How Can We Work for the Impulse of the Threefold Social Order?
GA 338 — 16 February 1921, Stuttgart
Achter Vortrag
Ich möchte in dieser Stunde einiges sprechen über gewisse Färbungen gegenüber den Eigenschaften des gegenwärtigen Geisteslebens, welche unsere Vortragsarbeit wird annehmen müssen. Wir dürfen uns nämlich nicht darauf beschränken, unsere Rede lediglich abzustellen auf das Begreifen des Verstandesmäßigen in den sozialen Fragen, sondern wir müssen durchaus dahin arbeiten, die Welt aufmerksam zu machen, wie in bezug auf gewisse Dinge anders empfunden werden müsse, als gegenwärtig eben gerade in den angeblich maßgebenden Kreisen empfunden wird. Denn was äußerlich in Einrichtungen lebt, was äußerlich in sozialen Handlungen der Menschen geschieht, das hängt durchaus ab von dem, was Denk-, Empfindungsweise und Willensrichtung der Menschen ist. Deshalb habe ich so stark betont, daß der Mensch als solcher in den Mittelpunkt auch der sozialen wie der ganzen Lebens- und Weltbetrachtung gerückt werden müsse. Wir müssen uns aber selber eine Empfindung dafür aneignen, wie irregeführt und auf abschüssigen Wegen befindlich das Empfindungsleben in der Gegenwart eigentlich ist. Wir müssen ein scharfes Gefühl dafür haben, daß die zivilisierte Welt in die heutige Lage eben durch dieses oftmals ganz verkehrte Empfindungsleben gekommen ist. Solche Dinge sollen wir uns selbst klarmachen an Beispielen. Und wir sollen sie auch an Beispielen der Welt klarmachen. Wir können ja solche Beispiele leicht finden, wenn wir eben gerade mit einem gewissen objektiven Sinn die Behandlung erörtern, welche die anthroposophische Bewegung in der Gegenwart durch unsere Zeitgenossenschaft findet.
Es muß ja gerade bei Besprechung der sozialen Fragen immer das moralische Moment hervorgehoben werden, welches darin besteht, daß die führenden Menschen der unmittelbaren Vergangenheit in einer eigentlich recht unverantwortlichen Weise die Zeitereignisse haben ablaufen lassen. Ist es denn nicht so, daß man sich in den führenden Kreisen nur bekümmert hat um das In-Szene-Setzen des Weltengangs in dem Sinne, wie die moderne Technik und die Formen des Materialismus, die sich in der neuesten Zeit herausgebildet haben, den Weltengang tragen, wie der Weltengang durch diese getragen wird? Und es ist ganz klar: man hat sich nicht gekümmert darum, was dieser Gang der Welt auf die zahllosen Menschen für einen Einfluß gewinnen muß, die als Proletariat gerade durch diesen Weltengang sich herausgebildet haben. Man hat das alles wirklich mit einer Sorglosigkeit herankommen lassen, die sich jetzt selbstverständlich tragisch zeigt, die aber durchaus scharf ins Auge gefaßt werden muß, wenn irgendeine Besserung eintreten soll.
Ein krasses Beispiel für diese Sorglosigkeit ist ja wohl dieses, das ich schon früher öfter erwähnt habe, Es gab in Österreich am Ende der sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts einen Polizeiminister Giskra. Es gab dazumal auch schon einzelne Menschen, welche darauf hinwiesen, daß eine soziale Frage heraufziehe an dem Horizonte der modernen Zivilisation. Und jener Polizeiminister hat auf gewisse Anfragen bezüglich der sozialen Frage die Antwort gegeben: «Eine soziale Frage kennt Österreich nicht. Die hört bei Bodenbach auf!»
Nun, dieses Den-Kopf-in-den-Sand-Stecken, diese Vogel-StraußPolitik, die ist im weitesten Umfange getrieben worden durch die führenden Kreise in der neueren Zeit. Und das, meine lieben Freunde, das muß durchschaut, das muß der Gegenwart scharf beigebracht werden. Denn man kann sagen: Die Gewissenlosigkeit ist eben nach und nach aus der äußeren Welt heraus in das Denken selbst eingezogen und macht sich da, leider für sehr viele Leute unbemerkt, geltend. Es wird dadurch geradezu eine Grobheit des Denkens bewirkt, und diese Grobheit des Denkens, die wird meistens gerade von den intellektuellen Menschen der Gegenwart abgeleugnet. Ich möchte Ihnen das, was ich jetzt gesagt habe, an einem eben zutage getretenen Beispiel erläutern.
Sehen Sie, so recht eine Pflanze aus den Kreisen heraus, welche mit der größten Sorglosigkeit und Unbekümmertheit um den Gang der Weltereignisse gewirkt haben, ist noch in der Gegenwart ein gewisser Graf Hermann Keyserling, der in Darmstadt eine sogenannte «Schule der Weisheit» gegründet hat, ein ganz gräßliches Kulturprodukt der Gegenwart. Seine Buchhandlung macht Reklame für diese «Schule der Weisheit». Und es ist eben ein Heftchen erschienen, das trägt, wie Sie vielleicht selber zugeben werden, den recht anspruchsvollen Titel «Der Weg zur Vollendung». Dieses Heft brauchte von der Buchhandlung aus eine Reklame. Zu dieser Reklame wird außen auf der sogenannten Bauchbinde hinzugefügt: «Erledigung der Angriffe Rudolf Steiners.» Die Buchhandlung fügt dann in ihrer Ankündigung hinzu: «Die Stellung des Grafen Keyserling zur Theosophie im allgemeinen und zur Steinerschen Theosophie im besonderen ist im 14. Kapitel seines letzten Buches ‹Philosophie als Kunst› unter dem Titel «Für und wider die Theosophie mitgeteilt. Rudolf Steiner hat es für nötig befunden, diese in durchaus sachlicher Form die Wahrheit bekundenden Ausführungen mit persönlichen Beschimpfungen zu beantworten.» Das ist die Reklame, welche die Buchhandlung für diese «Schule der Weisheit» schreibt! Nun ist es eben wirklich notwendig, wenn eine soziale Gesundung in der Gegenwart eintreten soll, solchen Leuten, wie dieser Graf Hermann Keyserling ist, auf die Finger zu schauen und dasjenige, was man durch dieses Auf-die-Finger-Schauen erkundet hat, wirklich auch vor aller Welt frei und frank zu sagen. Denn es müssen die Schädlinge der gegenwärtigen Zivilisation entlarvt werden.
Was die innere Gewissenlosigkeit, die intellektuelle Gewissenlosigkeit, dieses Grafen Keyserling ist, das mag Ihnen aus der Art und Weise hervorgehen, in der er in dieser Schrift vorgeht, die im übrigen zum Beispiel auf der Seite 59 den schönen Satz hat: «Auf längere persönliche Aussprachen mit dem Grafen Keyserling außerhalb der allgemeinen Mitgliederversammlungen haben lediglich die Mitglieder der Gemeinschaft der Schüler Anspruch. Für diese ist er, nach vorhergehender Verabredung und mit Ausnahme des Sonnabends und Sonntags, falls er nicht gerade verreist ist, jeden Nachmittag zwischen 3 und 5 Uhr in den Räumen der Schule, Paradeplatz 2, Eingang von der Zeughausstraße, zu sprechen. Sollte jemand, ohne Schüler zu sein, die Zeit des Schulleiters in Weisheitsfragen in Anspruch nehmen wollen, so behält sich die Geschäftsleitung für solche Fälle vor, besondere Konsultationsgebühren zum Besten der Schule zu erheben.»
Meine lieben Freunde, es ist ganz gewiß berechtigt, über solche Sachen zu lachen; aber die Dinge sind nicht lächerlich. Gerade in diesen Dingen liegen die Urschäden unseres sozialen Lebens. Denn Sie finden da auf Seite 47 folgenden Satz - Sie wissen, ich habe mit einer allerdings gewissen Rücksichtslosigkeit, aber die ist notwendig in solchen Fällen, und sie ist wohlüberlegt, die Unwahrhaftigkeit des Grafen Hermann Keyserling mit Bezug auf meine Abhängigkeit von Haeckel, die er behauptet hat, gebührend hier im öffentlichen Vortrag charakterisiert -, auf diese Charakteristik hin schreibt er nun den folgenden Satz: «... und anstatt einen etwaigen Irrtum meinerseits zu korrigieren, was ich mir gerne gefallen ließe, denn zu spezieller Steiner-Quellenforschung habe ich keine Zeit gehabt ... zeiht Steiner mich schlankweg der Lüge ...» Also, dieser Mann entblödet sich nicht, das als eine Möglichkeit hinzustellen, daß jeder jede beliebige Unwahrheit hinschreibt und dafür in keiner anderen Weise auf die Finger geklopft kriegt als dadurch, daß man sie berichtigt! Denken Sie sich einmal diese intellektuelle Verlottertheit, geradezu darauf hinzuarbeiten: man kann alles mögliche hinschreiben, und der andere ist verpflichtet, das dann zu berichtigen. Wenn wir in dieser Weise arbeiten würden, dann würden wir in den sozialen Sumpf hineingeraten. Und in einer solchen Weise dann hinzuschreiben: «... zu spezieller Steiner-Quellenforschung habe ich keine Zeit...» was heißt das in Wirklichkeit? Das heißt in Wirklichkeit: Zum genauen Nachsehen über dasjenige, was ich hinschreibe, nehme ich mir keine Zeit. - Und das beansprucht solch ein Mann als sein gutes Recht!
Meine lieben Freunde, wir müssen eine Empfindung haben für die perversen intellektualistischen Empfindungen der Gegenwart. Und bekommen wir diese nicht, können wir nicht vor die Gegenwart mit der Entlarvung dieses Sumpfes hintreten, dann ist unser übriges Reden ganz vergeblich. Da muß ich immer wieder sagen: Ein bloßes Verteidigen hilft nichts. Wir dürfen dasjenige, was als Angriff gegen uns figuriert, nur als Symptom nehmen, um daran die intellektualistische Verlottertheit, welche existiert, zu charakterisieren. Denn die Menschheit muß wissen, wie sie eigentlich heute geistig geleitet wird.
Es ist das ein Gegenstück zu einer schönen Denunziation, die sich ein Basler Universitätsprofessor, der mit solchen Dingen immer herausspringt wie die Heinzelmännchen in der Nacht und vielleicht aus diesem Grunde Professor Heinzelmann heißt, geleistet hat. Dr. Boos hat ja in einer Erwiderung auf gewisse Angriffe in einer etwas scharfen Weise draufgeschlagen. Es wurde nämlich in der Schweiz in Zeitungen behauptet, die Anthroposophie sei entlehnt von verschiedenen alten Schriften; es wurde da angeführt etwas aus der indischen Veden-Literatur und Vedanta-Literatur, die Bhagavad Gita wurde angeführt, und unter den Dingen, die da angeführt wurden, befand sich auch die Akasha-Chronik! Nun sehen Sie, Dr. Boos hat wohl mit einem gewissen Recht gesagt: So etwas behaupten heißt den Beweis liefern, daß man eine wissentliche Unwahrheit sagt; denn derjenige, der so etwas sagt, muß doch wissen, daß, wenn er an den Bücherständer herangeht, er nicht hintereinander herausnehmen kann etwa Veden-Bücher, die Bhagavad Gita und nachher die Akasha-Chronik. So war ja die Sache dargestellt. Man muß also wissen, daß man eine Unwahrheit hinschreibt. Jenes «Heinzelmännchen» aus Basel schreibt nun, nachdem ich das entsprechend charakterisiert habe, daß meine Charakterisierung eine «ganz neuartige Definition von wissentlicher Unwahrheit» sei; ich hätte auf Seite so und so viel die Definition geliefert, eine objektive Unwahrheit liege dort vor, wo man unrichtigerweise etwas behauptet, was man eigentlich wissen müsse; das widerspreche der bisher geläufigen Definition von «wissentlicher Unwahrheit», die darin bestehe, daß man etwas behaupte «wider besseres Wissen».
Es schreibt also dieser Universitätsprofessor, daß auf jener Seite eine Definition stehe. Es steht aber gar keine Definition da! Ich habe nur gesagt: Was er da über die Akasha-Chronik sagt, ist wirklich wider besseres Wissen behauptet. - Also, es wird einfach gelogen, daß eine Definition auf jener Seite stehe. Es wird den Leuten Dunst vor die Augen gemacht, indem sie abgelenkt werden von dem eigentlichen Tatbestand: daß es gerade ankommt darauf, daß wider besseres Wissen die Sache behauptet worden ist.
Sehen Sie, das sind scheinbar Pedanterien. In Wirklichkeit sind sie es nicht, sondern sie sind dasjenige, was heute zu den in moralischer Beziehung notwendigsten Dingen gehört: daß wir den führenden Persönlichkeiten gegenüber den Standpunkt geltend machen, wie moralisch versumpft das Denken eigentlich geworden ist. Und diese moralische Versumpftheit ist im Grunde genommen heute ausgebreitet über das ganze Geistesleben.
Nun ist es ja allerdings wahr, daß aus zwei Quellen heraus diese Versumpftheit kommt: zunächst aus dem wissenschaftlichen Leben selber, zweitens allerdings aus dem Journalismus. Aber das kann nicht hindern, diese Dinge aufzusuchen, wo sie sich nur geltend machen, und sie immer wieder und wiederum zum Bewußtsein der Menschen zu bringen.
Und wenn wir gerade für die Menschen der Gegenwart, die so schwer von Verständnis sind, klarmachen wollen, wie notwendig die Verselbständigung des Geisteslebens ist, so werden wir es tun können, indem wir darauf hinweisen, was aus dem Geistesleben unter der Führung des staatlichen und des wirtschaftlichen Lebens eben geworden ist. Es ist durchaus in der Sache selbst liegend, daß wir, ohne weiter polemisch zu werden, rein charakterisierend diese Dinge hinstellen, ich möchte sagen, mit demselben Ton, mit dem wir uns bemühen, irgendeinen anderen objektiven Tatbestand hinzustellen. Das setzt ja allerdings voraus, daß wir uns um solche Dinge bekümmern. Und das müssen wir überhaupt haben können: freien, offenen Blick für das, was geschieht, für das, was um uns herum vorgeht. Ich habe das ja von anderen Gesichtspunkten aus schon betont.
Es wird gar nicht schwerhalten, mancherlei, was gerade in dieser Broschüre des Grafen Keyserling sich findet, ich möchte sagen, in seiner ganzen Schädlichkeit darzustellen. Denn, nicht wahr, in dieser Broschüre finden sich da, wo von jener wohligen Atmosphäre gesprochen wird, in die diejenigen aufgenommen werden, welche sich der Weisheitsschule in Darmstadt widmen, Sätze von diesem Kaliber: «Diese» - die Atmosphäre - «wird bald einen solchen Machtfaktor bedeuten, daß der bloße Aufenthalt in ihren Räumen dem empfänglichen Neuling genügen wird, um gefühlsmäßig zu erfassen, was in ihr erstrebt wird.» Dann weiter: «Doch bedeutet die Erschaffung einer bestimmten Kulturhöhenatmosphäre nicht die Hauptabsicht, welche der Schule der Weisheit zugrunde liegt. Die Atmosphäre ist die Grundvoraussetzung dazu, damit Wichtigeres erzielt werde. Dieses aber besteht darin, den berufenen Einzelnen nicht allein durch den unwillkürlich unbewußten Einfluß eines bestimmten Lebensstils sowie des Seinsniveaus der leitenden Persönlichkeiten, sondern in intensiver Privatbehandlung zu fördern.» Und wiederum weiter: «Er mag eine beliebige Weltanschauung vertreten, beliebigen politischen Programmen anhängen, beliebigen Glaubens sein, beliebigen Interessen leben; er mag jung sein oder alt, Mann oder Weib: in der Schule der Weisheit wird er lernen, ein beliebiges «Dasein» auf ein tieferes «Sein» zurückzubeziehen.» An einer anderen Stelle ist noch hervorgehoben, wie schön die Schule der Weisheit dadurch ist, daß sie sich nicht darum bekümmert, ob zum Beispiel die Leute, welche vom Freigeld sprechen, recht haben oder nicht, ob andere Richtungen recht haben oder nicht; das betrachtet die Weisheitsschule in Darmstadt überhaupt als eine Kleinigkeit, ob irgend jemand nach irgendeiner Richtung recht hat oder nicht. Sondern es sollen sich alle diese Richtungen zusammenfinden auf dem Boden des Parketts von Darmstadt! Denn alle diese beliebigen Interessen, beliebigen Glaubensmeinungen, beliebigen menschlichen Verfassungen werden dort dazu veranlaßt, «ein beliebiges «Dasein» auf ein tieferes «Sein zurückzubeziehen».
Sehen Sie, es ist dieses ja im Grunde genommen nur die Schattenseite von etwas, was eigentlich nicht besser werden kann, wenn das geistige Leben nicht auf einen völlig neuen, und zwar freien Boden gestellt wird. Denn man muß, wenn man heute von der Gesundung der sozialen Verhältnisse reden will, schon durchaus sich dessen bewußt sein, daß wir in einem welthistorisch wichtigen Augenblick der Menschheitsentwickelung stehen, daß gewisse Dinge einfach dadurch angestrebt werden, daß sie sich aus den Untergründen des menschlichen Seelenlebens herausarbeiten. Und einer der wichtigsten Impulse, die sich da aus den Untergründen des menschlichen Seelenlebens herausarbeiten, das ist der, die alten Zwangseinrichtungen im Verhältnis von Mensch zu Mensch zu überwinden.
Beachten Sie wohl gerade diese Formel: Überwindung der alten Zwangseinrichtungen im Verhältnis von Mensch zu Mensch. - Wir sehen zurück in die sozialen Verhältnisse der Menschheit. Wir finden, daß es in älteren Zeiten die Einrichtung gegeben hat, auf das bloße Blut hin soziale Schichtungen zu bewirken; durch sein Geborensein aus diesem oder jenem Stamm, aus dieser oder jener Familie heraus war der eine Herr, der andere Knecht, der eine der Befehlende, der andere der Hörige. Je weiter wir zurückgehen in der Entwickelung der Menschheit, desto mehr finden wir, daß auf solche Bluts- und Erblichkeitsverhältnisse das soziale Leben gebaut war. Sie haben sich zum Teil noch im Bewußtsein der Menschen erhalten. Was als Klassenbewußtsein der Adelsschichten heute noch immer existiert, rührt ja schließlich durchaus aus alten Zeiten her und ist im wesentlichen eine Fortsetzung jener sozialen Forderungen, die sich auf das Blut in alten Zeiten gegründet haben.
Nun ist allerdings im Laufe der neueren Zeit in diese soziale Schichtung eine andere hineingeschoben worden. Und diese andere beruht auf der wirtschaftlichen Macht. Zu demjenigen, das früher als von einer gewissen Seite aus berechtigt anerkannt worden ist, nämlich aus dem Blut heraus Herr oder Knecht zu sein, zu dem ist hinzugetreten, was die modernen wirtschaftlichen Verhältnisse gebracht haben: die Schichtung eben durch die wirtschaftliche Macht. Der wirtschaftlich Mächtige gehört einer anderen Klasse an als derjenige, der nichts hat, der also der wirtschaftlich Ohnmächtige ist. Das hat sich hineingeschoben in das Alte. Im Grunde genommen beruht ja vieles in unseren sozialen Verhältnissen der Gegenwart noch immer auf einem Fortleben der alten Zwangsverhältnisse. Gegen das bäumt sich das heutige Menschheitsbewußtsein auf. Und im Grunde genommen beruht ein großer Teil dessen, was wir die sozialen Fragen nennen, auf diesem demokratischen Aufbäumen gegen die alten Zwangsverhältnisse. Es muß daher die Frage entstehen: Wie hat man sich nach dieser Richtung hin zu verhalten?
Und da muß man sich doch klar machen, daß ohne die Abgliederung des freien Geisteslebens von den übrigen Gliedern des sozialen Organismus auf dem Boden, den ich eben charakterisiert habe, ein haltbarer sozialer Zustand nicht geschaffen werden kann. Wenn das Geistesleben wirklich auf seinen eigenen Boden gestellt wird, dann wird es in diesem Geistesleben nicht irgendein soziales Zwangsverhältnis geben können, sondern nur das Verhältnis der freien Anerkennung. Und diese freie Anerkennung, die ergibt sich ganz von selbst innerhalb des sozialen Lebens. Grob gesprochen: Man wird doch kaum irgendwo jemanden als einen Musiklehrer anstellen, der niemals in seinem Leben irgendein Musikinstrument gespielt hat, und es wird niemals das demokratische Gefühl fordern, daß absolute Gleichberechtigung herrschen soll unter allen Menschen mit Bezug auf die Bestellung eines Musiklehrers. Sondern es wird in ganz selbständiger freier Anerkennung jemand zum Musiklehrer bestellt werden, der die Dinge, die nötig sind zum Musiklehrer, kennt und kann. Und man wird dem, der die Dinge kennt und kann, dann, wenn nirgends etwas ist, was zwangsmäßig geübt wird, die Anerkennung nicht versagen können; die wird sich ganz von selbst herausstellen.
Es wird im freien Geistesleben gerade sehr, sehr viel von den Dingen geben, die ähnlich sind dem Bauen auf Autorität. Aber es wird überall ein Bauen sein auf selbstverständliche Autorität. Denn worauf beruht das Aufbäumen zahlloser Menschen der Gegenwart gegen jegliche Autorität? Es beruht dieses Aufbäumen auf nichts anderem, als daß die Leute wahrnehmen: die wirtschaftlichen Verhältnisse legen uns Zwangsunterordnungen auf, und wir erkennen nicht an, daß aus den wirtschaftlichen Verhältnissen uns Zwangsunterordnungen auferlegt werden. Ebensowenig erkennen die Leute an, daß aus den politischen oder Blutsverhältnissen heraus Zwangsunterordnungen auferlegt werden. Dagegen bäumt sich eben das Historische, das ich charakterisiert habe als das demokratische Gefühl, das aus den tiefen Untergründen der Menschheit heute an die Oberfläche tritt. Und da natürlich die weitesten Kreise von den Intellektuellen und Geistig-Führenden keine Genauigkeit, sondern Keyserlingeleien gelernt haben, so nehmen sie die Geschichte so, daß sie sich sagen: sie lehnen sich auf gegen jede Autorität im wirtschaftlichen Leben. Und nun das dritte, das Geistesleben, das nimmt man auch noch dazu, weil es eben nicht in seiner ganz besonderen Wesenheit vor die Seelenaugen der Menschen tritt. Das kann es bloß, wenn es tatsächlich in unmittelbarer freier Selbstverwaltung dasteht. Aus den verschiedensten Untergründen heraus muß man die Notwendigkeit der Befreiung des Geisteslebens den Leuten klarmachen.
Und man muß auf folgendes noch einen großen Wert legen: Es muß ein Gebiet da sein, wo sich die Menschen wirklich gleich fühlen. Das ist heute dadurch nicht da, daß auf der einen Seite der Staat aufgesogen hat das Geistesleben und auf der anderen Seite an sich heranzieht das Wirtschaftsleben, daß er also das Autoritative von beiden Seiten in sein Wesen hereinzieht und daß eigentlich gar kein Boden da ist, auf dem sich die Menschen, die mündig geworden sind, völlig gleich fühlen würden. Ist der Boden da, auf dem sich die Menschen, die mündig geworden sind, völlig gleich fühlen können, kann jemand wirklich empfinden: Ich bin als Mensch gleich jedem anderen Menschen. - Dann wird er auch auf dem Gebiet, wo er das nicht empfinden kann, weil es eine Absurdität ist, die Autorität anerkennen oder das assoziative Urteil.
Es wird wiederum etwas auftreten - das ist heute noch nicht opportun, den Leuten zu sagen; aber ich sage es Ihnen -, es wird etwas auftreten, wie dasjenige ist, was aus anderen Verhältnissen heraus in alten Zeiten eine gewisse Rolle gespielt hat. Nehmen Sie ein Dorf in alten Zeiten: der Pfarrer war im vollsten Sinne des Wortes eine Art Gottheit. Aber es gab Gelegenheiten, wo der Pfarrer rein als Mensch unter den anderen Menschen erschien. Das schätzten sie sehr. Wenn wir nun auf der einen Seite das Geistesleben haben mit der Anerkennung, der freien Anerkennung der selbstverständlichen Autorität, auf der anderen Seite das Wirtschaftsleben mit dem Gruppenurteil, das auf dem Zusammenfluß der Urteile der assoziierten Menschen beruht, und dazwischen einen Boden, wo sich die Menschen ganz ohne Unterschied des übrigen Autoritativen begegnen - und das würde der Fall sein, wenn die Dreigliederung des sozialen Organismus da wäre -, dann wirkte das tatsächlich im allertiefsten Sinn real zur Lösung der sozialen Frage. Aber es muß im tiefsten Sinn das der Fall sein, daß der Lehrer, der geistige Mensch - ich meine das jetzt symbolisch - seine Toga auszieht, wenn er sich auf dem Boden des sozialen Staatslebens zeigt, und daß der Arbeiter seine Bluse ausziehen kann, wenn er sich auf den Boden des sozialen Staatslebens stellt, so daß in der Tat von beiden Seiten her die Menschen in der gleichen Uniform sich begegnen, die ja keine Uniform im gewöhnlichen Sinne zu sein braucht, aber gleichwertig sein kann, wenn sie auf dem Boden des Rechtlich-Staatlichen stehen.
Wir müssen großen Wert darauf legen, daß solche, ich möchte sagen, moralische Impulse, die äußerlich auch leben, wirklich wiederum in die menschliche Gesellschaft hineinkommen. Denn Verwilderung und Barbarei würden ja unzweifelhaft eintreten, wenn sich verwirklichte, was so ein echter Marxist ansieht als das Ideal sozialer Ordnung. Aber auf der anderen Seite kann man ganz sicher sein: wenn die breiten Volksmassen nach den Erfahrungen, die sie in Europa in den letzten Monaten machen konnten, in der richtigen Weise, unbeirrt durch ihre Führer, lange genug das hören, was der Sinn der Dreigliederung des sozialen Organismus ist, dann muß ihnen endlich ein Licht aufgehen.
Aber es muß parallel zu dieser Aktion das andere geschehen: den moralischen Niedergang, wie ich ihn eben vorhin charakterisiert habe, im Urteil der Gegenwart zum Bewußtsein zu bringen. Wir müssen geradezu handgreiflich beweisen, wo einfach im Urteilen die Menschen so aus der Moral herausfallen, wie es bei dem Grafen Hermann Keyserling der Fall ist. Denn der Mann ist in hohem Grade ein den Menschen Sand-in-die-Augen-Streuender, und man muß nur in der richtigen Weise solch ein Exemplar von einem Menschen vor die Mitwelt hinstellen. Dann hat man moralisch etwas Außerordentliches getan.
Denn sehen Sie, nachdem sich der Graf Hermann Keyserling alles das geleistet hatte, oder sich hat leisten lassen durch seine Buchhandlung, was ich Ihnen angeführt habe, bringt er dann das Folgende zustande. Er sagt: «Ich berühre den Fall nur deshalb, um an seinem Beispiel recht deutlich zu machen, wie reinlich man zwischen «Sein» und «Können» unterscheiden muß. Von Steiners Sein kann ich unmöglich einen günstigen Eindruck haben; noblesse oblige» - damit meint er: die Noblesse verpflichtet dazu, einen Lügner nicht Lügner zu nennen - «... aber als Könner finde ich ihn nach wie vor sehr beachtenswert und rate jedem kritikfähigen Geist von psychistischer Beanlagung, die seltene Gelegenheit des Daseins eines solchen Spezialisten auszunutzen, um von und an ihm zu lernen. Ich kenne nicht bloß die wichtigsten seiner allen zugänglichen Schriften, sondern auch seiner Zyklen, und habe aus ihnen den Eindruck gewonnen, daß Steiner nicht allein außerordentlich begabt ist, sondern tatsächlich über ungewöhnliche Erkenntnisquellen verfügt. Für den Sinn» fehlt ihm jedes feinere Organ, deshalb muß er alle Weisheit abstrakt und leer finden, die sich nicht auf Phänomene bezieht; aber was er über solche vorbringt, verdient ernste Nachprüfung, so absurd manches zunächst klinge und so wenig vertrauenerweckend sein Stil als Offenbarer seines Wesens wirkt, weshalb ich es lebhaft bedaure, daß sein mir völlig unerwartet gekommenes Vorgehen gegen mich mir die Möglichkeit raubt, mit ihm selber persönliche Fühlung zu nehmen. Denn es bleibt wahr, was ich im gleichen Aufsatz, der Steiners Wut gereizt hat, zu dessen Schutz gegen seine Gegner schrieb, daß ein bedeutender Mensch ausschließlich nach seinen besten Seiten beurteilt werden sollte; das Interesse an seinem Wissen und Können darf durch seine Gebrechen und Fehler nicht beeinträchtigt werden. Am gleichen Tage, an dem ich Steiners Schmährede zugeschickt erhielt, empfahl ich einem Schüler von mir das ernste Studium seiner Schriften und sogar den Eintritt in seine Gesellschaft, da dies mir sein Weg zu sein schien und ich in seinem Fall den Kontakt mit dem Bedenklichen, das mit Steiner zusammenhängt, nicht für gefährlich anzusehen brauchte. Man soll nie vergessen, daß schlechthin jedes Wesen vielfältig ist, daß keine schlechte Eigenschaft die guten entwertet; und daß der Charakter einer Gesellschaft ganz und gar vom Geist ihrer vorherrschenden Mitglieder abhängt. Auch die anthroposophische kann noch eine Zukunft haben, wenn der Dogmenglaube und Sektengeist sie verläßt, wenn sie das unsaubere Agitieren aufgibt und wirklich zu dem wird, was sie statutenmäßig sein soll.»
Also, Sie sehen, für diejenigen, die es auch in der Anthroposophischen Gesellschaft leider so zahlreich gibt, ist Gelegenheit genug geboten, zu sagen: Ja, was will denn der Steiner? Der Keyserling lobt ihn ja über den grünen Klee! Aber darauf kommt es mir nicht an, ob er mich lobt, sondern ob er ein Schädling der Zivilisation ist oder nicht. Denn mir erscheint das alles, was Keyserling da zuletzt sagt, so, daß ich es nur charakterisieren kann damit, daß ich sage: Dieser Mann versucht alles, was durch seine Oberflächlichkeit der Welt aufgehalst wird, zu verdecken hinter solchen, ich kann es in diesem Falle nicht anders nennen, Lobhudeleien. Ich sage das aus dem einfachen Grunde, weil ich voll überzeugt bin, daß der Graf Keyserling nicht das geringste Organ hat, um die Dinge zu verstehen, die er hier lobt.
Und das muß uns viel wichtiger sein: auf dieses Sachliche einzugehen, überhaupt in unseren Vorträgen der Welt zu zeigen - ich habe den Grafen Keyserling heute nur als Beispiel angeführt -, was heute an Oberflächlichkeit und an unberechtigten Aspirationen da ist. Sieht die Welt ein, von welchen Leuten sie geführt wird, dann wird sie ein Verständnis bekommen für die Befreiung des Geisteslebens. Denn es wird unmöglich sein, daß im großen und ganzen aus einem freien Geistesleben solche Helden hervorgehen. Ganz gewiß, meine lieben Freunde, das irdische Leben, das der Mensch zwischen Geburt und Tod zubringt, wird niemals lauter Engel aufweisen. Und nur solch ein Mensch wie der Professor Rein in Jena kann die sonderbare Behauptung aufstellen, daß die anthroposophische Moral eigentlich für die Engel gemeint sei; wie er es ja einmal in einem Artikel getan hat. Aber wenn es auch im freien Geistesleben selbstverständlich alle möglichen sonderbaren Käuze geben wird, die Majorität wird das nicht sein können, sondern die Majorität wird eben gerade durch die innere Kraft und Impulsivität des Geisteslebens zu einem anderen erzogen werden. Man kann selbstverständlich derlei Gedankenleerheit, wie sie der Graf Keyserling der Welt gibt, leicht der Welt geben, wenn man die soziale Position so bekommen hat aus alten Blutsverhältnissen heraus wie der Graf Keyserling, und wenn man vielleicht noch einige Unterstützung von anderen Seiten her, die jetzt nicht erwähnt zu werden brauchen, dann für die Errichtung solcher «Weisheitsschulen» bekommt. Aber niemals wird in einem freien Gesitesleben solche Torheit irgendwie aufkommen können. Denn da werden ganz gewiß genügend Leute da sein, die solches ausscheiden.
Sehen Sie, worauf es mir in jenem Vortrag hier angekommen ist, das war, hinzuweisen scharf auf die Leerheit und Abstraktheit der Keyserlingschen Auseinandersetzungen, auf das Unwirklichkeitsgemäße. Und wer sich gut erinnert, der wird wissen, daß ich zuerst diese Leerheit und Abstraktheit, dieses Unsubstantielle, Phrasenhafte, charakterisiert und dann hinzugefügt habe: Wer sich so in leeren Abstraktionen und in Phrasenhaftigkeit ergeht, der ist dann genötigt, wenn er an etwas stößt, was einen substantiellen Inhalt hat, in die Unwahrheit zu verfallen. Das war der Zusammenhang. Und auf diesen kam es dazumal ganz wesentlich an. Und was wird nun daraus gemacht? Es wäre ja interessant, zu erfahren, was ein Mann, dem man vorgeworfen hat, daß er an Leerheit, an intellektualistischer und spiritueller Atemnot leide, was ein solcher Mann vorzubringen hat zu seiner Verteidigung. Aber der Graf hat darauf folgendes zu sagen in seiner Zeitschrift «Der Weg zur Vollendung, Mitteilungen der Gesellschaft für freie Philosophie, Schule der Weisheit». Er sagt, und er meint mich, daß er meine Weisheit blutlos, abstrakt und leer findet und behauptet, er könne immer schon im voraus sagen, was Leute meines Schlages vorbringen könnten; das Wesentliche meiner Philosophie sei «seelische Atemnot, ein innerliches Nach-LuftSchnappen», und von Anthroposophie hätte ich «keinen Dunst, nicht einmal einen blauen». Sie sehen also, es ist durch die Art und Weise, wie ich diese Charakteristik gegeben habe, der Graf Keyserling selber charakterisiert. Aber er ist in dieser Beziehung wirklich nur ein Beispiel. Gerade dasjenige, was im gegenwärtigen Geistesleben als der Hauptton enthalten ist, das führt schließlich auf solche Dinge zurück.
Wir haben tatsächlich durch die Entwickelung gerade des abstrakten Geisteslebens in den letzten Jahrhunderten die Möglichkeit erhalten, daß ganz ausgezeichnete Gelehrte auf irgendeinem Gebiete auftreten, die eigentlich im Grunde genommen doch keinen richtigen, inhaltsvollen Gedanken fassen können. Dafür ist ein gutes Beispiel der ausgezeichnete Biologe Oscar Hertwig von der Berliner Universität. Wenn Sie sein Buch lesen, in dem er den Darwinismus kritisiert, so werden Sie nicht anders können als sagen: Das ist ein Mensch, der restlos bedeutend genannt werden muß in seinem Fach. Und das Buch «Das Werden der Organismen», so heißt es, ist ein gutes Buch. Aber man braucht nichts, um ein solches gutes Buch zu schreiben, als in dem Mechanismus des gedankenlosen experimentellen Forschens drinnenzustehen, fleißig zu sein, ein wenig befördert zu werden - er wurde ja hineinbugsiert in eine gewisse Clique als Haeckel-Schüler -, und kann da, wenn die Verhältnisse günstig sind, ein ganz bedeutender Mensch sein. Er ist ja so bedeutend, daß er sogar ausersehen worden ist, in Berlin dem chemaligen deutschen Kaiser Wilhelm II. zu seiner Weisheit noch einiges hinzuzufügen, daß er ihm vortragen durfte über besonders Sensationelles aus der Erforschung der niederen Lebewesen! Nun, bald nachdem das Buch über den Darwinismus erschienen war von Hertwig, das also ein ausgezeichnetes Buch ist auf seinem Gebiete, hat Hertwig auch ein Buch über soziale Fragen erscheinen lassen. Das ist nun nichts anderes als eine Zusammenstellung von lauter Unsinn, Zeile für Zeile. Warum? Ja, sehen Sie, bei dem Buche «Das Werden der Organismen» brauchte man nicht zu denken. Da lebte man ja drinnen in dem Mechanismus des modernen Wissenschaftsbetriebes. Zum Fällen eines gesunden Urteils auf sozialem Gebiet ist es aber notwendig, daß man selber anfängt zu denken. Da zeigte es sich also, daß der große Gelehrte überhaupt nicht in der einfachsten, primitivsten Weise denken kann.
An solch konkreten Beispielen muß man anfassen die Tatsache, daß wir in einem sogenannten Wissenschafts- und Geistesleben drinnenstehen, das im Grunde genommen geführt werden kann mit Ausschluß eines jeglichen wirklichen selbständigen Denkens. Und indem immer mehr und mehr ein solches Geistesleben führend wurde, versickerte das wirkliche Denken, das inhaltvolle, substantielle Denken, immer mehr und mehr.
Und man erlebte dann das Sonderbare, daß man die Begabungen der Kinder prüfen will mit experimenteller Psychologie, indem man irgendwelche unsinnig zusammengestellte Wörter dem Gedächtnis einverleibt, um dieses Gedächtnis festzustellen, oder ähnliche Witzchen, die man als «exakt wissenschaftlich» ausgibt, die in Amerika noch ärger grassieren als in Europa, die aber in Deutschland schon recht hoch gekommen sind. Indem man dies hineinträgt in das Schulleben, bedeutet das nichts anderes, als daß wir so stark den Menschen herausgestellt haben aus dem sozialen Leben, daß der Lehrer keine Beziehung mehr zum Kinde hat, daß er nicht mehr aus dem Kinde heraus, sondern daß er durch Apparate feststellen muß, wozu der Betreffende befähigt ist. Und wenn der Bolschewismus in Rußland noch lange macht, so wird diese Methode in Rußland vielleicht noch in einem sehr erheblichen Maße an Stelle der Prüfungen gesetzt werden. Man wird die Kinder wie Maschinen abprüfen, ob sie etwas taugen oder nichts für das Leben. Zu den Idealen des Lunatscharskij gehört das schon.
Diese Dinge muß man unbefangen charakterisieren, dann wird man doch vielleicht nach und nach ein Gefühl bei den Menschen der Gegenwart hervorrufen von dem, was so handgreiflich zeigt, wie wir eine Erneuerung, eine Befruchtung des Geisteslebens brauchen, und wie diese Erneuerung, diese Befruchtung auf dem Boden der Abgliederung des Geistigen von den anderen sozialen Gliedern sich vollziehen kann. Wir müssen versuchen, in diesen Dingen an Erscheinungen der Gegenwart, die wir in aller Schärfe vorführen, illustrativ zu wirken.