The Big Questions of our Time and Anthroposophical Spiritual Knowledge

GA 336 — 27 June 1921, Dornach

19. Das Selbstständige Geistesleben im Dreigliedrigen Sozialen Organismus

Meine sehr verehrten Anwesenden! Als ich im Frühling 1919 meine «Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und der nächsten Zukunft» veröffentlichte, stand man einem etwas anders gearteten öffentlichen Leben des Abendlandes gegenüber, als dies heute der Fall ist. Man sollte sich eigentlich durchaus klar machen, wie schnell das Tempo des gegenwärtigen Ablaufens der Ereignisse ist. Man sollte sich klarmachen, wie innerhalb der letzten zwei Jahre wiederum sich die zivilisatorische Konfiguration des abendländischen Lebens wesentlich geändert hat. Damals im Frühling, im Frühjahr des Jahres 1919, war nämlich genügender Grund vorhanden zu der Hoffnung, dass sich eine genügend große Anzahl von Menschen vereinigen werde, in der Meinung, aus geistigen Impulsen heraus den sozialen Niedergangskräften entgegenzuarbeiten. Die furchtbaren Erfahrungen der Kriegsjahre lagen hinter der Menschheit des Abendlandes, diese furchtbaren Erfahrungen, von denen dazumal viele Menschen das Gefühl hatten, dass sie unvergleichlich dastanden in dem geschichtlichen Leben der Menschheit überhaupt. Und aus diesen furchtbaren Erfahrungen war hervorgegangen die Meinung, es müsse etwas ganz Durchgreifendes und etwas vor allen Dingen aus den Untergründen des geistigen Lebens heraus Geholtes geschehen, damit man in einer entsprechenden Weise die Niedergangskräfte paralysiere und die Menschheit arbeitend aus den Aufgangskräften heraus machen könne.

Man möchte sagen: Nach wenigen Monaten schon konnte man sehen, dass diese Meinung, die ganz intensiv in weitesten Kreisen vorhanden war, dass diese Meinung eigentlich wesentlich zurückgegangen war. Man hatte deshalb auch im Februar, März, April, Mai des Jahres 1919 glauben können, mit der Geltendmachung solcher Ideen, wie sie angeschlagen wurden in meinen «Kernpunkten der sozialen Frage», wie sie kurz zusammengefasst wurden in meinem Aufruf «An das deutsche Volk und an die Kulturwelt», man hatte glauben können, mit dem Anschlagen solcher Ideen heranzukommen an diejenigen Menschen, die der eben charakterisierten Meinung waren. Man brauchte wahrhaftig nicht der hochmütigen Meinung zu sein, dass mit solchen Ideen, die man in einer solchen Art anschlug, schon das absolut Richtige getroffen sei, sondern man brauchte bloß den Glauben zu haben, dass in ehrlicher Weise aus den Untergründen des Daseins, aus den berechtigten Untergründen des Daseins, solche angeschlagenen Ideen heraufgeholt seien, und dann konnte man glauben, es werden sich aus den Erfahrungen, die sich eben ergeben hatten, eine genügend große Anzahl von Menschen finden, um überhaupt dem ganzen Duktus, dem ganzen Wollen solcher Ideen Verständnis und Tatkraft zuzutragen.

Man konnte sehen, wie sehr bald die Menschen wiederum des Glaubens waren, es müsse doch durch ein Zusammenleimen dieser oder jener auseinandergerissener alter Impulse zunächst der Menschheit weitergeholfen werden. Man konnte sehen, wie die Tatkraft, die immerhin damals für eine Zeit lang bemerkbar war, wie diese Tatkraft sich ablähmte und so weiter. In dieser Zeit, im Frühjahr 1919, musste gewissermaßen hineingeworfen werden dasjenige, was ich nannte «Die Dreigliederung des sozialen Organismus». Wie gesagt, mochte sie korrekturbedürftig sein wie immer, diese Idee, aber sie musste in die Zeit hineingeworfen werden, denn sie ergab sich aus zwei Voraussetzungen.

Die erste Voraussetzung ist eine historische, eine geisteswissenschaftlich-historische, eine solche, die gewonnen ist aus der Betrachtung des Entwicklungsganges der Menschheit, wie er sich ergibt derjenigen geisteswissenschaftlichen Betrachtung, die hier als die anthroposophische betrieben wird.

Die andere Voraussetzung ergab sich aus einer jahrzehntelangen Beobachtung der Impulse, die in den Untergründen des geistigen, des staatlich-politischen, des wirtschaftlichen Lebens überall aus den Untergründen heraus nach der Oberfläche strebten. Aus der Beobachtung desjenigen, was eigentlich sich verwirklichen wollte, dem man nur zur Verwirklichung verhelfen sollte, aus dieser Beobachtung, aus der unmittelbar praktischen Beobachtung der drei verschiedenen Gestaltungen des Lebens ergab sich die zweite Voraussetzung. Auch die erste Voraussetzung war keineswegs eine theoretische. Geisteswissenschaft, wie sie hier ist, soll ja durchaus in die volle Wirklichkeit hineinleiten. Daher sind auch alle ihre Betrachtungen, auch diejenige über die Entwicklung der Menschheit, von Wirklichkeitssinn durchdrungen. Wer könnte auch nicht durch ein unbefangenes Anschauen desjenigen, was sich immer intensiver und intensiver im Heraufkommen der neueren Menschheit geltend machte, erkennen das demokratische Prinzip?

Dieses demokratische Prinzip, ich brauche es ja nicht zu definieren. Gewiss versteht der eine darunter dies, der andere jenes. Aber im Allgemeinen, man hat ein Gefühl von dem, was sich herauflebt in der neueren Geschichte als das demokratische Prinzip, dasjenige Prinzip, das der Mensch einfach dadurch, dass er Mensch ist, geltend machen müsse innerhalb der sozialen Gemeinschaft, dass so viel, als das Urteil des einzelnen Menschen wert ist, dieses Urteil auch bedeuten müsse im sozialen Geschehen. Dieses Drängen nach Demokratie, es war seit langer Zeit da, sprach sich aus durch die verschiedensten Bewegungen und Konvulsionen des neueren geschichtlichen Lebens der abendländischen Menschheit mit ihrem amerikanischen Anhange.

Aber auf der andern Seite konnte man sehen, dass dieses demokratische Leben sich eigentlich nicht allseitig verwirklichen kann. Und es ergibt sich für den unbefangenen Betrachter der menschlichen Sozietät doch, dass eben nur ein Gebiet des sozialen Lebens da ist, das wirklich demokratisch werden kann, und das ist das politischstaatliche Gebiet. Das politisch-staatliche Gebiet kann aber, wenn es demokratisch werden will, nur umfassen diejenigen Angelegenheiten, über die urteilsfähig ist jeder mündig gewordene Mensch. Und man kann gerade, wenn man praktisch denkt, das Gebiet des sozialen Lebens, das der Urteilsfähigkeit jedes mündig gewordenen Menschen unterliegen kann, deutlich abgrenzen. Dagegen gibt es zwei Gebiete, die einfach nicht demokratisiert werden können, weil sie sich nur entfalten können, wenn sie sich entwickeln im Sinne der Sach- und Fachkenntnis der Menschen, der einzelnen menschlichen Individualität, und das ist auf der einen Seite das gesamte Gebiet des Geisteslebens, namentlich dasjenige Gebiet des Geisteslebens, das das eigentlich öffentliche ist, das Gebiet des Unterrichts- und Erziehungswesens, und das ist auf der anderen Seite das des Wirtschaftslebens.

Das geistige Leben und sein Hauptbestandteil, das Unterrichtsund Erziehungswesen, kann sich sachgemäß nur entwickeln, wenn es aus dem Sachurteil und der Fachtüchtigkeit der einzelnen in diesem Gebiete betätigten Persönlichkeiten hervorgeht und auch verwaltet wird, in völliger Selbstständigkeit verwaltet wird. In diesem Gebiete kann nicht urteilen jeder mündig gewordene Mensch. Daher kann es in diesem Gebiete nicht dasjenige geben, was man demokratische Verfassung und demokratische Verwaltung nennt. Ebenso wenig kann es demokratische Verfassung und demokratische Verwaltung geben im Gebiete des Wirtschaftslebens.

Ich möchte da auch heute wiederum auf eine Tatsache aufmerksam machen, die aber verhundertfältigt oder vertausendfältigt werden könnte aus den Erfahrungen des Lebens heraus, auf eine Tatsache, die sich in der neueren Zeit abgespielt hat. So um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts und gegen das letzte Drittel zu wurde besonders fällig, möchte ich sagen, die Frage nach der Goldwährung, der eigentlichen Goldwährung. Und man kann da eine sehr interessante Beobachtung machen, wenn man alles dasjenige, was pro und contra Goldwährung so bis zu der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts und gegen das letzte Drittel hin von sehr gescheiten Menschen in Parlamenten, Handelsfirmen, Unternehmervereinigungen, Industrie-Unternehmervereinigungen und so weiter damals gesprochen worden ist. Ich meine das gar nicht ironisch, wenn ich sage, dass dazumal eine Unsumme von Gescheitheit pro und contra in der Goldwährung aufgebracht worden ist. Und insbesondere spielte eine Schluss-Art dazumal eine große Rolle, und zwar diese, dass man sagte, wenn man wirklich zu dieser einheitlichen Goldwährung komme, dann werde überall sich das Streben nach Freihandel und auch die Verwirklichung des Freihandels geltend machen. Der Freihandel wird endlich seine 'Triumphe feiern.

Man kann sagen, meine sehr verehrten Anwesenden, wenn man das liest, was dazumal vorgebracht worden ist, was dazumal gesprochen worden ist, es ist wirklich gescheit, es ist nicht von dummen Menschen gesagt worden, sondern es ist von außerordentlich klugen Menschen gesagt worden. Aber die Wirklichkeit hat das Gegenteil nachher gleich gesagt. Die Wirklichkeit hat gezeigt, dass überall aus der Goldwährungsbestrebung die Bestrebung nach Schutzzollsystemen, nach Absperrung der einzelnen Landesgrenzen entstanden ist. Das heißt, die gescheitesten Leute, diejenigen Menschen, die also aus ihrer industriellen Gescheitheit heraus das Vernünftigste gesagt haben, die haben sich müssen belehren lassen von der Wirklichkeit, dass eben wirklichkeitsgemäß das Gegenteil hätte gesagt werden müssen! Wie gesagt, ich sage das von der «Gescheitheit» nicht ironisch, sondern ich meine es ganz ernst. Denn diese Tatsache - und sie könnte verhundertfältigt werden — weist uns vieles. Was weist sie uns? Dass auf dem Gebiete der wirtschaftlichen Zusammenhänge der Einzelne überhaupt nicht maßgebend sein kann, dass der nur maßgebend sein kann, wenn sein Urteil zusammenfließt mit dem der andern, die wiederum auf einem anderen Gebiete des Wirtschaftslebens erfahren sind und sachtüchtig sind, das heißt, dass der Einzelne mit seinem Urteil nur einen Wert hat innerhalb der Assoziation.

Und so haben wir zwei Gebiete: das geistige Gebiet auf dem Unterrichts- und Erziehungswesen, das gestellt werden muss in die Kraft der einzelnen menschlichen Individualität, das Wirtschaftsgebiet, das gestellt werden muss in die Kraft der Assoziation, der Assoziation aus dem sachgemäßen Zusammenarbeiten der einzelnen Wirtschaftszweige, der Produktion, der Konsumtion, der Warenzirkulation. Was sich aus alledem ergeben kann an sachgemäßem Zusammenwirken, schon aus dem Urteil heraus in den Assoziationen, daraus muss sich das Wirtschaftsleben gestalten. Sodass wir drei Glieder, nicht Teile, haben; indem man von Dreiteilung des sozialen Organismus sprach, hat man zu vielen Missverständnissen Anlass gegeben; man kann auch nicht vom dreiteiligen Menschen sprechen, man kann nicht den Menschen teilen in Kopf-, Rumpf-, Gliedmaßen- und Stoffwechselmenschen, während er wirklich aus diesen drei Gliedern besteht, der Mensch; so kann man auch nicht von der Dreiteilung des sozialen Organismus sprechen, sondern nur von der Dreigliederung, denn diese drei Glieder sollen nicht dazu da sein, je einzeln ihren Weg zu gehen, gleichsam dass der Kopf, das Zirkulationssystem — das rhythmische -, und das Stoffwechselsystem ihren eigenen Gang gehen können, sondern gerade wegen ihrer relativen Selbstständigkeit arbeiten sie in der ökonomischsten und in der rationellsten Weise auch zusammen. Man kann dann, wenn man Ernst macht mit dieser Dreigliederung, als Demokrat ehrlich sein, denn dann kann man die Demokratie wirklich durchführen auf dem Gebiete, wo sie durchgeführt werden soll, auf staatlich-politischem Gebiete, wo der mündig gewordene Mensch dem mündig gewordenen Menschen gegenübersteht, und wo nur dasjenige entschieden und verwaltet wird, was im Urteil eines mündig gewordenen Menschen liegen kann. Es ist durchaus möglich, ganz im Einzelnen, Konkreten die Gestaltung zu finden, wie man nach dieser Dreigliederung des sozialen Organismus hinzuarbeiten hat.

Allerdings, sehen Sie, die Verhältnisse sind schon so unnatürlich geworden in dieser Beziehung, dass man manchmal, auch damals im Frühling 1919, wo die Sachen viel ernster genommen worden sind mit der Dreigliederung als heute, manchmal sonderbare Antworten geben musste. So musste ich in einem Staate antworten, in dem ein sogenanntes Arbeitsministerium eingerichtet wurde, und ich gefragt wurde von dem Arbeitsminister: Ja, wenn nun der soziale Organismus dreigegliedert werden soll, wohin gehöre dann ich eigentlich? - Er meinte als Arbeitsminister. Nun, denkt man ganz konkret die Notwendigkeiten durch, so ist das Arbeitsministerium ein Zwitterding zwischen Wirtschaftsleben und dem politischen Leben drinnen. Deshalb sagte ich dem betreffenden Minister: Ja, bei Ihnen ist es schon leider so, dass Sie mitten auseinandergeschnitten werden müssen. - Wie bei jenem wackeren Schwaben, der sich nicht forcht und den Türken mitten auseinandertranchierte, so hätte auch links und rechts ein halber Arbeitsminister herunterfallen müssen aus unseren unnatürlichen gegenwärtigen Verhältnissen heraus. Aber gerade diese Dinge beweisen ja, wie die Dinge liegen, und wie alles durcheinander, konfundiert ist.

Und so muss man sagen: Aus der historischen, geisteswissenschaftlich historischen Beobachtung des Heraufkommens der Demokratie ergab sich die Notwendigkeit der Dreigliederung des sozialen Organismus. Wenn man den ganz radikalen Umschwung, der dann eintrat in dem zweiten Jahrzehnt des zwanzigsten Jahrhunderts, beobachtete, dann konnte man auch wissen: Es sind jetzt in einer gewissen Weise die Erfahrungen möglich, die die Menschen dazu bringen könnten, so etwas ernst zu nehmen und zu verstehen. Man kann auch sagen: Es war im Grunde genommen nur die letzte Konsequenz desjenigen, was schon hervorgetreten ist am Ende des achtzehnten Jahrhunderts in dem Appell an Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Dieser Appell an Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, der aus der Französischen Revolution hervorgegangen ist, er ist ja so, dass er jedem unbefangenen Menschen tief ins Herz hineinschneidet, dass er als etwas Selbstverständliches angesehen werden muss, nach dem man zu streben hat. Aber wer ein wenig die kulturpolitische Literatur des neunzehnten Jahrhunderts kennt, der weiß, wie viel vorgebracht worden ist - und auch wiederum nicht von dummen, sondern von ganz gescheiten Menschen - gegen diese drei Ideen der Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit.

Lesen Sie nur einmal das außerordentliche mehrbändige Werk des sehr begabten Magyaren [Eötvös] aus den Fünfzigerjahren des neunzehnten Jahrhunderts, und Sie werden sehen, wie da durchaus in einer feinen philosophischen Art bewiesen wird, dass die Idee der Gleichheit neben [der der] Freiheit absolut unmöglich sich verwirklichen könne, und wiederum die Idee der Brüderlichkeit sich nicht verwirklichen könne neben der Idee der absoluten Gleichheit, und so weiter. Man muss sagen: Das, was da vorgebracht wird, es ist klug. Man sieht zuletzt, dass eben diese Ideen im Verlauf der geschichtlichen Entwicklung der Menschheit wie etwas ganz Berechtigtes aus den Untergründen an die Oberfläche hervorquellen, aber dass man trotzdem noch das ganze neunzehnte Jahrhundert und in das zwanzigste Jahrhundert hinein unter der Suggestion des Einheitsstaates stand. Diese Suggestion des Einheitsstaates war ja so groß, dass man immer mehr und mehr hinarbeitete, insbesondere in Mitteleuropa und auch über Westeuropa, mit Ausnahme von England, immer mehr und mehr hinarbeitete, den Einheitsstaat in Bezug auf seine Agenzien immer intensiver und intensiver zu gestalten. Man stand unter der Suggestion der Allbedeutung des Einheitsstaates, der sich über alles ausdehnen müsse. Und dahinein konnte man dann die Ideen Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit nicht unterbringen.

Sieht man ein, dass dieser Einheitsstaat nach Dreigliederung drängt, dann kommt man auch sehr bald darauf: Das Geistesleben drängt nach Freiheit, das staatlich-politische Leben nach Gleichheit aller mündig gewordenen Menschen, und das wirtschaftliche Leben nach wahrer Brüderlichkeit in den Assoziationen, und von da aus dann überhaupt in das ganze Leben hinaus.

Sobald man die Idee der Dreigliederung hat, so bald hat man auch das Agens der Verwirklichung von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Nun, selbstverständlich, meine sehr verehrten Anwesenden, gab es zahlreiche Menschen, die, indem sie so etwas hörten wie die Dreigliederung des sozialen Organismus, sprachen von Utopie. Aber es ist keine Utopie. Gerade so, wie es zum Schluss hervorgegangen ist aus einer geisteswissenschaftlich-historischen Betrachtung, so ist es auf der andern Seite hervorgegangen aus einer praktischen Beobachtung des Lebens selber, und es ist einfach nicht wahr, dass es sich bei dieser Dreigliederung handeln würde um so ein Überstülpen über die etwa chaotisch gewordene Menschheit, um so ein Überstülpen einer Idee, sondern es handelt sich darum, dass für den, der diese Dreigliederung des sozialen Organismus begreift, von jedem einzelnen Punkte des Lebens aus diese Dreigliederung in Angriff genommen werden kann. Man kann überall anfangen, und dann, dann fließen zusammen die einzelnen Anfänge schon von selber zum Ganzen. So haben wir ja auf dem Gebiete des geistigen Lebens angefangen mit der Dreigliederung.

In unserer Stuttgarter Freien Waldorfschule haben wir zunächst angefangen, da sie ja eben eine Schule ist wie andere auch, aber eben eine Schule, die aus einem wirklich freien Geistesleben heraus geschaffen ist, will ich sie zunächst anführen. Allerdings, es ist heute schwierig durchzudringen, gerade mit Anschauungen über das Schulwesen. In dieser Beziehung erlebt man ja auch Sonderbares. Da habe ich neulich einen Artikel gelesen in einer Zeitschrift, da wird etwas geschimpft über jene «Nationalversammlung», die sich in der Goethe-Schiller-Stadt, in Weimar abgespielt hat nach der sogenannten deutschen Revolution; ich habe selbstverständlich nichts gegen das Schimpfen auf diese Nationalversammlung, denn im Grunde genommen kann man schon sagen: Es ist wirklich kaum irgendein Wort zu stark, um dieses nationale Geschwätz — Parlamentarismus hat ja immer etwas mit Geschwätzvereinigung oder Schwatzhaftigkeit zu tun, nicht wahr, die so besondere Art des Zusammensprechens! -, nun, ich habe nichts dagegen, dieser Nationalversammlung ein gehöriges Bild vorzuhalten. Aber etwas schr Sonderbares war da gesagt. Da war gesagt, diese Weimarische Nationalversammlung, die habe eigentlich auf allen Dingen des öffentlichen Lebens nur Unheil gestiftet -, mit Ausnahme auf einem einzigen Gebiete, wo sie etwas Brauchbares geliefert hat, das ist nämlich auf dem Gebiete der Schule, durch das Schaffen der sogenannten Grundschule, der sogenannten Einheitsschule und so weiter.

Nun, diesem Aufsatz liegt ja nichts anderes zugrunde, als dass es leichter ist, auf den anderen Gebieten des Lebens zu bemerken, was die «Weimarer Nationalversammlung» für Unsinn inauguriert hat, als auf dem Gebiete des Schulwesens, wo jeder eben sehr lange schwatzen kann, bevor man den Unsinn bemerkt.

Nun handelte es sich darum, als unsere «Freie Waldorfschule» in Stuttgart begründet wurde, dass tatsächlich das Geistesleben selbst der Grund und Boden sein sollte mit seinen eigenen Erfordernissen, aus dem sich hier Unterricht und Erziehung heraushebt. Gewiss, anthroposophische Geisteswissenschaft ist dasjenige, was die Quelle für Pädagogik und Didaktik der Waldorfschule abgegeben hat. Aus anthroposophischer Geisteswissenschaft heraus habe ich den Seminarkurs gehalten vor der Eröffnung der Waldorfschule für die Lehrer dieser Waldorfschule. Aber nicht etwa wurde diese Waldorfschule dazu missbraucht, um in einer Weltanschauungs-Schule schon den Kindern dogmatisch Anthroposophie einzuimpfen. Ganz fern davon war die Begründung der Waldorfschule. Bei der Begründung der Waldorfschule handelte es sich darum, anzuwenden eine Pädagogik und Didaktik, innerhalb welcher bis in die Geschicklichkeit der Finger hinein sich anthroposophische Geisteswissenschaft praktisch erweisen kann; aus der Handhabung der Pädagogik und Didaktik und dem, was man tat, wollte man die Früchte zeigen des anthroposophischen Fühlens und Empfindens und Denkens, nicht in dem Einimpfen irgendwelcher Dogmen. Daher wurde geradezu, ich möchte sagen, radikal abgesehen davon, die Waldorfschule zu einer Weltanschauungsschule zu machen. Es wurde daher der Religions-Unterricht ausgeschieden von den übrigen Lehrfächern. Der religiöse Unterricht für die katholischen Kinder wurde dem katholischen Pfarrer übertragen, der religiöse Unterricht der evangelischen Kinder dem evangelischen Pfarrer.

Und dann ergab sich im Laufe der Schulwirksamkeit, dass eine große Anzahl von Kindern da war, Dissidentenkinder, die gar keinen Unterricht, weder den katholischen noch den evangelischen, mitmachten. Was nun mit diesen Kindern tun?

Zunächst war ja der Kinderkreis der Waldorfschule heraus aus den Arbeiterkindern der Waldorf-Astoria Zigarettenfabrik; denn von unserm Freunde Emil Molt in Stuttgart ist ja diese Waldorfschule begründet worden, und zunächst waren die Kinder «die Arbeiterkinder», die Kinder der Arbeiter der Waldorf-Astoria Zigarettenfabrik. Nun, da waren sehr viele Eltern, die wollten ihre Kinder in keinen der Religionsunterrichte schicken; aber sie hatten das Bedürfnis, dass die Kinder nicht ohne Religion, ohne hingeführt zu werden in Geistiges, aufwachsen sollen. Und so waren wir genötigt, gerade so neben den übrigen Unterricht hinzustellen eine Art anthroposophischen freien Religions-Unterricht, den wir dann auch pädagogisch-didaktisch ausbauten, und der jetzt als dritter dasteht, gleichberechtigt mit den beiden andern.

Dafür, dass namentlich die evangelischen Religions-Lehrer äußern mussten, sie fürchteten, dass ihnen die Kinder davonlaufen und hinüberlaufen in den anthroposophischen Religionsunterricht, nicht wahr, dafür können wir ja nichts, dafür sind die Herren selber verantwortlich. Aber wie gesagt, gerade in dieser Behandlung der Religions-Unterrichts-Fragen sollte gezeigt werden, wie die Waldorfschule entfernt davon ist, eine Weltanschauungs-Schule sein zu wollen.

Dagegen ist man durch anthroposophische Geisteswissenschaft imstande, sich die Frage zu beantworten: Welches sind die Kräfte, die in dem Kinde, nachdem es heruntergestiegen ist aus der geistigen Welt, physischen Leib angenommen hat, welches sind die Kräfte, die jetzt in dem Kinde besonders tätig sind bis zu dem Lebensjahre, in dem die Zähne wechseln, so um das siebente Lebensjahr herum?

Es sind vorzugsweise Imitationskräfte, nachahmende Kräfte, und alles dasjenige, was man in diesem Lebensalter an das Kind heranbringen soll, muss durch ein gewisses Studium dieser kindlichen Nachahmungskräfte erreicht werden.

Andere Kräfte treten aus dem Untergrund des kindlichen Gemütes dann um das siebte Jahr auf. Man muss rechnen mit diesen Kräften. Man sieht dann, wie man Lesen, Schreiben und so weiter zu behandeln hat; aus dem, was man ja kannte aus anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft, wurde eine Pädagogik und Didaktik geformt, eine wirkliche Erziehungskunst, die darauf hinarbeitet, nicht in abstrakter Weise Lesen und Schreiben an die Kinder heranzubringen, sondern so, dass aus einem gewissen künstlerischen Vollmenschentum das Lesen und Schreiben herausgeholt wird.

Zwischen dem sechsten, siebten und neunten Jahre ist der Unterricht so, dass man durchaus Rücksicht darauf nimmt, dass an das Kind nichts Abstraktes, nichts herantritt, das den bloßen Kopf, den bloßen Intellekt beschäftigt. Unsere bloßen Zahlen und Buchstabenzeichen beschäftigen nämlich den bloßen Intellekt, wenn man sie nicht herausholt aus der vollen Betätigung des Menschen. Und so musste namentlich auf dieses kindliche Alter in hohem Grade Licht fallen durch anthroposophische Betrachtung der menschlichen Entwicklung. Darauf wurde die entsprechende Pädagogik und Didaktik begründet.

Zwischen dem neunten und zehnten Lebensjahre liegt nun für die kindliche Entwicklung ein wichtiger Punkt, der von dem Erziehen den und Lehrenden berücksichtigt werden muss. Da tritt etwas ein, das gewöhnlich gar nicht bemerkt wird. Vorher unterscheidet sich das Kind kaum von seiner Umgebung. Man belehrt es am besten, wenn man möglichst wenig an sein Ich-Gefühl appelliert. Aber zwischen dem neunten und zehnten Lebensjahr, da bricht in das kindliche Gemüt etwas herein, dessen hauptsächlichste Entwicklung nur kurz dauert. Man muss gewachsen sein der Beobachtung desjenigen, was da geschieht in der kindlichen Entwicklung, denn manchmal hängt es von wenigen Tagen ab, dass man die richtigen Worte, den richtigen Zuspruch für das Kind findet, dass man das Richtige richtig heranbringt.

Und so handelt es sich darum, dass man in jedem Jahre, in jeder Woche weiß, was die menschliche Natur will. Und so bringt man das Kind hinauf, und wir haben diese Pädagogik und Didaktik ausgebildet, um das Kind hinaufzubringen bis zum 13., 14., 15. Lebensjahr, wo wiederum etwas ganz anderes in der kindlichen Entwicklung auftritt.

Dieses Jahr, sehen Sie, vor acht Tagen war ich nun genötigt, in einem Nachkursus vor der Lehrerschaft zu sorgen dafür, dass in der entsprechenden Weise nun unsere sogenannte zehnte Klasse eröffnet werden konnte. Das ist diejenige Klasse, in die die Kinder hineintreten, so durchschnittlich, indem sie eben die Geschlechtsreife erlangt haben, oder wie wir in der anthroposophischen Geisteswissenschaft sagen, in dem Lebensalter, in dem die kindliche Astralität, der astralische Leib, wie wir sagen, der eigentliche geist-seelische Leib geboren wird. Das erfordert eine ganz besondere Vertiefung in dieses wichtige Lebensalter. Und indem wir diese Klasse eröffneten, musste wiederum die pädagogisch-didaktische Maxime gefunden werden, um die Jugend in dieses Lebensalter hineinzuführen.

Sehen Sie, man muss in einer gewissen Weise die ganze Schwere des Zeitalters auf der Seele lasten fühlen, wenn man in dieser Art will nun wirklich zeitgemäße Pädagogik und Didaktik praktisch treiben. Denn man hat es ja gesehen: In den letzten Jahrzehnten - ich möchte sagen, es ist eine internationale Angelegenheit - ist heraufgekommen die sogenannte Jugendbewegung in den mannigfaltigsten Gestalten. Was bedeutete denn diese Jugendbewegung? Die Jugend forderte etwas ganz Neues plötzlich und ist sich bewusst: Das, was sie fordert, können ihr die Alten nicht geben. Der Wandervogeltrieb und so weiter, wie sie alle heißen, sie sind ja den Menschen bekannt geworden.

Nun hat diese Jugendbewegung doch deutlich gezeigt: Die Alten waren nicht mehr imstande, die richtige Autorität zu sein der Jugend gegenüber. Die Jugend erwartete nicht mehr dasjenige, was früher von der Jugend gegenüber dem Alter erwartet worden ist, und ein furchtbares seelisches Sehnen ging durch die Jugend. Ich möchte sagen: In diesem seelischen Sehnen, so irrtumsreich, so nebulos es in gewisser Beziehung war, drückt sich ganz klar aus der Ruf nach einer neuen Pädagogik und Didaktik. Man braucht gar nicht zu [sehen], ob irgendetwas, was mit einer solchen elementaren Kraft aus den Untergründen des Lebens heraufkommt, ob das nun mehr oder weniger richtig oder falsch ist, sondern man braucht es nur anzusehen in seiner Tatsächlichkeit, dann kann es einem schon dies oder jenes beweisen. Insbesondere wer dann gesehen hat die neueste Phase dieser Jugendbewegungen, die erst in den letzten Jahren zum Vorschein gekommen ist, der muss sich dieses sagen: Diese Jugendbewegung äußerte sich ja zuerst so, dass aus dem nebulosen chaotischen Drängen der Anschluss des einen an den anderen hervorgegangen ist. Ich möchte sagen - in Rudeln, in Cliquen lebte sich das Jugendliche aus. Da trat plötzlich eine merkwürdige Wendung ein, erst in den letzten Jahren und gerade bei den besten Zugehörigen zu dieser Jugendbewegung trat eine kolossale Wendung ein. Man bekam es satt, dieses Anschließen des einen an den andern in kleinen Cliquen. Und diejenigen, die früher förmlich den Drang gehabt haben, sich anzuschließen der eine an den andern, bekamen eine Art Ekel vor dem Zusammensein. Ein gewisses Eremitentum machte sich geltend, jugendliches Eremitentum. Sie schlossen sich ab, sie kapselten sich ein, die jungen Leute. Ein vollständiger Umschwung hat stattgefunden. Wiederum tief bezeichnend ist das. Und wiederum ist es nicht etwa eine mitteleuropäische, sondern eine internationale Angelegenheit, die heute alle möglichen Jugendkreise der zivilisierten Welt ergriffen hat. Es handelt sich schon darum, dass heute die Notwendigkeit vorhanden ist, für geistiges Leben aus dem tiefsten Untergrund des gesamten Lebens heraus zu sorgen.

So etwas sollte durch die Freie Waldorfschule in Stuttgart, die, möchte ich sagen, eben einmal auch aus den sozialen Verhältnissen heraus entstand, geschaffen werden. Alles Schwafeln von der Einheitsschule aus allen möglichen Rankünen und Antipathien und Sympathien heraus verliert sich natürlich sofort an das Sachliche, wenn man aus der Natur des Menschen heraus unterrichtet und erzieht. Da werden ja selbstverständlich die Menschen einheitlich unterrichtet und erzogen. Aber sachgemäß wird die Sache ins Leben gerufen, nicht aus politischen Anträgen oder Antipathien und Rankünen und Räsonnements heraus. Davon hängt die gedeihliche Fortentwicklung der Menschheit ab, dass aus Sachlichem heraus das Sachliche gegründet werde.

Aber um so etwas zu verwirklichen, um nun wirklich die Lehrer zu haben, die in einer solchen Weise mit einer solchen Pädagogik und Didaktik an die Jugend herankommen können, dazu brauchen Sie das freie Geistesleben, denn Sie müssen die volle Kraft der Lehrer einsetzen können. Meine sehr verehrten Anwesenden, gar mancher hat lange gedacht, insbesondere in den Zeiten der liberalen Ideen, in denen die Freiheit in so großartiger Weise untergegangen ist, gar mancher hat gedacht: Man braucht Programme, man braucht zusammenfassende Ideen. Man hat auch viele Programme ausersonnen über die beste Art, zu unterrichten, namentlich über die Lehrpläne.

Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, wenn Sie fünf, sechs, zwölf gar nicht besonders gescheite Leute zusammensetzen - verzeihen Sie diese etwas zarte oder unzarte Anspielung -, wenn sich so und so viele Leute zusammensetzen und ihren abstrakten Verstand spielen lassen, dann bekommen sie die idealsten Programme heraus, alles vollkommen; Paragraf I, der Lehrer hat dies in der Klasse zu lehren, Paragraf II, der Lehrer hat die Schüler so und so zu behandeln, Paragraf III, das oder jenes hat zu geschehen. Für das achte Jahr hat das zu geschehen und so weiter. In der größten Vollkommenheit, Paragraf I bis x, kann alles so hingestellt werden, und man kann geradezu ein ideales Programm herausbekommen, bei mittlerer intellektueller Veranlagung der zwölf Leute, die sich da zusammengesetzt haben. Um irgendetwas festzulegen in abstracto, ist gar nicht besonders viel notwendig. Nur weil die Leute schon einmal den Drang haben, nicht einig zu sein, so haben wir nicht eines, sondern viele Programme erhalten. Es schwirren nur so die Programme und die Gescheitheit durch die Welt. Wann hätten denn mehr die Programme und die Gescheitheit - wobei auch das Wort «Gescheitheit» nicht einmal ironisch gebraucht ist- durch die Welt geschwirrt, als gerade just im neunzehnten Jahrhundert.

Aber sehen Sie, auf das kommt es ja nicht an, sondern auf dasjenige kommt es an, was in der Wirklichkeit geschieht. Es kommt auf das echte, praktische Leben an. Nun, wir sind ja allerdings allmählich in merkwürdige Gebiete der Abstraktion hineingekommen. Die Leute denken ja heute sogar in der Theorie über ganz sonderbare Theorien. Sie denken zum Beispiel nach darüber, wenn sie mit gewöhnlicher Geschwindigkeit fahren von einem Orte A zum Orte B, wenn an dem Orte A eine Kanone losgelassen wird, und an dem Orte B eine Kanone losgelassen, nachher abgeschossen wird, so hören sie die später abgeschossene Kanone später als die früher abgeschossene. Wenn sie aber immer schneller sich bewegen, so verändert sich die Zwischenzeit; und dann rechnen sie sich aus, wenn sie sich mit gewöhnlicher Schallgeschwindigkeit bewegen, so hören sie sogar die eine Kanone, die später abgeschossen wird, gleichzeitig. Und wenn sie sich schneller als der Schall bewegen, dann hören sie die später abgeschossene Kanone sogar früher als die früher abgeschossene!

Nun, sehen Sie, das mag sich theoretisch ganz richtig ausnehmen, man hat gar nichts einzuwenden dagegen. Nur derjenige, der im geisteswissenschaftlichen Sinne denkt, wirklichkeitsgemäß denkt, nicht nur logisch, der hat etwas einzuwenden, denn das ist nur die eine Seite, zur Wahrheit zu kommen, und der will wirklichkeitsgemäß denken, und dann muss er sich vorstellen auch, wie ein solcher Mensch aussehen würde, der sich nun schneller bewegen würde als der Schall. Der Einstein hat ja sogar ausgerechnet, wie eine Uhr aussieht, wenn sie mit Lichtgeschwindigkeit hinausfliegt ins All und wieder zurückkommt. Theoretisch lässt sich das alles machen, selbstverständlich ist das theoretisch alles richtig. Es ist das viel bewundert worden. Aber man soll sich nur vorstellen, wie die Uhr aussieht, wenn sie wieder zurückkommt, oder wie ein Mensch aussieht, der mit Schallgeschwindigkeit sich weiterbewegt! Das eine wäre sicher, man könnte da nicht über die Verschiedenheiten in der Schallgeschwindigkeit urteilen, denn der Mensch müsste ja selber Schall werden. Das würde einen eben darauf führen, dass man nicht anders kann mit seinem Denken, als dass einem überall die konkrete Wirklichkeit hineinfließt in seine Seele, nicht die abstrakte Theorie. Dann erst ist man auf dem wirklichen Wege zur Wahrheit. Dann aber sieht man auch ein: Ganz schöne Programme könnten ein Dutzend Menschen ausarbeiten. Aber ein Dutzend Lehrer kann eben nur dasjenige verwirklichen, was in der Kraft dieser Lehrer liegt. Und die schönsten Ideale haben gar keinen Wert gegenüber demjenigen, was real in den Menschen lebt. Daher muss aus der Realität der Menschen hervorgeholt werden dasjenige, was erreicht werden soll. Man muss einfach aus den einzelnen Individualitäten der Lehrer heraus diese Schulrepublik schaffen, muss nicht mehr wollen, als die Lehrer leisten können, die man gerade an ihren Platz stellen kann. Man muss mit den konkreten Lehrern rechnen, und das Schulprogramm ergibt sich aus dieser konkreten Lehrerschaft heraus. Das aber ist nur möglich bei einem freien Geistesleben, bei einem solchen Geistesleben, wie es angestrebt wird für den dreigliedrigen sozialen Organismus, wo tatsächlich der einzelne Mensch der geistigen Welt unmittelbar gegenübersteht, sich verantwortlich weiß für dasjenige, was er auf dem Gebiete des Geisteslebens zu leisten hat, verantwortlich weiß unmittelbar der geistigen Welt, nicht dem Schulrat, oder durch seine Hilfe dem Unterrichtsminister und so weiter, sondern unmittelbar den Mächten der geistigen Welt. Denn so entfalten ein Unterrichtsund Erziehungswesen, wie ich es eben auseinandergesetzt habe, ist nur möglich, wenn man nicht ein abstraktes, ein intellektuelles Geistesleben bloß hat, sondern ein wirkliches Geistesleben, wenn der Geist es selber ist, der durch die Taten der Menschen real auf der Erde waltet, wenn man an den lebendigen Geist appelliert, nicht bloß an Begriffe und Ideen, nicht bloß an das Intellektuelle und Intellektive. Das aber können Sie nur hervorholen, herausbringen, dieses lebendige Geistesleben, diesen wirksamen Geist, aus den einzelnen menschlichen Individualitäten selber. Wenn von dem Lehrer der untersten Volksschulklasse bis hinauf zu dem Lehrer des höchsten Schulwesens ein jeder eingegliedert ist in den selbstständigen geistigen Organismus, sodass jeder nur selber sich folgen kann, und so viel Unterricht nur zu leisten hat, dass ihm noch übrig bleibt, Verwaltungsaufgaben zu leisten, sodass alles, was verwaltet wird, verwaltet wird von denjenigen, die nun - nicht etwa, nachdem sie pensioniert sind, oder herausgeholt sind aus dem Schulwesen -, die noch lehrend sind, die wirklich noch lehren, Verwaltung des Schulwesens ist, zugleich Sache derjenigen ist, die im lebendigen Lehren drinnenstehen. Autorität würde da nicht sein, sagt man. Nein, gerade da würde die richtige Autorität des geistigen Lebens sein, nämlich die selbstverständliche Autorität. Auf keinem Gebiete darf sich eine andere Autorität ergeben als diejenige, die sich ganz von selbst ergibt. Ich möchte wissen, wie nicht Autorität da sein sollte, wenn irgendjemand wirklich den Willen hat, etwas Heilbringendes machen will und weiß, der andere kann ihm einen Rat geben, dann kommt er schon, und dann wird derjenige, der ihm den Rat geben kann, die selbstverständliche Autorität.

Mir ist die Aufgabe zugefallen, die Freie Waldorfschule in Stuttgart zu leiten. Jeder Lehrer ist in seiner Klasse sein selbstständiger Herr. Derjenige, der in der Stunde irgendetwas leistet, leistet es aus seinem eigenen Impuls heraus. Noch niemals ist irgendwie die Meinung aufgetaucht, ich hätte irgendjemandem in der Waldorfschule etwas befohlen. Dagegen holt sich jeder in allen möglichen Angelegenheiten Rat, und es ist ein einheitlicher Geist in dieser Waldorfschule. Es ist die ganz selbstverständliche Autorität da. Und man konnte sie wachsen sehen, diese selbstverständliche Autorität, auf dem Geist der Waldorfschule in den letzten zwei Jahren, seit diese Waldorfschule besteht. Man konnte in dieser Schule, die vor zwei Jahren begonnen wurde mit nicht ganz 200 Kindern, die jetzt über 500 Kinder hat, der man neuerlich Schwierigkeiten macht, weil man ihr nicht die Klassen vergrößern will, die unteren vier Klassen, es sollen nur immer so viele Kinder aufgenommen werden, als vor dem Grundschulgesetz schon da waren; in der letzten Zeit stellt sich allerdings heraus, dass sich die Eltern das nicht gefallen lassen werden - nun, [in] dieser Waldorfschule ist ein Ort gegeben, wo man tatsächlich auf einem gewissen Gebiete realisieren kann dasjenige, was man aus dem freien Geistesleben heraus wissen kann. Man macht ja da manchmal seine sonderbaren Erfahrungen, über die ich vielleicht aus leicht begreiflichen Gründen, insofern sie die Erfahrungen im Zusammenwirken, in dem doch sozialen Zusammenwirken, das wir aber nicht in den Unterricht hineinlassen, mit dem behördlichen Leben sich ergeben, über die ich aus leicht begreiflichen Gründen lieber jetzt keine Mitteilungen machen will; aber es ist schon möglich, zu sehen, wie aus dem konkreten Praktischen heraus das Einzelne in Angriff genommen werden kann, was in dieser Dreigliederung des sozialen Organismus liegt, und wie man es nicht zu tun hat mit irgendeiner Utopie.

Ebenso kann das gemacht werden auf anderen Gebieten des geistigen Lebens. Und tatsächlich wird anthroposophische Weltanschauung etwas sein, was sich nicht dogmatisch aufdrängen wird, sondern was durch seine Lebensfähigkeit seine Daseinsberechtigung erweisen wird. Denn, meine sehr verehrten Anwesenden, man sollte überhaupt nicht glauben, dass derjenige, der aus solchen Untergründen heraus, aus wirklichkeitsgemäßen Untergründen heraus so etwas hinschreibt wie «Die Kernpunkte der sozialen Frage», dass der an irgendetwas Utopistisches denkt. Davon kann gar nicht die Rede sein, nicht einmal in der Wahl der Ausdrücke: Dreigliederung des sozialen Organismus. Ich habe es immer wiederum in den letzten Jahren, als mir viele Leute die Dreigliederung zu einer Sektensache gemacht haben, was sie natürlich von mir ganz gewiss nicht gedacht war, ich habe es insbesondere in Deutschland immer wieder erleben müssen, dass gefragt worden ist: Wie hat man das zu organisieren? Wie das, wie jenes? Es ist schon wirklich recht schlimm, wenn einem auch noch in der Nachkriegszeit «organisieren» immer entgegentritt, und insbesondere, wenn einer dasjenige, was er gern verwirklicht sehen möchte, Organismus nennt, wenn man da noch hört die Worte: organisieren, organisieren; organisieren tut man da, wo Mechanisches ist; ein Organismus ist ja eben dazu da, dass man ihn nicht organisieren kann. Man kann das Organische nicht organisieren. Das muss sich als ein Organismus ausnehmen. Wo man etwas organisieren will, muss man nur das [Anorganische] vorliegend haben. Man kann nicht einen Organismus organisieren. Den muss man werden lassen.

Man kann dabei das gründlich Missverstandene der Dinge sehen, wenn solche Dinge auftreten. Und so liegt denn auch dieser Dreigliederung des sozialen Organismus durchaus zugrunde die angestrebte Tatsache, dass sich die Dinge bilden müssen, dass man nur die Bildekräfte zu entwickeln hat, dass der dreigliedrige soziale Organismus eben entstehen muss. Deshalb kann man ihn nicht abstrakt beschreiben. Gerade diejenigen, die von Utopie gesprochen haben, möchten eigentlich immer gerne Utopien haben. Man kann dann, wenn von solchen Dingen gesprochen wird, es hören, dass man gefragt wird, nun ja: Wie wird dann im dreigliedrigen sozialen Organismus der Besitz einer Nähmaschine sich ausnehmen? Was ja hier einmal an diesem Orte gefragt worden ist, und so weiter.

Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, ein freies Geistesleben ist aber nur unter der Voraussetzung eines wirklichen Geisteslebens möglich. Es wurde mir in einer schweizerischen Stadt einmal, als ich über solche Dinge sprach, von einem Universitätslehrer erwidert: Ja, aber wir haben doch schon die Freiheit des Geisteslebens, denn in allen Staatsverfassungen steht: Die Wissenschaft und ihre Lehre ist frei. — Aber, meine sehr verehrten Anwesenden, da handelt es sich doch darum, dass die Wissenschaft, die frei ist, frei sein soll, erst als eine freie da ist. Wenn die Wissenschaft von vorneherein so aufwächst, dass Leute ausgebildet werden, die für dieses oder jenes Amt taugen, denen aufgeprägt wird das Programm ihres Amtes, dann können Sie ruhig verfügen, die Wissenschaft und ihre Lehre ist frei. Wenn die Wissenschaft selber versklavt ist, dann fühlt sich natürlich die versklavte Wissenschaft sehr frei, wenn sie sich als Sklave entfalten darf.

Und so wurde einem vielfach erwidert: In dem oder in jenem Lande, da redet der Staat ja gar nicht hinein in die Schule. Das ist schon am schlimmsten, wenn man das sagt, denn dann merkt man es gar nicht mehr, und das ist dann viel schlechter, als wenn man’s merkt und sich dagegen auflehnt, als wenn man es gar nicht einmal mehr merkt, wie hineinfließt dasjenige, was nur aus den staatlichen Prinzipien heraus ist, die ohne Sach- und Fachkenntnis aus dem unrichtigen Demokratischen entspringen, wenn man das gar nicht mehr merkt, was aus den Fähigkeiten ersprießen soll, für jede neue Generation neu, was noch der Mensch hereinbringt stets aus der geistigen Welt, indem er durch die Geburt ins physische Dasein tritt. Wir brauchen einfach eine Erzieher- und Lehrerschaft, die mit heiliger Ehrfurcht steht vor dem Kinde, und die sich sagt: In dem Kinde ist mir hereingeschickt etwas aus der geistigen Welt, was ich als ein Rätsel zu ergründen und zu lösen habe. Ich habe mich zu erkundigen, was sie aus der geistigen Welt ihm für einen Brief mitgegeben haben. Die Kenntnis der geistigen Welt muss leben im Unterrichten und im Erziehen; diese geistige Welt muss real sein im Unterrichten und im Erziehen. Wenn man tyrannisiert durch dasjenige, was schon da ist, durch die lebende Generation diejenige, die nachkommt, dann wird das Geistesleben unfrei gemacht. Und es ist zum großen Teil die Unterrichts- und Erziehungsfrage im freien Geistesleben eine Lehrerfrage, die Frage, die Möglichkeit, die richtigen Lehrer zu finden, diejenigen, die so stehen vor den heranwachsenden Kindern, wie ich es jetzt eben charakterisiert habe.

Meine schr verehrten Anwesenden, ich wollte mit ein paar Strichen, die ja natürlich immer nur fragmentarisch bleiben müssen, hinweisen darauf, wie in dem dreigliedrigen sozialen Organismus das freie Geistesleben zu denken ist. Heute, sagte ich im Eingange meiner Worte, stehen wir eigentlich einer andern Zeit gegenüber als im Frühling, im Frühjahr 1919. Dazumal konnte man glauben, dass wirklich sich eine genügend große Anzahl von Menschen für die Verwirklichung der Dreigliederungsidee finden wird. Heute würde man unzeitgemäß denken, wenn man denselben Glauben hätte wie dazumal. Auch Dreigliederung darf nichts Sektiererisches werden, wovon man glauben kann, dass man es immer und überall vertreten kann theoretisch als seine Meinung. Heute ist ganz klar zu sehen, mit so schwerem Herzen man das auch bekennen muss, dass innerhalb der europäischen Zivilisation zunächst die eigentlich wirtschaftenden Leute keinen Sinn für Fortschritt haben, keinen Einblick in die wirklichen Bedürfnisse, dass man tauben Ohren predigt, wenn man ins Wirtschaftsleben hineinwirken will mit vernünftigen Grundlagen. Heute ist ohne Weiteres klar, dass man zwar einzelne produktive Beispiele, wie wir es versucht haben im «Kommenden Tag», im «Futurum», vor die Welt hinstellen kann, sie werden als einzelne weiße Raben bestehen, sie werden ja achtgeben, dass sie bestehen können, und sie werden die Erwartungen, die auf sie gesetzt werden, jedenfalls als Einzelne erfüllen. Aber davon kann heute nicht die Rede sein, dass man auf eine Einsicht stößt im allgemeinen wirtschaftlichen Leben, um mit solchen Dingen tatsächlich solche Ideen erfassen zu können, wie man noch glauben konnte in dem ersten Drang der Menschheitserfahrungen und Ergebnisse im Jahre 1919. Die Menschen haben sich mittlerweile daran gewöhnt, die alten niedergehenden Kräfte weiterzuleimen. Niedergehende Kräfte sind sie ja deshalb doch, und der Zusammenbruch kommt doch. Man hat sich nur entschlossen, den Zusammenbruch etwas zu leimen, alles laufen zu lassen, damit man nicht nötig hat, die Kraft aufwenden zu müssen, zu neuen Ideen vorzuschreiten. Und die Menschheit schläft ja zum großen Teile und bemerkt nicht, wie die Niedergangskräfte eigentlich wüten, und wie mit jedem Vierteljahr näher die zivilisierte Menschheit diesem Niedergange ist. Die Menschen gehen eben viel lieber den Konvulsionen, den furchtbaren Erschütterungen, die im Schoße der Gegenwart für die Zukunft liegen, entgegen, wenn sie sich [nicht] dafür [erwärmen] können, in der unmittelbaren Gegenwart zu [greifen] zu Ideen, die allerdings aus der Wirklichkeit heraus sachgemäß in ruhiger Entwicklung herausholen könnten dasjenige, was in der Zukunft dennoch gebraucht wird.

Und so kann man sagen: Auf das Wirtschaftsleben ist heute wenig Hoffnung zu setzen. Das wird gezwungen werden müssen, die neuen Ideen aufzunehmen, durch die eigene Not, durch die Wirkung der Niedergangskräfte. Im geistigen Leben aber müssen wir unbedingt tätig sein, das freie Geistesleben als ein Glied des dreigliedrigen Organismus auszubilden. Das ist dasjenige, was nicht erlahmen darf, was unbedingt gepflegt werden muss, denn die Zeit, in der wir leben, ist geistig ja so, dass die Menschen in ihren Seelen immer leerer und leerer werden, immer mehr und mehr veröden. Sie sind zu bequem, um sich das heute noch selber zu gestehen; aber wir gehen furchtbaren Zeiten entgegen in Bezug auf die Seelenverfassung der Menschen, die sich schon ausleben werden, auch im physischen Befinden.

Ich habe davon öfter gesprochen, auch in öffentlichen Vorträgen schon. Das geistige Leben, das muss uns hinüberretten bis in diejenigen Zeiten, in denen auch wiederum auf wirtschaftlichem Boden etwas eingesehen wird von Vernünftigen. Notwendig hat man, dass dieses Geistesleben in seiner Freiheit überall da gepflegt wird, wo es nur gepflegt werden kann. Anthroposophischer Boden ist der denkbar beste Boden dazu, denn dann muss aus völliger Freiheit heraus gearbeitet werden. Denn dasjenige, was erarbeitet werden muss, ist ja noch nicht da. Und da es Geist ist, kann es nur aus der Freiheit heraus [er]arbeitet werden. Und daher wird gerade für die allernächste Zeit anthroposophisches Streben und wahrhaftiges soziales Streben immer mehr zusammenfallen. Und vor die Seelen wird man sich hinstellen müssen, dass das Wirtschaftliche erst nachhinken wird, dass das Geistige heute einfach vorangehen muss.

Das zeigen ja auch die Qualitäten unserer Gegner; in Mitteleuropa macht sich jetzt eine sonderbare Gegnerschaft, die gut organisiert ist, geltend. Diese gut organisierte Gegnerschaft hat es bei meinem letzten Vortrag in Stuttgart, den ich am 25. Mai gegen diese Gegnerschaft hatte halten müssen - es sind mir immer Vorträge, die sich mit der Gegnerschaft befassen, besonders antipathisch, aber er war mir aufgenötigt worden -, diese Gegnerschaft hat sich bis zu dem Grade bereits durchgearbeitet, dass dazumal eigentlich auf gedruckten Zetteln, die an alle Menschen dieses vollbesetzten größten Stuttgarter Saales verteilt worden sind, Zettel, auf denen nicht bloß in Anspielungen, sondern ziemlich deutlich stand, dass eigentlich ich daran schuld war, dass die Marneschlacht verloren worden ist 1914, und dass der Minister Simons in England schlecht abgeschnitten hat in der letzten Zeit. Es war nicht bloß etwa in Anspielungen, sondern es war in ganz grobklotziger Weise das auf verteilten Zetteln! Man konnte schen, wie es hier steht bei weit ausgedehnten Parteien, die sich nicht gestehen wollen, was eigentlich geschehen ist, die Sündenböcke brauchen, weil’s nicht mehr zieht, dass man sagt, der Dolchstoß von hinten, mit dem man zudecken wollte zuerst einen wirklich ganz eminent verlorenen Krieg, einen Krieg, der nach allen Regeln der Kunst verloren ist, das wollte man zudecken durch den «Dolchstoß» von hinten; jetzt wollte man zudecken die absolute Unfähigkeit, die jemals ein Heer geführt hat, des Ludendorffismus, die will man zudecken. Man will heute durchaus unfähigste Menschen zu großen Genies machen. Ein durchlogenes Geistesleben ist eben ein Geistesleben, das im Niedergange begriffen ist.

Und nicht anders sieht es im Westen aus, nicht anders sieht es in Amerika aus. Es tritt alles da etwas schärfer hervor, wo eben die Niederlage die Sachen schärfer hervortreten lässt. Überall haben wir nötig, aus der Korruption der Menschheit, die in Lüge und Unwahrhaftigkeit heute erstickt, hervorzuholen ein wirkliches, ein wahres, ein freies Geistesleben. Denn dieses ist identisch mit der Wahrheit, und dieses ist identisch zu gleicher Zeit mit einem wirklichkeitsgemäßen Streben. Deshalb darf man doch glauben, wenn auch heute wenig Aussicht vorhanden ist, dass sich eine genügend große Anzahl der Menschen erwärmen kann für ein volles Verständnis der Dreigliederungsidee. Derjenige, der den nötigen Enthusiasmus und den nötigen Mut für ein freies Geistesleben aufbringen kann, der hilft dem dreigliedrigen sozialen Organismus auf die Beine. Dann wird ein wirkliches freies Geistesleben Realität. Wird es Realität in den Herzen, in den Kräften, in den Handlungsweisen der Menschen, dann folgt ganz gewiss aus einem solchen wahren freien Geistesleben der dreigliedrige soziale Organismus aus der Notwendigkeit, aus der Not der Zeit von selber nach. (Lebhafter Beifall!)

Diskussion

Frage: Wie kann jeder gewöhnliche Mensch, der ganz ohne Einfluss ist auf öffentliche Einrichtungen, arbeiten im Sinne der Dreigliederung? Rudolf Steiner: Die Frage, die hier zunächst gestellt ist, lautet: Wie kann jeder gewöhnliche Mensch, der ganz ohne Einfluss auf öffentliche Einrichtungen ist, arbeiten im Sinne der Dreigliederung? - Nun, erstens ist es mir nicht recht anschaulich, wie jemand ohne Einfluss auf öffentliche Einrichtungen sein kann. Wenn er nicht gerade im Gefängnis ist, oder auf eine andere Weise an einem Orte, an dem er sich kaum bewegen kann, so ist er eigentlich immer von einem gewissen Einfluss auf öffentliche Einrichtungen. Es sorgt ja schon die äußere Welt dafür, dass man niemals ganz ohne Einfluss auf öffentliche Einrichtungen ist; man muss Steuern bezahlen und so weiter, man hat also immer irgendwelchen Einfluss auf öffentliche Einrichtungen. Es kann also eigentlich gar nicht so die Frage gestellt werden.

Dann aber, wenn vielleicht gemeint ist: Wie kann man im Sinne der Dreigliederung wirken?, wenn man vielleicht nicht die Gelegenheit hat, zu reden, irgendwie frei zu reden, wenn man nicht die Gelegenheit hat, sagen wir, Parlamentarier zu sein oder etwas Ähnliches, wie kann man im Sinne der Dreigliederung des sozialen Organismus wirken? Dann muss man sagen: Nun, dieser Impuls zur Dreigliederung ist eben etwas ganz Konkretes. Und deshalb kann man eigentlich auch nur in konkreten Beispielen über die Sache reden. Sehen Sie, ich will zum Beispiel Folgendes sagen. Es bestehen Einrichtungen überall im Sinne der Verstaatlichung, partieller oder mehr oder weniger weitgehender Verstaatlichung - sagen wir, der Medizinal-Angelegenheiten, des Kurierens. Nun, es ist immer wieder und wiederum vorgekommen, dass gute - ihrer eigenen Meinung nach «gute» Bekenner unserer Anschauung kommen und sagen, sie möchten dies oder jenes Heilmittel haben und so weiter! Also sie möchten einen eigentlich veranlassen zur Kurpfuscherei, und zum Verstoßen gegen das Gesetz! Dazu wären sie immer zu gewinnen, die Leute! Sie brauchen gar nicht irgendwie Einfluss auf öffentliche Einrichtungen zu haben, aber wenn ihnen irgendetwas fehlt, dann erkennen sie nicht an - vielleicht mit mehr oder weniger Recht - den staatlich anerkannten Arzt und möchten irgendwie von hinten herum kurieren. Ich habe sogar schon Minister kennengelernt, die im öffentlichen Parlament aufgetreten sind gegen die Kurpfuscherei und für den Schutz des Ärztestandes durch Gesetz, und hinterher haben sie sich selber in Fällen, wo sie krank geworden sind, oder irgendein anderer, an irgendjemanden, der nicht staatlich anerkannter Arzt ist, gewendet! Die Leute sind furchtbar schwer dafür zu gewinnen, wirklich sich anzuschließen denjenigen Bewegungen, die entsprechen einfach der Herbeiführung solcher Einrichtungen, die notwendig sind, wenn man ein freies Geistesleben haben will, oder überhaupt, wenn man dasjenige haben will, zu dem man sich bekennt! Solche Beispiele ließen sich viele anführen, wo jeder an seinem Platze, indem er sich nicht scheut, überall da, wo es ihm möglich ist, einzutreten gegen dasjenige, was er als schlecht anerkennt. Erkennt man dasjenige, was staatlicher Schutz der Medizin ist, als eine Absurdität an, dann trete man auch dafür ein! Oder, meine sehr verehrten Anwesenden, ist es nicht eine Absurdität, dass da drüben, jenseits der Grenze, über [die] Leopoldshöhe da drüben, dass da eine andere Kunst des Gesundmachens sein muss als da ein paar Schritte herüben? Aber ein Arzt, der drüben approbiert ist, der darf hier nicht helfen. Sie werden, wenn Sie sich ihrer Vernunft hingeben, die Sache sofort als eine Absurdität ansehen. Wenn Sie aber, sagen wir, zum Beispiel Bundesratsmitglied sind, oder etwas Ähnliches, dann sehen Sie diese Absurdität nicht ein! - Und wenn Sie sie einsehen, dann finden Sie es nicht opportun, sie zu vertreten. Aber wenn sich einer zum andern findet, so stehen zuletzt genügend Menschen da, um wirklich zum Vernünftigen zu kommen. Und statt zu fragen: Wie kann ein gewöhnlicher Mensch, der keinen Anteil hat an öffentlichen Angelegenheiten, sich im Sinne der Dreigliederung betätigen, tue man dasjenige, was man bei jedem Schritt und Tritt des Lebens fortwährend findet, um es im Sinne der Dreigliederung auszuführen. Dann wird man sehen, dass man stündlich, jeden Tag findet Gelegenheit, um sich im Sinne der Dreigliederung zu betätigen.

Frage: In Holland soll jetzt das Verfassungsverbot der offiziellen katholischen Prozessionen aufgehoben werden, worüber sich die Gemüter sehr aufregen. Wäre dies eigentlich eine Frage des freien Geisteslebens oder auch des öffentlichen Rechtslebens? Rudolf Steiner: Bei manchen Fragen ist es so beim dreigliedrigen sozialen Organismus, obwohl die Idee ganz richtig ist selbstverständlich: Wie kommt es dem Blute der Brust oder des Kopfes zu, bei der Migräne diese oder jene Rolle zu spielen? Das Blut zirkuliert eben, und so kann man nicht sagen, das Blut des Brustorganismus und das Blut des Kopfes, sondern man kann nur vom Blute im Allgemeinen sprechen. Und so wird es auch nicht leicht, die Dinge nun wiederum einzuschachteln. Der dreigliedrige soziale Organismus zeigt sich gerade darin, dass sich die Dinge nicht einschachteln lassen. Man erlebt dabei allerdings ganz sonderbare Dinge. Nicht wahr, ich habe ja in den letzten Jahren immer sprechen müssen von dem dreigliedrigen menschlichen Organismus, dem Sinnesorganismus, dem rhythmischen Organismus und dem Stoffwechsel-Gliedmaßen-Organismus, und es ist ja in den letzten Jahren schon manches von mir selbst und unseren medizinisch naturwissenschaftlichen Freunden aus getan worden, um diese Idee von dem dreigliedrigen Menschen auszubauen. Aber neulich ist ein Buch geschrieben worden, Kurt Leese, glaube ich, heißt der Betreffende. Der hat nun, weil ich gesagt habe, man soll nicht die Dinge so schachtelförmig nebeneinander fügen, sondern der ganze Mensch ist Kopf, trotzdem der Mensch hauptsächlich im Kopfe Kopf ist, ist der ganze Mensch Kopf. Die Dinge gehen ineinander. Auch der Kopf ist wieder versorgt und abhängig von den Gliedmaßen. Die Dinge gehen alle ineinander. Das kann der Kurt Leese nicht mehr denken. Er kann von drei nur denken, wenn es hübsch nebeneinander ist, aber er kann es nicht denken, wenn’s ineinandergeht. Da sagt er: Es ist eine schockierende Idee.

Aber man wird sich schon gewöhnen müssen auch beim dreigliedrigen sozialen Organismus an solche Schocks, [die man bekommt], wenn man ausdenken soll heute durch die Wirkung der Abstraktlinge, wie eine Uhr ausschaut, wenn sie mit Sonnenlicht-Geschwindigkeit fortfliegt und nach Jahren wiederum zurückkommt, das geht aus den verschiedensten Gründen schwer [nachzuschauen], erstens wegen der Beschaffenheit der Uhr, zweitens wegen demjenigen Menschen, der dann, [wenn] die Uhr zurückkommt, wiederum nachschauen [müsste] und so weiter. Also durch solche Ideen der Abstraktlinge wird die Gegenwart durchaus nicht schockiert. Aber schockiert wird sie, wenn etwas Wirklichkeitsgemäßes vor sie hingestellt wird. Also es ist schon notwendig, die Dinge nicht so zu pressen, dass man nun frägt: Ist das nun eine Sache des freien Geisteslebens oder des Rechtslebens? Man kann sagen: Beginnt man einmal damit, irgendwelche Äußerungen, Offenbarungen des Geisteslebens überhaupt zu verbieten, gesetzliche Bestimmungen darüber aufzustellen, dann ist man auf einer abschüssigen Bahn in Bezug auf das Geistesleben. Sagen muss ich schon, sehen Sie, mit Bezug auf diejenigen Institutionen auch sagen, über die ich Ihnen einmal hier — denjenigen, die da gewesen sind — ein eigentümliches Dokument gezeigt habe, das Dokument, das als ein Patent einmal 1847, glaube ich, ausgegeben worden ist in der Schweiz, wo es heißt: Es ist durch die Kraft des Allmächtigen gelungen dem tapferen schweizerischen General Dufour, die Jesuiten aus dem Lande auszutreiben. Dann wird das im Weiteren ausgeführt. Es mutet heute in der freien Schweiz etwas sonderbar an, wenn dazumal der Gnade Gottes und der Kraft, die Gott gegeben hat, zugeschrieben wird die Ausrottung der Jesuiten! Aber es ist so erhalten; ich habe das Dokument, weil es so schön ist, fotografieren lassen. Bei Gelegenheit werde ich auch einmal wieder die Fotografie vorzeigen. Es ist immerhin ganz gut, ab und zu ad oculos den Leuten die Sachen vor die Seele zu bringen. Aber auch in Bezug auf den Jesuitismus bin ich nicht dafür, dass er gesetzlich bekämpft wird. Derjenige, der ihn bekämpfen will, soll ihn mit geistigen Waffen bekämpfen. Man soll sich durchaus nicht ersparen die Unbequemlichkeit, mit geistigen Waffen kämpfen zu müssen gegen alles Geistige, nicht dadurch, dass man Gesetze macht. Gesetze kann man machen mit Majoritätsbeschlüssen. Man braucht ja nicht zu sagen, dass die Mehrheit immer Unsinn sei, denn dann würde ja die Realität, die soziale Realität immer Unsinn sein. Nun, wie gesagt, man braucht nicht so weit zu gehen, aber jedenfalls kann man auch nicht sagen, dass die Mehrheit immer Weisheit ist. Und Gesetze kann man eben machen im demokratischen Staatswesen besonders mit Majoritätsbeschluss. Aber gewisse Dinge lassen sich eben einfach nicht durch Majoritätsbeschlüsse machen. Sie müssen sich ausleben. Und so muss sich auch alles dasjenige ausleben, was man als das irrtümliche Geistige anschaut. Daher muss man schon sagen: Es ist eine Sache der Freiheit und nicht des Zwanges, wenn gestrebt wird danach, die verbotenen katholischen Prozessionen wieder einzuführen, die Verbote gegen die katholischen Prozessionen aufzuheben. Man sollte einzig und allein das Heilmittel darinnen suchen, dass, wenn man sie nicht für vernünftig hält, diese Prozessionen, so bringe man den Leuten diese Vernunft bei, dass sie nicht daran teilnehmen; dann hören sie von selber auf! Das ist das einzige Mittel im geistigen Leben, ebenso, wie man dem Menschen guten Geschmack beibringen kann und er von selber das Richtige tut, aber nicht mit Gesetzen dagegen angehen.

Das ist dasjenige, was freies Geistesleben durchaus fordern muss. Derjenige, der überhaupt auf geistigem Gebiet zu Gesetzen übergehen muss, der kommt eben auf die Bahn, die ich 1908 einmal bezeichnete in Nürnberg in einem Vortragszyklus, wo ich sagte - nicht wahr, man sagt etwas, was schon bedeutsam ist, indem man starke Tinten aufträgt, aber diese starken Tinten sollen eben gerade adäquat charakterisieren - ich sagte dazumal: Eigentlich strebt ja die heutige Menschheit danach, nicht mehr auf die Straße zu gehen, ohne dass rechts der Arzt und links der Polizeimann geht, der Arzt zum Schutz für die Körperlichkeit, der Polizeimann, nu ja, zum Schutz in der materialistischen Zeit ja auch für die Körperlichkeit! Das ist ja nach und nach das Ideal geworden. Ich habe mancherlei Dinge gehört im Leben, aber immer wiederum musste ich ein wenig innerlich zurückzucken, wenn ich in zunehmender Progression der Häufigkeit immer wiederum hörte gegenüber dem oder jenem: Das sollte man gesetzlich verbieten. Das war eben nach und nach eine furchtbar verbreitete Redensart geworden - statt sich die Mühe zu geben, den Leuten Geschmack selber beizubringen, damit diese Dinge von selber aufhören -, «gesetzlich verbieten», «Majoritätsbeschluss» oder so etwas müsse gemacht werden. Das ist dasjenige, was schon im Prinzipiellen geltend gemacht werden muss. Daher hebe man alle Verbote gegen Prozessionen und so weiter auf, lasse die Sachen sich ausleben, dann wird sich das Geistesleben auch in der freien Weise

ausleben können. Es handelt sich durchaus darum, dass die Dummheit, Torheit, Schlechtigkeit durch die Gescheitheit, durch die Güte besiegt werde, dass das Hässliche durch das Schöne besiegt werde, und dass auf dem Gebiete des Geisteslebens gar nichts «gesetzlich» ausgerottet werde.

Frage zur Jugendbewegung: Der Redner führt aus, dass die einzelnen Menschen der Jugendbewegungen Wahrheit und Wirklichkeit erleben wollen und müssen; das Wirtschaftliche scheint ihnen das Gebiet, wo jeder das Mitspracherecht hat, wo jeder lebhaft und tätig werden soll. Später zieht sich oft der Einzelne wieder zurück, um zu sinnen oder einfach weg zu sein von der Gesellschaft. Man komme fast nicht heraus zu einer Lösung. Bald sei es das Wirtschaftliche, das eine Wertmöglichkeit gibt; Erkenntnis des Staatlichen, Politischen existiere nicht für sie, sondern es werde alles bedingt durch das Wirtschaftliche. Einzelne werden von ihrer geistigen Natur abgebracht durch das Wirtschaft[sleben - oder sie ziehen sich zurück in die Einsamkeit].

Rudolf Steiner: Im Wesentlichen hat ja der Herr das charakterisiert, was ich schon im Vortrage gesagt habe: die Phänomene der Jugendbewegungen der letzten Jahrzehnte. Aber es wäre doch nicht ganz richtig, wenn man bei diesem Phänomen der Jugendbewegung stehen bleiben würde. Ich habe doch schon einiges Verständnis gefunden bei Angehörigen dieser Jugendbewegung dann, wenn von mir angeschlagen worden ist dasjenige, was immerhin in den tieferen Untergründen der ganzen Zeitentwicklung lebt. Ich musste zu manchem Angehörigen der Jugendbewegung, der Sie ja selbst anzugehören, sie genau zu kennen scheinen, sagen: Ja, das Jahr 1899 etwa ist für die gesamte Menschheitsentwicklung, namentlich auch für die abendländische Zivilisationsentwicklung ein außerordentlich Wichtiges, und derjenige, der für so etwas einen Blick hat, der weiß, wie grundverschieden diejenigen Menschen sind, die entweder noch ihre Kindheit durchlebt haben, bevor das Jahr 1899 da war, also die ein paar Jahre oder zehn Jahre erst alt waren, oder denjenigen Menschen, die, sagen wir, sogar erst später geboren sind, die also jetzt kaum um die zwanziger Jahre herum sind, und denjenigen Menschen, die schon vor dem Jahre 90 und so weiter geboren sind. Auf dem Grunde der Seelen gingen da ganz wichtige Dinge, ich möchte sagen, aus dem Urquell des Daseins hervor, und das hängt doch zusammen damit, dass mit dem Ende des neunzehnten Jahrhunderts Tore gegen die übersinnliche Welt sich einmal für die abendländische Welt eröffnet haben. Es war nämlich nicht möglich, sagen wir, in den Achtzigerjahren noch, ein anderes Leben zu führen, selbst mit einem mächtigen Drang nach dem geistigen Leben; das Nietzsche-Leben ist etwa jenes Leben, das man darstellen muss als ein solches, das krank geworden ist an dem Niedergang der abendländischen Kultur, weil es das nicht finden konnte, was es suchte: die geistige Grundlage in allem Phänomenalen, in allem Äußerlichen, in allem Sinnlichen. Das Nietzsche-Leben ist deshalb außerordentlich interessant gerade von diesem Gesichtspunkte aus zu studieren. Er beteiligt sich am Schopenhauerismus, wird krank am Schopenhauerismus; er beteiligt sich am Historizismus, wird krank am Historizismus; er beteiligt sich am Wagnertum, wird krank am Wagnertum. Er beteiligt sich am Naturalismus, am Positivismus, wird daran krank. Er beteiligt sich an dem darwinistischen Gestalten zur Idee der Menschheit, wird daran krank und so weiter, und so weiter. Statt der Idee der wiederholten Erdenleben kommt er zu der Idee der Wiederkunft des Gleichen wird daran krank. Nietzsche konnte nicht anders als erkranken an seinem Drang nach der übersinnlichen Welt. Es war eben nicht möglich zu erreichen unmittelbar, elementar am Ende des neunzehnten Jahrhunderts oder vor dem Ablauf des neunzehnten Jahrhunderts. Die Tore haben sich geöffnet, und wir können heute nicht anders, wenn wir überhaupt zu einem innerlich befriedigten Dasein kommen wollen, als uns wenden an die Offenbarungen der geistigen Welt. So von der Natur zu sprechen, wie es eine Berechtigung hatte in den Achtzigerjahren des neunzehnten Jahrhunderts, hat heute keine Berechtigung. Man kann heute hinweisen darauf, wie eine IgnorabimusStrömung da war, wie ein Naturforscher, der Du Bois-Reymond, von Ignorabimus gesprochen hat, wie Ranke, der Historiker, indem er gesucht hat die Geschichte auch darzustellen als Ereignis mit Ausnahme des Christusereignisses; das komme aus den Urgewalten, da gehört Geschichte nicht hin - also Ignorabimus. Heute können wir das alles nicht. Heute steht man davor, dass die übersinnliche Welt herein will, und es ist nur die stumpfe Widerwilligkeit noch, die eben sich stemmt gegen die Annahme einer geistigen Weltanschauung. Und das rumort in der Jugend, das ist doch das Tiefere, das drinnen rumort. Und deshalb mag noch so sehr von einzelnen Mitgliedern der Jugendbewegung gesagt werden, wir wollen nicht das Abstrakte, wir wollen das Gemüthafte -, sie werden noch einsehen müssen: Was Geisteswissenschaft in der Anthroposophie sein will, ist eben nichts Abstraktes, ist das Vollmenschliche, ist das aus dem ganzen Menschen Herauskommende, ist dasjenige, was sich als Kunst und als Religion und als Wissenschaft äußert, und ist dasjenige, derjenige Punkt, auf dem der ganze, volle Mensch zu seiner inneren Auswirkung kommen kann. Und heute kranken wir nur daran, dass die wirtschaftliche Routine nicht den Abschied nehmen will gegenüber der wirtschaftlichen Vernunft und dass wir eben zunächst anfangen, an der Gesundung des Geisteslebens arbeiten müssen, bis die Unvernünftigkeit des Wirtschaftslebens durch die Not eben nachfolgen muss. Und ich bin doch überzeugt, aus der Jugendbewegung wird sich gerade so etwas im richtigen, guten Sinne ergeben, wie ich nicht verzweifle daran, wenn meinetwillen die Leute auch immer wieder sagen, sie können beim Expressionismus nicht unterscheiden eine Windmühle von einem eben aus dem Wasser gezogenen und zum Trocknen aufgehängten Handtuch oder von einem menschlichen Porträt, sagen wir zum Beispiel einen Stiefelabsatz. Gewiss, man kann das manchmal bei den Expressionisten nicht unterscheiden, dennoch aber liegen darinnen überall Ansätze zu etwas, was, wenn es an den verschiedensten Orten, wo es auftaucht, veredelt wird, einmünden wird in dasjenige, worinnen nur führend und leitend und eben aus dem Aller-Elementarsten heraus arbeitend die Geisteswissenschaft sein will, wie sie hier vertreten wird.

Aber allerdings, da erlebt man’s ja auch manchmal, dass einem das Konkrete, trotzdem man’s so konkret meint, entgegengehalten wird, ich will das nur zum Jux zuletzt sagen. Vorgestern hatte ich vorzutragen in Zürich. Ich sprach mit Lichtbildern über diesen Bau hier. Dann hinterher stand einer auf, der sagte: Ja, wozu braucht man solch einen Bau, wozu braucht man einen Christuskopf und Christus überhaupt, wozu braucht man das heute? Ich bin heute Nachmittag auf der Straße gegangen, da war ein ganz angetrunkener Mensch, dem bin ich nachgegangen, und ich habe mich zu ihm gesellt. Das ist ein Tempel Gottes, das ist ein wirklicher Tempel und wir brauchen nicht gebaute Tempel. — Bei der Gelegenheit habe ich nur bedauert, dass kein befreundeter Geist sich gefunden hat, die richtige Türe zu finden mit dem betreffenden Menschen. Aber es kann ja auch bei den heutigen Unnatürlichkeiten einem begegnen, dass Menschen kommen - die meine ich nicht, die meinen, man solle nicht Tempel bauen, sondern Betrunkenen nachgehen -, sondern die wirklich aus dem Elementaren heraus arbeiten wollen, und die verdienen gewissermaßen, dass man das Geisteswissenschaftliche zu ihrem vollen Verständnisse bringt, denn sie können es verstehen. Denn die Jugendbewegung hängt zusammen mit einem ganz großen Umschwung, der am Ende des neunzehnten Jahrhunderts eingetreten ist und der eigentlich nicht bloß auf geschichtlichen oberflächlichen Kräften, sondern geradezu auf kosmisch-tiefen Kräften beruht.

German original of Independent Spiritual Life in the Threefold Social Organism · ← Previous