How Can We Work for the Impulse of the Threefold Social Order?

GA 338 — 14 February 1921, Stuttgart

Vierter Vortrag

Das erste Thema, das Ihnen zur Behandlung vorgeschlagen wird, das würde sein: Die großen Fragen der Gegenwart und die Dreigliederung des sozialen Organismus. - Es ist nötig, daß wir diese Themen, die Sie behandeln wollen, so wählen, daß dabei Gelegenheit ist, möglichst genau kennenzulernen erstens dasjenige, was die Gegenwart nötig hat, zweitens dasjenige, was der Impuls für die Dreigliederung des sozialen Organismus zu geben hat mit Bezug auf die großen Fragen der Gegenwart, und daß Sie dabei immer die Möglichkeit haben, auf der einen Seite darauf hinzuweisen, daß anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft die Grundlage abgeben muß für diese Art des sozialen Denkens, die durch die Dreigliederung in die Welt gebracht werden soll, auf der anderen Seite, daß immer die Möglichkeit geboten sein soll, für den «Kommenden Tag» und ähnliches einzutreten. Ihre Tätigkeit wird sich erstrecken müssen auf unsere Bewegung als Ganzes, sowohl auf die geistige Seite wie auch auf die praktischen Einrichtungen. Auf der einen Seite werden Sie der Welt plausibel zu machen haben, daß es in der gegenwärtigen Zeit notwendig ist, ein wirklich produktives Geistesleben zu kultivieren; auf der anderen Seite werden Sie mit dem Praktischen zu rechnen haben, daß wir einfach als Bewegung heute eingreifen müssen in das soziale Leben, in das wirtschaftliche Leben, und daß wir daher finanziell gekräftigt werden müssen, soviel es nur sein kann, nicht um unseretwillen, sondern um des Fortgangs des Wirtschaftslebens willen.

Ich möchte gerade heute einiges mit Bezug auf die notwendigen Themen vorbringen, unseren weiteren Betrachtungen vorausschickend. Es wird vielleicht das beste sein, wenn wir dann ein zweites Thema etwa so wählen: Das freie Erziehungs- und Unterrichtswesen in seinem Verhältnis zu Staat und Wirtschaft. - Und wenn wir das dritte Thema dann so wählen: Das wirtschaftliche Assoziationssystem und sein Verhältnis zum Staat und zum freien Geistesleben. - Dadurch, daß wir diese drei Themen wählen, werden wir Gelegenheit haben, dasjenige, was als Ganzes unserer Bewegung angehört, wirklich in diesen nächsten Wochen in wirkungsvoller Weise vor die Welt hinzustellen.

Nun lassen Sie uns zunächst einmal etwas Prinzipielles über das erste Thema reden. Da wird es sich vor allen Dingen darum handeln, daß Sie den Leuten zeigen, daß ja die Dreigliederung gewissermaßen als Forderung schon da ist, daß man nichts anderes tut, als das, was schon da ist, in der richtigen Weise zu gestalten. Da ist es, allerdings in einer anderen Form, als es da sein soll und da sein wird, wenn es einmal ausgestaltet ist; da ist es als Forderung von drei Dingen, die aber heute chaotisch ineinandergeworfen sind und gerade dadurch sich innerlich bekämpfen wie eine Art von Mißgeburt, die etwa so entstanden ist, wie wenn der Kopf des Menschen in seinem Bauche wäre und die Verdauungsorgane im Herzen und dergleichen, wenn die drei Systeme des Organismus durcheinandergeworfen wären. Also dem, was eigentlich da ist, was sich ausgestalten will, soll eben die richtige Gestaltung gegeben werden.

Gehen wir, um dieses anschaulich zu machen, einmal aus von dem dritten Glied des sozialen Organismus, von dem Wirtschaftsleben. Dieses Wirtschaftsleben, man kann es ja, so wie es heute da ist, charakterisieren, indem man es verfolgt in seiner Entwickelung in den letzten Jahrhunderten. In den letzten Jahrhunderten hat ja das eigentliche Wirtschaftsleben erst die Formen angenommen, die heute da sind und aus denen heraus die ganze soziale Frage erwachsen ist. Es ist allerdings schon ein etwas längerer Prozeß. Das Wirtschaftsleben, vor dem wir heute stehen, das geht, selbst wenn wir am weitesten zurückgehen wollen, doch nicht weiter zurück als etwa ins 14. oder 13. Jahrhundert. Da haben wir die Zeit, in welcher das europäische Wirtschaftsleben eine Art von Krisis durchmacht, eine Art von, man möchte sagen, schleichender Krisis. Die Zeit haben wir da, in welcher sich dieses europäische Wirtschaftsleben gründlich zu einer Veränderung anschickt.

Wenn wir in die früheren Zeiten zurückgehen, so finden wir ja dieses europäische Wirtschaftsleben durchaus unter dem Einfluß der kontinentalen Handels- und Verkehrsbewegung von Asien herüber durch Mitteleuropa nach Westeuropa hinüber. Und wir finden in jenen älteren Zeiten überall, daß das Wirtschaftsleben sich mit einer gewissen Selbstverständlichkeit vollzieht, auch der Verkehr sich mit einer gewissen Selbstverständlichkeit vollzieht. Es waren gewissermaßen die wirtschaftlichen Verhältnisse noch nicht so intensiv ausgebildet, daß man notwendig hatte, die Freiheit des Handels, die Freiheit des Verkehrs einzuschränken, zu organisieren. Aber als die mitteleuropäische Bevölkerung immer dichter und dichter wurde, als das Wirtschaftsleben also intensiver und intensiver wurde, da stellte sich die Notwendigkeit heraus, allerlei zu organisieren. Und es entstand aus dem freieren Wirtschaftsleben der älteren Zeiten ein vielfach gebundenes Wirtschaftsleben. Das freiere Wirtschaftsleben der früheren Zeiten ist dadurch charakterisiert, daß die Einzelwirtschaften, die individuellen Wirtschaften, die mehr Hauswirtschaften waren nach den Instinkten ihrer Privatbesitzer, mit den Knechten, mit der hörigen Bevölkerung, aus dem freien Empfinden heraus geführt wurden, und daß ein ausgebreiteter Handel, der dazwischen allerdings von Asien herüber getrieben worden ist, auch nicht in irgendeiner Weise besonders geregelt zu werden brauchte. Er konnte durchaus frei vollzogen werden, denn es war eben das Wirtschaftsleben noch nicht intensiv.

Aber, wie gesagt, mit der Zunahme der Bevölkerung, auch mit der Entwickelung anderer Verhältnisse, die wir ja gleich erwähnen können, wurde die Intensität des Wirtschaftslebens immer größer und größer; und es wurde notwendig, daß gewisse Schutzmaßregeln ergriffen wurden, die früher nicht nötig waren, Schutzmaßregeln, die alle mehr oder weniger den Charakter hatten, den Konsumenten zu unterstützen. Das ist das Eigentümliche, daß in der Zeit, wo das Wirtschaftsleben eine Art schleichender Krisis durchmacht, so im 13., 14. Jahrhundert, ohne daß man daraus viel Wesens macht, eigentlich überall die Tendenz entsteht, den Konsumenten in gewisser Weise zu schützen. Was ist es anderes als ein Schutz des Konsumenten, wenn die Städte, durch die der Handel durchgehen mußte, durch die die Handelsstraßen führten, das sogenannte Stapelrecht in Anspruch nahmen, daß also der durchziehende Handelsmann sich eine gewisse Anzahl von Tagen aufhalten mußte und erst dann mit demjenigen, was er in diesen Tagen nicht verkaufen konnte in der Stadt, passieren und das dann frei verkaufen durfte? Es handelt sich also um den Schutz des Konsumenten, überall handelt es sich um den Schutz des Konsumenten.

Insbesondere ist, wenn das auch nicht gleich durchsichtig ist, noch etwas anderes in dieser Zeit durchaus für den Schutz des Konsumenten berechnet. Ich habe mich gerade viel eingelassen auf diese Frage und zuletzt doch gefunden - wenn man ganz unbefangen dabei zu Werke geht, so kann man nicht anders als dies herausfinden -, daß auch die Errichtung und die Ausbildung der Zünfte im Grunde genommen, wenn sie auch scheinbar die Produktion organisierten, dennoch unternommen war, um den Konsum der in den Zünften hergestellten Produkte zu unterstützen. Dies geschah auf dem Umwege durch eine Organisation des Produktionswesens. Trotzdem man die Zünfte durch Zusammenschließen der gleichartigen Gewerbe ausbildete, wurde doch in erster Linie nicht so sehr darauf gesehen, daß die Produktion in irgendeiner Weise organisiert wird, sondern daß diejenigen, die sich da zusammenschlossen in den Zünften, ihre Produkte so teuer verkaufen konnten, daß ihr Konsum in der entsprechenden Weise gesichert war. Es waren die Zünfte in der Tat eine Schutzvorrichtung für den Konsum. Wenn Sie sich einfach irgendwelche Handbücher aus der Bibliothek nehmen und die Daten sich vergegenwärtigen, die Sie da finden können, so werden Sie, wenn Sie diese Richtlinien ins Auge fassen, die ich Ihnen hier gebe, sich sagen können: damit ist in gewisser Weise das Wirtschaftsleben der damaligen Zeit charakterisiert.

Und nun entwickelte sich dieses Wirtschaftsleben unter solchen Schutzmaßregeln mehrere Jahrhunderte hindurch. Aber es hatte immer eine Art schleichender Krisis in sich. Es wurde eben immer intensiver und intensiver. Und das ist das Eigentümliche: Ein Wirtschaftsleben, das auf einem gewissen Territorium immer intensiver und intensiver wird, das macht auch immer mehr und mehr Einschränkungen, Schutzmaßregeln und Organisationen notwendig. Ein Wirtschaftsleben, das in irgendeiner Weise offen ist, das nach irgendeiner Seite hin den Zugang hat zu unerschöpflichen Quellen, namentlich der Landwirtschaft, des Grund und Bodens, hat nicht den’Drang; sich s6 zu organisieren, Ein von allen Seiten eingeschlossenes Wirtschaftsleben, das immer intensiver und intensiver wird, bekommt den Drang, sich zu organisieren.

Nun wäre ja zweifellos dieses europäische Wirtschaftsleben im Laufe der Jahrhunderte einer Dekadenz entgegengegangen von unerhörter Bedeutung, wenn nicht ein Ihnen allbekanntes Ereignis eingetreten wäre. Was vor dieser Dekadenz zunächst bewahrt hat, war auf der einen Seite die Eröffnung der Seeverbindungen und auf der anderen Seite die Entdeckung Amerikas. Da wurde, nach dem Westen hin, das Wirtschaftsleben wiederum offen. Man kann nicht sagen, nicht wahr, weil die Öffnung zu groß war, daß da ein Ventil geöffnet worden wäre. Das wäre ein sehr großes Ventil gewesen! Aber dies ist es, was das Wirtschaftsleben wiederum in ganz andere Bahnen gebracht hat. Nun fällt allerdings mit der Auswirkung dieses Weges nach dem Westen das Heraufkommen der modernen Technik zusammen. Aber diese moderne Technik wäre in ihrer Ausdehnung überhaupt unter keinen anderen Verhältnissen möglich geworden als durch die Öffnung des ganzen Wirtschaftslebens nach der Westseite hin. Mit diesen Dingen haben Sie einfach gegeben, was dem neueren Wirtschaftsleben seine Grundfiguration gegeben hat. Da hinein stellt sich dann dasjenige, was ich gestern ausgeführt habe als die bedeutendsten politischen Ereignisse.

Nun haben wir in diesem europäischen Wirtschaftsleben drinnen zwei Tendenzen. Die eine Tendenz hat sich unter dem Zwang der intensiven Wirtschaft in der zweiten Hälfte des Mittelalters und noch darüber hinaus ausgebildet und nachher den Charakter einer gewissen wirtschaftlichen Denkweise angenommen. Man hat wirtschaftlich denken gelernt unter den Verhältnissen, die sich herausgebildet haben, sagen wir, vom 13. bis zum 16., 17. Jahrhundert. Da hat man die Gedanken aufgenommen, wie gewirtschaftet werden soll. Da hat sich im Handel, ganz langsam auch im Gewerbe, sogar bis in die Landwirtschaft hinein, das ausgebildet, was die treibenden wirtschaftlichen Gedanken geworden sind. Die haben sich in dieser Zeit im wesentlichen festgelegt. Man kann auch sagen: diejenigen Bevölkerungsschichten, die in erster Linie mehr im Zusammenhang mit den europäischen Territorien zum wirtschaftlichen Denken berufen waren und es noch sind, die haben unter dem Einfluß dieser Ereignisse ihr wirtschaftliches Vorstellungsleben entwickelt. So etwas sitzt dann tief in den Menschen. Gerade bei diesen Dingen werden die menschlichen Seelenverfassungen konservativ. Und was als konservative Vorstellungen in den Menschen drinnensitzt, das rührt wesentlich aus dieser Zeit her.

Nun öffnete sich nach der anderen Seite hin das Wirtschaftsleben so, wie ich es Ihnen geschildert habe. Und dadurch kam in diese ganze Vorstellung des Wirtschaftslebens etwas hinein, was aber nicht gleich so ohne weiteres in die Denkweise aufgenommen wurde, sondern was nur dieser Denkweise einen besonderen wirtschaftlichen Schwung gab. Da ist eben die Verbindung mit dem Westen, mit Amerika, mit demjenigen, was von der Eröffnung der Seewege kam. Das machte das Wirtschaftsleben kraftvoll.

Und so bildete sich, ich möchte sagen, auf der einen Seite der konkrete Gedankengehalt des Wirtschaftslebens heraus und auf der anderen Seite die Schwungkraft. Diese Tatsachen waren so stark, daß sie dem neueren sozialen Leben überhaupt zunächst die Konfiguration gaben, auch seine materialistische Gestalt gaben. Und diese moderne Zivilisation nahm immer mehr und mehr den Charakter an, der sich eben aus diesen zwei geschilderten Faktoren ergeben muß.

Nun haben wir also ein Wirtschaftsleben, welches einfach durch die Macht der Ereignisse präponderiert, vorherrscht, das starken Eindruck macht auf die Menschen und die menschliche Entwickelung. Dieses Wirtschaftsleben nimmt auch den Charakter an, den das Wirtschaftsleben einzig und allein annehmen kann, denn es ist doch so, daß jedes der drei Gebiete des sozialen Organismus einfach durch seine Natur und Wesenheit seine eigene Gesetzmäßigkeit annimmt: im Wirtschaftsleben wurde Ware und Preis dasjenige, was maßgebend ist.

Es können aber die sozialen Verhältnisse dadurch verfälscht werden, daß das Wirtschaftsleben mit den beiden anderen Gebieten des sozialen Organismus zusammengeworfen wird. Dann folgt doch nur, im Streit mit den anderen, jedes einzelne Gebiet seinen eigenen Gesetzen. Und so ist es gekommen, daß, weil das Wirtschaftsleben vorherrschte, es andere Gebiete des Lebens, andere soziale Gebiete, in seine Gesetzmäßigkeit hineinzog. Und es traten die Verhältnisse ein, die dann zu der modernen sozialen Frage geführt haben.

Denn wenn wir zurückgehen in der geschichtlichen Entwickelung: die proletarische Bewegung als spezifische Lohnbewegung, als Bewegung gegen die Arbeitssklaverei, die ist nicht da. Ich habe ja gestern ausgeführt, daß die Gliederung der Arbeit, ob man Herr oder Knecht war, in älteren Zeiten nach politischen Gesichtspunkten gestaltet war. Jetzt richtete sich das Wirtschaftsleben so ein, daß es alles in den Warencharakter hereinzog. Es wurde alles zur Ware. Und so wurde eben die menschliche Arbeitskraft erst in dieser Zeit zur Ware. Vorher war sie Dienst, hingebender oder erzwungener Dienst. Aber eigentlich Ware wurde sie erst in dieser neuesten Zeit. Denn sie wurde allmählich so bezahlt, wie die Ware bezahlt wird. Und das Wirtschaftsleben kann eben nicht anders, als alles, was in seinen Bereich eintritt, zur Ware zu machen. Und in dem Sinn, meine ich, haben wir eigentlich die Dreigliederung immer gehabt. Wir müssen sie nur wahr machen, wir müssen nur dasjenige, was in verlogener Gestalt vorhanden ist, in wahrer Gestalt in die Welt einführen. Denn in der verlogenen Gestalt macht es Unheil, führt es zum Niedergang. Wenn wir in der Lage sind, ihm die wahre Gestalt zu geben, muß es zum Aufgang werden.

Aber nicht nur, daß die Arbeitskraft zur Ware gemacht worden ist, es war ja auch das materialistische Geistesleben zur Ware gemacht worden in Form des Kapitals. Bitte, sehen Sie sich einmal den Kapitalmarkt und die Kapitalverwertung und -verwendung in der neueren Zeit an und vergleichen Sie sie mit der Kapitalverwertung meinetwillen im alten Griechenland! Im alten Griechenland war derjenige der Mächtige, um etwas auszuführen, der politisch der Mächtige war; der hatte die Macht, das oder jenes zu bauen. Aus politischen Gründen fand er diejenigen, die die Arbeit verrichteten, und sein Kapital bestand einfach darin, daß er durch seine erblichen Verhältnisse der Herr war und eine Anzahl von Menschen befehlen konnte. Das war Kapital im älteren Griechenland. In dieser neueren Zeit, die wir jetzt betrachten, wird im wesentlichen dasjenige, was zu Unternehmungen führt, auch zur Ware. Was ist es denn schließlich, was Sie, wenn Sie Effekten an der Börse kaufen oder verkaufen, tun? Womit handeln Sie denn? Sie handeln im Grunde genommen mit Unternehmungsgeist. Es wird, was Unternehmungsgeist ist, an der Börse im wesentlichen Ware. Sie haben gar nicht den spezifischen, den speziellen Unternehmungsgeist vor sich, Sie wissen gar nicht, was Sie kaufen oder verkaufen; aber in Wirklichkeit kaufen oder verkaufen Sie den Unternehmungsgeist. Gerade in der Umlagerung auf dem Kapitalmarkt können Sie das beobachten. Kurz, es wird alles da, wo das Wirtschaftsleben vorherrschend wird, mit dem Warencharakter ausgestattet. Alles wird zur Ware: Arbeitskraft wird Ware, Geist wird Ware. Das ist der Gang der neueren Entwickelung gewesen.

Nun, parallel damit geht ja allerdings etwas anderes. Es bildet sich der moderne Staat heraus aus politischen Gründen. Wir sehen zuerst, nicht wahr, wie dieser moderne Staat sich bildet aus gewissen früheren freieren Verhältnissen der umgebenden Landbevölkerung zu den vorhandenen Städten, die aus kirchlichen Mittelpunkten ‚oder dergleichen heraus entstanden sind in Italien, aus etwas anderer Denkweise in Frankreich, England. Also dasjenige, was Staaten sind, das bildet sich heraus.

Während sich schon im Westen der eigentliche Staatsbegriff herausbildet, sehen wir in Mitteleuropa und in Osteuropa eigentlich immer noch andere, in dieser Richtung freiere Verhältnisse. Wir sehen, wie aus den alten Verhältnissen sich ergibt, daß die frühere Stadt, die aus irgendwelchen kirchlichen oder dergleichen Gründen entstanden war, Marktmittelpunkt, Markt wird. Und indem aus den alten Städten Märkte werden, entstehen wiederum neue Städte. Es ist interessant zu sehen, wie wirklich unter dem Einfluß des Wirtschaftslebens im 13., 12., 11. Jahrhundert die Städte entstehen. Zuerst entstehen die Städte durchaus so, daß sie im heutigen Süddeutschland und im Westen von Europa in Entfernungen von fünf bis sechs Wegstunden entstehen. Im Norden und im Osten entstehen sie in Entfernungen von sieben bis acht Wegstunden. Das ist in älteren Zeiten durchaus etwas wie Selbstverständliches. Warum? Weil die Bauern, die umher die Wirtschaft betreiben, mit ihren Produkten an einem Tag hinkommen und wiederum zurückkommen sollen. Das entsteht aus innerer Notwendigkeit heraus. Wenn aber so etwas in der Geschichte entsteht, dann bildet sich nachher unter dem Einfluß des Imitationsprinzips etwas, was nicht mit solcher Notwendigkeit verbunden ist. Erst ist die Notwendigkeit da, Städte zu haben, die fünf bis sechs Wegstunden auseinanderliegen, oder sieben bis acht. Nachher merken die anderen: da ist etwas zu machen! Und sie machen es nach. Dann entsteht das historisch nicht Notwendige. Das beeinträchtigt das gesunde Denken mancher Menschen über diese Dinge. Die Historiker behandeln die einen Städte ebenso wie die anderen, also diejenigen, die nicht aus wirtschaftlicher Notwendigkeit entstanden sind, ebenso wie die anderen, die aus wirtschaftlicher Notwendigkeit entstanden sind. Dann wird alles durcheinander, verworren gemacht. Das richtige Anschauen solcher Dinge besteht aber darin, daß man ein Gefühl hat für die Unterscheidung. Die Leute können einem sehr gelehrt beweisen, daß das nicht wahr sei, daß diese oder jene Stadt entstanden ist aus wirtschaftlicher Notwendigkeit heraus. Gewiß, das stimmt manchmal nicht. Denn diese Stadt ist eben nicht aus wirtschaftlicher Notwendigkeit heraus entstanden, sondern unter dem Einfluß des späteren Imitationsprinzipes. Aber die allgemeine Wahrheit ist deshalb doch richtig. Dieser Zustand, daß sich die Städte als Märkte ausbilden, war in Osteuropa viel länger als im Westen, wo sich die Einheitsstaaten bildeten, die dann alles in ihren Rahmen einbeziehen wollten.

Nun, es ist im Grunde genommen, historisch betrachtet, so unangenehm das heute manchmal scheinen mag, so, daß in Italien aus dem Geiste gewisser patriarchalischer Zusammengehörigkeit der Bauernbevölkerung und der Städtebevölkerung die eigentümlichen territorialen Gebiete entstanden sind und sich ein gewisses föderalistisches Staatssystem herausgebildet hat, während ein anderes sich in Spanien, Frankreich und England herausbildete. Und wenn es auch, wie gesagt, manchem unangenehm zu denken ist, so ist es doch so, daß mehr gegen Mitteleuropa und Osten hin die Staatenbildungen sogar, wie die Städtebildungen früher, durch Imitation entstanden sind. Und da kommen wir auf etwas, was Sie heute den Leuten ja noch nicht sagen können, weil Sie sonst nicht dreigeteilt, sondern sogar viergeteilt würden. Aber die Wahrheit besteht deswegen doch. Es war natürlich durchaus eine wirtschaftliche Notwendigkeit, aber auch aus der Charakteranlage der Völker heraus ist es so gekommen, daß die Weststaaten entstanden sind als Einheitsstaaten. Aber die mitteleuropäischen Staaten und die Oststaaten sind eigentlich nur durch Imitation entstanden. Für die gab es keine historische Notwendigkeit. Im Grunde genommen ist Österreich und ist das Deutsche Reich zuletzt daran zugrunde gegangen, daß für seine innere Zentralisation keine historische Notwendigkeit vorhanden war, sondern daß das eigentlich Imitation war. Und ebenso ist Imitation des Prinzipes der Einheitsstaat Italien, der ungefähr um dieselbe Zeit wie der deutsche Einheitsstaat entstanden ist. Und noch eine ganz äußerliche Imitation, ohne eigentlich innerlich wirklich zu dem gekommen zu sein, was die mitteleuropäischen Staaten sind, ist Nordamerika, das ganz und gar darauf angewiesen ist, in die wirtschaftliche Assoziation einzufließen. Wer übrigens die wirtschaftlichen Verhältnisse Nordamerikas richtig ins Auge faßt, der wird unbedingt den Gang der Ereignisse ansagen können.

Nun, sehen Sie, neben all dem, was sich herausgebildet hat gewissermaßen aus der ursprünglichen Wirtschaft, entstand dann unter solchen Verhältnissen, wie ich sie eben geschildert habe, die neue Konfiguration des Handels. Und da war es, wo zuerst die Fusion des Staatslebens mit dem Wirtschaftsleben entstanden ist, nicht auf dem Gebiet der Gewerbe, sondern eigentlich auf dem Gebiete des Handels. Die Gewerbe waren nur eingeschaltet. Es ist billig, dasjenige, was ich jetzt sage, zu bekämpfen. Denn die Leute brauchen nur zu sagen: die Gewerbe müssen zuerst da sein, und dann kann man han deln. Darauf kommt es aber nicht an. Nehmen Sie selbst heute sehr entwickelte Industrien, so sind diese oft nicht über das Gebiet des Kommerziellen hinausgewachsen. Die Leute schaffen sich nur ihre eigenen Produkte für den Handel, den sie treiben. Wir sind durchaus noch nicht so weit, daß wir schon den Übergang gefunden hätten von der Urproduktion, die auf die Natur gebaut ist und durch den Handel, in das Gewerbe eingeschaltet ist, zu dem, daß nun das Gewerbe tonangebend wäre. Denn in dem Moment, wo das Gewerbe tonangebend ist, ist die Assoziation eine Notwendigkeit. Die Struktur, die das heutige Geschäftsleben hat, ist immer noch aus den Prinzipien des Handelslebens heraus bestimmt; auch die Industrie ist aus dem Prinzip des Handels heraus. Im Grunde genommen sind die Fabrikanten Händler, die sich nur die Gelegenheiten zum Handeln schaffen. Sie richten sich auch ihre industriellen Etablissements nach kommerziellen Gesichtspunkten ein; die sind das Maßgebende. Denn in dem Augenblick, wo das Gewerbliche hineingreift in das Kommerzielle, da ist die Assoziation eine Notwendigkeit. Die Fusion des Staates mit dem Wirtschaftsleben ist eigentlich auf dem Umwege durch das Kommerzielle geschehen.

Und auf der anderen Seite wiederum gibt sich ein jedes der drei Glieder des sozialen Organismus eben seine eigenen Gesetze und kämpft gegen das andere Glied, wenn es nicht in der richtigen Weise losgelöst ist. Sehen Sie, eigentlich kämpft schon wiederum seit langer Zeit das staatlich-rechtliche Gebiet gegen das wirtschaftliche Gebiet in der Wirtschaftsgesetzgebung, der Altersversicherung und so weiter. Was bedeutet das anderes, als daß man in törichter Weise loslösen will die Arbeitskraft vom Wirtschaftsleben? Gescheit wäre es, wenn man es nun gleich gründlich loslöste! Aber die Staaten sind durchaus auf dem Marsch - wenn ich das Wort gebrauchen darf, das, wie Sie wissen, mißbraucht worden ist von Wissel -, auf dem Marsch nach dem selbständigen Rechtsleben. Indem sie Arbeiterschutzgesetzgebung, Altersversicherungsgesetzgebung und so weiter schaffen, holen sie die Organisation der Arbeit, die Regelung von Art und Zeit der Arbeit, aus dem Wirtschaftsleben ja ohnedies heraus. Nun, da sehen wir, daß auch das zweite Glied des sozialen Organismus auf dem Wege nach Emanzipation von dem wirtschaftlichen Leben ist.

Nun, etwas verworrener nimmt sich allerdings die Sache mit dem geistigen Leben aus. Alles wirkliche geistige Leben ist seinem inneren Wesen nach aus den alten Theokratien erwachsen. Ich bitte, Sie brauchen ja bloß das Universitätsleben im 12. und 13. Jahrhundert zu studieren. Ganz und gar bildet sich dieses heraus aus dem kirchlichen Wesen. Und dieses war ein emanzipiertes Geistesleben. Es wächst nur allmählich in das Staatsleben hinein. Ein großer Teil der europäischen Kämpfe besteht ja in nichts anderem als in dem Übergang der kirchlichen Anstalten in das Staatliche hinüber. Und für diese alten Zeiten muß man sagen: Die Freiheit der Bildungsanstalten war im alten kirchlichen System eine viel größere, als sie im späteren staatlichen System war oder heute ist. Denn die Dinge bilden sich doch mit vollem Bewußtsein aus dem geistigen Leben heraus. Mit vollem Bewußtsein hat die Kirche zum Beispiel im Jahre 869 auf dem ökumenischen Konzil zu Konstantinopel den Geist abgeschafft, das heißt, zum Dogma erhoben, daß der Mensch nicht aus Leib, Seele und Geist bestehe, sondern bloß aus Leib und Seele, und daß die Seele einige geistige Eigenschaften habe. Dazumal wurde das bewußt gemacht. Heutzutage predigen die Philosophieprofessoren, daß der Mensch aus Leib und Seele bestehe und wissen nicht, daß sie nur die Testamentsvollstrecker eines kirchlichen Dogmas sind. Was wir Philosophie nennen, ist durchaus aus dem alten kirchlichen Leben herausgewachsen, und der Herr Wundt in Leipzig ist durchaus nur ein Ableger der alten kirchlichen Dogmen, wenn das auch scheinbar nicht mehr da ist in der Art und Weise seiner Darstellung. Aber ebenso ist es in den anderen Dingen, die herausgewachsen sind aus der alten theokratischen Art des Geisteslebens. Die theologischen Fakultäten, nun, schauen Sie sich sie an, die sind stark herausgewachsen aus dem ehemaligen Geistesleben, so daß sie heute nur eine Art Karikatur darbieten, ebenso die juristischen Fakultäten. Wer zusehen will, wird überall die eine Hülle des alten theokratischen Wesens in der modernen Zivilisation finden. Von der Medizin will ich nicht sprechen. Es ist ja ganz offenkundig, daß sie herausgewachsen ist aus anderen Zusammengehörigkeiten mit dem alten Geistesleben, das sich in kirchlicher, religiöser Weise entwickelt hat. Wir haben durchaus eine Strömung, einen Zweig des Geisteslebens, der ganz und gar herausgewachsen ist aus dem im Verhältnis zum Staat freien kirchlichen Leben, das für die älteren Zeiten eben das einzige Geistesleben war. Dazu ist gekommen, ich möchte sagen, jetzt nicht herauswachsend sondern sich nebenbei stellend, dasjenige, was moderne Naturwissenschaft und Technik ist. Da ist das Geistesleben auf einem eigenen Boden erwachsen und hat sich nur angeähnelt demjenigen, was von früher her aus der Kirche herausgewachsen ist. Daher sieht das auch so sonderbar aus, was sich da, ich möchte sagen, krampfhaft organisiert hat in Nachbildung der alten Einrichtungen. Man hat nach und nach gebaut technische Hochschulen, kommerzielle Schulen, landwirtschaftliche Schulen und so weiter. Alles das hat sich krampfhaft etwas ähnlich gestaltet demjenigen, was aus dem früheren kirchlichen Leben heraus gewachsen ist. Und so haben wir das ganz unnatürliche Gefüge unseres Hochschulwesens. Auf der einen Seite etwas, was in vieler Beziehung zopfartig ist, das eigentliche Universitätswesen; es trägt ja seine antike kirchliche Erbschaft durchaus an sich. Auf der anderen Seite dasjenige, was sich eigentlich etwas humoristisch in seiner Gestaltung daneben hinstellt, die moderne landwirtschaftliche Schule, die technische Schule, die Bergakademie und so weiter, die eine Ähnlichkeit gesucht haben, auch in den Äußerlichkeiten, im Titelwesen und dergleichen, mit den Universitäten.

Da haben wir auf der einen Seite das Geistesleben, wie es vom alten, freien kirchlichen Leben heraufkommt und vom Staat allmählich aufgesogen ist; und auf der anderen Seite haben wir das Hineinschieben, ichYmöchteisagen), wiederum au. einer’ gewissen, Freiheit heraus, denn der Geist muß ja wirklich frei sein, Genialität kann der Staat nicht erzeugen, desjenigen Geisteslebens, das sich wiederum hineinstellt in das Staatsleben. Es hätte ja dem Ideal vieler Menschen entsprochen, auch an den Kunstschulen wirkliche Künstler auszubilden. Sie wissen aber: das Lehrprogramm gibt es noch nicht, wodurch man das Genie oder den wirklichen Künstler ausbilden kann, trotzdem es manche Leute so möchten. Also wir sehen, wie da mit unzureichenden Mitteln das geistige Leben aufgesogen ist. Es ist ja im Grunde genommen nur das aufgesogen, was äußere Form ist. Der Inhalt muß sich ja immer, wenn ich so sagen darf, unter der Hand fortfretten, ganz gewiß fortfretten. Denn, nicht wahr, wenn jemand in die gegenüber den modernen Verhältnissen unangenehme Lage versetzt ist, einigen Geist zu haben, so muß er den, möglichst mit Geheimhaltung durch all die schrecklichen Qualen der Examina und so weiter, durchbringen, damit er ihm nicht einfriert während dieser ganzen Prozedur und er ihn noch nachher entfalten kann. Ja, man muß, was das eigentliche Geistesleben ist, schon eben unter der Hand fortfretten. Das ist nun eben so. Und das ist ja im Grunde genommen auch nichts anderes als eine Art Emanzipation des Geisteslebens, ein latentes Sich-emanzipiert-Halten.

Auch hier stehen wir vor einer sich vorbereitenden Krise. Die letzte Konsequenz des Verstaatlichungssystems ist ja Marxismus, und, radikal, Bolschewismus. Da wird alles verstaatlicht; da wird der ganze Staat zu einem großen Industrieetablissement, zu einer Riesenunternehmung gemacht, wenigstens ist das zunächst das Ideal. Nun, wenn man das macht, dann ist es notwendig, einzuorganisieren in diese ganze Menagerie, Maschinerie wollte ich natürlich sagen, einzuorganisieren in diese ganze Maschinerie, was technische Kenntnisse sind. Denn ohne diese technischen Kenntnisse kann man nicht vorwärtskommen. Es ist ja die moderne Technik notwendig. Aber aller Bolschewismus und alle Arten, das marxistische Prinzip in die Wirklichkeit einzuführen, werden zu nichts anderem führen können als zu Raubbau auf diesem Gebiet. Das heißt, man wird eine Zeitlang die technisch Begabten versklaven können. Aber sie verschwinden nach und nach, wenn man nicht vorher übergehen wird zu einem selbständigen, emanzipierten, freien, produktiven Geistesleben. Vor dieser Krisis steht man überall da, wo die Verstaatlichung des Geisteslebens radikale Fortschritte macht. Denn ebenso, wie die beiden anderen Glieder des sozialen Organismus ihre eigenen Gesetze haben, das rechtlich-politische und das Wirtschaftsleben, wie das Wirtschaftsleben alles zur Ware macht, wie das staatlich-rechtliche Leben doch vom Wirtschaftsleben dasjenige, was da nicht hineinpaßt, unter die Organisation, unter die Gesetzmäßigkeit spannt, so muß sich auch das Geistesleben, seinen eigenen Gesetzen folgend, emanzipieren von den beiden anderen.

Als Forderung hat man durchaus diese drei Gebiete des sozialen Organismus: das geistige Gebiet, das rechtlich-staatliche Gebiet und das wirtschaftliche Gebiet. Deshalb sind das auch die drei großen Fragen der Gegenwart. Die drei großen Fragen der Gegenwart sind eben die Fragen der richtigen Gestaltung des Geisteslebens, der richtigen Gestaltung des staatlich-politischen Lebens, der richtigen Gestaltung des Wirtschaftslebens.

Und das tritt uns überall da entgegen, wo die stümperhaften heutigen Versuche entstehen. Sehen Sie sich an, was zum Beispiel innerhalb Mitteleuropas, Deutschlands, von den Konfessionen heute ausgeht, wo man versucht, in den evangelischen Einheitsbestrebungen, in den jungkatholischen Bestrebungen und so weiter, das Alte zu galvanisieren, aus dem Alten noch etwas Lebensfähiges herauszupressen, um irgendein Geistesleben zu haben, weil man nicht den Mut hat zu einer Produktivität im Geistesleben. Sie sehen überall die stümperhaften Versuche zu einer Geburt eines neuen Geisteslebens. Natürlich kann der Versuch, aus der alten Zitrone doch noch etwas auszupressen, nicht zu einer wirklichen geistigen Gestaltung führen. Dazu kann nur führen die Hinwendung zu einem produktiven Geistesleben. Aber wir sehen überall die stümperhaften Versuche. Wir sehen, wie Amerikaner erscheinen zur Wiederauffrischung des alten Christentums, weil sie die Meinung haben, daß aus den alten Staatsprinzipien heraus die Menschheit nicht gesunden kann. Nirgends aber ist die Einsicht da, daß ein Geistesleben neu zu produzieren ist aus seinen Urquellen heraus. Überall stümpert man dasjenige zusammen, was schon da ist. Das zeigt, daß man auch da instinktiv auf dem Wege ist, daß man aber nicht den Mut gefunden hat, ein selbständiges Geistesleben wirklich in seiner Reinheit hinzustellen.

Auf der anderen Seite sehen wir, wie das alte Staatsprinzip, das sich seit dem 15., 16. Jahrhundert in Europa herausgebildet hat, verröchelt. Denn was ist es denn anderes, was sich in den Ungetümen, die man Friedensschlüsse und dergleichen nennt, die sich seit Brest-Litowsk und Versailles abgespielt haben, was ist es denn anderes als ein verröchelndes Staatsprinzip, das nicht mehr aus sich heraus etwas Fruchtbares gestalten kann, das Gebilde schafft, die nicht bestehen können? Die Tschechoslowakei zum Beispiel wird nicht bestehen können, weil sie nicht hat, was sie haben muß. Das polnische Staatsgebilde soll wiederum aufgerichtet werden. Es kann nicht aufgerichtet werden und so weiter. Es ist eben durchaus nur möglich, daß das staatliche Leben wiederum gesundet, wenn es sich aufbaut auf dem demokratischen Prinzip der gleichen Menschen, das heißt, wenn es die Angelegenheiten umfaßt, welche die Angelegenheiten eines jeden Mündiggewordenen sind.

Solange das heutige Leben chaotisch zusammengeworfen wird, kommt man eben nicht mehr weiter. Da sehen wir, wie in der Tat das staatliche Leben auf der einen Seite verröchelt, auf der anderen Seite aber schon gezeigt hat, wie es die Arbeitsregelung in Anspruch nehmen muß. Wir sehen, wie ihm Aufgaben erwachsen. Und dann kann man sagen: Wir haben also die geistige Frage, die sich darin zeigt, daß stammelnde Versuche gemacht werden, wie sie sich in den evangelischen Einheitsbestrebungen, in den jungkatholischen Bestrebungen äußern; wir haben die staatlich-rechtliche Frage, die sich zeigt zum Beispiel in den Friedensschlüssen; wir haben aber auch das Wirtschaftsleben, das als die dritte große Frage der Gegenwart dasteht, aus dem ja im Grunde genommen gegen Westen hin der große Krieg entbrannt ist, das sich entlädt in demjenigen, was eben die revolutionären und ähnliche Impulse sind.

Das muß nach den verschiedensten Seiten hin behandelt werden. Sie finden ja unter meinen Vorträgen, die ich hier gehalten habe, einen, der diese Dinge beinhaltet. Unter diesem Gesichtspunkt der drei großen Zeitfragen müssen wir unser erstes Thema behandeln. Wir müssen behandeln, daß die großen Fragen heute da sind, die geistige Frage, die staatlich-rechtliche Frage und die wirtschaftliche Frage, daß daher die Dreigliederung nicht etwas ist, was erfunden ist, sondern was abgelesen ist den drei großen Zeitfragen, und daß auf der anderen Seite dasjenige, was sich vorbereitet hat als anthroposophische Geisteswissenschaft, eben eine Grundlage ist für ein wirklich produktives Geistesleben.

Was als Geistesleben aus alten Zeiten da war in den Konfessionen, von denen die Universitätswissenschaften der Gegenwart doch nur eine Dependance sind, dieses Geistesleben hat sich ausgelebt; das andere hat noch nicht als Geistesleben zu leben beginnen können, also dasjenige, das aus der Naturwissenschaft und Technik herausgewachsen ist. Das konnte sich noch nicht vergeistigen. Das muß hinaufgetrieben werden mit derselben Denkweise, aus der das alte Geistesleben entstanden ist. Die Geisteswissenschaft wird wiederum so produktiv sein, wie die frühere war, die dann in den Religionen in die Dekadenz gekommen ist.

Das ist es, was dem Geistesleben seinen Inhalt, seinen Schwung gibt. Und Sie werden dann, wenn Sie in dieser Weise die Sache durchschauen, wenn Sie richtig erkennen, daß Sie auf die Frage: Ja, woher soll das freie Geistesleben kommen? - zu antworten wissen mit voller Überzeugung: Ja, wir haben nicht nur zu reden von der Forderung des freien Geisteslebens, sondern wir haben etwas, was man auch in diesen Rahmen des freien Geisteslebens hineinlegen kann, was den Geist produziert, was lebendiger Geist ist. Sie werden dann auf die anthroposophische Quelle hinweisen können, die dazu gehört. Da können Sie etwas entwickeln, was, wenn Sie es an die Menschen heranbringen wollen, mit einem gewissen Enthusiasmus an sie herangebracht werden muß, so daß gewissermaßen das Innere sich nach außen wendet, so daß wirklich dasjenige, was Sie als Menschen sind, womit Sie zusammengewachsen sind, unter das Publikum hineingeht. Das muß der eine Ton sein, den Sie in Ihren Vorträgen anschlagen müssen. Sie müssen sich klar sein, daß dem freien Geistesleben die Anthroposophie den Inhalt, die Nahrung gibt.

Auf der anderen Seite werden Sie den anderen Ton finden, wenn Sie gründlich fühlen, daß das Wirtschaftsleben alles zur Ware macht, daß dasjenige, was nicht Ware sein darf, herausgenommen werden muß aus dem Wirtschaftsleben. Dann werden Sie finden den trockenen Ton der nüchternen Überlegung, der Ihre Vorträge durchziehen muß, wenn Sie vom Wirtschaftsleben sprechen. Denn da können Sie nüchtern, trocken sprechen, da müssen Sie so sprechen, wie wenn Sie rechnen müßten.

Und so werden Sie die zwei Nuancen finden, die Sie brauchen für Ihre Vorträge, und werden sie allerdings verschieden voneinander finden: den trockenen, nüchternen Ton des trockenen Wirtschaftserklärers und den begeisterten Ton desjenigen, der nicht bloß von einem politischen Ideal als dem freien Geistesleben spricht, sondern so spricht, daß er weiß, was in das hinein will.

Und dann werden Sie auch schon, zwischen beiden sich rhythmisch hin- und herbewegend - Sie werden nicht krampfhaft Phrasen zu dreschen brauchen -, dann den dritten Ton finden, den Ton, den Sie für die Behandlung des Staatlich-Rechtlichen brauchen.

Aber es ist notwendig, daß Sie gewissermaßen in Ihren Stimmungen selber, damit Sie richtig erkennen, intensiv dreigegliedert werden, daß Sie in einer anderen Weise in Ihrer Seele sich verhalten zum Geistesleben, in einer anderen Weise zum staatlich-politischen Leben und in einer anderen Weise zum Wirtschaftsleben. Über das Geistesleben spricht man aus innerer Kraft und Überzeugung; man spricht so, daß man eigentlich weiß: jeder Mensch ist der berechtigte Anteilhaber an dem harmonischen Geistesleben der Menschheit, an der Harmonie des Geisteslebens der Menschheit. Über das Staatsleben spricht man so, daß man die Seele pendeln läßt von der einen Waagschale zu der anderen: Pflichten - Rechte, Pflichten - Rechte! Man spricht mit einer gewissen kühlen Überlegenheit, die ja durchaus nicht die überlegene Verlogenheit der alten Staatsmänner zu sein braucht; aber es geschieht mit einer gewissen Überlegenheit, indem man im staatlich-rechtlichen Leben dem einen sein Recht ebenso widerfahren läßt wie dem anderen. Und über das Wirtschaftsleben redet man so, wie wenn man, allerdings nicht seine eigene Börse zu verwalten hätte; das führt zu nichts Vernünftigem, aber mit dem Gefühl spricht man, wie wenn man die Börse anderer Menschen eigentlich in seiner Tasche hielte und diese zu verwalten hätte. Mit dem Gefühl spricht man da, daß man da möglichst vorsichtig zu Werke gehen müsse, daß da auch manches anders kommen kann, als man denkt. Das sichere Gefühl, das man dem Geistesleben gegenüber hat - im Geistesleben kann niemals, wenn man es richtig erfaßt hat, etwas schiefgehen -, dieses sichere Gefühl kann man nicht haben dem Wirtschaftsleben gegenüber. Da kann auch einmal etwas schiefgehen. Das muß auch in dem Ton drinnen sein, mit dem Sie über die Sache sprechen. Darum werden Sie das in den «Kernpunkten» finden: Mit absoluter Sicherheit und Bestimmtheit ist vom Geistesleben gesprochen; nur beispielhaft, so daß man das Gefühl hat, daß es auch anders sein könnte, ist gesprochen, wo wirtschaftliche Verhältnisse in Rede stehen.

Das ist, was Ihren Reden eine gewisse innerliche Kraft geben wird: wenn Sie innerlich intensiv dreigegliedert sind. Und das ist, was ich Ihnen empfehle, ein wenig innerlich sich zu Gemüt zu führen, damit Sie vielleicht diesen Ton treffen. Da die meisten von Ihnen jung sind, so wird das, wenn Sie aufmerksam gemacht werden auf diese Dreigliederung des menschlichen Orators, so wird das etwas sein wie eine Art Kraftmittel für Ihr Wirken.

German original of Fourth Lecture · ← Previous · Next →