How Can We Work for the Impulse of the Threefold Social Order?

GA 338 — 12 February 1921, Stuttgart

Erster Vortrag

Wir wollen uns heute zunächst darüber unterhalten, was die Absichten der Persönlichkeiten sein können, die an diesem Kursus teilnehmen, und auf welche Art eine Einstellung zu unseren Aufgaben zu gewinnen ist.

Sie werden, wenn Sie die Absichten erfüllen wollen, die mit diesem Kurs verbunden sind, in der nächsten Zeit hinausgehen, um für den Impuls der Dreigliederung in der Welt zu wirken. Dieses Wirken ist in unserer Zeit ein im eminentesten Sinne Notwendiges. Und von dieser Überzeugung, daß es ein Notwendiges ist, müssen wir ausgehen. Wir müssen uns darüber klar sein, daß es im Grunde genommen höchste Zeit ist, um für diesen Impuls der Dreigliederung, den wir ja betrachten müssen als die unbedingte Forderung des Zivilisationslebens der Gegenwart, zu wirken.

Wir müssen uns allerdings, indem wir uns in diesen Tagen über die Bedingungen dieses Wirkens unterrichten werden, von vorneherein auf einen Standpunkt stellen, der in unseren Herzen jede Art von Skepsis gegenüber dem Impuls der Dreigliederung selbst ausschließt. Denn Sie werden nicht wirken können, wenn Sie heute noch irgendwie skeptisch zu der Sache stehen. Wir werden ja gerade im Verlauf dieses Kursus sehen können, wie nicht nur das in der Welt wirkt, was man spricht oder tut, sondern wie gewisse Imponderabilien, Unausgesprochenes, durchaus unser Sprechen und unser Handeln begleiten muß, wenn wir wirken wollen.

Wir müssen uns ferner darüber klar sein, daß sich gegen diesen Impuls der Dreigliederung alle alten Zivilisationskräfte, die in der Dekadenz begriffen sind, auflehnen, Gegnerschaften entwickeln, und daß wir viel zu kämpfen haben, wenn wir diesen Impuls der Dreigliederung mit unserer Kraft zur Geltung bringen wollen. Und wir werden um so mehr zu kämpfen haben, je mehr wir auf der anderen Seite etwa einen gewissen Erfolg haben. Der Kampf wird durch einen solchen Erfolg - das zeigt Ihnen ja die Erfahrung auch dieser Wochen mit unserer Gegnerschaft - nicht geringer, sondern er wird immer schärfer und schärfer. Und Sie werden sich schon einmal wappnen müssen gerade gegen dasjenige, was sich als Kampf geltend macht, womit ich natürlich nicht sagen will, daß wir uns etwa in hervorragendem Maße durchaus auf Kampf einstellen sollten; das ist es nicht, was uns vorwärtsbringen könnte. Aber wir müssen uns bewußt sein, wie stark gerade dann, wenn wir etwa durchkommen, dieser Kampf sich in der nächsten Zeit entfalten wird.

Was ich heute vorausschicken möchte, werden gewissermaßen einzelne psychologische Ausgangspunkte sein. Es kann sich selbstverständlich hier nur darum handeln, die sachlichen Grundlagen für Ihr Wirken zu charakterisieren. Ich möchte von vorneherein betonen, daß es sich nicht etwa um eine Anleitung zur politisch-sozialen oder sonstigen Redekunst handeln kann, sondern eben gerade um das Schaffen der positiven Grundlagen für das Wirken im Sinne des Impulses der Dreigliederung des sozialen Organismus. Und da werden Sie es vielleicht zunächst wie etwas ganz allgemein Hingestelltes empfinden, wenn ich einige ganz allgemeine Regeln vorausgehen lasse, die für uns aber doch, wenn wir sie recht konkret durchdenken, von außerordentlicher Wichtigkeit sein werden.

Sie werden mit dem, was Sie wirken wollen, nur durchkommen, wenn Sie in Ihrer Seele aus zwei Grundkräften heraus wirken, und da es sich heute um einen außerordentlichen Ernst handelt, der unsere Sache durchdringen muß, der unser Wirken beseelen muß, so sollen wir uns zunächst durchaus bewußt werden, ganz bewußt werden, daß wir nicht weiterkommen, ohne diese zwei Grundkräfte unserer Seele auszubilden: erstens aus einer wirklichen Liebe zur Sache heraus, zweitens aus einer einsichtsvollen Menschenliebe heraus zu sprechen. Seien Sie sich klar darüber: Wenn diese zwei Bedingungen nicht vorhanden sind oder wenn sie etwa ersetzt sind durch andere, sagen wir durch Ehrgeiz oder Eitelkeit, so werden Sie noch so logische Urteile den Leuten vortragen können, Sie werden noch so klug sprechen können, und Sie werden doch nichts erreichen. Die Bedingungen, durch das Wort zu wirken, die sind im Grunde genommen durchaus etwas, was in der Formung, in der Prägung des Wortes allein nicht liegt. Sie brauchen nur auszugehen von dem, wie Wirkungen durch das Wort am allerhäufigsten in unserer Gegenwart erzielt werden, und Sie werden das, was ich Ihnen gesagt habe, einsehen.

Stellen Sie sich nur einmal vor: zwei Redner treten vor ein Publikum. Der eine wäre eine unbekannte Persönlichkeit mit außerordentlich großen Einsichten, mit einer meinetwillen durchdringenden Redekraft und mit einer vollen Berechtigung der Sache gegenüber, und ein anderer Redner träte vor dasselbe Publikum, so wie die Dinge nun heute einmal liegen, und er habe seit langer Zeit irgendeine öffentliche Position inne, sei es als der Abgeordnete NN, der Staatsmann NN, der dort oder da bekannte Großindustrielle NN oder der Gelehrte NN. Er wird wirken mit weit weniger eindringlichen Motiven, mit einer Sache, die weit weniger berechtigt ist. Das, was die Wirkung ausmacht, das ist etwas, was zum Inhalte des gesprochenen Wortes durchaus hinzukommt. Doch wir können ja nicht auf solche Dinge unsere Arbeit aufbauen, wie ich sie eben jetzt zuletzt charakterisiert habe.

Aber es gibt auch andere Dinge, die unsere Rede kennzeichnen müssen, und das sind eben die beiden Seeleneigenschaften, von denen ich gesprochen habe: Die wirkliche Liebe zur Sache, die allein die innere Überzeugung tragen kann, und die Liebe zur Menschheit. Selbstverständlich können diese beiden Seelenkräfte nicht ersetzen, was der Inhalt des gesprochenen Wortes ist. Dieser Inhalt des gesprochenen Wortes muß selbstverständlich unanfechtbar sein. Aber er wirkt nicht, wenn er nicht getragen ist von den zwei Seelenkräften, die ich angeführt habe. Daher muß es schon heute, wo wir mehr, ich möchte sagen, die Formalien abtun wollen, durchaus ausgesprochen werden, daß wir uns das vorhalten müssen, wieweit wir diese beiden Kräfte in unserer Seele gegenwärtig haben. Kommen wir darauf, daß wir sie nicht haben, dann wäre es vielleicht besser, wenn wir uns gerade bei der wichtigen Aktion, die nun unternommen werden soll, nicht beteiligen würden, denn es wäre verlorene Kraft, verlorene Arbeit. Und man würde sich doch überzeugen, daß die Wirkung desjenigen, was etwa aus anderen Antrieben entspringt, keine große sein könnte, während die Wirkung desjenigen, was aus der Liebe zur Sache, die die Überzeugung trägt, und aus Menschenliebe entspringt, vielleicht zunächst unmittelbar eine geringe sein mag, aber sie wird dennoch da sein.

Meine lieben Freunde, es gibt alle möglichen zunächst unerschaubaren Wege, welche sich die Wahrheit wählt, um unter die Menschen zu kommen, und es ist nun einmal so, daß, wo die beiden Imponderabilien, Liebe zur Sache und Menschenliebe, da sind, auch eine Wirkung sein muß, wenn sie auch zunächst nicht zutage tritt. Sie wird in irgendeiner Weise kommen, dessen können wir sicher sein.

Aber andere Dinge müssen noch hinzukommen. Es muß eine volle Einsicht vorhanden sein in dasjenige, wo hinein wir heute sprechen, wenn wir mit einer solchen Sache, wie es der Impuls der Dreigliederung ist, vor die Öffentlichkeit hintreten. Wir dürfen uns keinerlei Illusionen hingeben über die Seelenverfassung der Menschen, zu denen wir sprechen, über die Bedingungen, die dadurch gegeben sind, daß wir eben gerade zu den Menschen der Gegenwart sprechen müssen. Unter diesen Menschen der Gegenwart sind keineswegs wenige, die durchaus geeignet sind, aufzunehmen, was wir ihnen zu sagen haben. Aber es ist namentlich unter den führenden Persönlichkeiten der Gegenwart die Mehrzahl so, daß die Kräfte derjenigen Menschen, die geeignet wären, den Impuls der Dreigliederung aufzunehmen, zunächst - und zwar ziemlich brutal - niedergehalten werden.

Verweilen wir möglichst wenig bei allgemeinen Redensarten, lassen wir uns durchaus auf Einzelheiten gleich ein. Das Gewöhnlichste, was einem die Leute sagen, wenn man mit so etwas kommt, wie es der Impuls der Dreigliederung ist, das lautet etwa so: Ja, namentlich in Mitteleuropa sind zunächst heute die Not und das Elend da. Wir müssen den Kampf um das trockene Brot führen. Die wirtschaftlichen Interessen sind es zunächst, auf die wir uns einlassen müssen. Was nützen da hohe Ideale? Was nützt dasjenige, was aus geistigen Untergründen heraus vorgetragen wird? - In allen Tonarten werden Sie diesen Einwand hören. Und man kann ja nicht leugnen: Er geht aus den gepreßten Seelen der Gegenwart hervor. Er hat zunächst, rein äußerlich betrachtet, eine gewisse Berechtigung. Aber wir werden sehen, wenn wir die wichtigsten Fragen der Gegenwart, die die Grundlagen für unser Wirken werden können, an unseren Seelen vorbeiziehen lassen werden, daß diese Anschauung, daß es sich heute bloß um die Lösung der wirtschaftlichen Fragen handeln könne, auf einer völligen Illusion beruht. Denn sie geht von einer anderen Frage beziehungsweise von der Antwort auf eine andere Frage wie von einer Selbstverständlichkeit aus; aber es ist keine Selbstverständlichkeit. Man geht nämlich von der Voraussetzung aus - wir werden gerade über diese Sache noch sehr genau sprechen -, daß die Menschen, nicht dieser oder jener Mensch, sondern die Menschen überhaupt, nicht schuld daran wären, daß die zivilisierte Welt in die gegenwärtige Lage hineingekommen ist.

Wenn wir die über die ganze Erde hin verbreitete Weltwirtschaft ins Auge fassen - und sie muß heute ins Auge gefaßt werden -, dann müssen wir uns sagen: die Natur gibt uns heute nicht weniger als zu irgendeiner anderen Zeit, wenn wir ihre Ergebnisse ihr richtig entringen können und wenn wir diese Ergebnisse in der richtigen Weise unter die Menschen bringen können - als Gesamtmenschheit selbstverständlich. Daß die Menschen heute in einer größeren Notlage sind, als sie vorher waren, das ist nicht durch physische Ursachen bewirkt, sondern das ist bewirkt gerade durch den Geist der Menschen. Wenn die Menschen heute in Not sind, so hat die falsche Geistigkeit, das falsche Denken, diese Not hervorgebracht. Daher kann es auch wiederum nichts anderes geben, als daß das richtige Denken an die Stelle des falschen gesetzt wird, um aus dieser Not herauszukommen. Nicht die Natur, nicht irgendwelche unbekannten Mächte haben die Menschheit in die heutige Lage gebracht, sondern die Menschen sind es selber, die diese Dinge bewirkt haben. Wenn Not ist, sind die Menschen es, die diese Not herbeigeführt haben; wenn Menschen nichts zu essen haben, so sind es Menschen, die dieses Essen nicht an sie herankommen lassen. Daher kommt es darauf an, nicht von der falschen Voraussetzung auszugehen: irgendwelche unbekannten Mächte haben die Not bewirkt, und man muß diese Not zuerst aufheben, bevor man daran gehen kann, in der richtigen Weise zu denken - sondern klarzumachen: weil die Not bewirkt ist vom unrichtigen Denken der Menschen, so kann auch nur das richtige Denken die Aufhebung dieser Not bewirken.

Man muß von den verschiedensten Seiten her diesen Aberglauben, daß man zunächst der Menschheit Brot verschaffen könne, und dann, wenn sie genügend Brot habe, werde sie auch zu einem besseren Denken kommen, ins Auge fassen. Das ist ein furchtbarer Aberglaube. Und es wird niemals in die heutige Zivilisation herein irgend etwas Segensreiches dringen können, wenn man sich nicht dazu entschließt, ihn abzulegen, ihn durch den richtigen Glauben zu ersetzen, der darin besteht, daß eine Umkehrung, eine Neubildung des Denkens über die Dinge dieser Welt selber eintreten muß. Das ist es auch, was allmählich in eine genügend große Anzahl von Menschenköpfen durchaus hinein muß.

Wir werden aber nur die Möglichkeit finden, zu diesen Menschen zu sprechen, wenn wir uns über zwei Dinge zunächst gar keiner Illusion hingeben. Das ist erstens die Tatsache, daß in der Gegenwart im größten Ausmaß kein Sinn vorhanden ist für die Produktivität des geistigen Lebens. Die Albernheit, mit der vor nicht zu langer Zeit das Wort geprägt worden ist «Freie Bahn dem Tüchtigen» nicht das Wort, aber die Art und Weise, wie das Wort geprägt worden ist, war eine Albernheit -, diese Albernheit, die müßte aus den Menschenköpfen angesichts der Tatsachen, die in der heutigen Zivilisation walten, recht gründlich heraus. Denn diese Tatsachen der heutigen Zivilisation sind so, daß sie durch ihre eigene Wesenheit gerade eine Selektion, eine Auswahl der Untüchtigen, immer in die Höhe tragen.

Wir leben heute in einer Zeit, die die Untüchtigkeit ganz besonders begünstigt. Auch darüber werden wir ausführlich sprechen und werden die Kräfte suchen müssen, welche zu dieser Auslese der Untüchtigsten gerade in unserer Zeit in besonderem Maße führen. Heute möchte ich nur eines zunächst vorausschicken. Ich bitte aber durchaus zu berücksichtigen: Wir müssen hier, indem wir uns bewußt sind, daß wir untereinander reden und die Bedingungen für unser Wirken schaffen, wir müssen hier von vorneherein fest auf dem Boden stehen, daß der Dreigliederungs-Impuls für uns etwas Sicheres ist, daß wir ihm mit keinem Skeptizismus gegenüberstehen, sondern ihm wirklich gegenüberstehen so, daß wir in ihm die einzige Kraft sehen, die aus den Wirrnissen der Gegenwart hinausführen kann. Indem wir auf diesem Boden stehen, werden wir dasjenige, was ich jetzt sagen will, nicht als eine Unbescheidenheit oder dergleichen ansehen können, sondern eben durchaus als sachlich zusammenhängend mit den Bedingungen unseres Wirkens überhaupt.

Nehmen Sie die «Kernpunkte der sozialen Frage». Betrachten Sie die Art, wie sie vielfach heute aufgefaßt werden, sehen Sie sich die Dinge an, die vorgebracht werden von den Gegnern, und versuchen Sie dann, ein Urteil darüber zu gewinnen, aus welchen Untergründen diese Gegner sprechen, Sie werden zu diesen Untergründen nur auf einem psychologischen Wege, auf dem Wege psychologischer Beobachtung, kommen. Die Gegner reden ja zumeist an dem Inhalt dieser «Kernpunkte», ich meine natürlich das Buch, vorbei. Es ist in der Regel in dem, was sie reden, kaum ein Bezug zu dem, was der Inhalt der «Kernpunkte» eigentlich ist. Ich habe zum Beispiel neulich einmal in Bern den Inhalt der «Kernpunkte» auseinandergesetzt. Hinterher hat der Volkswirtschaftler von der Universität gesprochen, dreiviertel Stunden lang. In keinem einzigen Satz ist es ihm gelungen, auf den Inhalt der «Kernpunkte» selber einzugehen. Man kann das geradezu beweisen. Und auf den Inhalt des Vortrages ging er erst recht nicht ein. Er war vollständig unvorbereitet, da er ja die «Kernpunkte» nicht kannte, nicht wahr.

Nun, was spüren denn die Menschen, wenn sie an die Ideen der Dreigliederung des sozialen Organismus herangehen? Warum formen sie aus tiefen Untergründen ihrer Seele heraus Dinge, die so gar nicht passen? Weil sie eben etwas ganz Besonderes spüren. Sie spüren nämlich, ohne daß sie sich das zum Bewußtsein bringen, in sich dasjenige, was da in ihnen tätig ist. Sie spüren: wenn der Impuls für die Dreigliederung, wie er in den «Kernpunkten» dargelegt ist, in der Welt Wurzeln fassen würde, dann würde das eine Auslese der Tüchtigen bringen, und es würden herabgestoßen von ihrem Piedestal die Untüchtigen. Denn der Impuls, der in der Dreigliederung des sozialen Organismus liegt, er ist ein durchaus real wirksamer, sobald er irgendwie in die Menschheit hineingetragen wird. Aber er wirkt unbedingt so, daß er die Unfähigen ausschließt von einer Wirksamkeit. Das ist es, was die Menschen in den unterbewußten Untergründen fühlen. Das können sie natürlich nicht sagen, daher kommen sie zu demjenigen, was sie eben sagen. Wenn man sich Mühe gibt als Psychologe, das zu durchschauen, was die Leute vorbringen, namentlich wenn man sich Mühe gibt, die Art und Weise, wie sie wirken, zu analysieren, dann wird man durchaus zu einer Erhärtung dessen kommen, was ich eben ausgesprochen habe. Und alles das beruht zum Schluß doch darauf, daß in der Gegenwart ein Sinn für geistige Produktivität eigentlich nicht vorhanden ist. Die Leute haben sich zu sehr daran gewöhnt, das Geistige vom Unpersönlichen oder von solchem Persönlichen, das selbst kein Geistiges ist, tragen zu lassen: vom Staate oder von staatlichen Persönlichkeiten, die nicht in erster Linie den lebendigen Geist als solchen im Auge haben.

Sie brauchen sich ja nur die Dinge im einzelnen vorzunehmen, brauchen sich nur zu fragen: Was wollen die theologischen Fakultäten? - Es geht heute in den theologischen Fakultäten viel weniger darum, hinter das Geheimnis der geistigen Urkräfte der Welt zu kommen, als im Sinne des Staates oder der Konfessionen brauchbare Religionsbeamte zu schaffen. Bei der Juristerei handelt es sich nicht darum, die Gründe und das Wesen des Rechtes zu suchen, sondern die Leute dasjenige zu lehren, was in irgendeinem Staate Usus ist, was festgelegt ist von denen, die auch nicht das Wesen des Rechtes schaffen wollten, sondern aus irgendwelchen Interessen heraus dieses oder jenes zum Gesetz gemacht haben. Und so könnte man ja alle die Dinge, die ja doch schließlich führend werden im geistigen Leben, durchgehen und man würde überall sehen, daß für das produktive Element des Geistes, das ja doch eigentlich die Zivilisation tragen muß, daß für das lebendige Hereinwirken des Geistes in die Menschenseelen ein Sinn in der Gegenwart kaum vorhanden ist.

Die Menschen sind allmählich erzogen worden zu einer lendenlahmen Intellektualität, zu einem bloßen Denken, ohne daß dieses Denken durchdrungen wird von Willensinitiative. Die Menschen gehen auf in einem bloß betrachtenden Denken. Sie werden das ja zunächst als eine Erfahrung sehen, wenn Sie Ihre Vorträge halten werden. Sie werden es erleben können immer wieder und wiederum, daß die Leute, die zuhören, vielleicht sogar von dem einen oder anderen, indem sie es hören, befriedigt sind; die Worte rauschen an das Ohr heran, kommen in die Seelen; die Leute haben eine gewisse Wollust über die Gedanken; sie fühlen sich darin befriedigt; sie möchten am liebsten gerade dasjenige hören, was sie in dieser Weise eben mit einer gewissen inneren Wollust ausfüllt. Aber sie sind eigentlich innerlich immer etwas erbost, wenn man ihnen zumutet, daß die Worte nicht Worte bleiben sollen, sondern daß sich der ganze Mensch erfüllen soll mit ihnen und tatkräftig von dem Gesichtspunkte aus, den die Worte eröffnen, nun ins Leben eingreifen muß, wenn die Worte irgendwie eine Folge haben sollen. Die Leute sind eben mit Bezug auf das Wort seit Jahrhunderten zu sehr an eine bestimmte Art der Aufnahme gewöhnt worden. Wenn sie den Prediger auf der Kanzel anhörten, dann setzten sie sich hin in die Kirchenbank, und die Predigt sollte «schön» sein, sollte so mit einer gewissen Wärme, es war in der Regel allerdings eine philiströse Wärme, in das Innere hineinziehen. Man wollte eine gewisse innere Wollust empfinden, auch eine gewisse innere Sehnsucht der Seele befriedigt fühlen, so, daß einem die Befriedigung von außen zukommt. Aber dann, wenn man die Predigt wieder verlassen hatte, dann wollte man nicht etwa, daß dasjenige, was da in der Predigt geboten wurde, das Leben nun wirklich durchdringe. Gesagt hat man das selbstverständlich oft genug, aber geschehen ist es seit langer Zeit im Grunde niemals. Wie es in dieser Beziehung mit anderen Dingen, die geredet werden, heute steht, das wissen Sie ja wohl auch. Man kann nicht gerade sagen, daß in den meisten Fällen die jungen Leute mit einer gewissen inneren Glut heute zu den Universitätstüren hereingehen, um ihre Stunden durchzumachen, daß sie mit einer ungeheuren inneren Wärme nun gar nicht erwarten können, was der Lehrer morgen sagen werde nach dem, was er heute gesagt hat. Die Fälle scheinen doch zahlreicher zu sein, wo die Leute ihre Stunden absitzen, weil das nun einmal Pflicht ist - oder vielleicht sitzen auch viele sie gar nicht ab -, und wo sie dann froh sind, wenn sie das nun eingetrichtert haben, was notwendig ist zum Examen, durch das ja wirklich nicht festgestellt wird, ob man ein tüchtiger, fähiger Mensch ist, sondern ob man das in sich trägt, durch was man ein guter theologischer oder juristischer Beamter wird, das heißt in entsprechender Weise in irgendeine Staatsstruktur sich einfügt.

Unter diesen Bedingungen, wir werden sehen, was für Faktoren dabei tätig waren in den letzten Jahrhunderten, insbesondere aber auch im 19. Jahrhundert, ist allmählich der Sinn für das lebendige Wirken des Geistes in der Menschheit verlorengegangen. Denken Sie doch, was wirklich wirksame Religionen geworden wären, wenn sie nicht ausgegangen wären von diesem Sinn für den lebendigen Geist. Alle Religionen, die überhaupt Religionen geworden sind, sind nicht etwa ausgegangen von dem, wovon unser heutiges Geistesleben ausgeht, nämlich, daß alles, was wir im Geiste tragen, im Grund nur eine Ideologie ist, eine Summe von Abstraktionen ist. Sondern die Religionen sind davon ausgegangen, daß der objektive, in der Welt vorhandene Geist sich geoffenbart hat durch gewisse Persönlichkeiten, daß er als solcher gewirkt hat, daß der Geist etwas Reales, eine reale Macht ist. Davon verstehen die meisten Menschen, die im heutigen Geistesleben darinnenstehen, kaum etwas.

Es war mir neulich im höchsten Grade interessant, folgendes zu erfahren. Ich sprach aus dem Gedanken, der im ersten Kapitel meiner «Kernpunkte» zugrunde gelegt ist, daß von der geistigen Seite her ein wesentlicher Bestandteil der proletarischen Frage der ist, daß das moderne Proletariat alles geistige Leben, Sitte, Recht, Kunst, Religion und Wissenschaft und so weiter, für eine Ideologie ansieht, und daß in diesem Auffassen des Geisteslebens als eine Ideologie eben die Grundlage liegt für die Verödung der Seelen, die dann aus ihren Instinkten heraus zu dem kommen, was heute in vieler Beziehung die soziale Bewegung ist. Das habe ich in meinen «Kernpunkten» ausgeführt. Ich deutete es neulich in einem Vortrage an, und ein professoraler Diskussionsredner verstand die Sache so gut, daß er ungefähr sagte: Ja, da wäre angeführt worden, das Proletariat lebe in geistiger Beziehung in einer Art Ideologie; das könne man doch nicht anführen, denn alle Klassen, alle Stände, die ganze Menschheit lebe ja fortwährend in Ideologie; es sei ja ganz selbstverständlich, daß alle in Ideologie leben! - Der gute Mann hat überhaupt gar keinen Begriff davon, was da gemeint ist, denn ihm ist ganz abhanden gekommen der Begriff der Realität des geistigen Lebens. Ihm war das eine Selbstverständlichkeit, daß dasjenige, was unseren Geist und unsere Seele ausfüllt, eben eine Ideologie ist. Er konnte also als gut Bürgerlicher auch nichts anderes fassen, als daß man ja ganz gerechtfertigterweise in der Ideologie drinnen lebe; wenn also das Proletariat darin lebe, so könne das nicht der Grund sein für die sozialen Impulse der Gegenwart!

Sie sehen, diese Dinge sitzen so gründlich in denjenigen drinnen, die heute «die Gebildeten» sind, daß man schon davon sprechen muß: Für die Produktivität des geistigen Lebens haben die Leute gar keinen Sinn. Von dieser Produktivität des geistigen Lebens, von dem schaffenden Geist, von der Kraft des Geistes müssen wir vor allen Dingen den Menschen der Gegenwart einen Begriff geben. Das ist dasjenige, was in allererster Linie notwendig ist. Das ist das eine, bezüglich dessen wir uns keinen Illusionen hingeben dürfen, denn wir würden sonst nicht wissen, wie wir in die Menschheit der Gegenwart hinein reden können.

Das zweite, um was es sich handelt, ist, daß im Grunde genommen durch die besondere Art des sozialen Lebens, wie es heraufgekommen ist in den letzten Jahrhunderten, der Sinn für den Bedarf des anderen Menschen verlorengegangen ist. Ohne diesen Sinn für den Bedarf des anderen Menschen gibt es aber überhaupt keine Gestaltung des Wirtschaftslebens. Das Wirtschaftsleben kann sich nur gestalten durch Menschen, die zunächst in ihren Gedanken über das Wirtschaftsleben ganz absehen können von ihren eigenen Bedürfnissen und die ein Gefühl haben für die Bedürfnisse irgendwelcher anderer Menschen und dadurch lernen, sich in der Menschheit zu fühlen. Einsichtsvolles Verständnis für dasjenige, was man die Konsumtion der Menschheit nennen kann, das ist es, was im Wirtschaftsleben notwendig ist.

Das Wirtschaftsleben besteht ja aus Produktion, Warenzirkulation, Konsumtion. Aber die Produktion zu beherrschen, der Produktion ihre richtige Kraft zuzuführen, das ist in erster Linie gar nicht Sache des Wirtschaftslebens. Sie sehen das aus den «Kernpunkten»: Das Kapital wird zunächst in Zirkulation gebracht von dem geistigen Glied des sozialen Organismus. Die Art und Weise, wie man produziert, das ist eine durchaus geistige Frage. Eine wirtschaftliche Frage ist im wesentlichen die Konsumtionsfrage. Natürlich müssen diejenigen, die in den wirtschaftlichen Assoziationen drinnenstehen, aus dem Geistesleben her die Möglichkeit haben, das Produzieren zu beherrschen, das Produzieren zu organisieren; aber die Intensität der Produktion, die Art der Produktion lernt man nur kennen, wenn man einen Sinn hat für die Bedürfnisse der anderen Menschen und nicht allein, auch nicht als Gruppe, für seine eigenen.

Was ist aber heraufgezogen im neueren Leben? Überall ist zuletzt in jenen Schwätzanstalten, die man mit dem Namen Parlament bezeichnet, es ist ja eine wörtliche Übersetzung, also eine ganz berechtigte; wir wollen uns hier einmal, ohne gerade in Chauvinismus verfallen zu wollen, der deutschen Übersetzung bedienen für das Parlament, überall ist in den Schwätzanstalten heraufgezogen der Usus, Interessengruppen zu bilden: Bund der Industriellen, Bund der Landwirte und so weiter. In dem zugrunde gegangenen Österreich waren zunächst am Ausgangspunkte des Schwätzismus vier wirtschaftliche Interessen-Kurien. Also gerade das Gegenteil von dem, was zu wirklichem wirtschaftlichem Verständnis führt, ist eigentlich in der letzten Zeit tätig gewesen. Interessengruppen, das heißt Leute waren da, die von vorneherein gesagt haben: Ich entscheide das, was ich für das Richtige halte, danach, ob ich an der Sache interessiert bin. - Im Wirtschaftsleben kann jedoch nur etwas entschieden werden, wenn man abstrahieren kann von den eigenen Interessen und einen Sinn hat für die Interessen anderer.

Ich hatte das einmal vor Jahren schon in jener Artikelserie ausgesprochen, die erschienen ist unter dem Titel «Theosophie und soziale Frage». Da ist das mit einer gewissen Bestimmtheit formuliert, was ich jetzt sagte. Aber sehen Sie, mit solchen Dingen meinte ich immer etwas, was nicht nur geredet sein soll, sonst könnte man es ja auch im Parlament, in der Schwätzanstalt sagen, sondern mit solch einer Sache meinte ich immer etwas, was die ganze Menschheit angeht, was eine Resonanz hervorrufen sollte. Ich habe aufgehört dazumal, weil sich kein Mensch darum gekümmert hat. Gewiß, theoretisch wird sich mancher dafür interessiert haben. Aber das genügt seit langem nicht, daß man sich nur theoretisch interessiert. Denn die sozialen Wirkungskräfte, die in früheren Jahrhunderten heraufgekommen sind in der Menschheit, die sind vorbei. Wir brauchen heute solche Worte, die auch unmittelbar in soziale Wirkungskraft übergehen können. Was ich damit meine, wird Ihnen vielleicht klar werden, wenn ich folgendes sage. Nehmen Sie die radikalsten Sozialisten, die Kommunisten, die Leninisten, die Trotzkisten und so weiter, nehmen Sie sie alle. Gehen sie aus von einem Urprinzip, möchte ich sagen, des sozialen Lebens? Nein, sie nehmen einen Rahmen, etwas, was schon da ist. Auch Lenin und Trotzki nehmen ja nicht irgendwie Sachliches als Grundlage, sondern den bestehenden Staat, von dem gehen sie aus. Auch die Kommunisten nehmen also nicht irgend etwas Sachliches, irgendein Territorium eines in sich zusammenhängenden Wirtschaftslebens und dergleichen, sondern sie nehmen bestehende Rahmen, gehen davon aus, weil sie sich nicht getrauen, auch wenn sie sonst noch so radikal sind, erst Rahmen zu schaffen. Sie getrauen sich nicht, vom Anfang an wirklich anzufangen.

Sehen Sie auf einem anderen Gebiet sich um: In ganzen Scharen laufen heute selbst Gebildete dem römischen Katholizismus zu. Es ist jetzt eine jungkatholische Partei in Bildung begriffen, die wahrscheinlich sehr starke Dimensionen annehmen wird. Warum? Weil die Leute sich heute nicht getrauen, die Anfänge eines geistigen Lebens in ihren Seelen zu suchen, weil sie sich nicht getrauen, von irgend etwas auszugehen, was ursprünglich ist. Sie wollen Anlehnung an etwas schon Bestehendes. Sie wollen in das hineinlaufen, was schon da ist. Denn starke innere Aktivität, die aus Ursprünglichem heraus schöpft, die wollen die Leute nicht. Das getrauen sie sich nicht. Das brauchen wir aber gerade. Dafür müssen wir einen Sinn bei den Menschen erwecken. Und das ist dasjenige, was wir jetzt brauchen. Es ist höchste Zeit, daß die europäische Zivilisation in einer genügend großen Anzahl von Menschen zu einem Verständnis kommt. Das ist das, was wir brauchen: von Ursprungsprinzipien ausgehen, und nicht in Abstraktionen sich dabei verlieren.

Ich sprach dazumal in jenem Aufsatz «Theosophie und soziale Frage» aus, daß das soziale Leben nur gesund werden kann durch Menschen, die von den Interessen der anderen ausgehen. Demgegenüber sagen die Abstraktlinge gewöhnlich so: Das ist ja nichts Neues, das ist ja längst ausgesprochen. Wenn man sie dann fragt, wo es ausgesprochen ist, dann erfährt man: bei Schopenhauer. Der hat ja ganz richtig gesagt: «Moral predigen ist leicht; Moral begründen ist schwer»; Moral muß nämlich auf Mitgefühl begründet werden. Ja, sehen Sie, da haben Sie die Abstraktion! Bei Schopenhauer finden Sie eine leere Abstraktion, die als solche ganz richtig ist. Denn wenn Sie abstrakt werden wollen, können Sie sagen: Sinn haben für die Interessen anderer, heißt Mitgefühl haben. Aber Sie haben die konkrete Tatsache, die Sie dazu führt, ins Leben einzugreifen, in eine schattenhafte Abstraktion verwandelt. Und mit diesen schattenhaften Abstraktionen ist etwas gegeben, womit die Leute sehr zufrieden sind. Wenn Sie den Leuten mit ganz Konkretem kommen, wie es gerade in der Literatur der Dreigliederung versucht worden ist, dann kommen die Gegner und sagen: Ja, das ist ja alles schon da! Wenn man dann dem nachgeht, was sie meinen, so meinen sie irgendeine schattenhafte Abstraktion. Der eine findet, daß in Schopenhauers Mitleidlehre schon alles das enthalten ist, worauf ich jetzt hingewiesen habe, der andere vielleicht sogar in Kants kategorischem Imperativ und so weiter. Das ist ein Punkt, auf den wir scharf hinschauen müssen, damit wir die Möglichkeit finden, das Wesentliche aufzugreifen.

Und so ist es notwendig, daß wir nicht aus irgendwelchen Vorurteilen heraus über das Richtige reden, sondern daß wir uns das Richtige fortwährend diktieren lassen von dem, was wir um uns herum bemerken, daß wir uns belehren lassen durch dasjenige, was die Menschen haben, und vor allen Dingen durch dasjenige, was sie nicht haben. Aber dazu ist ja notwendig, daß wir uns mit dem, was in der Gegenwart lebt, wirklich bekanntmachen.

Sehen Sie, es ist ja richtig, daß man sich verteidigen muß gegen die Angriffe, die jetzt von allen Seiten nur so hageln gegen die Anthroposophie und auch gegen die Dreigliederung. Aber mit der Verteidigung allein ist es nicht getan. Dessen müssen wir uns voll bewußt sein. Wir können uns nämlich noch so gut verteidigen, gegenüber gewissen Strömungen in der Gegenwart, aus denen heraus die Persönlichkeiten kommen, die angreifen, ist mit Verteidigung gar nicht viel zu machen. Nehmen Sie zum Beispiel den Typus eines religiösen Dadaisten, der neulich in der «Tat» geschrieben hat, Michel heißt er. Ein richtiger religiöser Dadaist, das ist das, was ihn eigentlich kennzeichnet. Und nun können Sie da verteidigen soviel Sie wollen, mit solch einem Menschen werden Sie nicht fertig. Niemals werden Sie mit ihm fertig. Denn dasjenige, was von der Anthroposophie ausgeht, was von der Dreigliederung ausgeht, das versteht er ja auch nicht einmal in einem Nebensatz. Solch ein Mensch hat zum Beispiel das Gefühl, daß er nur Substantive hinsetzen soll, wenn er schreibt. Obwohl er immerzu von der «Gnade» und dem, was ihm der Katholizismus gegeben hat, spricht, ist er in seinem Fühlen und in seiner Empfindungsweise, die ja vom Standpunkt eines religiösen Dadaismus herrührt, ganz materialistisch gesinnt. Wenn er also irgendwie nur wittert, daß man, um einmal nun wirklich geistig zu denken über das Geistige, die Substantive auflösen muß, so nennt er das «Zerblasenheit des Stile». Das ist von seinem Standpunkte aus ganz verständlich. Aber Sie werden natürlich in der Diskussion oder Verteidigung nie fertig. Man kann schon selbstverständlich auf solche unreinlichen Finger klopfen, das ist ganz gut, aber erreichen kann man durch diese Dinge der Verteidigung allein doch nichts.

Und dessen müssen wir uns ganz bewußt werden, wenn wir wirken wollen: Es kann sich heute nicht darum handeln, daß wir bloß gegen die Angriffe uns verteidigen. Das mag manchmal notwendig sein. Aber das, um was es sich handelt, ist, daß wir die Zeitströmungen, die da sind, die Richtungen, die da sind, genau kennenlernen und sie vor der Mitwelt rücksichtslos charakterisieren. Es handelt sich ja wirklich nicht um den Geist des Michel oder ähnliches, sondern um diese besondere Sorte von religiösem Dadaismus. Der muß vor der Mitwelt charakterisiert werden. Es interessiert einen nicht der Herr Michel, sondern diese besondere Art von religiöser Impotenz, die ja Strömung wird. Die müssen wir so darstellen, daß sozusagen aus dem Spiegel heraus, aus dem wir den Menschen solche Strömungen zeigen, diejenigen Menschen, die ja auch da sind und noch ein gesundes Fühlen haben, einsehen, um was es sich handelt. Das ist natürlich sogar viel schwieriger, als bloß dialektische Verteidigung. Aber das ist das ganz besonders Notwendige. Wir müssen uns bekanntmachen mit demjenigen, was in den Untergründen unserer Gegenwartszivilisation ist. Dann werden wir sie an der Wurzel fassen und werden sie vor die Gegenwart hinstellen.

In dieser Beziehung ist manches enthalten in dem Material, welches einfach dadurch vorliegt, daß von mir Vorträge gehalten worden sind seit dem April 1919. Da ist immer versucht worden, in einer gewissen Weise auf die in der Gegenwart wirkenden sogenannten Geistesströmungen und wirtschaftlichen Strömungen hinzuweisen, auch einzelne Persönlichkeiten zu charakterisieren so, wie sie charakterisiert werden mußten. Aber die Dinge sind zum großen Teil eingesargt worden. Sie liegen da. Man hat sie gewiß gelesen. Aber es muß weitergearbeitet werden. Die Anregungen müssen aufgegriffen, müssen weitergebracht werden.

Das ist es, um was es sich handelt. Dann wird allmählich - jetzt haben wir gar nicht mehr viel Zeit dazu, daß das «allmählich» lange noch dauern könnte -, dann wird allmählich in unserer Bewegung der Dreigliederung des sozialen Organismus etwas entstehen, was positive, fruchtbare Kritik der ganzen Gegenwartszivilisation ist. Und auf diesem Untergrund einer durchgreifenden Kritik der Gegenwartszivilisation muß sich dasjenige aufbauen, was da an positiven Ideen in die Köpfe und in die Herzen hinein soll. Die Menschen müssen einsehen, wie das auseinandersplittert, was in den gegenwärtigen Strömungen vorhanden ist und was ja zum großen Teil nur Aufwärmung von etwas Altem ist. Denn wenn sie sehen, wie das zersplittert, dann werden sie geneigt sein, sich einzulassen auf dasjenige, was wir ihnen Positives sagen können, denn die führenden Persönlichkeiten bewegen sich eigentlich überall in Illusionen. Bis nicht von der oder jener Ecke etwas Katastrophales kommt, leugnen ja die Leute jede Gefahr ab. Das ist das Charakteristische der Gegenwart.

Man muß sich also jeden Tag aufs neue bemühen, den Leuten zu zeigen, wie dasjenige, über das sie sich einen Nebel vormachen, zersplittern muß. Von diesem Gesichtspunkte aus ist es außerordentlich interessant zu studieren, wie die Angst der führenden Persönlichkeiten anfänglich doch gewirkt hat, noch als wir 1919 mit unserer Dreigliederungsbewegung begannen. Da war zunächst noch, allerdings nicht mehr lange, ein paar Wochen lang, eine allgemeine Angstmeierei vorhanden. In den ersten Wochen konnte man ganz gut sehen, wie bei gewissen industriellen, kommerziellen Leuten so halb und halb widerwillig die Frage entstanden ist, die sie natürlich in ihrer Art aufgefaßt haben: Wie kommen wir mit den Sozialisten zurecht? Wie sollen wir das oder jenes machen? Und sie haben sich herbeigelassen, wenn auch meistens mit Karikaturen von Sozialisierungsfragen, aber immerhin, sie haben sich herbeigelassen, über solche Dinge zu reden. Dann vergingen ein paar Wochen, die Sozialisten machten Dummheiten über Dummbheiten, dann waren die führenden Persönlichkeiten der alten Zeit wieder obenauf.

Das ist eine interessante Bewegung, die da beobachtet werden konnte, denn sie zeigte, wie stark der Hang ist, einfach nicht zur inneren Aktivität überzugehen, sondern sich eben dem Bestehenden hinzugeben, aus dem Bestehenden heraus zu arbeiten und sich gar nicht klarzumachen, daß man im Grunde genommen auf einem Vulkan tanzt. Auch jetzt ist es durchaus so, daß die Menschen ahnungslos sind. Daher ist es notwendig, daß man in den weitesten Kreisen Verständnis hervorruft für das Zersplitternde unserer Zivilisation auf allen Gebieten. Wie man das findet, davon werden wir in diesen Vorträgen sprechen. Ich wollte heute mehr das Formale hervorheben und zeigen, worauf wir zunächst unsere Gedanken richten sollen. Denn durch irgendwelche äußeren Dinge allein kommt man heute nicht zum wirksamen Vertreten einer Sache.

Die Erziehung der Menschheit war eine durchaus theoretische durch lange Zeiten hindurch. Und jedem Menschen sitzt heute - und gerade den sogenannten Praktikern, deren Praxis ja im Grunde genommen nur Routine ist — der Theoretiker im Nacken. Sie haben irgendein paar theoretische Phrasen, die «setzen sie in Wirklichkeit um». Daher ist die sogenannte Wirklichkeit, die Praxis, so unwirklich heute. Sie ist ja durch und durch unwirklich, weil die Menschen zu Theoretikern erzogen sind. Unser ganzes Schulwesen war darauf angelegt, die Menschen zu intellektualisieren, sie zu Theoretikern zu machen. Und das ist es, wozu wir kommen müssen: daß wir aufhören, irgend etwas, was wir vertreten, nur theoretisch zu vertreten, — daß jedes Wort eine innere Tat ist,

Es ist ja außerordentlich interessant, wenn man zum Beispiel die Debatten einmal auf sich wirken läßt, die in der Nationalökonomie darüber geführt worden sind, daß nur physische Arbeit produktiv Güter schaffe, geistige Arbeit aber nicht, daß geistige Arbeit unproduktiv sei. In der nationalökonomischen Literatur werden Sie breite Ausführungen darüber finden. Und gerade zwei der bedeutsamsten nationalökonomisch führenden Persönlichkeiten des 19. Jahrhunderts sind von diesem Satze wie von einem Axiom ausgegangen: Karl Marx und Rodbertus. Beide vertreten den Standpunkt, daß Geistiges keine Güter schaffe, daß nur physische Arbeit Güter schaffe. Diese Ansicht ist historisch zu verstehen. Aber so, wie sie vertreten wird, beruht sie darauf, daß man zum Beispiel meint: Nun ja, eine Handarbeit, die erschöpft sich, indem sie verrichtet wird, und die erschöpfte Kraft muß dann wiederum durch Ernährung ausgeglichen und ersetzt werden; eine Idee aber erschöpft sich nicht, wenn man irgend etwas erfunden hat, wenn nach der Schablone Tausende und Tausende Dinge nachgemacht werden. Das ist ein Argument, das sehr oft vorgebracht worden ist. Aber es ist ein Unsinn. Wenn man wirklich ausrechnen würde, wieviel Kraft man braucht, um eine Idee zu finden, so würde man schon schen, daß dasjenige, was nun erschöpfte Kräfte sind, die ersetzt werden müssen, bei der Idee durchaus nicht geringer ist als das, was bei physischer Arbeit aufgebraucht wird, weil tatsächlich das, was im Denken verrichtet wird, ebenso vom Willen abhängig ist wie das, was mit der Hand verrichtet wird. Man kann das gar nicht voneinander trennen. Es ist der größte Unsinn, zu unterscheiden zwischen Kopf- und Handarbeit in Wirklichkeit. Aber die Dinge sind ja allmählich zur Phrase geworden, weil die Tendenz vorhanden war gerade in den letzten Jahrzehnten, Phrasen zu erzeugen aus demjenigen, was früher noch tatsächliche Wirklichkeit war.

Das kann man, wenn man Erfahrung in diesen Dingen hat, Etappe für Etappe verfolgen. Ich erinnere mich, wie ich zum Beispiel einen Vortrag gehört habe, den der Sozialistenführer Paul Singer vor Proletariern gehalten hat. Da waren einzelne darunter, die haben so ein bißchen angefangen, von den «Schreiberseelen» geringschätzig zu sprechen. Sie hätten sehen sollen, wie da noch der alte Singer in seiner ganzen Fleischigkeit aufbegehrte und auseinandersetzte, daß er sich das nicht gefallen lasse, daß, wenn man geistige Arbeit verrichtet, sie nicht der anderen Arbeit völlig gleichgestellt würde. Das war aber schon zu Beginn der neunziger Jahre. Seither konnte man den Gang des Phrasewerdens aus der Realität heraus auch im Sozialistenwesen durchaus beobachten.

Auf solche Beobachtungen kommt es an, damit man sich in das Leben hineinfindet und aus dem Leben heraus spricht. Natürlich kann man das nicht in ausgiebigem Maße von heute auf morgen. Aber man muß den Sinn dafür haben. Und hat man den Sinn, dann kommen gewisse Imponderabilien in unsere Rede hinein. Und dann wird unsere Rede schon so, daß sie ihre Früchte trägt.

Das ist es, was ich Ihnen zunächst wie eine formale Einleitung sagen wollte.

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