How Can We Work for the Impulse of the Threefold Social Order?
GA 338 — 2 January 1921, Stuttgart
Schulungskurs für Oberschlesier II
Es tut mir leid, daß wir nicht längere Zeit verhandeln können. Ich kann Ihnen gerade für unser spezielles Problem nur einzelne Anregungen von den verschiedensten Gesichtspunkten her geben. Heute Nachmittag wollen wir dann an die einzelnen Fragen, die die Freunde zu stellen haben, anknüpfen.
Ich habe gestern, mehr aus einem gewissen geschichtlichen Zusammenhang heraus, versucht, Ihnen die Aussichtslosigkeit klarzumachen, die bei einer solchen Abstimmung, wie die bezüglich der oberschlesischen Frage, unter den heutigen Verhältnissen vorhanden ist. Diese Aussichtslosigkeit kann uns aber noch von verschiedenen anderen Seiten her vor Augen treten. Es ist nun schon einmal so, daß sich alle Menschen, die aus den alten Voraussetzungen heraus heute denken, schlimmen Illusionen über die Zukunft des europäischen Lebens hingeben. Man lebt ja heute eigentlich nur von Illusionen. Und diejenigen unserer Freunde, die sich vornehmen, nun tatsächlich für eine Verbesserung der Verhältnisse zu wirken, die müssen es sich schon klar machen, daß wir nur in dem Maße vorwärtskommen können, als es uns gelingt, verhältnismäßig schnell Aufklärung zu schaffen, und zwar nicht nur Aufklärung aus den kleinen Verhältnissen heraus, sondern Aufklärung aus den ganz umfassenden Weltverhältnissen heraus, die eigentlich heute auch in die Verhältnisse des kleinsten Territoriums hineinspielen. Anknüpfen an Institutionen und dergleichen, die schon bestehen, werden wir kaum können. Wir werden nur an Menschen herankommen müssen, welche geneigt sind, unsere Ideen aufzunehmen, damit wir immer mehr und mehr solche Menschen haben und dann mit diesen Menschen etwas anfangen können. Und wir müssen versuchen, diesen Menschen klarzumachen, daß sie sich auch innerhalb der jetzigen Verhältnisse schon in einer solchen Weise werden verhalten müssen, wie es im Sinne unserer Ideen liegt. Denn, sehen Sie, wenn wir gestern festgestellt haben, daß im Grunde genommen sowohl die deutsche als auch die polnische Seite eigentlich keine Zukunft innerhalb der alten und auch der angestrebten staatlichen Verhältnisse hat, so können wir auf der anderen Seite aber uns auch klarmachen, daß auch aus anderen Untergründen heraus diese Aussichtslosigkeit durchaus besteht. Natürlich ist Oberschlesien hineingestellt in die ganzen europäischen Verhältnisse. Die besondere Lage ist nur diese, daß es in einer gewissen Weise heute über sein Schicksal zu entscheiden hat. Das muß berücksichtigt werden. Überall da, wo es Entscheidungen gibt, müssen heute die großen Gesichtspunkte ins Feld geführt werden.
Sehen wir uns heute für einen Augenblick die europäischen Verhältnisse von einem anderen Gesichtspunkte als gestern an. Sehen Sie, die Wirtschaftsverhältnisse Europas liegen ja so, daß Mittel- und Osteuropa in bezug auf alles das, was sich aus ihren alten Verhältnissen heraus entwickelt hat, einem raschen Verfall entgegengeht. Aus den alten wirtschaftlichen Untergründen heraus, vor allen Dingen aber auch aus den staatlichen und geistigen Untergründen heraus, läßt sich in Europa nicht weiterarbeiten. Die Menschen, die sich heute mit den öffentlichen Zuständen beschäftigen, machen sich zwar Vorstellungen über das Furchtbare dieses Niederganges, aber sie machen sich eben illusionäre Vorstellungen. Eine Hauptillusion müssen wir ja insbesondere bei den Menschen von Mitteleuropa und bei denen Osteuropas ist es nicht anders - darinnen sehen, daß geglaubt wird, daß eine Verständigung mit dem Angelsachsentum oder mit den westlichen Ländern überhaupt unter den alten Verhältnissen möglich sei. Eine solche Verständigung ist eben nicht möglich, und an der Unmöglichkeit einer solchen Verständigung muß auch eine solche Abstimmung, wie diejenige über die oberschlesische Frage, stolpern. Sie muß über diese Unmöglichkeit stolpern. Man kann nicht in die Verhältnisse hinein, die jetzt doch durch, sagen wir, die Staatsmänner und Wirtschafter der ehemaligen Entente geschaffen werden, einfach abstimmen. Welche Vorstellungen kann sich ein Mensch, der im Grunde genommen halb denkt - ganz wird ja kaum gedacht -, welche Vorstellungen kann sich der über eine mögliche Wiederherstellung der wirtschaftlichen und sonstigen europäischen Zustände machen? Er kann sagen: Das erste, was möglich ist, das wäre eine durch Amerika zu erlangende große Valuta-Anleihe, das wären große Vorschüsse. Sie wissen ja - solche Dinge werden besprochen heute -, große Vorschüsse, Kredite, die ja nur von Amerika ausgehen könnten, würden den Europäern, vielleicht garantiert durch die einzelnen Staaten, die sich so konsolidieren wollen, gegeben, und es würde durch eine solche Valuta-Anleihe das wirtschaftliche Leben gehoben werden können. Europa würde wiederum mit Rohstoffen, mit Nahrungsmitteln versorgt werden können, und es könnte vielleicht im Verlaufe von 30, 40, 50 Jahren eine Hebung der europäischen wirtschaftlichen Verhältnisse stattfinden. Diese Vorstellung entspricht eben durchaus einem Halbdenken. Es wird keineswegs irgendeine Regierung in Amerika imstande sein, jene Widerstände zu beseitigen, die einfach in den europäischen Verhältnissen liegen. Die Staaten Europas sind nicht imstande, genügende Garantien zu bieten, auch wenn es zu kleinen Maßregeln kommt - zu solchen Maßregeln kann es unter dieser Voraussetzung aber nicht kommen -, die nun wirklich dazu führten, daß eine Besserung der europäischen wirtschaftlichen Verhältnisse durch solche ValutaAnleihen erreicht würde, wodurch die Verunmöglichung des Wirtschaftslebens durch die Valuta-Differenzen in einer gewissen Weise differenziert würde. Aber so ist ausgeschlossen, daß auf diesem Wege etwas erreicht würde. Man könnte sich da noch denken, daß in einem kleineren Maßstabe etwa herangetreten würde an einzelne Leute in den neutralen oder in den Ententeländern oder in Amerika, die aus dem Vertrauen heraus, wiederum zu einzelnen wirtschaftenden Persönlichkeiten in den europäischen Ländern, Einzelkredite gewährten. Allein eine solche Aktion würde sich nach den bestehenden Verhältnissen nur in einem kleinen Rahmen bewegen können, denn die Leute, die in den neutralen oder in den Ententeländern aufzutreiben wären, um solche Kredite zu gewähren, die Leute wären so wenig, daß an eine Verbesserung der europäischen Verhältnisse durch dieses kleinere der beiden Mittel erst recht nicht gedacht werden könnte. So verfallen die Leute dann in alle möglichen Illusionen. Sie überspringen gewissermaßen Mittelglieder und denken an die Organisation einer Art von Weltwirtschaftsbund, der sich herausentwickeln soll aus der Idee des Völkerbundes. Sie denken daran, daß man in einer Art Weltstaat alles Wirtschaftsleben verstaatlichte, so daß dann eben nicht in Betracht kämen die einzelnen Passiva in den besiegten Ländern. Nun, das ist natürlich eine schreckliche Utopie, denn es ist ja selbstverständlich das, was sich mit Bezug auf die Wirksamkeit des Völkerbundes gezeigt hat, durch die Versammlung in Genf aufgedeckt worden. Und an einen solchen, eben nach der wirtschaftlichen Seite hin orientierten Völkerbund, Erwartungen zu knüpfen, ist heute durchaus etwas Utopisches. Um was es sich heute handelt, ist, daß man tiefer hineinschaut in das, was die Entwickelungskräfte der Menschheit sind, und daß man versucht, zu Maßnahmen zu kommen, die nun wirklich helfen können und die wirken müssen. Solche Maßnahmen sind eben nur aus der Dreigliederung heraus zu gewinnen, und sobald man sich Illusionen darüber hingibt, daß ohne die Dreigliederung etwas zu machen sei, so arbeitet man einfach an dem Niedergang mit. Bedenken Sie doch nur, was es bedeutet, wenn zum Beispiel die oberschlesische Bevölkerung abstimmt für den Anschluß an Preußen-Deutschland. Das bedeutet ja nichts anderes, als daß sich diese Bevölkerung mit ihrem Gebiet ausliefert an ein größeres Gebiet, das, wenn es so fortarbeitet, wie es bisher gearbeitet hat, unbedingt der Barbarei verfallen muß. Es kann sich nicht handeln um einen Anschluß an ein Gebiet, das nicht bereits zeigt, daß es die alten Verhältnisse überwunden hat. Das zeigt sich ja bei den mafßgebenden Kreisen in Preußen-Deutschland durchaus noch nicht, sondern das Gegenteil davon ist der Fall. So betrachten wir die Tatsachen einfach ganz objektiv: ein Anschluß an Preußen-Deutschland bedeutet durchaus ein Sich-Ausliefern an unmögliche Zustände.
Denn sehen Sie, da kommen wir auf die andere Illusion, welche sich - und wir wollen auf dieses eingehen - die besten Menschen auf der Ententeseite machen. Es gibt ja solche Menschen wie Keynes, der einen gewissen Anhang hat, oder Norman Angell, der auch einen gewissen, sogar sehr großen Anhang hat. Wie denken diese Menschen? Diese Menschen denken, daß der Versailler Vertrag unbedingt revidiert werden muß, daß es auf der Grundlage des bestehenden Vertrages nicht weitergehen kann. Aber warum denken sie das? - Sie denken so: Europa war bisher im wirtschaftlichen Verkehr mit der übrigen Welt. Verfällt Europa der Barbarei, zerfällt sein Wirtschaftsleben, dann zerfällt damit - so meinen diese Leute, besonders Norman Angell -, dann zerfällt auch das Wirtschaftsleben nicht nur der Ententestaaten - das zerfällt selbstverständlich -, sondern auch das amerikanische Wirtschaftsleben, weil die europäischen Absatzorte dann nicht mehr da sind. Man brauche auf beiden Seiten der Entente und Amerikas die europäischen Länder, um mit ihnen in fruchtbaren wirtschaftlichen Verkehr treten zu können. Sehen Sie, aus diesen Untergründen heraus urteilen die besten Leute der Entente, Man kann schon sagen, daß eigentlich ganz Bedeutsames nach dieser Richtung hin in den letzten Monaten gesagt worden ist, und daß die Leute an Zahl zunehmen, welche von der Unmöglichkeit des Versailler Vertrages und all dessen, was er in seinem Gefolge hat, überzeugt sind. Aber sie haben Unrecht, sie leben in einer Illusion, sie urteilen eben auch aus den bestehenden Denkgewohnheiten und Empfindungsgewohnheiten heraus. Man muß sich vor grausamen Wahrheiten eben nicht sensibel zurückziehen. Es ist eben einfach nicht wahr, daß die angelsächsische Bevölkerung angewiesen ist darauf, im wirtschaftlichen Verkehr mit Mittel- und Osteuropa zu stehen. Sie ist höchstens nur darauf angewiesen, ihr gesamtes Wirtschaftsleben umzuorganisieren, zu einem in sich geschlossenen Wirtschaftskörper zu machen und kann dann ganz gut weiterbestehen, auch wenn in Europa so und so viele Menschen Hungers sterben. Es sind gutgemeinte Dinge, die da gesagt werden, aber sie sind nicht wahr. Es würde ja vielleicht fünfzehn bis dreißig Jahre dauern, bis das Wirtschaftsleben in den Ländern außerhalb Mittel- und Osteuropas so umgeordnet werden kann, damit es in sich bestehen kann; die reale Möglichkeit liegt durchaus zu solcher Umordnung vor. Wenn man in der Lage wäre, so vorzugehen, wie es sich diese Leute vorstellen, so müßte das, was auch aus den alten Voraussetzungen heraus irgend jemand in Mittel- oder Osteuropa tut, doch zuletzt dazu führen, daß auf dem Umwege der Barbarisierung die westliche Welt gefördert würde. Anderes ist im Grunde genommen nicht zu sehen aus den alten Voraussetzungen heraus.
Man könnte sich vorstellen, daß eine Majorität, namentlich in Amerika, bestünde, die darauf hinarbeitete, Europa einfach seinem Schicksal zu überlassen und das westliche Erdgebiet zu einem geschlossenen Wirtschaftsgebiet zu machen. Diesem Zustand würde man sich aber unbedingt ausliefern, wenn man sich an die bestehenden Zustände in Mitteleuropa durch Abstimmung anschlösse. Indem man sich Polen anschließen würde, würde man ja auch nichts anderes tun. Es ist die Aussicht schon mit dem eben Gesagten vorweggenommen. Man würde auch nichts anderes tun, als sich der Denkweise der Entente ausliefern. Polen ist zwar der Schützling der Entente, aber es würde ihm das in allen entscheidenden Fällen nichts helfen, es würde dem Ruin der europäischen Verhältnisse ausgeliefert sein, oder es würde in die katastrophalen Ereignisse hineingezogen werden, die ich gleich jetzt andeuten will.
Also, eine Abstimmung nach beiden Seiten hin ist ein Unding. Wir müssen uns diesen Satz zunächst ganz klar vor die Seele halten: es ist eine solche Abstimmung ein Unding. Unter welchen Voraussetzungen sie für den einen oder anderen Fall doch stattfinden könnte, wollen wir noch nachher besprechen. Wir müssen uns eben ganz klar darüber sein, daß man die Welt heute nicht halten kann mit denjenigen Gedanken, die man sich früher gemacht hat. Das zeigt sich besonders durch Dinge, welche ich gestern versuchte darzustellen. Polen, sagte ich, hat ja das zurückbehalten, was das andere Europa in gewisser Weise überwunden hat: eine Art von Adelsherrschaft. Unter dieser Adelsherrschaft hat sich dann jene Unterschicht entwickelt, welche die Impulse für ihre Gescheitheit und ihre Tatkraft gewonnen hat, ich möchte sagen, durch eine Dreigliederung: nämlich von Rußland her das Geistige, von Preußen-Deutschland her das Wirtschaftliche, von Österreich her, auf dem Umwege durch Galizien, das Staatlich-Politische. Es hat sich diese Unterschicht gewissermaßen hineingelebt in die bourgeoisen Strömungen, die für eine Zeitlang in Europa die Oberhand hatten, so daß sich das, was sich in Polen aus der Unterschicht mit demjenigen des übrigen Europa herangebildet hat, in das Bourgeoistum hineingearbeitet hat. Aber es ist heute stumpf in seiner Wirksamkeit, wie das Bourgeoistum überhaupt stumpf ist.
Nun, es gibt heute nämlich einfach den breiteren Untergrund und dieser breitere Untergrund tritt uns entgegen in einem Scheinbilde heute, in einem wirklichen Scheinbilde. Er tritt uns entgegen im Westen mehr als verbürgerlichte Arbeiterbewegung, in der Mitte Europas als mehr oder weniger so und so nuancierte Sozialdemokratie, und je weiter wir nach Osten kommen, tritt er uns in der Form des Bolschewismus entgegen. Die Lebensbedingungen des Bolschewismus in Rußland, die muß man sich einmal klarmachen. Übrigens liegt ja das schlesische Abstimmungsgebiet sehr nahe diesen Lebensbedingungen des Bolschewismus, und man muß sich über diese Lebensbedingungen des Bolschewismus vollständige Klarheit verschaffen.
Sehen Sie, der Bolschewismus rührt einmal davon her, daß die Oberschicht, sei es nun die Adelsschicht, sei es die Bourgeoisschicht, in der neueren Zeit keine Möglichkeit gefunden hat, das Denken auszudehnen über dieselben Gebiete, wohin die Arbeit ausgedehnt worden ist und wohin vor allen Dingen der menschliche Wille ausgedehnt worden ist. Man hat mit den alten Gedanken fortgearbeitet, hat das Kommerzielle, das Wirtschaftliche ausgebaut, hat herangezogen die breite Masse der Bevölkerung, man hat aber keine Schritte getan, um irgendwie anders als aus den alten Staatsverhältnissen heraus dieser breiten Masse der Menschheit irgendwie nachzukommen. Und es muß nun leider gesagt werden: es geschieht auch heute noch nicht, denn in der Weise, wie es einzig geschehen könnte, geschieht es eben noch nicht. Das muß unsere Hauptsorge sein. Denn es ist ein charakteristisches Beispiel, wie man führende Persönlichkeiten herangebracht hat an das, was sich in der breiten Masse der Menschheit eigentlich regt und rührt. Auf einem vernünftigen Wege ist es nicht geschehen. Der Ludendorff erzählt ja selber in seinen Erinnerungen, daß er die Führer des Bolschewismus nach Rußland befördert hat; er sagt, es war für ihn eine militärische Notwendigkeit, und die Politiker wären dazu verpflichtet gewesen, die schlimmen Folgen dieser Notwendigkeit abzuwenden. Also er leugnet nicht, daß er dem Bolschewismus in Rußland seine Führer gegeben hat, er sagt nur, die Politiker waren nicht gescheit genug, die große Torheit, die er begangen hat, wieder gutzumachen. Solche Dinge sind heute möglich und werden hingenommen. Also aus den urältesten staatlichen Verhältnissen, aus denen heraus Ludendorff gedacht hat, sind dem Bolschewismus die führenden Persönlichkeiten zugeführt worden, nicht aus einem vernünftigen Zusammenwirken der Menschen, die etwas wissen über den Gang der Menschheit und derjenigen Menschen, die eben geführt sein wollen, aber nicht innerhalb der alten Verhältnisse geführt sein wollen, sondern zu neuen Verhältnissen geführt sein wollen. Das ist etwas, was durchaus mit aller Gründlichkeit erkannt sein muß. Seit dem Weltkrieg ist es ja nicht mehr wahr, daß nur die alten Proletarier diese breite Unterschicht ausmachen. Zu dieser breiten Unterschicht gehören Mitglieder aller früheren Klassen. Und auch mit dieser Tatsache rechnet man heute noch nicht. Man rechnet noch nicht damit, daß auf diejenigen Menschen, die sich noch etwas von Intelligenz aus der Vorkriegszeit mitgebracht haben, vor allen Dingen mit vernünftigen Ideen gewirkt werden muß, so daß immer mehr und mehr eine führende Intelligenz auf vernünftige Weise in die Welt hineinkommt. Das ist die allerwichtigste Frage heute, daß den Menschen, die sich noch etwas von Intelligenz bewahrt haben, die Augen aufgetan werden, damit sie zu den richtigen Führern werden. Ohne dieses kommen wir nicht vorwärts. Denn sehen Sie, zwei Dinge stehen bevor. Das eine ist schon angedeutet worden vorhin: der Aufbau innerhalb Mittelund Osteuropas ist aus anderen Untergründen heraus als durch die Dreigliederung nicht möglich; er ist nicht möglich durch die Menschen Mittel- und Osteuropas, aber auch nicht durch die Menschen der Entente. Die Menschen der Entente und Amerikas könnten nur unter einer Voraussetzung, sei es im Zusammenhang mit der Gewährung von Anleihen im großen Stil oder kleineren Krediten, irgend etwas machen, sie könnten es nur unter der Voraussetzung, daß ein bedeutendes Lohndrücken in Europa stattfände gegenüber Amerika. Da würde sich aber sofort das amerikanische Proletariat dagegen wehren, das würde vielleicht auch das englische Proletariat nicht zulassen. Es würde durch jede Maßregel, die nach dieser Richtung hin ginge, die Revolution in den westlichen Ländern selber gefördert werden. Und das ist dasjenige, was man unbedingt der Menschheit in Aussicht zu stellen hat, daß aus der breitesten Unterschicht heraus, jetzt nicht von auswärts, sondern aus der Unterschicht gedacht, die bolschewistische Revolution auch die westliche Welt ergreift. Die führenden Persönlichkeiten im Westen von heute mögen noch so viele Blockaden aufrichten gegen die bolschewistische Verseuchung des Westens, das, was vom Osten kommt durch Übertragung des Bolschewismus, das ist für diese westlichen Länder nicht die Hauptsache, sondern das ist die Hauptsache, was von unten nach oben steigt; das ist das Wesentliche.
Nun gibt es heute schon eine Anzahl von Leuten - und diese wird rasch wachsen -, welche einsieht, daß es ganz unmöglich ist, durch irgend etwas anderes als durch die Revolution hindurchzugehen, wenn man im alten Sinne weiterarbeitet. Und gerade so, wie man im alten Sinn den Leuten gesagt hat: wir müssen einen Krieg machen, damit wir die Revolution im eigenen Lande besiegen, heißt es nichts anderes, als daß hingearbeitet werden muß gerade unter den im alten Sinn verständigen Menschen des Westens auf den zweiten Weltkrieg. Es geht gar nicht anders, als daß zur Abwendung des inneren Bolschewismus im Westen auf den, zweiten Weltkrieg hingearbeitet werden muß. Dieser zweite Weltkrieg steht um so sicherer in Aussicht, als im Osten niemals ein Verständnis, sobald die Dinge auf die Spitze getrieben sein werden, gewonnen werden kann für die wirtschaftlichen Maßnahmen des Westens. Im Osten wird sich diejenige Denkweise, die heute in Rußland zutage tritt, verbinden sogar mit den religiösen Vorstellungen des Ostens, und es wird über ganz Asien eine Stimmung entstehen, zu deren Führerschaft die japanische Bevölkerung und deren Machthaber außerordentlich taugen, so daß in die wirtschaftlichen Wirren der Zukunft hineinfallen wird die Ost-West-Spannung. Der zweite Weltkrieg, der sich zwischen Asien und Amerika, und was dazwischen liegt, entwickeln muß, er muß sich aus wirtschaftlichen Untergründen heraus ganz unbedingt entwickeln. Sie hören ja, wie aus den Unterschichten heraus der Ruf ertönt: Weltrevolution! Dieser Weltrevolutionsgedanke, er wird mit einem Nebel allein dadurch zugehüllt werden können, daß diese zweite Weltkriegskatastrophe entfesselt wird. Das ist gar nicht anders denkbar.
Nun leben wir also einer solchen Zeit entgegen, in der der Konfliktstoff zwischen Amerika und Asien immer stärker und stärker wird. Selbstverständlich werden die Völker, die dazwischen liegen, in diesen Konflikt hineingezogen. Sie können ganz sicher sein, daß Asien mit den Japanern an der Spitze gegenüber dem, was von Westen kommt, in derselben Lage sein wird, wie Mitteleuropa war gegenüber der Entente. Man wird sich auf Seiten des Ostens vielleicht eine Zeitlang großen Siegeszuversichten hingeben, aber ebenso wie Amerika in Europa ausschlaggebend war, wird es auch in Asien ausschlaggebend sein. Aber der Ludendorff wird sich finden im Osten, der die nötigen Führer nach dem Westen schicken wird, um den Westen bolschewistisch, das heißt, asiatisch in diesem Falle zu verseuchen. Der wird sich auch unter den Japanern finden. Und dann haben Sie dasjenige, wofür die Stimmung vorhanden ist aus den breitesten Schichten heraus, das haben Sie durch den zweiten Weltkrieg einfach hingestellt. Das Amerika muß einem vor den Augen stehen, in dem ein Lenin wirtschaftet, wie jetzt der Lenin in Rußland wirtschaftet. Man muß sich vor diesen Perspektiven nicht verschließen, muß sich klar sein, daß die Ursachen der gegenwärtigen Not im wirtschaftlichen Niedergang liegen, daß die Wirkungen in der Barbarisierung der Menschheit liegen. Dem läßt sich nur eine einzige Tatsache gegenüberstellen, das ist diese, die vielleicht in unserem Zusammenhang hier ausgesprochen werden darf, die aber durchdringen soll unser ganzes Wirken, die aber vielleicht nicht zu einem Agitationsstoff gemacht werden darf, denn in dem Augenblick, wo sie zu einem solchen gemacht wird, wird sie in diesem weltgeschichtlichen Augenblick sofort totgemacht.
Sehen Sie, es gibt über die ganze Welt hin Leute, welche einfach, weil sie an ein Ende kommen mit dem gegenwärtigen wirtschaftlichen, staatlichen und geistigen Denken, anfangen, ernsthaft diese Dreigliederung zu erwägen. Dasjenige, was zum Beispiel aufgetreten ist als Reaktion auf die Übersetzung der «Kernpunkte der sozialen Frage» ins Englische, ist ein vollgültiger Beweis dafür. Und würden wir schon so stark sein, daß wir mit gehöriger Stoßkraft wirken könnten, dann würden wir, wenn wir den Umstand benützen könnten, daß in den englischen Zeitungen die «Kernpunkte der sozialen Frage» besprochen worden sind, wir würden da, solange die Stimmung warm ist, eine sehr wirksame Agitation entfalten können. Das aber, woran es uns fehlt, sind die Persönlichkeiten, ist eine genügend große Anzahl von Persönlichkeiten, die für unsere Sache durchschlagend wirken könnten. Das hat dazu geführt, daß ich schon im Frühling 1920 darauf hingewiesen habe, daß wir zunächst hier in Stuttgart fünfzig Menschen haben müßten, die alles das unter sich und mit mir besprechen, was notwendig ist, damit es unter die Leute gebracht werden kann. Darum handelt es sich heute. Es gibt kein anderes Mittel, als eine genügend große Anzahl von Menschen aufzuklären. Dazu ist aber eine genügend große Anzahl von Aufklärenden notwendig, die aus den Untergründen heraus sprechen. Denn Sie können sicher sein: Wenn Sie das ausbilden, was wir heute und gestern hier besprochen haben, das wirkt; es muß nur in genügend starkem Umfange an die Leute herangebracht werden. Es genügt nicht, wenn wir es mit einer Anzahl von zehn verbreiten, sondern wir müssen es mit hunderten von Agitatoren verbreiten können. Das ist notwendig, daß wir immer mehr und mehr Persönlichkeiten haben.
Also, wie gesagt, aus der Unterschicht steigt Verständnis auf über die ganze Welt, die der Barbarei entgegengeht; aber Führer müssen da sein, Führer, die durch ihre innere Qualität durch und durch verstehen können, was in der Dreigliederung steckt; diese Führer, die kann es nur geben in Mitteleuropa. Das ist das Paradoxon, das heute vor die Menschheit hingestellt ist, daß in denjenigen Gebieten, die am meisten gedrückt sind, am meisten besiegt sind, doch die Menschen leben, die am meisten den Ausgang aus den Wirren der Menschheit verstehen können. In dieser Beziehung sind wir ja in Mitteleuropa stark genug geprüft. Bedenken Sie, aus den besten Qualitäten des deutschen Volkes ging seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts der Gedanke einer zunächst ideellen Organisation dieses deutschen Volkes hervor. Was sich geltend gemacht hat als Einheitsstreben, namentlich seit 1848, das ging aus den schönsten Qualitäten des deutschen Volkes in Mitteleuropa hervor, das war durchaus Edelmetall in der Kulturentwickelung der Menschheit. Und das hat eine bestimmte Qualität in sich, an die man appellieren muß, das hat die Qualität in sich, daß es von keinem Volk der Erde verachtet wird, gehaßt wird, sondern im Gegenteil von allen, auch von den Polen, angenommen wird, wenn es in der Qualität auftritt, wie es dazumal als eine politische Idee in Deutschland aufgetreten ist. Denn es sind im Grunde genommen unter jenen Menschen, die später im sogenannten realistischen Deutschland als die Achtundvierziger-Idealisten verhöhnt worden sind, einige, die gewisse Qualitäten am allerbesten zum Ausdruck gebracht haben. Dagegen steht dem all das gegenüber, was sich in den letzten Jahrzehnten innerhalb Mitteleuropas, sowohl in Österreich wie in Deutschland, zugetragen hat. Da haben sich diejenigen Dinge entwickelt, die im Grunde genommen dem deutschen Wesen widersprechen, und die sind es, die in der ganzen Welt gehaßt werden, über die die ganze Welt schimpft. So lange innerhalb Mitteleuropas nicht eingesehen wird, daß Mitteleuropa aus jenen Untergründen heraus zu arbeiten hat, die im Geistigen liegen, daß Mitteleuropa vermöge seiner ganzen historischen Mission nicht auf Machtverhältnisse sich stützen kann, sondern allein auf geistige, so lange ist noch nicht der Impuls für irgendein entwickeltes Mitteleuropa gegeben, sondern es ist lediglich der Impuls gegeben zum Untergang der ganzen zivilisierten Welt. In dieser Beziehung kann man doch eigentlich auf Fichte zurückblicken. Ich mache Sie nur auf zwei Punkte bei Fichte aufmerksam, auf die letzten Worte, die er ausgesprochen hat in seinen «Reden an die deutsche Nation», worin er die Deutschen auffordert, sich selbst ihrer eigenen Qualitäten zu besinnen, aus ihrem Inneren heraus zu arbeiten, weil sie dadurch auf die Welt höher hinausblicken. Und auf der anderen Seite hat er die Deutschen ermahnt, zu verzichten auf die Seeherrschaft. Lesen Sie es in den «Reden an die deutsche Nation» nach, wie stark Fichte abgeraten hat, irgendeine Seeherrschaft anzustreben. Fichte ist der Spötter auf die sogenannte Freiheit der Meere. Das war aus einem tiefen Instinkt heraus.
Und sehen Sie, in dem Augenblick, wo man diese Dinge berührt, muß man auch darauf hinweisen, daß hier der Hebel zur Umkehr liegt. Lesen Sie den wichtigen Hinweis, der damals nicht verstanden worden ist, wie die ganze Schrift nicht verstanden worden ist, den wichtigen Hinweis, den ich versucht habe zu geben in meinen «Gedanken während der Zeit des Krieges, nämlich, daß das deutsche Volk unschuldig ist am Kriege. Lesen Sie diesen wichtigen Hinweis und lesen Sie die Überschrift auf dem Umschlag, daß die Schrift ge richtet ist an Deutsche und an solche, die nicht glauben, sie hassen zu müssen; denn ich wußte ganz gut: nur bei solchen Menschen kann das verstanden werden. Aber solche Menschen haben sich dazumal nicht gefunden, obwohl ich gedrängt worden bin, eine zweite Auflage dieser Schrift zu veranstalten. Ich habe es natürlich unterlassen, denn darauf eingegangen sind im Grunde genommen nur die Leute, die geglaubt haben, die Deutschen hassen zu müssen. In Deutschland hat man hübsch zu diesen Dingen geschwiegen. Das Buch hätte nur Bedeutung erlangt, wenn es voll genommen worden wäre in seiner Tatsachengrundlage. Daher mußte es aus dem Buchhandel heraus. Ich wollte im Kreise derer, die Deutsche sind und die glauben, die Deutschen nicht hassen zu müssen, eine gewisse Stimmung, die durchaus in den Untergründen der Seelen vorhanden wär, hervorrufen, Wäre diese'Süimmung; wie-ie.damals gemeint war, wirklich zur Erscheinung gekommen, würde sie damals eine ‚Atmosphäre gebildet haben, das heißt, hätte man auswärts gesehen, daß es eine solche Stimmung gibt, dann wäre das zum Glück ausgeschlagen. Würde man eine solche Stimmung heute wahrnehmen, so würde das noch immer zum Glück ausschlagen. Lassen Sie mich noch folgendes sagen, wobei ich Sie bitte, die Worte, die ich Ihnen vorlesen will, gerade für den Zusammenhang, in dem wir jetzt stehen, berücksichtigen zu wollen: «Die Deutschen haben ihre Regierung nicht gedrängt, in den Krieg einzutreten. Sie haben nichts davon vorher gewußt und haben nicht zugestimmt. Wir wollen das deutsche Volk nicht zur Verantwortung ziehen, das selbst in diesem Krieg all die Leiden durchgemacht hat, die es nicht selbst verursacht hat.»
Ich frage Sie, stimmt das nicht vollkommen überein mit demjenigen, was ich in dem Büchelchen «Gedanken während der Zeit des Krieges» ausgesprochen habe? Wer hat aber diese Worte unter dem Druck von gewissen Menschen am 14. Juni 1917 gesagt? - Das war Woodrow Wilson. Da liegt, wenn man die Sache so auffaßt, die Möglichkeit der Verständigung über die Erde hin. An diese Wendung muß man denken, auch heute noch denken, daß in dem Augenblick, wo sich irgend etwas geltend macht in Europa, was zeigt, daß es nur zu tun hat mit der sachlichen Entwickelung der Menschheit und nichts, aber auch gar nichts zu tun hat mit einem Zusammenhang mit alten Dingen, daß in dem Augenblick von Mitteleuropa aus eine Verständigung mit der Welt gefunden werden kann. In dem Augenblick, wo, wenn auch nur in eingeschränktem Maße, in irgendeinem Punkte an die Selbstbestimmung der Menschen in Mitteleuropa appelliert werden kann, muß sich zeigen, daß aus dem deutschen Wesen heraus das deutsche Wesen nichts zu tun haben will mit all denjenigen, die einen Zusammenhang haben mit den alten Gewalthabern, gleichgültig, ob sie alte Staatsmänner sind oder ob sie Industrielle sind, die ihren Profit gesucht haben, ganz gleichgültig, ob sie auf der Seite von Helfferich oder Erzberger stehen oder auf der Seite der deutschen Demokratie. Alles das, was irgendeinen Zusammenhang mit dem, was zunächst in das Wilhelminische Zeitalter hineingesegelt ist, hat, muß ausgeschaltet werden. Und aus dem wirklichen Untergrund des deutschen Wesens, zu dem auch das österreichische gehört, muß dasjenige gefunden werden, was gesagt werden kann. Denn dann stimmt das überein mit dem, was jene, die sich noch besinnen auf die Wahrheit, in der ganzen Welt sagen. Daher wird in der ganzen internationalen Welt der größte Eindruck hervorgerufen werden können, wenn irgendein Häuflein sagt: Wir wollen nichts zu tun haben mit dem Preußen, wie es sich herausgebildet hat, wir wollen nichts zu tun haben mit demjenigen, was unter der Protektion der Entente steht, wir wissen, daß aus den Untergründen ganz andere Kräfte aufsprossen können, wir wollen uns auf den Standpunkt der Dreigliederung stellen, wir wollen nicht nur eine Scheinautonomie, wie sie doch hervortreten würde, wir wollen eine wirkliche, wahre Autonomie und werden uns provisorisch innerhalb dieser wahren wirklichen Autonomie einrichten, wir machen die Abstimmung zu einem Protest gegen die Tatsache der Abstimmung. Das ist die notwendige Konsequenz, die sich aus den Tatsachen der Geschichte, wie auch aus denen der gegenwärtigen internationalen Verhältnisse, ergibt.
Gewiß kann man dagegen sagen: So etwas bewirkt heute, daß man sich zwischen zwei Stühle auf die Erde setzt. Das bewirkt es nicht, würde es nicht bewirken, wenn es genügend popularisiert werden könnte, und zwar so schnell, daß es wenigstens als etwas deutlich Vernehmbares bis zu der Abstimmung in Oberschlesien auftreten würde. Nur durch solche Dinge können wir mit unserer Bewegung vorwärtskommen. Das einzige, was uns gegenübersteht, ist, daß wir nicht in der Lage sind, bis zum Tage der Abstimmung so weit zu kommen, daß das, was da als Protest auftreten würde gegen die Tatsachen der Abstimmung als solche, daß das irgendwie realisiert werden könnte. Dann würde überhaupt zunächst ein Arbeiten auf diesem Gebiete ja außerordentlich schwierig werden. Denn diejenigen, die unseren Ideen propagieren), werden ebensowenig einen Rückhalt finden an Preußen-Deutschland wie an Polen. Also zu verlieren haben sie eigentlich nichts, was sie nicht ohnedies verlieren würden, ob nun das eine oder andere zustande kommt. Es ist nur möglich, daß die Sache gelingt, wenn eine genügend große Anzahl von Menschen diesen Protest in die Welt hinausschleudert. Dann wäre auch heute noch dieser Protest so wirksam, wie wenn einfach sich der Kühlmann zur rechten Zeit im Deutschen Reichstag hingestellt hätte und den ganzen Dreigliederungs-Prospekt gegen die Wilsonschen Ideen vorgebracht hätte. Denn in Zukunft werden nicht Siegeskompromisse, sondern strammes Stehen auf etwas, was man aber aus der Sache selber hervorholt, von Bedeutung sein. Und wenn es nur gelingen würde, eben begünstigt durch die Abstimmungstatsache, daß eine im Verhältnis kleine Anzahl von Menschen - es müßten natürlich schon Tausende sein - in die Welt hinausrufen würde: Wir, als Oberschlesier, sehen einen Unsinn im Anschluß an das eine und andere - das würde man in der ganzen Welt hören, das würde ein Faktor werden in der ganzen Welt, weil es eben begünstigt würde dadurch, daß es im Zusammenhang mit der Abstimmung geschieht. Wir müssen bestrebt sein, dasjenige, was wir zu sagen haben, nicht nur Woche für Woche etwa in der Dreigliederungs-Zeitung erscheinen zu lassen, wo es so geistvoll sein kann wie möglich, aber sich doch nur ausbreitet in nach außen hin abnehmenden Wellen, sondern wir müssen darauf sehen, daß da, wo Wichtiges in der Welt geschieht, die Dreigliederung eine Stimme hat, daß sie nicht bloß immer abseits von den Ereignissen steht, sondern daß sie wirklich die Momente aufsucht, durch die etwas getan werden kann, weil ja die Menschheit einfach hypnotisiert ist von den Dingen, die vorgehen. Glauben Sie denn, daß die Entente so ohne weiteres auf die Dreigliederung sieht, wenn wir hier theoretisch die Dreigliederung verbreiten? Nein, ihre Augen sind hypnotisiert von so etwas, wie es die schlesische Abstimmungsfrage ist. Was da einige tausend Menschen sagen, darin werden sie dasjenige sehen, was sie sonst übersehen.
Das sind die Dinge, die wir im gegenwärtigen Augenblick hier ganz besonders berücksichtigen müssen. Sollte es natürlich nicht möglich sein, eine genügend große Anzahl von Menschen zu gewinnen, dann könnte ja unter Umständen für unsere Freunde nichts anderes übrig bleiben, als zu sagen: Die Dreigliederung wird ja doch einmal so weit kommen, daß sie aus den Geburtswehen heraus zur Wirksamkeit kommt, und aus der Not heraus wird man innerhalb des deutschen Volkes vielleicht doch noch ein Verständnis für die Dreigliederung entwickeln; also stimmen wir provisorisch für die Angliederung an Preußen-Deutschland, in der Hoffnung aber, daß dieses Preußen versinkt. Aber das ist nur ein Surrogat, damit würden wir uns fügen demjenigen, worunter wir leiden. Worauf wir sehen müssen, das ist, die Menschen zu gewinnen, die aktiv sein können in unserer Bewegung, die aktiv sein können im Sinne unserer Dreigliederung. Und nach dieser Richtung - es darf nicht verschwiegen werden - haben wir eben nicht schlagkräftig genug gewirkt.
Überall, wo wir Anhänger brauchen, die wirken können, fehlen sie uns heute. Diejenigen Menschen, die wir haben, sind durchaus energische Arbeiter; aber eigentlich müssen sie überall sein. Für sie müßte der Tag vielleicht nicht 36, sondern 64 Stunden haben oder noch mehr. Das wissen auch die paar Leute, die innerhalb unserer Reihen wirklich wirksam arbeiten. Wir brauchen immer mehr und mehr Persönlichkeiten, und wenn uns das gelingt, daß wir immer mehr und mehr Persönlichkeiten heranziehen können, dann werden wir ja doch wohl in Mitteleuropa zu einer Propagierung der Dreigliederung kommen, damit etwas gemacht werden kann. Aber wir sollten solch einen günstigen Augenblick, wo wir der Welt zeigen könnten, was Dreigliederung bedeutet, nicht unbenützt vorübergehen lassen. Die Welt würde sich dann damit beschäftigen. Wenn dasjenige, was der oberschlesische Aufruf von unserer Seite ist, bekannt würde, würde sich die Welt in unerhört großem Maße mit der Dreigliederung beschäftigen, und das müssen wir herbeiführen, ohne das geht es in der Gegenwart nicht weiter.
Das ist es, was wirklich ganz besonders betont werden muß, was diejenigen in ihre Herzen einschreiben müssen, die sich jetzt vorgenommen haben, innerhalb der oberschlesischen Bevölkerung für die Propagierung unserer Sache zu wirken. Man kann nicht sagen, man solle die Dreigliederung im allgemeinen verbreiten, das ist von Anfang an nicht möglich gewesen. Sehen Sie, ich habe, die Dreigliederung im Hintergrund, es während des sogenannten Weltkrieges einmal dahin gebracht gehabt, daß sich jemand außerordentlich eingesetzt hat für die Begründung eines ordentlichen Pressedienstes in Zürich während des Weltkrieges. Ich konnte jemandem klarmachen, daß man aus den alten Presseverhältnissen heraus überhaupt nichts erreichen kann. Die Sache war so weit gediehen, daß einmal an einem Dienstag - ich muß das immer wieder und wiederum erzählen - man mir sagte: es ist alle Aussicht vorhanden, daß Sie in den nächsten Tagen nach Zürich übersiedeln können, um dort den Pressedienst einzurichten. - Am nächsten Tage kam die Absage vom großen Hauptquartier, das ja allmächtig war, mit der Auskunft, auf einen solchen Posten warten ja so viele Menschen innerhalb Deutschlands, daß man einen Österreicher dazu nicht ausersehen kann. Nun, man braucht ja nur über solche Dinge nachzudenken, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie, da ja all die Worte, die früher geprägt worden sind vom Idealismus unserer Zeit, keine Bedeutung mehr haben, wie man auf die Dinge sehen muß, wenn sie einem aus der Dreigliederung heraus klarwerden. Wenn nur einmal irgendwo der Ruf in der entsprechenden Weise ertönen kann, dann wird es gehen.
Sehen Sie, Sie müssen sich klar darüber sein: bisher bestanden die Hindernisse eines Menschheitsfortschrittes, der nun weitergeht, darin, daß man die eigentlich geistige Bewegung durch lange Jahrhunderte hindurch an äußere Machtverhältnisse, an äußere Konstellationen gebunden hatte. Denken Sie doch nur einmal, daß der ganze bourgeoise Fortschritt, und mit ihm hängt zusammen alles, was wir in Künsten und Wissenschaften leisten, daß der einfach mit den Städtebildungen zusammenhängt, also daß dadurch, daß die Städte führend wurden, der ganze Aufschwung der letzten Jahrhunderte gekommen ist. Zuletzt war man nicht mehr in der Lage, das führend zu haben, was aus den Städten kommt. Man wandte sich an den alten Staat, der sollte jetzt führend werden. Dieses wird immer scheitern, gleichgültig, ob es unternommen wird von der Sozialdemokratie oder von Bolschewisten oder unternommen wird von irgendwelchen intellektuellen Menschen, es wird immer scheitern an dem Bauerntum der Welt. In dieser Richtung lassen sich zum Beispiel in der Schweiz ganz besonders interessante Studien machen. Als in der Schweiz die Menschen einer Art Revolution sehr nahe waren, da war es das Bauerntum, das sich dagegen stemmte. Die Schweiz verdankt einzig und allein dem Bauerntum, daß die Revolution, die drohte, nicht ausbrach. Man hat hier deutlich diesen Gegensatz zwischen dem breiten Bauerntum und dem, was sich heraushebt in einzelnen Kulturschichten: das waren die Städte, das war der Staat und so weiter. Nur in Rußland war die Sache anders geworden. Die 600 000 Menschen, die nun wirklich in Rußland von bolschewistischen Wehen durchdrungen sind, die machen die Sache nicht aus; sondern dasjenige, was die Sache ausmacht, ist, daß die ganze breite Masse des Bauerntums an Lenin hängt und daß diese ganze breite Masse glaubt, sie habe Aussicht, Land zu bekommen. Nur wenn Lenin bleibt, glaubt das Bauerntum, könne es in solcher Weise abgefertigt werden. Stürzt Lenin, so würden sie das Land nicht bekommen.
Welches ist die einzige Lösung in der großen Kulturfrage der Menschheitszukunft? Natürlich hängt diese Kultur davon ab, daß geistige Führer da sind. Diese geistigen Führer mußten sich, so kann man es formulieren, mußten sich bis jetzt durch besondere Machtkonstellationen zurückziehen, zurückziehen in die Burgen, zurückziehen dann in die Städte, mußten sich in das Staatswesen zurückziehen, weil keine Stimmung dafür da war, eine Organisation zu schaffen, die als solche durch ihre Anerkennung führend ist. Und das ist die einzige Möglichkeit, eine solche zu schaffen, die unabhängig ist von allen anderen sozialen Konstitutionen, daß die Quelle der höheren Kulturen von selbst anerkannt wird. Und zwischen diesem geistigen Organismus und dem breiten wirtschaftlichen Organismus wird dann eben die staatlich-rechtliche Organisation drinnenstehen, wie zwischen Kopf- und Stoffwechselsystem das rhythmische System drinnensteht. Die einzige Lösung der Zukunftsfragen ist eben eine Einrichtung des geistigen Lebens, die unmittelbar durch sie wirkt. Darauf sehen Sie hingearbeitet in meinen «Kernpunkten der sozialen Frage». In dem Augenblick, wo man sich irgendwie zurückstoßen läßt durch den Einwand, man wolle eine geistige Aristokratie schaffen, da versteht man schon die Sache nicht. Die Schaffung dieser geistigen Organisation führt allein weiter. Eine solche ist ja schließlich auch, wie es den alten Verhältnissen entspricht, die katholische Kirche. Die ist unabhängig von Städtebildung und so weiter, aber die hat heute keine Mission mehr, die ist abgetan. Daß sie zu einer großen Scheinmacht organisiert werden kann, das liegt daran, daß sie eine solche Institution hat, die unabhängig ist von äußeren Machtverhältnissen. Daher muß eine solche geistige Organisation geschaffen werden, die einfach nicht abhängig ist von etwas anderem als von sich selbst. Dafür muß Verständnis geweckt werden. Und, wenn man die richtigen Wege findet, so läßt sich dieses Verständnis erwecken; denn es ist nicht mehr das Vorkriegsproletariat, das die breite Schicht ausmacht, sondern es sind andere Klassen bereits hinuntergedrängt, und diese zu gewinnen, ohne Rücksicht auf ihre Klassenstellung, das ist heute unsere Aufgabe, aber nicht bloß, indem wir diese Ideen predigen, sondern, wenn es sich um konkrete Dinge handelt, nach ihnen handeln.