The Big Questions of our Time and Anthroposophical Spiritual Knowledge

GA 336 — 25 January 1921, St. Gallen

18. Inwiefern ist die Dreigliederung Berufen, Aus dem Chaos Herauszuführen

Es ist ja gut denkbar, dass mancher Mensch ein Thema wie dasjenige, über welches heute gesprochen werden soll, fruchtlos und vielleicht zu besprechen sogar unmöglich findet, weil er glaubt, dass aus solchen Untergründen heraus, aus Untergründen der sozialen Erkenntnis und sozialen Einsicht heraus doch gegenüber den Tatsachen etwas Fruchtbares nicht geschaffen werden könne.

Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, die große Katastrophe, welche hereingebrochen ist im zweiten Jahrzehnt des zwanzigsten Jahrhunderts, man darf wohl sagen, über unsere ganze zivilisierte Welt, die konnte die Menschen belehren darüber, wie notwendig es sei, die neueste Entwicklung der Zivilisation ins Auge zu fassen, um vielleicht doch zu einer andern Einsicht zu kommen, als diejenige ist, die ich eben einleitungsweise charakterisiert habe. Dasjenige, was im Laufe der letzten Jahrzehnte, der letzten 70 bis 80 Jahre innerhalb der zivilisierten Welt sich vollzogen hat, das ist gerade das Unberücksichtigt-Lassen der heraufkommenden sozialen Lage der Menschheit. Wenn man zurückschaut auf diese eben angegebene Zeit, dann findet man, dass gerade diejenigen Persönlichkeiten, die den führenden Klassen angehört haben, sich je weilen, wie es ihnen [ein] äußeres Schicksal gebracht hat, hineinbegeben haben in irgendeine Lage, in irgendeine Berufs- oder Schaffenslage, und dass sie in dieser Lage gewirkt haben, so, wie es die Verhältnisse eben seit langer Zeit gegeben haben, ohne Rücksicht darauf zu nehmen, ob es nötig sei, irgendwie in diese Verhältnisse hineinzuschauen, in diese Verhältnisse selbst einzugreifen, man hat hingenommen, was einem geboten wurde, ohne viel Dazutun, was dann ergeben hat das allerdings großartige und gewaltige Fortschreiten und den Triumph der modernen Zivilisation, und man hat es überlassen den breiten Massen der Arbeiter-Bevölkerung, dem Proletariat, aus Einseitigkeit heraus Kritik zu üben an dem, was aus sozialen Verhältnissen heraus gekommen ist. Aus der Unbequemlichkeit, einzugreifen, erwuchs den führenden Klassen eine gewisse Sehnsucht, im Grunde genommen die Dinge gehen zu lassen, wie sie eben gingen unter dem Einflusse der rapid sich vorwärts entwickelnden Produktionsverhältnisse, und diejenigen, die die Kritik ausübten, die waren hineingestellt in die Räder der sozialen Verhältnisse; ihre Unfruchtbarkeit zeigte sich ja gar in vielen Gebieten. Wenn man darüber nachdenkt, wie man es gerade unterlassen hat, durch lange Zeiten hindurch eine Überschau zu halten über dasjenige, was eigentlich zu tun ist, darüber, wie die Verhältnisse heute ein anderes Denken, ein anderes Empfinden von den Menschen fordern als früher, dann wird man doch zur Einsicht kommen, dass jetzt, wo die Zeit der furchtbaren Katastrophe gekommen ist, dass jetzt begonnen werden müsse mit einem solchen Umdenken, Umempfinden; das dürfte ja jedem Unbefangenen klar sein. Wenigstens nach dem Westen hinüber ist dasjenige, was uns 12 bis 15 Millionen Menschen hat zusammenschießen lassen und ebenso viele zu Krüppeln hat machen lassen, aus unmöglichen wirtschaftlichen Verhältnissen heraus entstanden. Nach dem Westen hin ist das ganz zweifellos, nach dem Osten hin haben wir wieder ganz andere Zivilisations-Verhältnisse, dort haben mehr seelische Verhältnisse mitgewirkt. Jedem müsste es klar sein, dass aus den Unterlassungssünden der letzten Jahrzehnte dieses ganze Chaos, die Kriegslage der gegenwärtigen Not entsprungen ist.

Wir haben die Friedensschlüsse. Aber schließlich, ist der Friede, der geschlossen wurde, ein wirklicher Friede? Ein Friede von Bedeutung könnte er nur sein, wenn sich Aussichten böten, dass sich die alte Zivilisation der Menschheit wieder aufrichten würde. Aber sehen wir uns die tatsächlichen Verhältnisse an, ob die dafür sprechen, dass es so sein könne. In England hat es zuerst aufgedämmert, und wirklich sehr bedeutend. Bei englischen Denkern finden wir Aussprüche über das Trostlose der gegenwärtigen Lage und was zur Besserung notwendig ist.

Da haben wir es denn im Oktober [1920] in der zweiten nationalen Wirtschaftskonferenz aussprechen hören, wie bedenklich das aus der Kriegskatastrophe Hervorgebrachte ist und dass es durch etwas anderes ersetzt werden müsse, wenn das Elend nicht immer größer werden soll. Es waren da zahlreiche Männer, die eingesehen haben, wie es eigentlich steht.

Wir in unserer Zivilisation gleichen heute einem Menschen, der sich damit tröstet, dass er noch einen Rock hat, der beginnt, schäbig zu werden et cetera. [Lücke in der Mitschrift?] So steht [es] mit demjenigen, was man als die Besserung ansieht. Es ist durchaus diese Besserung nur scheinbar, denn dasjenige, was geblieben ist aus der Zivilisation der Vorkriegsepoche, ist in einer gewissen Beziehung abgetragen, muss in furchtbare Zustände hineinführen, wenn nicht beizeiten daran gedacht wird, wirkliche Besserung zu schaffen.

Ein bedeutendes Wort tönt einem in den Ohren, wenn man hört, wie ein Gewissenhafter über die Verhältnisse der Gegenwart es ausgesprochen hat, was eigentlich vorliegt, mit den Worten: «Innerhalb der gegenwärtigen Zustände der europäischen Zivilisation wird ein großes Verbrechen unvergleichlicher Art begangen und wir sind alle Teilnehmer an diesem Verbrechen.» Das Wort ist in England gefallen, und man darf schon sagen: Es klingt einem ein solches Wort in den Ohren als etwas, was recht wahrhaft sich ausnimmt. Denjenigen Menschen, die über die jetzigen Verhältnisse nachdenken, fallen die wirtschaftlichen Zustände zuerst in die Augen, und man denkt, dieser Herr zu werden. Man glaubt, ihrer Herr werden zu können auf diese oder jene Weise, dann werde es sich auf alle andern Gebiete der Zivilisation ausbreiten. Allerdings, innerhalb der wirtschaftlichen Verhältnisse sind Zustände da, die leicht, sehr leicht zeigen, wie im Grunde genommen nicht aus irgendwelchen vernünftigen Untergründen heraus, sondern aus dem Chaos heraus, aus einer vom Zerfall durchsetzten Situation heraus gewirtschaftet wird. Kann man es denn überhaupt noch wirtschaften nennen, wenn zum Beispiel die Schweiz, die im ersten Halbjahr 1920 eine Million Tonnen Kohle notwendig hatte, von dieser Million Tonnen 4000 Tonnen aus Amerika bezogen hat? Man braucht sich nur zu überlegen, dass die Schweiz umgeben ist von Staaten, die Kohle produzieren, und dass es jedenfalls eine unmögliche Bewirtschaftung der Welt ist, wenn die Dinge so teuer wie möglich zugeführt werden. Solche Beispiele könnte man heute zu Hunderten anführen; man könnte sehen, aus welchem Impuls heraus die Wirtschaftlichkeit eigentlich fließt. - Für die Wiedergutmachung sind etwa 4500 Millionen Pfund Sterling notwendig et cetera. [Lücke in der Mitschrift?]

Das alles gibt eine Übersicht, die furchtbar ist, und man soll nicht glauben, dass irgendein Gebiet, wie die Schweiz, ausgenommen werden könne von den Folgen. Es ist heute durchaus die Zeit, wenn man sich auch dagegen sperrt, in der der Fortschritt der Zivilisation die Weltwirtschaft notwendig macht.

Wenn man weiter darauf Rücksicht nimmt, dass diese mitteleuropäischen Länder, wenn sie überhaupt zur Arbeit nur die Möglichkeit haben sollen, mindestens 100 Millionen Pfund Sterling an Kredit brauchen, dann wird dasjenige, was als Perspektive vor uns steht, nur ein gar trauriges Bild geben. Die wirtschaftlichen Verhältnisse stehen vor unseren Augen; [von derselben Seite], von der aus die wirtschaftlichen Verhältnisse jetzt schon klar betont werden, geht auch etwas anderes aus. Man hat es in der Konferenz vom Oktober 1920 hören können. Es konnte im Grunde genommen nicht anders kommen, denn diejenigen, die versammelt waren, das waren Diplomaten, das waren Politiker alle zusammen, die verstanden alle miteinander nichts von einer Nationalökonomie; es sei notwendig, dass Wirtschafter aus den wirtschaftlichen Verhältnissen heraus zu einer Besserung ihre Hand bieten, um in die Besserung einzugreifen. —Es wird heute zugestanden, dass die Politiker, diejenigen, die nur politisch geschult sind - und sie sind politisch leider schlecht genug geschult -, dass diejenigen gar nicht in der Lage sind, irgendwie bessernd in die wirtschaftlichen Verhältnisse einzugreifen.

Sehen Sie, meine verehrten Anwesenden, von den Anschauungen, die da heute durch die Not der Zeit wenigen endlich aufgedrängt werden, geht dasjenige aus, was als Impuls die Dreigliederung des sozialen Organismus in die Welt hineinstellen will, um zum Aufstieg zu führen. Er will die Zivilisation als Ganzes fassen, er will durchschauen, wie zusammenwirken die verschiedenen Faktoren, die verschiedenen Elemente des [ganzen] zivilisierten Lebens. Wir können gar nicht das wirtschaftliche Leben für sich betrachten; wir können einzig und allein nur das Ganze in das Auge fassen, dann aber zeigt es uns ganz deutlich, wie radikal verschieden die einzelnen Gebiete sind, und auf dieses radikal Verschiedene der drei Lebensgebiete der Zivilisation, auf das lässt sich die Dreigliederung des sozialen Organismus ein und versucht von da aus, das Ihrige zur Gesundung der menschlichen Entwicklung beizutragen. Diese drei Gebiete, sie sind das geistige Leben auf der einen Seite, das Wirtschaftsleben auf der andern Seite, und mittendrinnen, da steht, was wir das staatliche, das rechtliche oder eigentlich das politische Leben nennen können.

Als das neuere Zivilisationsleben begonnen hat, war es ganz natürlich, ja geschichtlich notwendig, dass dasjenige, was sich aus dem modernen Staat herausgebildet hat, dass das sich allmählich bemächtigt hat nicht nur des politischen, des rechtlichen Lebens, sondern auch des geistigen Lebens, des Erziehungs-, Unterrichts- und des ganzen geistigen Lebens. Allein heute stehen wir in einem Zeitalter, wo dies seine Aufgabe erfüllt hat und etwas anderem Platz machen muss. Es ist durchaus so, dass die Zivilisationsformen zuerst jung sind, dann reif sind und dann alt werden und verfallen. So ist der tiefste Grund unserer gegenwärtigen Not eigentlich dieses, dass wir nicht einsehen, dass wir in einem abstrakten Einheitsstaat leben, dass das entgegengeht eigentlich seiner [Untergangs-]Periode, und dass etwas Neues geboren werden muss, was an seine Stelle treten kann.

Dasjenige, auf das hingestrebt wird, das ist ein Herausgliedern des geistigen Lebens, des Wirtschaftslebens aus dem Staatsleben, sodass an die Stelle des abstrakten Einheitsstaates, der alles durcheinander hat, drei Glieder treten sollen: ein selbstständiges Staatsleben mit den Rechtsverhältnissen in sich, ein selbstständiges Geistesleben und ein selbstständiges Wirtschaftsleben, das aus diesen Bedingungen heraus wachsen und gedeihen muss und kann. Dasjenige, was selbstständiges Geistesleben ist, das muss so sein, dass die größte Möglichkeit besteht, dass dasjenige, was der Mensch durch seine Geburt ins physische Dasein bringt - sei es geistig oder seelisch —, dass das zur Entfaltung kommen kann. Dasjenige, was da zur Entfaltung kommen soll, das muss mit seiner größten Kraft eingeführt werden in die andern Gebiete des Lebens, das muss man völlig frei entfalten können.

Es hat sich der Staat in der neueren Zeit des Unterrichts- und Erziehungswesens bemächtigt; er hat das Seinige geleistet — was ist herausgekommen? Diejenigen, die im Unterrichts- und Erziehungswesen die menschlichen Fähigkeiten entwickeln sollen, die fanden sich abhängig von demjenigen, was ihnen der Staat vorzeichnete, sie waren in gewisser Weise dasjenige, was dem Staate zu seiner Bereicherung, zur Fruchtbarkeit gereichen sollte. Dadurch aber, dass das eigentlich Lebendige in Erziehungs- und Unterrichtswesen geleitet wurde von außerhalb her, dadurch entfremdete sich der Inhalt des Unterrichtswesens zu dem, was wir heute sehen — besonders angesehen von gewissen Persönlichkeiten -, zu einer abstrakten Wissenschaftlichkeit, zu einem abstrakten Geistesleben. Diese Erzieher der Menschheit, sie konnten nicht aus ihren eigenen Herzen zu gleicher Zeit das Unterrichts- und Erziehungswesen verwalten; so blieb ihnen nichts anderes übrig, als in einer Abstraktheit zu leben. Dass das von vielen Seiten nicht zugegeben werden will, darauf beruht unser gegenwärtiges Elend.

Dasjenige, was helfen kann, ist das Geistesleben. Der wichtigste Bestandteil des Geisteslebens ist die Unabhängigkeit, die geistige Selbstständigkeit. Möge diese in völlig eigene Verwaltung kommen, und zwar in die Macht derjenigen, die unmittelbar lebendig in der Erziehung und im Unterricht drinnenstehen. Hier muss angestrebt werden, dass sie in ihren Korporationen, in ihrem Zusammenwirken auch dieses Unterrichtswesen frei, autonom verwalten können, sodass alles dasjenige, was auf Verfügung aus dem Unterrichtswesen selbst hervorgeht, nicht zu fürchten ist. Erzwungene Autoritäten werden bekämpft. Derjenige, der die Bedingungen des Geisteslebens kennt, weiß, dass ein Fachmann selbstverständlich auch den größten Einfluss hat, weil die andern ihn brauchen, um von ihm lernen zu können. Unabhängigkeit, darauf kommt es an. Es wird selbstverständlich die Einrichtung des Geisteslebens aus dem wirtschaftlichen Leben heraus entwickelt. Aber in Bezug auf das Geistige muss dieses geistige Gebiet ganz und gar unabhängig sein von jedem andern Einfluss.

Für Millionen Menschen ist das Geistesleben eine Ideologie geworden. Zu einer solchen Anschauung kann man aber nicht kommen, wenn man erfährt, dass der Geist nicht nur etwas ist, über das man gedacht hat, sondern was man erlebt hat; aus diesem lebendigen Leben fließt dann dasjenige an Verfassung des Herzens, wie es eigentlich ist. Man hört ganz berechtigte Aussprüche, dass sich in der letzten Zeit das Geistesleben in einer gewissen Weise in die Dekadenz gebracht habe, sogar verroht sei, deshalb, weil es nach dem reinen Intellekttum hingestrebt habe, während das Gemüt, das Herz, eigentlich verkümmert ist.

Man kann leicht solche Sachen sagen, aber schwerer ist es, zu durchschauen, wie dem eine Gefolgschaft geleistet werden kann. Man kann fordern, dass die Atmosphäre der Gemütsbildung herauskommen soll et cetera. [Lücke in der Mitschrift?] Aber man kann doch nicht einfach einen Strich machen unter das, was bis jetzt war. Dieses moderne Leben hat eben seine Technik, es hat eben den Intellekt, die Verstandesbildung, das einseitige Gescheitwerden großgezogen. Da handelt es sich darum, dass die ernste tiefe Frage gerichtet werde an die Menschenschicksale: Was bringt in Einklang mit der Gemüts- und Herzensbildung? ... (Hinweis auf die Geisteswissenschaft).

Eine solche Wissenschaft kann nicht derart sein wie früher, wie dabei auch dasjenige in Betracht kommt, dass es die große Aufgabe ist, die man sich dort stellen will, zum Geiste, zum wahren Geiste zu kommen; nicht zum Spiritismus, zur Theosophie et cetera, sondern zu einem Geiste, der den ganzen Menschen durchdringen kann, der Geist mit Gemüt versöhnen kann. Das ist dasjenige, was in Wirklichkeit angesehen wurde, was nun von innen heraus zur Belebung dieses Geisteslebens vom Goetheanum in Dornach aus geschehen will. Damit allerdings gibt ja Dornach Anlass zu vielen Ärgernissen, weil es sich gegenüber andern Bestrebungen der Gegenwart, die vielleicht aus guter Meinung heraus kommen, aber sich als unfruchtbar erweisen sollten, weil es gegenüber diesen Stellung nehmen muss. Was streben die Leute an, jetzt in der Zeit am meisten, um das Leben des Gemüts, das Leben der Sittlichkeit, der Religionsvertiefung zu verstärken? Was strebt man da an? Man will dasjenige, was man in intellektueller Weise erworben, durch allerlei Unternehmungen, wie Volksbibliotheken et cetera, verbreiten. — In dieser Weise kann Dornach die Sache nicht mitmachen, weil es die Aussichtslosigkeit erkennt.

Man muss sich fragen: Haben diejenigen, die Führer waren, nicht dasjenige, was die Schulen geleistet haben, selber gesehen und gewusst, haben sie nicht gerade das [besessen], was auf den Universitäten gelehrt wird? Hat sie das aber daran gehindert, hinauszusegeln in die Katastrophe des zwanzigsten Jahrhunderts? Und wenn diejenigen, die im Besitze dieser Bildung waren, nicht davor bewahrt geblieben sind, sondern auch hineingetrieben worden sind, kann man dann hoffen, dass es dann in seinem Weiterverbreiten zu etwas anderem führt? Will man dasjenige den Millionen noch überliefern, damit es diese Früchte in noch viel verheerenderem Maße bringt? Das ist es, was man auf dem Gebiete in Dornach durchschaut, um es von dort aus nun hinauszutragen in das Volk. Zuerst muss das Hineintragen geschehen in die Bildungsanstalten, damit etwas anderes herauskommen kann.

Ich wollte nur anführen, aus welchen Untergründen heraus dieses Begreifen der Notwendigkeit an der Befreiung des Geisteslebens hervorgehen kann. Gerade daraus ergibt sich die Forderung des freien Geisteslebens. Die Lehrer von den untersten bis zu den obersten Klassen haben dieses Geistesleben selbst zu verwalten; sie werden selbst einzurichten haben dasjenige, was an praktischen Lehranstalten da ist; man wird ihnen nicht Anweisung geben, was sie zu lehren haben, weil man sagt, dasjenige, was im Geistesleben verwendet werden soll, das müssen die Betreffenden selbst verwalten. Dann sind sie aber auch gezwungen, sich hineinzubegeben ins praktische Leben, herauszuunterrichten und zu erziehen, weil sie nicht eine abstrakte Wissenschaftlichkeit zu lehren haben, sondern dasjenige, was das Leben wirklich trägt.

Auf dem einen Flügel des sozialen Organismus muss das freie Geistesleben stehen. - Auf diesem einen Flügel des sozialen Organismus wird es schon notwendig sein, dass man sich aus dem Hineinversetzen in den Geist die Dinge selbst beurteilt. - Das wird Schwierigkeiten machen, weil die Menschen ungewohnt sind, ein solches Geistesleben richtig zu erfassen; sie haben nur ein bloßes Denken über den Geist. Aber wir können keine Entscheidung darüber treffen, ob man lassen oder verbessern soll; es muss verstanden werden, dass damit das Leben von der geistigen Seite her in der rechten Weise befruchtet wird - es muss selbstständig werden. Das ist auf dem einen Flügel.

Auf dem andern Flügel steht das Wirtschaftsleben. Ich möchte durch einen äußerlichen Vergleich Ihnen zeigen, welche anderen Lebensbedingungen im Wirtschaftsleben drinnen sind als im Geistesleben. (Beispiel) Auf wirtschaftlichem Gebiete ist eine solche Freiheit, wie wir sie im Geistesleben haben, nicht möglich. Im Wirtschaftsleben sind wir eigentlich alle ausnahmslos aufeinander angewiesen. Im Wirtschaftsleben handelt es sich darum, dass man dasjenige, was man sich durch die wirtschaftliche Erfahrung, durch das Verbundensein auf einem Wirtschaftszweige erworben, sich nach und nach aneignet. - Auf dem Gebiete des Wirtschaftslebens ist es unmöglich, von der Freiheit auszugehen. Das kann man strikte beweisen, dass es unmöglich ist. (Beispiel: gepflogene Unterhandlungen über die Einführung der Goldwährung.)

Das Gegenteil von dem, was die gescheiten Leute gepredigt haben, ist eingetreten. Was da im Großen auf dem Boden der Weltwirtschaft entstanden ist, das zeigt sich in der gegenwärtigen Zeit im Kleinen. Sie werden in der Regel in Bezug auf das Gesamtwirtschaftsleben und damit in Bezug auf das Wirtschaftsleben überhaupt das Gegenteil bewirken. In dieser Beziehung müsste man etwas unbefangen hinschauen.

Schon in früheren Jahr[zehnt]en haben wir das Heraufkommen der sozialen Frage. In dieser Beziehung haben auch wiederum recht gescheite Leute merkwürdige Gedanken gehabt. (Österreichischer Minister M.) Ich habe manches Gespräch in den 80er Jahren gepflogen mit Leuten aus dem Wirtschaftsleben. Man hat gerade in dem Gebiet am spätesten etwas gemerkt von den Druckverhältnissen, von dem Aufflimmern der sozialen Frage, die solches Elend und solche Not gebracht hat. Aber diejenigen, die sich mit im Gespräch befanden, die haben gesagt: Wir sind machtlos, um ins wirtschaftliche Leben produktiv einzuschreiten et cetera. - Diese Dinge wurden eben hingenommen als ein unbestimmtes Schicksal. Heute muss im Großen über diese Dinge nachgedacht werden.

Auf dem Gebiet des Wirtschaftslebens ist das Allerwichtigste der Preis; denn nur, wenn die Preise so stehen, dass die Menschen ihre Sachen austauschen können, dann ist das soziale Leben wirklich in einer auch menschlichen Weise vorhanden. Nun kann man sehr leicht, mit einer mathematischen Sicherheit, sagen, wie es sein muss in Bezug auf [eine] Feststellung der Preise, der Urzelle des Wirtschaftslebens, und die heißt so: Derjenige, der irgendetwas hervorbringt, muss für diese Hervorbringung so viel erhalten, dass er für das Erhaltene sich selbst und diejenigen, die zu ihm gehören, sich und die Seinen, erhalten kann, bis er wiederum ein gleiches Erzeugnis hervorbringen kann (Beispiel: Stiefel). Das ist, wie gesagt, abstrakt ausgesprochen. Es muss so einleuchten; es handelt sich nur darum, wie das herbeigeführt werden kann in der Wirklichkeit des Lebens. Da muss dasjenige eingreifen, und das muss man durchaus ernst nehmen, dass zu einem wirtschaftlichen Urteil der einzelne Mensch kommen kann. Man strebt danach, dass jeder tüchtig werden kann auf einem einzelnen Gebiete, daher muss dasjenige entstehen, das zum lebendigen Handeln im Wirtschaftsleben führt und das Lebendige in Bewegung bringt, dasjenige muss eintreten, was ich genannt habe in den «Kernpunkten der sozialen Frage» das Assoziationsprinzip des Wirtschaftslebens. (Zur Erläuterung Beispiel aus dem eigenen Leben.) Man schreibt Bücher et cetera, die werden in die Druckereien befördert, gesetzt, gedruckt und versendet, und Unzähliges [von dem] wird Makulatur. Bedenken Sie, was das heißt! Das heißt nichts anderes, als dass so und so viel Hände sich geregt haben zum PapierHervorbringen, zum Setzen, Drucken und so weiter. Das ist unnötige Arbeit. (Beispiel: Verlag, Konsumwirtschaft.) Solche Beispiele, sie weisen auf dasjenige hin, was ich im Sinne meiner Kernpunkte unter dem Assoziationsprinzip beschrieben habe. Es handelt sich darum, dass diejenigen, die am wirtschaftlichen Leben beteiligt sind - und das sind alle Menschen -, sich zusammenschließen, das ergibt dann schon eine Assoziation. Die Einzelnen schließen sich zusammen nach der Produktion und diese mit den Konsumentenkreisen. Konsumieren, Produzieren, wenn man alles das berücksichtigt, so kommen einem ganz bestimmte Gruppen dieser Assoziation. (Weltwirtschaftsbund.) Innerhalb dieser Wirtschaftsassoziation wird verhandelt von Mensch zu Mensch, und da kommt dasjenige zustande, dass der Mensch alles hineinwirft, was er kann; was er nicht kann, wird von andern ergänzt.

Wenn gerade darauf gesehen wird, dass die Preisverhältnisse das Maßgebende sind, so muss es möglich sein, in diese Preisgestaltung einzugreifen; das kann man nicht durch theoretische Verordnungen machen. Dasjenige, um was es sich handelt, ist, dass von der andern Seite begonnen werden muss. Es lässt sich durchaus nicht durch Verordnungen, sondern nur durch das lebendige Leben regeln, es lässt sich nur durch das assoziative Wirtschaftsleben erreichen, das auf gesunden wirtschaftlichen Erfahrungen ruhen soll.

Weder im geistigen noch im Wirtschaftsleben lässt sich parlamentarisieren; denn über dasjenige, was auf beiden Gebieten zu geschehen hat, kann nur derjenige handeln, der sachkundig und fachtüchtig ist. Da muss also von Mensch zu Mensch, von Korporation zu Korporation erhandelt werden, sodass derjenige, der Erfahrung hat, an den betreffenden Platz gestellt wird, weil er eben Erfahrung hat, nicht, dass er in eine Partei hineingestellt wird, von der er nichts verstellt, sodass Sachkenntnis und Fachtüchtigkeit zur Geltung kommen.

Man wird viele Einwendungen machen können. Aber diese Einwendungen beheben sich, wenn man bedenkt, dass höchstens zum Beispiel diejenigen, die zu ihrem Beruf eine milde Freizügigkeit brauchen, sich bedrängt fühlen könnten durch die Assoziationen. Allein, wenn die Sache praktisch gemacht wird, ist sie nicht schwieriger als das Geldwechseln. (Bürokratismus entfernt.) Diese Dinge werden lebensvoll behandelt, daher werden sie auch in einer lebensvollen Weise abgewickelt werden können. Das aber, was mit den Assoziationen gemeint ist, würde gerade den Menschen frei machen, und dann würden die anderen Freimachungen auf andern Gebieten schon nachkommen. (In Stuttgart angewendet.)

Man kann einwenden: Auf der einen Seite vom Staate ist das Geistesleben und auf der andern Seite ist das Wirtschaftsleben, dann ist in der Mitte nichts mehr. Man warte nur, was in der Mitte wird; da ist ein großes, größeres Gebiet da; die Menschheit fordert aus ihrem Wesen heraus die Entscheidung aus sich selbst, aus dieser Mitte. (Vereinigung der mündig gewordenen Menschen, Festsetzung von Ware, Zeit, Maß.) Diese Dinge, die den Menschen selber betreffen, und für die der Mensch mit seiner Person eintreten muss — es darf keine Ware werden. - Im Wirtschaftsleben muss man hinnehmen, was die Natur bietet, und danach wirtschaften, daher muss es unabhängig vom Staate sein.

Vieles andere wird gerade da hineingehören; man wird da sehen, was das lebendige Recht ist. Dasjenige, was da entstehen soll, es ist in Wirklichkeit gar nicht da; das eigentliche Rechtsleben ist verdorben. Dasjenige, was Recht sein soll, was nur aus den mündig gewordenen Menschen fließt, ist verkümmert. Da müssen die Menschen die Möglichkeit haben, ein Gebiet zu finden, wo sie dasjenige festsetzen können, was in jedem Urteil der mündig gewordenen Menschen liegt; man darf durchaus nicht Angst davor haben. (Anführung eines Artikels aus einer Zeitung.) Solch ein Mann kann sich nicht vorstellen, dass gerade dadurch, dass in der richtigen Weise begründet wird, diese drei Glieder des sozialen Organismus zusammengreifen zu einer Einheit. So ist es im Menschen auch; die Einheit, die lebendige Einheit im Menschen besteht auch aus einer Dreigliederung, und so muss es auch sein im sozialen Organismus. Ein Mann hat einmal eingewendet: Ja, das Leben muss eben eine Einheit sein, und man kann das nicht anders denken, als dass ein Einheitsstaat ist; alles muss ineinandergehen. (Beispiel: ländliche Wirtschaft, Frauen, Knechte, Kinder, eine Anzahl Karren, die in einer Einheit zusammenwirken.) Es kommt die Einheit gerade dadurch zustande, dass jeder das Seinige tut. Wir haben gesehen, dass sehr erleuchtete Leute sagen: Diejenigen Menschen, die zusammengezimmert haben diese scheinbar neue Gestalt, das waren eben Politiker, die haben vom Wirtschaftsleben nichts verstanden.

Man hat nur nicht den Mut, dasjenige ins Auge zu fassen, wonach sich die Menschen sehnen, den Willensimpuls zu entfalten. Wir müssen umlernen. Die großen bedeutsamen Ideale, Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, sie haben bisher die Menschen nicht herausführen können aus dem Chaos der Zeit. Sehr gescheite Leute haben immer wieder und wieder bewiesen, wie Freiheit und Gleichheit bestehen können, wie durch beide wieder Brüderlichkeit beeinträchtigt wird. Freiheit kann es geben vom Gebiete des Geisteslebens aus, Gleichheit wird hervorgehen können aus dem Staatsleben, und im Wirtschaftsleben wird Brüderlichkeit entfaltet werden können, echte, praktische Brüderlichkeit. So wird man sagen müssen: Dadurch, dass man erkennt, wie diese drei großen, bedeutsamen Ideale ins Leben strömen müssen, dadurch wird durch die Dreigliederung die Menschheit herausgeführt aus dem furchtbaren Chaos, wenn sie in der richtigen Weise verstanden wird. Aus der Empfindung der bittren Not der Zeit heraus und aus einer jahrzehntelang gemachten Erfahrung kann man sagen, diese Dreigliederung des sozialen Organismus, sie strebt an, die Menschheit dadurch herauszuführen, dass nichts chaotisch zusammengedrängt werden soll, sondern dass diese drei Ideale in ihre eigentlichen Besitztümer hineingeführt werden sollen, zu einem großen sozialen Organismus. Und dieser lebensfähige Organismus, er wird dasjenige zusammensetzen, was entspringen kann: Freiheit im Geistesleben, Gleichheit im Rechtsleben, Brüderlichkeit im Wirtschaftsleben.

German original of To What Extent is the Threefold Order Called upon to Lead out of Chaos? · ← Previous · Next →