The Big Questions of our Time and Anthroposophical Spiritual Knowledge

GA 336 — 7 January 1921, Stuttgart

17. Wirtschaftliche Forderungen und Geist-Erkenntnis

Meine sehr verehrten Anwesenden! Dasjenige, was als der Impuls zur Dreigliederung des sozialen Organismus heraus entsprungen ist aus anthroposophischer Geisteswissenschaft, muss immer wieder vielleicht nicht verteidigt, aber erklärt werden gegenüber der Auffassung, dass man es bei der Idee der Dreigliederung des sozialen Organismus zu tun habe mit irgendetwas Utopischem, irgendeiner Utopie. Derjenige, der sich in meine Schrift «Die Kernpunkte der sozialen Frage» oder in dasjenige, was jetzt schon als eine reiche Literatur sich an diese Schrift angeschlossen hat, wirklich vertieft, könnte den grundsätzlichen Unterschied erkennen zwischen dem, was hier gewollt wird gerade aus anthroposophischen Untergründen heraus, und demjenigen, was mit Utopien, utopistischen Ideen in sozialer, in wirtschaftlicher oder sonstiger Beziehung gewöhnlich gegeben wird.

Sonst weist man darauf hin, man findet es sogar selbstverständlich, darauf hinzuweisen, wie man, um zu diesem oder jenem die Menschheit befriedigenden Ergebnis, zu befriedigenden Zuständen zu führen, das eine oder das andere an Institutionen einrichten müsse. Diejenige Lebensauffassung, welche zugrunde liegt dem Impuls der Dreigliederung des sozialen Organismus, sie weiß, dass gegenüber den heutigen Zeitverhältnissen die Geltendmachung irgendwelcher utopistischen Ideen durchaus keine Bedeutung hätte. Ja, ich habe es in der neueren Auflage meiner «Kernpunkte der sozialen Frage», die eben im Erscheinen begriffen ist, gerade in der erneut geschriebenen Vorrede ausgesprochen, dass ich mir selbst dann nichts versprechen würde von irgendwelchen rein gedanklichen Schilderungen, wie es nun sein solle in der Zukunft, dass ich mir auch davon nichts versprechen würde in dem Fall, wenn diese Anschauungen noch so geistvoll wären. Denn heute handelt es sich durchaus nicht darum, dass man irgendwelche fertige geistvolle Ideen über soziale Institutionen ausspricht, sondern heute handelt es sich gegenüber der auf ihre Mündigkeit stolzen Menschheit darum, die Gelegenheiten zu bezeichnen, unter denen durch soziales Zusammenwirken der Menschen erst das Wünschenswerte entstehen könne. Also nicht, wie es in der Welt ausschauen soll, will der Impuls für Dreigliederung des sozialen Organismus charakterisieren, sondern wie dieser soziale Organismus selber die Menschen in gewisse gegenseitige Verhältnisse bringen soll, damit sich die Menschen nach ihren jeweiligen Fähigkeiten, nach ihren jeweiligen Bedürfnissen selber die Zustände schaffen, in denen sich in der Zukunft leben lässt.

Es ist so gemeint, dass die Gliederung des sozialen Organismus nicht etwa in drei Klassen, sondern in drei besondere soziale Glieder, an denen jeder Mensch seinen Anteil hat, dass diese Gliederung in ein freies Geistesleben, in ein Staats-, politisches Leben und in ein auf sich selbst gestelltes Wirtschaftsleben geschehe. Und zugrunde liegt die Anschauung, dass, wenn sich die Menschen ihre Zustände gestalten durch einen solchen dreigliedrigen sozialen Organismus, dann muss aus den Menschen selber herauskommen dasjenige, was eine soziale Lebensmöglichkeit ist. Also nicht darum handelt es sich, etwas Utopistisches hinzustellen, sondern darum handelt es sich, Gelegenheiten zu charakterisieren, unter denen die Menschen selber, jeder Einzelne, möchte man sagen, denjenigen Einfluss bekommen kann auf die soziale Gestaltung des Lebens, den er vermöge seiner Fähigkeiten, seiner Bedürfnisse haben kann, und der in der notwendigen Weise ins Gewicht fallen muss, damit die lebensmöglichen Zustände entstehen.

Das ist der grundsätzliche Unterschied des Impulses für Dreigliederung des sozialen Organismus von, man darf sagen, allem Übrigen, was ja so reichlich aufgesprossen ist in unserer Zeit, begreiflicherweise aufgesprossen ist aus der tiefen Not dieser Zeit heraus. Aber gerade diese Notwendigkeit, den abstrakt-einheitlich gewordenen sozialen Organismus in seine drei naturgemäßen Glieder so auseinanderzuschälen, damit diese wiederum umso inniger zusammenwirken können, gerade diese prinzipielle Grundlage, sie wird in weiteren Kreisen heute noch wenig verstanden. Und das, meine schr verehrten Anwesenden, kann man auf der einen Seite recht begreiflich finden, auf der anderen Seite muss man es tief bedauern, aus dem Grunde, weil wir ja heute wirklich nicht unbegrenzte Zeit haben, um aus der Not heraus, aus dem Niedergang heraus wiederum zu einem Aufbau zu kommen, sondern weil wir nötig haben, sobald als möglich zur wirklichen Gesinnung in geistiger, in politischer, in wirtschaftlicher Beziehung zu kommen. Aber begreiflich, sagte ich, ist es. Und man muss die Art, wie es begreiflich ist, ins Auge fassen, um vielleicht auch daraus den Weg zum Besseren zu finden.

Ich möchte meinen Ausgangspunkt nehmen von einem Urteil, das in der letzten Zeit gefällt worden ist, nicht, weil es in einem Buche eines Nationalökonomen auftritt, sondern weil es charakteristisch ist, trotzdem es der Einzelne hier äußert, für die Denkweise weitester Kreise - für diejenige Denkweise, die gerade das schärfste Hemmnis ist für ein Eingreifen eines solchen Impulses, wie der der Dreigliederung ist.

Man darf sagen, ein recht lesenswertes Buch hat der Nationalökonom, der Jenenser Professor Fritz Terhalle über freie und gebundene Preisbildung geschrieben. Das Problem der Preisbildung ist ja dasjenige, welches im Mittelpunkt eigentlich des wirtschaftlichen Denkens stehen muss. Es sind namentlich die Preisbildungsprozesse, die während des Krieges stattfanden, welche Terhalle in scharfer Weise kritisiert. Man darf sagen, manches in dieser Schrift ist geradezu glänzend beleuchtend dasjenige, was eigentlich im gegenwärtigen wirtschaftlichen Denken vorliegt. Terhalle fragt, welchen Nutzeffekt, welche Wirkung die verschiedenen Preisregulierungen, die während des Krieges ausgegangen sind vom Staate, welchen Nutzeffekt und welche Wirkungen die gehabt haben. Und ich darf wohl seine vier Punkte, in denen er sein Urteil zusammenfasst, Ihnen mitteilen. Nachdem er in ausführlicher Weise dargestellt hat, wie sich die Wirkungen gezeigt haben, nachdem immer wiederum von amtlichen Stellen Preisregulierungen, Gesetze über die Preise ausgegangen sind — nachdem er diese Wirkungen geprüft hat, sorgfältig geprüft hat, fasst er sein Gesamturteil in folgende vier Punkte zusammen:

[Erstens: Die meiste Zeit war in den interessierten und maßgeblichen Kreisen eine falsche Auffassung von dem überwiegend, was erstrebt werden sollte. Zweitens: Die dadurch, sowie durch die einer Anwendung auf die Praxis und durch die Praxis durchaus widerstrebenden theoretischen Konstruktionen, sowie endlich durch die verschiedenartigste Rechtsprechung bedingte Unsicherheit brachte die beteiligten Erwerbskreise in sehr unerwünschte Verwirrung und Erregung. Drittens: Die Bekämpfung des Preiswuchers gelang auf manchen Gebieten so gut wie gar nicht, insbesondere bei der Urproduktion, auf anderen nur teilweise und da oft in übertriebenem Umfange, so namentlich in manchen Zweigen des Kleinhandels.]

Und ganz besonders charakteristisch ist der vierte Punkt, in dem dieser Nationalökonom sein Urteil zusammenfasst. Er sagt:

Alles das wirkte zusammen, das reelle Geschäft zugunsten des Schiebertums zu schädigen.

Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, so spricht sich ein Mann aus, der ausdrücklich wissenschaftlich sein will, der die entsprechenden Erscheinungen wissenschaftlich untersuchen will. Und dies ist sein wissenschaftliches Urteil über dasjenige, was vom Staate ausgegangen ist zur Preisregulierung während der Zeit der Not.

Aber es liegt noch etwas anderes vor: Dass dieser Nationalökonom nun von seinem wissenschaftlichen Standpunkte, den er den volkswirtschaftlichen nennt - und man sollte glauben, dass es selbstverständlich ist, dass über wirtschaftliche Forderungen vom volkswirtschaftlichen Standpunkte aus geurteilt werden müsse —, er spricht es aus, dass von seinem wissenschaftlichen, volkswirtschaftlichen Standpunkte diese Art und Weise, vom Staate auf das Wirtschaftsleben zu wirken, zu verurteilen ist. Also er nennt diese Erscheinungen, die zutage getreten sind durch diese staatlichen Eingriffe, solche, die er von seinem wissenschaftlichen Standpunkte aus bekämpfen muss. Und dann sagt er etwas ganz außerordentlich Charakteristisches. Er sagt:

Ja, das ist das [wirtschaftliche] Urteil, aber vielleicht ist dieses [wirtschaftliche] Urteil ein solches, das nicht maßgebend sein darf, vielleicht kommt etwas Wichtigeres, etwas Bedeutsameres viel, viel mehr in Frage. Und als solches Wichtigere, Bedeutsamere nennt er die wirtschaftspolitischen Gesichtspunkte, hinter denen zurücktreten müsste dasjenige, was vom wirtschaftlichen Standpunkte aus geltend gemacht werden müsse.

Also wir werden darauf verwiesen, dass man wissen könne, irgendetwas sei volkswirtschaftlich berechtigt, aber der Volkswirtschafter müsse den Mund zumachen, denn dasjenige, was zur Schädigung eventuell von der einen oder anderen Seite herkommt, die vom wirtschaftspolitischen Standpunkte aus urteilt, das muss auf eine höhere Warte gestellt werden.

Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, man kann wohl nicht klarer abdanken für das wirtschaftliche Denken als in dieser Weise. Man kann es nicht klarer aussprechen, dass das wirtschaftliche Denken innerhalb des staatlich-einheitlichen sozialen Organismus nicht zur Geltung kommen kann, wenn diejenigen, die sich fachlich berufen fühlen, dieses Urteil geltend zu machen, sagen: Das ist unsere ehrliche wissenschaftliche Überzeugung, aber sie muss zurückstehen hinter den wirtschaftspolitischen Maßnahmen des Staates. Die sind wichtiger im gegebenen Fall.

Haben wir da nicht durch die Tatsachen des Lebens einen deutlichen Hinweis darauf: Es muss das wirtschaftliche Leben auf seinen eigenen Boden gestellt werden; es ist notwendig, dass innerhalb des sozialen Organismus dieses wirtschaftliche Leben losgelöst werde von demjenigen, was es schädigen muss, wenn es sich über dasselbe stellt.

Derjenige, der heute nicht aus theoretischen Erwägungen heraus, sondern aus der vollen Lebenspraxis heraus solche Dinge beurteilt, der namentlich aus der Lebenspraxis heraus die Ratlosigkeit der Menschen überschaut in diesen Dingen, der kann es mit Händen greifen, wie notwendig es ist, das Wirtschaftsleben auf seine eigene gesunde Basis zu stellen. Und dass dies nur möglich ist, wenn auf der anderen Seite das Geistesleben auf seine eigene Basis gestellt wird, das habe ich hier öfter ausgeführt, und werde es in dem weiteren Verlaufe auch des heutigen Vortrages wiederum zu berühren haben. Ausgehen möchte ich aber noch von einer Bemerkung, die gerade von jener Seite, die ich charakterisiert habe, gemacht wird.

Nachdem in einer solchen Weise gegenüber den gegenwärtigen sozialen Verhältnissen die Ratlosigkeit des wirtschaftlichen Denkens eingestanden worden ist, wird betont, worauf es eigentlich in der Zukunft ankomme. Und da sagt Terhalle:

In der Zukunft kommt es vor allen Dingen darauf an, über die wirtschaftlichen Notwendigkeiten die große Masse des Volkes zu unterrichten, sodass die große Masse des Volkes in die Möglichkeit versetzt werde, wirklich wirtschaftlich zu denken.

Merk würdig, auf der einen Seite wird der alte Einheitsstaat aufgerufen als die höhere Instanz, dann wird die Forderung erhoben nicht nach irgendwelchen schönen wirtschaftlichen Institutionen - das ist ganz gescheit von Terhalle —, aber es wird die Forderung erhoben, dass das Volk über die wirtschaftlichen Zusammenhänge unterrichtet werde. Und wenn man weiterliest, so erstreckt sich diese Kenntnis, die das Volk sich erwerben soll über die wirtschaftlichen Zusammenhänge, sogar über die Konstitution des Marktes und der Marktverhältnisse. Es wird verlangt, dass das Volk aufgeklärt werde, um unter dem Einfluss dieser Aufklärung so sich in den wirtschaftlichen Organismus hineinzustellen, dass dieser wirtschaftliche Organismus gedeihen könne. - Auf der einen Seite also ein merkwürdiges Urteil über die wirtschaftliche Politik, auf der anderen Seite der Appell an die wirtschaftliche Aufklärung des Volkes. Und man merkt deutlich durch, es ist eben als eine Notwendigkeit anerkannt, hier von dem Wirtschaftspolitiker, dem Wirtschaftswissenschafter, dass die wirtschaftlichen Handlungen selbst, dass das ganze wirtschaftliche Gebaren sich ändern soll dadurch, dass die Menschen nicht mehr mit voller Unkenntnis, wie die Preise entstehen, mit voller Unkenntnis der Konstitution des Marktes, der anderen wirtschaftlichen Zusammenhänge, darauf loswirtschaften, sondern dass jeder Einzelne mit wirtschaftlicher Aufklärung handle, diese wirtschaftliche Aufklärung ins unmittelbare Wirtschaften selber hineintrage. In abstracto eine sehr, sehr vernünftige Forderung! Aber eine bedeutsame Frage sprießt heraus aus diesem ganzen Zusammenhang, meine sehr verehrten Anwesenden, und das ist diese: Woher soll denn in der Zukunft diese Aufklärung über wirtschaftliche Notwendigkeiten kommen?

Es ist interessant, dass Terhalle den Sozialisten Richard Calwer zitiert mit Bezug auf einen Gedanken, den derselbe äußert. Der sagt einmal:

Man braucht eine hinreichende, gut begründete Kenntnis der Warenvorräte, um in einer entsprechenden Weise die wirtschaftliche Versorgung betreiben zu können; also um zu entsprechenden wirtschaftlichen Preisbildungen zu kommen. Man braucht Kenntnis der Warenvorräte.

Ja, wie soll sich denn die geltend machen? Woher kann denn die stammen? Und wie kann man mit einer solchen Kenntnis dann der Warenvorräte-und gewiss ist noch manches andere dazu notwendig, um das Volk von wirtschaftlichen Notwendigkeiten zu unterrichten — wie kann man denn mit einer solchen Kenntnis aufklärend auf das Volk wirken?

Sehen Sie, da nagen und kauen gewisse Menschen, möchte ich sagen, an gewissen Fragen, und kommen nicht weiter. Es [sind] dies die Frage[n], welche in einer konkreten, sachgemäßen, praktischen Weise der Impuls für Dreigliederung des sozialen Organismus ins Auge gefasst hat. Der ging aus von dem Wissen, dass durchdringen muss eine gewisse Erkenntnis, eine gewisse Einsicht in die wirtschaftlichen Verhältnisse, in das Wirtschaften selber. Aber er deklamiert nicht, solch eine Aufklärung muss geschaffen werden, ohne Rücksicht darauf, wer sie denn schaffen soll. Er deklamiert auch nicht, dass sie der alte Einheitsstaat schaffen soll. Er weiß auch, dass in einer ganz bestimmten Art diese Aufklärung nicht sein darf, weil eine Aufklärung in der bestimmten Art, woran wahrscheinlich solche Menschen immer denken, gar nichts fruchten würde. Denn nehmen wir an, es würde propagiert der «gescheite» Gedanke - ich sage «gescheit» in Gänsefüßchen natürlich —, Staatskommissäre, Staatsräte oder wie man sie dann heißen will, eben irgendwie sachverständige Räte aufzustellen, welche nach den bekannten heutigen Methoden durch allerlei Statistiken oder dergleichen sich Kenntnis verschaffen würden von der Konstitution der wirtschaftlichen Verhältnisse, und die würden dann auf den Wegen, die heute beliebt sind, unter das Volk treten und Aufklärung schaffen, damit dann das Volk unter dem Einfluss dieser Aufklärung wirtschaftet - was würde erreicht werden? Genau dasselbe würde erreicht werden, meine sehr verehrten Anwesenden, was an zahlreichen Stellen Terhalle tadelt mit Bezug auf die Aufklärung, die während der Kriegszeit immer von den Behörden geschaffen worden ist. Viele Stellen gibt es in seinem sehr interessanten Buche, in denen er aufmerksam macht, wie [von] allen] möglichen Stellen schnell hintereinander alle möglichen Aufklärungen, mehr als Beruhigungsmittel allerdings, in der aufgeregten Zeit unter das Volk geworfen wurden. Aber er konstatiert das nicht nur aus dem Grund, der ja allerdings auch vorlag, dass die Leute mit solchen Aufklärungen so überschwemmt wurden, dass sie sie überhaupt nicht berücksichtigten, sondern auch noch aus dem anderen Grund, dass solche Dinge überhaupt nicht wirken, wenn sie in dieser Weise unter das Volk gebracht werden. Warum wirken sie nicht? Aus dem einfachen Grunde, weil solche Aufklärungen lediglich zu dem menschlichen Verstand sprechen, lediglich zum menschlichen Intellekt sprechen, weil man solche Aufklärung mit dem Kopf erfassen muss. Und dann, dann muss man sich nach dem, was man vernünftig gefunden hat, man müsste sich nach dem nun halten. Man müsste sich immer sagen: Du musst das Vernünftige tun!

Das ist nicht die Art, wie man wirtschaftliche Aufklärung verbreiten kann. O nein. So wollen wirtschaftliche Aufklärung verbreiten abstrakte Theoretiker, die nicht nach dem Leben urteilen, sondern nach ihren Vorstellungen vom Leben; man könnte auch sagen, nach ihren Illusionen vom Leben. Derjenige, der weiß, wie das Leben ist, der kennt eine andere Art der Aufklärung: diejenige Aufklärung, die auf dem Vertrauen aufgebaut ist zwischen dem Aufklärenden und demjenigen, der aufgeklärt werden soll. Diejenige Aufklärung, die auch nicht in allgemeinen Redensarten redet, sondern im Einzelnen, Konkreten, das gerade vorliegt nach den wirtschaftlichen Bedürfnissen oder wirtschaftlichen Verhältnissen, mit der Tat zugleich aufklärend wirkt. Mit anderen Worten: Diejenigen, die miteinander wirtschaften, sie müssen so zusammengeschlossen sein, dass einfach, indem sie sich begegnen in der wirtschaftlichen Tat, der eine auf den anderen aufklärend wirkt. Der eine kennt mehr die Verhältnisse des Konsums auf einem Gebiet, der andere mehr die Verhältnisse der Produktion auf einem anderen Gebiet, je nachdem er in den einen oder anderen Zweig des Wirtschaftslebens eingelebt ist. Wenn man aus dem Leben weiß: Der steht dort drinnen -, wenn man andere konkrete Lebensverbindungen mit ihm hat, dann hat man Vertrauen zu ihm, dann glaubt man ihm dasjenige, was er sagt. Und wiederum er, er kommt einem mit Bezug auf dasjenige, was man selber zu sagen, was er nicht wissen kann, entgegen. Und während man in dieser Weise sich verständigt, vollziehen sich gerade die wirtschaftlichen Handlungen. Es fallen nicht auseinander wirtschaftliche Aufklärung und das Wirtschaften selber, sondern, indem man wirtschaftet in einem Vertrauenskreise, wo Produzenten und Konsumenten, je nach den verschiedenen Verhältnissen, zusammengezogen sind, indem man in einem solchen Vertrauenskreise verhandelt, wirtschaftlich verhandelt, klärt man sich auf. Man klärt sich auf innerhalb dieses Kreises. Man klärt sich an den Tatsachen selber auf. Es wird die Aufklärung in das Leben hereingezogen. Es wird nicht die Aufklärung als etwas behandelt, das man von außen in das Volk hineingießt. Denn, meine sehr verehrten Anwesenden, dann kann im Wirtschaften auch soziales Ethos sein, soziale Sittlichkeit sein, weil dasjenige, was von Mensch zu Mensch verhandelt wird und in der Verhandlung getan wird, getragen ist von gegenseitigem Vertrauen, von einem solchen Vertrauen, welches in seiner Potenzierung schon genannt werden darf wirkliche wirtschaftliche Brüderlichkeit.

Und dies, meine sehr verehrten Anwesenden, dies ist das assoziative Prinzip. Das assoziative Prinzip besteht in nichts anderem als darin, dass die Menschen, die in irgendeiner Weise wirtschaftlich miteinander zu tun haben, sich eben zusammenschließen, assoziieren, dass sich die Assoziationen wieder weiterassoziieren. Dadurch kommt dasjenige heraus, was notwendig ist zur Aufrechterhaltung der Wirtschaft. Dadurch kommt auch dasjenige heraus, wodurch wirkt im Wirtschaften selber die unmittelbare Kenntnis des Wirtschaftslebens.

Überall können Sie sehen, dass aus dem Leben selbst heraus dasjenige geholt wird, was der Dreigliederung zugrunde liegt. Nur dass dieses Leben nicht angeschaut wird nach vertrauten Illusionen und illusionistischen Theorien, sondern so, dass man auf die Menschen hinschaut, auf die Empfindungen, die Gefühle der Menschen hinschaut, dass man vor allen Dingen sich fragt: Wie gewinnen die Menschen Vertrauen zueinander? Man stelle sich vor, was es bedeuten würde, wenn aus solchem Vertrauensverhältnis heraus die Preisregulierungen entstehen würden, statt dass sie diktiert werden von außen, bestimmt werden von außen. Es soll deshalb durchaus nicht irgendwie gesagt werden: So und so muss man es machen, um einen gerechten Preis herauszubekommen. Sondern es soll auf die Tatsachen hingewiesen werden, dass, wenn solche Assoziationen bestehen, und die sich mit der Preisbildung befassen, dann werden die entsprechenden Preise aus einem solchen real erfassten Wirtschaftsleben heraus sich bilden. Es wird nicht gesagt, man solle es so oder so machen, sondern es wird gesagt: So und so sollen sich die Menschen zusammenschließen, damit aus diesem Zusammenschluss heraus die Sachen entstehen, die notwendig sind, und so die anderen wirtschaftlichen Institutionen, die anderen wirtschaftlichen Maßnahmen.

Das ist das Reale im Denken über die Dreigliederung des sozialen Organismus. Und ich habe ja auch öfter darauf aufmerksam gemacht, möchte es hier nur kurz wiederholen, dass das Wirtschaftsleben seine eigenen Gesetze hat. Die Größe der Assoziationen ergibt sich aus den wirtschaftlichen Verhältnissen eines Territoriums heraus von selbst. Zu kleine Assoziationen würden zu kostspielig arbeiten, zu große Assoziationen würden unübersichtlich sein. Ich habe das in der neuen Vorrede zu meinen «Kernpunkten» genauer ausgeführt. Alle Einwände, die gerade gegen das assoziative Prinzip gemacht werden, zerfallen in nichts, wenn man eben die realen Verhältnisse betrachtet. Dieses assoziative Prinzip, es wird allein imstande sein, den weltgeschichtlichen Forderungen des sozialen Lebens in entsprechender Weise entgegenzukommen, diese weltgeschichtlichen Forderungen des sozialen Lebens zu erfüllen. Und worin sprechen sich denn diese weltgeschichtlichen Forderungen des sozialen Lebens aus?

Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, der wirtschaftliche Teil des sozialen Lebens ist eigentlich im Grunde genommen erst in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts dasjenige geworden, als das er uns entgegentritt. Erst aus dem, was aus dem wirtschaftlichen Körper der zivilisierten Menschheit in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts geworden ist und bis in unsere Tage herein geblieben ist, erst aus dem konnte dasjenige, was doch die hauptsächliche Grundlage unserer Weltkriegskatastrophe ist, die wirtschaftliche Verwirrung von der Mitte des zweiten Jahrzehnts des zwanzigsten Jahrhunderts entstehen. Wie ist sie entstanden? Wir können sagen: Wenn wir die unmittelbar vorhergehende Signatur der Wirtschaft der zivilisierten Menschheit nehmen, so hat sich aus früheren Formen des menschlichen Zusammenlebens allmählich dasjenige herausgebildet, was wir nennen können das Welthandelsprinzip. Von einem Welthandelsprinzip können wir auch schon im achtzehnten Jahrhundert, mehr noch in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts sprechen, aber dasjenige, was dann entstanden ist aus dem Welthandelsprinzip im wirtschaftlichen Leben, das ist die Weltwirtschaft. Und etwas anderes als der bloße Welthandel und dasjenige, was er in sich schließt, ist die Weltwirtschaft. Weltwirtschaft liegt erst in dem Augenblick vor, wo verschiedene Staaten ihre Produktion so austauschen, dass dasjenige, was der eine als Rohprodukte gewinnt, der andere in der Industrie verarbeitet; dass also eine wirtschaftliche Produktionsgemeinschaft zwischen verschiedenen staatlichen Gebieten entsteht. Vorher war es doch im Wesentlichen - natürlich immer im Wesentlichen - so, dass die Staaten abgeschlossene Nationalwirtschaften hatten, dass sie ihre Überschüsse verhandelten nach außen, dasjenige, was sie nicht selbst erzeugen konnten, von außen bezogen. Aber dass sich ausdehnte über das Gebiet der ganzen zivilisierten Menschheit ein gemeinsames Arbeiten, wie es insbesondere hervorgerufen wurde durch die Baumwollindustrie - das charakteristische Beispiel für dasjenige, was die Weltwirtschaft geschaffen hat -, das ist eigentlich erst ein Ergebnis der allerneuesten Zeit. Und man darf nun nicht glauben, dass dasjenige, was so als Weltwirtschaft charakterisiert werden kann und was eine weitgehende Abhängigkeit der einzelnen Nationalwirtschaften voneinander begründete, dass das etwa nur so wie eine Wolke über der Menschheit schwebt.

© nein, meine sehr verehrten Anwesenden, dasjenige, was sich da als Weltwirtschaft abspielt, in jeden einzelnen Haushalt wirkt es hinein. Jeder einzelne Mensch stand endlich unter der Einwirkung dieser Weltwirtschaft. Für diese Weltwirtschaft waren aber die früheren Gemeinschaften, die auf etwas ganz anderes hinzielten, die Einheitsstaaten, einfach zu klein. Sie waren auch in ihrer Konstitution so, dass sie nicht eingestellt waren auf dieses gegenseitige Abhängigsein in der Weltwirtschaft. Kurz, die Verbände, die von früher bestanden, die aus der Hauswirtschaft heraufkamen in die Städtewirtschaft, dann in die Staatswirtschaft, die wurden zu klein. Das Wirtschaftsleben sprengte dasjenige, was diese Verbände leisten konnten. Und schließlich, derjenige, der nicht an der Oberfläche die Erscheinungen betrachtet, sondern der mit aller Gründlichkeit studiert, welches namentlich zwischen Mitteleuropa und den westlichen Gebieten der zivilisierten Welt die Kriegsursachen waren, der weiß, dass sie aus diesem Sprengen der nationalen Grenzen durch die Weltwirtschaft gekommen sind. Und wenn man die Sache so betrachtet, muss man ernstlich die Frage aufwerfen: Wodurch kann denn geheilt werden dasjenige, was durch die Weltwirtschaft, die ja einfach eine historische Notwendigkeit ist - wegen der Ausbreitung der Verkehrsverhältnisse, wegen der Möglichkeit, mit der sie vollführt werden kann, ist einfach die Weltwirtschaft eine Notwendigkeit —, wodurch kann dasjenige, was sie ungesund gemacht hat, wiederum gesund werden? Allein dadurch, dass man sieht: Diese Wirtschaft und ihre Einrichtungen, die aus ihr heraus entstanden sind, dass man die Seelenverfassung, das ganze Ethos der Menschen auch frägt, welche innerhalb dieser Weltwirtschaft wirken, wie man aus dieser Weltwirtschaft heraus selber zu einer Gestaltung des Wirtschaftslebens kommen könne. Darauf gibt eben der Impuls für Dreigliederung des sozialen Organismus die Antwort: Diejenige Art des Zusammenarbeitens innerhalb der Weltwirtschaft, die aus dieser heraus selbst folgt, nicht aus den alten Institutionen, das ist das assoziative Prinzip im Wirtschaftsleben. Nachdem sich die alten Verbände, die von etwas anderem herkamen, die mit der alten Form des Wirtschaftslebens zurechtkamen, ad absurdum geführt haben, muss sich die Wirtschaft selber ihre Verbände geben. Und diese Verbände, wie ich sie heute mehr ethisch, sonst mehr wirtschaftlich geschildert habe, wie sie auch deutlich charakterisiert sind in meinem Buche «Die Kernpunkte der sozialen Frage», diese Assoziationen, wie sie hervorgehen aus dem Wirtschaftsleben selbst, die fordert die Idee von der Dreigliederung des sozialen Organismus. Und diese Assoziationen können in jedem Augenblick, ohne zu einer Utopie ihre Zuflucht zu nehmen, geschaffen werden, wenn einfach die wirtschaftenden Menschen sich auf sich selbst besinnen und dadurch herbeiführen die Emanzipation des Wirtschaftslebens. Wenn Assoziationen entstehen, sie werden zunächst natürlich nur dasjenige verrichten können, was ihnen die Außenwelt frei lässt, aber sie werden sich bewähren in demjenigen, was sie tun, und dann wird man sie auch gewähren lassen müssen, denn sie werden sich für die Wirtschaft fruchtbar erweisen.

Aber, meine sehr verehrten Anwesenden, wenn man so überblickt, wie aus der modernen Gestaltung des weltwirtschaftlichen Lebens sich die Notwendigkeit der Assoziationen ergibt, dann muss man auf der anderen Seite sich fragen: Wodurch kann denn dasjenige herbeigeführt werden, was wirken muss in den Menschen, die sich assoziieren? Diejenigen Menschen, die in Assoziationen wirken wollen, die auf Vertrauen gebaut sind, sie müssen Vertrauen erwecken können. Das heißt: Man muss als Mensch in die Welt sich so hineinstellen können, dass einfach aus der ganzen menschlichen Seelenstimmung, aus der ganzen menschlichen Seelenverfassung dieses Vertrauen innerhalb der Assoziationen wirken könne. Mit anderen Worten: Man braucht nicht bloß wirtschaftlich orientierte Assoziationen, man braucht in den Assoziationen den sozial wirkenden Menschen, denjenigen Menschen, dessen soziales Wirken von sittlichen Prinzipien, von geistigen Gesichtspunkten durchzogen ist. Deshalb ist es, dass eine Besserung im Wirtschaftsleben gar nicht zu denken ist, ohne dass zu gleicher Zeit eine Metamorphose des geistigen Lebens selber eintritt. Denn warum denken denn heute, man möchte sagen, in einer ganz begreiflichen Weise die Menschen, man könne das Volk aufklären, wenn man einfach irgendeine Aufklärung von oben herunter über das Volk gießt? Warum denken die Menschen so? Weil sie sich allmählich unter der geistigen Entwicklung der letzten Jahrhunderte daran gewöhnt haben, dass alles, was irgendwie vernünftig gedacht ist, nur auf den Intellekt des Menschen wirken muss, nur den Intellekt des Menschen ergreifen müsse. Um in diesem Punkte das Richtige zu zeigen, habe ich gerade in den Vorträgen, die diesem vorangegangen sind, in dem von dieser Woche, aber auch schon in früheren Vorträgen, darauf hingewiesen, welches das Bedeutsamste Charakteristikon der Geisteswissenschaft ist.

Das bedeutsamste Charakteristikon der hier gemeinten anthroposophischen Geisteswissenschaft ist das, dass sie aus solchen tiefen Untergründen der menschlichen Natur und Wesenheit herausgeholt ist, dass sie auch wiederum, indem sie sich ausbreitet, auf den ganzen Menschen wirken muss, wenn dieser ganze Mensch selber so erzogen ist, dass er sich ihr öffnet. Ein Wirken auf den ganzen Menschen und ein Wirken aus dem ganzen Menschen — das ist dasjenige, was der Geisteswissenschaft eignet. Und das brauchen wir auf der anderen Seite. Wir können das wirtschaftliche Leben nicht hinaufbringen, wenn wir nicht Menschen haben, die ordentlich mit beiden Füßen auf dieser Erde stehen und die aus dem Geistesleben heraus diejenige Seelennahrung auch bekommen, durch die sie mit beiden Füßen auf dieser Erde stehen. Dass diese Seelennahrung heute einfach dadurch erhalten werden könne, dass man die gebräuchliche Bildung, wie sie gepflegt wird unter den Dächern unserer Schule, in VolksbildungsVereinen, in Volksbibliotheken, Volkshochschulen weiterverbreitet, das ist ja eine heute geläufige Meinung.

Aber sehen wir uns einmal an, an einem Beispiele - man muss ja immer die Sache im Konkreten anschauen -, wie die heutige Geistesbildung wirkt gerade da, wo sie auf das menschliche Gemüt wirken soll, wo sie ergreifen will vor allen Dingen den sittlichen, den geistigen Inhalt des Menschen. Die Anthroposophie wird in Grund und Boden gebohrt von dem neulich erwähnten Lizenziaten der Theologie, Kurt Leese, der Pfarrer ist; es steht auf dem Titelblatt, ich kenne den Mann nicht weiter, ich kenne nur das Buch. Er ist also Pfarrer. Er ist [also] eine derjenigen Persönlichkeiten, von der man doch voraussetzen müsste innerhalb eines gesunden sozialen Organismus, dass, wenn er spricht, aus seinen Worten etwas erklingt, was sich hineinergießt in die Seelen so, dass die Seelen in sich aufsprießen fühlen dasjenige, was an sittlichen, an geistigen, an seelischen Impulsen in ihnen ist. Dass die Menschen, die dieses geistige Leben empfangen, fühlend werden desjenigen, was ihnen eigentlich der Mensch ist, was der Mensch innerhalb der Weltenordnung ist, die er um sich sieht in den Sternen, den Wolken, in Blitz und Donner, in der Aufeinanderfolge der irdischen und weltgeschichtlichen Ereignisse. Man bedenke doch, was es heißt für das menschliche Empfinden, das menschliche Gemüt, wenn man sich sagen kann, aus dem geistigen Leben heraus sich sagen kann: Ich bin nicht nur ein verlassenes Kind in einem physischen Leibe, sondern ich bin etwas, was herausgeboren ist aus dem ganzen physischen und seelischen und geistigen Weltenall. Ich gehöre dem Weltenall an, insofern dieses Weltenall ewig ist. Man fühle, was innerlich in der Seele sich erkraftet, wenn der Mensch sich also im Kosmos drinnen fühlt. Das geht bis in die Kräfte des Blutes, das gibt die Kraft zum Handeln im Leben; das durchdringt und durchgeistigt den Willen, wenn der Mensch weiß, was er als Mensch im Weltenall ist. Das aber sollte ihm durch die Pflege des geistigen Lebens werden. Anthroposophie versucht ein solches Geistesleben den Menschen zu geben. Was aber sagt der Pfarrer, Lizenziat der Theologie Kurt Leese? Er sagt:

Was soll alles Reden vom Gottesdienst des Erkennens, von Lebensrätseln und ihrer Lösung? Was soll aller Aufschwung der Erkenntnis in Urweltengründe und Urweltfernen, wenn die Anthroposophie

  • hier steht: «Theosophie» —

nichts zu sagen vermag, warum es besser ist, ein Ich als ein Nicht-Ich zu sein. Und warum denn eigentlich sind sieben Weltalter notwendig?

Und dann sagt dieser Pfarrer und Lizenziat der Theologie: Das weiß eben der Anthroposoph ebenso wenig, wie wir es wissen, da hält er sich auch an die bloße Tatsächlichkeit.

Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, da findet sich der Vertreter des gegenwärtigen Geisteslebens, und da spricht nicht der Einzige, der Einzelne kann nur als ein Exemplar angeführt werden, da sprechen Tausende und Abertausende, im Namen des Geisteslebens sprechen sie. Sie sprechen: Man könne ja doch nicht dahin gelangen, zu diesem, warum es besser ist, ein Ich als ein Nicht-Ich zu sein, das heißt zu sein im ewig Unbewussten des äußeren Naturdaseins.

Demgegenüber betont anthroposophische Geisteswissenschaft — das mag als Ergebnis so mancher Vorträge, die ich hier gehalten habe, hervorgehen -, da betont anthroposophische Geisteswissenschaft, was es heißt, sich bewusst zu werden, wie man in diesem Weltenall drinnensteht. Nehmen wir nur einmal unseren Ausgangspunkt zum Vergleich vom alltäglichen Leben. Wir Menschen im alltäglichen Leben, wir haben gewisse Erlebnisse durchgemacht seit dem Zeitpunkt, bis zu dem wir uns in unserer kleinsten Kindheit zurückerinnern. Mit diesen Erlebnissen fühlen wir uns verbunden. Diese Erlebnisse tauchen freundlich oder schmerzlich in unserer Erinnerung auf. Aber dasjenige, was wir da heraufbringen, sind wir im Grunde selber. Wir fühlen uns verschmolzen mit demjenigen, was wir in Leid und Freude durchgemacht haben und woran wir uns erinnern können. Wir sind uns bewusst, dass wir das sind, was als Schmerz und Freude an uns vorübergegangen und dann durch das Vorübergehen in unsere Seele hineingezogen ist. So werden wir im gewöhnlichen Leben nur etwas dadurch als kleiner Mensch zunächst, dass wir uns in Zusammenhang bringen mit demjenigen, womit wir zusammenhängen seit unserer Geburt, was an uns herangetreten ist, was gewissermaßen zu uns selber gehört. - Was tut Anthroposophie? Sie erweitert gewissermaßen dieses Zusammengehörigkeitsgefühl des Menschen mit der Umgebung über die ganze Welt, die in sein Bewusstsein hineintreten kann. Wie in sich sonst der Mensch nur fühlt als eins mit seinen persönlichen Erlebnissen, so macht ihn die Anthroposophie aufmerksam, wie er zusammenhängt in seinem Wesen mit dem ganzen Wesen der ihm wahrnehmbaren, von ihm erlebbaren Welt. Ausgedehnt wird das kleine Persönlichkeitsbewusstsein zum Weltenbewusstsein. Zusammen wachsen wir mit allem geschichtlichen Werden der Menschheit, indem wir erkennen, wie wir immer wieder und wiederum selber drinnen sind. Wir werden eins mit der Welt. Und in demselben Maße, in dem sich ausdehnt dieses Bewusstsein über die Welt, dieses Bewusstsein, das wir sonst durch unsere natürliche Entwicklung haben mit unseren Erlebnissen in Leid und Freude, dieses Bewusstsein, wodurch wir Teilnehmer werden auch an dem Leid und der Freude der ganzen Welt, indem wir uns als Mensch als ein Glied der ganzen Welt fühlen, in demselben Maße, in dem sich dieses Bewusstsein erweitert, in demselben Maße wächst unser Bewusstsein von unserer Menschenwesenheit, in demselben Maße werden wir stärker in diesem Bewusstsein, wächst unsere innere sittliche Kraft, weil wir wissen - obzwar auch durchaus, und das ist recht, unser Verantwortlichkeitsgefühl wächst -, es wächst etwas in uns heran, wodurch wir wissen, innerhalb der Welt Mensch zu sein; wodurch wir wissen, was es heißt, ein Ich zu sein und nicht ein Nicht-Ich.

Dieses Bewusstsein von dem, was der Mensch ist, von dem, was er ist im Verhältnis zur Welt und zum ganzen Dasein, dieses Bewusstsein, das, wie wir schen, wie wir es an solchen Beispielen handgreiflich haben, der Welt im gegenwärtigen Geistesleben verloren gegangen ist, dieses Bewusstsein will Geisteswissenschaft wiederum unter die Menschen bringen. Und in demselben Maße, in dem dieses Bewusstsein aus der Geisterkenntnis heraus, die vermittelt werden soll nicht als ein abstraktes Wissen, sondern als ein erlebtes Wissen, aus dem ganzen Menschen herausquillt, in demselben Maße wird wachsen unsere sittliche, unsere geistige Kraft. Und das, was da in uns erwächst, das wächst hinein in die wirtschaftlichen Assoziationen, das wird sich geltend machen als die Grundlage des Entgegentretens von Mensch zu Mensch, des Vertrauens, das wir brauchen.

Das, meine sehr verehrten Anwesenden, muss gesagt werden, wenn geschildert werden soll, wie die Geisterkenntnis hintreten muss neben die wirtschaftlichen Forderungen. Denn diejenige Geisterkenntnis, die wir haben, die spricht sich heute so aus, dass es ihr etwas Gleichgültiges ist, ob man weiß, warum man ein Ich oder ein Nicht-Ich ist. Wir brauchen auf dem Gebiet der Geisterkenntnis eine Erneuerung. Und diese Erneuerung, sie führt uns noch zu etwas ganz anderem, was auch schon angedeutet wurde in diesen oder jenen Vorträgen, die ich gehalten habe, was immer kühn erscheint, wenn man es ausspricht, was aber durchaus ein Ergebnis dieser Geisteswissenschaft ist, so sicher, wie nur irgendein wissenschaftliches Ergebnis sein kann.

Nehmen wir dasjenige, was aus der Weltanschauung, die heute die gewohnte ist, folgt. Da blickt man zurück in eine urferne Vergangenheit unseres Weltensystems, in der sich etwa aus irgendeinem Weltennebel heraus erhoben hat dasjenige, was die Welt ist, in der wir leben. Sonne und Planeten, sie haben sich in einer gewissen Weise nach äußerlichen Naturkräften herausgebildet aus diesem Nebel. Wir leben auf dieser Erde als einsamer Mensch, der in seiner Seele aufsprießen fühlt die sittlichen Ideale, die die letzten Impulse auch seines sozialen Handelns bedeuten. Er steht da mit seinen sittlichen Idealen, die seine eigentliche seelische Nervenkraft als Mensch im Grunde ausmachen; mit denen steht er da, von denen weiß er, dass er ohne sie nicht im vollen Sinne des Wortes Mensch sein kann.

Dann aber wiederum blickt er hin auf dasjenige, was nach der gebräuchlichen Weltanschauung das Ende sein kann dieses unseres Planetensystems mit unserer Sonne und unserer Erde. Dasjenige, was da geschieht in unserer Außenwelt, es fragt nicht nach unseren Idealen, nach unseren sittlichen und geistigen Impulsen. Das verläuft nach äußeren Naturgesetzen und kommt in einem Endzustand an, der eine Art Erstarrung bedeutet, ob Erstarrung in Wärme oder Kälte, das ist gleichgültig; das ist dann der Leichenplatz zugleich, der große Friedhof für alle sittlichen Ideale; die sind als Illusionen aufgetaucht in der Mitte dieses Weltenwerdens, die haben dem Menschen ein illusionäres Bewusstsein von seiner Menschenwürde gegeben, die werden mit dem Planetensystem selber zu [Grabe] getragen.

Dass sich viele Menschen das nicht gestehen, dass es so ist, das ändert ja nichts daran, dass aus dem gegenwärtigen Weltenbilde unbewusst das mit in die Empfindungen hineinfließt. Und im Grunde genommen ist es auch ein solcher Ausspruch, wie, dass man ja doch nicht darauf kommen könne, warum es besser sei, ein Ich als ein Nicht-Ich zu sein, der hervorquillt aus jener trostlosen Empfindung, die man haben muss, wenn man dieses nur nach natürlichen Kräften sich abspielende Weltgeschehen erblickt, in der Mitte drinnen die geistigen, sittlichen Illusionen der Menschheit, die dem Menschen ein illusionäres Bewusstsein von seiner Menschenwürde geben, das er aber einstmals mit der ganzen Menschheit zu [Grabe] zu tragen hat.

Dem steht gegenüber, wenn auch heute noch so viele Vorurteile dagegen sprechen, die Anschauung der Geisteswissenschaft. Ich habe sie schon öfter hier einzeln ausgeführt und will sie heute nur kurz schildern. Die Geisteswissenschaft schaut auch hin auf das äußerliche Weltengeschehen, aus dem der Mensch als physisches Wesen heraus entsprungen ist. Dann aber erkennt sie, dass dieses Weltengeschehen, das den Naturgesetzen unterliegt, so ist im ganzen, zu uns gehörigen Weltall, dem relativen Weltall selbstverständlich, wie die Pflanze, welche in Blättern sprießt, zur Blüte wird, die Fruchtumhüllung entwickelt bis zum Keim im Innern. Dasjenige, was da bis zur Keimentwicklung entsteht in der Pflanze, was da Umhüllung ist, das vergeht; der Keim geht hinüber, und aus ihm entsteht das neue Pflanzenleben. Es muss das alte Umhüllende vergehen, damit das neue Pflanzenleben entsteht aus dem Keim.

Anthroposophie zeigt, dass alles dasjenige, was an uns leiblich ist, als zugehörig der äußeren physischen Welt zu solch Vergänglichem des Weltenalls gehört, dass aber ein Keim lebt. Dass ein Keim lebt in dem Menschenwesen, das ist das Geistige, das Sittliche der Impulse, das da drinnen lebt. Das sind unsere sittlichen Ideale, die sind eine noch junge Welt. Wie um den Pflanzenkeim herum die Hüllen vertrocknen und fallen, so werden fallen die sichtbaren Sterne, die sichtbaren äußeren Gegenstände der drei Naturreiche. Sie fallen dahin. Dasjenige, was der Keim der Zukunft ist, liegt in unserem sittlichen Seeleninhalte. Aus dem entsteht die Welt der Zukunft. Dasjenige, was wir heute tun, was wir heute wollen, das wird reale, äußerlich wiederum wahrnehmbare Weltgestaltung.

Es wächst allerdings das Verantwortlichkeitsgefühl ins Große, wenn man sich dessen bewusst wird, dass dasjenige, was wir heute in unseren moralischen Absichten haben, einstmals so der Welt wahrnehmbar werden wird, wie uns heute die Sterne wahrnehmbar sind. Aber man versteht manches Wort, das in den religiösen Urkunden ahnend gesagt worden ist, nur dann, wenn man sich dessen bewusst ist, was so aus einer wirklichen Geisterkenntnis herausfließt. Man muss immer mit erhobenen Gefühlen sich erinnern, dass einstmals ausgesprochen wurde in einer besonders paradigmatischen Weise, wie das, was im Menschen als Ideale lebt und sich in Worte ergießt, der schöpferische [Keim] für Zukunftswelten ist, denen nicht diejenigen beigegeben sein werden, die jetzt als äußerliche Natur da sind; die werden nicht mehr da sein dann, wenn neue Welten aus unseren sittlichen Idealen entstanden sind. «Himmel und Erde werden vergehen», so sprach der Begründer des Christentums, «aber meine Worte werden nicht vergehen.» Das heißt: Sie werden Welten sein, wenn die Welt der Himmel und der Erde, die man jetzt mit Augen sieht, vergangen sein wird.

Das ist die Vorausnahme einer geisteswissenschaftlichen Wahrheit, meine sehr verehrten Anwesenden. Und wenn wir so zusammenhängen mit dem Weltenwerden durch unsere sittlichen Ideale, dann wächst auch dadurch das Bewusstsein von unserem wahren Wesen als Menschen. Wiederum haben wir aus der Geisteswissenschaft selber zu schöpfen moralische Kräfte, die dann übergehen in soziale Kräfte.

Geisteswissenschaft theoretisiert nicht bloß, Geisteswissenschaft stellt nicht bloß abstrakte Lehren hin, Geisteswissenschaft stellt etwas hin in die Welt, was Kraft wird in der menschlichen Seele. Und Kraft, meine sehr verehrten Anwesenden, brauchen wir, wenn wir soziale Menschen werden wollen. Denn kraftvolle, moralisch-soziale Menschen müssen sich hineinstellen in die Assoziationen. Darum handelt es sich.

In dem, was ich eben gesagt habe, ist allerdings etwas ausgesprochen, was für den heutigen Wissenschafter als etwas sehr Laienhaftes, etwas sehr Dilettantisches vielleicht erscheint. Darum wurde ich auch belehrt, als ich jüngst dasselbe ausgesprochen habe in Zürich, von einem Zürcher Privatdozenten, dass ich auf diesen und anderen Gebieten meine Ideen «verdingliche», wie er sagte. Nun, er spricht von diesem Verdinglichen so, wie wenn ich sprechen würde von Ideen als Realitäten. Er hat natürlich keine Ahnung, wie die Dinge gemeint sind. Er spricht von diesem Verdinglichen sehr wegwerfend und sagt, dass ich ja sogar behauptet hätte:

In seinen zwei Vorträgen sagt Steiner wörtlich:

  • er sagt ausdrücklich wörtlich, und nun will er Worte zitieren, weil ihm das als etwas Ungeheuerliches erscheint -, ich hätte es im Verdinglichen so weit gebracht, dass ich gesagt hätte:

«Die anthroposophische Geisteswissenschaft erkennt das Sittliche als ein ebenso Reales wie das Physische. In unserem sittlichen Leben erkennt sie unzerstörbare Keime für werdende spätere Welten.»

Sehen Sie, dieser Beherrscher der gegenwärtigen Wissenschaft zeiht einen des logischen Fehlers, dass man Ideen verdingliche, wenn man aus dem Untergrund wirklicher geistiger Forschung heraus die Wahrheit hinstellt, dass sich, allerdings nicht durch logischen Irrtum, sondern durch die großen, für die Menschheit sehr aussichtsvollen Weltenvorgänge, die sittlichen Ideen, die wir in uns tragen, selber verdinglichen, zu Dingen, zu Realitäten werden. Man wird heute schon getadelt, wenn man es wagt zu behaupten - dann wird das in Gänsefüßchen gesetzt -: Die anthroposophische Geisteswissenschaft erkennt das sittliche Leben als einen unzerstörbaren Keim für werdende spätere Welten, für alles Physische. - Das darf man nicht vom Gesichtspunkte heutiger, richtiger Universitätsphilosophien, da wird man gescholten als einer, der von der Welt nichts versteht.

Denn derjenige, der von der Welt etwas versteht, kann nach der Ansicht dieser Leute nicht anders urteilen, als dass da draußen nach den realen Gesetzen die Welt aus einem Nebel entstanden ist, dass sie nach bloß äußeren physischen Gesetzen verläuft und als Schlacke in die Sonne zurückfällt, während sich die nicht verdinglichten, sondern bloßen Ideen gleichenden sittlichen Impulse begraben lassen müssen auf dem gleichen Weltenkirchhof.

Aber, meine sehr verehrten Anwesenden, soll das wirtschaftliche Leben gesunden, soll mit den wirtschaftlichen Forderungen Ernst gemacht werden, dann kann das nicht geschehen, ohne dass man zu

gleicher Zeit die Geist-Erkenntnis, welche das sittliche und damit auch zugleich das Leben in religiöser Inbrunst, neben dieses Wirtschaftliche hinstellt. Denn aus den wirtschaftlichen Assoziationen wird die lebendige Einsicht entstehen, die die anderen auch fordern, von der sie nur nicht wissen, wo sie herkommen soll. Und aus demjenigen, was Geist-Erkenntnis ist, wird das soziale Ethos, die sozialethische Kraft kommen, um diese Einsichten zur Realität zu bringen. Das ist dasjenige, worauf man hinschauen muss, wenn man heute von wirtschaftlichen Forderungen spricht. Man darf gar nicht im Ernst von ihnen sprechen, ohne zu gleicher Zeit hinzustellen dasjenige, was dem Menschen die Kraft geben kann, diese wirtschaftlichen Forderungen auch zu erfüllen.

Aber, meine sehr verehrten Anwesenden, warum ist es denn dazu gekommen, dass heute die Leute aus dem Geistesleben heraus schon sagen, man könne ja gar nicht etwas wissen darüber, warum es besser sei, ein Ich als ein Nicht-Ich zu sein? Wenn es auch unangenehm ist, das zu sagen, es muss gesagt werden: Derjenige, welcher den Antrieb für sein geistiges Wirken nur aus dem hat, was die Wirtschaft allein, was der Staat geben können, die den einzelnen Menschen an einen bestimmten Platz hinstellen, derjenige, der diesem Antrieb unterliegen muss, weil das eben in unserer jetzigen Ordnung eine Lebensnotwendigkeit geworden ist, der, er mag als Einzelner noch so stark Idealist sein, sogar ein Geistgläubiger sein, er kommt aber immer mehr und mehr dahin, den Geist nur zu einem bloßen Anhängsel des Lebens zu gestalten. Dann ist eben die letzte Konsequenz diese, welche in weitesten Kreisen unserer Sozialisten als eine herrschende geworden ist, dass das geistige Leben nur eine Ideologie ist, etwas ist, was gleichsam als Dunst und Nebel aufsteigt aus der einzigen Wirklichkeit, der äußerlichen, materiellen, wirtschaftlichen Wirklichkeit.

Dass in den weiteren sozialistischen Kreisen diese Anschauung heute herrscht, dass diese Anschauung in diesen Kreisen auch die Empfindungen, Gefühle und Willensimpulse beherrscht, das rührt nur davon her, dass die herrschenden, leitenden Kreise durch Jahrhunderte hindurch den unmittelbaren Zusammenhang mit der wirklichen geistigen Welt verloren haben; mit derjenigen geistigen Welt, wo wir nicht reden bloß von dem Geiste als von einer Summe von abstrakten Begriffen, sondern als von einer Wirklichkeit, wie wir von der physisch-sinnlichen Wirklichkeit reden. Dieses Geistesleben, das den Geist in seiner Wirklichkeit erkennt, das muss sich frei und unabhängig, emanzipiert vom Staats- und Wirtschaftsleben, entfalten; das muss auf sich selbst gestellt sein. Denn je länger abhängig ist das Geistesleben von irgendwelchen äußeren Faktoren, desto mehr verliert sich auch das Bewusstsein von dem inhaltvollen, selbstständigen Geiste, der durch die Welt webt und pulst und wirkt und west. Geist-Erkenntnis, sie kann es nur geben innerhalb eines freien Geisteslebens. Und diesem freien Geistesleben wird auch wiederum wirkliche Geist-Erkenntnis sein. Von dieser wirklichen Geist-Erkenntnis wird die Kraft in die wirtschaftlichen Zusammenhänge hineinfließen, die wir brauchen, um auch im wirtschaftlichen Leben vorwärtszukommen.

So, meine sehr verehrten Anwesenden, fließt alles dasjenige - ich konnte es heute nur wiederum von gewissen Seiten her charakterisieren -, so fließt alles dasjenige, was in dem Impuls für Dreigliederung des sozialen Organismus enthalten ist, aus einer wirklich realen Betrachtung des Lebens heraus. So ist alles unmittelbar praktisch gemeint, aber so, dass man unter dem praktischen Blick nicht bloß eng versteht den Blick, der auf die Maschinen hinschaut und auf die Länge des Arbeitstages, sondern auf den ganzen Menschen, der Kopf und Herz und Gemüt und Gefühl uns entgegenbringen will und uns entgegenbringen wird, wenn wir in solchen wirtschaftlichen und geistigen Zusammenhängen ihm entgegentreten, dass Vertrauen das Lebenselement und brüderliche Liebe als die höchste Wirkung dieser Verbindung die Lebensatmosphäre dieser Zusammenhänge ist.

Das muss immer wieder betont werden gerade gegenüber den Missdarstellungen, die so zahlreich heute über die Geisteswissenschaft in anthroposophischer Orientierung, wie sie hier gemeint ist, gegeben werden. Von dieser Geisteswissenschaft darf nicht gesagt werden, sie habe sich nicht hineinzumischen in das praktische Leben. Sie ist es gerade, von der man sagen kann, was ich das letzte Mal vor ein paar Tagen hier gesagt habe, sie ist dasjenige, was nicht die Seele erheben will zu einem mystischen, weltfremden Sein, in ein mystisches Wolkenkuckucksheim, sondern sie ist dasjenige, was die Seelen erfüllen soll so mit Geist, dass dieser Geist sich stark fühlt, in das materielle Leben hinein auch Geistiges zu tragen. Nicht in egoistischer Weise soll der Mensch als Mystiker weltfremd werden, sich irgendwohin flüchten, wo die Welt nicht ist, sondern vom Geiste soll er sich erfüllen, damit er diesen Geist hineintragen kann in dasjenige, was uns als ein freigeistiges, als ein demokratisch gleich orientiertes, als ein wirtschaftliches, auf Vertrauen gebautes, äußerlich materielles Leben umgibt. Durchdringen muss gerade aus Geisteswissenschaft die Erkenntnis, dass es der krasseste, raffinierteste Egoismus ist, sich in eine weltfremde Mystik zu flüchten, nach Askese zu schreien, während ein wahrhaft geistiges Durchdringen eben gerade die Kraft für das Leben geben soll. Diese Kraft für das Leben, sie allein kann uns aus dem so drohenden Niedergang, aus der so furchtbaren Not und Elend, einer Aufgabe entgegenführen. Dann in der Mitte das eigentliche Staatsleben, das sich herausbilden wird, wenn auf der einen Seite das freie Wirtschaftsleben, auf der andern Seite das freie Geistesleben abgegliedert wird.

So wird der dreigliedrige soziale Organismus die notwendige soziale Ordnung der Zukunft lebensvoll gestalten können.

Man hört heute manchmal das Urteil, ich habe es wenigstens zehnmal gehört, und das weist mich immer nur darauf hin, wie sehr es verbreitet ist: Was soll aus dem Staat, aus dem Rechtsleben in der Mitte werden, wenn das Geistesleben und das Wirtschaftsleben abgegliedert werden? Ein berühmter Rechtsgelehrter der Schweiz, der bedeutendste Rechtslehrer der Schweiz und der Gegenwart, hat selbst dieses gesagt, als er die Dreigliederung kennenlernte. Er sagte, die Dreigliederung wäre ihm sympathisch, aber er könne nicht verstehen, was dann noch zwischen Wirtschafts- und Geistesleben für den Staat übrig bleiben solle.

Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, das wird sich zeigen, dass sehr, sehr viel gerade für ein mächtiges und kraftvolles Staats-Rechtsleben übrig bleiben wird und dass diejenigen, die die Dinge nach den heutigen Verhältnissen beurteilen, nur nicht sehen, was übrig bleiben wird, weil gewissermaßen dasjenige, was im auf gleicher demokratischer Grundlage gebauten Staatsleben da sein soll, auf der einen Seite aufgezehrt hat das Wirtschaftsleben, und es erst recht aufzehren will da, wo man die letzten Konsequenzen aus diesem Prinzip ziehen will. Darauf sehen die Menschen gewöhnlich nicht, die da sagen, Wirtschaft-Politisches sei ein höherer Gesichtspunkt als das eigentliche Wirtschaftliche. Dass die letzte Konsequenz der furchtbare, weltmörderische Bolschewismus ist, der aus solchen Anschauungen folgt, das sehen die Menschen nicht. Das werden sie nach und nach sehen, wenn sie sich nicht zwingen zu einer vernünftigen Ansicht.

So wird in der Mitte stehen dieses Staats-Rechtsleben, und das Wirtschaftsleben wird auf seine eigenen Kräfte aufgebaut sein, das Geistesleben wird frei und selbstständig dastehen. Das ist dasjenige, worauf als eine soziale Gestaltung der Impuls für Dreigliederung arbeiten will. Denn er muss, nicht auf irgendeine programmatische Weise, nicht aus abstrakten Gedanken heraus, sondern aus einer gründlichen Durchdringung der wirklichen Notwendigkeiten der Gegenwart, sagen, dass nur auf den Grundlagen, die er vielleicht heute noch in unvollkommener Weise nur aussprechen kann - ich gebe das durchaus zu -, die aber weiter ausgestaltet werden muss durch die Mitarbeit, die sehr notwendige Mitarbeit recht vieler sachverständiger Persönlichkeiten. In dieser Einschränkung aber sind diejenigen, die heute sich als die Träger fühlen dieses Impulses für die Dreigliederung des sozialen Organismus, überzeugt: Wenn in dieser gründlichen Weise kennengelernt wird, beobachtet wird das soziale Leben mit seinen Sehnsuchten nach einer Zukunftsgestaltung und wenn nachgekommen wird mit den Maßnahmen diesen Sehnsuchten, dann muss sich dasjenige ergeben, was den sozialen Organismus lebensmöglich macht. Denn es wird sein in einem solchen sozialen Organismus die Grundlage für die Lebensmöglichkeit, es wird sein ein wirklich kraftweckendes, fruchtbares Geistesleben, das aus sich hervorbringen wird ein gesundes, auf Brüderlichkeit gebautes Wirtschaftsleben. Es wird sein in einer solchen sozialen Gestaltung ein wirklich freier Geist in einem auf Vertrauen als auf die einzig mögliche soziale wirtschaftliche Kraft, auf Vertrauen gebaute Wirtschaftsordnung.

German original of Economic Demands and Spiritual Insight · ← Previous · Next →