How Can We Work for the Impulse of the Threefold Social Order?
GA 338 — 13 February 1921, Stuttgart
Dritter Vortrag
Aus den Vorgängen, die sich namentlich in der Gegenwart abspielen, werden Sie ja ersehen, daß heute alles Reden über soziale Angelegenheiten doch ohne das richtige Fundament ist, wenn man die internationalen Verhältnisse nicht berücksichtigt. Deshalb habe ich für diese Betrachtungen gerade den Weg gewählt, der sich durch die gestrigen und heutigen Auseinandersetzungen schon verraten hat. Ich möchte ausgehen von einer kurzen Darstellung gewisser internationaler Verhältnisse, um dann, so fundamentiert, zu unserer eigentlichen Aufgabe kommen zu können.
Die vorhin gemachten Andeutungen werden Sie vor die Frage stellen: Wie hat man nun zu denken, um zu einer möglichen Lösung der großen weltgeschichtlichen Fragen von heute und der nächsten Zukunft zu kommen, wie hat man zu denken gegenüber dem Westen auf der einen Seite, gegenüber dem Osten auf der andern Seite?
Sie können ja unschwer einsehen, daß heute alles gewissermaßen im Denken der Menschen unifiziert wird. Nicht wahr, der Mensch, der heute über die Weltverhältnisse urteilen will, der denkt etwa in einer gewissen Frage nach folgendem Schema. Er sagt: Nach dem Westen hin haben wir die Aussicht, für die nächsten Jahrzehnte den Bestrebungen gegenübergestellt zu sein, die Mitteleuropa verfronen wollen. Man wird Mitteleuropa zur Fronarbeit zwingen. Und man kann dem, was da droht, nur entgehen, wenn man gewissermaßen die Orientierung, und man meint damit ungefähr dieselbe Orientierung, die der Westen uns angedeihen läßt in Mitteleuropa, wenn man diese Orientierung nun nach dem Osten einnimmt, also wirtschaftliche Beziehungen nach dem Osten anknüpft und gewissermaßen für das, was nun in Deutschland erwirtschaftet wird, Absatzquellen im Osten sucht. Da man eben gewohnt geworden ist, alles nur wirtschaftlich zu betrachten, so dehnt man das Schema nun nach dem Osten aus.
Das ist eigentlich mit Ausschluß jeder wirklichkeitsgemäßen Betrachtung gesprochen. Und deshalb wollte ich vorhin vorausschicken, wie der Osten und der Westen an unserem gesamten modernen Zivilisationsleben beteiligt sind, damit ein Weg geschaffen werde für eine Urteilsgewinnung nach dieser Seite. Die Frage ist eben: Ist es aussichtsvoll von seiten der tonangebenden wirtschaftenden Menschen, die sich etwa eingliedern in jene Konfiguration, die, unter dem Einfluß des alleinseligmachenden Wirtschaftslebens, dasjenige annehmen soll, was man weiterhin das «Deutsche Reich» nennt, ist es aussichtsvoll, daß da nun wirtschaftliche Beziehungen nach dem Osten, wirtschaftliche Beziehungen als solche, unmittelbar angeknüpft werden?
Wer abstrakt nach dem Schema, wie man heute denkt, sich die Sache zurechtlegt, sagt sich: Ja! Wer aber dasjenige beachtet, was das ganze Geistes-, Staats- und Wirtschaftsleben des 19. Jahrhunderts und überhaupt des letzten Zeitalters uns lehrt, der wird wahrscheinlich zu einem anderen Urteil kommen. Denn nehmen Sie nur einmal die realen Tatsachen, die da vorliegen: Wir haben reichlich Gelegenheit, zu sehen, wie hingebungsvoll und wie gerne der europäische Osten das Geistesleben Mitteleuropas aufnimmt, wenn wir auf die Verhältnisse sehen, die im 19. Jahrhundert bis etwa zu seinen letzten Dezennien sich abgespielt haben. Denn wenn Sie auf das Geistesleben Rußlands eingehen und sich fragen: Wie ist es denn eigentlich zustande gekommen? - so werden Sie sehen, daß in diesem ganzen Geistesleben Rußlands ein Zweifaches lebt.
Erstens leben uns durch und durch in dem wirklichen russischen Geistesleben, in alledem, was uns da entgegengekommen ist und was Mitteleuropa aus einer gewissen Sensationslust, die in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts eingetreten ist, aufgenommen hat - da leben uns durchaus die Reflexe gut mitteleuropäischen Denkens entgegen. Mit großer Willigkeit, mehr als innerhalb Deutschlands selber, wurden die deutschen Denker und alles, was mit deutschem Denken zusammenhängt, in Rußland aufgenommen. Sogar in ganz konkreter Weise berief man ja gerade in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts deutsche Persönlichkeiten zur Einrichtung des russischen Bildungslebens. Überall kann man sehen, wie dasjenige, was an konkreten Gedanken und Absichten für Institutionen in Rußland vorliegt, auf die Einwirkung Mitteleuropas, und zwar deutscher Persönlichkeiten, hin entstanden ist, die gerade so zustande gekommen ist, wie einstmals sagenhaft die Rurik-Herrschaften, von denen man ja immer die Worte abgeleiert hört: die Russen hätten das und das und alles mögliche, nur keine Ordnung; deshalb wenden sie sich an die drei Brüder und sagen, die sollen ihnen Ordnung machen. So ungefähr war es im ganzen 19. Jahrhundert mit Bezug auf alles das, was als geistige Quellen des Lebens vorliegt im Verhältnis zu Mitteleuropa. Überall, wo man etwas gebraucht hat, um Konkretes aufzunehmen, überall wandte man sich an Mitteleuropa oder Westeuropa. Aber die Reaktion gegenüber den beiden Gebieten war eine durchaus verschiedene. Das mitteleuropäische Leben lebte sich ein in das russische mit einer gewissen Selbstverständlichkeit, ohne daß man viel Wesens davon machte, und es lebt weiter. Das mehr westeuropäische Geistesleben, das lebte sich so ein, daß man viel Wesens daraus machte, daß es einen gewissen konkreten, sensationellen Anstrich annahm, daß es mit einem gewissen Pomp, mit einem gewissen dekorativen Element sich einlebte. Das ist etwas, was durchaus berücksichtigt werden muß. Nehmen Sie den bedeutendsten russischen Philosophen Solozjev. Solch ein Philosoph hat innerhalb des russischen Lebens eine ganz andere Bedeutung als ein Philosoph innerhalb des mitteleuropäischen Lebens. Alles das, was an Gedanken in ihm ist, ist mitteleuropäisch, ist hegelisch, ist kantisch oder goethisch und so weiter. Wir finden überall nur die Reflexe unseres eigenen Lebens, wenn wir uns diesen Philosophen hingeben in bezug auf ihre konkreten Gedanken. Man kann sogar sagen: Was an konkreten Gedanken bei 7olstoj vorhanden ist, ist mitteleuropäisch oder westeuropäisch - aber mit allen Verschiedenheiten, die ich eben auseinandergesetzt habe. Sogar für Dostojevskij gilt dasselbe, trotz seiner Verbohrtheit in russisch-nationalen Chauvinismus. Das alles ist die eine Seite.
Sie sehen aber gerade, ich möchte sagen, mit einer gewissen Einstimmigkeit, in Rußland Ablehnung auftreten, als Rußland Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts von den wirtschaftlichen Machinationen Mitteleuropas berührt wird. Denken Sie nur an die Aufnahme gewisser Handelsvertragsbestimmungen und dergleichen. Und denken Sie, wie mimosenhaft sich das russische Element verhalten hat - abgesehen von den Schreiern -, wie mimosenhaft sich Rußland als Volkselement verhalten hat in der Ablehnung gegen das, was da als rein wirtschaftliche Invasion sich geltend gemacht hat oder als wirtschaftliche Machtentfaltung.
Das alles müßte Wegleitung sein. Das alles müßte zeigen, daß es ein Handeln wäre mit ungeeigneten Fingern, wenn man heute darauf ausgehen würde, ein Verhältnis zum Osten hin zu tragen durch Handel oder sonstige wirtschaftliche Beziehungen. Worauf es ankommt und was wir erreichen müssen trotz der großen Schwierigkeiten, die gegenüber dem bolschewistischen Element mit der Sache verbunden sind, das ist vor allen Dingen, nach Rußland das geistige Element, insofern es vom produktiven Geistesleben ausgeht, hineinzubringen. Alles, was von einem produktiven Geistesleben ausgeht, erstreckt sich auf Anschauungen, auf Empfindungen, die das Geistesleben selbst oder das Staatsleben oder das Wirtschaftsleben betreffen. Alles das wird ganz gut von dem russischen Element aufgenommen werden.
Denn das zweite Element zu dem ersten, das eigentlich nur in der Übernahme der konkreten, namentlich deutschen Gedanken besteht, das zweite Element am russischen Geistesleben, das ist eine, ja, wie soll man es nennen, eine undifferenzierte, vage - das ist nicht irgendwie agitatorisch gemeint, sondern wieder eine Terminologie -, eine vage Gemüts- und Gefühlssauce. Das ist es ja auch, was zum Beispiel ganz charakteristisch beobachtet werden kann bei solch einem Philosophen, der geradezu typisch ist für das russische Element wie Solovjev: Die Gedanken sind urdeutsch. Aber sie treten in einer ganz anderen Form auf bei Solovjev als etwa bei den deutschen Denkern. Auch das Goethesche tritt in einer ganz anderen Form bei Solovjev auf. Es ist darüber ausgegossen und hineingegossen, hineinversetzt, eine gewisse Gemüts- und Gefühlssauce, die dem Ganzen eine gewisse Nuance gibt. Aber diese Nuance ist auch das einzige, was dieses Leben unterscheidet. Und diese Nuance ist etwas Passives, etwas Annehmerisches. Und das ist angewiesen darauf, das mitteleuropäische Geistesleben aufzunehmen.
In diesem Verkehr zwischen dem mitteleuropäischen Geistesleben und dem russischen Volkselement kann sich etwas Grandioses fruchtbar für die Zukunft entwickeln. Aber man muß einen Sinn haben dafür, wie zivilisationsschöpferisch gerade ein solcher Verkehr ist. Nur muß er sich abspielen im rein geistigen Element. Er muß sich abspielen in einem gewissen Element, das auf das Verhältnis gebaut ist zwischen Mensch und Mensch. Dieses Verhältnis müssen wir gewinnen zum Osten. Und wenn das eingesehen wird, dann wird sich ganz von selbst in das, was da aus dem Geistesleben heraus geschieht, dasjenige hineinbegeben, was man nennen kann eine selbstverständliche Wirtschaftsgemeinschaft. Von der darf nicht ausgegangen werden, sonst wird sie unbedingt zurückgeschlagen. Alles, was die Wirtschaftler nach dem Osten hin tun könnten, das wird uns ganz gewiß nichts bringen, wenn es nicht auf der Grundlage desjenigen aufgebaut ist, was ich eben auseinandergesetzt habe. Das ist eine eminent sozial wichtige Frage, daß man dieses ins Auge faßt.
Das andere muß uns das Verhältnis zum Westen sein. Sehen Sie, den Westen zu belehren mit dem, was unser mitteleuropäisches Geistesleben ist, das ist ein Ding der Unmöglichkeit. Und mit dieser Unmöglichkeit sollte man durchaus rechnen, abgesehen davon, daß es schon außerordentlich schwierig ist, nur zur Übersetzung zu bringen, was wir in Mitteleuropa denken, was wir in Mitteleuropa empfinden, was auch der Osten empfindet. Die ganze Art und Weise des Anschauens, wenn es sich um rein geistige Dinge handelt, ist durch und durch verschieden zwischen dem mitteleuropäischen Gebiet einerseits und dem Westen und Amerika andererseits. Die Leute haben sich gewundert, daß der Wilson so wenig von Europa verstanden hat, als er nach Paris kam. Sie hätten sich weniger gewundert, wenn sie ein dickes Buch sich angesehen hätten, das Wilson schon in den neunziger Jahren geschrieben hat, es heißt «Der Staat». Das Buch, das ist eigentlich ganz unter Aufnahme europäischer Gelehrsamkeit geschrieben. Aber man soll nur anschauen, was daraus geworden ist, aus dieser europäischen Gelehrsamkeit! Man hätte sich gar nicht gewundert, wenn man die Antezedenzien ins Auge gefaßt hätte, die vorlagen, man hätte sich nicht gewundert, daß der Wilson vom Europäischen nichts verstehen konnte. Das konnte er nicht. Denn insofern das Denken als solches in Betracht kommt, insofern ist es vergeblich, da irgendwie einen unmittelbaren Eindruck hervorzurufen. Dagegen würde es ganz bedeutsam sein, wenn man sich einmal die Sache so vorstellte, daß man sagte, ja, wenn man etwa von Volk zu Volk verhandeln will mit dem Westen, so kommt man auf keinen grünen Zweig. Wenn man aber von den Verhandlungen ausschließt die Staatsmänner und die Gelehrten, die Gelehrten auf allen Gebieten und die Staatsmänner erst recht, wenn man keine Staatsmänner nach dem Westen schickt, sondern bloß Wirtschaftler, dann werden die westlichen Menschen diese Wirtschaftler verstehen, und es wird etwas Ersprießliches dabei herauskommen. Nur auf dem Gebiet des Wirtschaftslebens wird man in unmittelbaren Verhandlungen etwas im Westen verstehn. Das heißt aber nicht, daß man sich in bezug auf den Verkehr mit dem Westen lediglich beschränken sollte auf dasjenige, was Wirtschaftsleben ist. O nein, das braucht man nicht. Es ist ja zum Beispiel höchst interessant, sich manche Konzertsäle, große Konzertsäle, in westlichen Ländergebieten und die Namen von berühmten Komponisten anzuschauen, die da draufstehen: Mozart, Beethoven, Wagner und so weiter -, man findet in der Regel nur deutsche Namen. Also Sie können sicher sein: Wenn man bloß aus der mitteleuropäischen Denksubstanz heraus in Westeuropa Eindruck machen möchte, würde man nicht sehr weit kommen, weder bei dem romanischen noch bei dem angelsächsischen Element. Das schließt nicht aus, daß man natürlich auch über das, was in Mitteleuropa gedacht wird, zu den Leuten reden kann. Selbstverständlich kann man das. Aber man muß in anderer Weise reden als in Mitteleuropa, wo man auf das Vorstellungsleben, das Gedankenleben in erster Linie Rücksicht nimmt. Nehmen Sie ein größeres Beispiel: Mehr noch als das, was zumeist heute in unserem Dornacher Bau tradiert wird, versteht der Westeuropäer, und auch der Amerikaner vielleicht, den Dornacher Bau selber, dasjenige, was als Faktisches aus der Sache hervorgeht.
Natürlich kann man im Reden selbst die Sache so gestalten, daß man das Faktische herauskommen läßt aus der Sache. So war es ja vor dem Krieg - es darf wiederum hervorgehoben werden, ohne unbescheiden zu sein - so weit, daß ich im Mai 1914 in Paris einen deutschen Vortrag halten konnte, der Wort für Wort übersetzt werden mußte; aber ich konnte ihn deutsch halten. Und dieser Vortrag, das sage ich nur als Tatsache, der hatte einen größeren Erfolg, als jemals innerhalb Deutschlands ein Vortrag von mir hatte. Wir waren so weit. Aber es ist notwendig, daß man dann dasjenige, was gesagt wird, in einer ganz bestimmten Weise umkleidet, so daß man es, ich möchte sagen, mehr mit der Fassade, mit dem Künstlerischen, mit dem, was daraus wird, was nach außen wirken kann, daß man es so vor die Leute hintreten läßt. Da handelt es sich in einem hohen Maße um das Wie.
Und deshalb ist es durchaus kein Unreales, sondern es ist ein sehr konkret realer Gedanke, wenn man sich sagt: Wir werden nach dem Westen hin einen großen Eindruck machen, wenn wir unsere Aufgabe in dieser Weise richtig verstehen, wenn wir zum Beispiel wirklich hinauskommen über das, was uns ja doch nicht gelingt und niemals gelingen wird, denn wir bleiben immer hinter dem Westen zurück, wenn wir hinauskommen über die Nachahmung des Westens. Sehen Sie, ganz gleichgültig, ob wir dem Westen Maschinen nachahmen - wir machen sie nicht so präzise wie der Westen -, ob wir ihm falsche Zähne nachmachen, wir machen sie nicht so elegant wie der Westen, es ist ganz gleichgültig! Wenn wir bloß nachahmen, so kommen wir mit dem Westen nicht zurecht. Denn er braucht das nicht anzunehmen, was wir dabei hervorbringen. Aber wenn wir erfassen, was wir können, und was der Westen nicht kann, wenn wir zum Beispiel die Technik durchdringen würden mit Kunst und künstlerischer Auffassung, wenn wir wirklich zu dem kommen würden, was innerhalb unserer Anthroposophischen Gesellschaft längst figuriert, was wir nur nicht zur Ausführung bringen aus Mangel an Persönlichkeiten, die sich dazu hergeben, wenn wir zum Bei spiel die Lokomotive künstlerisch gestalten würden, wenn wir den Bahnhof, in den man einfährt, künstlerisch gestalten würden, wenn wir dem, was von uns ergriffen werden kann, einprägten, was an uns ist, dann nehmen es die westlichen Menschen, dann verstehen sie es auch. Und dann verkehren sie auch mit uns. Aber wir müssen eine Vorstellung davon haben, wie dieser Verkehr sein soll. Das kann nur jeder auf seinem eigenen Gebiet tun, aber das müßte gemacht werden. Und anfangen müßte man in der Gegenwart damit, daß man erkennt, wie aus den ganz realen Verhältnissen heraus der Impuls der Dreigliederung ja entsteht.
Wir müssen ein Geistesleben haben, das so beschaffen ist, daß es mehr auf den Osten wirken kann in der eben charakterisierten Weise, das kann nur ein produktives Geistesleben sein. Damit würden wir schon ausstechen all die Zunatscharskijs und die anderen. Denn auf die Dauer würden diese nicht das Russenvolk, die russische Volksseele, versklaven können. Wenn wir dieses produktive Geistesleben nur erst haben, wird es schon geschehen, daß das auf den Osten einen Eindruck macht. Wir müssen nur die Kraft bekommen, dieses Geistesleben selber zur Geltung zu bringen. Wir müssen besiegen all das Geschmeiß, das herankommt und dieses Geistesleben jetzt tottreten will.
Es ist ja so weit gekommen mit der Feindschaft gegen das Geistesleben, daß ich neulich in Dornach einen Passus vorlesen mußte, der zum Inhalt hatte, daß nun der geistigen Feuerfunken genug entzündet sind im Zusammenstoß mit der Geisteswissenschaft, daß wirklich der reale Feuerfunke diesen Dornacher Bau nun endlich ergreifen müsse. - Also die Gegnerschaften nehmen schon die allerbrutalsten Formen an. Es handelt sich darum, daß es ein Notwendiges ist: dieses produktive Geistesleben, dieses ganz konkrete, produktive Geistesleben ohne Rücksicht darauf, was die Leute höhnen und was sie treiben, zur Geltung zu bringen. Denn man kann wissen: Dieses produktive Geistesleben, das in Mitteleuropa entspringen kann, das kann jene große Bruderschaft hervorrufen, die auf den Osten sich ausdehnen kann und die den Osten mit Mitteleuropa vereinen kann, während alle brutalen wirtschaftlichen Machinationen nur immer mehr und mehr Abgründe aufrichten würden zwischen Mitteleuropa und dem Osten. Das ist das außerordentlich Wichtige, daß man solche Dinge durchschaut und daß solche Dinge populär gemacht werden. Es ist ja schon aus dem Grunde ganz besonders wichtig, weil, wenn Sie ein Publikum gewinnen für solche Dinge, die Leute dann dadurch, daß sie sich gewöhnen, auf solchen Wegen zu denken, auch in den übrigen sozialen Fragen zu einem ganz anderen Denken kommen.
Aber das muß auf einer breiteren Basis gemacht werden, als es bisher geschehen ist. Dazu ist notwendig, daß wirklich nun mit allem Feuer dafür gearbeitet werde, daß unsere Dinge, die wir treiben, nicht immer eine in gewissem Sinne doch verlorene Arbeit sind. Denn das muß ja hervorgehoben werden, meine lieben Freunde: Es liegt heute ein reichliches Material vor in unserer Dreigliederungszeitung, das aber im Grunde genommen doch eingesargt ist, weil es nur Literatur zunächst ist. Es wird dadurch notwendig, daß man immer weiter arbeitet. Aber das ist eine Unmöglichkeit. Es muß tatsächlich auf breiter Basis, durch viele Menschen, das verarbeitet werden, was da oder dort angeschlagen ist. Aber man muß in diese Dinge klar hineinsehen.
Man muß sich ganz klar sein darüber, daß wir das freie produktive Geistesleben brauchen, und daß wir es kultivieren müssen, damit wir mit dem Osten in ein mögliches Verhältnis kommen können.
Und ebenso müssen wir ein Wirtschaftsleben haben, in das sich der Staat nicht hineinmischt, in das sich das Geistesleben nicht hineinmischt, in dem nur die Wirtschaftler tätig sind, um mit dem Westen zunächst zu verhandeln. Diese Verhandlungen müssen die Wirtschaftenden allein besorgen. Nur auf diese Weise wird etwas dabei herauskommen. Man kann es machen, man soll es auch machen, solange es nicht anders möglich ist: auch mit dem Westen von Staat zu Staat zu verhandeln. Aber herauskommen wird dabei nichts Ersprießliches. Sondern dann erst wird etwas herauskommen, wenn bei uns die Staatsmänner aus den Wirtschaftsverhandlungen verschwinden, ganz gleichgültig, wie die herüberschreien da drüben. Mögen die Staatsmänner verhandeln da drüben! Da stehen die Staatsmänner im Wirtschaftsleben drinnen. Aber bei uns, wenn da die Wirtschaftsmänner Staatsmänner werden, dann entwirtschaften sie sich; dann werden sie Männer, die ganz staatlich denken.
Das ist das Wichtige, daß man die realen Notwendigkeiten des Lebens durchschaut. Wir müssen also aus dem Grunde schon eine Dreigliederung des sozialen Organismus haben, damit wir die Wirtschaftler, die unbeeinflußt sind von den Machinationen des Staates und des Geisteslebens, nach dem Westen schicken können. Und wir brauchen ein freies Geistesleben, damit wir in ein mögliches Verhältnis zum Osten kommen. Also die internationalen Verhältnisse selber legen uns dieses durchaus auf.
Wie sich das im einzelnen gestaltet, das muß sich jeder selber ausbauen. Denn es soll nur eine Wegleitung sein, was hier gegeben wird. Es ist aber eine Wegleitung aus den realen Verhältnissen heraus. Und man muß das, was öfter gesagt worden ist, im tiefsten Sinn ernst nehmen. Es ist nicht wahr, daß heute die Praktiker in Wirklichkeit etwas vom praktischen Leben verstehen. Sie verstehen vom wahrhaft praktischen Leben eigentlich im Grunde genommen gar nichts - gerade insofern sie Praktiker sind! Weil die Praktiker heute in Wahrheit die stärksten Theoretiker sind, weil sie sich ganz in einzelne Gedankenschemen einleben und theoretisieren in der Praxis drinnen. Das ist es eben, was im tiefsten Sinne des Wortes einmal gründlich eingesehen werden muß. Und das müssen wir unserer sogenannten «Agitation» ganz herzhaft zugrunde legen: daß wir aus den realen Verhältnissen heraus arbeiten.
Sehen Sie, wir müssen vor allen Dingen uns klar sein darüber, daß das moderne Wirtschaftsleben als solches notwendig macht diese Dreigliederung: Und zwar aus dem Grunde, weil dieses Wirtschafts: leben heute chaotisch durcheinandergemischt ist aus den Impulsen des Ostens, den Impulsen des Westens und den Impulsen der Mitte. Und das ist so: Das Wirtschaftsleben, es besteht ja im Grunde genommen aus drei Elementen: aus dem, was die Natur hergibt in dem Sinn, wie ich es in der vorhergehenden Stunde auseinandergesetzt habe; dann dem, was menschliche Arbeit schafft; und dem, was durch das Kapital geleistet wird. Kapital, menschliche Arbeit und das, was die Natur hergibt und was durch die Produktion dann fortgesetzt wird, das ist dasjenige, was im Wirtschaftsleben drinnen figuriert.
Aber sehen Sie, so, wie es beim menschlichen dreigliedrigen Organismus ist, daß er aus drei Gliedern besteht, aber in jedem seiner Glieder sich wiederholt die Dreigliederung, so ist es auch beim sozialen Organismus. Wir haben im Haupte gewiß ein Organ des Menschen, welches vorzugsweise Nerven-Sinnes-Organ ist; aber das Haupt wird auch ernährt, es wird in einer gewissen Beziehung von Ernährungsorganen durchzogen. Ebenso haben wir in dem, was bloß Stoffwechsel-Organismus ist, im Stoffwechsel drinnen, dem Stoffwechsel dienend, wieder etwas vom Nerven-Sinnes-Organismus, den Nervus sympathicus. So ist es auch in bezug auf die Dreigliederung des sozialen Organismus. Da steckt in jedem der drei Glieder wiederum das Ganze drinnen. Aber es steckt heute in einer unorganischen Weise drinnen. Es steckt so drinnen, daß es das Leben zerstört, daß es das Leben nicht aufbaut.
Da steckt zunächst die Natur drinnen, und die Produktion ist ja nur eine Fortsetzung der Natur. Und insofern die Natur drinnensteckt, steckt eigentlich in unserem Wirtschaftsleben noch diejenige Empfindungsweise drinnen, die ganz orientalisch ist, die ganz aus dem Osten ist. Der Orientale wird gar nicht verstehen, daß man irgendwie ins Wirtschaftsleben einbeziehen könnte dasjenige, was menschliche Arbeit ist. Und selbst wenn wir in unsere von orientalischen Verhältnissen noch durchzogenen früheren Wirtschaftsverhältnisse zurückgehen, so wird man da nirgends finden, daß im Wirtschaftsleben drinnen die menschliche Arbeit mitfiguriert.
Es ist auch unmöglich, daß diese menschliche Arbeit mitfiguriert im Wirtschaftsleben. Denn, sehen Sie, Sie können Äpfel und Äpfel zusammenrechnen. Sie können rechnerisch etwas herausbekommen. Sie können auch Äpfel und Birnen zu Früchten zusammenrechnen. Sie werden rechnerisch etwas herausbekommen. Ich weiß aber nicht, wie Sie zum Beispiel Äpfel und Brillen zu einer gemeinsamen Summe rechnerisch zusammenfügen wollten. Nun ist dasjenige, was in einem Gut steckt, in einer Ware steckt, grundverschieden von dem, was als menschliche Arbeit, wie man mit einem marxistischen Ausdruck sagt, «in die Ware hereingeronnen ist», was nichts anderes ist als eine Torheit, so zu sprechen, aber es ist einmal heute populär geworden, zu sagen: was «in die Ware hineingeronnen ist». Diese menschliche Arbeit und dasjenige, was im Gut, in der Ware drinnensteckt, das zu irgend etwas Gemeinschaftlichem zu machen, das ist ein ebensolcher Unsinn, als wenn Sie Äpfel und Brillen zu etwas Gemeinschaftlichem machen wollen. Aber die moderne Volkswirtschaft hat es dazu gemacht. Es hat also das wirtschaftliche Leben das Kunststück fertiggebracht, sozusagen die Brillen zu essen und die Äpfel als Bewaffnung der Augen zu nehmen.
Das merkt man nicht im menschlichen Leben, In untergeordneten Naturreichen merkt man es. Es klingt paradox, wenn man so etwas sagt, aber in Wirklichkeit wird es fortwährend gemacht. Und in dem man drinnen im wirtschaftlichen Leben den Lohn überhaupt hat und der Lohn etwas in sich trägt, was eben bezahlt werden soll und was im Preise der Ware drinnen ist, wie das, was von der Natur kommt, hat man in der Tat Äpfel und Brillen addiert. Es ist eine Unmöglichkeit. Es ist gar nicht denkbar.
Als die drei Gebiete des sozialen Organismus, geistiges Leben, staatlich-rechtliches Leben und wirtschaftliches Leben, noch aus alten Verhältnissen geregelt waren, letzteres in orientalischer Weise, als man, ohne daß man eigentlich viel darüber nachgedacht, sondern nur aus dem Überfluß heraus produziert hat - ich sagte in der vorhergehenden Stunde: etwa ein bißchen höher als das Tier, das auch nur nimmt, wie es die Natur bietet -, hat man in älteren Zeiten auch in unseren Gegenden durchaus nicht Ware und Arbeit zusammenaddiert. Die Arbeit war in einer anderen Weise geregelt: man war Gutsherr, adeliger Gutsherr, man erbte von seinen Vorfahren diese soziale Position. Wenn man nicht ein solches Blut in seinen Adern hatte, war man Höriger, Leibeigener, Sklave. Das heißt, die Menschen waren in einem rechtlichen Verhältnis zueinander. Ob man nun zu arbeiten hatte oder ob man sein Bäuchlein pflegen und vom Balkon zuschauen konnte, wie die anderen arbeiteten, das war nicht nach Preisverhältnissen oder Geldverhältnissen bestimmt, sondern da lagen rechtliche Verhältnisse zugrunde. Es war aus ganz andern Untergründen heraus die Arbeit geregelt als der Güterverkehr. Das war durchaus getrennt in dieser Regelung aus alten Verhältnissen, die wir jetzt nicht mehr brauchen können. Es war zweierlei: die Ware und die menschliche Arbeit im Oriente. Es ist durchaus immer gedacht gewesen, daß aus anderen Untergründen heraus die rechtlichen Arbeitsverhältnisse sich feststellten als der Güterumlauf. Jene ergaben sich aus diesen alten rechtlichen Verhältnissen, gewiß. Aber es wurde nicht Arbeit irgendwie bezahlt, sondern der Mensch wurde an einen Posten hingestellt und arbeitete dann, und was er arbeitete, das zirkulierte. Aber es «rann» nicht hinein irgend etwas von menschlicher Arbeitskraft «in das Produkı.
So sehen Sie schon, es steckt in dem, was wirtschaftlich zustande kommt, weil ja die Arbeit daran beteiligt ist, durch die Arbeit das staatlich-rechtliche Verhältnis drinnen. Wenn wir im Wirtschaftsleben von dem rein Wirtschaftlichen sprechen, müssen wir von Gütern, von Waren sprechen. Insofern wir von dem entwickelten Wirtschaftsleben, von dem Wirtschaftsleben also, das namentlich auf Teilung der Arbeit beruht, sprechen, müssen wir ein staatlichrechtliches Element schon dazufügen, so daß die Arbeitsregelung ein Staatlich-Rechtliches ist. Es schlägt also hinüber in das andere Glied des sozialen Organismus. Und das Kapital - ja, das Kapital ist im wesentlichen doch in dem Verhältnis drinnen im Wirtschaftsleben, daß es das Wirtschaftsleben geistig trägt. Das Kapital ist dasjenige, was die Wirtschaftszentren schafft, was die Betriebe schafft. Es ist das geistige Element im Wirtschaftsleben. Nur ist es so, daß unter dem modernen Materialismus dieses Geistesleben im Wirtschaftsleben einen materialistischen Charakter angenommen hat. Aber es ist das geistige Element trotzdem im Wirtschaftsleben. Das kapitalistische Element ist das Geistige im Wirtschaftsleben.
Das führt uns dahin, in diesem Wirtschaftsleben selbst wiederum die Dreigliederung zu suchen. Das heißt, vom eigentlichen Wirtschaftsleben aus, in dem Warenproduktion, Warenzirkulation und Warenkonsum sich abspielen, ist das, was als Arbeit in das Wirtschaftsleben hineinfließt, in Zusammenhang zu bringen mit dem Rechts- oder Staatsleben; und das Kapital, das das eigentliche geistige Element ist, ist in Zusammenhang zu bringen mit dem Geistesleben. Konkret dargestellt finden Sie dies in den «Kernpunkten», wo es heißt, daß die Kapitalübertragung, die Kapitalzirkulation in einer bestimmten Beziehung zum Geistesleben stehen muß. Das ist es: daß wir lernen, innerhalb des Wirtschaftslebens selbst diese drei Gebiete auseinanderzuhalten.
Man wird sich aber ein richtiges Bild von dem, was da eigentlich ist, nur dann machen, wenn man auf der einen Seite weiß, daß wir in einer gewissen Beziehung das regeln müssen, über das der Orientale sorglos hinweggegangen ist: die Beziehungen des menschlichen Wirtschaftslebens zur Natur. Beim Orientalen war das eine Selbstverständlichkeit. Wir müssen es regeln. Beim westlichen Menschen, da ist das ganze Geistesleben, wie ich Ihnen vorhin ausgeführt habe, im Wirtschaftsleben aufgegangen. Selbst Spencer denkt wirtschaftlich, wenn er angeblich wissenschaftlich denkt. Da steckt alles im Wirtschaftsleben drinnen. Da ist das Geistesleben wirtschaftlich. Daher wird der Kapitalismus als solcher materialistisch. Das Kapital muß ja da sein, wie auch in den «Kernpunkten» steht, aber das Zusammenfassen des Geistigen zum Kapital wird den stärksten Widerstand erfahren im Westen, wo der Kapitalismus, so wie er jetzt ist, gerade der westlichen Denkweise entspricht, wo man alles Geistige in das Materielle hineinbringt. Daher ist im Grunde genommen alles, was jetzt der mittleren Welt vom Westen aufgezwungen wird, worüber man soviele unberechtigte Worte braucht, im Grunde genommen eigentlich durchaus nichts anderes als die Wirkung des westlichen Kapitalismus, der nur große Dimensionen angenommen hat. So daß man, während die westlichen Staaten eben verkapitalisiert sind, glaubt, man habe es mit dem bloßen Staatsgebilde zu tun. Das ist nicht so. Auch die Staatsmänner sind da Wirtschafter im Grunde genommen, gerade so, wie die Gelehrten Wirtschafter sind. Und so wird man das auseinanderzuhalten haben, was da, ich möchte sagen, auf der einen Seite von uns im Wirtschaftsleben durchgedacht werden muß, während der Orient nicht gewohnt ist, das zu durchdenken - was auf der andern Seite durchgeistigt werden muß in bezug auf den Kapitalismus, während dem Westen es gar nicht einfällt, die Sache zu durchgeistigen. Das ist dasjenige, was die Aufgabe der mitteleuropäischen Gegenden ist. Deshalb entstand auch in diesen mitteleuropäischen Gegenden etwas, was nun scharf, scharf ins Auge gefaßt werden sollte.
Es begegnet einem immer wiederum - in Stuttgart hier und in der Schweiz, und auch die anderen Freunde haben ähnliches erfahren -, es begegnet einem immer wiederum, daß die Leute sagen: Ja, wenn man auch einverstanden wäre mit der Gliederung in ein freies Geistesleben und ein freies Wirtschaftsleben, da bleibt aber ja nichts mehr für das Staatsgebiet übrig! Tatsächlich, so, wie das Staatsleben heute ist, wie es auf der einen Seite aufgesogen hat das Geistesleben, das nicht hineingehört, wie es auf der anderen Seite aufsaugt immer mehr und mehr das Wirtschaftsleben, da verkümmert das eigentliche Staatsleben. Da ist das eigentliche Staatsleben, nämlich dasjenige, was sich abspielen soll zwischen Mensch und Mensch, zwischen allen mündig gewordenen Menschen, gar nicht mehr da. Daher können natürlich solche Leute wie die Stammler nur so stammeln, daß sie sagen: Das Staatsleben besteht darin, daß es dem Wirtschaftsleben seine Form gibt. Aber das ist eben das Wesentliche, daß das Staatsleben erst entstehen wird, nämlich umfassen wird alles dasjenige, was zwischen mündig gewordenen Menschen, rein dadurch, daß sie Menschen sind, spielt, und dazu gehört das ganze Gebiet der Arbeitsregelung zum Beispiel, daß das erst in der richtigen Weise entstehen wird, wenn die beiden anderen Gebiete abgetrennt sind. Dann wird sich erst ein wirklich demokratisches Staatsleben herausbilden können. Daß man noch keinen rechten Begriff hat von diesem Staatsleben, das ist nicht verwunderlich, denn heute hat man noch keinen rechten Begriff von einer selbständigen Demokratie, weil man nur abstrakt denkt und darauf losgeht, Demokratie zu definieren. Definieren kann man ja immer, nicht wahr? Definitionen erinnern einen immer an das alte griechische Beispiel, das ich schon öfter angeführt habe, wo jemand den Menschen definierte in einer ganz richtigen Definition: Er ist ein lebendiges Wesen, das auf zwei Beinen geht und keine Federn hat. Am nächsten Tag brachte man dem, der das gesagt hatte, eine gerupfte Gans und sagte: Das ist also ein Mensch, denn es geht auf zwei Beinen und hat keine Federn. Mit Definitionen kann man alles mögliche machen. Aber es handelt sich nicht um Definitionen, sondern es handelt sich darum, Realitäten zu finden.
Nehmen Sie den Begriff der Demokratie, wie er heute existiert und wie er im Grunde genommen westlichen Ursprungs ist - wie ist er denn entstanden? Sie können die Entwickelung Englands verfolgen. Verfolgen Sie sie durch die älteren englischen Herrschaften hindurch, so werden Sie finden, daß da ein Streben ist heraus aus der Gebundenheit. Aber das alles hat einen religiösen Charakter. Und das nimmt dann einen ganz religiösen Charakter an gerade unter Cromwell. Da entwickelt sich aus dem theokratisch-puritanischen Element, aus der Freiheit des Glaubens, etwas heraus, was dann losgelöst wird von der Theokratie, von dem Glauben, und was das demokratisch-politische Freiheitselement wird. Das ist also das, was man im Westen das demokratische Empfinden nennt. Das ist losgelöst aus dem religiös-unabhängigen Empfinden. So bekommt man den realen Begriff der Demokratie heraus. Und einen wirklichen Begriff von Demokratie wird es erst geben, wenn eine Organisation da ist zwischen der geistigen und der wirtschaftlichen Organisation, die nun fußt auf dem Verhältnis von Mensch zu Mensch und der Gleichheit aller mündig gewordenen Menschen. Da wird sich erst das ergeben, was das staatliche Verhältnis ist.
Aber sehen Sie, da ist es charakteristisch, daß im Grunde genommen in Mitteleuropa wirklich die Gedanken entstanden sind, ohne daß man auf diese Dreigliederung schon gekommen ist, daß die Gedanken entstanden sind: Ja, wie soll eigentlich der Staat entstehen? Es ist im höchsten Maße interessant, wie aus gewissen Schillerschen Begriffen, aus Goetheschen Begriffen heraus Wilhelm von Humboldt, der sogar ein preußischer Minister werden konnte - das ist eine merkwürdige Sache - in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts den schönen Aufsatz geschrieben hat: «Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen». Da ist wirklich gerungen nach den Möglichkeiten eines Staatsaufbaues, eines wirklichen Staatsaufbaues. Da ist versucht, das alles herauszuschälen aus den sozialen Verhältnissen, was eben nur staatlich, politisch, rechtlich sein kann. Es ist gewiß Wilhelm von Humboldt nicht in einwandfreier Weise gelungen, aber darauf kommt es nicht an. Solche Dinge hätten fortgebildet werden müssen. Und ehe man nicht dazu kommt, das Reale zu schaffen für dasjenige, was staatlich ist, während «die Stammler» immer stammeln, daß das staatliche Leben nur die Formung des Wirtschaftslebens sei, kommen wir nicht weiter. Diese Dinge, die müssen notwendig heute vor ein großes Publikum gebracht werden, in ausgedehntem Maße und so schnell wie möglich. Denn nur dadurch, daß wir gesunde Gedanken in unsere Zeitgenossenschaft hineinbringen und diese Gedanken so schnell wie möglich verbreiten, können wir vorwärtskommen.
Denn die entgegengesetzten Mächte sind stark. Sie höhnen und machen ihren Willen zur Vernichtung aus allen Ecken heraus geltend. Und man soll sich durchaus nicht Illusionen hingeben über den starken Willen, der auf jener Seite ist. Denn wenn der Zug, den wir jetzt unternehmen, einen wirklichen Sinn haben soll, dann müssen wir uns schon sagen: Wir haben versucht, aus anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft heraus einen sozialen Impuls zu gewinnen. Nicht wahr, was anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft ist, das hat Zeit, das kann langsam gehen, das kann auch Rücksicht darauf nehmen, was die Leute vertragen können. Da mögen sich auch Cliquen bilden. Denn diese Cliquen sind ja doch nur in der physischen Welt; über die geht die geistige Bewegung hinweg. Das, was da wirklich als Lebenskraft zugrunde liegt in der reinen anthroposophischen Bewegung, das hat eine Bedeutung, einen Inhalt in der geistigen Welt. Darauf kommt es nicht so sehr an, ob sich Cliquen bilden, ob sektiererische Züge darinnen sind, und so weiter. Das ist etwas, was natürlich in den Einzelheiten Stück für Stück zu bekämpfen ist in unserer heute so ernsten Zeit. Aber es ist nicht so schlimm, als wenn auf dem Gebiet nicht das Richtige geschieht, wo das Praktische, das unmittelbar zur Wirkung Berufene herausgeholt wird aus der anthroposophischen Bewegung, wie es, möchte ich sagen, auf unserem sozialen Flügel der anthroposophischen Bewegung ist. Da ist keine Zeit zum Warten. Da können wir nicht Bünde für Dreigliederung einrichten, die sich nun so organisieren, daß sie nur ein Abbild sind der alten anthroposöphischen Zweige. Da müssen wir uns bewußt sein, daß dasjenige, was wir morgen erst erarbeiten, wenn es noch so gut ist, schlechter sein kann als dasjenige, was wir schlechter heute erarbeiten. Da kommt es darauf an, daß unmittelbar stark in der Gegenwart, im Augenblick gewirkt wird und daß es jeden Tag zu spät werden kann. Und tatsächlich zeigen uns die Ereignisse, wie die Dinge durchaus Woche für Woche zu spät werden können. Deshalb ist diese Aktion eingeleitet worden, vor der wir jetzt stehen, und deshalb wird auf diese Aktion soviel Wert gelegt, weil es notwendig ist, daß die Dinge schnell geschehen. Denn Europa hat keine Zeit zu verlieren.
Was notwendig ist, das ist, in die Köpfe die Möglichkeit hineinzubringen, so zu denken, daß die Wirklichkeit in diesem Denken eine Rolle spielt. Die Menschheit ist ganz dazu erzogen, daß im Grunde genommen eine unreale Denkweise gerade das Tonangebende auch im praktischen Leben geworden ist. Eine unreale Denkweise ist es, wenn heute die Leute etwa auftreten und sagen: man soll das Recht kultivieren, man solle vom ethischen Standpunkte aus irgendwie weiterkommen im sozialen Leben. Diese Dinge sind sehr schön natürlich, aber sie sind sehr abstrakt. Das Geistige hat nur einen Wert, wenn es in das materielle Leben unmittelbar eingreift, wenn es das Materielle wirklich zu tragen und zu besiegen vermag. Sonst hat es keinen Wert. Wir dürfen uns nicht irgendwie kaptivieren lassen von solchen Tiraden, wie sie zum Beispiel Foerster oder ähnliche Leute heute der Welt vortragen. Das sind schöne Redensarten, aber sie dringen nicht ein in das materielle Leben, weil die Betreffenden, die sie vortragen, selber vom materiellen Leben nichts verstehen, sondern glauben, durch Predigen ließe sich die heutige materielle Welt irgendwie weiterbringen.
Und das ist der Fehler, den die Bourgeoisie gemacht hat: Sie hat sich immer mehr und mehr zurückgezogen mit Bezug auf ihr Seelenleben auf ein Luxusgebiet. Sechs Tage der Woche sitzt man im Büro. Im Kassenbuch vorne hat man zwar stehen «Mit Gott!». Aber dann geht es gar nicht sehr mit Gott auf den weiteren Seiten; da ist das «Mit Gott!» sehr abstrakt. Dann aber, nachdem man die ganze Woche in der sattsam bekannten Weise gearbeitet hat, geht man am Sonntag sich eine die Seele mit seelischer Wollust erfüllende Predigt über die ewige Seligkeit anhören und dergleichen. Das heißt, das geistige Leben zum Luxus machen und das materielle Leben entgeistigen! In dieser Beziehung ist die Bourgeoisie weit vorgeschritten. Immer weiter und weiter hat sie das getrieben, so daß endlich das ganze geistige Leben wirklich zur Ideologie geworden ist.
Auf der andern Seite ist es dann kein Wunder, wenn nun das Proletariat kommt und theoretisch wiederum erklärt: Das geistige Leben ist eine Ideologie - und wenn es nun versucht, das gesamte wirtschaftliche Leben umzugestalten, indem es bloß die Produktionsweise ins Auge faßt. Beides gehört zusammen. Wirklich, es liegen die Dinge heute so, daß schließlich der Kampf zwischen Bourgeoisie und Proletariat nur darin besteht, wie lange der eine unten, der andere oben ist, und wiederum umgekehrt. Es ist lediglich ein Kampf. Es wird nicht darauf abgesehen, wenn man tiefer in die Sache eindringt, zu einer fruchtbaren Gestaltung des Lebens zu kommen. Das läßt sich nur dann, wenn man einen durchgreifenden Impuls hat, der den Menschen als solchen umfaßt.
Dann aber muß man entweder sich mit der Dreigliederung auseinandersetzen, wenn man das einsieht, oder man muß etwas Besseres an die Stelle der Dreigliederung zu setzen verstehen. Alles übrige, was heute auftritt, rechnet gar nicht mit dem Menschen als solchem. Deshalb ist es notwendig, daß man tatsächlich in der allernächsten Zeit gewissermaßen unsere Bewegung rettet vor dem, was die Gegner vorhaben. Sie haben vor, unsere Bewegung durch Machinationen unmöglich zu machen. Und diese Machinationen werden ja sehr raffiniert angestellt. Bedenken Sie nur einmal, welches Raffinement jetzt in dem Feldzug des «Berliner Tageblatts» liegt. Nicht wahr, das «Berliner Tageblatt» läßt sich einen Artikel fabrizieren, worin alle möglichen blödsinnigen «Okkultisten» erwähnt werden, und mitten drinnen steht die Anthroposophie, die damit nichts zu tun hat. Aber die Leute ersparen es sich dadurch, sich mit der Anthroposophie zu beschäftigen, indem sie sie einfach unter den Blödsinn rubrizieren. Natürlich, von dem Unsinn, der da drinnen steht, da können alle Leute etwas begreifen, dann hat man nicht nötig, sich noch besonders mit der Anthroposophie zu beschäftigen. Das wird tatsächlich ganz international verbreitet, es tritt einem überall entgegen, in englischen Zeitungen, überall. Das ist aber nur eines. Es beginnt in der nächsten Zeit - es hat schon begonnen, aber es wird fortgesetzt - ein Vernichtungskrieg gegen dasjenige, was unsere Bewegung ist. Deshalb ist es heute notwendig, sich zu besinnen auf das, was zu tun ist. Und wenn nicht etwas Durchgreifendes geschieht auf breiter Basis, dann, meine lieben Freunde, dann müßten wir uns sagen: Wir haben zwar einen Begriff von dem, was aus anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft heraus auch in bezug auf das soziale Leben geschehen könnte, aber wir bringen nicht die Kraft auf, um es durchzubringen. Tatsächlich, wenn man die Konsequenz sieht, in der auf gegnerischer Seite gearbeitet wird, manchmal eine Konsequenz in Verruchtheit, so sagt man: Es ist notwendig, daß man bei uns einsieht, ein Wille muß aufgebracht werden! Die haben den schlechten Willen, warum sollten denn im Guten nicht dieselben Kräfte aufgebracht werden können? Warum sollte denn mit Recht gesagt werden können: da bestand die Absicht, durchzubringen etwas für die Menschheit Heilsames; aber die Gegner, das waren andere Kerle, die haben einen konsequenten Willen, die gehen auch bis zur Auslebung dieses Willens!
Meine lieben Freunde, wenn wir uns nicht auf diesen Boden stellen, bis zur Auslebung auch unseres Willens zu kommen, so werden wir für den jetzigen Augenblick selbstverständlich nichts erreichen können. Es ist jetzt in einer gewissen Beziehung die Frage um ein Entweder-Oder in unserer Bewegung. Deshalb wurde diese Aktion eingeleitet. Das bitte ich zu bedenken. Das bitte ich, in Ihren Willen aufzunehmen, bevor wir weitergehen in der Ausbildung dessen, was wir zu diesem Willen gebrauchen.