How Can We Work for the Impulse of the Threefold Social Order?
GA 338 — 13 February 1921, Stuttgart
Zweiter Vortrag
Stuttgart, 13. Februar 1921 (nachmittags)
Wir werden jetzt nur vorwärtskommen, wenn es gelingt; die Dinge, die wir zur Gesundung der gegenwärtigen Zivilisation vorzubringen haben, in genügender Weise, das heißt in einer den einzelnen Leuten einleuchtenden Weise zu fundieren. Und vieles hängt davon ab, daß wir bei den verschiedenen Fragen von stichhaltigen Ausgangspunkten her unseren Weg nehmen. Vor allen Dingen muß ein gesundes Urteil darüber verbreitet werden, was es mit solchen Ausführungen, wie sie in den «Kernpunkten» enthalten sind, und mit allem, was sich daran anschließt, eigentlich für eine Bewandtnis hat.
Es handelt sich dabei um soziale Verhältnisse und um die Bildung von sozial gerichteten Urteilen. Bei dem Aufsuchen solcher Urteile handelt es sich immer um folgendes: Wenn man aus der bloßen Verstandeslogik heraus über diese realen Verhältnisse urteilt, an denen ja immer Menschen beteiligt sind mit ihrem Gefühl, mit ihrem Willen - denn das ist ja der Fall bei den sozialen Verhältnissen -, dann kommt man zu endlosen Debatten; und das muß insbesondere bei Diskussionen durchaus ins Auge gefaßt werden. Bei Dingen, die der labilen Wirklichkeit angehören, an der Menschen beteiligt sind, muß man von der Erfahrung, von einer irgendwie gearteten Erfahrung ausgehen, nicht von der Verstandeslogik, weil sich immer von diesem oder jenem Standpunkt aus tatsächlich für eine Sache gleich viel dafür und dawider sagen läßt. Nur vom Standpunkt der Erfahrung aus lassen sich diese Dinge beurteilen. Wir haben gerade deshalb so mannigfaltige und einander widersprechende sozial-politische Anschauungen in der neueren Zeit bekommen, weil die Leute, die sie aufgestellt haben, nicht von der Erfahrung, von der Beobachtung der Verhältnisse ausgegangen sind und nicht aus dieser heraus geurteilt haben.
Das ist in umfassendem Sinne in der Tat zuerst in den «Kernpunkten» versucht worden. Und man muß den Leuten begreiflich machen, daß eigentlich alles, was es in der Gegenwart an Wissenschaft und Bildung gibt, zu einem solchen Urteil keine Grundlage schafft, ausgenommen allein dasjenige, was die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft ist. Die geht ja nicht von Logik allein aus, sondern die geht aus von der umfassenden Erfahrung. Und man erzieht sich an ihr zu einem Urteil aus Erfahrung heraus, während das Pochen auf Erfahrung bei unseren gegenwärtigen Wissenschaftlern ja nur eine Illusion ist. Sie reden zwar sehr viel von Erfahrung, urteilen aber im Grunde genommen aus der bloßen abstrakten Intellektualität heraus. Das tut unsere Geisteswissenschaft nicht. Daher erzieht sie auch ganz wesentlich zu einem solchen Erfahrungsurteil.
Sehen Sie, der Mann, den ich neulich hier im öffentlichen Vortrag erwähnt habe, der Nationalökonom Terhalle, er hat einen Ausspruch eines ja auf diesem Gebiete nicht sonderlich maßgebenden Mannes angeführt, des Georg Brandes, der gesagt hat, es sei so schwer, in sozialen Verhältnissen zum Richtigen zu kommen, weil die breite Masse des Volkes ja nicht nach der Vernunft, sondern nach Instinkten urteilt. Es macht leicht den Eindruck, wenn man selber durchaus glaubt, auf einem gewissen unfehlbaren Standpunkte in der Beurteilung aller Dinge stehen zu können, daß alles, was so in der sozialen Gruppenseele auftritt, aus Instinkten heraus sei und nicht aus der Vernunft. Es ist auch in gewisser Beziehung durchaus berechtigt, so etwas zu sagen. Aber es bewirkt nicht sonderlich viel. Denn wenn nicht ein Mensch in Betracht kommt für das Zustandekommen des Urteils, sondern Gruppen von Menschen - seien es Volksgruppen oder Klassengruppen -, so ist niemals möglich, aus der Vernunft heraus zu urteilen. Denn was als Urteil auftritt, entsteht nicht immer durch den Zusammenfluß desjenigen, was die verschiedenen Menschen denken, sondern auch desjenigen, was sie fühlen und wollen. Da kann sich nie ein eindeutiges Urteil ergeben, gar nie.
Es gibt vom Standpunkte der Vernunft aus kein eindeutiges soziales Urteil. Sozial urteilen kann man nur vom Standpunkt der Bildlichkeit aus. Das dürfen Sie den Leuten nicht ohne weitere Erklärung sagen, weil es ohne solche mißverstanden wird. Aber wissen muß man heute, wenn man irgendwie ein soziales Urteil fällen und begründen will, daß das nur vom Standpunkt der Bildlichkeit aus möglich ist, das heißt von einem Standpunkte, daß das Urteil so ist, daß es sich biegen und formen läßt, daß es gewissermaßen, wenn das Wort auch verpönt ist, eine Art künstlerische Struktur hat und nicht eine bloß logische Struktur. Nur die Urteile, die eine solche bildsame Gestalt haben, die können auf das soziale Leben irgendwie anwendbar sein. Das ist etwas, was ich sagen mußte, um unserer Absicht eine gewisse Richtung zu geben.
Außerdem aber ist es notwendig, heute die Leute daran zu gewöhnen, einen gewissen großen Horizont zu haben. Wir stehen eigentlich heute einer Welt gegenüber, wo jeder von dem denkbar kleinsten Horizont aus seine Urteile fällt, und zwar so fällt, daß er glaubt, die Dinge seien unbedingt, seien unfehlbar richtig. Er übersieht nichts anderes als das Allernächste; aber er urteilt über alles. Das ist so das Charakteristikum unserer Zeit. Sie werden daher gesehen haben, daß bei alledem, was ich versuchte, gerade auch, es war ja dies auch schon früher der Fall, seit dem April 1919 zu geben, mein Bestreben nicht darin bestand, überall fertige Urteile hinzustellen, sondern solche Dinge aufzuzeigen, aus denen heraus der Einzelne erst ein Urteil gewinnen kann. Unterlagen zu schaffen für ein eigenes, selbständiges Urteil, das war gerade das Bestreben, dem ich gefolgt bin seit dem April 1919. Das ist auch etwas, was man durchaus in weitesten Kreisen klarmachen sollte, daß es sich bei uns nicht handelt um fertige, dogmatische Urteile, sondern daß es sich handelt um Wegleitungen, die den Einzelnen dann befähigen, selbständige Urteile zu bilden. Und Sie werden gut tun bei Ihrem Wirken, bei Ihren Reden, nicht allzuviel zu halten von fertigen, dogmatischen Urteilen, sondern Sie müßten vor allen Dingen darauf sehen, Unterlagen zu geben für ein Urteil, das sich der eine so, der andere so bilden kann; denn erst aus solchen Urteilen fließt dann etwas zusammen, was wir in Wirklichkeit brauchen können. Es ist ja leider nur allzu wahr, daß die gegenwärtige Welt an Urteilen sehr reich ist, daß sie aber im Grunde genommen weit weg ist von den tatsächlichen Unterlagen zu berechtigten Urteilen.
Und da komme ich nun gleich auf einen Punkt, den ich unseren Betrachtungen voranstellen will, auf einen Punkt, der für Sie vor allen Dingen klar sein muß, von dem Sie, ich möchte sagen, mehr in der Formung Ihrer Reden ausgehen müssen, als daß Sie etwa genau dasselbe den Leuten sagen, was ich Ihnen nun hier auseinandersetze. Aber Sie müssen bei der Formung Ihrer Rede von dem Bewußtsein desjenigen ausgehen, was ich jetzt versuchen werde, auseinanderzusetzen.
Sehen Sie, innerhalb der europäischen Zivilisation traten ja im Laufe der letzten 100, 150, 170 Jahre über die verschiedensten Gebiete des sozialen Lebens die mannigfaltigsten Urteile, die mannigfaltigsten Agitationen auf. Versuchen Sie nur einmal, eine Überschau zu halten über alles, was das 19. Jahrhundert an Ansichten gebracht hat über das soziale Leben, und Sie werden, wenn Sie diese Dinge durchgehen, immer sehen, daß eigentlich jede einzelne solche Bestrebung immer wunde Punkte hat. Man sieht überall, daß eine rechte Überschau über das, was not tut, eigentlich doch nicht vorhanden ist. Die Leute, die über soziale Fragen in dem letzten Zeitalter geurteilt und diskutiert haben, sie haben viel Scharfsinniges vorgebracht, viel außerordentlich Scharfsinniges. Aber es war alles so, daß man sich zuletzt doch sagen mußte: ja, all das bewirkt eigentlich in der Wirklichkeit nicht viel; man kann nichts machen mit dem, was von Nationalökonomen, von Praktikern und so weiter vorgebracht worden ist über irgendwelche sozialen Einrichtungen und dergleichen. Man konnte das manchmal auf einem kleinen Gebiet brauchen, man konnte aber durchgreifend nichts damit anfangen. Und das liegt doch daran, daß man im Grunde genommen seit fast zwei Jahrhunderten innerhalb Europas Fragen «löst» aus allerersten Grundlagen heraus - man glaubt sie wenigstens aus allerersten Grundlagen heraus zu lösen -, die gar nicht aus diesen heraus zu lösen sind.
Ich möchte einen Vergleich gebrauchen, um das begreiflich zu machen, was ich sagen will. Wenn jemand sich ein Haus baut und das Fundament und das Erdgeschoß sind fertig, so darf ihm eigentlich nicht einfallen, daß er nun einen ganz neuen Bauplan für den ersten, zweiten Stock haben will. Er muß unbedingt in gewisser Weise so fortbauen, wie er das Fundament gelegt und den Grundplan gemacht hat. Wenn irgend etwas im Gange ist, so kann man nicht aus den Fundamenten heraus wiederum etwas ganz Neues machen. - So war es aber in Europa. Nationalökonomen, sozialistische Agitatoren, bourgeoise Agitatoren, Praktiker und so weiter haben die wirtschaftlichen, die rechtlichen Fragen lösen wollen, aber überall hingen die sogenannten Lösungen eigentlich in der Luft. Man konnte eben auch da nicht einfach von den Fundamenten ausgehen. Wenn man das Ganze des modernen Zivilisationslebens - das ja immer mehr und mehr ein solches Ganzes wurde, aus dem man nicht einzelne Dinge herausnehmen konnte - im Auge hatte, konnte man einfach nicht anders, als sich sagen: Ja, schließlich, wir leben ja in der Entwicklung drinnen. Wir können nicht heute fragen: Was sind die ersten Fundamente der Rechtsverhältnisse innerhalb der zivilisierten Welt, was sind die ersten Fundamente der wirtschaftlichen Verhältnisse innerhalb der zivilisierten Welt? Das ist etwas, was die Leute heute ganz und gar nicht berücksichtigen. Es ist zum Beispiel kurios in der Schweiz. Man glaubt, daß man mit Absehen von allem übrigen der Welt besondere «schweizerische Verhältnisse» ins Auge fassen und da wiederum über rechtliche und wirtschaftliche Verhältnisse denken kann. So hat man es aber im Grunde genommen wirklich gemacht seit mehr als zwei Jahrhunderten. Und dadurch ist eigentlich das Chaos im wesentlichen gekommen. Denn sehen Sie, man hat eben versucht, Fragen zu «lösen» - lösen muß ich da unter Anführungszeichen sprechen -, die eigentlich alle im 18. Jahrhundert, wenn ich mich jetzt auf meinen Vergleich beziehen darf, bis zu der Beendigung des Erdgeschosses gekommen waren. Man konnte nur den nächsten Stock darauf bauen auf das, was schon da war. Das alles rührte davon her, daß man innerhalb der europäischen Zivilisation ganz die Möglichkeit verloren hatte, richtige Empfindungen zu haben über historische Ereignisse, über solche historische Ereignisse, welche Fundamente legen für das Leben, das aus ihnen dann hervorgeht. Und wichtigste historische Ereignisse, die muß man richtig bewerten, wenn man später urteilen will. Man kann nicht immer aus den Fundamenten heraus urteilen.
Und da weise ich hin auf zwei wichtige Ereignisse, die, obgleich sie sehr weit hinter uns liegen, jetzt scharf ins Auge gefaßt werden müssen. Denn sowohl unser geistiges, wie auch unser rechtlichstaatliches, wie auch unser wirtschaftliches Leben in Europa, fußen auf solchen Ereignissen, und man kann gar nicht über die moderne Zivilisation denken, ohne sich klar darüber zu sein, was durch diese Ereignisse nach Europa hereingetragen worden ist. Das eine der Ereignisse ist das von 1721. Es ist der Friede von Nystad, der den Nordischen Krieg beendet hat. Das andere der Ereignisse ist das von 1763, der Friede von Paris, der die Differenzen zwischen Frankreich und den Freistaaten von Nordamerika und England zu einem Ende gebracht hat. Diese zwei Ereignisse sind eigentlich in der Tatsachenwelt mitten unter uns im europäischen Zivilisationsleben; überall sind die realen Wirkungen da. Aber der Europäer hat vollständig vergessen, an diese Ereignisse in der rechten Weise zu denken. Deshalb urteilt er überall unwirklich. Die Tatsachen, die ich eben angeführt habe, stecken überall drinnen. Ich möchte sagen: An jedem Frühstückstische essen wir so, wie es gekommen ist durch diese zwei Ereignisse. Aber man will nichts wissen davon, wie man überhaupt nichts von der Wirklichkeit wissen will, sondern immer nur aus seinem Kopf heraus urteilt und logisch aus seinem Kopf heraus aber wirklich - spinnt. Denn das meiste, was heute im sozialen Leben geurteilt wird, ist im Grunde genommen eigentlich ein Spinnen in der Bedeutung, wie das Wort im Volksmund vielfach gebraucht wird.
Sehen Sie, wenn man diese zwei Ereignisse richtig bewerten will, so muß man sich einen Zusammenhang vor Augen halten, der unmittelbar zwischen diesen beiden Ereignissen und der europäischen Katastrophe, in der wir drinnenstecken, besteht. In der Menschheitsentwickelung ist es eben nicht so, daß man bloß über ein paar Jahre hin urteilen kann, weil sich die Tatsachen einfach über größere Zeiträume erstrecken.
Die Dinge liegen ja so: Erst 1721, im Frieden von Nystad, ist es entschieden worden, daß Rußland als eine Macht, die in Betracht kommt sowohl im geistigen, wie im staatlich-rechtlichen, wie im wirtschaftlichen Leben, in die europäischen Verhältnisse eingreift. Nun, das bedeutet außerordentlich viel. Denn Rußland ist in bezug auf seine geistige Verfassung - wir halten uns da nicht an die Schlagworte, sondern an die Wirklichkeit -, Rußland ist nun einmal in bezug auf die geistigen Interessen der Menschheit heute noch durchaus eine asiatische Macht, eine orientalisch-moralische Macht. Sein Seelenleben ist in der Verfassung, wie wir sie nur kennen in bezug auf orientalische Verhältnisse des Seelenlebens. Nur hineingeschoben in diese orientalische Seelenverfassung ist dasjenige, was durch Peter den Großen gekommen ist, was dann dazu geführt hat, daß Rußland bis an die Ostsee vorgedrungen ist.
Damit waren alle späteren Dinge schon entschieden. Und das ist wiederum etwas Charakteristisches: Europa hat fortdiskutiert darüber, ob Rußland nach Konstantinopel kommen soll oder nicht. Das ist nicht das Wichtige gewesen, sondern das: ob es sich an europäischen Verhältnissen überhaupt beteiligen soll. Und diese Frage ist 1721 in dem Frieden von Nystad entschieden worden. Und das ist ja das Wesentliche im ganzen europäischen Diskutieren, daß man immerfort Fragen lösen wollte, die eigentlich zum großen Teil schon gelöst waren. Es war die Lösung schon bis zu einem gewissen Grade da, und man hat immer wieder von vorne angefangen, ohne Berücksichtigung dessen, daß eben schon Tatsachen da waren.
Was ist dadurch geworden? Wenn Sie die ganze Geschichte Europas, insofern Rußland im 19. Jahrhundert daran beteiligt ist, nehmen, dann werden Sie sich sagen müssen: Diese Beteiligung Rußlands, denken Sie nur an die panslawistischen und an die slawophilen Bestrebungen, die geht durchaus dahin, die geistigen Fragen des europäischen Lebens in einer orientalischen Weise aufzuwerfen. Vor dem Orient mußte ja zum Beispiel Rom in einer gewissen Weise kapitulieren. Der Orient wollte seine Seelenverfassung beibehalten; daher die Abspaltung des orientalischen Katholizismus von dem römischen Katholizismus. Das ist eine ganz andere Welt in bezug auf die Seelenverfassung. Das ist vor allem eine Welt, die immer dahin tendiert hat, das, was im geistigen Leben hervortritt, mit dem zu verquicken, was weltliche, profane, staatliche Verwaltung ist. Man wollte in einer gewissen Weise in der staatlichen Leitung auch die religiöse Leitung suchen.
Dadurch hat das ganze Verhältnis der europäischen Zivilisation zu dem Osten seine Konfiguration erhalten. Dadurch sind die Fragen entstanden, die wirklich dagewesen sind, also nicht diejenigen, von denen man geträumt hat und über die man sich so zahllosen Illusionen hingegeben hat. Betrachten Sie nur alles, was im Osten auf der einen Seite die fortwährende Tendenz der tschechischen Slawen und der Südslawen nach Rußland war, welcher Rußland wiederum entgegenkam mit jenem, was ja im äußeren politischen Machtbereich nur Phrase war, was aber gerade ungeheuer verführerisch auf die Herzen des russischen Volkes gewirkt hat: die Befreiung der Völker auf dem Balkan. Überall sind es geistige Kräfte! Da hinein mischte sich das andere, was wiederum geistig-nationale Verhältnisse sind: der Antagonismus zwischen dem polnisch-slawischen Element und dem russischen Element. Dadurch ist die ganze Situation für Osteuropa gekennzeichnet.
Und alles, was sich da im Geistigen abgespielt hat, das hängt ab von dem Gesamtleben der Zivilisation. Über die Dinge, die sich so in der Menschheitsentwickelung abspielen, kann man nicht so reden, daß man bloß vom Partiellen ausgeht. Man kann einfach nicht sagen: es gibt im allgemeinen eine Ansicht, wie sich geistiges, wirtschaftliches und politisch-rechtliches Leben zueinander verhalten sollen, sondern man kann nur unter gewissen real gegebenen Voraussetzungen über diese Fragen sprechen. Und die ganze Art und Weise, wie das nach Europa hereinverpflanzte orientalische Geistesleben gewirkt hat, hängt ganz und gar davon ab, daß Rußland in so ausgiebigem Maße ein noch lange nicht vollständig zu Ende gekommenes Agrarreich ist, daß da alles noch so ist, daß man sagt: Die Natur gibt noch her, was eigentlich den Gesamtton der Lebenshaltung angibt. Solch eine Seelenverfassüng; wie sie da von Osten her ins europäische Leben hineingekommen ist, hängt durchaus von demjenigen ab, was von dem landwirtschaftlichen äußerlichen Leben in Rußland ermöglicht wird. Der einzelne Russe, ganz gleichgültig, welcher Klasse er angehört, würde diese Seelenverfassung nicht haben, die er hat, wenn nicht das äußerliche Leben im Zusammenhang mit der Natur so innig wäre. Für das ganze orientalische Leben ist eine eigentliche Wirtschaftsfrage, also das dritte Glied im dreigliedrigen sozialen Organismus, nicht vorhanden.
Es gibt überall für die ganze Welt diese drei Gebiete des menschlichen sozialen Lebens: das geistige Leben, das staatlich-rechtliche Leben und das Wirtschaftsleben. Aber die Seelenverfassung der Menschen unter dem Einfluß dieser drei Glieder, die stellt sich immer anders dar, je nachdem ob die Menschheit nicht geneigt ist, hinzusehen auf das, was das Land gibt, oder ob sie gerade auf das hinsieht, was dis Tänd gibt; Je-Weirerwirinach’Ostenhintiberkömmen, üm.eo mehr wird es selbstverständlich, daß man die Natur walten läßt, ihr dasjenige entnimmt, was sie hergibt, und damit wirtschaftet, ohne besonders das Wirtschaftsleben als solches zu organisieren. Und um was es sich in Rußland handelt, ist, daß man eben nicht nötig hatte, das Wirtschaftsleben als solches zu organisieren, oder es wenigstens nicht nötig fand. Das ist aber orientalische Denkweise.
Die orientalische Denkweise geht, wenn ich so sagen darf, so wenig wie möglich über den Standpunkt hinaus, den eine andere «Bevölkerung» der Erde in dieser Beziehung einnimmt. Das ist nämlich die Tierwelt. Wer da glaubt, daß diese Tierwelt nicht auch ein geistiges Leben hat und sogar in gewisser Beziehung ein staatlich-rechtliches Leben, der würde auf ganz falscher Fährte sein. Das Tierleben hat durchaus auch eine geistige Welt und eine Art rechtliche Verfassung. Aber eine wirtschaftliche hat es nicht. Da nimmt es das, was ihm gerade die Natur gibt. Und von dieser Bevölkerung der Erde, dem Tierreiche, hebt sich möglichst wenig die orientalische Bevölkerung ab, die gerade dadurch dieses ausgeprägte, nach dem Bildlichen, Intuitiven gehende geistige Leben hat, weil sie nimmt, was die Natur ihr bietet im Wirtschaftsleben, und über dieses Wirtschaftsleben eigentlich gar nicht besonders diskutiert. Alles, was an sozialer Struktur da ist, beruht eigentlich auf anderen Grundlagen als auf wirtschaftlichen Verhältnissen, beruht auf Herrschaftsverhältnissen, auf Erbschaftsverhältnissen, aber nicht auf wirtschaftlichem Denken. Diese besondere Seelenverfassung, die ist die Voraussetzung dafür, daß man überhaupt auf das nationale Element soviel geben kann, wie im Orient gegeben wird darauf.
Nun, Europa diskutiert seit zwei Jahrhunderten über die nationalen und sozialen Fragen. Aber über beide hat man so diskutiert, daß man von den Elementen ausgegangen ist, ohne sich auf das Wirkliche zu stellen, das schon da war. Man konnte einfach so, wie man im 19. Jahrhundert, besonders in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und im Beginn des 20. Jahrhunderts über nationale und soziale Fragen gedacht hat, nicht mehr darüber denken, nachdem dem nationalen Element diejenige Nuance gegeben war, die ihm gegeben war dadurch, daß ein asiatisches Element, das Slawisch-Nationale, es in der Weise, wie das der Fall war, durchfruchtet hat. So hat man anachronistisch eigentlich über nationale Fragen diskutiert. Die Dinge, die man noch immer diskutierte, waren längst abgetan,
Man hätte sich bewußt sein sollen, daß eines Tages einfach die große Frage auftauchen könnte, ob nicht der Orient überhaupt das ganze Abendland überfluten könnte mit seiner Denkweise über das geistige Leben. Heute ist schon die Morgenröte dafür da. Man diskutiert im Orient, in Asien drüben, wie man es eigentlich machen soll, damit das ganze technisch-wissenschaftliche Zeug in Europa mit seiner Abstraktion, mit seinem Ausbeutertum und so weiter verschwinde und das asiatische Element des menschlichen Fühlens und Empfindens, des Seelenhaften, die ganze Erde überziehe.
In abstracto kann man sich natürlich wiederum einverstanden damit erklären. Aber die Sache liegt doch so, daß das Seelen- und Geistesleben im Orient in der Dekadenz ist. Das hindert nicht, daß in den russischen Seelen Zukunftskräfte sind. Aber was da war, war vollständig in der Dekadenz. Man kann nicht darauf rechnen, daß etwas vom Orient herüberkommen könnte wie eine Erlösung. Sehen Sie, durch diesen Frieden von Nystad 1721 ist eigentlich über ganz Europa die besondere Nuance im nationalen Denken gekommen, die dem Slawentum aufgedrängt worden ist. Und alles, was von da ausgegangen ist, das hat Europa in gewisser Weise angesteckt, richtig angesteckt dadurch, daß Rußland teilnehmen konnte an den Europäischen Verhältnissen.
Und das Experimentierland - wenn man sich wirklich um die Weltverhältnisse bekümmern würde, nicht immer schon an den Grenzen seiner Staatsverhältnisse haltmachen würde, so würde man so etwas einsehen -, das Experimentierland war Österreich. Und Österreich ist zugrunde gegangen aus dem Grunde, weil man dort fortwährend Fragen diskutiert hat, die bis zu einem gewissen Grade längst in eine bestimmte Richtung gebracht waren. Österreich ist mit seinem Slawenproblem nicht fertig geworden, weil es mit ihm nur hätte fertig werden können, wenn es einen Sinn entwickelt hätte für die Urproduktion des Geistes, für ein geistiges Leben, das aus seinen eigenen Elementen heraus kommt.
Nicht wahr, man durfte ja über ein solches geistiges Leben zum Beispiel den Liberalen gegenüber, ihnen gegenüber am allerwenigsten, überhaupt gar nicht reden. Denn sie sagten einem immer - und in solchen Ländern, die Republiken sind, wird das noch immer nachgesagt -, diese Liberalen sagten immer: Ja, wenn wir die Schule dem freien Geistesleben ausliefern, dann wird sich der Katholizismus dieser Schule bemächtigen, dann sind wir ausgeliefert an den Klerikalismus. Das wenden die Leute ein! Aber dieser Einwand rührt nur davon her, daß man sich als einzige Möglichkeit denkt, an ein Geistesleben zu appellieren, das vor Jahrhunderten produktiv war, heute aber da ist als etwas Anachronistisches, als etwas Dekadentes. In dem Augenblick, wo man sich bewußt würde, daß wir ein frei schaffendes Geistesleben notwendig haben, würde man es als selbstverständlich finden, daß diesem frei schaffenden Denken natürlich das Schulleben gegeben werden muß. Aber weil die Leute nicht den Sinn dafür haben, mit ihrem Willen teilzunehmen am Schaffen der Zivilisation, sondern weil sie sich lediglich hingeben wollen an etwas - sei es der Staat oder schon ein fertiges Wirtschaftsleben -, was sie nährt, weil sie keinen Sinn dafür haben, ihren Willen zu durchdringen mit etwas Schaffendem, daher treten solche verzagten Dinge auf wie dieses. Es handelt sich darum, daß man sich frei machen kann, ohne daß die Schule ausgeliefert wird an etwas Altes.
Die Leute, die so reden, wie ich es eben angedeutet habe, die sagen: Ein neues Geistesleben bringen wir doch nicht hervor, daher wird das alte alles überfluten. Da kann man natürlich leicht ein Anhänger von Spengler werden mit seinem «Untergang des Abendlandes». Das ist dann schon gleichgültig, ob wir gar nichts tun oder alles der katholischen Kirche überliefern. Aber ein neues Geistesleben muß eben da sein! Nicht das war das Falsche, daß die Kirche einmal die Schule gehabt hat; denn alles, was wir jetzt haben in den Wissenschaften, rührt ja von der einen Seite durchaus von der alten Kirche her. Das ist nicht das Falsche, sondern das ist das Falsche: wenn die traditionelle Kirche heute noch die Schule haben sollte, wo wir vor der historischen Notwendigkeit stehen, ein neues Geistesleben zu gewinnen.
Also, es war nur die Impotenz Europas, über ein neues Geistesleben zu sinnen, das die Diskussion über die nationale Frage heraufgebracht hat. Es hätte von Mitteleuropa nach dem Osten hinüber gewirkt werden müssen im Sinne eines produktiven Geisteslebens. Dann wäre zweifellos daran erfroren, was in den panslawistischen und slawophilen Bestrebungen sich geltend gemacht hat. Dieses Geistesleben war im Anfang da. Um die Wende des 18. und 19. Jahrhunderts hat man angefangen, ein freies Geistesleben zu schaffen, was wir «Goetheanismus» nennen. Aber es war nicht der Mut da, es festzuhalten - das auf der einen Seite.
Auf der anderen Seite steht dasjenige, was man im sozial-wirtschaftlichen Sinn diskutiert. Seit 1763, seit von Frankreich wichtige Gebiete an England abgetreten werden mußten und damit der Entscheid darüber fiel, daß Amerika in seinem Norden nicht romanisch, sondern angelsächsisch wird, war die wirtschaftlich-soziale Frage in ein ganz bestimmtes Fahrwasser gelenkt. Im 18. Jahrhundert sind also schon wichtige Entscheidungen da: Im Osten diejenige von 1721 mit dem Frieden zu Nystad, und im Westen diejenige von 1763 mit dem Frieden von Paris. Diese zwei wichtigen Entscheidungen, die drinnenstecken im gesamten geistigen und wirtschaftlichen Leben Europas, die muß man ins Auge fassen, denn man kommt zu keinem Urteil, wenn man diese nicht ins Auge faßt. Und sehen Sie, man darf nicht so, wie man es heute von ganz subjektiven Standpunkten aus tut, die Dinge bewerten, die in der Weltgeschichte auftreten. Man kann auch manchmal nicht anders, als gewisse radikale Wortbezeichnungen gebrauchen: Der Orient hatte einmal eine große, gewaltige Urweisheit. Heute ist es so, daß in gewissem Sinn der Orient mit seiner dekadenten alten Urweisheit der Barbarei verfallen ist. Denn Barbarei ist nichts anderes, als wenn die ursprünglichen menschlichen Instinkte rationalisiert werden, wenn sie durch den Verstand und durch das bloße Kopfleben dirigiert werden. Wenn wir aber den Orientalen einen Barbaren nennen und von der Barbarei in diesem Schillerschen Sinn bei dem Orientalen, namentlich bei dem Russen, reden, dann müssen wir, je weiter wir nach Westen vordringen, indem wir von England ausgehen und nach Amerika hinübergehen, dann müssen wir im selben Sinne diese westliche Zivilisation nicht Zivilisation nennen, sondern Wildheit. Diese ist das Gegenteil von Barbarentum. Der Barbar tyrannisiert Herz und Gemüt durch den Kopf; der Wilde tyrannisiert den Kopf durch das, was aus dem übrigen Organismus herauskommt, durch das Instinktleben. Und das ist im wesentlichen das westliche Leben, und dieses westliche Leben ist Anlage zur Wildheit! Im Grunde genommen, wenn man von Europas Übertünchtheit absieht, die sich in Amerika findet, so muß man fragen: Was ist amerikanische Kultur? Es ist, radikal gesprochen, Wildheit. Aber dahinter steckt nicht eine chauvinistische Agitation! Wenn man dieses amerikanische Leben wirklich seinem Wesen nach erkennen will, so muß man sich sagen: eigentlich hat da nicht der Europäer über die Indianer innerlich gesiegt - äußerlich, ja! -, aber innerlich hat eigentlich sich der Europäer durchtränkt mit dem Indianerleben. Die Instinkte sind Herr geworden. Und das ist das Wesentliche: die Ansteckung des Europäers mit indianischen Instinkten. Denn es ist nicht nur so, daß der Europäer, wenn er längere Zeit drüben lebt, längere Arme bekommt und dergleichen - das ist etwas, was anthropologisch konstatiert ist -, sondern auch die Seelenverfassung wird anders. Es kommt ja nicht darauf an, was der Mensch für Begriffe und Vorstellungen hat, sondern was er als Gesamtmensch für eine Verfassung hat. Und da muß man sagen: je weiter man nach Westen vorgedrungen ist, desto mehr ist das angelsächsische Wesen in die Wildheit übergegangen.
Diese Wildheit liegt durchaus vor. Und sie basiert darauf, daß nun wiederum die wirtschaftliche Frage nicht eigentlich in Diskussion ist. Im Orient wird die gesamte soziale Struktur durch die besondere Art, die ich Ihnen geschildert habe, absolutistisch. Im Westen wird sie anarchisch.
Studieren Sie einmal, was sich im Westen geltend gemacht hat. Man baute auf die Unerschöpflichkeit des Wirtschaftslebens, indem man es immer speiste von den Kolonien aus, indem man aus der Unerschöpflichkeit heraus arbeitete und nicht darauf angewiesen war, daß man dieses Wirtschaftsleben durchdachte. Das westliche Wirtschaftsleben ist ja durchaus darauf aufgebaut, daß aus den Kolonien soviel wie möglich herausgeholt wird, ob die Kolonien nun innen ‚oder außen liegen, ist gleichgültig. Es ist ja durchaus bezeichnend, wenn Sie verfolgen, wie in den achtziger und neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts immer weitere und weitere Gebiete in Amerika dafür gewonnen worden sind, Produkte wie Feldfrüchte, Weizen und so weiter, zu liefern. Da schöpfte man aus der Natur heraus. Da hat man nicht nötig, besonders über das Wirtschaftsleben nachzudenken. Da ist es einem natürlich gleichgültig, was Assoziationen im Wirtschaftsleben bedeuten, denn das Wirtschaftsleben wirkt aus der Unerschöpflichkeit heraus. Aber es geschieht doch etwas: es bildet sich eine wirtschaftliche Struktur. Englands Struktur beruht darauf, daß es Indien hat. In Amerika bildet sich ein gewisses wirtschaftliches Leben. Dieses hat dem ganzen Westen seine Struktur aufgedrückt in bezug auf das ganze soziale Leben. Da ist etwas entstanden, was nur zu einem wirtschaftlichen Handeln geführt hat, das aus der Unerschöpflichkeit heraus geworden ist.
Im Osten tendierte das dekadente Geistesleben, das das wirtschaftliche Leben gar nicht berücksichtigt, zur absoluten Herrschaft über alle Gebiete des sozialen Lebens; im Westen bildete sich durch die Assimilierbarkeit des angelsächsischen Elementes dasjenige aus, was ich eben jetzt charakterisiert habe. In diesen Gegensatz von Ost und West war die moderne Zivilisation gestellt.
Es ist interessant, zum Beispiel zwei Leute einander gegenüberzustellen: Rodbertus, den deutschen Nationalökonomen, der, trotzdem er ein ziemlich vorurteilsfreier Mann war, sogar ins Ministerium kommen konnte - was sehr viel sagen will - und, sagen wir, Karl Marx. Ein Mensch wie Karl Marx war nur dadurch möglich, daß er zuerst das Denken in Mitteleuropa lernte und nachher sich die wirtschaftlichen Verhältnisse im Westen ansah. Was Karl Marx für das Proletariat geleistet hat, hätte er nie leisten können, wenn er etwa in Deutschland geblieben wäre. Das ist nur dadurch gekommen, daß er das Denken in Deutschland gelernt hat, daß er die Art und Weise, wie man damit umgeht, in Frankreich, in Paris kennengelernt hat und daß er dann ein aus dem Unerschöpflichen heraus wirkendes Wirtschaftsleben mit allem, was dazu gehört, in England kennengelernt hat. Und auf dieses letztere konnte er erst bauen. Ebenso ist charakteristisch - also vergleichen Sie zwei solche Leute, Rodbertus und Karl Marx -, daß Rodbertus urteilt wie ein plötzlich sozialistisch gewordener - das ist ja ein Ausnahmefall natürlich -, wie ein plötzlich sozialistisch gewordener pommerscher Rittergutsbesitzer. So etwa urteilt er, das ist interessant; denn wenn Sie sich zwei solche Gegensätze wie Rodbertus und Karl Marx vor Augen halten, dann kommt sehr viel Interessantes heraus! Aber von diesem Ausgangspunkt ist Rodbertus zu verstehen: ein plötzlich sozialistisch gewordener pommerscher Rittergutsbesitzer! Ein solcher weiß sehr gut, daß man nirgends die Landwirtschaft entbehren kann; er weiß, was diese in der Volkswirtschaft bedeutet. Die anderen reden Zeug zusammen, das sehr gut den Leuten eingeht, die schon in der Jugend nicht zu unterscheiden lernten Gerste von Weizen, weil sie in der Stadt gelebt haben. Aber das weiß ein solcher Mann wie Rodbertus. Er weiß auch, was die Überlastung der Landwirtschaft durch Hypotheken bedeutet. Hat er dazu noch sozialistische Allüren, wie er sie gehabt hat, dann verdirbt er sich das eine durch das andere nicht zu stark. Es kommt zwar etwas Fragliches zustande. Aber es wird doch das eine durch das andere korrigiert. Und dann kommt etwas halb Geniales heraus, wie es bei Rodbertus zutage getreten ist. Also vergleichen Sie das mit demjenigen, was Karl Marx gesagt hat, so werden Sie sich sagen: Der Proletarier von heute, im weitesten Sinne des Wortes, der findet, daß ihm das sofort einleuchtet, was Karl Marx gesagt hat. Warum findet er das? Weil das aus einem NurWirtschaftsleben heraus gedacht ist, und der Proletarier nur im Wirtschaftsleben drinnensteht, und weil es doch scharfsinnig ist, denn Karl Marx hat in Deutschland denken gelernt. Aber von der Art und Weise, wie das Wirtschaftsleben wird, wenn alles nur wirtschaftlich gedacht ist, davon konnte sich der Deutsche doch keinen Begriff machen. Er kann es auch heute noch nicht. Er könnte es erst, wenn er sich sagen würde: Ich muß eine Realität schaffen, wo nur wirtschaftlich gedacht werden kann. Das ist innerhalb des dreigliedrigen sozialen Organismus.
Was sonst hervortritt, auch das, was groß ist in westlichen Ländern, nehmen Sie den Darwinismus, nehmen Sie Männer wie Spencer, Huxley oder irgendwelche Wissenschafter Amerikas bis hinauf zu Emerson, Whitman, und so weiter, alles, alles ist im Grunde genommen im Geistesleben doch so, daß man sagen muß: der Kopf denkt, was der Bauch ausbrütet. Es sind umgewandelte, umgesetzte Instinkte. Es ist eigentlich nur wirtschaftlich gedacht. Es ist nur danach gedacht, wie man ißt und trinkt. Das ist im weitesten Ausmaß und in allerintensivster Art der Fall. Gewiß, es bemerken es viele Menschen der Gegenwart nicht. Und wenn man es sagt, nehmen sie es als Schimpf. Aber es ist nicht als Schimpf gemeint. Es ist ja zu gleicher Zeit etwas Großes, es ist das einzig Große in der neueren, in der neuesten Zivilisation, diese Art des Denkens. Aber es ist einmal so. Und zwischen diese beiden Extreme war nun tatsächlich die europäische Zivilisation seit dem 18. Jahrhundert hineingezwängt. Nur die Leute, die man ausgeschlossen hat von dieser europäischen Zivilisation, die man nur an die Maschine gestellt hat, die haben ein Denken an die Oberfläche gebracht, das eben scheinbar keinen Zusammenhang, aber in Wirklichkeit den allertiefsten Zusammenhang mit diesen Verhältnissen hat: das ist die proletarische Welt. Und es ist höchst interessant, wenn man die Dinge wirklichkeitsgemäß betrachtet.
Österreich, sagte ich schon, war das Experimentierland. In den siebziger, achtziger Jahren des österreichischen Staatslebens treten ganz merkwürdige Dinge auf. Auf der einen Seite wird viel diskutiert über die Slawenfrage. Manche nannten sie in besserer Weise den «österreichischen Föderalismus». Das ganze geistige Leben in Österreich, dieses eine Glied des dreigliedrigen Organismus, bekommt seine Struktur völlig von dieser Diskussion über die Slawenfrage. Das andere ist: es treten auf - man findet es in den Neben. zen der Parlamentsreden viel mehr, als daß man sagen könnte, es ist geradezu herausgehoben in der richtigen Weise -, es treten auf furchtbare Befürchtungen über den Untergang des österreichischen Wirtschaftslebens durch den Amerikanismus, durch die angelsächsische Wirtschaft. Man konnte in Österreich überall sehen, wie der Export, zum Beispiel an Getreide aus Ungarn, beeinträchtigt wird durch dasjenige, was von Westen kommt. Ganz einsichtsvolle Leute sagten dazumal in Österreich: Der Zug von Westen nach Osten, der überflutet unser Land mit Hypotheken, die Landwirtschaft geht allmählich zugrunde. Das waren durchaus Hinweise auf Symptome, die tieferen historischen Grundlagen entsprachen, so daß dazumal in Österreich viel die Rede war von demjenigen, was auf der einen Seite hereinleuchtete als die Slawenfrage in geistiger Beziehung, und auf der anderen als die Agrarfrage in wirtschaftlicher Beziehung.
Und da tauchte zum Beispiel, ich glaube es war 1880, gerade in Österreich ein merkwürdiger Plan in einzelnen Köpfen auf, der einem eigentlich einen sonderbaren Eindruck machte; es ist auch im österreichischen Parlament davon die Rede gewesen: der Plan eines Völkerbundes tauchte auf, eines Völkerbundes allerdings in der Form, daß man sagte: Westeuropäischer Völkerbund. Aber Bündnisse kann man nicht so schließen, daß man die ganze Welt damit umfaßt; das ist ein Unsinn. Das kann nur im Kopf eines solchen Abstraktlings, wie es Woodrow Wilson ist, auftauchen, daß man die ganze Welt zusammenfaßt. Wenn das wäre, dann brauchte man natürlich kein Bündnis mehr. Also, schon in den achtziger Jahren trat diese Idee eines Völkerbundes auf. Da sehen Sie wiederum so etwas, wovon man sagen kann: Ja, es sind im Laufe des 19. Jahrhunderts ganz sporadisch die Impulse aufgetaucht, die man eigentlich braucht; aber sie wurden immer überflutet von ihren uneigentlichen Lösungen, die immer vorgebracht wurden, ohne Berücksichtigung der geschichtlichen Wirklichkeit. Wo auch immer die Wirklichkeit hereingeleuchtet hat in das menschliche Betrachten, da wurde sie sogleich ausgemerzt. Denn der neuere Mensch ist nun einmal ein Theoretiker.
Und das ist es, was ich Ihnen besonders ans Herz legen möchte: Wenn es Ihnen nicht gelingt, den theoretischen Menschen abzulegen, bevor Sie nun hinausziehen, so werden Sie nichts erreichen. Sie müssen den theoretischen Menschen ablegen, müssen aus der Wirklichkeit heraus versuchen zu sprechen. Das mag besser oder schlechter gelingen, darauf kommt es nicht an. Aber darauf kommt es an: auf das Sprechen aus wirklichen Grundlagen heraus. Darum wollte ich heute keine Urteile abgeben, sondern Sie auf die Tatsachen hinweisen. Ich sagte Ihnen: Betrachten Sie das, was sich herausgebildet hat durch den Frieden von Nystad 1721 und durch den Frieden von Paris 1763. Sie können alles, was die Geschichte darbietet, betrachten: Sie haben einen Gesichtspunkt. Sie werden es überall finden, was heute noch überall in das geistige, staatlich-rechtliche und wirtschaftliche Leben hereinspielt. Ich möchte nur auf einen Weg hinleuchten. Denn wenn man aus dem eigenen Urteil seine Worte beflügeln läßt, kann man etwas erreichen - nicht, wenn man nur nachspricht.