How Can We Work for the Impulse of the Threefold Social Order?

GA 338 — 14 February 1921, Stuttgart

Fünfter Vortrag

Es wird gut sein, jetzt einiges Formelle einzufügen, damit wir dann wiederum übergehen können zu einigen sachlichen Betrachtungen.

Ich habe es vorhin angedeutet, daß man durch das Sich-Hineinversetzen in den ganzen Sinn und das Wesen des Gegenstandes im einen oder anderen Gliede des dreigliedrigen sozialen Organismus den richtigen Ton gewissermaßen finden kann. Man nimmt ihn von selbst, wenn man in der richtigen Weise in den Dingen drinnen lebt.

Nun möchte ich in dieser Richtung Ihnen noch einiges hier vorbringen. Aber ich möchte vorausbemerken, daß natürlich, wenn es sich um praktische Ratschläge handelt, die Dinge auch immer etwas anders sein können, daß man eigentlich über solche Dinge nur als Beispiele sprechen kann, ja, daß man die Sache in dem einen Falle so, in dem anderen Falle auch anders behandeln kann. Aber wenn ich mir vorstelle, was gerade für die Fälle passend sein könnte in bezug auf Ihre rednerische Wirkung in den nächsten Wochen, so möchte ich zunächst darauf aufmerksam machen, daß eine ganz bestimmte innere Einstellung doch für den Redner in jedem einzelnen Falle von einer großen Bedeutung ist.

Sehen Sie, das Schlechteste, was Sie tun könnten, wäre zweifellos das: wenn Sie sich ein solches Thema nehmen würden, wie, sagen wir, «Die großen Fragen der Gegenwart in bezug auf die Dreigliederung des sozialen Organismus, und, da Sie doch in der Woche eine ganze Anzahl Reden an verschiedenen Orten halten werden, dieses Thema gewissermaßen mit gedächtnismäßiger Beherrschung der einzelnen Formulierungen nun wiederholend immer vortragen würden. Das ist aus inneren sachlichen Gründen wohl die schlechteste Methode, die man für eine solche Sache wählen kann. Man kann eigentlich eine verantwortungsvolle und von der Sache getragene Art im Reden doch nur entwickeln, wenn einem gewissermaßen jede Rede, die man hält, auch subjektiv, persönlich, etwas Neues ist. Man hat also nötig, wenn auch in einer solchen Weise, wie ich es gleich nachher andeuten werde, selbst wenn man eine Rede dreißig Mal, ja, nehmen wir den ja etwas seltenen Fall an, hundert Mal hintereinander hält, doch sie immer wiederum als etwas Neues zu empfinden und immer wiederum einen gewissen gleich großen Respekt, eine Achtung vor dem Inhalt dieser Rede zu haben, sie in ihrer Grundnuance - merken Sie wohl, was ich sage - sie in ihrer Grundnuance immer wiederum, bevor man sie hält, vor die Seele treten zu lassen, nicht so sehr in dem einzelnen Ausbau und in den einzelnen Formulierungen, sondern in den Grundnuancen, in den Gedanken sie immer wieder zu durchleben. Wie man sich dazu einstellen kann, das hängt von dem Verhältnisse ab, das man zu dem Stoff hat. Ich kannte Schauspieler und Schauspielerinnen von erster Qualität, die mir die Versicherung abgaben, daß sie eigentlich erst das Gefühl hatten, eine Rolle gut gespielt zu haben, wenn sie sie ungefähr das hundertste Mal spielten. Nun, natürlich steckt da in einem gewissen Sinne eine Art Illusion darin; sie hatten es beim neunundvierzigsten, fünfzigsten Mal auch, aber nur im Verhältnis zu den vorhergehenden Malen. Jedenfalls aber gibt es eine Möglichkeit, den gleichen Respekt, die gleiche Achtung vor dem Inhalt der Rede zu haben, wenn man sie auch noch so oft hält. Und im Grunde genommen hält einen nur in der nötigen Frische zu der Rede dieses Gefühl: daß man eigentlich niemals von dem betreffenden Stoff, auch wenn er fast ganz gleich wiederholt wird, genug kriegt.

Wer gegenüber einer Rede, die er halten soll, das Gefühl hat, sie sei ihm schon langweilig, oder es sei ihm langweilig, die Rede zu halten, weil er sie mit demselben Inhalt so oft gehalten hat, der kommt mir vor, wie wenn er einen ganzen Monat gegessen hat und am Ersten des nächsten Monats sagt: Mir ist es jetzt langweilig zu essen, denn es ist ja doch nur die Wiederholung des Essens von den vorhergehenden dreißig Tagen; ich will das nicht wieder tun. Der Organismus tut im Grunde genommen in bezug auf seine wichtigsten Funktionen jeden Tag in eintöniger Weise dasselbe, höchstens, daß man die Speisenfolge etwas variiert. Aber in einer solchen Weise kann man ja auch die Gedanken eines Vortrages nuancieren, so daß eine Abwechslung hineinkommt wie in die Speisen an den aufeinanderfolgenden Tagen. Aber im wesentlichen bleibt für den Organismus das eintönige Hungrig-Sein - Sich-Sättigen, Durst-Haben - Trinken und so weiter, und es wird im Grunde genommen nie im Ernste langweilig.

Unser Intellekt, unser Seelenleben überhaupt, weicht in einer gewissen Weise, indem es gegenüber dem lebendigen Wachstum der natürlichen, wie auch geistigen elementaren Kräfte in die Dekadenz kommt, von diesen ab; es weicht dadurch ab, daß es gewissermaßen alles nur einmal haben will, und dann es eben «hat». Man kommt, indem man weiterschreitet in der seelischen Entwickelung, wiederum zurück auf das, was die Natur und was die ursprünglich geistigen Elementarkräfte haben: den Rhythmus, die Wiederholung des Selbigen. Und zu dieser Rückkehr zu dem, was den ursprünglich schöpferischen Kräften nahesteht, nähersteht als unser dekadentes intellektuelles und unser Seelenleben, zu dieser Rückkehr müssen wir kommen, wenn wir in der geistigen Welt, in der Sphäre des Geistigen arbeiten. Auf das haben ja im Grunde schon die Religionen Rücksicht genommen. Denn sie lassen nicht jeden Morgen und jeden Abend neue Gebete beten, sondern immer dieselben. Und sie setzen voraus, daß es nicht langweilig ist, daß es sich wirklich so verhält zu der ganzen seelischen Entwickelung des Menschen, wie das Essen und Trinken zur organischen Entwickelung des Menschen. Und wir können uns zu dem, was wir im Geistigen wirken, besonders in einem solchen Fall, wie es die Redekunst ist, so einstellen, daß wir, wenn wir auch zahllose Male dasselbe wiederholen, immer wiederum und wiederum mit demselben Interesse, bevor wir die Sache vorbringen, den Inhalt innerlich durchlaufen. Nur dann, wenn wir so den Inhalt innerlich durchlaufen, und sei es manchmal nur in wenigen Minuten, nur dann werden wir das richtige Verhältnis zu dem gewinnen, was wir aussprechen wollen. Wir werden auch nur dadurch das richtige Verantwortungsgefühl gewinnen.

Und dieses Verantwortlichkeitsgefühl, das brauchen wir, wenn wir in einer solchen Lage sind wie Sie in den nächsten Wochen. Denn Sie müssen sich bewußt sein, daß Sie mit Ihren Reden eben nicht bloß den Leuten etwas sagen, sondern daß wir in einem welthistorischen Augenblick stehen, und daß Ihr Reden für diesen welthistorischen Augenblick etwas zu bedeuten hat. Sie müssen sich ganz stark die Tragweite desjenigen, was Sie tun, vor die Seele stellen. Sie müssen sich ungefähr sagen: Ich habe etwas den Leuten beizubringen, was, wenn es bei ihnen einschlägt, wirklich als das einzige Mittel figurieren wird, die Welt zum Aufstieg zu bringen, während überall um uns herum die Niedergangskräfte sind.

Und wenn Sie so zu der Sache stehen, dann werden Sie auch in der richtigen Weise einschätzen, was sich aus allen Ecken heraus als die Gegnerschaft gegen unsere Sache geltend macht und die da lauert überall an den Seiten Ihrer Wege, die Sie nun betreten wollen. Die Gegnerschaft wird gerade innerhalb unserer Bewegung unberücksichtigt gelassen von den meisten auch unserer Mitglieder. Sie kümmern sich nicht gern darum, und das ist eben Mangel an Interesse an der Zeitgeschichte. Aber aus Interesse an der Zeitgeschichte heraus müssen wir reden und müssen wir handeln. Nur dadurch bekommen unsre Worte ein wirkliches Gewicht, daß wir daraus handeln. Wir dürfen diese Gegnerschaft nicht leicht nehmen. Es ist ja manchmal gerade innerhalb unsrer Bewegung geradezu zum Verzweifeln, wenn man sieht, wie gegenüber den furchtbaren Anklagen, die erhoben werden gegen Anthroposophie, gegen die Dreigliederung und jetzt auch gegen den «Kommenden Tag» und so weiter, die Leute innerhalb unsrer Bewegung ganz phlegmatisch bleiben. Da sind wirklich die Gegner, wenn man so sagen darf, andere Kerle. Die sind manchmal ganz ruchlose Filous. Aber sie haben als Inhalt ihres Filoutums einen ungeheuren Eifer. Und sie finden Worte aus einem gewissen Enthusiasmus heraus, aus einem Enthusiasmus des Schlechten sehr häufig, sogar meistens, oder auch aus einem Enthusiasmus der Unfähigkeit, die sich wehrt, weil sie nicht zur Geltung kommen kann gegenüber dem, was da zur Geltung gebracht wird. Aber es liegt dann in einem gewissen Sinn Elan drinnen; auch in dem Geschimpfe liegt Elan drinnen. Man findet nicht die rechten Worte, wenn man sie geradezu künstlich setzt. Aber man findet die rechten Worte, wenn man sie aus der Gesamtstimmung gegenüber der Sache herausfinden kann. Das ist sowohl im Schriftlichen wie auch im Mündlichen dasjenige, auf das wir uns einstellen müssen. Wir dürfen nicht zurückschrecken, die stärksten Zurückweisungen erfahren zu lassen, was sich in so schamloser Weise gegen Anthroposophie, gegen Dreigliederung und so weiter geltend macht. Und wir müssen uns bewußt sein, daß dadurch im Grunde genommen auch das Positive seine Schattierung erhält.

Zum Sachlichen gehören auch diejenigen Dinge, die wir vorbringen gegenüber unseren Gegnern mitten in unseren positiven Reden drinnen, wobei wir möglichst wenig Rücksicht darauf nehmen, uns zu verteidigen. Denn sehen Sie, gewiß, man muß sich manchmal verteidigen, ich habe es schon gesagt, aber was bedeutet denn eine Verteidigung eigentlich gegenüber solchen Individuen, wie es die Max Dessoirs sind und dergleichen? Dagegen bedeutet es viel, zu charakterisieren, welche Schande es ist für das deutsche Bildungs- und Universitätsleben, solche Menschen zu Dozenten zu haben. Diese allgemeine Kulturerscheinung in das richtige Licht zu stellen, das ist dasjenige, wofür wir die richtigen Worte und Wortnuancierungen finden müssen. Und da ist es schon gut, die Dinge, ich möchte sagen, in einer gewissen Weise farbig zu schildern. Da müssen Sie dann versuchen, aus Ihren Lebenserfahrungen heraus die Tinten, die Farben zu finden, um farbig zu schildern. Es gibt ein Karma, wenn man es nur in der richtigen Weise beachtet. Dieses Karma, das trägt einem die Nuancen schon zu.

Sehen Sie, ich habe in meinen «Seelenrätseln» die eigentümliche Tatsache dessen, was Max Dessoir erwähnt hat in seinem dicken Schmöker, den er geschrieben hat, angeführt, daß er einer von denjenigen Menschen ist, denen es durch innere Seelenbestimmung auferlegt ist, manchmal einhalten zu müssen in der Gedankenfolge, nicht weiterzukönnen; daß es ihm sogar bei Vorträgen passieren kann, daß er plötzlich so erfüllt ist von der ganzen Kraft desjenigen, was er auszudrücken hat, daß ihm, er sagt nicht so, der Verstand stillesteht, aber es ist so etwas Ähnliches wie, daß der Verstand stillsteht. Ich habe das in meinen «Seelenrätseln» hervorgehoben. Vor einigen Wochen bekam ich einen Brief eines Freundes, der in den Zeiten gerade bei Dessoir in Berlin die Vorlesungen gehört hat, in denen das tatsächlich passiert ist, daß Dessoir der Verstand stillgestanden hat. Die Studenten nannten dieses sonderbare Universitätsmöbel den «schönen Max», weil er die Gewohnheit hatte - das schreibt dieser betreffende Freund -, jede Woche eine andersfarbige Weste anzuziehen und mit dieser vorzutragen. Das ist ja nur Imitation, sehen Sie. Es haben Größere als der Max Dessoir eine solche Schwäche gehabt. So zum Beispiel ist es bei dem bekannten großen Philosophen Kuno Fischer einmal vorgekommen, daß ein junger Student zum Friseur kam, der vis-4-vis des Universitätsgebäudes in Heidelberg war. Und dieser Friseur interessierte sich ja selbstverständlich sehr für die Universität und ihre Jünger. Und da kam er auch ins Gespräch mit diesem krassen Fuchs, der gerade antreten wollte zum Kolleg bei Kuno Fischer. Der verriet ihm, daß er zu Kuno Fischer gehen wolle. «Heute schreibt er was an die Tafel», sagte der Friseur. «Woher wissen Sie das?» fragte der junge Student erstaunt. «Er war eben vorhin hier und hat sich hinten den Scheitel machen lassen; wenn er das tut, schreibt er immer was an die Tafel; da dreht er sich nämlich um.» - Nun, der «schöne Max», der war eines Tages in der Lage, daß ihm eben plötzlich die Gedanken entflohen sind. Da fing er an wild zu werden, selbstverständlich in der entsprechenden Wochenweste. Da saß einer vor ihm, der hatte eine Zeitung in der Hand, auf den stürzte er los, auf den schimpfte er furchtbar, er sei schuld daran, weil er in der Zeitung gelesen hat, daß ihm die Gedanken entflohen seien. Nach fünf Minuten hatte er wiederum die Gedanken. - Das hat sich wirklich zugetragen, das kann dokumentarisch belegt werden!

Man kann solche Dinge schon nuancieren. Und man wird sehr häufig finden, daß man manche Tinten auftragen kann, wenn man gerade das sonderbare Bildungswesen in unserer Gegenwart, wie es an den Universitäten grassiert, schildern will. Es hat neben seinen schädlichen Seiten, neben seinen ärgerlichen Seiten und vernichterischen Seiten auch durchaus seine komischen Seiten. Ich kannte ja selbst, wenn ich das noch erwähnen darf, einen Chemiker; er war Professor für Chemie und Technologie organischer Stoffe. Er sagte jedes Jahr einmal in seinem Kolleg: Ja, es gibt eigentlich nur drei große Chemiker: der eine ist Liebig, der zweite ist ein neuerer, Gorup-Besanez, und den dritten zu nennen verbietet mir die Bescheidenheit.

Nun, wie gesagt, darum handelt es sich für uns, daß wir nicht den Hauptwert legen auf das Verteidigen, das mit einfließen kann natürlich; sondern darauf kommt es an, die Kulturerscheinungen als solche in ihrer ganzen Schädlichkeit hinzustellen. Daß wir also uns mächtig genug erweisen, ein Urteil zu fällen über sogenannte Geistesströmungen der Gegenwart. Das können wir in der positiven Darstellung überall einfließen lassen und werden es so vielleicht am besten in die Seelen hereinbringen. Denn wir müssen, wenn wir durchdringen wollen, ganz unbedingt in den Seelen unserer Zeitgenossen einen Abscheu gegenüber gewissen zeitgenössischen Erscheinungen erzeugen können. Wir müssen ein richtiges Urteil pflanzen können über das Furchtbare, das eigentlich unter uns grassiert durch die Unfähigkeit und namentlich auch durch die Verlogenheit, die unter uns ist. Wir müssen nur, damit wir dies in der richtigen Weise tun können, uns tatsächlich darauf verlegen, scharf den Leuten auf die Finger zu schauen und ihnen nicht irgendwelche Dinge durchgehen zu lassen. Wir müssen gerade das Symptomatische, das Charakteristische scharf hervorheben. Es herrscht in unserer Zeit, und wir werden die Dinge immer finden, gerade auf dem Gebiet der sogenannten Wissenschaft eine furchtbare Verlogenheit. Und diese Verlogenheit, die eigentlich um so stärker wird, je mehr wir von den naturwissenschaftlichen Fakultäten, den philosophischen Fakultäten über das Medizinische nach gewissen anderen Provinzen hinkommen, diese Verlogenheit, die müssen wir nicht verfehlen, an einzelnen Beispielen immer wieder und wiederum vor unsere Zeitgenossen charakterisierend hinzustellen. Das ist von einer großen, von einer ungeheuren Wichtigkeit. Denn man hat heute doch nicht ein richtig energisches Gefühl von dem, was solche Verlogenheit eigentlich bedeutet, wie korrumpierend es in die Gemüter hineinwirkt, wenn derjenige, der sonst Wissenschaftler ist, innerhalb seines Wirkens zu gleicher Zeit von einer gewissen Verlogenheit angefressen ist. Und wir werden sogar auf die Dauer recht viel erreichen, wenn auch nicht gleich, wenn es uns gelingt, die Verlogenheit unseres heutigen Bildungslebens unseren Zeitgenossen zum Bewußtsein zu bringen. Dafür aber werden wir die richtige oratorische Nuance finden, wenn wir aus einer solchen Stimmung gegenüber der Sache heraus sprechen, wie ich es charakterisiert habe.

Dann, sehen Sie, scheint, gerade wenn man in einer solchen Lage ist, wie Sie in den nächsten Wochen sein werden, eines wichtig: daß man lebendig in der Materie desjenigen, was man vorbringen will, drinnen lebt, daß man gewissermaßen während des Sprechens mit der Materie eigentlich immer kämpft, daß man also die Vorbereitung so sein läßt, daß man in den Absichten, in den Gedanken, sich die Sache vor die Seele treten läßt, nicht aber in der Formulierung, denn um die Formulierung muß man eigentlich vor den Zuhörern erst kämpfen. Daher ist es gut, einen Vortrag nicht bis in die Formulierungen hinein vorzubereiten, sondern nur bis hin zu gewissen Schlagsätzen. Man kann das durchaus, je nachdem man subjektiv so oder so geartet ist, daß man sich Schlagsätze aufschreibt. Nicht Schlagworte! Das ist etwas, was einen in der Regel irreleitet. Aber Schlagsätze, gewissermaßen die Themen der einzelnen Absätze. Man schreibt sich also auf zum Beispiel: «Das Wirtschaftsleben hat seine eigenen Gesetze, es macht alles zur Ware.» Und dann bespricht man dieses, indem man es nicht als Ausgangspunkt nimmt, sondern als Thema eines Absatzes, wie etwas, um das sich das andere herumkristallisiert. Man spricht in Anlehnung an einen solchen Schlagsatz. Dann geht man zum nächsten Schlagsatz über.

Wörtlich ist nur gut zu haben, aber auch nicht wörtlich im Gedächtnis, sondern im Sinn, dasjenige, was etwa die ersten fünf oder sechs Sätze des Vortrages umfaßt und was die letzten fünf oder sechs Sätze des Vortrages umfaßt. Das andere wörtlich zu haben, ist unter allen Umständen nicht gut, weil es das innere lebendige Verhältnis in einer sehr starken Weise beeinträchtigt. Man hat aber nötig, ziemlich genau formuliert zu haben die ersten fünf oder sechs und die letzten fünf oder sechs Sätze. Denn es ist in der Regel bei einem, der als Mensch, nicht als Sprechautomat vor das Publikum hintritt, bei den ersten fünf bis sechs Sätzen das Lampenfieber da. Gerade wenn er eben Mensch ist und nicht Sprechmaschine, ist es schon so. Das ist etwas durchaus Gutes, dieses Lampenfieber. Es kann die verschiedensten Nuancen annehmen. Es kann so sein, daß da die innere Lebendigkeit durch dieses Lampenfieber bei den ersten fünf oder sechs Sätzen, wenn sie gut formuliert sind, da ist, daß diese Formulierung uns aber ein gewisses inneres Verhältnis dazu gibt, während, wenn wir die Sätze nicht formuliert haben, es einem zu leicht passieren kann, daß einem nichts einfällt und dergleichen, nicht wahr. Ich kannte zum Beispiel einen sonst ganz ausgezeichneten Mann, der las in der Regel seine Vorträge ab. Aber er wollte einmal, es ist mir so, als wenn es jetzt noch vor mir stünde, so gut erinnere ich mich, er wollte einmal wenigstens die ersten Sätze vorbringen, den ersten Satz, aus dem Gedächtnis, aber er fiel ihm nicht ein. Er mußte schon den ersten Satz, das erste Wort lesen, so sehr hatte er sich gewöhnt an das Manuskript. Also es ist gut, ganz drinnen zu leben, bis zur Formulierung, in den ersten fünf oder sechs Sätzen.

Bei den letzten Sätzen ist es wiederum so, daß man, wenn man gegen das Ende kommt, doch, wenn man eben ein Mensch ist und nicht ein Sprechautomat, unter dem Eindruck seines ganzen Vortrages steht, und dadurch eine gewisse Lebendigkeit gerade am Ende hineinkommt, und man am Ende nicht in der Lage wäre, in jedem Fall die Formulierung so zu finden, daß man das Ende nicht beeinträchtigt, wenn man nicht sich gut vorbereitet hätte gerade für das Ende, für die letzten fünf oder sechs Sätze.

So daß also für solche im besten Sinne «Gelegenheitsreden», wie Sie sie zu halten haben, namentlich aus der Gelegenheit der ganzen Zeitlage heraus, daß für solche Reden zweifellos das Beste ist, wenn man die ersten fünf bis sechs Sätze geschrieben mitbringt, dann die Schlagsätze, und wiederum die letzten fünf bis sechs Sätze folgen läßt. Aber wenn ich Ihnen einen Rat geben darf, den ich Sie aber bitte, nicht so zu nehmen, als ob er immer unter allen Umständen befolgt werden müßte und Sie genötigt wären, dieses, was ich jetzt eben gesagt habe in bezug auf den Zettel, den Sie mitnehmen, auszuführen, so wäre der Rat: Machen Sie sich einen Zettel, auf dem Sie die ersten fünf bis sechs Sätze formulieren, dann die Schlagsätze, dann die letzten Sätze. Halten Sie sich daran. Und dann - verbrennen Sie das! Am nächsten Tag oder zum nächsten Vortrag machen Sie dasselbe. Und verbrennen es auch wieder. Machen Sie das lieber fünfzig Mal, als daß Sie sich gestatten, daß Sie den Zettel etwa durch alle fünfzig Vorträge beibehalten.

Das ist, was durchaus zur inneren Verlebendigung des Verhältnisses eines Menschen zu seinem Stoff gehört. Man muß in einer gewissen Weise so fertig geworden sein mit dem Lebendigen des Vortrages, den man gehalten hat, wie man am 14. Februar fertig geworden ist mit dem, was man am 13. gegessen hat. Das ist durchaus etwas, was als Regel gelten kann.

Denn sehen Sie: in gewissen Gebieten des Wirkens handelt es sich darum, daß wir den Weg zurück zu den elementaren Lebensverhältnissen wiederfinden. Nur dadurch reißen wir das geistige Wirken aus jener Mehltau-Natur heraus, die es dadurch hat, daß es im abstrakten Verstandesleben so etwas gibt wie: man will etwas nur einmal erleben; wenn man etwas schon erlebt hat, übt es keine Sensation mehr aus, und dergleichen. Es ist durchaus so, daß, wenn man sich so etwas angewöhnt, wie ich es jetzt charakterisiert habe, man allmählich dazu kommt, aus viel tieferen Regionen als aus den höchst fraglichen Regionen, die in bezug auf die räumliche Ausdehnung bei dem Menschen am höchsten sitzen, dasjenige, was man geistig produziert, zu bekommen. Und das ist ungeheuer wichtig, daß gerade die erhabensten geistigen Dinge nicht aus dieser Hauptesregion heraus kommen. Denn diese Region ist farblos, ist nüchtern, ist eigentlich so, daß sie, wenn das auch paradox klingt, eigentlich niemand anders angeht als uns selber. Was der Verstand an Klarheit gewinnen kann, geht eigentlich nur den Menschen an, der der Träger dieses Verstandes ist.

Was wir der Welt zu sagen haben, das beruht nicht auf dem, was wir verstehen, sondern auf dem, was wir durchfühlen, durchleben, wodurch wir Schmerz und Leid und Glück und Überwindung erlitten haben. Und, meine lieben Freunde, den Inhalt desjenigen, was Sie in den nächsten Wochen der Welt zu sagen haben, werden Sie jeden Tag aufs neue, wenn Sie diesen Inhalt in der Seele durchlaufen, als Überwindung und Leid, und in einer gewissen Weise, wenn Sie fühlen, was werden soll, als Glück auch, als Erlösung, empfinden können. Vor allen Dingen aber werden Sie ein starkes Verantwortungsgefühl empfinden können. Das alles kann jeden Tag durchgemacht werden. Und das ist eine viel bessere Vorbereitung als alle Dispositionen und alles das, was in manchen Rhetoriken gegeben wird. Dieses lebendige innere Verhältnis zur Sache ist dasjenige, was uns eigentlich wirklich so vorbereitet, daß sich jene Imponderabilien ausbilden, welche einmal bestehen zwischen uns und unserem Auditorium, und wenn es ein noch so großes ist.

Es ist im allgemeinen gerade auf diesem Gebiet zu bemerken, wie sehr wir Abstraktlinge und theoretische Menschen geworden sind. Ich hörte einmal mit einer großen Versammlung einem Vortrag zu, den Hermann Helmboltz hielt. Er nahm sein Manuskript heraus und las den ganzen Vortrag vom ersten bis zum letzten Wort ab. Nachdem diese Prozedur mit den Zuhörern vorbei war, kam ein Theaterdirektor, mit dem ich befreundet war, an mich heran und sagte: Wozu ist das eigentlich gewesen? Der Vortrag ist jetzt ja schon gedruckt, er könnte ganz einfach jedem der Zuhörer eingehändigt werden. Und wenn Helmholtz, den man ja sehr schätzt und ehrt, herumgehen würde und jedem die Hand geben würde, so wäre das ein viel größeres Vergnügen, als sich eine Stunde das vorlesen zu lassen, was man selber lesen kann, wenn es gedruckt ist.

Das müssen wir uns eigentlich durchaus vor die Seele halten: daß das Gedruckte, also auch alles, was man ablesen kann, was man schon niedergeschrieben hat, etwas ganz anderes ist als das gesprochene Wort. Und wenn auch das nun schon einmal vielfach geschieht - aus anderen Gründen wiederum als aus rein künstlerischen und ähnlichen Gründen -, daß das gesprochene Wort nachgeschrieben wird, daß diese ahrimanische Kunst geübt wird und daß dies dann auch wieder gelesen wird, so darf man sich doch nicht verhehlen, daß diese ganze Prozedur im Grunde genommen im höheren Sinne ein Unfug ist. Er muß ja schon geübt werden, der Unfug, aus gewissen Gründen heraus. Aber ein Unfug bleibt es doch. Denn was gesprochen wird, das ist für den, der diese Dinge künstlerisch nimmt, nicht etwas, was zu gleicher Zeit gedruckt werden kann, geschrieben werden kann. Daher konnte ich nicht anders als tief mitempfinden, als mir jener Direktor sagte, es wäre gescheiter gewesen, wenn der Helmholtz jedem die Hand gedrückt und seinen Vortrag hätte verteilen lassen.

Das sind Dinge, die man sich wohl vor die Seele halten muß, denn sie sind im Grunde genommen Rhetorik, während das, was in den Rhetoriken steht, zumeist so ist, daß man es ja doch nicht eigentlich erfüllen kann. Denn es ist im Grunde genommen Gestrüpp, ausgedroschenes Stroh, mit dem man eigentlich nichts anfangen kann, wenn man lebendig in seiner Sache drinnenstehen will.

Nun, sehen Sie, das sind solche Formalien, möchte ich sagen, die nur Ratschläge enthalten können, die aber, ich möchte nicht sagen, durchdacht, aber von Ihnen durchempfunden werden könnten. Und wenn Sie sie durchempfinden werden, dann werden Sie sich für Ihren Beruf in den nächsten Wochen gerade am allerbesten vorbereiten können. Denn aus den Gefühlen, die Sie gegenüber solchen Ratschlägen entwickeln werden, wird Ihnen eine Ansicht über das erwachsen, was Sie eigentlich anfangen sollen mit dem Stoff, den Sie in den nächsten Wochen verarbeiten werden. Und was nach dieser Richtung hin noch zu sagen ist, das ist etwa das Folgende:

Bei solchen Reden, wie Sie sie jetzt halten werden, auch wenn die Themen so gefaßt sind, wie ich das vorhin angegeben habe, ist es doch gut am Anfang auszugehen von irgend etwas, was dem Tage angehört, von irgendeinem Tagesereignis, das aber symptomatisch ist für die ganze Zeitlage. Wir leben ja in einer Zeit, in der tatsächlich solche Ereignisse täglich geschehen. Wir brauchen nur ein wenig die Zeitgeschichte zu verfolgen, und wir werden überall bemerken, wie symptomatische Ereignisse da sind. Von denen können wir dann ausgehen. Dadurch schaffen wir sogleich eine gemeinsame Atmosphäre zwischen uns und dem Zuhörer. Denn der Zuhörer kennt dann die Sache, wir kennen sie, und wir schaffen eine Art von Kommunikation, was bei zeitgeschichtlichen Reden, oder, besser gesagt, bei solchen, die auf die Entwickelung der Zeit wirken sollen, von ganz besonderer Bedeutung ist.

Oder man kann auch ein fernerliegendes Symptom erzählen. Besonders geeignet, in einer richtigen Weise die Aufmerksamkeit zu konzentrieren, ist oftmals, wenn man etwas erzählt, was scheinbar gar keinen Zusammenhang hat mit dem Thema, aber erst recht einen innerlichen Zusammenhang hat, wovon der Zuhörer zunächst etwas paradox berührt wird, nicht weiß, warum man das erzählt; und dann versucht man, den Übergang zu finden von so etwas Fernerliegendem zu dem, was man eigentlich entwickeln will.

Ein anderer Ratschlag ist der: daß es für gewisse Fälle außerordentlich gut ist, wenn man am Ende wiederum an den Anfang zurückkommt. Man kann das am besten in der Weise erreichen, daß man am Anfang irgend etwas formuliert, was man entweder als Frage hinstellt, wenn auch nicht pedantisch als Frage, aber frageartig; dann ist der Vortrag die Ausführung nach der hingestellten Frage; und am Schlusse kommt man eigentlich zur Antwort, so daß das Ganze in einer bestimmten Weise schließt. Dadurch wird auf die Seele des Zuhörers oftmals ein sehr, sehr guter Einfluß ausgeübt. Er behält leichter als sonst.

Bei gewissen Dingen kann es sogar sehr gut sein, eine Art Leitmotiv zu haben, auf das man nach bestimmten Absätzen, wenn auch in variierter Form, zurückkommt. Dadurch, daß man es etwa in derselben Weise formuliert immer wieder vorbringt, wird man nicht gut wirken, aber wenn man in variierter Form darauf zurückkommt, könnte man schon durchaus gut wirken.

Dann werden wir auch schon durch die Form unserer Rede auf die Zuhörer etwas reformierend wirken müssen; ich könnte auch sagen «erzieherisch», wenn es nicht die Leute beleidigen würde, wenn man das Wort «erzieherisch» gebraucht. Man kann reformierend auch durch das Formale der Rede wirken. Sehen Sie, die Leute verlangen heute von einem, daß man möglichst definiert. Nun wollen wir gerade uns stemmen gegen jedes Definieren. Wir wollen immer charakterisieren. Wir wollen namentlich manche Sache von zwei oder mehr Seiten her charakterisieren, um immer eine Anschauung davon hervorzurufen, wie ein jegliches Ding verschiedene Seiten hat, von denen aus man charakterisieren kann. Die Konzession wollen wir nicht machen, wir wollen auch andere Konzessionen nicht machen in der Rede, aber die am allerwenigsten: daß wir den Leuten pedantische Definitionen geben. Wir müssen durchaus den Eindruck hervorrufen, daß dasjenige, was aus den geistigen Untergründen heraus kommt, was aus Geisteswissenschaft stammt, auch schon in bezug auf die Form vor die Zeitgenossen anders treten muß als das, was aus dem Materialismus heraus entsteht. Was aus dem Materialismus heraus kommt, das wird, auch wenn es zum Beispiel von scheinbar Religiösem durchzogen ist, materialistisch sein; es wird, auch wenn es religiös gefärbt ist, in Substantiven sprechen. Was aus dem Geiste heraus kommt, kann nicht gut in Substantiven sprechen. Denn der Geist wirkt nicht substantivisch. Er ist in stetiger Bewegung. Der Geist ist durchaus verbal. Er löst die Substantiva auf. Er bildet lieber als ein Substantiv einen Nebensatz. Dadurch vermeidet er es, die Wesenheiten wie Hölzer zu behandeln, wie Hölzer nebeneinander hinzustellen, oder wie Pflöcke. Dieses Hinstellen der Dinge wie Pflöcke, das ist materialistisch. Was im Geiste erfaßt ist, löst gerade die Substantiva auf. Und das ist wichtig, daß wir in dieser Beziehung keinerlei Konzessionen machen an unsere materialistisch geartete Gegenwart. Allerdings - aber in diesen Fall werden Sie nicht kommen; der Dichter in der Gegenwart leichter; nicht so sehr derjenige, der zu sprechen hat, was Sie zu sprechen haben - allerdings, wenn irgend etwas in das Visionäre getaucht ist oder nur in das Phantasievolle, dann können auch die Substantiva auftreten. Denn dann sind die Imaginationen Gestalten. Jeder Stil hat für sein besonderes Gebiet seinen besonderen Charakter. Aber was genötigt ist, in einer gewissen Beziehung Neues als Lehre, als Anschauung an seine Mitmenschen heranzubringen, das wird, wenn es aus dem Geiste heraus ist, sich durchaus nicht innerlich veranlaßt fühlen, ein Substantivum neben das andere hinzustellen.

Dann wird es für Sie nun auch gut sein, ich möchte sagen, etwas Moralisches nun wirklich durchzuführen. Als wir unsere anthroposophische Bewegung begonnen haben, waren die Leute geradezu stolz darauf, wenn sie sagen konnten: Ich habe da oder dort wiederum theosophische oder anthroposophische Ansichten vorgebracht, ohne zu sagen, woher sie kommen, und ohne das Wort Theosophie oder Anthroposophie zu gebrauchen. Dieses Verleugnen des Bodens, auf dem man eigentlich steht, das ist ein tatsächlicher Unfug gerade in den Kreisen der Anthroposophen geworden, dieses Sichnicht-scharf-bekennen-Wollen zu einer Sache. Nun, ich möchte Ihnen sagen, daß diejenigen Menschen, die man auf diese Weise gewonnen hat, daß man vermieden hat, klar und deutlich mit offenem Visier von der Sache zu sprechen, entweder doch nicht wirklich gewonnen sind, oder, wenn sie gewonnen sind, doch nichts wert sind. Einen Wert hat für unsere Sache nur dasjenige, was in voller Wahrheit und in absoluter Ehrlichkeit gewonnen ist. Und wenn wir uns das ganz klar zur Richtschnur machen, so werden wir vielleicht da oder dort Mißerfolge haben. Aber wo wir Erfolge haben werden, da werden es gute Erfolge sein. Wir sollen in keinem Falle vermeiden, den geisteswissenschaftlichen, den anthroposophischen Untergrund den Leuten wirklich vorzuhalten. Und wenn er auch zunächst für eine große Anzahl von Menschen wie das rote Tuch für den Stier wirkt! Es ist ja das Schlimme bei solchen Dingen nicht das rote Tuch, sondern der Stier.

Diese Dinge, die sind das, was zu der moralischen Nuance unseres Eifers für die Sache in den nächsten Wochen gehören muß. Und Eifer für die Sache brauchen wir. Wir brauchen ja nicht das Gefühl zu haben, daß wir geradezu für eine Sache Märtyrer sind. Aber wir sollen das Gefühl einer großen Verantwortung haben. Wir sollen durchaus das Gefühl haben, daß wir aus der Zeitentwickelung, aus der Zeitgeschichte heraus, sprechen. Je mehr wir das haben, desto besser ist es.

Ich darf Sie vielleicht heute wiederum erinnern daran, was ich schon oftmals ausgesprochen habe. Ich habe einmal zwei katholischen Geistlichen klarmachen wollen, wie unrecht sie hatten mit ihrer besonderen Forderung, die sie nach einem Vortrage von mir hinstellten. Ich hatte in einer süddeutschen Stadt, die heute keine süddeutsche Stadt mehr ist, einen Vortrag gehalten über die Weisheit des Christentums. Da waren auch zwei katholische Pfarrer anwesend. Es war in der Zeit, es ist jetzt schon lange her, in der nicht so intensiv in die Kreise der katholischen Pfarrerschaft schon hineingetragen worden war der Befehl, Anthroposophie intensiv zu bekämpfen, wie es heute der Fall ist. Und so waren denn diese beiden Pfarrer da. Nach dem Vortrag kamen sie zu mir. Nun, nicht wahr, es ist ja die Sache mit der Anthroposophie so, daß man über ein Thema lange sachlich sprechen kann, auch wenn ein katholischer Pfarrer zuhört. Wenn er nicht von vornherein eingestellt ist darauf, daß er alles zu bekämpfen hat, was nicht gerade auf den Boden der verfassungsmäßig zusammengelöteten Kirche gehört, so wird er nicht bemerken, daß er irgend etwas dagegen vorbringen kann. Das muß ja aus anderen Gebieten kommen als aus Wahrheitsgebieten, was gerade von der katholischen Kirche dagegen kommt. Die Pfarrer kamen also zu mir und sagten: Ja, gegen den Inhalt Ihres Vortrages haben wir nichts vorzubringen - dazumal war also noch nicht die Parole von Rom ausgegangen -, aber die Art und Weise, wie Sie sprechen, das geht nicht. Denn wir sprechen so, daß alle Menschen es verstehen, aber Sie sprechen nur für einen gewissen Kreis, der vorbereitet ist. - Ich sagte, ich habe immer das Gefühl, im äußeren Leben wird man nicht unehrlich, wenn man die Leute anredet, wie es im äußeren Leben üblich ist; ich sage zu jedem Hofrat Hofrat, ich sage zu jedem katholischen Priester Hochwürden. Ich sagte also: Hochwürden, darauf kommt es nicht an, ob Sie oder ich denken, irgend etwas sei für alle Menschen. Das ist ja selbstverständlich, daß Sie und ich subjektiv so denken. Darauf kommt es nicht an, sondern darauf kommt es an, ob irgend etwas aus den Zeitimpulsen heraus uns aufgetragen ist, ob es, abgesehen von unserer subjektiven Verfassung, vorgebracht werden soll oder nicht. Und da frage ich Sie jetzt, indem ich voraussetze dieses gute, subjektive Gewissen, ob denn alle Leute, die über den Christus etwas wissen wollen, heute noch zu Ihnen in die Kirche kommen? Wenn alle Leute zu Ihnen in die Kirche kommen, dann reden Sie für alle Leute. Ganz objektiv frage ich Sie: Kommen denn alle Leute zu Ihnen in die Kirche? - Sie konnten nicht ja sagen, es ging nicht. Da sagte ich: Nun, sehen Sie, für diejenigen, die nicht mehr zu Ihnen in die Kirche kommen und die doch etwas hören wollen über den Christus, zu denen rede ich. Das ist objektiv. Da können wir subjektiv glauben, Sie und ich, wir reden für alle. Darauf kommt es nicht an. Es kommt darauf an, daß wir uns den Sinn aneignen, von den’Tatsaöhien so zu lernen; wie wir es machen sollen. - Das ging natürlich den beiden hochwürdigen Herren nicht ein, selbstverständlich, aber richtig ist es trotzdem.

Also, das sind die Dinge, die ich Ihnen heute noch sagen wollte als, gewissermaßen, Formalien. Es sind nicht Regeln, es sind auch nicht solche Ratschläge, die dogmatisch gemeint sind. Ich sagte selbst am Ausgangspunkt meiner Betrachtungen, daß sie mehr im Sinne von Beispielen gemeint sind, Man kann sie vielfach variieren, Es kann sein, daß Sie genötigt sind, in einer anderen Lage anderen Richtlinien zu folgen. Aber ich habe mir einmal überlegt, was diejenigen Persönlichkeiten, die da vor mir sitzen, gerade in der Lage, in der Sie in den nächsten Wochen sein können, sich vielleicht überlegen müßten, der eine wiederum so, der andere so nuanciert, wie Sie es anstellen, um in der richtigen Weise vor Ihr Publikum hinzutreten, und vor allen Dingen in der richtigen Weise sich zu stellen gegenüber der Sache, was auch erreicht werden soll in vollkommener oder unvollkommener Weise, wie Sie sich gegenüber der Sache stellen sollen, die Sie zu vertreten haben. Und da bin ich dazu gekommen, Ihnen in formaler Beziehung das sagen zu müssen, was ich eben ausgesprochen habe.

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