How Can We Work for the Impulse of the Threefold Social Order?

GA 338 — 1 January 1921, Stuttgart

Schulungskurs für Oberschlesier I

Die Anregung zu unserer Zusammenkunft hängt ja zusammen mit einer Idee, die seit längerer Zeit zwischen uns hier im «Bund für Dreigliederung des sozialen Organismus» besprochen worden ist. Eigentlich wäre es notwendig, daß wir uns auf die Agitation für die Dreigliederung des sozialen Organismus umfassend, also in einer längeren Instruktion und Auseinandersetzung vorbereiten. Die Dreigliederung war ja als Bewegung vom April 1919 an für eine viel schnellere Wirksamkeit berechnet als sie ihr dann zuteil geworden ist. Und deshalb ist schon im Beginne des nunmehr verflossenen Jahres von mir hier die Notwendigkeit betont worden, die Agitation für den Bund für Dreigliederung aufzugreifen nicht etwa durch irgendein formelles Behandeln von rednerischer Kunst oder dergleichen, sondern durch ein Sich-Verständigen über die Notwendigkeit, wie heute in dieser unserer wirklich ernsten und aufgeregten Gegenwart so etwas zu behandeln ist wie die Bewegung für die Dreigliederung des sozialen Organismus.

Wir sehen ja um uns herum allerlei politische, soziale und sonstige Agitationen und überall sieht man, wie die ganze Art und Weise, in welcher solche Agitationen betrieben werden, im Grunde genommen heute am Aussterben ist. Wir haben ja erst in der allerletzten Zeit die trübste Erfahrung wohl gemacht damit, wie gedacht wird und wie in Szene gesetzt werden die Dinge, wenn vom Gesichtspunkt des heutigen Lebens aus irgend etwas propagiert werden soll, was für die Weiterentwickelung dieser oder jener Verhältnisse notwendig ist. Wir haben es gesehen bei der Völkerbundsversammlung in Genf, wo ja im Grunde genommen an allen Dingen, auf die es heute überhaupt ankommt, nur vorbeigeredet worden ist, wo man in Wirklichkeit gar nicht auf die in Frage kommende Materie eingegangen ist und wovon man sagen kann, daß keine einzige von ihnen so gehandhabt wurde, daß das Handeln Hand und Fuß hatte wie bei denen, die weggelaufen sind, den Argentiniern.

Nun, ich sagte, daß unsere Bewegung für Dreigliederung auf ein schnelleres Fortschreiten berechnet war, als sie dann wirklich fortgeschritten ist. Das hängt natürlich damit zusammen, daß in der gegenwärtigen Epoche der Menschheit, welche keine Zeit hat, es nicht möglich ist, eine solche Bewegung in einem langsamen Tempo zu betreiben, da sonst die Möglichkeit, irgend etwas zur Gesundung innerhalb Europas und namentlich Mitteleuropas herbeizuführen, einfach dahinschwinden wird. Es ist einmal durchaus notwendig, daß man sich klarmacht, daß wir in einer rasenden Geschwindigkeit in den Niedergang hineingehen, wenn auch immer wiederum periodenweise das eine oder andere über diesen Niedergang hinwegtrügen kann.

Vor allen Dingen müssen wir uns darüber verständigen - und wir wollen das jetzt tun anhand einer konkreten Frage -, welches die notwendigen Voraussetzungen einer heutigen, sagen wir Agitation, oder wie man es nennen will, sind. Sehen Sie, aus einer Idee, sagte ich, sind unsere Besprechungen hervorgegangen. Es ist eben die Idee gewesen, etwa fünfzig Persönlichkeiten hier zu versammeln, mit denen eine Verständigung erzielt wird über die Methoden und namentlich über die Unterlagen einer entsprechenden Agitation. Denn ohne daß in einer durchgreifenden Weise in der nächsten Zeit über ein großes Territorium hin Agitation geleistet wird, kommen wir für eine so umfassende Sache, wie es die Dreigliederung werden muß, eben nicht vorwärts.

Nun steht ja gerade Ihnen die Abstimmung über das Schicksal der oberschlesischen Gebiete bevor und wir können manches, was eigentlich wirklich in der nächsten Zeit mit aller Intensität hier geschehen müßte, wir können es in den paar Tagen, die uns gegönnt sein werden für diese besondere Frage, nur prinzipiell erörtern.

Das erste, was heute notwendig ist - das wir nicht vor der Öffentlichkeit, wenn wir wirken wollen, mit diesen Worten, mit denen ich es jetzt aussprechen will, aussprechen können, das wir aber im Hintergrund haben müssen bei der Wahl unserer Worte, bei der Wahl desjenigen, was wir als Materie vorbringen -, das ist die Überzeugung davon, daß an alte Konfigurationen des öffentlichen Lebens eben nicht angeknüpft werden könne von demjenigen, der die Zivilisationsverhältnisse wirklich zur Gesundung bringen will. Wir müssen überzeugt sein davon, daß all die Fragen: könnte man vielleicht mit dieser Partei, mit dieser Berufsgenossenschaft und dergleichen einen Kompromiß schließen, indem man diese Partei, diese Genossenschaft bei ihren Ansichten, bei ihren Denk- und Empfindungsgewohnheiten läßt? - daß alle diese Fragen von uns mit Nein beantwortet werden sollten. Als die Anthroposophische Gesellschaft ihre Arbeit begonnen hat, habe ich ja auch immer von den verschiedensten Seiten gehört: Ja, in München sind die Menschen so, da muß man so vorgehen; in Berlin sind die Menschen so, da muß man so vorgehen; in Hannover und anderswo, da muß man wiederum anders vorgehen. All das ist ja Unsinn, das hat wirklich gar keine Bedeutung, sondern es hat einzig und allein Bedeutung, daß wir uns klar darüber sind, was als Neues geschöpft und was neu gestaltet werden muß, und daß wir den Willen haben, dieses Neuzugestaltende an die Menschen heranzubringen, daß wir uns so verständlich machen, wie es möglich ist in bezug auf dieses Neuzugestaltende, nicht nur verstandesmäßig uns verständlich machen, sondern auch empfindungsgemäß.

Das zweite ist, ich möchte es so bezeichnen, daß ich sage: Wir brauchen heute Substanz in unserem Agitationsstoff, wirklichen Inhalt. Womit haben denn eigentlich die Menschen, man kann schon sagen, seit Jahrhunderten gearbeitet, wenn sie politische oder soziale oder eine sonstige Agitation betrieben haben? Sie haben mit Schlagworten gearbeitet, mit Redensarten und ein Name, den sie erfunden haben für diese Redensarten war: Ideale. - Sie haben da in ihrem Sinn mit Idealen gearbeitet. Nun, mit Idealen kann man, wenn das drinnen steckt, was in den letzten Jahrhunderten und namentlich im 19. und 20. Jahrhundert so bezeichnet wurde, mit Idealen kann man auf das augenblickliche Fühlen und Empfinden der Menschen Eindruck machen, kann sie begeistern, kann sie dahin bringen, daß sie unter Umständen anfangen herumzuspringen und Gebärden verrückter Art zu äußern, aber man kann nicht sachlichere Resultate erzielen mit solcher, auf bloßen Worten aufgebauter Begeisterung. Und Resultate zu erzielen, das ist es, worauf es heute ankommt. Resultate aber können wir nur erzielen, wenn wir sagen: Wir leben heute in einer gesellschaftlichen Ordnung, wo, ich möchte sagen, der Untergang auch dreigegliedert ist.

Der Untergang ist dreigegliedert und an den allerwichtigsten Stellen zeigt sich auch die, ich möchte sagen, desorganisierte - ich kann nicht sagen: organisierte -, die desorganisierte Gliederung des Niederganges. Wir haben einen Niedergang eben unseres geistigen Lebens, das zuletzt eingemündet ist auf der einen Seite in die kirchlichen Bekenntnisse und auf der anderen Seite in das, was allmählich aus den kirchlichen Bekenntnissen herausgekommen ist, aber heute nicht recht weiß, worauf es steht und wohinein es rauchen will, wenn es brennt, das ist unser Schulleben. Diese beiden Dinge des Geisteslebens, unser Kirchen- und Schulleben, die sind das eine Element des Niederganges. Sie hängen innigst zusammen mit einem weiteren Element, aus dem im Grunde genommen sowohl das Kirchen- als auch das Schulleben gespeist werden: sie hängen zusammen mit dem nationalen Prinzip. Denn aus den Untergründen des Nationalen geht überall dasjenige hervor, was man in das Schulmäßige hineintragen will, was in dem Schulmäßigen lebt. Und auf der anderen Seite richten sich die Bekenntnisse doch, wenn sie auch international sein wollen, für die verschiedensten Territorien der heutigen Welt spezifiziert nach den Nationen aus.

Ein Weiteres, das ist das Rechtlich-Staatliche, das Politische, das überall in den Niedergang hineinsegelt. Da handelt es sich darum, daß man nun endlich einmal verläßt jene, man möchte schon sagen, schädliche Bemäntelung der Verhältnisse, die heute wenigstens in den mittleren Gegenden Europas noch zurückgeblieben ist als alte Gewohnheit, gar nicht als dasjenige, was es vorher war. Aber man muß eine solche Sache wenigstens so klar ansehen, daß etwas Klares dabei herauskommt. Man macht sich heute gar keine Vorstellung, wie korrupt dieses politische Leben der modernen Zivilisation nach und nach eigentlich geworden war, bevor es die Katastrophe von 1914 hervorgerufen hat. Sehen Sie, dafür kann man viele Beispiele angeben. Sehen wir uns nur eines an. Innerhalb Deutschlands und der angrenzenden Gebiete gibt es noch immer eine Anzahl von Leuten, die, wie Sie vielleicht wissen werden, ein gewisses Individuum, mit Namen Helfferich, nicht für etwas ansehen, das auf allen Gebieten, wo es tätig war, durch und durch ein Schädling war. Man braucht sich ja nur zum Beispiel daran zu erinnern, daß kurz vor Kriegsausbruch dieses Individuum Helfferich eine Rede gehalten hat, in der es gesagt hat: Was manche behaupten, daß Deutschland ausgehungert werden könnte in einem folgenden Kriege, das scheint mir eine bloße Theorie zu sein. Denn da werden, wenn so ein Krieg ausbricht, so viele Mächte hineinverwickelt sein, daß man schon ein großes Mißtrauen gegen die gesamte deutsche Diplomatie haben muß, wenn man sich vorstellt, daß man dann alle gegen sich hätte. Aber ein solches Mißtrauen, das widerspricht meinem Auffassungsvermögen. - Das ungefähr hat dieses Individuum Helfferich kurz vor Ausbruch des Krieges 1914 gesagt. Nun, in solch einem Ausspruch liegt so viel von intellektueller Niederträchtigkeit - ich sage Niederträchtigkeit, weil es zu gleicher Zeit vom Intellektuellen ins Moralische hineingeht -, daß gerade ein solcher Ausspruch, gehörig ins Auge gefaßt, uns klarmachen muß, in welcher Korruption die moderne Zivilisation drinnen steht.

Denken Sie sich doch, was damit gesagt ist, mit diesem Ausspruch: Wenn das eintritt, was viele voraussagen, daß Deutschland blockiert wird von allen Seiten in einem kommenden Krieg, dann kann man kein Vertrauen zur deutschen Diplomatie haben. Nun muß man aber dieses Vertrauen haben! - Denken Sie sich, ein solcher Mensch sagt, man muß dieses Vertrauen haben, das heißt, man muß den Leuten Sand in die Augen streuen, denn er hat gewußt, daß dieses Vertrauen nicht möglich war. Heute muß man sich klar sein, daß, wenn man weiterarbeiten will mit lauter unrealen Dingen, daß man doch in keiner Weise wirklich vorwärtskommen kann. Selbst solche Worte wie «radikal» oder «nichtradikal» haben heute im Grunde genommen ihren Wert verloren, weil es darauf ankommt, daß man für gewisse Dinge radikaler als früher die Dinge ausspricht. Vor allem handelt es sich darum, daß man dasjenige, was zur Schädigung der Menschheit führt, in aller Konkretheit wirklich auch den Menschen vorführt. Wir müssen zu ganz scharfen Charakteristiken nicht nur der bestehenden Verhältnisse, sondern auch der Persönlichkeiten kommen, dann allein können wir durchgreifend wirken. Und wenn man von diesem Gesichtspunkte aus solch eine Frage ins Auge faßt wie die oberschlesische Abstimmungsfrage, dann wird man zunächst von einem Gedanken erfaßt werden müssen, von dem Gedanken: Wie soll man sich verhalten zu der Abstimmung als solcher: deutsch oder polnisch? - Das ist ja zunächst die Frage, die vorliegt: deutsch oder polnisch?

Heute muß man sich einmal dazu aufschwingen, solche Fragen auch von einem gewissen objektiven menschheitlichen Gesichtspunkt aus ins Auge zu fassen, nicht von einem Gesichtspunkt, der doch wiederum nur aus den alten Denkgewohnheiten - und seien es selbst diejenigen, die man als nationale bezeichnet - herausfließt; von einem objektiven menschheitlichen Standpunkt müssen solche Fragen betrachtet werden. Und in dem Maße, in dem das gelingen wird, in dem Maße werden wir vorwärtskommen.

Und da möchte ich Ihnen doch, soweit es möglich ist in dieser kurzen Zeit, die unserer Verständigung gewidmet sein kann, da möchte ich an einzelnen Dingen, aus denen man heute die Gründe, die Überzeugung hervorkolen soll, Ihnienizeigen,.daß von .demiobjektiven menschlichen Standpunkt aus beides, ob deutsch oder polnisch, ein gleich großes Unglück ist; ein gleich großes Unglück für die oberschlesische Bevölkerung, ein gleich großes Unglück für Polen, ein gleich großes Unglück für Deutschland, ein gleich großes Unglück für Europa, ein gleich großes Unglück für die ganze Welt. Ich möchte Ihnen eigentlich zeigen, daß objektiv die Frage: deutsch oder polnisch, für die oberschlesische Bevölkerung überhaupt nicht vorliegen kann und daß es sich darum handelt einzusehen, daß für einen kleinen Bevölkerungskomplex es sich heute um eine Lebensfrage handelt, zu einem Beurteilungsgesichtspunkt zu kommen, wie der der Dreigliederung des sozialen Organismus einer ist, nämlich, sich herauszuheben aus alledem, was bis jetzt Beurteilungsgesichtspunkte abgegeben hat.

Nicht wahr, wenn wir solche Fragen aufwerfen, so müssen wir heute einmal die Grundempfindung haben können, daß in alledem, was sozial und politisch und wirtschaftlich unternommen wird, Gesetze walten, daß nicht Willkürlichkeiten allein darinnen walten, daß diese Gesetze sich verwirklichen werden, daß man mit Abstimmungen nur so vorgehen kann, daß man innerhalb dieser Gesetze vorgeht. Man kann darüber abstimmen, ob man ein Ofentürchen an dieser oder jener Seite des Ofens anbringen soll; und man wird gut tun, sich über solche Fragen mit Leuten zu verständigen, die etwas davon verstehen. Aber man kann doch nicht darüber abstimmen, ob, wenn man Holz in den Ofen hineingelegt hat, man nur mit einem Zündhölzchen oder aber mit einem Stückchen Eis das Holz anzündet. Nicht wahr, die Frage nach der Entfaltung des Willens muß in ein richtiges Verhältnis zu den Notwendigkeiten des Daseins gebracht werden. Daher kann man nicht aus der Bläue des Willens, aus dem Nebulosen, Unbestimmten heraus reden, auch nicht veranlassen, aus diesem heraus gerade ein exponiert gelegenes Völkchen seine Abstimmung vornehmen zu lassen. Man sollte nicht davor zurückschrecken, heute, wo alles aus den alten Denkgewohnheiten heraus vorgenommen wird, auszusprechen, daß das ganz gewiß in den Untergang hineinführt. Man sollte heute nicht zurückschrecken davor, den Leuten, wenn es auch so scheint, als ob es wahnsinnig wäre, den Leuten doch eben das Richtige zu sagen. Denn darum kann es sich nur handeln, den Leuten doch eben das Richtige zu sagen. Man muß, wenn man über diese Frage reden will, doch wirklich von den Ausgangspunkten aus reden, von denen her die Kräfte gesehen werden können, die wirken.

Sehen Sie, gerade an dem Studium des polnischen Wesens läßt sich sehr gut beobachten, wie unmöglich es wäre, für ein solches exponiert gelegenes Territorium dafür zu stimmen, einfach in das polnische Element einzulaufen. Und wenn man das Verhältnis des oberschlesischen Territoriums zum polnischen Gebiet betrachtet, dann ergibt sich einem schon das andere Verhältnis, das Verhältnis zum preußisch-deutschen Gebiet.

Es genügt nicht, daß man das polnische Element als Volkswesen und innerhalb der europäischen Politik etwa nach den paar Beobachtungen beurteilt, die man mit diesem oder jenem Polen gemacht hat, oder daß man es behandelt und betrachtet nach dem, wie sich die eine oder die andere Handlung, die von Polen ausgegangen ist, in der Geschichte ausgenommen hat. All das genügt nicht, sondern man muß sich klar darüber werden, welch bedeutsame Rolle gerade, wenn wir uns des Ausdruckes bedienen dürfen, das polnische Volk gespielt hat innerhalb eines immerhin ausgedehnten europäischen Territoriums. Diese Rolle, die das polnische Volk gespielt hat, die ist im Grunde genommen doch sehr charakteristisch für die Entwickelung auch anderer politischer Verhältnisse innerhalb Europas, und das polnische Element spielt in die politischen Verhältnisse Europas sehr, sehr intensiv hinein.

Wenn man Polen betrachtet, so liegt es für eine kulturpolitische Anschauung im Grunde genommen so recht exponiert, sowohl den westlichen Einflüssen wie den östlichen Einflüssen gegenüber, und es zeigt solche inneren Eigentümlichkeiten, dieses polnische Volk, daß man sagen kann: Dasjenige, was anderswo veranlagt war, auch veranlagt war, das ist seit dem 15., 16. Jahrhundert ganz besonders im polnischen Volk zum Ausdruck gekommen. Man kann dieses Polen nicht anders betrachten, als indem man sieht auf der einen Seite, wie in seinem Osten die alten kulturpolitischen und geistigen Traditionen des Orients sind, und wie in diesem Osten, während Polen alle möglichen Schicksale durchläuft, das moderne Russentum allmählich heraufkommt. Man kann dieses Polen nicht anders beurteilen, als indem man Rücksicht darauf nimmt, wie in seinem Süden, aus mittelalterlichen Verhältnissen heraus, dieses jetzt auf dem Aussterbe-Etat stehende Österreich für die Zersetzung vorbereitet wird, und wie sich dann zuletzt das für kurzes Dasein bestimmte Deutsche Reich herausbildete in seinem Westen.

Sehen Sie, dasjenige, was innerhalb des europäischen Lebens Polen darlebt, hängt eigentlich mit allen diesen Dingen zusammen. Wenn man auf die Anfänge des 16. Jahrhunderts, Ende des 15. Jahrhunderts hinsieht, so zeigen sich auf dem Boden des späteren Deutschland Verhältnisse, welche eigentlich keine unmittelbare Fortsetzung gefunden haben. Man braucht sich nur an Namen zu erinnern wie Götz von Berlichingen, Franz von Sickingen, Ulrich von Hutten und so weiter, und man sieht hinein in Verhältnisse, die damals existiert haben und die keine Fortsetzung gefunden haben. Worauf waren diese Verhältnisse aufgebaut? Sie waren aufgebaut darauf, daß eine gewisse feudale Kaste da war, wenn auch diese feudale Kaste selbstverständlich auch solch starke, in gewisser Hinsicht bewundernswerte Persönlichkeiten hervorbringen konnte, wie die genannten, wenn auch diese feudale Kaste sich aufbaute an einer unwissenden, mehr oder weniger unzivilisierten großen Bauernbevölkerung. Und daß diese feudale Kaste so wirkte, daß im Grunde genommen der große Gutsherr immer mitten drinnen lebt neben den andern, die also unwissende Bauernbevölkerung sind, und daß der große Gutsherr auch ausübt die Verwaltung und im Grunde genommen auf das geistige Leben seinen entsprechenden Druck ausübt, das hat dem sozialen Leben in Mitteleuropa seine Struktur gegeben. ‚Aber diese Struktur ist eben gerade am Ende des 15., im Beginn des 16. Jahrhunderts beseitigt worden in Mitteleuropa, so beseitigt worden, daß man sagen kann: Innerhalb der deutschsprachigen Gegenden ist diese Struktur bis in die Tiefen der Gesinnung hinein ausgerottet worden und es trat an die Stelle dieser Struktur dasjenige, was zunächst sich durchgearbeitet hat in den Territorial-Fürstentümern, was man zuletzt zusammengeschweißt hat zum Deutschen Reich: nämlich das militärische und beamtliche Organisieren des sozialen Organismus. Also aus dem feudal-aristokratischen Element, das sich nur aufbauen konnte auf der breiten Grundlage eines unzivilisierten Bauerntums, da breitete sich aus das Territorial-Fürstentum auf militärischer und beamtlicher Grundlage. Und innerhalb dieses Mitteleuropa, am stärksten ausgeprägt in Preußen, wurde das eben Gesinnung; es wurde nicht etwas, was der gesellschaftlichen Ordnung bloß übergestülpt wurde, sondern es wurde Gesinnung.

Nicht wahr, man kann sich vielleicht zwei Gegensätze denken. Der eine Mensch wäre ein innerhalb der alten ritterlichen Götz-vonBerlichingen-Gesellschaft postierter kluger Mensch, der in irgendeiner Weise sich zu betätigen hat. Wie betätigt er sich? Er betätigt sich so, daß er aus seiner Menschenkenntnis heraus zum Beispiel richtet, daß er aus demjenigen, was seine religiösen Vorstellungen geben, die Schule einrichtet, daß er sich denkt, daß man über einen gewissen Sprengel, der nicht zu groß ist, nach gesundem Menschenverstand Recht spricht. So ist organisiert, was deutsch spricht, bis ins 16. Jahrhundert hinein; dann organisiert sich das um, dann kommt das Beamtentum und Militärische, und wenn man sich den Menschen denkt, den es bis in die Götz-von-Berlichingen-Zeit nicht hat geben können, dann ist es der preußische Reserve-Leutnant. Also, die seelische Existenzmöglichkeit für ihn ist erst seit dem 16. Jahrhundert geschaffen worden. Und nicht wahr, Reserve-Leutnant, das heißt vereinigend das beamtliche und militärische Wesen. Das wurde ja für Mitteleuropa nicht bloß etwa innerhalb derjenigen Gebiete geltend gemacht, wo man es verstehen konnte, sondern auch innerhalb der Gebiete, wo man es nicht verstehen konnte. Unsere Historie zum Beispiel, unsere Geschichte ist so geschrieben, daß diese Gesinnung darinnen lebt, und unsere Geschichte wird so gelehrt in den Schulen, daß diese Gesinnung darinnen liegt. Dadurch aber, daß wegen des deutschen Volkscharakters diese Umwandlung nicht das unterste, nicht das innerste Gefüge des Seelischen ergreifen konnte, dadurch sind im Grunde genommen Territorial-Fürstentümer entstanden, nicht ein völliger Cäsarismus, der erst im 19. Jahrhundert durch den Krieg, den siebziger Krieg, versucht worden ist, der aber nicht hat durchgeführt werden können.

Weil durch die verschiedensten historischen Verhältnisse, die heute zu erörtern zu weit gehen würden, eben die große Welle, alles Politische, Staatlich-Rechtliche militärisch anzusehen und das Wirtschaftsleben in Fesseln zu schlagen durch das staatliche Element, weil diese Welle über Mitteleuropa ging, deshalb wurde es in Mitteleuropa so.

Nun, wenn Sie Rußland ansehen, so haben Sie in seiner sozialen Struktur auch das enthalten, was plötzlich in Mitteleuropa abgeschafft wurde im Beginne des 16. Jahrhunderts. Sie haben den breiten, ungebildeten, unzivilisierten Bauernstand, der irgendwie verwaltet werden soll, der irgendwie in einen sozialen Organismus eingefügt werden soll. Auch da ist die Anlage schon so vorhanden, wie sie zum Beispiel in Mitteleuropa auch vorhanden ist bis ins 16. Jahrhundert hinein; aber da ist nicht die Ablösung durch den Individualismus vorhanden. Da wird in rasendem Tempo alles in die zaristische Zentralisation hineingebannt, so daß das, was als Mittelding in Europa zwischen dem Cäsarismus und dem unzivilisierten Volk in dem Territorial-Fürstentum vorhanden war, in Rußland nicht da ist, und alles dahin tendiert, den Menschen, ob er nun dazu determiniert ist oder nicht, einfach zum Beamten oder zum Militär zu machen, da die Zentralgewalt für ihn das Maßgebende ist. In verschiedener Weise wird, auf der einen Seite in Rußland, auf der anderen Seite im deutschen Mitteleuropa, dasjenige aufgehoben, was eigentlich Volksorganisation ist, Auf der einen Seite wird es in den Cäsarismus, auf der anderen Seite in das Territorial-Fürstentum hineingetrieben.

Und ein drittes ist Österreich, Österreich, das ganz aus patriarchalischen Verhältnissen herauswächst, die als Familientradition innerhalb eines Fürstengeschlechts sich fortleben. Dieses Österreich wird allmählich gedrängt, die verschiedensten Völkerschaften zusammenzufassen rein unter dem Gesichtspunkt des römischen Zentralismus, der verwalten will, der dann etwas demokratische Allüren annimmt, aber der in mittelalterlich-spanischer Weise das Volk verwalten will.

In diesen drei Strömungen haben Sie das polnische Element liegen, das sich im Grunde genommen gegen alle drei stemmt und das in einer recht merkwürdigen Weise sich gegen alle diese drei Strömungen entschieden wendet aus einer, ich möchte sagen, eben inneren Anlage heraus. Das polnische Element nimmt ja von Westen herüber alles das an, was in die modernen Abwege hinführt: den Parlamentarismus, das Schulwesen und dergleichen. Es nimmt, möchte ich sagen, alles das an, was zu einem gewissen analytischen Element im Leben wird, zu dem Element des Urteilens, des Unterscheidens. Es nimmt vom Osten an das synthetische Element, das Leben in großen Begriffen und Ideen. Sehen Sie, die Analyse wird in gewisser Weise im polnischen Element zur Schlamperei und die östliche Synthese wird in gewisser Weise zur Phantastik. Gewiß, diese beiden Strömungen sind immer vorhanden: aus dem westlichen Element heraus, aus der geordneten Analyse die Schlamperei und aus dem östlichen Element die Phantastik, die Schwärmerei und auch die Unwahrhaftigkeit; denn die Unwahrhaftigkeit ist nur die Schattenseite der orientalischen Synthese, und die Schlamperei ist nur die Schattenseite des Pedantischwerdens. Wenn der Pedantismus so weit kommt, daß man ihm nicht mehr nachkommen kann, dann verfällt er in sein entgegengesetztes Element, in die Schlamperei. In Österreich hat es nicht gefehlt an eindringlichen Bestimmungen für alle Angelegenheiten des Lebens; das Wesentliche war nur, daß keine einzige Bestimmung beachtet werden konnte, weil sich erstens alle widersprochen haben und zweitens, weil es so viele waren, daß sich niemand mit allen beschäftigen konnte.

Wodurch ist es gekommen, daß dieses Polentum in Europa entstanden ist, wo doch ringsherum etwas ganz anderes war? Wie ist es gekommen, daß dieses Polentum doch mit Zähigkeit seine Eigenart fortentwickelt hat? Dies ist einfach dadurch gekommen, daß, als sich die große Welle des Russentums mit seinen naturgegebenen Eroberungsplänen über Europa ergoß, es für die anderen, die auch in Betracht kommen - ich kann es im einzelnen jetzt nicht darstellen, aber es ließe sich darstellen -, notwendig war, in entsprechender Weise immer auf dieses Russentum zu reagieren. Vor allen Dingen für das preußische und das österreichische Reich war es im 18. Jahrhundert notwendig, auf das russische Element zu reagieren. Man kann ja leicht von einem gewissen Standpunkt aus den Preußen und den Österreichern vorwerfen, daß sie Polen geteilt haben mit Rußland; man bedenkt dabei aber nicht, daß, wenn sie nicht geteilt hätten, Rußland alles allein genommen hätte. Nicht wahr, die Dinge müssen objektiv betrachtet werden. Preußen und Österreich haben sich beteiligt an der Teilung Polens, weil sie nicht zulassen konnten, daß Rußland allein Polen nimmt, was sonst ganz bestimmt gekommen wäre. Nun, so ist also dieses Polen aufgeteilt worden.

Aber es lebte in diesem aufgeteilten Volk im Grunde genommen das fort, stark fort, womit in Europa, im deutschen Element, im Beginne des 16. Jahrhunderts gebrochen worden ist: das feudale Adelselement mit der breiten Basis des unzivilisierten Bauerntums. Womit auch in Rußland äußerlich gebrochen worden ist, das lebte alles im Polentum fort. Das Polentum bewahrte im Grunde genommen in seiner sozialen Struktur den Europäismus des 15. Jahrhunderts, der eigentlich immer noch ein antikes Element in sich hatte, Griechentum in sich hatte. Wir bewundern das Griechentum, aber die Größe des Griechentums beruht darauf, daß das sich bei ihm am höchsten entfaltete, von dem wir sagen, daß es Europa überwunden hat im 15. Jahrhundert. Würden wir klar sehen, so würden wir allerdings uns sagen: Wir bewundern dieses Griechentum mit Recht in demjenigen, was die Geschichte von ihm heraufgebracht hat; aber auf der anderen Seite sagen wir, wo wir es nur immer tun können: Wir haben in Europa einen größten Fortschritt dadurch erzielt, daß wir besttebt:waren, dasjenige, wasssichinur aufbauen konnteaufder Grundlage eines Landproletariats, nach und nach zu überwinden. Die Entwickelung in Europa bis ins 15. Jahrhundert hinein war noch am Griechentum orientiert, so daß wir von diesem «griechischen Europa» sagen: das ist dasjenige, was kein menschenwürdiges Dasein gibt. Eine gewisse Oberschicht, auf die es in Polen angekommen ist, die bewahrte sich aber auch innerlich diese griechische Gesinnung, nämlich zu leben in einer Adelsoberschicht mit einem nicht bis zum Bürgertum und zum Proletariat differenzierten, sondern einfachen, unzivilisierten Bauerntum. Und so war seine Disposition, als es aufgeteilt wurde, dieses polnische Volk. Denn nicht wahr, überhaupt denkend, so richtig denkend war ja nur diese Oberschicht bei den Polen. Die fing an, Rußland, Preußen, Österreich furchtbar zu hassen. Aber nun gab es ja eben innerhalb dieses polnischen Elementes die Leute, auf die es überhaupt nicht ankam, eben die ganz unzivilisierte Unterschicht mit keiner städtischen und so weiter Intelligenz. Und sehen Sie, von der kam jetzt auch ein Teil an Rußland, ein Teil an Österreich; also an Rußland, wo das Polentum war innerhalb russischer Verhältnisse, an Österreich, wo das Polentum war innerhalb Galiziens. Und ein Teil kam an Preußen, wo das Polentum war in Schlesien und Posen. Die polnische Oberschicht ist nicht anders geworden, sondern benahm sich so in den weiteren Verhältnissen, wie sie sich benehmen konnte, indem sie sich möglichst wenig anpaßte an die Verhältnisse, die politischen nämlich. Dagegen hat sich schon die Unterschicht in einer höchst merkwürdigen Weise angepaßt. Natürlich, dasjenige, was aus der Unterschicht aufgestiegen ist, das muß man in der Tat heute suchen als ein neues Ferment, also dasjenige, was da aus der Unterschicht, die unter der Oberfläche des polnischen Adelselementes war, aufgestiegen ist. Sehen Sie, es ist kurios, daß eigentlich diese Unterschicht unter den Verhältnissen, die aus der Teilung Polens hervorgegangen sind, erst eine bestimmte Struktur erhalten hat. Durch die Struktur, die in Russisch-Polen war, hat die Unterschicht im eminentesten Sinne ein geistiges Element aufgenommen, ein geistiges Element, das hinzielt auf eine Vertiefung des Denkens und eine Vertiefung des Wissenschaftlichen durch ein gewisses religiöses Element. In Rußland hat man bis zur Revolution das religiöse Leben nicht vom wissenschaftlichen unterschieden. Auslaufen lassen die wissenschaftlichen Gedanken, die Erkenntnisse des Sinnenlebens, in große synthetische, umfassende Ideen ist dasjenige, was von Osten her durch das russische Element in das polnische Element übergegangen ist. Ohne diesen Einfluß von der geistigen Seite des sozialen Lebens her, sind, wie ich glaube, Menschen wie Slowacki, Dunajewski und so weiter gar nicht denkbar. Dagegen in dem Teil des polnischen Wesens, der übergegangen ist an Österreich, da hat diese Unterschicht aus Österreich wiederum aufgenommen das Staatlich-Rechtlich-Politische. Und das ist der Grund, warum aus dem österreichischen Galiziertum, dem polnischen im Grunde genommen, dennoch die feinsten politischen Köpfe und Redner hervorgegangen sind wie Hausner und Wolski. Diese Leute hätten innerhalb des Polentums niemals entstehen können, wenn nicht dieses Polentum aufgesaugt worden wäre von den benachbarten Gebieten, wo man nehmen konnte aus dem Russentum das Synthetische und aus dem Österreichischen die Anlage für verfassungsmäßiges, politisches Denken. So ein Mensch wie Hausner, der eine so große Rolle gespielt hat in den siebziger, achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts - er war Abgeordneter von einem polnisch-galizischen Orte -, solch eine Gestalt, oder sein Parlamentskollege Wolski, die sind ganz einseitig auf das hin orientiert, was man nennen möchte «politische Köpfe», nicht Leute, die unbedingt verwalten können, aber die in wunderbarer Weise die Verhältnisse durchschauen.

Sehen Sie, das ist es, daß man heute überall redet über politische Verhältnisse, ohne Substanz in seinen Reden zu haben. Man muß sich beschäftigen mit dem, was geschehen ist. Bei dem Agitationskurs habe ich mir nicht gedacht, daß einzelne im Reden ausgebildet werden, sondern daß Material geliefert werden soll zur Agitation, und von diesem Gesichtspunkt aus rede ich auch jetzt.

Dasjenige, was im Jahre 1918 geschehen ist, was geschehen ist durch die Ereignisse seit 1914, Sie können es im Grunde genommen Pprophetisch ausgesprochen finden Ende der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts im österreichischen Parlament. Es ist richtig, daß dazumal von solchen Leuten wie Hausner und Wolski vom Untergang Österreichs gesprochen worden ist, von der Unfähigkeit, die proletarische Frage und andere Fragen zu bewältigen, kurz, alles was Wirklichkeit geworden ist, ist dazumal ausgesprochen worden im österreichischen Parlament. Die Leute haben sich in fast gar nichts geirrt, außer in bezug. auf zwei Dinge: in bezug auf die Zeit und in bezug auf die Gegenwartsmöglichkeiten. Sie haben die Zeit überall in phantastischer Weise verzerrt gesehen. Nehmen Sie einen Menschen wie Hausner. Er hat einmal in einer Rede grandios dargelegt, wie in dem Moment, wo Österreich in Bosnien einmarschiert, der Grund gelegt ist zum Niedergang. Das, was den anderen später aufgegangen ist, das hat der Hausner schon in den siebziger Jahren vorgebracht. Aber er hat sich in der Zeit geirrt. Er hat gemeint, daß das in zehn Jahren geschehen würde. Das rührt her von dem östlichen Element; das ist selbst in dem nüchternen Hausner vorhanden, das Phantastische. Er sieht das Richtige, aber er sieht es in der Zeit verzerrt. Dasjenige, was noch zwei, drei, vier Jahrzehnte brauchte, sagte er für das nächste Jahrzehnt voraus. Und dann gab Hausner einmal eine Kritik des Deutschtums mit völliger Verkennung des Gegenwartsmomentes, denn wenn man diese Rede, die er gehalten hat etwa im Jahre 1880, wenn man die liest, so paßt das auf die Verhältnisse von damals gar nicht; es ist aber mit einer gewissen sensitiven Grausamkeit dasjenige geschildert, was heute ist. Da irrten sich die Leute, aber es ist doch so, daß man sagen kann, daß Polen besonders angeregt worden ist von Osten her für das große, synthetische Denken, und besonders ist es angeregt worden für das politischstaatliche Leben, das ja wirklich in großartiger Weise beherrscht worden ist von solchen Leuten wie Hausner und Wolski, von Österreich her. Und deshalb muß man auch glauben - es ist dieses unbedingt richtig und zeigt sich auch in der Wirklichkeit -, daß diejenigen Teile von Polen, die dazumal an Preußen gekommen sind, ihre besondere Anregung bekommen haben für die Entfaltung des Wirtschaftslebens, und daß daher der Angelpunkt liegen muß für die Behandlung der Teile der Zivilisation, die von Polen her an Preußen gekommen sind, in der Behandlung des Wirtschaftslebens. Die Polen sind besonders begabt worden von Preußen her im Wirtschaftsleben, von Österreich für das Politische und von Rußland her für das religiös-geistige Leben.

Wir haben hier eine Dreigliederung, die sich so zeigt, daß die Polen begabt worden sind von Rußland her für die großen geistigen Ideen. Studieren Sie einmal, was man polnischen Messianismus nennt, studieren Sie die Betrachtungen des Slowacki, studieren Sie aber auch dasjenige, was die Polen so alltäglich reden, so werden Sie finden, daß dieser Impuls aus dem Osten kommt. Studieren Sie aber dasjenige, was in den Polen lebt, was sie zu Politikern macht, im Grunde genommen sie überall dabei sein läßt, wo es sich darum handelt, Verschwörungen anzuzetteln und dergleichen, so werden Sie finden, daß sie das aus Österreich haben. Und Sie werden finden, daß sie das Wirtschaftliche aus Preußen haben.

Aber mit all dem ist es nicht möglich, irgendein Polen wiederum aufzubauen, einen polnischen Staat aufzubauen. Es mußte Europa so zersplittern, daß eine bestimmte Bevölkerung sich von Rußland etwas anderes nahm als von Österreich, nämlich das Geistige, und von Österreich her etwas anderes als von Preußen, nämlich das Politische, und von Preußen her das Wirtschaftliche; es mußte aus der Zersplitterung das entstehen. Es ließen sich zwar die entsprechenden Talente erringen für die drei Gebiete, aber es wird kein Einheitsstaat daraus entstehen. Man kann es aufbauen, aber es wird immer wieder zerfallen. Es wird niemals ein Polen in Wirklichkeit längere Zeit geben, weil es das nicht geben kann, weil im entscheidenden Moment Polen zerteilt werden muß, damit die Polen zur Ausbildung ihrer Talente kommen. Also, dieses Polen wird es nicht geben und heute zu sprechen von Polen, ist eine Illusion und man müßte alles tun, um solche Ideen, wie ich sie jetzt im Keime angedeutet habe bezüglich der Unmöglichkeit solcher staatlicher Gebilde, wie sie heute als Einheitsstaaten angestrebt werden, man müßte alles tun, um solche Dinge populär zu machen. Man müßte heute in die Gemüter der Leute die Erkenntnis hineinverlegen, daß man ins Unglück hineinrollt, wenn man sagt: Polnisch-sein. Es muß aus dem Polnischen heraus in das Allgemein-Menschliche kommen, dann werden diese Dinge, die sich in der Dreigliederung historisch entwickelt haben, fruchtbar werden. Nehmen Sie die Sache von der Gegenseite: Die Polen haben von Rußland her die großen synthetischen Ideen bekommen; also müssen sie ihnen die Russen gegeben haben. Aber diese haben sie nicht mehr, sie sind in den Bolschewismus hineingesegelt. Sie waren nicht stark genug, einen Organismus aufzubauen. Sie leben in einem vollständig in die Zerstörung übergehenden sozialen Organismus. Besonders charakteristisch war das in Österreich, in diesem merkwürdigsten Parlament der Welt der siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts, wo Menschen lebten wie Hausner, Dunajewski, Dzieduszycki und ähnliche. Da lebten auch zum Beispiel der alte tschechische Rieger und der Gregr. Da lebten aber auch Leute wie Herbst, Plener, Carneri - also Deutsche. Da lebten eminenteste Tschechen, eminenteste Polen, eminenteste Deutsche. Mit Bezug auf die Deutschen verhielt es sich ähnlich wie mit den Polen. Da haben wir wiederum, wie sich die Unterschicht innerhalb des Tschechentums durch das Hineinleben in die österreichischen Verhältnisse zu feinen Politikern ausbildete. Man wird eben in Österreich feiner Politiker, kommt zu einem spitzfindigen Erfassen der politischen Verhältnisse. Das geht aber aus von den Deutschen in Österreich. Und solch ein Mensch wie Otto Hausner mit seinem spitzfindigen Erfassen der Politik, mit seinen treffsicheren Voraussagen des Unterganges Österreichs, er sagte einmal: Wenn wir so fortwirtschaften, dann werden wir in fünf Jahren - er übertreibt natürlich - überhaupt kein österreichisches Parlament mehr haben. Es hat sich dann erst später, als er gesagt hat, erfüllt, aber richtig vorausgesagt war es. Solche Leute wie diese sind nur möglich geworden neben den Deutschen Österreichs, die eigentlich diese Form des Parlamentarismus vom Westen her annahmen, nach Mitteleuropa verpflanzten, das hat ja Schule gemacht. Aber die Deutschen in Österreich, sie sind diejenigen, von denen die anderen diese feine, spitzfindige Auffassung des politischen Lebens kennenlernten. Aber sie selber benehmen sich in dieser Auffassung so ungeschickt als möglich. Das ist charakteristisch, daß dasjenige, was die anderen von ihnen lernen und das für sie bedeutsam wird, daß sie sich mit dem ungeschickt benehmen. In dem Augenblick, wo es in die Köpfe der anderen hineingeht, wird es bedeutsam für das europäische Leben als Ferment. Die Deutschen waren darauf angewiesen, das Territorium, das sie bewohnten, festzuhalten. Das konnten sie nicht. Die Polen brauchten keines festzuhalten, denn sie hatten keines. Sie konnten die Ideen als solche entwickeln. Also diese Deutschen, sie konnten mit den Ideen nichts anfangen, sie gaben sie den anderen und da wirkten sie so, daß sie den eigenen sozialen Organismus untergraben haben.

Kommen wir nun zum dritten Element: In Deutschland entwikkelte sich ja wirklich ein wirtschaftliches Leben. Man kann sagen, daß über alles das, was sonst an wirtschaftlichem Leben sich in der Welt entwickelt hat, das wirtschaftliche Leben im mitteleuropäischen Deutschland hinausgeschritten ist. Riesige wirtschaftliche Verhältnisse entwickelten sich da. Aber sie wuchsen in das Luftige hinein, konnten sich nicht halten. Polen konnte wiederum davon vieles lernen, aber die Deutschen konnten nicht so weiter wirtschaften. Sie steuerten in die Katastrophe hinein. Dies wäre auch der Fall gewesen, wenn der Krieg nicht gekommen wäre.

Wir haben also wiederum eine Dreigliederung des europäischen Unterganges: von der geistigen Seite in Rußland, von der rechtlichpolitischen in Österreich, von der wirtschaftlichen in Deutschland. Dem kann man wirklich nur entgegensetzen die Dreigliederung des Aufganges, das heißt das vollbewußte Erfassen des Dreigliederungsgedankens.

Und nun soll man sich vorstellen: Es gibt ein Territorium, das heute entscheiden soll, ob es nun zu demjenigen gehören will, das also keinen Staat begründen kann, zu Polen; oder ob es zu einem Glied jenes dreigegliederten Europa werden soll, das alle Elemente zusammenbrachte, um in den Niedergang hineinzukommen, Österreich, Preußen-Deutschland und Rußland, es soll also entscheiden, ob es zu einem dieser drei Glieder, in diesem Falle zu Deutschland, gehören soll. Müßte nicht solch eine Entscheidung Anlaß sein, sich darauf zu besinnen, worin das Heil heute besteht, indem wir sagen: Wir kümmern uns nicht darum, was heraufgekommen ist in Europa, sondern wir wollen dasjenige, was neu kommen muß, in die Entwickelungsmomente hineinlegen. Es mag möglich sein, klug zu reden, und das, was ich hier ausgeführt habe, für unklug zu halten, aber es wird kein vernünftiges Europa hervorgehen können aus dem, was einfach so dahergeredet wird. Deshalb ist es notwendig, daß wir uns auf positive, reale Verhältnisse stützen. Das ist es, was ich Ihnen heute zunächst sagen wollte.

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