How Can We Work for the Impulse of the Threefold Social Order?
GA 338 — 15 February 1921, Stuttgart
Sechster Vortrag
Es wird alles darauf ankommen, daß schon die ganze Haltung der Vorträge, die Sie jetzt der Öffentlichkeit darbieten wollen, eine andere ist als diejenige, die den bis heute gebräuchlichen Auseinandersetzungen meistens zugrunde liegt. Die Haltung, die Sie werden einnehmen müssen, wird vor allen Dingen dadurch besonders bestimmt werden, daß Sie überall werden hinzuweisen haben auf die Bedeutung des Menschen selbst im ganzen sozialen Leben.
Sie werden heute überall soziale Urteile finden, die von etwas anderem als vom Menschen als solchem ausgehen. Sie werden soziale Urteile finden, die sich stützen auf den Begriff des Kapitals, auf die Funktion des Kapitals und so weiter, innerhalb der sozialen Ordnung. Sie werden dann finden, wie vom Kapitalismus gesprochen wird wie von irgendeiner Macht, die durch die Welt geht, und wie bei all dem Sprechen vom «Kapitalismus» eigentlich wenig zugrunde liegt von einer Rücksichtnahme auf das Wesen des Menschen als solchem.
Sie werden dann wiederum von der Arbeit gesprochen hören, von der sozialen Bedeutung der Arbeit; auch da werden Sie zwar verspüren können, daß man, indem man von Arbeit spricht, schon den Menschen zugrunde legt, weil er ja der Arbeitende ist, aber daß man auch wiederum die Arbeit als solche loslöst vom Menschen, namentlich von der Menschheit, und von der «Arbeit selbst» redet.
Dann als drittes werden Sie finden, daß man von der Ware redet. Das kann seine gute Bedeutung haben innerhalb des Wirtschaftslebens; aber es führt doch nur zu Irrtümern und schiefen sozialen Vorstellungen, wenn man nicht überall Rücksicht nimmt auf das Wesen des Menschen als solchem.
Gewiß, gerade wenn man losgeht auf die Dreigliederung des sozialen Organismus, wird man scharf unterscheiden müssen zwischen dem, was, ich möchte sagen, als ein Gebiet des menschlichen Wirkens sich ausleben muß auf geistigem Felde, und dem, was sich ausleben muß auf staatlich-rechtlichem Felde, und schließlich dem, was sich ausleben muß auf wirtschaftlichem Felde. Aber man wird diese Vorstellungen, die so einseitig gefaßt werden müssen über das menschliche Tun und Treiben, nicht in richtiger Weise bilden, wenn man nicht den Blick wenden kann auf das Wesentliche des Menschen als ganzer Mensch. Gerade dieses Wenden des Blickes auf das Wesentliche des Menschen als ganzer Mensch ergibt uns die Notwendigkeit, daß die äußerliche soziale Ordnung gegliedert sein muß in die durch die entsprechenden Schriften charakterisierten drei Gebiete.
Nun, den Menschen aber hat man eigentlich nach und nach im modernen Weltanschauungsleben aus der Betrachtung ausgeschieden. Sie finden überall, daß der Mensch als solcher eigentlich ausgeschieden ist. Sie finden das zunächst auf dem engsten geistigen Gebiet, dem der Wissenschaft. Die Wissenschaft betrachtet die Reiche der Natur, das Mineralreich, das Pflanzenreich, das Tierreich, betrachtet dann die Entwickelung des Tierreiches bis herauf zum Menschen und stellt den Menschen als komplizierteres, umgestaltetes, metamorphosiertes Tier vor. Aber sie geht nicht darauf aus, den Menschen selbst ins Auge zu fassen. Sie stellt den Menschen nur als Schlußpunkt der Tierreihe hin. Das ist seit langem das Bestreben der Wissenschaft. Das ist aber nur ein Symptom dafür, daß man überhaupt aus dem Fühlen und Denken das Wesen des Menschen herausgeworfen hat. Würde man in der neueren Zeit auf den verschiedensten Gebieten des Lebens ein starkes Gefühl für das rein Menschliche haben, dann würde man gar nicht in der Lage sein, in der sogenannten Wissenschaft den Menschen herauszuwerfen, ihn nur wie einen Schlußpunkt zu behandeln.
Sie sehen aber auch, wie der Mensch ausgeschaltet wird in den Einrichtungen, die heute dem geistigen Leben zugrunde gelegt werden. Er wird ja möglichst eingespannt in Verordnungen, die nicht aus ihm selber kommen; oder er wird eingespannt in die Wirkung von Kräften, die vom Wirtschaftsleben her kommen; es wird aber sehr, sehr wenig Wert darauf gelegt, was der Mensch als Mensch im sozialen Leben ist. Und so geht man los auf Definitionen von allem möglichen, von Kapital, von Arbeit, von Ware; aber der Mensch fällt aus der Betrachtung vollständig heraus.
Im Staatsleben selber ist es ja sehr merkwürdig, wie da gerade in mitteleuropäischen Ländern in der allerneuesten Zeit ganz intensiv das Gefühl abhanden gekommen ist, daß alles, was Staat oder sonstige Gemeinsamkeit ist, doch eigentlich um des Menschen willen da ist, nicht der Mensch um des Staates willen; daß alle Einrichtungen, die diesen Gemeinschaften entspringen, zuletzt darauf hinzielen müssen, den Menschen selbst zum Vollmenschen, zur vollen Individualität zu entwickeln, so weit es nur möglich ist.
Wie oft ist gerade in der neuesten Zeit wiederholt worden, der Mensch müsse alles hinopfern um der Gemeinsamkeit willen. Ja, meine lieben Freunde, wenn das praktisch durchgeführt würde, was zunächst scheinbar recht schön klingt, der Mensch müsse alles hinopfern um der Gemeinsamkeit willen, so würde es allmählich zur allerstärksten Verkümmerung des Gemeinschaftslebens führen. Denn nichts begründet das Gemeinschaftsleben besser, als wenn innerhalb dieses Gemeinschaftslebens die einzelnen menschlichen Individualitäten im vollsten Sinn des Wortes allseitig sich entwickeln können. Diejenigen, die das Gegenteil meinen, berücksichtigen gewöhnlich die Hauptsache nicht.
Derjenige, der sich als Vollmensch entwickelt, der die menschliche Individualität allseitig zur Geltung bringen kann, er ist wegen dieser Entwickelung darauf angewiesen, an das Gemeinschaftsleben möglichst viel hinzugeben; er begründet schon das Gemeinschaftsleben durch das, was in ihm ist, in der allerbesten Weise. Was im Menschen entwickelt werden kann, das ist, wenn es in der richtigen Weise geleitet und gerichtet wird, durchaus nicht auf Egoismus angelegt. Der Egoismus wird im Menschen eigentlich von außen erzeugt, nicht von innen. Der Egoismus wird vielfach gerade durch das Gemeinschaftsleben erzeugt. Das beachtet man bei der Behandlung sozialer Fragen viel zu wenig. Und so hat sich auch herausgebildet, daß ein rechtes Mißverhältnis besteht in der neueren Zeit zwischen der selbstverständlichen Egoismuslosigkeit und Freigebigkeit in geistigen Dingen und dem Egoismus und dem Geiz in allen materiellen Dingen. In bezug auf das, was die Menschen geistig hervorbringen, sind sie ihrer Naturanlage nach nicht gerade geizig; davon möchten sie soviel als möglich jedem Menschen mitteilen. Derjenige, der selbst nur ein Lyriker ist, möchte am liebsten das, was er als Lyriker produziert, allen Menschen höchst freigebig und egoismusfrei hingeben, nicht für sich behalten. Anders machen es die Leute heute in bezug auf die äußeren, materiellen Güter, die möchten sie für sich behalten. Aber diese kommen uns ja niemals zu von innen heraus, sondern die sind gerade durch das bedingt, was uns umgibt. Und die soziale Kunst würde darin bestehen, daß man das, was uns äußerlich umgibt, allmählich so umwandelt, daß es der Mensch behandeln kann wie das, was ihm von innen aus eigen ist, wie das, was ganz aus seiner Individualität herausquillt. Dazu ist aber notwendig, daß die Menschen in ihre Gesinnung eine solche Denkweise aufnehmen, wie ich sie jetzt in ein paar abstrakten Sätzen angedeutet habe. Das werden sie niemals können innerhalb des gegenwärtigen Geisteslebens, denn dieses gegenwärtige Geistesleben spannt eben den Menschen in die äußere Staats- oder Wirtschaftsordnung ein und geht nicht darauf aus, das, was im Menschen ist, aus ihm heraus zu entwickeln. In der Pädagogik bleibt es ein abstrakter Grundsatz, wenn man sagt, man müsse alles, was man erzieht und unterrichtet, aus dem Menschen herausholen. Dieser abstrakte Grundsatz hilft gar nichts. Und diejenigen, die ihn am meisten predigen, die sündigen auch gegen ihn in der Regel am allermeisten, in der Praxis zum Beispiel.
Was einen erfüllt mit einer solchen Gesinnung, die auf das Menschliche als solches ausgerichtet ist, das kann nur anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft sein. Denn die führt nach jeder Richtung hin zur Anerkennung des Wesens des Menschen selbst. Sie stellt den Menschen unbedingt in den Mittelpunkt der ganzen Betrachtung. Nehmen Sie einmal, Sie können ebensogut auch anderes zugrunde legen, meine «Geheimwissenschaft»: Da werden die Entwickelungsstadien des Irdischen durch vorirdische Zustände, auf Namen kommt es nicht an, durch den Saturnzustand, Sonnenzustand, Mondenzustand und so weiter verfolgt. Aber kein einziger dieser Zustände wird so verfolgt, wie er in den Hypothesen der neueren Naturwissenschaft verfolgt worden ist. Was hatte man denn da in dieser neueren Naturwissenschaft? Da hatte man zuerst irgendeinen Nebelzustand in urfernen Zeiten; da war nichts vom Menschen darinnen. Und noch lange war in den Entwickelungsstadien, die entstanden sind nach den Gedanken der Naturwissenschaft, nichts vom Menschen drinnen. Dann taucht der Mensch einmal auf, nachdem sich die anderen Wesen zusammengeballt hatten. Dann wird er später wiederum vergehen, und die Erde und alles wird mit ihm vergehen. Und zuletzt geht die ganze Entwickelung einem Leichenfeld entgegen. Da ist das, was man über die Welt, über den Kosmos denkt, entmenscht. Und würde man nicht genötigt sein - weil man dieses zweibeinige Tier auf der Erde nun einmal hat und weil schließlich dieses zweibeinige Tier nun allerdings das Geringfügige tut, daß es überhaupt nachdenkt -, würde man dadurch nicht gedrängt sein, den Menschen doch an eine Stelle hineinzuschwindeln, so würde man ihn überhaupt weglegen, denn es wäre dann überhaupt keine Notwendigkeit vorhanden, den Menschen da hineinzuschwindeln.
Aber betrachten Sie meine «Geheimwissenschaft»: Von den ersten Anlagen an ist der Mensch darinnen. Es wird im Kosmos überhaupt nichts betrachtet, ohne daß man gleich den Menschen darinnen hat. Es bekommt alles nur dadurch Sinn und zu gleicher Zeit Erkenntnisboden, daß man es in bezug auf den Menschen betrachtet. Nirgends wird der Mensch ausgeschlossen. Diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft führt unsere Weltbetrachtung wiederum zu einer Betrachtung des menschlichen Wesens zurück.
Ich schlage damit einige Gedanken an, die für Sie wichtig sind, wenn Sie nun hinausgehen, um Ihre Vorträge zu halten, denn sie sollen Ihnen das bringen, was Sie veranlassen wird, den Gedanken nachzugehen, die das Menschliche in den Mittelpunkt des sozialen Prozesses rücken; und Sie werden, ich möchte sagen, Ihre Rede so färben, daß Sie den Menschen in den Mittelpunkt rücken und es vermeiden, den Menschen geradezu auszulassen aus diesem Mittelpunkt.
Sehen Sie, die theoretische Betrachtung der letzten Jahre, die hat den Menschen schon im Ausgangspunkt herausgelassen, die betrachtet ihn eigentlich nur als eine Art Luxusobjekt für die Erkenntnis. Aber auch die nationalökonomischen Betrachtungen der neueren Zeit haben einen ähnlichen Weg genommen. Gehen Sie zurück und es geht auch zum Beispiel das marxistische und anderes Denken darauf zurück -, gehen Sie zurück bis zu Adam Smith. Sie werden sehen, daß da in den Mittelpunkt der Betrachtung zweierlei gerückt ist: erstens die wirtschaftliche Freiheit und zweitens das private Eigentum. Der Mensch steht eigentlich nirgends da als die Hauptsache. Er wird natürlich gelegentlich betrachtet, aber er steht nicht in erster Linie da, er wird nicht in den Mittelpunkt gerückt.
Wirtschaftliche Freiheit kann ja aber der Mensch als solcher gar nicht haben! Denn wirtschaftliche Freiheit hat man nicht als Mensch, sondern als der Besitzer irgendwelcher Güter. Man bewegt sich als der Besitzer irgendwelcher Güter im sozialen Prozeß, und indem man diese Güter besitzt, kann man in gewisser Weise das haben, was Adam Smith Freiheit nennt. Nicht aber als Mensch bewegt man sich, sondern man setzt Güter in Bewegung, man ruft Prozesse an den Gütern hervor. Und diese Prozesse, das Ackern, Ernten, wenn man Besitzer eines Gutes ist, oder dasjenige, was man in der Industrie tut, die sind frei, sind unabhängig; aber der Mensch als solcher kommt dabei überhaupt nicht in Betracht, wenn man von wirtschaftlicher Freiheit spricht.
Und das Privateigentum? Nun, man muß sich erinnern, daß dieses auf irgendeine Weise erworben sein muß, sei es durch Raub, sei es durch Eroberung, oder durch Erbschaft oder sonstwie; also irgendwie muß es mit dem Menschen zu tun gehabt haben. Aber Smith betrachtet es nicht so, wie der Mensch ursprünglich ein Verhältnis zum Besitz sich gebildet hat, sondern er betrachtet es als etwas absolut Gegebenes. So betrachten die Menschen das Privateigentum überhaupt: der Mensch ist halt wie eine Herde Schweine auch. Da betrachten sie den Menschen auch nur, indem sie nicht das Hauptaugenmerk auf ihn, den Menschen, richten, sondern auf das Eigentum als solches. Da hat die nationalökonomische Betrachtungsweise den Menschen herausgeworfen.
Aber das ist nicht mehr bloß, möchte man sagen, aus einer Erkenntnis-Ungezogenheit oder einem Erkenntnismangel entstanden, sondern es ist dadurch entstanden, daß im Grunde genommen das Wirtschaftsleben selbst diese Gestalt angenommen hat. Im Grunde genommen hat sich unter dem Einfluß der neueren abstrakten Denkweise das wirtschaftliche Leben automatisch selber entwickelt. Der Mensch hat sich nach und nach herausgezogen, hat sich überlassen demjenigen, was außermenschlich gestaltet worden ist. Sie könnten ja im Grunde genommen folgende Betrachtung einmal leicht anstellen:
Nehmen Sie, sagen wir, ein herrschaftliches Gut und verfolgen Sie es mit Ausnahme desjenigen, was äußere Mächte durch Technik und so weiter dazu gebracht haben, verfolgen Sie es rein in bezug auf das Menschliche, das aber eben ausgeschaltet worden ist, durch eine Reihe von Generationen hindurch; gehen Sie hinauf von dem Besitzer am Ende des 19. Jahrhunderts zu dem Besitzer in der Mitte des 19. Jahrhunderts, zu dem am Anfang des 19. Jahrhunderts und so weiter. Sie können so, wie der Prozeß sich vollzogen hat, wie die Landgüter eingegriffen haben in den volkswirtschaftlichen Prozeß, eigentlich die Sache verfolgen, ohne daß Sie sich viel kümmern um den Gutsbesitzer am Ende des 19. Jahrhunderts, um den Gutsbesitzer in der Mitte des 19. Jahrhunderts, um den Gutsbesitzer am Anfang des 19. Jahrhunderts. Die gehen spazieren auf ihren Gütern, tun dasjenige, was aus der Sache selbst folgt und schalten sich da ein; aber es ist gleichgültig, man kann nicht unterscheiden, ob das der Besitzer vom Ende des 19. Jahrhunderts ist oder von der Mitte oder vom Anfang des 19. Jahrhunderts. Das, worauf es ankommt, ist der außermenschliche Prozeß. Also, es hat sich schon das Objektive so entwickelt, daß der Mensch ausgeschaltet worden ist.
Aber er ist nur ausgeschaltet worden auf der einen Seite, aber darauf beruhen unsere katastrophalen Verhältnisse. Er ist nicht ausgeschaltet worden mit Bezug auf ein gewisses Gebiet des Geisteslebens: das Technisch-Naturwissenschaftliche. Da hat er eingegriffen, aber die beiden Dinge haben nicht zusammengepaßt. Das eine hat sich nur in das andere hineingeschoben. Der Mensch hat allerdings auch in mannigfaltiger anderer Weise eingegriffen dadurch, daß, infolge des Absehens vom Menschen, immer mehr und mehr Menschen proletarisiert worden sind. Was proletarisiert worden ist, was eigentlich nichts anderes an sich hatte als den Menschen, das machte sich wieder geltend. Und so wurde in der neueren Entwickelung absolut nicht zusammen entwickelt, was der Mensch im ganzen volkswirtschaftlichen, überhaupt im ganzen sozialen Prozeß bedeutete, sondern die einzelnen Gebiete wirkten unorganisch ineinander. Das eine schob sich einfach mechanisch in das andere hinein. Nirgends, kann man sagen, hat sich zum Beispiel die Technik so entwickelt, daß diejenigen die Technik in der Hand gehabt hätten, welche die Besitzer der Güter waren, sondern die Technik hat sich, ich möchte sagen, von der Seite her in die Verwaltung der Güter hineingeschoben. Dadurch kam natürlich nichts Organisches heraus, sondern etwas, was sich zuletzt scharf bekämpfen mußte. Alles, was sich in unserer Zeit bekämpft, rührt im Grunde genommen von diesen Tatsachen her.
Das hat aber bewirkt - Sie müssen das jetzt in Ihren Vorträgen geradezu von der umgekehrten Seite an die Menschheit heranbringen -, daß man immer mehr und mehr den Blick für den Zusammenhang des ganzen volkswirtschaftlichen Prozesses verloren und ihn immer mehr und mehr auf Teilvorgänge hin gerichtet hat, also auf die Art und Weise, wie Kapital entsteht und funktioniert, wie Arbeit sich einfügt in den nationalökonomischen Prozeß, wie Güter produziert werden, wie sie zirkulieren und so weiter. Aber der Blick für das Zusammengehörige, der ist ja gar nicht ausgebildet worden. Denn sehen Sie, wenn man den zusammengehörigen Prozeß, den Prozeß des sozialen Lebens, als eine Ganzheit betrachtet, so kann man das gar nicht anders, als daß man den Menschen in den Mittelpunkt rückt, indem man alles auf den Menschen bezieht.
Dafür gibt einem aber eine richtige Gesinnung nur eine richtige Geisteswissenschaft, weil sie überall den Menschen in den Mittelpunkt stellt. Ich mußte daher in den «Kernpunkten der sozialen Frage» zunächst nicht fragen: Aus welchen Produktionsverhältnissen heraus ist das moderne soziale Leben entstanden? So fragt Marx und fragen ähnliche, so fragt auch Rodbertus. Sondern ich mußte fragen: Wie ist der moderne Proletarier entstanden? Wie sind die Impulse im modernen Proletariat entstanden? - Das bildet ja den Inhalt des ersten Kapitels in den «Kernpunkten»: Wie ist diese wichtige Tatsache, daß der Proletarier alles geistige, sittliche, wissenschaftliche, religiöse, künstlerische Leben als Ideologie auffaßt, wie ist das in das Proletariat hineingefahren? Der Mensch ist da in den Mittelpunkt gestellt. Und so werden Sie es auch in den folgenden Kapiteln finden.
Dadurch aber bekommen die Begriffe von Ware, Kapital und Arbeit erst ihre richtige Bedeutung, geradeso, wie auch die naturwissenschaftlichen Begriffe ihre richtige Bedeutung bekommen, wenn man:in die'ganze kosmische Entwickelung: hinein den. Menschen bringt. Also davon werden Ihre Vorträge gefärbt sein müssen, daß Sie überall den Menschen in Ihren Gedanken und Empfindungen im Mittelpunkt haben und auch in den Hörern die Empfindung hervorrufen, daß es auf den Menschen ankommt und nicht auf das Kapital und die Ware.
Ich möchte gerade über dieses Nuancieren Ihres Vortrages sprechen: Sie müssen in einer gewissen Weise gut vertraut sein mit den Begriffen, die Sie in den gebräuchlichen Handbüchern und Handbüchlein der Nationalökonomie vorfinden. Die sollte man schon kennen. Aber es ist auch gar nicht so schwer, sie zu kennen. Sie lassen sich nur zuviel von dem, was einem anerzogen wird, beeindrucken. Denn nehmen Sie nur einmal die kleinen Sammlungen, die in den letzten Jahren erschienen sind, etwa «Natur und Geisteswelt» oder die Göschen-Sammlung und andere Sammlungen, und Sie werden die Erfahrung machen, daß man sich einfach Inhaltsverzeichnisse geben lassen kann. Will man, sagen wir, Nationalökonomie kennenlernen und ist man halbwegs nicht ganz zugeknöpft oben im Oberstübchen, sondern hat man eine Fassungskraft für Begriffe, wie sie sich herausgebildet haben, so braucht man wahrhaftig nicht groß zu unterscheiden zwischen der einen oder der anderen Sammlung, Sie können die eine oder die andere wählen. Wollen Sie sich Nationalökonomie aneignen, so nehmen Sie die Büchelchen aus der Göschen-Sammlung - aber es ist nicht nötig, daß es gerade diese ist, Sie können ebensogut eine andere Sammlung nehmen, das ist ganz gleichgültig. Innerlich unterscheiden sie sich nicht wesentlich. Es ist alles uniformiert. Nicht nur die Soldaten sind in die Uniform übergegangen, sondern auch die wissenschaftlichen Bücher sind im Grunde genommen alle uniformiert. Die einzigen, wo innerliches Leben, in bedenklicher Weise allerdings innerliches Leben, drinnen ist, das sind diejenigen Sammlungen, welche von solchen Verlagen ausgehen, wie zum Beispiel die Herdersche Buchhandlung in Freiburg im Breisgau. Da steckt noch etwas von altem, der heutigen Zeit verderblichem Geistesleben drinnen, nämlich vom Urkatholizismus; da stecken Begriffe drinnen, die sich wenigstens unterscheiden von den anderen und die eine gewisse innere Stoßkraft haben, allerdings nach einer Richtung hin Stoßkraft haben, nach der wir nicht stoßen wollen. Es ist schließlich dieselbe Erscheinung, als wenn Sie eine Goethe-Biographie nehmen, die innerhalb des neuen Geisteslebens entstanden ist. Es kommt da auch nicht so sehr darauf an, ob Sie die eine oder die andere in die Hand nehmen, ob den Heinemann oder den Bielschowsky oder den Meyer. Die Leute erzählen natürlich in verschiedener Weise: Heinemann wie ein Schulmeister, Bielschowsky wie ein schlechter Journalist und Meyer wie ein Notizensammler. Gundolf, glaube ich, heißt einer, der erzählt wiederum wie, sagen wir, so ein etwas kokettes Kultur-Gigerl; aber Neues erfahren Sie auch darin nicht gegenüber dem, was in den anderen Biographien drinnensteht. Nicht einmal durch, ich glaube, Emil Ludwig erfahren Sie etwas ernsthaftes Neues, trotzdem er sich erheblich unterscheidet von den anderen dadurch, daß die anderen erzählen wie Philister, die in Zimmern aufgewachsen sind, und er erzählt wie ein Gassenbub. Aber dieses macht auch nicht für die eigentlichen Untergründe etwas Wesentliches aus. Dagegen nehmen Sie sich ein solch innerlich handfestes Buch wie das vom Jesuitenpater Baumgartner über Goethe, der allerdings über Goethe schimpft, in dessen Buch aber doch Geist ist, Geist freilich, dem wir keine Stoßkraft wünschen möchten!
Und so können wir sagen: Sie müssen sich ja allerdings bekannt machen mit dem, was in der heutigen Zeit produziert wird. Sie müssen wissen, wie man da denkt über Arbeit, über Kapital und so weiter. Aber Sie müssen sich bewußt werden, daß Sie überall die ganze Sache umkehren und den Menschen in den Mittelpunkt der Betrachtungen stellen müssen.
Sie können freilich sagen: Da könnte einem angst und bange werden. Jetzt sollen wir bald hinausziehen und Reden halten und alles das tun, was hier gesagt wird! Aber so ist es nicht! Es kommt auf die Gesinnung an und nicht darauf, daß wir uns hinsetzen und lange nachsinnen, wie wir den Menschen in den Mittelpunkt bringen. Jetzt müssen wir unmittelbar das tun, was hier angedeutet wird. Und so handelt es sich schon darum, daß Sie mit der Gesinnung, die hier charakterisiert wird, hinausziehen und versuchen, das zu leisten, was Sie nach dem Stand Ihrer bisherigen Entwickelung leisten können. Aber ich muß doch die Dinge so hinstellen, wie sie nun, meinetwillen sagen wir, ideal sind. Und Sie können sich aus dem entnehmen, was Sie dann eigentlich anwenden können.
Nun, wenn man alles auf den Menschen abzielt, wenn man also in diesem Sinn anthroposophisch vorgeht, wenn man zuweilen auch einflicht, was einem gerade aus der Anthroposophie kommt, ohne daß man die Leute gerade vor den Kopf stößt, denn man braucht nicht in eine Abhandlung über das Wirtschaftsleben die Gliederung des Menschen in physischen Leib, Ätherleib, Astralleib, Ich einzufügen, da kann der moderne Mensch dann gar nicht mit. Man muß schon versuchen, die Dinge umzusetzen in die Sprache des modernen Menschen. Wenn also bei Ihnen selbst nicht nur im Hintergrunde das anthroposophische Leben steht, sondern auch in der Art, wie Sie darstellen, und in Ihren Hinweisen das steckt, was nur Anthroposophie gibt, dadurch werden Sie, namentlich indem Sie aus der Anthroposophie die Beispiele, also dasjenige herausnehmen, wodurch Sie die eigentlichen Erkenntnisse des sozialen Lebens anschaulich machen, dadurch werden Sie einen gewissen Eindruck hervorrufen können, dadurch aber werden Sie auch in der Lage sein, nicht aus der Einseitigkeit der Begriffe heraus zu arbeiten.
Ich will Ihnen ein Beispiel geben, wie aus der Einseitigkeit der Begriffe heraus im gegenwärtigen sozialen Denken gearbeitet wird. Ich habe schon hingedeutet darauf, wie zum Beispiel die Marxisten über die Arbeit und über die Ware sprechen. Sie sagen: In dem Produkte, das auf dem Markt erscheint, haben wir dasjenige, in das die Arbeit gewissermaßen hineingeronnen ist; wenn wir das Produkt bezahlen, das auf den Markt gekommen ist, bezahlen wir «geronnene Arbeit». Es wird auch auf die Zeit hingewiesen, die darin steckt; aber darauf kommt es nicht an. Der Arbeiter arbeitet. Dadurch kommt das Produkt zustande, und dadurch ist das Produkt «geronnene Arbeiw, Das Rohprodukt, das die Natur liefert, hat ja an sich noch keinen effektiven Wert im menschlichen Verkehr. Arbeit «rinnt hinein», und im Grunde genommen handelt es sich darum, zu ergründen, wieviel ein Warenobjekt dadurch wert ist, daß ein gewisses Quantum von Arbeit «hineingeronnen» ist. Dieses Quantum von Arbeit, das «hineingeronnen» ist, stellt man sich so vor, daß es bedeute Abnützung der menschlichen Muskelkraft, die wiederum ersetzt werden muß. Das wird auf dem Umweg durch den Lohn bewirkt, so daß man den Menschen so entlohnen muß, daß ihm der Lohn dasjenige, was ihm durch die Arbeit verlorengegangen ist, was «hineingeronnen» ist in das Produkt, wiederum auf der anderen Seite ersetzen muß. Ein außerordentlich Plausibles ist das, wenn man nur einseitig auf den Arbeiter und sein Verhältnis zum Produkt hinsieht, gerade auf dem Gebiet, wo wirklich physisch gearbeitet wird. Man könnte also sagen, wenn man auf dieses Gebiet einseitig hinsieht: Ein Produkt, das auf dem Markt erscheint, ist so viel Wert, als der hineingeronnenen Arbeit entspricht. Gewiß, das ist etwas, was sogar von einem gewissen Gesichtspunkte aus unanfechtbar ist, was sich streng logisch beweisen läßt, von einem gewissen Gesichtspunkte aus.
Aber sehen Sie, nehmen Sie einmal einen anderen Gesichtspunkt ein. Nehmen Sie einen Arbeiter, der, sagen wir, für die Herstellung gewisser Produkte bisher gearbeitet hat. Durch irgendwelche volkswirtschaftlichen Beziehungen ist man von irgendeiner Seite her geneigt, ihm für das, was er da gearbeitet hat, mehr zu geben, als er früher bekommen hat, weil man, aus Konjunkturen heraus und so weiter, ihm mehr geben kann. Er wird sich geneigt erklären, seine Arbeit dem zu geben, der ihm nun mehr gibt. Er verschafft sich also im folgenden Zeitpunkt mehr Güter für seine Arbeit, als er sich früher verschafft hatte. Dadurch bekommen aber die Güter für ihn nunmehr eine andere Bewertung, eine wesentlich andere Bewertung. Er hört auf, den einzigen Standpunkt des Hineinrinnens von Arbeit in die Ware ins Auge zu fassen. Der entgegengesetzte Standpunkt wird für ihn maßgebend. Er fängt an, die Güter so zu bewerten, daß er sagt: Mir ist ein Gut um so wertvoller, je mehr Arbeit ich erspare, je weniger Arbeit in das Gut hineinrinnt, je weniger ich zu arbeiten brauche. Und wenn Sie beachten, daß man ja ein Gut unter Umständen auch erwerben kann auf andere Weise als durch Arbeit: man kann es rauben, kann es finden, kann es auch in einer Weise erwerben, daß die Ausdrücke «rauben» und «finden» dann nur figürlich sind, aber volkswirtschaftlich doch etwas Ähnliches bedeuten, dann ist diese Anschauungsweise überhaupt die ganz gewöhnliche! Denn, hat man dann ein solches Gut, was bedeutet es dann für einen? Es bedeutet für einen, daß man es hingeben kann, und der andere verrichtet für einen Arbeit. Man hat es dann nicht erarbeitet, aber man kann es hingeben. Der andere in unserem volkswirtschaftlichen Zusammenhang verrichtet für einen Arbeit; man kann so und so viele Leute für einen arbeiten lassen. Da haben Sie im eminentesten Sinn die Ersparung der Arbeit im Werte des Gutes ausgedrückt. Und im Grunde genommen geht das sogar dahin über, daß gewisse Güter ganz unter diesem Gesichtspunkte erzeugt werden, sich Arbeit zu ersparen, sie nicht zu verrichten. Wenn ich male und mein Bild verkaufe, so liegt der volkswirtschaftliche Wert darin, daß ich nun nicht meine Stiefel selbst zu machen brauche, mein Zimmer selbst zu kehren brauche, noch manche andere Dinge tun muß, sondern daß ich diese ganze Arbeit erspare. Da geht der Wertmesser geradezu auf das los, was man an Arbeit erspart. Da muß man nach der ersparten Arbeit den Wert bemessen.
Und so kann ich sagen: Es gibt zwei Gesichtspunkte, von denen aus man das Verhältnis von Arbeit zu Gütern, zu Waren, definieren kann, oder wenigstens zum Wert derselben. Man kann sagen, eine Ware ist so viel wert, als Arbeit hineingeronnen ist. Man kann aber auch sagen, ein Gut ist so viel wert, als man mit ihm Arbeit erspart, als man nicht nötig hat, Arbeit in irgend etwas hineinrinnen zu lassen. Und die erstere Definition, diejenige von der geronnenen Arbeit, die wird um so mehr gültig sein, je mehr man es mit bloß physischen Gütern oder durch physische Arbeit hergestellten Gütern zu tun hat. Die andere Definition aber wird um so mehr gültig sein, je mehr man es zu tun hat mit Gütern, an denen das Denken, Spekulieren oder auch sonst die wertvolleren geistigen Kräfte zu tun haben. Beide gelten für das Gesamtgebiet des Lebens, die eine so gut wie die andere.
Aber es handelt sich darum, daß man sich nicht betöre dadurch, daß die eine Definition richtig ist für gewisse Fälle, denn dann kann man mit dem anderen streiten. Im Leben gibt es für alles zwei entgegengesetzte Ansichten. Man muß daher das Leben nicht vom Begriffe aus ins Auge fassen. Denn wenn man einen noch so richtigen Begriff hat und damit auf das Leben abzielt, findet man immer nur einen Teil des Lebens. Wenn man aber vom Leben ausgeht, dann findet man, daß man die Dinge immer entgegengesetzt charakterisieren kann geradeso, wie man einen Menschen von vorne und hinten; von rechts und links photographieren kann. Richtiges ErkenntnisBetrachten unterscheidet sich nämlich gar nicht von dem künstlerischen Abbilden. Und wir müssen eine Lebensanschauung an die Stelle der theoretisierenden Anschauungen setzen, die in der letzten Zeit unter die Menschen gebracht worden sind.
Aber wenn der Mensch Ansichten hat, so richtet er sich danach. Und die Menschen haben sich einmal seit drei, vier, fünf Jahrhunderten solche Ansichten, die vom Begriff ausgehen, angeeignet, und darnach haben sie das soziale Leben eingerichtet. Die Menschen machen das soziale Leben! Und so haben wir heute nicht nur in den menschlichen Begriffen einseitige Vorstellungen, sondern haben auch im Leben selber drinnen einseitige Einrichtungen, die dann nicht zusammenstimmen. Wir haben zum Beispiel im Proletariat eine Arbeitsweise, bei der wirklich das Verhältnis zwischen Arbeit und Ware so steht, daß die Ware eine geronnene Arbeit darstellt; aber wir haben, wenn wir auf die Kapitalistenseite hinsehen, das Wesen des Warenwertes darinnen bestehen, daß dieser Wert bestimmt wird durch dasjenige, was man an Arbeitskraft erspart.
Wir haben also etwas, was sich gar nicht vergleichen läßt, im realen Prozeß darinnen. Der Kapitalist wirkt anders als der Proletarier. Der Proletarier denkt nicht nur so, sondern wirkt so, daß aus seinem Wirken heraus Werte entstehen nach der in die Ware hineingeronnenen Arbeit; der Kapitalist wirkt so, daß Werte entstehen nach dem Prinzip der Arbeitsersparnis. Der eine muß also Arbeit verschwenden, damit Waren entstehen, der andere erspart Arbeit. Und das wirkt ineinander und spießt sich. Und in diesem Spießen bestehen die sozialen Übelstände der gegenwärtigen Zeit. Und kein anderes Heil gibt es, als daß man auf die realen Prozesse wirklich hinschaut, daß man das Leben als solches kennt, daß man tatsächlich sich gesteht: Es ist im sozialen Prozeß notwendig, daß es Menschen darinnen gibt - sehen Sie, da kommt man auf den Menschen -, daß es Menschen darinnen gibt, die so arbeiten, daß ihre Arbeit hineinrinnt in das Produkt, und Menschen, die so arbeiten - es kann gar nicht eine Arbeit anderer geleistet werden, ohne daß man dieses Prinzip befolgt -, daß Arbeit zu ersparen ist. Denn leiten kann man nicht, ohne diesen Grundsatz zu befolgen: Arbeit zu ersparen.
Daraus folgt, daß es überhaupt nicht angängig ist, die Arbeitsregelung in den wirtschaftlichen Prozeß hineinzuziehen, sondern daß die Arbeitsregelung eben auf dem sozialen Gebiet geschehen muß, welches das staatlich-rechtliche Leben ist.
Wenn Sie solche Gedankengänge verfolgen, dann werden Sie sehen, worauf es ankommt. Es kommt darauf an, da die Welt heute vollgepfropft ist von unklaren, nebulosen Begriffen gerade auf praktischem Gebiete, diese Begriffe zurechtzurücken, damit die Menschen auch in die Einrichtungen wieder Richtiges hineinbringen können. Wenn wir also nicht die Courage haben, hineinzurufen in die Welt: Ihr dürft nicht so weiterdenken, wie Ihr bisher gedacht habt, denn Ihr ruiniert die äußere Welt mit Eurem Denken; Ihr müßt den Menschen in den Mittelpunkt rücken und nicht Ware oder Kapital und so weiter; — wenn wir die Courage nicht haben, so hineinzurufen in die Irrtümer der Gegenwart, dann kommen wir keinen Schritt vorwärts. Dies muß gerade da geschehen, wo sonst durchaus von den alten Vorstellungen aus geredet wird, insbesondere in der Nationalökonomie.
An der Art der Auseinandersetzungen, die ich gebe, sehen Sie, wie man überall die Fälle des Lebens in Betracht ziehen muß. Die sind nämlich nicht in Betracht gezogen in der gebräuchlichen nationalökonomischen Literatur, so daß man Ihnen ruhig das eine oder das andere Büchelchen derselben empfehlen kann. Es schadet nichts, ob Sie gerade das Göschensche Büchelchen über Nationalökonomie bekommen oder das aus «Natur und Geisteswelt». Denn da finden Sie überall darinnen, was Sie brauchen, und die Möglichkeit, sich zu unterrichten über die Art, wie man nicht denken darf. Und überall haben Sie nötig, dem entgegenzustellen eine den Menschen durchdringende, eine vom Menschen ausgehende Betrachtungsweise. Dazu kann man sich aber nur erziehen, und dazu kann man die Menschen nur erziehen durch so etwas wie anthroposophische Geisteswissenschaft. Daher darf man keinen Irrtum darüber aufkommen lassen, daß eine Gesundung des äußeren sozialen Lebens nur möglich ist, wenn eine Gesundung des einen Gliedes des dreigliedrigen sozialen Organismus, des geistigen Gliedes, in Erziehung und Unterricht und so weiter, eintritt, um dann anschaulich machen zu können, wie wiederum ein produktives, das heißt, den Menschen ganz erfüllendes Geistesleben kommen kann.
In dieser Beziehung wird man ja so schwer verstanden, aber wenigstens diejenigen, die jetzt hier sitzen, die müßten solche Dinge recht genau verstehen. Sehen Sie, man bekommt immer wieder und wiederum von verschiedensten Seiten her mitgeteilt, daß nach dem Muster der Waldorfschule Schulen eingerichtet werden sollen. Manche Leute sagen einem: Wir können solche Schulen, sobald wir Geld haben, gleich einrichten. - Ich frage sie immer: Ja, wie wollt Ihr das nachher machen? - Sie antworten: Wir wollen Sie fragen, welche Lehrer wir nehmen sollen. - Ich sage ihnen: Ich werde nur teilweise in Betracht kommen bei der Lehrerwahl, denn es gibt die gesetzlichen Bestimmungen, daß nur solche Lehrer verwendet werden dürfen, die durch die staatlichen Prüfungen gegangen und abgestempelt sind. Also es kommt ja das gar nicht heraus, was herauskommen müßte, wenn Waldorfschulen errichtet werden sollen. Man müßte ja davon ausgehen, daß man zunächst eine vollständig freie Wahl der Lehrer hat, die ja nicht ausschließt, daß auch einmal ein staatlich abgestempelter Lehrer gebraucht werden kann. Aber es dürfte nicht die Notwendigkeit vorliegen, daß nur solche verwendet werden dürfen, denn sonst stehen wir nicht in der Dreigliederung drinnen.
Denn nicht darauf kann es ankommen, innerhalb des gegenwärtigen Systems Schulen zu gründen, in denen man Surrogate des Unterrichts schafft, indem man einfach glaubt, den Kurs befolgen zu können, den ich gegeben habe, sondern darauf kommt es an, daß man das Prinzip verfolgt auf diesem Gebiet: Freiheit im Geistesleben. - Dann ist mit einer solchen Schule ein Anfang der Dreigliederung gemacht. Rufen Sie daher in den Leuten nicht falsche Vorstellungen hervor, indem Sie ihnen den Glauben beibringen, man könne brav in den alten Verhältnissen bleiben und trotzdem Waldorfschulen gründen, sondern rufen Sie die Vorstellung hervor, daß in der Schule in Stuttgart wirklich freies Geistesleben ist. Denn da gibt es kein Programm und keinen Lehrplan, sondern da gibt es den Lehrer mit seinem realen Können, nicht mit der Verordnung, wieviel er können soll. Man hat es mit dem wirklichen, realen Lehrer zu tun. Es ist noch immer besser, wenn man einen schlechteren wirklichen Lehrer ins Auge faßt, als wenn man einen ins Auge faßt, der einfach in der Verordnung drinnensteht, der nicht real ist. Und man hat es, wenn man unterrichtet, mit den Schülern zu tun und hat es zu tun mit demjenigen, womit die sechs Wände der Klasse ausgefüllt sind, nicht mit dem, was man in den Verordnungen Lehrmaterial, Lehrmethode und so weiter nennt. Und das ist es, worauf man hinweisen muß: daß man es mit Realitäten zu tun haben soll.
Wenn es ankommt auf programmatische Einrichtungen, dann können sich meinetwillen zwölf Menschen zusammensetzen - es können auch mehr oder weniger sein. Ich gebe Ihnen die Versicherung: Wenn diese zwölf Menschen untereinander nur ein klein wenig diszipliniert sind, so werden sie furchtbar gescheit denken, werden Reformpläne aufstellen können; es wird furchtbar gescheit sein können, furchtbar vernünftig, was sie denken. Man wird sagen können: das hat so zu geschehen, das so und so weiter. In bezug auf solche Dinge könnte man ja sogar behaupten, daß es zahlreiche Menschen gibt, die sehr gut sagen könnten, wie man irgendein Wissenschaftsgebiet ideal behandeln oder ein Journal ideal gestalten soll. Aber auf das kommt es nicht an. Darauf kommt es an, daß man aus der Realität heraus arbeitet.
Was nützt es, wenn man noch so schöne Schulverordnungen hat und man vielleicht ein Lehrermaterial hat, das in seinen Fähigkeiten fernesteht diesen Dingen? Darüber schwindelt man sich dann mit solchen Verordnungen nur etwas vor, während man die Wahrheit vertritt, wenn man das Material nimmt, das man hat. Man muß mit Realitäten rechnen und sich hüten, mit Paragraphen und Programmen irgendwie zu rechnen, wenn es sich darum handelt, irgend etwas zu schaffen.
Das versteht man so schwer in unserer Zeit, und deshalb ist es notwendig, daß gerade auf diesen Punkt die Menschheit scharf hingewiesen wird. Denn indem man in der letzten Zeit in dem breitesten Umfang des Lebens mit Programmen gearbeitet hat, hat man das Leben gründlich verdorben.
Wenn Sie zum Beispiel die Entwickelung der Sozialdemokratie nehmen vom Eisenacher Programm bis zum Gothaer Programm, so sehen Sie eine Verflachung. Am schlimmsten ist es dann mit dem Erfurter Programm. Darin steht, wie sich alles gestalten soll, zum Beispiel bei der Vergesellschaftung der Produktionsmittel. Aber es ist mit Ausschluß jeglicher Anschauung des Lebens entstanden. Und dann hat sich einer gefunden, der ungefähr von dem Grundsatz ausgeht: Was geht mich das Leben an? - mich geht nur das marxistische Programm an! Das Leben mag zugrunde gehen, wenn nur das marxistische Programm erfüllt wird! Meinetwillen können an einem Tage Tausende und Tausende von Menschen gehenkt werden, wenn nur das marxistische Programm erfüllt wird! Dieser Mann ist Lenin. Er wäre imstande, Tausende von Menschen täglich henken zu lassen, wenn nur das marxistische Programm erfüllt würde.
Natürlich sind diese Dinge alle radikal gesprochen, aber sie charakterisieren dennoch die Situation richtig. Und wozu kommt der Mann? Sehen Sie, die unwirkliche Lebensbetrachtung dieses Mannes geht ja hervor aus etwas, was im Grunde genommen nur geniale Menschen sagen. Natürlich ist Lenin ein genialer Mensch wiederum, wenn auch verbohrt genial, stierhaft genial, aber doch genial. Sie finden in seiner Schrift «Staat und Revolution» ungefähr gesagt: Ja, die Erfüllung desjenigen, was da kommen soll, die folgt nicht aus meinem marxistischen Programm. Aber mein marxistisches Programm wird alles ruinieren, was jetzt da ist. Dann aber wird eine neue Menschheit gezüchtet werden. Die wird dann nicht ein marxistisches Programm haben, sondern nach dem Programm leben: Jeder nach seinen Fähigkeiten und Bedürfnissen. Aber es muß erst eine neue Menschheit gezüchtet werden!
Also so unwirklichkeitsgemäß ist unser Programmleben geworden, das heute ja da ist bei einem Menschen, der mit Hilfe seiner Helfershelfer ein ganzes großes Reich nicht nach dem Leben, sondern nach Programmen einrichtet, der aber zugibt: eigentlich ist diese Einrichtung im Grunde genommen aussichtslos, denn gesunde Zustände werden erst auftreten, wenn die Menschen gar nicht mehr da sind, die jetzt da sind, sondern wenn andere Menschen an ihre Stelle getreten sind. Ich möchte sagen: handgreiflich tritt es einem da entgegen, wozu die besondere Vorstellungs- und Empfindungswelt der Gegenwart gekommen ist. Solche Dinge darf man nicht unterschätzen, sondern muß man scharf, scharf ins Auge fassen.