soziale Frage, sie ist einmal heraufgekommen, aber man kann sie nicht von heute auf morgen lösen. Die soziale Frage ist eine gewisse Art von Lebensverhältnissen, ist eine Menschheitsfrage, und es kann sich nur darum handeln, dass man das Leben so einrichtet, dass sie fortwährend gelöst wird, dass von Woche zu Woche, von Jahr zu Jahr, von Jahrzehnt zu Jahrzehnt die Menschen immer da sind, die das herbeiführen, was die sozialen Fragen lösen kann. Die soziale Frage kann nicht im Bausch und Bogen [auf] einmal gelöst werden, sondern sie muss fortwährend durch das Leben gelöst werden. Dazu ist aber notwendig, dass dieses Leben so dasteht, dass sich die Menschen, die zur Lösung berufen sind, aus diesem Leben herausentwickeln.

Außer den wirtschaftlichen und außer den geistigen Fragen bleiben dann noch diejenigen, die sich einfach zwischen den Menschen, die mündig geworden sind, abspielen. Die werden demokratisch entschieden. Sie sind die Rechtsfragen im weitesten Sinne. Das ist dasjenige, was das Leben aufgibt: Das heißt, eine Gestaltung des Lebens verlangen, nicht ein Programm aufstellen, nicht eine Theorie ausbilden, sondern nachdenken darüber, wie die Menschen zusammenleben sollen, damit das Leben gestaltet werden könne. Wir können uns heute nicht darüber unterhalten, ob es nun schon zu spät ist für die europäische Zivilisation, oder ob es noch Zeit ist dazu, dass die Menschen sich so zusammenfinden können. Aber wir sollten uns wohl immer wieder und wieder sagen: Deshalb ist die soziale Frage nicht in ihrer rechten Gestalt ergriffen worden, weil man dasjenige, auf was es ankommt, überhaupt niemals ausgesprochen hat, weil man immer glaubte, Programme finden zu müssen oder Einrichtungen aussinnen zu müssen, während es darauf angekommen wäre, sich so zu verständigen in der Menschheit, dass dort [gemeinsame] Interessen sich gebildet hätten, wo das Leben gemeinsame Interessen fordert. Wenn das Wirtschaftsleben, selbstverständlich, heute auf seine eigenen Füße gestellt wird - wir können nicht verlangen, dass gleich morgen die Leute, die drinnenstehen, die nun vollgepfropft sind, sei es mit liberalen, sei es mit sozialistischen, sei es mit konservativen Ideen, dass die aus den wirtschaftlichen Erfordernissen heraus urteilen. In den Fünfziger-, Sechzigerjahren wäre das in einem hohen Maße möglich gewesen. Heute ist schon viel zu viel konfuses Zeug in die Köpfe hineingefahren. Aber darüber hat man ja nicht zu entscheiden, sondern der Wille ist aufzuwenden, dass auch heute noch das Rechte geschehe. Aber man sollte schon eben darauf hinsehen, wie dadurch, dass man, statt sich zusammenzufinden bei den gleichgerichteten Interessen, die Dinge abzulenken hat auf ganz andere Gebiete. Nehmen Sie einmal an, hypothetisch zunächst - was ja heute natürlich eine Hypothese ist —, es stünden die Menschen, gleichgültig, ob sie Arbeitsleiter, ob sie Arbeitsnehmer sind, im reinen Wirtschaftsleben drinnen und wären eine Zeit lang gewöhnt worden, aus den Tatsachen des Wirtschaftslebens heraus die Fragen des wirtschaftlichen Lebens zu entscheiden. Dann würden sich gebildet haben, wenn auch vielleicht erst in der nächsten Generation, aber es würde sich gebildet haben eine Gemeinsamkeit der Interessen, welche zum Beispiel vorliegen muss, wenn diejenigen, die Produzierende sind, zusammenzuwirken haben. Der Arbeiter und der Arbeitsleiter, beide haben ja das gleiche Interesse, wenn die gleichen Interessen nur gepflegt werden. Der Arbeiter und der Arbeitsleiter, sie haben nicht verschiedene Interessen mit Bezug auf zum Beispiel die Entlohnung, sie haben die gleichen Interessen. Aber damit sie ausgefüllt werden in ihren Empfindungen von diesen gleichen Interessen, müssen sie das Wirtschaftsleben überschauen. Man kann es nur überschauen, wenn man erfahren kann von der einen Assoziation aus dadurch, dass man mit der nächsten Assoziation etwas zu tun hat, diese wieder mit einer nächsten [und so weiter], dass sich ein Netz von Vertrauensverhältnissen bildet. Man kann nur erfahren dasjenige, was das wahre Interesse ist, auf diese Weise. Stattdessen werden wahre Interessen aus alledem herausgetragen. Die Menschen, die Arbeitsleiter sind, die stehen dann da [in der Wandtafelzeichnung: gefüllte Kreise circle12-filled), die Arbeitsnehmer sind, die stehen da [in der Wandtafelzeichnung: offene Kreise circle12). Von dem Nächsten werden nun wiederum die Arbeitleiter da stehen, die Arbeitnehmer stehen da, und so weiter, und so weiter. Und so, wie [im] Parlamente sich die Partei bildet - was hier in der wirklichen Arbeit zusammensteht, das steht sich, parteimäßig gesondert, kämpfend gegenüber - ein unnatürliches Verhältnis, ein unsinniges Verhältnis, dem Leben gegenüber betrachtet! Warum? Weil das Wirtschaftsleben nicht abgesondert ist, nicht in seiner Selbstständigkeit lebt, sondern diejenigen, die wirtschaften, nach ganz anderen Gesichtspunkten sich hier in Parteien gliedern, in parlamentarischen Parteien. Wenn hier das Leben mit nichts anderem zu tun hat als mit dem, was angeht alle mündig gewordenen Menschen als Gleiche, was nichts zu tun hat mit dem, was entsteht innerhalb des Wirtschaftslebens selbst, dann ist es unmöglich, dass sich das entwickelt, was sich in unsere Zeit hereinentwickeln will.

Diese Dinge werden schwer verständlich gefunden. Diejenigen, die sie dann schwer verständlich finden, die sagen: Ja, das ist nicht übersichtlich. Ja, meine sehr verehrten Anwesenden, das ist eben aus dem Leben, und was aus dem Leben ist, das erfordert, dass derjenige, der es verstehen will, ins Leben schaut. Aber heute schauen ja die Leute gar nicht mehr ins Leben, heute schauen sie auf ihre Vorurteile. Der eine hat seine Vorurteile von Marx bekommen, der andere, nun, von den liberalen oder sozialdemokratischen Führern, der Dritte vom Herrn Pfarrer und so weiter, und so weiter. Heute schauen sie nur auf dasjenige, was Theorien sind, was sie nur Praxis nennen. Und so spürt man heute etwas von dem, was eigentlich längst einzelne Menschen gefühlt haben.

Sehen Sie, da ist mir was Merkwürdiges passiert. Ich habe in Stuttgart und auch hier an verschiedenen Orten in der Schweiz einen Vortrag gehalten, in dem ich gesagt habe aus der Sache heraus: Wir haben heute statt eines ursprünglichen Geisteslebens Phrase, die sehr der Lüge verwandt ist; statt eines wirklichen Rechtslebens haben wir bloß die Konvention. — Es kann in Bezug auf diese Dinge vielleicht auch noch etwas Ähnliches passieren. - Aber nun habe ich über das dritte Gebiet, über das Wirtschaftliche gesprochen und habe gesagt: Auf dem wirtschaftlichen Gebiete haben wir nicht eine wirkliche Lebenspraxis, nicht dasjenige, was aus wirtschaftlichen Verhältnissen herauswächst, sondern die bloße Routine. - Nun denken Sie, das habe ich gesagt, und heute lese ich - nämlich erst heute habe ich diesen Huber gelesen, wirklich, ich will Ihnen durchaus nicht irgendetwas anheften, was nicht stimmt, ich habe ihn heute wirklich gelesen -, und da lese ich bei diesem Huber - er hat sich nämlich gewisse Korporationsinteressen ausgedacht -, da lese ich bei diesem Huber: «Wo ist denn aber in unserem Reiche» — so sagt der 1869 in Stuttgart —, «wo sind denn die Männer, die diese Einrichtungen treffen können?» Und dann setzt er fort und sagt: «Am allerwenigsten finden wir sie bei den Praktikern, bei denen, die sich Praktiker nennen, denn da herrscht heute nichts anderes als die Routine.» Und — sagt er — wir brauchten mindestens zehn [Männer]. «Aber wenn ich mich umschaue», sagt er, «ich will gleich (er ist nämlich, wie die Leute damals waren, loyal, ein sehr loyaler Herr) seine Majestät ausnehmen, aber da er ja ohnedies nicht in Betracht kommt, finden sich nicht nur nicht zehn, sondern um die Stufen des Thrones herum und überall draußen findet sich nicht einmal ein Einziger.»

Ich weiß nicht, ich konnte das nicht so schnell untersuchen, inwiefern der Mann für das Jahr [18]69 recht hatte; aber in unseren heutigen Verhältnissen hat man alle Veranlassung, diejenigen aufzusuchen, die wenigstens Herz und Sinn haben für ein Studium und für ein Eingehen auf die wirklichen Verhältnisse. Das ist es, um was es sich heute handelt. Wir brauchen Menschen, die einsehen, dass eine Erneuerung des Geisteslebens, ein Stellen des Wirtschaftslebens auf seine eigenen Unterlagen durchaus notwendig ist. Wir brauchen dies, weil wir entlasten müssen den Staat, der dann das dritte Glied des dreigliederigen sozialen Organismus bildet mit seinem Rechtsverhältnisse und dem, was dem Rechtsverhältnis verwandt ist. Alles Genauere kann man in meinem Buche «Die Kernpunkte der sozialen Frage» nachlesen. Wir brauchen dieses dritte Glied, das die andern links und rechts abwirft; kurz, wir brauchen diejenige Gliederung des sozialen Organismus, aus der heraus eine Menschengliederung entstehen kann, die gewachsen ist den schwierigen, den außerordentlich komplizierten, den schwierigen Verhältnissen der Gegenwart, die noch komplizierter und schwieriger werden in der nächsten Zukunft.

Deshalb wollte ich heute noch einmal hier aufmerksam machen darauf, dass nicht durch eine Willkür, nicht durch die Willkür eines einzelnen [Menschen] und nicht durch die Willkür der Anthroposophischen Gesellschaft, von Dornach hier mit einer geisteswissenschaftlichen Bewegung ausgeht eine Anregung auf sozialem Gebiete. Denn tatsächlich wahr ist es, was immer wieder und wiederum doch einzelne Menschen in den letzten Jahrzehnten eingesehen haben: Ein Besserwerden wird nur möglich sein, wenn eingreift eine gründliche Verwandlung unseres gesamten geistigen Lebens. Dann muss es aber eine solche Verwandlung sein, die nicht bloß theoretisch fordert, die nicht bloß idealistisch ausgesprochen wird, sondern die nicht davor zurückschreckt, wirklich auch Geist, wie man ihn nicht gekannt hat bisher, vor die Welt hinzustellen. Vom Geiste zu reden, das bringen heute viele zustande. Es handelt sich aber nicht darum, vom Geiste zu reden, sondern darum, dass positiver, konkreter Geist gegeben wird. Positiver, konkreter Geist muss schöpferisch sein, schöpferisch auch im Wirtschaftsleben. Die Zeit muss als vorbei seiend betrachtet werden, [in] der die Menschen gesagt haben: Wirtschaftsleben ist das Äußere, darauf lässt sich die geistige Welt nicht ein, die findet man gerade, wenn man weggeht vom Wirtschaftsleben, wenn man es verlässt, das Grob-Materielle, wenn man zum Geistigen aufsteigt in höhere Regionen. Die Zeit, in der man so gesprochen hat, das ist diese, [die] in Europa Ströme von Blut heraufgebracht hat. Und die Leute, die heute noch von ihren Kanzeln reden: Kehrt wieder zurück zum alten Christentum! — denen muss immer wieder und wiederum gesagt werden: Wenn wir zu euch zurückkehren, dann können wir ja wiederum dort anfangen — bei den Dingen, die uns endlich geführt haben zu 1914. Es handelt sich darum, den Mut zu haben, den neuen Geist wirklich vor die Menschen hinzustellen. Dann muss man [damit] aber auch ernst machen. Es kommen heute Personen heran - wenn sie hören, in Dornach würde auch Wirtschaftsleben angestrebt -, die sagen: Ja, wie macht man denn das? Sagen wir zum Beispiel, irgendjemand, der im Wirtschaftsleben von Amerika steht, der sagt: Das ist ja ganz schön, wenn in Dornach Wirtschaftsleben angestrebt wird; wenn die wissen, wie man’s macht, dann sollen uns die das sagen. - Das würde ja heißen: Man verlangt von uns ein Programm. Mit Programmen, das heißt mit lebensfremden Dingen, soll aber hier nicht gearbeitet werden, sondern hier handelt es sich darum, das Leben zu suchen. Daher kann niemand von uns verlangen, wir sollen ein Programm finden, das man durch diese oder jene amerikanische Bank ausführen soll, sondern hier handelt es sich darum, dass ein Mittelpunkt eines Lebens geschaffen werden muss, der ein realer, lebendiger Mittelpunkt ist, um den herum sich die Leute gliedern müssen. Daher muss den amerikanischen Bankiers gesagt werden: Nicht davon hängt es ab, dass du durch deine Bank dein Programm ausarbeitest, das dir von hier gegeben wird; sondern darauf kommt es an, dass du dasjenige, was du tust, um Dornach herum zentrierst, dass du mit Dornach den Zusammenschluss suchst. Denn nicht um Ausgeben von lebenslosen Programmen handelt es sich, sondern um die Schöpfung eines realen Mittelpunktes, der als solcher schaffen muss. Hier kann man nicht bloß studieren, von hier aus soll gearbeitet werden.

Das ist das Wesentliche, dass alles, was von hier ausgeht, als Leben aufgefasst wird, nicht als Theorie, nicht als Gedanke, nicht als Idee. Deshalb werden die schon nicht zu ihrem Rechte kommen, die entweder nach Dornach gehen oder nach der Waldorfschule, um dort zu sehen, wie’s am allerbesten aussieht, wie man es selbst machen könne; sondern die, die einsehen: Hier ist begonnen worden, hier ist der Anfang gemacht worden. Man muss mit dem [zusammenarbeiten], womit nicht als mit einer Theorie der Anfang gemacht worden ist, sondern mit dem Leben, man muss mit dem zusammenarbeiten. Im Zusammenarbeiten, meine sehr verehrten Anwesenden, können wir uns mit allen Menschen der zivilisierten Welt heute finden - aber im lebendigen Zusammenarbeiten.

Es muss einmal ernst gemacht werden damit, dass der Geist nicht in leeren Gedanken, nicht in Abstraktionen lebt. Und weil wir hier das geltend machen wollen, dass der Geist nicht in Abstraktionen lebt, dass der Geist ein Lebendiges ist, so können wir nicht denjenigen befriedigen, der bei uns nur dasjenige aufsuchen wollte, was abstrakte Gedanken sind, die man nun in beliebiger Weise verwirklichen könnte, sondern wir können nur denjenigen befriedigen, der versteht, dass zusammengearbeitet werden muss in dem Sinne, wie es gekennzeichnet ist, wie es angeregt ist - aber nicht programmatisiert ist - in den «Kernpunkten der sozialen Frage» und der nächsten Nummer der «Zukunft». Nicht bloß doziert von hier aus soll werden, dass der Geist ein Lebendiges ist, sondern der lebendige Geist soll gesucht werden. Man wird sehen, ob in der Welt genug Verständnis dafür vorhanden ist, dass der lebendige Geist, nicht der abstrakte Geist, gesucht werden müsse, dass gesucht werden müsse für eine Verbesserung der Zukunft, für einen wahren Aufbau nicht bloß irgendeine abstrakte Idee, sondern [dass gesucht werden muss] der lebendige Geist. (Lebhafter Beifall.)

Diskussion

Rudolf Steiner: Meine sehr verehrten Anwesenden, ist vielleicht jemand hier, der mündlich eine Frage zu stellen hat oder irgendetwas zu bemerken hat? Es sind hier zwei Fragen schriftlich gestellt worden (über den «dreigliedrigen Staat»; Frage, ob ein Schulverein mitzureden habe im freien Geistesleben des «dreigliedrigen Staates»).

Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, manchmal ist es notwendig, dass ich, was ich sonst verabscheue, ein furchtbarer Pedant werde, um der Sache willen! Der Staat wird von der Dreigliederung des sozialen Organismus als eines der drei Glieder gedacht, und eigentlich ist es unmöglich, zu sagen: der dreigliedrige Staat. Man kann es aus Opportunität einmal durchgehen lassen, aber es muss auch manchmal wiederum auf solche Dinge aufmerksam gemacht werden. Das sage ich aus dem Grunde, weil hier ausdrücklich in der Frage steht «des dreigliedrigen Staates».

Nun, nicht wahr, Fragen werden begreiflicherweise aus dem Gegenwartsbewusstsein heraus gestellt, und das ist auch schließlich ganz richtig. Aber man muss sich schon einmal, wenn man auf das Leben hinschauen will, damit bekannt machen, dass das Leben ein Werdendes ist, und dass sich unter Umständen manches, was wünschenswert ist, erst nach längerer Zeit einstellen kann, das aber auch, wenn der Mut dazu da ist, unter Umständen verhältnismäßig sehr bald sich einstellen kann. Und so muss man sich auch das Fragen ein wenig überlegen, muss sich überlegen, dass aus den Verhältnissen der Gegenwart heraus Fragen gestellt werden, vielleicht schon aus sehr naheliegenden Verhältnissen der Zukunft heraus, aber in einer Form, wie sie gar nicht mehr dann gestellt werden können. So namentlich diese Frage nicht. Denn schen Sie, es wird sich darum handeln, dass das Geistesleben von denjenigen verwaltet wird, die lebendig darinnenstehen. Diejenigen, die da lebendig darinnenstehen, die werden ja selbstverständlich darauf zu sehen haben, dass in ihre Entschlüsse restlos all dasjenige einläuft, was diesen Entschlüssen in irgendeiner Weise günstig sein kann. Nun denken Sie sich, ich sei Volksschullehrer, ich bekomme ein Kind in die erste Klasse der Waldorfschule herein. Es würde ganz selbstverständlich sein, dass man da gerade so verfährt, wie auch ein vernünftiger Arzt verfährt, der, wenn ein Krankheitsfall vorliegt, nicht aus dem Blitzblauen heraus urteilt, sondern der sich gewissermaßen mit der Biografie des Kranken bekannt macht. Man muss die Biografie kennenlernen und lesen, wenn man ein Schulkind bekommt, um dasjenige zu wissen, was das Kind bisher durchlebt hat. Man wird es am besten kennenlernen können, selbstverständlich aus der Konferenz mit der Mutter, wobei der Vater ja nicht ganz durchzufallen braucht — aber hier ist nur die Frage für die Mütter gestellt. Nehmen Sie nur einmal in ganz geringem Grade das, was ich auch heute gesagt habe über das freie Geistesleben, nehmen Sie das im Ernste, dass dieses freie Geistesleben alle diejenigen Faktoren zur Entfaltung bringen wird, die eben dieses freie Geistesleben allein möglich machen. Was folgt daraus? Das folgt daraus mit Notwendigkeit, dass die Mütter herangezogen werden. Es ist ja eine Selbstverständlichkeit! Aber nur ja sollen wir nicht auf das freie Geistesleben übertragen wollen dasjenige, was einem im alten Geistesleben so furchtbar nach und nach entgegengetreten ist. Wenn irgendwo etwas vorgekommen ist, geringfügiger Natur, da konnte man überall hören: Ja, da sollte ein Gesetz gemacht werden. Die Leute hatten schon gar nichts mehr anderes in ihren Köpfen als: Es sollte ein Gesetz gemacht werden. Für alles sollte ein Gesetz gemacht werden! Sodass ich mir einmal erlaubte, in einem Nürnberger Vortrag zu sagen: Welches ist das Ideal des modernen Menschen? Und dies charakterisierte ich dort so, dass ich sagte: Der Mensch wünscht eigentlich nur heutzutage, dass er immer in seinem Leben begleitet werde links vom Polizisten und rechts vom Arzt; sodass er für die Zeit der Krankheit den Arzt hat, und für die andere Hälfte des Lebens sorgt der Polizist oder eine andere Fakultät. Das ist ja gerade das, dass wir solch einen sozialen Organismus herbeiführen wollen, der es dem Menschen möglich macht, für sich selbst zu sorgen, der gewissermaßen als Selbstverständlichkeit das hervorbringt, wofür man aus dem Philistertum heraus überall Gesetze haben will. Ich weiß, dass heute die Leute in einem solchen Falle meistens sagen: Ja, aber dazu sind ja die Menschen noch nicht reif. - Für mich ist das und manches andere eben dann ein Anlass, wenn mir jemand sagt: Die Menschen sind dazu noch nicht reif -, zu antworten, dass daraus zwei Dinge resultieren; erstens, dass er sich für reif hält, und zweitens, dass er ganz sicher nicht zu den Reifen gehört, wenn er meint, dass er das verstehe zwar, aber dass die anderen dafür noch nicht reif seien, dass er also aus einer unterbewussten, aber im Bewusstsein nicht lebendigen Selbsterkenntnis heraus urteile. Es handelt sich gar nicht darum, dass wir warten, bis die Leute reif sind, denn da können wir warten bis an das Ende der Erdentage, sondern es handelt sich darum, dass wir zugreifen und dann warten, was unter den Verhältnissen eben geschehen kann. Wenn die Menschen reif werden, dann lösen sich manche Fragen eben durchaus aus den Verhältnissen heraus von selbst.

Die andere Frage, die hier gestellt worden ist: «Kann irgendeine der heute üblichen Verbandsformen, Arbeitsgenossenschaft oder eine einzelne Firma als besonders geeignet betrachtet werden, für [die] assoziative Form den Ausgang zu bilden?»

Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, bedenken Sie da wiederum das Leben in seinem Werden. Bedenken Sie es so, dass es ja fortwährend sich umgestaltet, so, wie der Organismus selber, bis ein gewisses Stationäres zunächst erreicht ist, in dem oder jenem Gebiete, dann eine Zeit lang bleibt, um dann abzusterben. Sie finden es schon in den «Kernpunkten der sozialen Frage» angedeutet. Dasjenige, was wir heute haben, das soll zunächst den Ausgangspunkt bilden. Es kann ja auch gar nicht anders sein. Wir haben heute Aktien-Gesellschaften; ja, wir gründen sie sogar, wir haben in Stuttgart eine gegründet. Also wir gründen sie selber, sind hier daran, eine zu gründen, als Geisteswissenschafter. Wir knüpfen überall an das an, was besteht. Wir reden nicht vom Wolkenkuckucksheim, sondern wollen anknüpfen an das, was besteht. Dann haben wir vielleicht lauter solche Verbände aus dem Bestehenden heraus, Genossenschaften, Aktiengesellschaften, was weiß ich, was alles, und wir suchen nur nach den Assoziationen. [Siehe Wandtafelzeichnung, S. 597]

Aber dadurch, dass diese Verbände in das assoziative Leben eintreten, dadurch ändern sie sich ja wiederum, und dadurch werden die Aktiengesellschaften eine andere Form annehmen, wenn das assoziative Leben erwacht. Auch die Genossenschaften werden eine andere Form annehmen. Es ist ganz gleichgültig - nehmen Sie an, hier wäre eine Korporation, die spottschlecht wäre, die assoziiert sich auch. Für sich ist sie spottschlecht; aber dadurch, dass sie in das Netz der Assoziation hineingestellt wird, dadurch wird sie ja fortwährend beeinflusst, wird nach und nach mitgerissen von dem, was entsteht aus dem Assoziieren, und wird mit der Zeit eben etwas ganz. anderes, oder geht zugrunde. Es handelt sich für uns nicht darum, etwas abzuschaffen, sondern darum, die Dinge hinzunehmen, wie sie sind. Und ist etwas schlecht, so geht es eben selbstverständlich zugrunde. Aber durch Gesetze etwas abzuschaffen, darum kann es sich niemals handeln.

Das ist dasjenige, was einen heute am meisten bedrückt, dass ja eigentlich erst die gesunden Gedanken in die Menschenseelen hineinmüssen! Sehen Sie, ich möchte das noch aussprechen, obwohl es schon im Vortrag angedeutet war: Es ist so, dass einem heute am meisten wehetut, dass durch lange Zeiten hindurch gar nicht angestrebt worden ist, die Brücke über die Kluft zwischen den Menschenklassen wirklich zu bauen. Was hat man sich denn bekümmert um dasjenige, was aus dem Proletariate wird, in den ganzen langen Jahrzehnten der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts? Man hat im Grunde genommen zugeschaut zu dem, was da geschieht; man hat sich nicht viel darum bekümmert, höchstens so, wie man es manchmal in gröReren Städten gehört hat, dass einem die Leute gesagt haben: Da ist wieder ein Haus, die lassen sich schon dickere Fensterläden machen, weil sie fürchten, dass in der nächsten Zeit was ausbricht! - Höchstens in dieser Weise hat man sich um die Sachen gekümmert. Aber ein lebendiges Leben hervorrufen, welches die Grundlage gewesen wäre für das Verständnis, so etwas hat man nicht gesucht.

In meinen «Kernpunkten der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft» finden Sie angedeutet, wie tatsächlich der Arbeiter in jeder Fabrik hingeführt werden sollte vor den ganzen Gang der Fabrikation, in die Kenntnis der Rohprodukte eingeführt werden sollte, bekannt gemacht werden sollte mit dem Gang, den das Produkt nimmt, sodass er gemeinschaftliches Interesse mit dem Gewerksleiter bekommt, sodass er mit Interesse darinnenlebt. Heute, selbstverständlich, ist das noch sehr schwierig, und wenn man es auch anstrebt, so erreicht man es nicht von heute auf morgen! Es ist aus dem Grunde heute noch sehr schwierig, weil Sie es erleben können, dass Sie in einem Betrieb darinnenstehen, und sehr gut als Mensch fertig werden mit dem einen oder anderen Arbeiter; Sie kommen sehr gut mit ihm zurecht. Aber wenn es sich um irgendeinen Entscheid handelt, dann sagt er Ihnen: Ja, aber ich kann ja nicht derselben Meinung sein, ich muss ja der Meinung sein, die mir meine Gewerkschaft vorschreibt. - Heute sind eben die Leute so. Aber warum sind sie denn so geworden? Sie sind so geworden, weil in den führenden Kreisen, bei denen die Führerschaft doch hätte bleiben müssen, weil in den führenden Kreisen gar nicht das Bedürfnis vorhanden war, die Welt kennenzulernen. Ja, man sagte zwar, man will sie kennenlernen, man tut nach und nach aus seinen Ideen heraus etwas. Aber derjenige, der das kennengelernt hat, der weiß über die Dinge noch ganz andere Sachen.

Aus den Jahren, in denen ich Lehrer an der Arbeiterbildungsschule [war], die im Grunde rein eine sozialdemokratische Einrichtung war, da konnte ich durchaus sehen, wie von dem, was vorging unter der Arbeiterschaft, die Werkleiter nicht das Geringste wussten, konnte sehen, wie sie sich auch da nicht dafür interessierten. Man sieht das, was ich jetzt sage, als eine Übertreibung an, weil man in demselben Fall ist wie derjenige, der sagt, Gesetze sollen ... [unleserlich im Stenogramm] und so weiter, und so weiter. Die Staaten, die mögen ja also das Geistesleben knechten, aber bei uns in X spüren wir gar nichts von einer solchen Knechtung. Geradeso, wie man da die Augen verschlossen hat, durch Jahrzehnte verschlossen gegenüber dem, was eigentlich heraufzog! Höchstens, dass man die Leute einsperrte. Aber darauf kommt es an, dass der Mensch das Leben wirklich kennenlernt. Und das fehlt heute auch noch im alleräußersten Maße. Das ist das eine, was ich gerade in Anknüpfung an solche Fragen sagen möchte.

Man hört überall aus dem, was geäußert wird, heraus, wie die Menschen immer nur einen kleinen Kreis kennen. Das wird anders. Bedenken Sie nur das, was ich gesagt habe gegenüber dem ...; die Leute waren ja alle nicht dumm: Da kommt der und frägt, und die Argumente, die vorgebracht wurden, waren sehr gescheit; aber sie konnten nichts wissen über das, was man erklärt, wenn man in einer Fabrik drinnen ist. Durch die Assoziationen, die immer mehr entstehen, wo man im lebendigen Austausche steht, wo man nicht erst zu prüfen hat, sondern wo man weiß, wie weit Vertrauen in die Dinge zu setzen ist, da lehrt das, was zu erfahren ist, die eigene Erfahrung. Das ist dasjenige, was man für sein Urteil braucht. Man konnte ja bisher nur nach Vorurteilen urteilen und urteilte daher nebenvorbei. Und wirtschaftliche Erfahrung, die wird gegeben durch jene Assoziationsprinzipien, von denen in meinen «Kernpunkten» gesprochen wird. Das ist es, worauf es ankommt.

Hat nun vielleicht noch jemand eine Frage?

Emil Molt, Stuttgart: Ich weiß nicht, ob es gestattet ist, ob noch Zeit ist, ein paar Ausführungen in Frageform zu stellen, weil ich nicht weiß, ob hier in Dornach die Gepflogenheit herrscht, dass, wenn soziale Fragen aufs Tapet kommen, es weder Zeit noch Uhren gibt; aber bei uns in Stuttgart ist es so, dass wirklich ohne Zeit gesprochen werden kann. Da möchte ich nun anknüpfen an das, was eben gesagt worden ist.

Gerade wenn man in der Dreigliederung als arbeitender Mensch für die Dreigliederung darinnensteht, dann lastet es einem gerade in jüngster Zeit ungeheuer schwer auf der Seele, dass man so wenig Angriffspunkte hatte, um die Dreigliederung in Wirklichkeit durchzuführen. Wir hatten im letzten Jahre, wie auch heute Abend ausgeführt wurde, versucht, die politische Lage, die ja damals noch so war, dass gewissermaßen eine Revolution überstanden worden ist, dass also immer noch eine gewisse revolutionäre Stimmung da war, wir hatten versucht, die Dreigliederung auf dem Wege durch das Proletariat in die Praxis überzuführen, und dabei allerdings nicht außer Acht gelassen, dass auch bürgerliche Kreise, vor allen Dingen unter diesen Kreisen, mit der Sache Bekanntschaft machen sollten. Der Erfolg ist heute Abend geschildert worden. Die Parteien haben ihre Schäflein zurückgezogen, und die Unternehmer haben uns von Anfang abgelehnt. Unsere Arbeit ging weiter. Etwas übrig geblieben von dem, was man mit dem Proletariat arbeitet, ist ja immer so: Es werden immer noch die Urteile gerade von proletarischer Seite uns vor Augen geführt, dass zum Beispiel alle die Versammlungen, die jetzt vonseiten der Verbände, Parteien und so weiter stattfanden, dass die so furchtbar langweilig und phrasenhaft seien. Das wird uns gerade von proletarischer Seite gesagt, dass das eine andere Zeit gewesen sei, wie Dr. Steiner noch in Stuttgart über die Fragen, über die sozialen Fragen uns etwas zu berichten hatte.

Aber wir finden doch, dass das Proletariat im Allgemeinen nicht genügend reif ist, um das große Verständnis für die Kernpunkte aufzubringen. Und wir finden auf der anderen Seite, dass die Unternehmerkreise einfach es einem unmöglich machen dadurch, dass sie einen schon als Spartakisten und Bolschewisten abtun, wenn man nach der Richtung hin intensiv arbeitet.

Da fragen wir uns immer: Was ist zu tun, besonders in den Zeiten jetzt, um die Dreigliederung nicht nur [mehr] in die Köpfe hereinzubringen, sondern vor allen Dingen auch, um die Dreigliederung in die Praxis einzuführen? Und da möchte ich gern, weil ja die Frage eigentlich jetzt immer von Neuem auf der Seele lastet, besonders jetzt, wo in Deutschland das [...]leben so ist, dass die Unternehmer sich schon lieber an den Großkapitalismus haften, als soziale Fortschritte durchzuführen, und wo auf der anderen Seite der Zug so stark nach rechts ist, dass wir das schon berücksichtigen müssen. Man hat eine ganz andere Meinung über die Dinge. In diesen Zeiten werden gerade Menschen, die für die Dreigliederung ihr ganzes Sein einsetzen, immer von Neuem erschüttert durch die Frage: Was hat zu geschehen, um die Dreigliederung des sozialen Organismus durchzubringen, ehe es zu spät ist, ehe es unmöglich ist, ehe Bürgerkriege und wirtschaftliches Chaos kommt? Nach dieser Richtung hin lastet gerade auf demjenigen, der die Frage stellt, diese Fragestellung besonders schwer auf der Seele, und er wäre dankbar für eine Antwort.

Rudolf Steiner: Wenn ich die Frage richtig verstanden habe, so handelt es sich darum: Wie ist es möglich heute, überhaupt etwas Praktisches auf dem Gebiete der Dreigliederung in die Welt einzuführen bei dem Widerstande, der schließlich von allen Seiten der Dreigliederung des sozialen Organismus entgegengebracht wird?

Diese Frage ist ja selbstverständlich diejenige, die auf einem lastet. Aber auf der anderen Seite liegt doch dieser Frage ein ganz anderes noch zugrunde, das nicht unberücksichtigt bleiben darf. Das ist eben gerade die Frage: Wie fasst man etwas tatsächlich lebendig an? Und ich habe im Grunde genommen etwas als Antwort auf diese Frage schon im Vortrag ganz leise zwischen den Zeilen angedeutet gehabt, indem ich sagte: Es sind ja selbstverständlich auch von uns Fehler gemacht worden. Und das ist schon richtig. Wir sind in der Praxis der Dreigliederung des sozialen Organismus durchaus noch nicht über die Kinderschuhe hinausgewachsen. Ich will zum Beispiel auf Folgendes aufmerksam machen.

Wenn man lebendig wirken will, wenn man etwas im Leben fördern will, dann handelt es sich darum, dass man wirklich auch aus dem Leben heraus arbeitet und versucht, das Leben zu verstehen. Nun liegen ja heute die Dinge so, dass, wenn man vor einer Proletarierversammlung spricht, man die Wahl hat, entweder in der Sprache der Proletarier dasjenige zu reden, was schließlich doch auch zum Heil des Proletariers ist, es herauszuentwickeln aus den Vorstellungen, die die Proletarier haben. Und das ist von mir immer versucht worden. Oder man macht das andere: Man redet aus einer allgemeinen Theorie heraus, man sagt, das und jenes muss geschehen - dann fliegt man zur Tür hinaus! Denn das Proletariat ist heute sehr rasch fertig mit seiner Entscheidung.

Nun, das ist eigentlich in Stuttgart nirgends passiert, dass wir zur Türe hinausgeflogen sind; aber etwas anderes ist passiert. Sehen Sie, ich habe überall selbstverständlich so gesprochen, dass ich nicht zur Türe hinausgeflogen bin, denn ich hätte es als nicht sehr ersprießlich angesehen — ich meine nicht gerade schließlich wegen der kleinen Hautabschürfungen, die dabei passieren können, sondern weil man ja dann nichts erreichen kann, nicht wahr, von außerhalb der Türe lässt sich ja nichts erreichen! Also ich habe nicht so gesprochen, dass man zur Türe hinausgeworfen wurde. Dann aber ist es bekannt, dass ich dies oder jenes in der oder jener Versammlung gesagt habe. Dann sprach ich mit jemandem, ja, der sogar Minister war, und zu dem sagte ich in aller meiner Unschuld: Warten Sie es doch nun einmal ab, was daraus wird. Es handelt sich ja nicht darum, dass man den Leuten die Dinge ins Gesicht wirft, über die sie wütend werden, sondern es handelt sich darum, dass man die Leute dazu kriegt, dass man mit ihnen zusammenarbeiten kann.

Also warten wir es ab, bis wir so weit sind, dass zusammengearbeitet werden kann. Dann wird sich das ergeben, was sich als ein arithmetisches Mittel vielleicht ergeben muss aus der einen Meinung und aus der Meinung der anderen, oder die anderen werden sich zu Ihrer Meinung bekehren, und so weiter. Aber es muss aus dem Leben heraus gearbeitet werden.

Dazu ist auch Neigung vorhanden gewesen! Solchen Dingen also steht man einfach gegenüber. Man wird selbst wütend darüber, wenn man hört, es ist irgendwo etwas gesagt worden, was nur der Form nach abweicht von demjenigen, was man selbst gewöhnt ist zu hören; und in dieser Beziehung, sehen Sie, sind ja wirklich von uns auch Fehler gemacht worden. Denn ich habe zum Beispiel vor den Arbeitern der Daimler-Werke einen Vortrag gehalten, der ganz gewiss nur günstig hätte wirken können, wenn er so aufgefasst worden wäre - er war für die Arbeiterschaft für die Daimler-Werke gesprochen, er war in ihrer Sprache gesprochen.

Nun, nicht wahr, es ist in unsern Kreisen leider die Gepflogenheit, dass immer verlangt wird, und man kann gar nicht widerstehen, dass alles dasjenige, was vor irgendeinem Publikum gesprochen wird, nun mit Haut und Haar gedruckt werden soll und für alle anderen aus dem Zusammenhang heraus auch lesbar werden soll.

Ja, meine sehr verehrten Anwesenden, das geht eben nicht! Und man sollte einsehen, dass das nicht geht. Es ist nicht möglich, dass so etwas geschieht. Es sollte darauf verzichtet werden, dass dasjenige, was ich für ein bestimmtes Publikum spreche, nun mit Haut und Haar in die Welt hinausgetragen wird, denn es kann nur aus dem Zusammenhang heraus verstanden werden. Deshalb begreife ich es wiederum sehr gut, dass ich von Nürnberg einen Brief bekam von einem bürgerlichen Pfarrer, der selbstverständlich nicht so denken konnte, wie ein Arbeiter der Daimler-Werke jetzt zum Beispiel denken kann. Es kann sich ja einmal ergeben, wenn man wirklich arbeitet, wenn sich die Leute zusammenfinden. Aber dass der wütend war über den Vortrag der Daimler-Werke, das ist ja ganz selbstverständlich, dass das so ist und so gehen muss! Aber es handelt sich ja wirklich nicht darum, dass ich einen Vortrag halte, um das Entzücken eines Nürnberger Bourgeois-Pfarrers zu erregen, sondern darum, dass lebendig gearbeitet wird, dass das Proletariat dorthin gebracht wird, wo es zu seinem eigenen Heile in Zusammenarbeit mit den anderen Kreisen irgendeinmal stehen soll.

Das ist dasjenige, was bei uns Praxis werden soll, es muss tatsächlich eingesehen werden, dass man hier nicht theoretisch spricht, sondern so spricht, wie es das Leben fordert, niemals selbstverständlich etwas sagt, was an der Wahrheit vorbeigeht, aber dasjenige sagt, was das Leben fordert.

Nun darf aber alles solches wiederum nicht, möchte ich sagen, schematisiert werden. Auch das wäre falsch, wenn es schematisiert würde. Denn nehmen Sie an, ich halte hier einen Vortrag über Thomismus, über Thomas von Aquin, und es käme ein Sozialist, der gar nichts je gehört hätte von den Zusammenhängen. Nun, der würde natürlich wütend darüber sein. Das lässt sich nicht verhindern, dass der bei dem öffentlichen Vortrag wütend würde. Aber die Praxis des Arbeitens muss dennoch eine andere werden, als sie bisher durch uns gepflogen worden ist. Man muss ein Verständnis dafür kriegen, dass im Leben Differenzierung vorhanden ist. Und so handelt es sich schon darum, dass wir erst uns wirklich über diese Vorfrage verständigen: Wie bekommen wir eine Anzahl, eine genügend große Anzahl von Menschen zusammen - die haben wir noch nicht -, die nun wirklich zeigen, dass heute die Sachen so weit sind, einzusehen, dass ja die Menschen gar nicht mehr eine einander verständliche Sprache führen, und dass man sich hinauserheben muss über dasjenige, was auf der einen Seite und auf der anderen Seite auf den Parteiseiten gesprochen wird. Also es muss vor allen Dingen gearbeitet werden für die Verbreitung unserer Anschauungen, und erst wenn wir eine genügend große Anzahl von Menschen haben, dann werden wir in der Lage sein, auch weiter unsere Anschauungen einzuführen in das universelle Leben der Gegenwart.

Es ist bei allen Dingen, wo es auf den Willen ankommt, ebenso. Da kann man sehen: Das Leben kann von Tag zu Tag immer nur Gelegenheit dazu geben, pessimistisch zu werden. Man muss aber optimistisch wollen; man muss so wollen, dass dasjenige, was man sich vorsetzt, geschehe. Darinnen besteht ja nicht das freie menschliche Wollen, dass man sich immer sagt: Das kann nicht und jenes kann nicht geschehen; sondern darum handelt es sich, dass man weiß, was man will, und dass man arbeitet in der Richtung dieses Wollens. Und das ist das Einzige, was wir zunächst, jeder an seinem Platze, wirklich tun können. Dann wird schon außerordentlich viel geschehen; für die Verpraktizierung der Dreigliederung im Ganzen ist eine sachliche Schwierigkeit vorhanden.

Sehen Sie, meine «Kernpunkte der sozialen Frage» sind aus jahrzehntelanger Beobachtung des europäischen Lebens auf allen Gebieten heraus gewachsen. Sie sind ganz aus der Lebenspraxis heraus gewachsen. Und ich bin überzeugt davon, dass, wenn die Praktiker gerade auf sie eingehen würden, so würde am besten eine Verständigung zu erzielen sein. Aus dem einfachen Grunde ist keine Verständigung zu erzielen, weil die Praktiker sich nicht angewöhnt haben, dasjenige, was aus der Praxis heraus gesagt wird, zu prüfen, sondern weil sie sagen: Reformgedanken in einem Buche! In Büchern stehen Theorien, also ist es eine Theorie. - Man liest das Buch nicht. Würde man es lesen und studieren, so würde man sehen, dass es sich eben von andern Büchern unterscheidet. Also es handelt sich darum, dass diese sachliche Schwierigkeit vorhanden ist. Es ist dieses Buch «Die Kernpunkte der sozialen Frage» zum Unterschiede von allen andern ähnlichen Büchern ein Lebensbuch. Es ist hervorgegangen aus einer jahrzehntelangen Beobachtung; es ist nichts Ersonnenes darinnen. Daher tritt es auch nicht so auf, dass man sagen kann, es trete auf in dem Sinne, leicht verständlich wie eine Zeitungslektüre zu sein. Aber niemals möchte ich zugeben, dass man dieses Buch zum Beispiel bei ernsthafter Arbeit nicht jedem Menschen verständlich machen kann. Ich glaube, es ist auch mit dieses Buche so, wie ich gefunden habe, dass bei Theaterdirektoren immer war. Die haben immer gesagt: Ja, mit diesem Stück kriegen wir kein Publikum, wir müssen andere Stücke geben - von denen sie sich eingebildet haben, dass sie Publikum bekommen sollten. Ich habe da die allermerkwürdigsten Erfahrungen gemacht. Ich lernte zum Beispiel einen Theaterdirektor kennen, dem wurde ein Stück aufgeschwatzt; das gab er, und er war vollständig überzeugt, er hat es nur aus Konzilianz gegeben. Und an einem Abend gibt er es - dann ist’s nichts, und er wettete mit seiner Frau, die anderer Ansicht war, er wettete um die gesamten Tantiemen, die für ihn herauskamen. Die Frau wettete mit ihm, wenn das Stück ginge, so sollte sie die Tantiemen bekommen. Nun, der Mann hat seine Wette verloren, das Stück wurde eines der besten Besuchsstücke. Da sagte er in seiner Theatersprache: Beim Theater kann man alles fälschen, man kann Kritik fälschen, man kann Zustimmung fälschen, man kann alles fälschen, bloß die Kasse nicht. Die Kasse kann man nicht fälschen. Es hilft wenigstens nichts, wenn man die Kasse fälscht.

So ist es auch im Grunde genommen, wenn man sagt, irgendetwas wäre nicht verständlich zu machen. Es ist verständlich zu machen, wenn man nur die entsprechenden, richtigen Wege findet. Und ich kann ja nicht gut auf die Frage eingehen, warum in Stuttgart gesagt worden ist, dazumal wären die Abende interessant gewesen, als ich da war, und dann seien sie langweilig geworden; aber ich möchte eben doch auch diese Sache in eine - ich möchte sagen - Willensrichtung bringen. Es handelt sich wirklich nicht darum, dass wir nachgrübeln darüber, warum das so oder so ist, sondern dass wir versuchen, die Mittel und Wege zu finden, um die Dinge verständlich, um die Dinge populär zu machen, dass wir uns keinen Illusionen hingeben vor allen Dingen. Es ist nicht anders, als dass wir erst eine genügend große Anzahl von Menschen brauchen, die unsere Ideen verstehen; dann wird es gehen. Aber wir dürfen niemals die Hand in den Schoß legen, wir müssen eben arbeiten. Und ich glaube, wir werden Verständnis finden, wenn wir uns nicht die Türe zu leicht selbst verschließen dadurch, dass wir doch eben nicht aus dem Leben heraus, sondern aus unseren Vorurteilen heraus handeln wollen. Wir dürfen nicht jedem jede Theorie an den Kopf werfen, sondern wir müssen jedem in seiner Sprache sprechen; nicht deshalb, weil wir ihn etwa für dümmer halten, als wir selber sind, es wird uns ja manchmal natürlich schwer, in seiner Sprache gerade zu reden, wenn er gescheiter ist als wir; aber wir sollten auch dann uns bemühen, in seiner Sprache reden zu können, selbst wenn er auf seinem Gebiete viel gescheiter ist als wir.

Das ist dasjenige, was vielleicht notwendig ist, dass wir uns wirkliche Lebenspraxis zunächst für die Propaganda der Dreigliederung des sozialen Organismus erarbeiten und erhalten.

Emil Molt: Ich darf vielleicht etwas richtigstellen von den langweiligen Abenden, wo es sich um Partei-Versammlungen handelte. Die Proletarier haben einsehen gelernt, dass gerade Partei-Versammlungen das möglichste Phrasengeschwätz jetzt verzapfen, und dass das seinerzeit im Gewerkschaftshaus anders war als jetzt, als wir noch Vorträge für das Publikum veranstaltet haben.

Rudolf Steiner: Ich wollte nur sagen, ich habe schon verstanden, dass die damaligen Abende interessant waren, und dass nachher Kohl verzapft worden ist, selbstverständlich nicht von unseren Leuten. Das habe ich nicht gemeint, aber ich habe gemeint, dass uns ja das nichts hilft, wenn die Leute das einsehen, dass sie da etwas Besseres kennengelernt haben. Es spricht ja zwar gerade für die Leute, wenn sie das einsehen, aber es hilft uns nichts, wenn sie uns nicht folgen. Wir haben erst dann etwas an ihnen, wenn sie das, was sie da als Urteil fällen, praktisch machen. Nicht wahr, Sie sehen ein, bei uns waren die Versammlungen interessant. Aber sie laufen jetzt nicht zu uns, sondern zu den anderen. Das spricht eben dafür, dass vor allen Dingen in Erwägung gezogen werden muss, wie die Leute eine Hammelherde sind, wie sie einfach ihren Führern nachlaufen, ganz gleichgültig, ob sie nun langweiliges Zeug reden oder nicht. Sie stimmen ja auch für ihre Führer, wenn es sich um etwas handelt, und sie folgen der Dressur. Und das ist es, dass wir uns darinnen keinen Illusionen hingeben. Es hilft einfach nichts, wenn wir den Leuten interessante Versammlungen nur abhalten; sondern es hilft nur, wenn wir es zuwege bringen, die Führer wegzuwerfen und die Leute zu führen. Das ist die Erfahrung. Selbstverständlich braucht das Zeit, und es braucht sehr vieles andere noch; aber wir haben auch da die Fehler gemacht eben, wir haben mit den Führern zu viel verhandelt. Das hätten wir nicht tun sollen. Denn wir hätten vom Anfange an uns klar darüber sein sollen: Die Leute wollen uns nicht verstehen und können uns nicht verstehen. Und so ist es nach den verschiedensten Seiten hin, dass wir uns erst die volle Praxis des Lebens aneignen sollen und wollen.

Also ich bitte, nicht zu glauben, dass ich gemeint habe, unsere Versammlungen seien langweilig geworden; sondern ich habe gemeint, uns hilft dieses Urteil eben eigentlich nichts. Was hilft es denn, wenn man eintritt in eine Diskussion über ein Urteil, das bei den Leuten, unfruchtbar ist? Es hilft gar nichts.

Sehen Sie, ich habe einen katholischen Pfarrer sehr gut gekannt. Er machte mit mir öfter - ich war noch auf der Schule - einen Weg, fast eine Stunde lang, den ich zu machen hatte von der Schule nach Hause. In dem Orte waren öfter Jesuitenpredigten. Und der Pfarrer redete mit mir, trotzdem ich noch ganz jung war, eigentlich ganz aufrichtig. Ich sagte zu ihm dazumal aus aller Naivetät heraus: Ja, Hochwürden, wie kommt es denn, dass Sie nicht selber die Predigten halten? Sie brauchen ja nur alle Sonntage für die gleiche Gemeinde Predigten zu machen. Warum lassen Sie denn da die Jesuiten herüberkommen? Das ist doch nicht nötig. - Er antwortete: So ist es, aber es ist doch notwendig, dass der Kohl den Leuten vorgeredet wird; nur dadurch sind sie brav. Und den werde ich ihnen nicht selber vorreden, das können sie nicht von mir verlangen!

Also was nützt es, dass ein Mensch irgendetwas einsieht, wenn er durch die ganze soziale Struktur, in der er drinnensteht, anders handelt! Das ist es eben, wozu wir kommen müssen, dass wir das Leben ohne Illusion, ganz nüchtern auffassen, trotzdem wir zu den höchsten Höhen des geistigen Lebens streben. - Ich weiß nicht, ob ich die Frage erschöpfend beantwortet habe.

Emil Molt: Gewiss, Herr Doktor.

Rudolf Steiner: Ist sonst noch irgendetwas, was gefragt werden soll? Emil Molt: Ich habe schon darauf aufmerksam gemacht, dass in Stuttgart die Gepflogenheit war, nicht wieder so rasch nach Hause zu gehen, wenn man einmal beisammen war.

Rudolf Steiner: Na, hier scheint aber doch eine Neigung zu sein,

wieder nach Hause zu gehen und zu schlafen. So wünsche ich allen gute Nacht.

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