The Big Questions of our Time and Anthroposophical Spiritual Knowledge
GA 336 — 18 November 1920, Freiburg
16. Die Grossen Fragen der Zeit und die Anthroposophische Geist-Erkenntnis
Meine sehr verehrten Anwesenden! Es ist zweifellos, dass gegenwärtig unter dem Einfluss der die Menschheit so tief berührenden Kriegskatastrophe, deren Ergebnisse ja keineswegs schon durchaus sich zu irgendeinem Ende geneigt haben, viele Kreise bereits zu der Überzeugung gekommen sind, dass dasjenige, was sich an Aufgaben heute aus der Menschheitsentwicklung heraus ergeben hat, durchaus nicht mit kleinen Mitteln zu lösen ist; vor allen Dingen nicht zu lösen ist mit denjenigen Mitteln, mit denen man auf den verschiedenen Gebieten des öffentlichen Lebens glaubte, vor dieser die Zivilisation der Menschheit so sehr verheerenden Katastrophe zurechtzukommen.
Bei den Siegern herrscht ja allerdings heute noch eine, ich möchte sagen, begreifliche Stimmung, die nicht nötig scheinen lässt, von den alten Denkgewohnheiten, von den alten Empfindungen und Willensimpulsen zu neuen überzugehen. Und im Grunde sind es recht wenig Persönlichkeiten, gerade in Siegerländern, welche sich heute schon irgendwie dazu bequemen, von den alten Gewohnheiten des Denkens und Empfindens gegenüber den öffentlichen Menschheitsangelegenheiten abzugehen. Man möchte sagen, wie ein weißer Rabe nimmt sich der Mann aus, der ja einen Teil der Zeit, in der man in Versailles verhandelt hat, bei diesen wichtigen Verhandlungen zugegen war, John Maynard Keynes. Dieser John Maynard Keynes hat nur eben aus den Verhandlungen in Versailles einen Eindruck bekommen, dass durchaus aus den Gesinnungen, aus den Gedankenrichtungen, die da herrschend waren, kein irgendwie mögliches Ergebnis für die Gestaltung der gegenwärtigen zivilisierten Welt hervorgehen könne.
Ein recht anschauliches Bild - ich möchte dies einleitungsweise heute erwähnen - entwirft John Maynard Keynes von den Persönlichkeiten, welche dazumal so ausschlaggebend waren für das Schicksal Europas. Da weist er hin auf denjenigen, der wie eine Art von politischem Heiland von einem großen Teil der Welt lange Zeit hindurch angesehen worden ist, dessen abstrakte, lebensfremde 14 Punkte selbst eine kurze Zeit in Deutschland anerkannt worden sind wie eine Grundlage für einen Frieden, da weist Keynes darauf hin, wie dieser Mann, als er in Versailles angekommen war unter Triumph, der eigentlich dem Bilde galt, das man sich von ihm gemacht hatte, sich erwies als gänzlich außerhalb der gegenwärtigen Verhältnisse Europas stehend, wie er durchaus nicht die Kapazität hatte, auf dasjenige sich einzulassen, was ihm vorgebracht wurde, man darf schon sagen — durchaus die Ausführungen Keynes damit treffend, der das alles ja mit angesehen hat -, der sich alles Mögliche vormachen ließ von denjenigen, die dazumal so bedeutsam waren für die Zukunft Europas, von Clemenceau, von Lloyd George. Woodrow Wilson ist ja als solch ein Weltheiland angesehen worden. John Maynard Keynes, der wegen der Aussichtslosigkeit der Verhandlungen in Versailles frühzeitig, trotzdem er Abgeordneter Englands war, diese Verhandlungen verlassen hat, er charakterisiert Wilson eben als einen Mann, dessen Intentionen, ganz und gar nicht geeignet waren, irgendwie Impulse für die Wirklichkeit abzugeben. Er charakterisiert Clemenceau als einen Menschen, welcher eigentlich verschlafen hat die ganze neuere Entwicklung seit dem Jahre 1871, der nur noch erfüllt war von denjenigen Stimmungen, die man dazumal in Frankreich hatte, und der mit einer wilden Wut alles daransetzte, um eben Europa auszugestalten, wie er es sich nach seinen alten Denkgewohnheiten, eigentlich Nationalgewohnheiten, vorstellen musste.
Und Lloyd George, seinen eigenen Ministerpräsidenten, charakterisiert Keynes so, dass er sagt: Der hat eigentlich, trotzdem er förmlich durch ein feines Riechen die Gedanken der anderen immer intim wahrnehmen kann, doch nichts gesucht als solche Ergebnisse, mit denen er ein paar Wochen in England, in London glänzen konnte.
Dann hat Keynes sein Buch geschrieben über die wirtschaftlichen Folgen dieses unglückseligen Friedensschlusses. Und dieses Buch scheint mir doch ein bemerkenswertes Symptom zu sein für dasjenige, was an Geistesverfassung, was an ganzer Gedankenart und Empfindungsart in unserem gegenwärtigen öffentlichen Leben vorhanden ist. Denn von diesem Buche hat man, wenn man es sorgfältig durchgenommen hat, das Gefühl, es müsste eigentlich zweimal so dick sein, als es ist, denn auf das Wichtigste wird auf der letzten Seite erst hingewiesen, und für diese Hinweise fehlt im Grunde genommen jegliche Ausführung.
John Maynard Keynes ist Wirtschaftspolitiker. Er ist sich klar darüber, dass die Gestaltung Europas - und das beweisen ja die Ereignisse der Gegenwart durchaus -, dass die Gestaltung Europas, die man sich einbildete, in Versailles bewirken zu können, durchaus keinen Bestand hat. Er rechnet das gewissermaßen aus den wirtschaftlichen Maßnahmen heraus, die in Versailles getroffen worden sind. Und es ist bemerkenswert, meine sehr verehrten Anwesenden, dass er das alles ja als Engländer, als englisch denkender Mensch errechnet. Und dann sagt er am Schlusse etwas sehr Merkwürdiges: Alle Anzeichen sprechen dafür, dass, wenn nicht in weitesten Kreisen eine Besinnung eintritt, wir dann innerhalb der modernen europäischen zivilisierten Welt in die Barbarei hineingeführt werden. - Und er sagt nichts Geringeres als dieses: Die Angelegenheiten der nächsten Zeit werden nicht bestimmt sein durch die Handlungen der Staatsmänner, sondern durch unter der Oberfläche desjenigen, was man im gewöhnlichen Sinne «öffentliches Leben» nennt, befindliche Gedanken und Empfindungs- und Willensströmungen. - Ja, er sagt noch viel mehr. Er sagt: Wenn wir nicht dazu kommen, ganz neue Kräfte zu entwickeln für das Erkennen und für die, wie er sich ausdrückt, Imagination gegenüber den öffentlichen Verhältnissen — er meint das Vorstellen gewisser Bilder, die wir brauchen, um die Zukunft zu gestalten -, so können wir nicht vorwärtskommen. Damit schließt diese Manifestation eines immerhin bedeutsamen Staatsmannes und Denkers der Gegenwart. Und man muss ja doch die Frage aufwerfen: Ja, wie soll denn aber die Menschheit sich entwickeln innerhalb dieser von Keynes angedeuteten intimen Strömungen? Wo sollen denn die herkommen? Wo sollen neue Kräfte der Erkenntnis, wo sollen neue Kräfte einer Imagination über die Gestaltung unserer wirtschaftlichen Verhältnisse herkommen?
Mit einem ungeheuren Fragezeichen bezüglich der großen Aufgaben der Gegenwart schließt dieses Buch, schließen aber auch alle die Verhandlungen, welche gepflogen worden sind bis jetzt, nach dem vorläufigen Ausgang der großen Weltkatastrophe im Jahre 1918, ich sage: vorläufigen Ausgang, denn wir stehen ja eigentlich noch mitten in dieser Katastrophe drin. Und nur weil sie eine andere Form angenommen hat, beruhigen sich die Menschen zunächst ein wenig darüber.
Sehen Sie, meine verehrten Anwesenden, die großen Fragen der Gegenwart, sie werden selbstverständlich auf denjenigen Gebieten erscheinen müssen, die eigentlich die Grundgebiete allen öffentlichen und Gemeinschaftslebens der Menschheit waren. Sie werden erscheinen müssen auf den Gebieten des geistigen Lebens, des staatlich-rechtlichen Lebens und auf dem Gebiete des wirtschaftlichen Lebens. Allerdings müssen wir sagen: Eine große Anzahl von Menschen sieht heute nur die großen Zeitaufgaben auf dem Gebiete des wirtschaftlichen Lebens. Derjenige aber, der, ich möchte sagen, mit derselben Zielrichtung, aber etwas tiefer als Keynes, die öffentlichen Angelegenheiten zu durchschauen vermag, der kann nicht anders als sich sagen: Die großen Aufgaben der Zeit werden heute nicht gelöst mit dem, was man gewöhnt worden ist zu denken, was ja eben hineingeführt hat in die Katastrophe. Es bedarf schon durchaus neuer Antriebe. Und diese neuen Antriebe, woher müssen sie kommen?
Ich glaube, meine sehr verehrten Anwesenden, man kommt nicht zur Beantwortung dieser Frage, wenn man nicht von einem gewissen Gesichtspunkte aus, auf den ich andeutend hier hinweisen möchte, wenn man nicht verfolgt, wie sich gerade das Denken und Empfinden und das Anschauen der Welt innerhalb der neueren Zeit, seit den letzten drei bis vier Jahrhunderten, namentlich innerhalb Europas, aber auch innerhalb seines Anhanges, Amerikas, entwickelt hat. Man muss da schon hinschauen auf die menschlichen Gedanken. Daran wollen ja die meisten Menschen der Gegenwart noch nicht denken, dass von den menschlichen Gedanken im Grunde genommen doch letzten Endes alles Staatsgestalten, letzten Endes alles Gestalten der wirtschaftlichen Verhältnisse eigentlich ausgeht.
Wenn wir unbefangen wieder etwas tiefer blicken, namentlich die europäischen Verhältnisse betrachten, so sehen wir ja deutlich eine Art untergehenden Lebens, und auf der anderen Seite eine Art aufgehenden Lebens. Das untergehende Leben, geistig betrachtet, ist eigentlich heute noch immer eine Art Erbgut uralter Menschheitskulturen. Wir haben in Europa Weltanschauungsimpulse, die sich ausdrücken in Philosophien, in religiösen Bekenntnissen und anderem. Man fragt heute nur nicht gründlich genug, woher eigentlich diese Weltanschauungsimpulse kommen. Man wird einstmals über diese Weltanschauungsimpulse, die auch in unserem Wirtschaftsleben vorhanden sind, unbefangener denken, wenn man sich ganz klar darüber sein wird, was eigentlich im Grunde genommen erst seit den drei bis vier letzten Jahrhunderten deutlich von der westlichen Kultur her in dieses altorientalische Erbgut einer Weltanschauungskultur hereingezogen ist. Hat man es denn nicht oft genug betont - und man hat von einem gewissen Standpunkt aus schr recht damit -, dass der größte Stolz der neueren Zeit sein müsse dasjenige, was als Wissenschaftsgeist in den letzten drei bis vier Jahrhunderten heraufgekommen ist. Gewiss, es sind heute noch tief eingreifend bei einem großen Teil der Bevölkerung der zivilisierten Welt alte Bekenntnisse und dergleichen. Über diese soll durchaus nicht kritisierend gesprochen werden; sie sollen in ihrem Wert durchaus anerkannt werden. Aber dasjenige, was man nennen könnte die größte Autorität im Gedanken-, Empfindungs- und Anschauungsleben der neueren Zeit, das hat unstreitig dasjenige, was als Wissenschaftsgeist heraufgekommen ist.
Man muss ja, wenn man von diesem Wissenschaftsgeist redet, durchaus nicht bloß hinblicken auf dasjenige, was in einer Oberschichte, wo die Wissenschaft als solche betrieben ist, lebt. Mit dem Wissenschaftsgeist kann man auch etwas anderes meinen. Man kann heute, in der Zeit, wo eine populäre Literatur, wo das Zeitungswesen auch bis zu den scheinbar Ungebildeten dringt, davon sprechen, dass zwar vielleicht nicht die wissenschaftlichen Ergebnisse und Erkenntnisse als solche, dass aber deren Ausläufer, dasjenige, was aus ihnen als Empfindungsart entsteht, in die weitesten Kreise dringt. Man kann heute in seinem Inneren und in Bezug auf sein religiöses Bekenntnis ein guter Katholik, ein guter Protestant sein; wenn man aber über dasjenige urteilt, was unmittelbare Wirklichkeit ist, was einem im Leben umgibt, dann betrachtet man doch den modernen Wissenschaftsgeist als die eigentliche Autorität. Und dieser Wissenschaftsgeist, er ist es ja im Grunde genommen auch, den wir verfolgen können in den sozialen Anschauungen der Gegenwart. Wir können ihn verfolgen in den sozialen Anschauungen, die sich seit der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts allmählich über ganz Europa unter dem Proletariat ausgebildet haben. Innerhalb dieser sozialen Anschauung war man ja gerade immer stolz darauf, dass dasjenige, was man sich vorstellte als eine soziale Gestaltung, durchaus gerade vom Geiste der modernen «unbefangenen Wissenschaftlichkeit» getragen werden solle. Und bis heute wird man ja betont finden, dass selbst solche Zerstörer des öffentlichen Lebens, wie sie auftreten in Europas Osten, dass selbst Trotzki und Lenin, wenn sie über die Fundamente ihres sozialen Denkens reden wollen, diesen Wissenschaftsgeist dann geltend machen. Sodass man sagen kann: In diesen sozialen Utopien, die aber eine sehr bedauerliche Wirklichkeit gewinnen, will sich ausprägen dieser Wissenschaftsgeist.
Dieser Wissenschaftsgeist, er hat seine deutlichste Gestalt in alledem, was gerade in der westlichen, mehr materialistischen Denk- und Anschauungsweise in der neueren Zeit aufgetreten ist. Er hat nicht so sehr seine Wurzeln in der mitteleuropäischen Denkungsart, denn, meine sehr verehrten Anwesenden, wenn man solche für Mitteleuropa charakteristischen Persönlichkeiten wie Herder, Goethe, Fichte, Schiller, auch die deutschen Philosophen nimmt, so findet man bei ihnen etwas durchaus Verschiedenes von der Denkweise etwa eines Adam Smith oder eines englischen Philosophen wie Spencer oder Darwin. Aber man kann andererseits sagen: Dasjenige, was sich da als Wissenschaftsgeist namentlich von Westen her über die zivilisierte Welt ausbreitet - ich kann es jetzt nur skizzenhaft andeuten, es würde sich aber streng beweisen lassen -, es hat allmählich überflutet das ganz Andersartige, das in den gerade genannten Persönlichkeiten sich in Mitteleuropa geltend machen wollte. Und wenn man ergreifen will anschaulich dasjenige, was als moderne Wissenschaftlichkeit sich geltend gemacht hat, dann muss man neben diese Wissenschaftlichkeit hinstellen die größte Frage, die es für den Menschen gibt, jene größte Frage, die hervorgeht [ebenso] aus seinem Erkenntnisbedürfnis wie aus seiner Sehnsucht, Aufklärung über seine Stellung zur Welt zu gewinnen, Impulse zu gewinnen für sein soziales Handeln, ja, die auch die bedeutsamste Frage ist, wenn es sich um den Ursprung des Edelsten im Gemeinschaftsleben handelt, um die Betätigung der Liebe unter den Menschen. Und die wichtigste Frage ist diejenige nach dem Wesen des Menschen selber. Den Menschen erkennen, den Menschen verstehen, mit dem Menschen auskommen, mit den Menschen gemeinsam leben können - das ist schließlich dasjenige, wohin im Grunde alles menschliche Denken doch tendieren muss, wenn dieser Mensch nicht den Boden unter den Füßen verlieren will.
Und man sehe nur, wie wenig zunächst auf dem Erkenntnisgebiet eigentlich dasjenige, was man modernen Wissenschaftsgeist nennen kann, zurechtgekommen ist.
Hier soll durchaus nicht, denn das liegt nicht in der Absicht der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft, dasjenige, was als Naturwissenschaftsgeist oder sonstiger wissenschaftlicher Geist sich in der neueren Zeit geltend gemacht hat, herabgesetzt werden. Nein, meine sehr verehrten Anwesenden, mit Bezug auf die Anerkennung der großen Triumphe und der ganzen Bedeutung moderner Wissenschaftlichkeit für das Leben bin ich mindestens vollständig einverstanden mit all den Lobrednern dieses Wissenschaftsgeistes. Das sei von vorneherein anerkannt, und dass ich von vorneherein zustimme all denen, welche von der Bedeutung dieses Wissenschaftsgeistes sprechen. Aber anderes muss gesagt werden, wenn das eben charakterisierte höchste Ziel des Menschen: Menschenerkenntnis, Anschauung des menschlichen Wesens, Durchschauen desjenigen, was die Gründe der Liebe sind -, wenn das neben diesen Wissenschaftsgeist hingestellt werden soll.
Nehmen wir zunächst das Gebiet der Erkenntnis. Da zeigt sich uns - ich will ein Beispiel herausgreifen, das in weitesten Kreisen bekannt ist -, da zeigt sich uns, wie großartig diese Wissenschaft zu verfolgen in der Lage war aus darwinistisch-spencerischem Geist heraus, der dann in etwas anderer Art durch den Deutschen Haeckel vervollkommnet worden ist, wie dieser Wissenschaftsgeist fähig gewesen ist, die ganze Reihe der Organismen in ihrer Entwicklung zu verfolgen. Zu verfolgen, wie dasjenige, was für uns als das Vollkommene erscheint, aus dem Unvollkommenen hervorgeht und wie an der Spitze dieser Entwicklung der Mensch als physisches Wesen steht. Allein man versuche sich nur einen unbefangenen Blick zu verschaffen über das, was da eigentlich vorliegt.
Wie versteht man den Menschen von diesem Gesichtspunkte aus? Nun, man verfolgt alles dasjenige, was sich dann beim Menschen wiederfindet, in seiner Organisation, sogar in seinem Seelenleben wiederfindet, durch die ganze Tierreihe hindurch. Wiederum mit einem gewissen Recht von einem Gesichtspunkte aus, und indem man alles das kennengelernt hat, was Organisation ist, was die Bedingungen des organischen Lebens sind, indem man das kennengelernt hat durch die Tierreihe bis zum Menschen hinauf, man begreift ihn als vollkommeneres Tier, aber man muss eigentlich dabei stehen bleiben. Indem man alles das, was man im Außermenschlichen gelernt hat, auf den Menschen anwendet, weiß man zu sagen, der Mensch stehe an der Spitze der Tierreihe, aber man charakterisiert ihn nur aus demjenigen, was man außer dem Menschen kennengelernt hat, und steht vor der großen Frage: Was ist der Mensch? ohnmächtig. Man lässt sich damit genügen, denn man kann den Menschen nicht aus dem Menschen erkennen, sondern nur aus dem Außermenschlichen.
Wer sich die ganze Tragik dieses modernen Wissenschaftsgeistes, der durch seine ganze Art vor dem Menschen haltmachen muss, vergegenwärtigt, der wird begreifen, wie vielleicht heute bei dem größten Teil der Menschheit in unterbewussten Seelentiefen gerade die Frage nach dem Wesen des Menschen wurmt, und wie sie wirkt als Sehnsucht nach etwas anderem, als dieser moderne Wissenschaftsgeist geben kann.
Wie sehen wir diesen Wissenschaftsgeist wirken, meine sehr verehrten Anwesenden, im Erkenntnisgebiet? Wie sehen wir ihn wirken innerhalb des sozialen Empfindens? Innerhalb der Anschauung der sozialen Verhältnisse?
Wir müssen da etwas weiter zurückgehen, denn dasjenige, was in der Gegenwart noch immer lebt, ist eigentlich in dieser Beziehung das Ergebnis desjenigen, was sich seit langer Zeit innerhalb der europäischen Welt herausgebildet hat. Da müssen wir aufmerksam machen darauf, dass ja unsere europäischen Staatengebilde, die jetzt zerbröckeln, [dass] das Wirtschaftsleben Europas doch hervorgegangen ist aus den Resten desjenigen, was ich «die alte orientalische Erbschaft» in Bezug auf die Weltanschauung nennen möchte. Von dem Wissenschaftsgeist, der im Westen sich geltend machte, ist der orientalische Geist, der auch noch in den christlichen Bekenntnissen - nicht im Christentum, ich werde gleich darauf zurückkommen sich geltend macht, durchaus verschieden.
Diesem orientalischen Geist steht die Frage nach dem Wesen des Menschen vornean. Er kennt dasjenige nicht in demselben Maße wie die westliche Welt, was ich eben vorher das Außermenschliche genannt habe. Dieser orientalische Geist, den wir aber heute im Orient nur in der Dekadenz finden, im Niedergang, der sich in älteren Zeiten zu seiner besonderen Größe entwickelt hat, er hielt wenig von der äußeren Erfahrung. Er hielt wenig von dem, was wir heute mit Recht als Naturbeobachtung kennen und methodisch unserer Weltauffassung zugrunde legen. Er schöpfte dasjenige, was er über den Menschen wissen wollte, was er auch dem sozialen Leben einpflanzen wollte, aus innerer menschlicher Erleuchtung, aus innerer menschlicher Imagination. Will man charakterisieren den Unterschied zwischen diesem orientalischen Geiste und dem Geiste der westlichen Wissenschaftlichkeit, so muss man sagen: Dieser orientalische Geist hat eigentlich Weltanschauung durch unmittelbare menschliche Intuition ohne Wissenschaftlichkeit. Das ist das Merkwürdige, was durchaus noch zu beobachten ist bis in die heutigen christlichen Bekenntnisse herein. In späteren Jahrhunderten, in mittelalterlichen Jahrhunderten, hat man nicht mehr in der rechten Weise verstanden, wie die alten orientalischen Menschen zu dieser Weltanschauung ohne Wissenschaftsgeist gekommen sind; man hat aber ihren Inhalt, den Inhalt, den sie der Welt gegeben haben, den Inhalt der Erleuchtung, der innerlichen Imagination, genommen. Der hat sich hereinverpflanzt in das europäische Geistesleben. Man hat ihn nicht seinem Ursprung nach erkennen können, denn man hatte nicht mehr jene geistigen Fähigkeiten, die man im alten Orient hatte.
Und so kam denn das Folgende als Menschheitsentwicklung zustande: Sehen wir hin auf dasjenige, was nun ja wirklich auch für den Geistesforscher in dem Mittelpunkt der ganzen Erdenentwicklung der Menschheit steht, sehen wir hin auf das Ereignis von Golgatha, auf die Begründung des Christentums. Sie erfolgte aus geistigen Untergründen heraus. Das will ich heute nur andeuten, ich habe es ja in zahlreichen Schriften besprochen, insbesondere in dem Buche «Das Christentum als mystische Tatsache». Aber etwas anderes, meine sehr verehrten Anwesenden, ist das Ereignis von Golgatha als Tatsache, als etwas, was geschehen ist; etwas anderes ist die Art und Weise, wie man dieses Ereignis von Golgatha in den Zeiten, da es geschehen ist, und in den unmittelbar darauffolgenden Jahrhunderten verstanden hat. Man hat es verstanden mit dem, was aus alter orientalischer Weisheit ohne Wissenschaftsgeist von Asien durch Griechenland, durch Rom herübergekommen ist. Das Begreifen des Mysteriums von Golgatha ist ja etwas anderes als das Ereignis von Golgatha selber. Mit alter orientalischer Weltanschauung hat man das Ereignis von Golgatha begreifen wollen, und hat es lange begriffen.
Und im Mittelalter, was hat sich da geltend gemacht? Da sehen wir merkwürdig zusammenstoßen das Altorientalische in der Menschheits-Anlage und dasjenige, was schon heraufkommt als Morgenröte der neueren Zeit. Wir sehen im Mittelalter gerade im katholischen Geiste zwei Mächte in der Menschenseele statuiert. Wir sehen da Hinweise auf die Offenbarung, die aus übersinnlichen Höhen an den Menschen herankommen soll, ohne dass man einen menschlichen Ursprung für sie sucht. Und wir sehen auf der anderen Seite dasjenige, was die menschliche Vernunft, die menschliche Erfahrung selber umfassen soll. Beiden lässt man in dieser Zeit die gleiche Geltung zukommen. Indem die neuere Menschheitsentwicklung heraufzieht, wird dasjenige, was man Offenbarung nennt, was aber nur eigentlich die Erbschaft des alten, orientalischen Weltanschauungsgeistes ist, immer mehr und mehr abgelähmt. Das gilt nicht mehr für das eigentliche öffentliche Denken und Empfinden [als Autorität], wenn es auch seine Autorität innerhalb gewisser Grenzen noch behauptet. Und die andere Autorität, [die] gewissermaßen nur neben die Offenbarungsautorität hingestellt worden ist im Mittelalter, die Vernunftautorität entwickelt sich zum modernen Wissenschaftsgeist. Dieser moderne Wissenschaftsgeist - wozu hat er es bis heute noch nicht gebracht?
Nun, wir haben auf dem Gebiet der Erkenntnis gesehen: Er versagt, wenn er vom Außermenschlichen zum Menschlichen kommt. Er weiß nichts der menschlichen Sehnsucht nach Erkenntnis des menschlichen Wesens entgegenzuhalten. Aber er wusste auch nichts vom Wesen des Menschen in menschliche Anschauung hereinzubringen auf sozialem Gebiet. Diese Entwicklung der europäischen Wissenschaft ohne Weltanschauung, sie ist im Grunde genommen außerordentlich interessant. Sie stellt sich so dar, dass man sieht: Als letztes Produkt desjenigen, was im Grunde genommen vom alten Orient herüberkommt, auf dem Umweg durch die Araber, auf anderen Umwegen, was dann als etwas Sicheres, als etwas Autoritatives noch bleibt, was auch orientalischen Ursprung hat, so, wie die Bekenntnisse, die auf Offenbarung fußen, was aber nicht in seinem Offenbarungscharakter anerkannt wird, sondern dem WissenschaftsCharakter fortdauernd zugeschrieben würde - was ist das?
Meine sehr verehrten Anwesenden, das ist der Inhalt alles Mathematischen. Gerade so, wie sein Bekenntnis, so hat der europäische Mensch seine Mathematik und das mit ihr verwandte mechanische Denken, das sich dann im Materialismus der Wissenschaft ausgelebt hat, allerdings sehr gesiebt, aus dem Orient herüber bekommen. Und in Europa wirkt dasjenige, was sozusagen letztes Produkt alter orientalischer Weltanschauung ist, was aus dem Menschen allein herausquellen kann, denn die Mathematik lässt sich nicht äußerlich erfahren, die muss aus dem Menschen herausquellen, ebenso wie die alte orientalische Weltanschauung. Und was so herfüber]gekommen ist zu den europäischen Menschen, es wird durch Galilei, durch Newton, durch den ganzen westlichen Wissenschaftsgeist anerkannt. Es ist der eine Flügel desjenigen Wesens, das hindurchfliegt durch die Entwicklung der modernen Menschheit, den Wissenschaftsgeist zu seinen höchsten Höhen tragend. Wir sehen den mathematischen Geist heraufkommen, selbst die Atome durchdringend mit Mathematik. Der mathematische Geist ist die eine Seite der modernen Wissenschaftlichkeit. Und die andere Seite, der andere Flügel dieses Wesens, das ich symbolisch angedeutet habe, das ist dasjenige, was wir die Beobachtung der Außenwelt, die äußere Beobachtung auch des Menschen selbst, nennen können.
Diese treue Beobachtung der Außenwelt, der Orientale kannte sie nicht. Sie lebt daher auch nicht fort in dem, was als Erbgut aus der alten orientalischen Weltanschauung geblieben ist, sie lebte nicht fort in den Bekenntnissen. Aber sie lebte auf innerhalb des europäischen Wissenschaftsgeistes. Sie ist die andere Seite dieses Wissenschaftsgeistes. Aus Zweien wächst zusammen dieser Wissenschaftsgeist: aus dem, was aus dem Innern des Menschen aufsteigt als mathematisches Denken und Anschauen, und dem, was der Beobachtung entstammt. Dasjenige, was da hineingezogen ist in die Seele des europäischen Menschen, insbesondere des Westmenschen, das wurde nun auch ausschlaggebend für das soziale Denken. Derjenige, der zum Beispiel Adam Smith, Ricardo, alle sozialen Denker bis zu Marx, bis zu den gegenwärtigen, mit unbefangenem Sinn durchgehen kann, der sieht fortwirken diese beiden Elemente, die zuerst in den Wissenschaftsgeist eingezogen sind, auch im sozialen Denken. Man braucht nur dasjenige, was Adam Smith, was später Marx und andere auseinandergesetzt haben, mit einem eigenen unbefangenen Geiste zu überschauen, und man wird die Denkweise Newtons auf der einen Seite, die Denkweise eines solchen Geistes wie etwa Spencer auf der anderen Seite überall [drinnen] finden. Auch dasjenige, was Darwin begeistert hat zu seiner Evolutionslehre, man wird es überall [drinnen] finden. Aber gerade so, wie in Bezug auf die Erkenntnis haltgemacht hat dieser Wissenschaftsgeist, wie er auf dem Gebiete der Erkenntnis nicht hat Weltanschauung werden können, so konnte [er] nicht weltgestaltend werden auf sozialem Gebiet. Und so sehen wir, wie dieser Geist, der sich ja in diesen hervorragenden Persönlichkeiten nur ausgelebt hat, der aber im Grunde genommen in der ganzen europäischen Menschheit drinnensteckt, in ein praktisches Leben hineinzieht, das nun immer mehr und mehr ein getreues Abbild wird dieses Geistes. Geradeso, wie die Erkenntnis haltmacht vor dem Menschen, so macht im Grunde genommen das soziale Leben auch halt vor dem Menschen.
Was konnte dieser moderne Wissenschaftsgeist, der gerade die führenden Geister erzogen und ausgebildet hat, was konnte er denn eigentlich zuwege bringen? Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, er konnte das zuwege bringen, was die großartige moderne Technik ist. Dieses mathematische Denken auf der einen Seite, das trug er hinein in die Maschinen, in den modernen Industrialismus, in das moderne Geldwesen, ja sogar in die soziale Gestaltung der modernen Menschheit. Darin ist dieser Geist groß gewesen.
Wir können sagen: Alles dasjenige, was zahlenmäßig in den Büchern der modernen Industrie, der modernen Praxis überhaupt steht, das ist doch Abbild dieses Geistes, der zur Technik geworden ist aus der Mathematik heraus.
Wenig noch hat sich dagegen das andere, das erst in den ersten Ansätzen vorhanden ist, die Beobachtung, die im Grunde genommen heute erst groß ist auf naturwissenschaftlichem Gebiet, in das Menschenwesen selber hineintragen können. Es zeigt ja der Umstand, dass man nicht in der Lage war, mit dem Erkennen bis an den Menschen heranzudringen, dass man nicht die Kraft in sich hat entwickeln können, um dem Menschen so gegenüberzutreten, dass man Verständnis hat für das Innerste des Menschenwesens. Dasjenige, was als bloßer Wissenschaftsgeist vorhanden ist bei Adam Smith, bei Ricardo und anderen, das zeigt sich im ganzen modernen Denken praktisch dadurch, dass die Praxis ideenlos geworden ist, dass sie eine bloße Routine geworden ist, dass groß in ihr nur die Technik ist; dass groß in ihr ist alles dasjenige, was bis in die Ausläufer dieser Technik kommen kann, was noch bis in die Arbeit an der Maschine großartig sein kann, aber auch haltmacht, wie die Erkenntnis vor dem Menschen das ganze praktische Leben, das soziale Leben. Auf der einen Seite macht man halt vor dem Menschen in der Erkenntnis, auf der anderen Seite macht man halt vor dem Menschen im sozialen Leben. Derjenige, der heute als Praktiker eine Fabrik leitet, der heute in einer Handelsunternehmung oder einem sonstigen Zweig des modernen praktischen Lebens drinnensteht, kann keine [andere] Erziehung aus dem, was unser Wissenschaftsgeist des Westens ist, erhalten als eine solche, die ihn denken lässt bis in die äußersten Fasern des Technischen hinein, die ihn aber haltmachen lässt als Arbeitsleiter vor demjenigen, der die Arbeit nimmt.
Vor dem Menschen wird haltgemacht. Furchtbar schmerzlich ist, es, dieses Haltmachen mit innerem Verständnis zu verfolgen. Wer heute hineinschaut in das Menschengefüge der Gegenwart, der sieht, wie die leitenden, führenden Kreise, für die der Wissenschaftsgeist Autorität geworden ist, eben haltmachen vor dem Menschen. Wie sie in ihre Bücher eintragen können alles das, was aus dem mathematischen Flügel kommt bis in die Technik hinein, wie aber die Erziehung, die daraus als Volks-, als Geisterziehung wirkt, kein Verständnis überliefert für den Menschen als solchen. Und so steht da eine Grenze zwischen Mensch und Mensch. Und diese Grenze ist zum furchtbaren Schicksal der modernen Zivilisation geworden. Denn dasjenige, was in kein Haupt und Kassenbuch geschrieben werden konnte, wo nur die Ausflüsse des Technischen stehen, bis in die Menschenbehandlung hinein, das trat auf in der neueren Zeit mit den Forderungen eines menschenwürdigen Daseins, mit anderen Forderungen. Und kein Verständnis kann im Grunde genommen noch heute für die Sprache gefunden werden, die jeweilig eine andere Klasse spricht, bei der einen Klasse. Die Menschen haben das Verständnis füreinander verloren, wenn sie in verschiedenen Klassen stehen, weil das tiefere Verständnis für den Menschen mit dem Erkenntnis-Verstehen, auch mit dem Verstehen, mit dem Sich-Interessieren für das praktische Leben verloren gegangen ist. Der Praktiker ist heute ein Routinier, er ist nicht ideengetragen. Warum? Weil er durch die Erziehung, die der moderne Wissenschaftsgeist mitgebracht hat, eben gar nicht die Ideen hineintragen kann in das eigentliche soziale Leben, sondern beim technischen Leben stehen bleiben muss.
Das, meine sehr verehrten Anwesenden, deutet hin auf eine der größten Aufgaben der Gegenwart, denn könnte nichts beigetragen werden zur Lösung dieser größten Aufgabe, so müsste sich ein solches Schicksal an der modernen Menschheit erfüllen, wie es etwa Oswald Spengler mit genialem Blick, aber einem umso genialeren Irrtum heraus entwickelt hat aus einer Erkenntnis fast aller Wissenschaften der Gegenwart, es müsste sich entwickeln der Niedergang in die Barbarei. Es ist ja schmerzlich genug, dass wir heute nicht nur sehen, wie dieser Niedergang geschieht, sondern dass geradezu geniale Gelehrte, aber auch geniale Verirrer auftreten, die mit derselben strengen Wissenschaftlichkeit beweisen, dass die Entwicklung in die Barbarei hineinführen wird, wie irgendwelche historischen oder naturwissenschaftlichen Dinge heute streng bewiesen werden.
Meine sehr verehrten Anwesenden, das Durchschauen dieser Verhältnisse war es, welches dazu geführt hat, dass dasjenige, was ich seit zwei Jahrzehnten nenne «anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft», gerade aus den katastrophalen Vorgängen der neueren Zeit seine besonderen Aufgaben erhalten hat, die zusammengewachsen sind mit den großen Aufgaben der Gegenwart. Ich darf hinweisen auf einzelnes Konkretes.
In den letzten Wochen des September und den ersten des Oktober haben wir an der Hochschule für Geisteswissenschaft in Dornach eine Reihe von Hochschulkursen abhalten können. In diesen Hochschulkursen wirkten bereits dreißig Dozenten, dreißig Menschen, die durchaus aus der modernen Fachwissenschaft hervorgegangen sind. Dozenten, die da wirkten auf dem Gebiet der Mathematik, der Sprachwissenschaft, der Geschichte, der Rechtswissenschaft, der Psychologie, auf dem Gebiete der Philosophie, auch auf dem Gebiete der Wirtschaftslehre, auf dem Gebiete des praktischen Lebens - ich könnte noch mancherlei Gebiete aufzählen -, auch auf dem allerbedeutsamsten Gebiet der Medizin, der Heilkunde und so weiter. Was sollte gezeigt werden durch diese Hochschulkurse, die sich radikal unterschieden von alledem, was sonst gegenwärtig als Geistesleben sich in die Welt stellt?
Ja, gehen wir von dem aus, was heute schon viele ganz wohlmeinende Menschen zu ihrer Anschauung gemacht haben. Es ist nötig, meinen sie, eine Erneuerung des modernen Menschenbewusstseins aus dem Geiste heraus; wir können es nicht mit wirtschaftlichen, staatlichen Dingen allein versuchen. Wir müssen das Denken der Menschheit ergreifen, wir müssen die Weltanschauung ergreifen.
Ja, aber was will man eigentlich da? Man will dasjenige, was gepflegt worden ist in modernen Bildungsanstalten, durch Volksbildungsanstalten, durch Volkshochschulen, durch Volksbildungsvereine, in die breitesten Kreise des Volkes tragen. Man will fortschrittlich sein fast auf allen Gebieten, man bleibt konservativ auf dem eigentlichen Geistesgebiet. Denn man glaubt, dass dasjenige, was wir als modernen Wissenschaftsgeist haben, schon gut genug ist. Aber wer unbefangen das moderne Leben durchschaut, der muss sich sagen: Die Kreise, in denen dieses Leben, dieser moderne Wissenschaftsgeist mit all seinen Ergebnissen, auch für die praktische Routine - denn zu einer solchen ist es unter seinem Einfluss gekommen -, auf die dlies]er Geist gewirkt hat, sie sind ja ebenso hineingesegelt in die moderne Weltkatastrophe. Glaubt man, dass dasjenige, was sie nicht hat behüten können vor dieser Katastrophe, nun segensreich werden soll, wenn man es in alle Welt verbreitet? Derselbe Geist, der Unheil angerichtet hat, Unheil anrichten musste bei wenigen, er würde noch größeres Unheil anrichten bei vielen. Daher steht man in Dornach innerhalb des Geistes dieser Hochschule für Geisteswissenschaft auf anthroposophischer Grundlage nicht auf dem konservativen Boden, dass das Geistesleben, das an unseren Bildungsanstalten vorhanden ist, einfach hinausgetragen werden soll in alle Welt, sondern dass aus einem neuen Geiste heraus, aus einer Erneuerung des Geisteslebens erst der nötige Geist, der Zukunftsgeist in die Bildungsanstalten selber hineingetragen werde - dann wird er erst das Volk ergreifen können.
Nun kann ich durchaus ganz gut verstehen, wie man skeptisch sein kann gegenüber dem, was hier zugrunde liegt dieser Betrachtung, was zugrunde lag den Dornacher Hochschulkursen: der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft. Doch ich glaube, dass ein großer Teil derjenigen, die zugehört haben - und sie waren sehr zahlreich, waren auch sehr zahlreich gerade aus der deutschen Studentenschaft heraus -, dass diejenigen, die da zugehört haben, doch den Eindruck bekommen haben: Diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft ist etwas, was nicht in einem Wolkenkuckucksheim von abstrakten Ideen schwebt, sondern sie ist etwas, was hineinwirken kann in alle Zweige des wissenschaftlichen, aber auch in alle Zweige des praktischen Lebens, was die Routine verwandeln kann gerade auf dem Gebiet des praktischen Lebens in ideengetränkte Wirklichkeit. Praktischen Geist will man haben in demjenigen Geistesleben, um das es sich da handelt.
Nun muss es den modernen Menschen vielleicht absurd erscheinen-ich kann das ganz gut begreifen, dass es der alten Denkgewohnheit absurd erscheint —, dass etwas so Intimes, ich will es gleich in seinen Grundzügen schildern, wie die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft ist, gerade die Unpraxis der neueren Zeit verbessern soll. Man hat sich eben zu sehr daran gewöhnt, dass man in der Routing, in der ideenlosen Praxis drinnensteht. Und man hat sich daran gewöhnt, Theorie Theorie sein zu lassen, weil man diese Theorie nur als eine Summe von Abstraktionen im Grunde genommen kannte, und weil man auch nicht aus dem, was als Weltanschauung aus dem alten Oriente geblieben ist, in das praktische Leben hat viel mehr hineintragen können als die erste Seite in den Kontobüchern, da steht «mit Gott», ob nun von dieser Gesinnung sehr viel auf den übrigen Seiten steht, das überlasse ich den Zeitgenossen, genauer zu beurteilen.
Was ist anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft? Meine sehr verehrten Anwesenden, zuerst ist dazu zu erwähnen, dass diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft durchaus nicht den streng wissenschaftlichen Geist, der sich innerhalb der modernen Zivilisation geltend gemacht hat, verlassen will, sondern dass sie im Gegenteil ihn voll ausbilden will. Nicht umsonst heißt die Freie Hochschule für Geisteswissenschaft in Dornach das «Goetheanum». Goethische Gesinnung soll fortgepflegt werden - allerdings auch fortentwickelt, fortgebildet, fortgestaltet werden. Goethe hatte schon viele Elemente dieses modernen anthroposophischen Geistes. Er hatte aber für alles das, was er auch auf dem Gebiete der Wissenschaft geltend gemacht hat, gesagt, dass er das Gefühl habe: [Auch] das, was man zum Beispiel über die Lebewesen sagt und wissenschaftlich meint, es müsse sich vor dem strengsten mathematischen Geiste rechtfertigen lassen; nur derjenige könne als ein Wissenschafter gelten, der sich vor dem strengsten Mathematiker gewissenhaft rechtfertigen könne. - Das möchte gerade diese Geisteswissenschaft. Aber sie will dasjenige, was sonst nur bei der Mathematik zutage tritt als letzter Rest des alten orientalischen Weltanschauungsgebietes, sie möchte das, was da aus dem Menschen heraufsteigt, in einer größeren Lebendigkeit aus diesem Menschen heraufsteigen lassen. Es gibt Methoden - Sie können das Nähere finden in meiner «Geheimwissenschaft», in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten» und anderen Schriften -, es gibt Methoden, durch welche das innere menschliche Seelenleben so behandelt werden kann, dass es sich entwickelt. Ich möchte das durch Folgendes veranschaulichen:
Wir wenden hin den Blick auf ein noch unvollkommenes Kind, auf ein Kind von fünf Jahren. Wir legen diesem Kinde vor einen Band lyrischer Gedichte von Goethe, was wird es damit machen? Es wird wahrscheinlich das Büchelchen zerreißen, wenn es ein gesundes Kind ist. Es wird kein Verhältnis haben zu demjenigen, was das Büchelchen eigentlich meint. Zehn Jahre später oder fünfzehn Jahre später wird das Kind schon ein anderes Verhältnis haben; es wird untertauchen können in dasjenige, was mit dem Büchelchen eigentlich gemeint ist. So steht es auch mit dem Menschen noch in späteren Lebensjahren. Zu einer intellektuellen Bescheidenheit muss man allerdings vordringen, wenn man an anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft herankommen will. Intellektuelle Bescheidenheit erkennt, dass der Mensch, wenn er auch noch so alt geworden ist, seine inneren seelischen Fähigkeiten methodisch entwickeln kam. Wie gesagt, ich habe die Methoden geschildert in den genannten Büchern und möchte nur angeben, dass man durch eine besondere Vertiefung des Vorstellungslebens, durch eine solche Vertiefung in das Vorstellungsleben, welche vor allen Dingen aus dem Willen heraus das Vorstellungsleben meditativ in der Seele da sein lässt, dass man durch eine solche Behandlung des Vorstellungslebens, die ich hier nicht ausführlich schildern kann, dazu kommen kann, gewisse Kräfte, die sich sonst durch die gewöhnliche Erziehung heranbilden lassen im Menschen, noch weiter zu vertiefen. Und das, was ich meine als intellektuelle Bescheidenheit, es führt einen zum Schlusse dahin, sich zu sagen: Durch dasjenige, was man einfach durch die gewöhnliche Erziehung entwickelt, liegt die Welt der Menschenumgebung und die Welt des Menschen selbst vor einem, wie das Goethebüchlein vor dem fünfjährigen Kinde. Man muss die innerliche seelische Kraft zu einer weiteren Höhe entwickeln, dann lernt man das Buch der Natur in einer anderen Weise lesen. Dann tritt man mit anderen Kräften der menschlichen Seele an dieses Buch der Natur heran.
Was sind diese menschlichen Seelenfähigkeiten, die man da entwickelt? Im gewöhnlichen Bewusstsein spielt ja, wie alle wissen werden, dasjenige, was wir Gedächtnis, Erinnerungsvermögen nennen, eine ungeheure Rolle. Wir brauchen dieses Erinnerungsvermögen. Wird es nur ein wenig krank, löscht sich nur ein kleiner Teil desjenigen, was wir in unserer Erinnerung haben, in der menschlichen Seele aus, tritt eine Diskontinuität des Gedächtnisses ein, so leidet die Seele Schiffbruch. Furchtbar sind die Erkrankungen, die durch diese Gedächtnisstörung auftreten können. Das Gedächtnis ist eine Kraft für das normale theoretische wie praktische Menschenleben, aber man kann es weiter ausbilden.
Was ist denn im gewöhnlichen Bewusstsein im Grunde genommen dasjenige, was uns im gegenwärtigen Augenblick zu unserem eigentlichen Seelenmenschen erst macht? Wir sind ja im Grunde genommen in jedem Lebensalter dasjenige, was wir durch unser Gedächtnis sind. Was wir erfahren haben im Leben seit der Kindheit, was sich da niedergesetzt hat in dem Innersten, manchmal in dem Unterbewussten des Seelenlebens, das ist es, was eigentlich unser Wesen im gegenwärtigen Moment ausmacht. Und wir blicken auf dieses Wesen, indem wir von dem, was wir gegenwärtig sind, zurückblicken erinnernd auf das, was wir erfahren haben seit unserer Kindheit. Die Kraft gerade, meine sehr verehrten Anwesenden, die kann zu einer höheren Stufe des Erkennens ausgebildet werden.
Das glauben heute noch die wenigsten Menschen. Es ist eben auf diesem Gebiete gerade so, wie es war zum Beispiel zur Zeit des Kopernikus, wo die wenigsten Menschen das glaubten, was der Kopernikus über die Welterscheinungen gesagt hat. Es glauben heute noch die wenigsten Menschen, dass man dadurch, dass man meditativ sich in gewisse Vorstellungen vertieft, dass man sich nicht hingibt, wie sonst im äußeren Leben es der Fall ist, dem gewöhnlichen Verlauf der Vorstellungen, sondern dass man Vorstellungen, die man sich erst gebildet hat, oder von einem Lehrer überliefern lässt, hat, sich in sie versenkt, [dass man] lernt, mit einem erhöhten kraftvollen Leben in solchen Vorstellungen jahrelang drinnenzustehen durch strenge, innerlich geregelte Übungen, Übungen, die so geregelt sind wie die Gesetze des Rechnens, der Mathematik, der Geometrie — es glauben die wenigsten Menschen, dass das auf dem Wege streng wissenschaftlicher Methode erreicht werden kann, ebenso streng wissenschaftlich, wie die Arbeit im chemischen Laboratorium ist. Aber es ist möglich, dass wir dadurch das Erinnerungsvermögen des Menschen weiter ausbilden; so ausbilden, dass uns nun nicht nur unser gegenwärtiges Seelenleben erscheint als ein Ergebnis unserer Erfahrungen und Erlebnisse seit unserer Geburt, sondern dass uns unser ganzer Mensch, wie er mit seinem physischen Leibe dasteht in der Welt, wie er hineingetreten ist durch die Vererbung mit seinem physischen Leibe bei der Geburt oder besser gesagt der Empfängnis in diese physische Welt, das Ergebnis ist von Ereignissen, die seiner Empfängnis vorangegangen sind, aber nicht im bloß Menschlichen, sondern innerhalb des ganzen Kosmos. Wie man durch das gewöhnliche Gedächtnis auf das eine Leben seit seiner Kindheit zurückblickt, so lernt man zurückblicken auf etwas, was außerhalb dieses Lebens zwischen Geburt oder Empfängnis und dem Tod liegt. Man lernt auf dasjenige hinblicken vor allen Dingen, was der Mensch geistig war, bevor er physisch geworden ist. Man lernt die Wirklichkeit des geistigen Lebens kennen. Man lernt dasjenige kennen, was heute noch der Mensch als Ewiges in sich trägt, wovon ausstrahlt sein erkennendes, sein Gemeinschaftsleben, sein soziales Leben, in seinem Erleben in einem Dasein vor der Geburt oder Empfängnis. Und man lernt sich eine bedeutsame Frage beantworten, die Frage: Warum erscheint denn solch ein Hineinschauen in das vorgeburtliche Leben, [solch ein Hinschauen] auf das Leben des Menschen im Geiste, der heutigen abendländischen Menschheit gar so absurd? Und man lernt erkennen, dass da gepflegt worden ist das Ewige des Menschen nur nach der anderen Seite hin durch Jahrhunderte, ja Jahrtausende.
So war es nicht innerhalb der Blütezeit der Weltanschauungen im Oriente. So ist es geworden im Westen. Zum menschlichen Egoismus wollte man auch mit dem Seelenleben sprechen. Vom menschlichen Egoismus ließ man auch das, was man als Anschauung entwickelte über das Ewige des Menschen, beeinflusst sein. Man kam dadurch zu keinem Glauben, zu keinem Wissen, zu keiner Erkenntnis vom Ewigen, denn man betrachtete nur das Ende des Lebens, was durch die Todespforte durchgeht. Das drückt sich selbst in Äußerlichkeiten aus. Wir haben ein Wort «Unsterblichkeit», wir weisen damit hin auf das, was nach dem Tode liegt. Wir haben aber in unserer heutigen Sprache kein Wort, welches ausdrückt, dass dieses Ewige vor der Geburt oder Empfängnis da war, wir haben kein Wort, wie etwa Ungeburtlichkeit, Ungeborensein oder dergleichen als ein gewöhnliches Wort. Wir haben kein Wort, was dem Worte Unsterblichkeit als der anderen Seite des Lebens entspricht.
Dann aber, wenn man durch strenge Methoden ausbildet dasjenige, was im gewöhnlichen Leben nur als Gedächtnis lebt, zu einem [höheren] Erkenntnisvermögen, dann wird Wissen, nicht bloßer Glauben, sondern Anschauung, dasjenige, was der Mensch erlebt hat, bevor er durch die Empfängnis in die Vererbungsströmung des physischen Lebens aufgenommen worden ist. Das wird einmal so wahre Wissenschaft werden, wie Wissenschaft geworden ist die kopernikanische, die keplerische Weltanschauung. Aber es wird Wissenschaft werden; es wird nicht bloßer Glaube sein. Denn der Glaube ist eben dadurch entstanden, dass man nur auf das Nachtodliche hinblickte, nicht auf das Vorgeburtliche.
Damit man auf das Vorgeburtliche blicken kann, kann man nicht bei dem Seelenleben bleiben wie vorher; man muss andere Kräfte entwickeln. Es wird einem das Wissen von den höheren Welten nicht wie eine Gnade geschenkt, es wird einem nur durch innere Anstrengung. Dann aber verbreitet sich wie ein Licht dasjenige, was man so über das Ewige des Menschen erkundet hat, auch über die natürliche Außenwelt. Dann werden alle diejenigen Naturgesetze, die wir kennenlernen, vom Geiste durchdrungen. Dann reden wir nicht mehr von einer materialistischen Atomenwelt, sondern von einem Geiste, der auch der Natur zugrunde liegt und aus dem wir herausgeboren sind.
Da sehen Sie, im Erkenntnisgebiet eröffnet sich dem Menschen durch anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft ein Ausblick auf die Frage: Was ist das Menschenwesen? Hier wird nicht haltgemacht vor dem Menschen. Hier wird geradezu auf dasjenige losgegangen, was tiefste Erkenntnissehnsucht des Menschen in Bezug auf sein eigenes Wesen ist. Und dasjenige, was hereingezogen ist in die moderne Welt als Beobachtungsgeist, das muss sich sozusagen wie von selber vertiefen, wenn der Mensch solche inneren seelischen Übungen durchmacht. Wenn der Mensch [solch] ein höheres Erkenntnisvermögen, das hinausblicken kann über die Geburt in die geistige Welt hinein, wirklich in sich entwickelt, da wird die Art und Weise, wie der Mensch gegenübertritt der äußeren Beobachtung, eine ganz andere, als sie in der bloßen Naturwissenschaft ist. In dieser Naturwissenschaft sind wir, und ich betone wiederum: mit vollem Rechte, stolz darauf, dasjenige zu beobachten, woran wir menschlich so wenig wie möglich Anteil haben, wo das menschliche Innere nicht mitspricht. Aber, meine sehr verehrten Anwesenden, derjenige, der schon einmal vorstellungsgemäß an seiner Seele so arbeitet, dass das Erinnerungsvermögen zu einer höheren Stufe kommt, der wird unmittelbar auch angeregt, die anderen Seelenkräfte, vor allen Dingen den Willen, weiter auszubilden. Wenn er dies tut, wenn er [so] unter dem fortwährenden Ansturm des Erkenntnisvermögens, wie ich es in seiner höheren Entwicklung eben gezeigt habe, auch den Willen höher entwickelt, dann wird dasjenige Verhältnis, das wir sonst zur äußeren Natur haben, das Verhältnis einer inneren Hingabe. Dann bleibt man nicht an der Oberfläche haften und konstatiert nur materielle Atome, die man erfindet, die nicht gefunden sind, sondern man wächst zusammen mit dem, was das Innere der Dinge ist. Man lernt jetzt erst die Anschauung Goethes verstehen, die er ausdrücken wollte, indem er gegen Haller die Worte gebrauchte, die Ihnen ja wohl bekannt sind. Haller hatte gesagt:
Ins Innre der Natur dringt kein erschaffener Geist, Glückselig, wem sie nur die äußere Schale weist.
Und Goethe antwortete:
«Ins Innre der Natur» - O, du Philister —
«Dringt kein erschaffner Geist»,
Mich und Geschwister
Mögt Ihr an solches Wort
Nur nicht erinnern.
Wir denken: Ort für Ort
Sind wir im Innern.
«Glückselig, wem sie nur
Die äußre Schale weist!»
Das hör ich sechzig Jahre wiederholen,
Ich fluche drauf, aber verstohlen,
Sage mir tausend, tausend Male:
Alles gibt sie reichlich und gern,
Natur hat weder Kern,
Noch Schale,
Alles ist sie mit einem Male;
Dich prüfe du nur allermeist,
Ob du Kern oder Schale seist.
Von selbst wird auch das nicht dem Menschen. Er muss seinen Willen zu höherer Stufe entwickeln. Er muss gewissermaßen im inneren seelischen Wesen dasjenige zur Entwicklung bringen, was sonst als Willensemotionen im äußeren Leben zum Ausdruck kommt. Ich kann mich etwa in der folgenden Weise ausdrücken: Unser Erkennen, namentlich das Naturerkennen, es bleibt in der Regel dasjenige, was wir objektiv, unpersönlich nennen. Wenn wir aber im gewöhnlichen Leben drinnenstehen, wenn wir Freunden gegenüberstehen, wenn wir unserem eigenen Schicksal gegenüberstehen, dem, was wir im Leben zu tun haben, dann sind wir mit Interesse an unsere Umgebung gebunden. Dann quillt in uns das persönliche Leben auf. Dann haben wir Freude und Schmerz, Lust und Leid; in Erhebung und in demjenigen, was wir als Depression, als Verzweifelung empfinden, machen wir innerlich etwas mit. Auf einer höheren Stufe objektiv, geradeso objektiv, wie irgendetwas anderes in der Wissenschaft objektiv wird, kann man, wenn man [durch] die Methoden, die ich in «Wie erlangt man Erkenntnisse höherer Welten» geschildert habe, [den Willen ausbildet], untertauchen in das Wesen der Dinge. Man wird mit dem innersten Menschlichen gewissermaßen hineingesenkt in das Innere der Naturdinge. Man entdeckt allerdings keine Atome, sondern Geistiges, dasjenige, was als geistige, menschenverwandte Tragkräfte zugrunde liegt dem Naturgeschehen. Und man macht jetzt eine besondere Entdeckung gegenüber dem Erkennen und dem willensmäßigen Hineindringen in die Natur. Wenn man nämlich das Gedächtnis so ausgebildet hat, dass man auf das vorgeburtliche Leben hinblickt, da merkt man, es wird alles finster und stumm, unklar und unbehaglich, wenn man nicht auf demselben strengen Wissenschaftsgeiste steht, auf dem die äußere Wissenschaft steht.
Meine sehr verehrten Anwesenden, mit mystischem Schwafeln, mit alledem, was in der landläufigen Theosophie zum Ausdruck kommt, mit all diesen Schwärmereien und all dieser Phantastik kommt man mit dem, was wahre Geistesforschung ist, nicht zurecht. All diese schwafelnde Mystik senkt sich nur in Unklarheiten hinein. Mit dem Geiste, den man erst heranerzogen hat an der modernen Wissenschaft, muss man diese Entwicklung der Seele suchen, wie ich angegeben habe. Dann versteht man erst, wie sich die Wissenschaft fortsetzt in das Menschenwesen hinein.
Dann aber, wenn man eingehen will in das Innere der Natur durch die Entwicklung der Willenskraft, dann merkt man, was einem fehlt, wenn man es nicht immer weiter und weiter entwickelt. Was im gewöhnlichen Leben so sehr, wenn es auch schön ist, unter dem Einfluss des Egoismus steht, das muss man haben; das muss man im umfassendsten Sinne haben, wenn man willensmäßig in die Wesen der Welt untertauchen will: Man muss die Liebe haben zu allen Wesen, die um einen herum sind. Wer nicht die Liebe entwickeln kann, die ganz selbstlose Liebe, die einzige Leidenschaft des Menschen, die frei von Selbstsucht ist - so hat sich mancher bedeutsame Geist gerade gegenüber der Liebe ausgesprochen -, wer diese wahre Liebe nicht in seiner Persönlichkeit hat, der merkt, wie ihm Finsternis und Kälte entgegentreten, wenn er untertauchen will, sich hingeben will an die äußere Welt, an die äußere Natur, wenn man den Geist finden will in dem Äußeren. Man kann auf diese Weise durch Willenskultur die Beobachtung, die ja durch den modernen Wissenschaftsgeist nur an der Oberfläche stehen bleibt, ergründen. Und wenn man so die Beobachtung ergründet, indem man in das zu Beobachtende hineindringt, lernt man noch ein anderes erkennen.
Ebenso, wie man durch den Erkenntnisgeist hinschaut auf das vorgeburtliche Leben, so lernt man jetzt mit einem neuen Geiste hinschauen auf dasjenige, was sich seit der Geburt als unser Seelenleben entwickelte. Abstrakte Formen hat es zunächst, so, wie es der gewöhnlichen Selbstschau, Selbsterkenntnis erscheint. Wenn man aber dasjenige, was ich Ihnen charakterisiert habe als Versenkung in die Außenwelt, als vertieften Beobachtungssinn [entwickelt], dann lernt man dasjenige, was wir in jedem Augenblick unseres Lebens sind, dasjenige, was wir gegenwärtig sind, als den Geistseelenkeim des Zukünftigen kennen. Dann verwandelt sich auch der Glaube an die Unsterblichkeit in die Erkenntnis der Unsterblichkeit.
Aber was muss denn an den Menschen herangebracht werden, wenn er gerade diese Art von Erkenntnis entwickelt? Ich habe ja gesagt, dass auf der einen Seite, auf der Erkenntnisseite, herausgebildet werden muss der rechte Wissenschaftsgeist. Aber er bleibt nicht stehen, er macht nicht halt vor dem Menschen. Dieser Wissenschaftsgeist wird wieder Weltanschauung. Und wir müssen begründen für die Zukunft eine Wissenschaft, die Weltanschauung sein kann, wie der alte Orientalismus hatte eine wissenschaftsfreie Weltanschauung. Und wir müssen aus dieser Wissenschaft, welche wieder Weltanschauung sein kann, erlebte Weltanschauung sein kann, neu begreifen auch dasjenige, was das Mysterium von Golgatha, das Mysterium des Christentums ist. [Dieses Mysterium von Golgatha ist eine Tatsache.) Es ist eine Verleumdung, wenn da oder dort gesagt wird, dass anthroposophische Geisteswissenschaft das Christentum verkenne. Nein, es ist gerade Kleinmut, wenn man behaupten will, dass das Christentum etwas zu verlieren hat, wenn eine neue geistige Entwicklungsstufe der Menschheit an dieses Christentum, an die Tatsachen des Christentums herantritt. Das Christentum ist so groß, dass es aushalten kann bis ans Ende der Erdentage alle Entdeckungen auf materiellem und geistigem Gebiete. Und wie man einstmals geglaubt hat, dass der kopernikanische Geist dem Christentum ein Ende machen könne, wie man ihn ausrotten wollte, so begegnet man heute auch dieser Geisteswissenschaft. Man verleumdet sie, man will sie ausrotten. Aber sie wird nicht zur Verkleinerung des Christentums, sondern sie wird zur Erhöhung des Christentums beitragen, indem sie gerade dem modernen Geiste, dem modernen Streben das Christentum, das Mysterium von Golgatha als ein Geistereignis, das der Erdenentwicklung erst Sinn gibt, wiederum begreiflich machen wird. - Das nach der Erkenntnisseite hin.
Und nach der praktischen Lebensseite hin, wenn wir eindringen wollen in die Beobachtung, die nicht bloß Naturbeobachtung bleiben will, müssen wir den Geist der Liebe entwickeln. Wenn wir die Liebe nicht haben, ist es nicht möglich, die äußere Beobachtung zu vertiefen. Wir erziehen unseren Wissenschaftsgeist, indem wir uns zugleich zum Geiste der Liebe erziehen. Das aber gibt uns die Möglichkeit, jetzt uns mit den Dingen zu verbinden. Das war ja das furchtbar Tragische der modernen Menschheitsentwicklung, dass der Mensch im modernen Wissenschaftsgeiste menschenfremd in abstrakten Höhen lebte, dass er nicht eindringen konnte in das praktische Leben, weil er auch dem Geiste der Natur selber fernestand. Indem anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft in den Geist der Natur eindringt, indem sie zusammengeht mit der Wissenschaftlichkeit auf dem Erkenntnisgebiete, bereitet sie vor jenes Zusammenleben mit der Wirklichkeit des äußeren Menschenlebens, der menschlichen Gemeinschaft: das Geistesleben der Menschheit, das Rechts- oder Staatsleben der Menschheit, das Wirtschaftsleben der Menschheit. Man lernt an der Art und Weise, wie man mit den Gegenständen der Wissenschaft zusammenlebt, bis zur Handgeschicklichkeit hinein auch an die äußeren praktischen Dinge heranzugehen. Aus den Routiniers, die eben nur neben sich hatten den Geist der Bildungsanstalten, der nicht praktisch sein konnte, weil der moderne Wissenschaftsgeist eben so war, wie ich es auseinandergesetzt habe, aus dieser Art der modernen Routine wird sich geisterfüllte Lebenspraxis entwickeln. Dann wird man nicht mehr sagen, das geistige Leben könne nur eine Ideologie, ein Aufbau auf den wirtschaftlichen Prozessen sein, sondern man wird erkennen, wie der Mensch es immer war und sein muss, der sein geistiges Leben auch in seine soziale Gemeinschaft hineinträgt, der das wirtschaftliche Leben nur gestalten kann, wenn er in seinem geistigen Leben zuerst sich so erzogen hat, dass er weiß, wie man mit der Wirklichkeit zusammenlebt.
Das ist dasjenige, was man immer mehr und mehr erkennen wird, dass bis in die Fundamente des Lebens hinein Geisteswissenschaft deshalb praktisch ist, weil durch sie der Mensch mit der Wirklichkeit zusammenwächst. Daher wird er auch als Praktiker, als wirtschaftlicher Praktiker hineingestellt sein in die Wirklichkeit. Geradeso wenig, wie man haltzumachen braucht im Sinne dieser Geisteswissenschaft vor der Erkenntnis des Menschen, so wenig wird man mit dieser Gesinnung, [die] ohne die Geisteswissenschaft sich nicht entwickeln kann, als Arbeitsleiter oder als Arbeiter, wenn man nur die Dinge im Fundament versteht, im sozialen Leben vor dem Menschen stehen bleiben.
Solche Menschen wie Keynes, sie verlangen, dass man nicht bloß Handlungen der Staatsmänner vollführe. Auf den letzten Seiten seines Buches sagt dieser an der Gegenwart verzweifelnde Mensch: Was haben wir zu tun in der nächsten Zeit? Wahrheit verbreiten, Trugbilder zerstören, den Hass zerstäuben, die Menschen zu einem Gemeinschaftsleben zu erziehen. - Ja, meine sehr verehrten Anwesenden, wie macht man das? - muss man fragen. Aber diese Frage kann nicht beantwortet werden durch äußere Maßnahmen, sondern nur, wenn man auf das Fundament des menschlichen Lebens selbst und seine Umgestaltung in der Gegenwart hinweist. Was sollen wir für Gedanken [verbreiten]? Nicht die, die in die Katastrophe hineingeführt haben. Diejenigen Gedanken sollen wir [verbreiten], die nicht haltmachen vor dem Menschen im Erkenntnisleben wie im sozialen Leben. Wir werden Trugbilder nicht zerstören, wenn die Menschen [glauben], diese Trugbilder, besonders dieses [die des] sozialen Lebens, [beweisen zu können] aus dem Geiste der modernen Wissenschaftlichkeit heraus. Wie sollen wir das Trugbild des Hineinsegelns in die Barbarei zerstören, wenn ein Mensch wie Spengler aus wirklicher Genialität heraus beweisen will, dass die Menschheit im dritten Jahrtausend hineinsegeln muss in die Barbarei? Wie sollen wir den Hass [zerstäuben], wenn wir nicht die Brücke schaffen, in Liebe die Brücke schaffen zwischen Mensch und Mensch, zwischen allen Menschen, aber in einer Liebe, die nicht gepredigt wird, sondern die erzogen wird durch die Geisteskräfte?
Wenn in der Wissenschaft nur kalte Nüchternheit, nur kalter Wissenschaftsgeist ist, und nicht auch die Liebe erzogen wird, dann wird sie auch nicht durch irgendwelche sozialistische Theorien, die ja nur die Kinder dieses Wissenschaftsgeistes sind, in das öffentliche Leben eindringen können.
Dass diese moderne anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft nicht stehen bleiben will bei demjenigen, was Theorie ist, das zeigt sich ja zunächst auf dem einen Gebiet, wo die große Frage der Zeit, die große Aufgabe der Gegenwart uns entgegentritt: auf dem Erziehungsgebiet. Aus dem Geiste der anthroposophischen Geisteswissenschaft heraus ist in Stuttgart auf den Impuls des Herrn Emil Molt hin die freie Waldorfschule gegründet worden. Sie ist so gegründet worden, dass nicht etwa der Geist irgendeiner abstrakten Weltanschauung ein neues Religionsbekenntnis in diese Schule hineintragen will, sodass die Kinder gewissermaßen auferzogen werden sollen in Anthroposophie. Ganz und gar nicht. Aber etwas anderes ist der Fall. Derjenige, der diese Anthroposophie als Lebendiges in sein Seelenleben aufnimmt, der entwickelt aus ihr heraus dasjenige, was die praktischen Handgriffe der Erziehung, des Unterrichts sind; der entwickelt eine pädagogische Kunst, welche nicht mehr zusammenhängt mit dem, was uns in die Katastrophe hineingeführt hat, sondern was zusammenhängt mit dem, was als Geist der Zukunft ersehnt wird.
Hier haben Sie auf dem Gebiete des Geisteslebens durch diese Schöpfung Emil Molts etwas, was aus dem Menschen heraus die Erziehungskunst entwickeln will; aus jener Menschenerkenntnis, die nur aus dem Boden einer solchen Wissenschaft strömen kann, welche vor dem Menschen nicht erkennend und wollend haltmacht. Da kann man auch das, was im Kinde heranwächst, von Woche zu Woche so entwickeln, dass der Mensch sich hereinstellt als ein Wesen, das nun wirklich das soziale Leben in Liebe praktisch gestalten kann, dass die Routine ausgemerzt wird; dass geisterfüllte Wirklichkeit, geisterfüllte Praxis an Stelle der Routine gesetzt wird.
Und, meine sehr verehrten Anwesenden, wenn wir heute schon sehen, was selbst die wohlmeinenden Menschen beabsichtigen im öffentlichen Leben gegenüber den großen Aufgaben der Zeit, nun, auf der einen Seite ist es die Wiederauffrischung des parlamentarischen Lebens - es soll selbstverständlich nicht gegen das parlamentarische Leben gesprochen werden, es hat seine Berechtigung -, aber desjenigen, was solche Früchte gezeigt hat, dasjenige Wirtschaftsleben, das im Grunde genommen nur hervorgegangen ist aus dem Misswuchs der modernen Zeit. Wir sehen heute, wie in großen TrustBildungen allerdings Arbeiterbeteiligung eingeführt wird, die aber zu nichts anderem führen wird, wie die Volksbildung etwa führen würde, wenn sie nur von den heutigen Bildungsanstalten kommen würde, wo dasjenige, was [letzter] Rest des Alten ist, wie ein neues Evangelium verkündet wird.
Gerade als ich zu diesem Vortrage hinfuhr, wurde mir ein Aufsatz überreicht von einem englischen Pädagogen, der die Waldorfschule in Stuttgart vor Kurzem besucht hat und bekannt geworden ist mit dem, was man da will. Er sagt merkwürdigerweise: Diese Waldorfschule stellt nicht etwa in ihrem Erziehungssystem die Ergebnisse desjenigen dar, was man moderne Pädagogik bis jetzt genannt hat, sondern sie stellt eine vollständig neue pädagogische Kunst in die Welt hinein. Durch unmittelbare Anschauung gewann dieser Artikelschreiber, der selber ein englischer Dozent ist, das Folgende; er sagt: Das, was da in der Geisteswissenschaft nicht in Theorien, sondern durch Erziehungskunst selber sich auslebt, das zeigt, dass diese Geisteswissenschaft nicht ist ein Zusammenfluss von abstrakten «Bahnen» — wie er sich ausdrückt -, sondern es ist dasjenige, was als Lebendiges in die Menschheitsgestaltung, in das unmittelbare praktische Leben hineinfließen kann.
So haben wir mit unserer Waldorfschule aus dem Geiste der anthroposophischen Geisteswissenschaft heraus auf dem geistigen Gebiete, dem einen Gebiete des von uns angestrebten dreigliedrigen sozialen Organismus, etwas durchaus Praktisches erstreben wollen. Und was in einem Jahr, denn so lange besteht erst die Waldorfschule, erreicht werden konnte, es kann selbstverständlich nur ein Anfang sein. Aber Sie sehen, man erkennt in diesem Anfang einen neuen pädagogischen Geist, einen pädagogischen Geist der Zukunft.
Von diesem ausgehend, sagt dieser selbe Mann: Was ist das Wesentliche da? Das Wesentliche ist da in dieser Waldorfschule, dass man nun nicht sagen kann - und er sagt, das gäben die Lehrer selber zu, mit denen er gesprochen hat -, das sei ein Ideal für alle Zeiten, das brauche man nur nachzumachen. Nein, dasjenige, was da ausgeht, kann nur wiederum von Geisteswissenschaft ausgehen; das muss immer als Praktisches herausfließen aus der Geisteswissenschaft. - Und der Mann sah sich weiter um. Er sah, was behandelt worden ist an übrigen praktischen Dingen. Und es ist viel, wenn von dieser Seite des Auslandes gesagt wird: Geisteswissenschaft gibt so viele Impulse, dass geschäftsmäßige Praktiker erzogen werden können zu einem ganz praktischen Leben in der Zukunft.
Nicht spintisierend in irgendein wirklichkeitsfremdes Wolkenkuckucksheim [hinauf] will die Geisteswissenschaft, sondern die großen Aufgaben der Gegenwart sind solche, die unmittelbar herandringen an unser gewöhnlichstes Leben. Aber mit dieser allgewöhnlichsten Lebenspraxis kann es auch die Geisteswissenschaft, trotzdem sie in die höchsten geistigen Höhen hinaufsteigt, zu tun haben. Und man darf der Hoffnung sich hingeben, dass dasjenige, was nun schon gesehen wird von den Leuten, die es sehen wollen, auf geistigem Gebiet, auch auf einigen praktischen Gebieten sich geltend macht, [und] sich immer mehr und mehr geltend machen kann.
Darum sind die Dornacher Hochschulkurse gehalten worden zu einer Reform des gesamten wissenschaftlichen Lebens, weil von einer Umwandelung des Denkens, der ganzen Weltanschauung ausgehen muss dasjenige, was allein beitragen kann zu einer Lösung der großen Fragen, die der Gegenwart gestellt sind.
Und man wird ja zugeben aus dem Beispiel, das ich eben ausgeführt habe, das aber durch zahlreiche andere vermehrt werden könnte, dass es doch schon etwas heißt, wenn von diesem Geiste des Auslandes in der heutigen Zeit etwas anerkannt wird, was wir mitten in Deutschland machen.
Meine sehr verehrten Anwesenden, wir dürfen nicht die Erinnerung, die lebendige und tatkräftige Erinnerung an dasjenige vergessen, was in Goethe und Schiller, den großen Deutschen, gelebt hat. Wir müssen es fortentwickeln. In dieser Gesinnung haben wir in jener Grenzecke, die nach dem Westen hinüber, nach den Siegern hinüber in der Schweiz sich eröffnet, das Goetheanum hingestellt, weil wir ausdrücken wollten, aus welchem Geiste heraus geschaffen werden soll auch ins Allerpraktischste hinein. Und wenn wir uns von dieser Gesinnung durchdringen, dann werden sich die Beispiele vermehren, wo von solchem, außerhalb Deutschlands liegenden Geiste der gegenwärtigen Zivilisation dasjenige anerkannt wird, was wir aus dem alten deutschen Geiste heraus vermögen. Äußerlich konnte man uns besiegen. Dasjenige, was wir vermögen werden, wenn wir treu, im Geiste treu zu dem halten, was des deutschen Volkes Größtes ist, dann wird man uns anerkennen. Und Geisteswissenschaft kann schon auf Proben hinweisen, wie man dasjenige, was aus wirklich deutschem Geiste heute vor die Welt hingestellt wird, immerhin anerkennt.
So kann Geisteswissenschaft auch praktisch an der Gesundung des nationalen und internationalen Lebens mitwirken, weil sie in Bezug auf alle Gebiete wirklichkeitsgemäß und deshalb im wahrsten Sinne des Lebens praktisch sein will; praktisch sein will, weil sie keine Praxis entwickelt, welche den Geist verleugnet, keinen wirklichkeitsfremden Geist anstrebt, sondern weil sie einen wahren, einen echten, einen ewigen Geist anstrebt, der aber nicht bloß für eine theoretische oder eine Bekenntnisbetrachtung da ist, sondern der tatkräftig hineinzuwirken vermag in die Materie. Ein materielles Leben, das den Geist nicht verleugnet, ein Geist, der sich nicht zu stolz fühlt, um das materielle Leben zu bezwingen - das ist dasjenige, was mit den großen Aufgaben der Gegenwart und Zukunft zusammenhängt. So werden wir lösen müssen die großen Aufgaben der Gegenwart und der nächsten Zukunft im Sinne einer Versöhnung des wahren Geistes mit dem materiellen, auch mit dem praktischen, mit dem wirtschaftlichen Leben.