17. Lebensfragen Der Theosophischen Bewegung
Bei Personen, welche der theosophischen Bewegung unserer Zeit ferne stehen, hat sich seit langer Zeit vielfach die Meinung festgesetzt, daß viele Anhänger dieser Lebensauffassung sich um ihr gesundes Urteil durch einen blinden Autoritätsglauben bringen lassen. Man stellt sich vor, daß es innerhalb dieser Bewegung eine Anzahl von Menschen gebe, welche durch ihr Auftreten und durch gewisse Eigenschaften bei andern zu dem Ansehen von «Erleuchteten», von «höher Entwickelten», von «Wissenden » kommen, und daß deren Behauptungen von einer großen Zahl der Bekenner der Theosophie auf Treu und Glauben angenommen werden. Gerade wegen solcher Meinung lehnen es viele ab, sich mit dieser Bewegung einzulassen. Sie sagen: wir wollen nur dasjenige hören, was unserer Urteilskraft «bewiesen » werden kann, blinden Dogmenglauben lehnt ein zu reifem Denken erwachter Mensch ab. Und da die Behauptungen der Theosophen dem «allgemeinen gesunden Menschenverstand » nicht einleuchten, so lassen wir uns weiter nicht darauf ein, wenn auch einzelne «Erleuchtete» behaupten, daß sie dergleichen wissen können.
Nun gewinnt eine solche Meinung in der letzten Zeit sogar Boden bei vielen Persönlichkeiten, welche innerhalb der theosophischen Bewegung selbst stehen. Auch da kann man schon viel davon hören, daß der «gesunde Menschenverstand» sich _ keiner Autorität und keinem Dogma blind hingeben, sondern alles selbst prüfen solle. Zuweilen tritt deutlich so etwas wie die Besorgnis zutage, man könne zu weit gegangen sein in der Annahme gewisser «Offenbarungen» durch diese oder jene Personen, die man zu sehr als «Wissende », als «unfehlbare Autoritäten» verehrt habe. Und viele möchten zur Besonnenheit und zur Prüfung mahnen, damit man sich nicht in bodenlose Phantastereien etwa verliere, und eines Tages sich gestehen müsse, daß diese oder jene Tatsache den Schein von Wissen zerstört, welches sich der oder jener «Erleuchtete» angemaßt hat.
Wer wollte leugnen, daß solche Ermahnungen vieles zu ihrer Rechtfertigung anzuführen vermögen. Haben sich nicht Tatsachen genug ereignet, durch welche Personen, zu denen viele wie zu sicheren Autoritäten aufsahen, ihr Ansehen und ihre Geltung verlieren mußten? Und wurden nicht in der letzten Zeit gegen die wichtigsten Arbeiter auf dem theosophischen Felde Anklagen erhoben, die manchem zu denken geben müssen? Ist es da zu verwundern, wenn viele sich sagen: «ich will zunächst nicht mehr glauben, als was ich selbst einzusehen vermag»? Eben jetzt hat sich ja wieder ein bedenklicher Fall ereignet. Einer derjenigen theosophischen Arbeiter, die vielen Führer sind auf dem Wege zur höheren Erkenntnis, C. W. Leadbeater, ist von einigen Mitgliedern der amerikanischen Sektion der Theosophischen Gesellschaft schwerer Verfehlungen angeklagt worden. Die Sache erschien so schlimm, daß der Präsident der Gesellschaft, H.S.Olcott, nach London ein Komitee berief, welches aus dem Geschäftsausschuß der britischen Sektion und aus Delegierten der amerikanischen und der französischen Sektion bestand, und welches die Sachlage prüfen sollte. Es wäre wohl zum Ausschluß Leadbeaters aus der Gesellschaft geschritten worden, wenn dieser nicht schon vorher selbst seinen Austritt angemeldet hätte. So also ist eine Persönlichkeit aus der Gesellschaft entfernt worden, die seit vielen Jahren für die Ausbreitung der Theosophie Unsägliches geleistet hat, deren Bücher vielen Führer für das geistige Leben waren, die sich eine große Zahl von Schülern erworben hat. Unmittelbar vor dem verhängnisvollen Ereignis hat Leadbeater eine erfolgreiche Vortragsreise durch Amerika gemacht und hat durch bedeutungsvolles Wirken an zahlreichen Orten tiefen Eindruck hinterlassen. - Muß ein solcher Fall nicht mißtrauisch gegen alle Autoritäten machen? (Da demnächst noch eine Auseinandersetzung über diesen Fall folgen soll, steht hier ' nur diese Andeutung.) Nun kann man gewiß jedem solchen Falle gegenüber mit vollem Recht sagen, die theosophische Sache stehe über allen Personen; und mögen noch so viele Vertreter dieser Sache «fallen»: wer die Sache von den Personen zu trennen vermag, der kann durch dergleichen Tatsachen nicht irre gemacht werden. Auch wird betont, daß wahre geistige «Höherentwickelung » nicht notwendig verbunden sein müsse mit der Fähigkeit für ein gewisses «hellseherisches » Leben. Und Leadbeater wäre eben in erster Linie als ein solcher zu betrachten, der gewisse hellscherische Fähigkeiten in sich ausgebildet habe. Die Theosophie müsse aber weniger darauf geben, als vielmehr bedacht sein, ihren Bekennern die Mittel zugänglich zu machen, durch welche sie zur Läuterung und Reinigung ihrer «niederen Natur» kommen und ihren «höheren Menschen » in sich zum Erwachen bringen. Die Aneignung hellseherischer Kräfte sei sogar gefährlich, solange die Läuterung und Reinigung sich nicht vollzogen habe. (Einiges zur Orientierung gerade über diese Frage enthält der Abschnitt dieses Heftes über «Die Stufen der höheren Erkenntnis ».) — Und man kann wohl auch Stimmen hören, welche aus solchen Anlässen heraus die Pflege solcher Einsichten, die auf hellscherischen Fähigkeiten beruhen, einzuschränken empfehlen und dafür anraten, sich auf das zu beschränken, was das geistige Leben ohne solchen Hinweis veredelt. Es komme nicht darauf an, so sagt man wohl, Aufschlüsse zu erhalten über höhere Welten, über «Geister», über Welten- und Lebenskreisläufe, sondern vielmehr darauf, sich eine veredelte, geläuterte Lebensauffassung anzueignen.
Es kann gar kein Zweifel bestehen darüber, daß diejenigen, welche solches vorbtingen, in einer gewissen Beziehung ganz recht haben. Dennoch wird sich die theosophische Bewegung in verhängnisvolle Widersprüche gegen ihre Mission verwikkeln, wenn derlei Meinungen in den Kreisen ihrer Anhänger das Übergewicht gewinnen. - Nun ist gewiß hier sogleich ein Einwand möglich. Man kann sagen: wer ist denn berechtigt, seine Meinung von der Mission der theosophischen Bewegung für irgendwie maßgebend zu halten? Der eine kann glauben: die Verbreitung «höherer Einsichten » sei das richtige; der andere mag eben der Meinung sein, es komme auf die Ausbreitung der Ergebnisse hellscherischer Forschung nicht an, sondern auf die Pflege des «geistigen und moralischen Lebens».
An sich genommen, ist dieser Einwand ganz richtig. Und wenn sich eine Mehrheit in der Theosophischen Gesellschaft fände, welche die Verbreitung sogenannter geheimwissenschaftlicher Lehren verpönte, so ließe sich von einem gewissen Gesichtspunkte aus dagegen gar nichts einwenden. Aber im Grunde kommt es, von einem höheren Standpunkte aus betrachtet, gar nicht auf eine Diskussion darüber an, was die Theosophische Gesellschaft sein soll. Diese wird immer nur das sein können, was ihre Mitglieder wollen. Worum es sich handelt, das ist etwas ganz anderes. Es kommt darauf an, daß die Ausbreitung geheimwissenschaftlicher Lehren gegenwärtig zum weiteren Fortschritt der Menschheit notwendig ist. Und diejenigen Personen, welche das einsehen und dazu fähig sind, müssen das ihrige zu dieser Verbreitung beitragen. Sie müssen das als eine ihnen von den Zeitverhältnissen gestellte Aufgabe betrachten. Und deshalb hat für sie die Frage: was die Theosophische Gesellschaft sein soll, keine in erster Linie stehende Bedeutung. Fände es sich, daß innerhalb dieser Gesellschaft sich eine Mehrheit der Stimmen gegen die Pflege geheimwissenschaftlicher Erkenntnisse ergäbe, so müssen sie eben durch andere Mittel den Zugang zu ihren Zeitgenossen als durch diese Gesellschaft suchen.
Wohl aber erhebt sich eine ganz andere bedeutungsschwere Frage. Erschüttert denn die Theosophische Gesellschaft nicht ihre Grundlagen, wenn Urteile wie die eben gekennzeichneten das Übergewicht gewinnen? Über diese Frage wird man sich klar werden, wenn man den Blick darauf richtet, wodurch diese Gesellschaft bisher in der Welt sich Geltung verschafft hat. Nicht allgemeinen, dem «gesunden Menschenverstand » ohne weiteres zugänglichen Lehren verdankt sie diese Geltung, sondern dem Umstand, daß die Begründer und Mitarbeiter dieser Gesellschaft den Menschen etwas zu sagen vermochten, was eben dem «gemeinen Menschenverstand » ohne weiteres nicht zugänglich ist. Die Einsichten in das Wesen des Menschen, in ‚seine unvergängliche geistige Wesenheit, in höhere Welten: diese waren es seither, was die Menschen durch die Gesellschaft suchten. Die Sehnsucht nach einer Kunde von der «geistigen Welt» wollten die Menschen durch die Theosophie befriedigt haben. Nicht durch «allgemein beweisbare» Grundsätze — die an sich gewiß unendlich wertvoll sind — haben die Führer der theosophischen Bewegung das Ohr ihrer Zeitgenossen gefunden, sondern durch die Offenbarung von Wahrheiten, die nur der hellseherischen Forschung zugänglich sind. — Und obgleich es niemanden in der Welt gibt, welcher nicht durch Entwickelung seiner eigenen in ihm schlummernden Fähigkeiten zu solchen Wahrheiten kommen kann: so liegt es doch in der Natur der ganzen menschlichen Entwickelung, daß gegenwärtig nur einzelne wenige die dazu gehörigen Fähigkeiten in sich entwickelt haben. Will man nicht anhören, was solche über die geistige Welt zu erzählen wissen, so müßte man auf eine Kunde von derselben überhaupt verzichten. Man kann ja allerdings zu diesen wenigen sagen: «Wir wollen nicht, daß ihr uns mitteilt, was ihr wisset; ihr könnt uns nur befriedigen, wenn ihr uns sagt, wie wir selbst zu solchen Erkenntnissen kommen. Sagt uns nicht, was durch eure Hellsichtigkeit euch geoffenbart wird, sondern sagt uns, wie wir selbst hellsichtig werden.» Es ist nun gerade in dieser Zeitschrift so viel über die Frage: «Wie erlangt man Erkenntnisse höherer Welten?» mitgeteilt worden, als in der gegenwärtigen Zeit überhaupt öffentlich gesagt werden kann. Man wird aus den Mitteilungen ersehen, inwiefern ein jedes berechtigte Streben nach dieser Richtung seine Befriedigung finden kann. Obgleich nun die Theosophie den Menschen den Zugang zu der wirklichen Geheimschulung eröffnen kann: bei dem, was als öffentliche Mission der geheimwissenschaftlichen Forschung oben bezeichnet worden ist, handelt es sich noch um etwas viel anderes. Der Mensch braucht die Antworten auf gewisse Fragen, die ihm das Leben aufgibt. Er braucht sie zu der ihm notwendigen Seelenruhe, zum inneren Frieden, zur Sicherheit im Leben und Wirken; nur durch eine solche Antwort kann er ein brauchbares Mitglied der menschlichen Gesellschaft sein, kann er seinen Platz in der Welt richtig ausfüllen. Gewiß, es gibt unzählige Menschen, welche heute solche Fragen noch gar nicht aufwerfen, welche keine Sehnsucht nach ihrer Beantwortung fühlen. Aber diese Menschen tun das nur deshalb nicht, weil ihnen nicht die Gelegenheit gegeben wird, die Notwendigkeit davon zu empfinden. In dem Augenblicke, wo der Mensch in der rechten Art gewissen geistigen Angelegenheiten gegenübergestellt wird, fühlt er auch sofort, was dem Leben fehlt, wenn er daran vorbeigeht, und dar hört eben jeder Zweifel an der Notwendigkeit auf. Aber es ist ein Mißverständnis, wenn man glaubt, die Antworten auf solche Fragen nach der höheren Welt haben nur Wert für den, der selbst hellseherisch hineinblickt in diese Welt. Das ist durchaus nicht der Fall.
Wenn man mit rechtem Sinn die Antworten aufnimmt, sich in sie einlebt: dann wird man gar bald die Überzeugung von der Wahrheit erhalten, auch wenn man noch weithin hat bis zur Hellsichtigkeit. Daß heute so viele diese Überzeugung nicht erleben können, rührt allein davon her, daß der materialistische Zeitgeist sich als schweres Hindernis den Seelen in den Weg legt. Man glaubt vorurteilslos zu sein und hat gerade das größte Vorurteil gegen die höhere Wahrheit. Die Theosophie sucht diese höhere Wahrheit so zu verkünden, wie sie gerade der gegenwärtige Mensch braucht, und wie sie zum wahren Fortschritt in der nächsten Zukunft notwendig ist. Aber woher will man sie empfangen, wenn nicht von jenen, welche sie durch ihre eigene Forschung ergründet haben? Wollte man diesen von vornherein den «allgemeinen Menschenverstand » entgegenstellen, dann würde man ja damit ihre ganze Forschung für unnötig erklären. Man sollte doch voraussetzen, daß auch diejenigen, welche sich bemüht haben, höhere Erkenntnismöglichkeiten in sich zu entwickeln, diesen Menschenverstand nicht verloren haben. Sicher ist, daß niemals dasjenige dem «gesunden Verstand » widersprechen kann, was die Wissenden offenbaren, aber ebenso sicher ist, daß man das erst einsehen kann, wenn man mit rechtem Sinn auf ihre Offenbarungen eingeht. Ohne Zweifel kann ein jeder urteilen, und es soll auch ein jeder nur seinem eigenen Urteil vertrauen ; aber er muß doch das zuerst wissen, worüber er urteilen will. - Wer sich diese einfachen Dinge nur ein wenig vor die Seele führt, der wird alsbald einsehen, wie wenig zutreffend vieles ist, was gegen die Autoritäten in Dingen der höheren Welten geredet wird. Diese Autoritäten können ja gar nicht eine Gefahr für den gesunden Menschenverstand sein, da sie — wenn sie die rechten Autoritäten sind — diesem Menschenverstand gerade das geben wollen, worüber er urteilen soll. Will die Theosophische Gesellschaft nicht allein das pflegen, was ihre Mitglieder schon wissen, sondern zu höherer Erkenntnis den Weg bieten, so wird sie nicht der Anregung gebenden Autoritäten entbehren können. Es ist eben durchaus zweierlei: zu urteilen und sich zum Urteil den Weg zeigen lassen. Entweder wird die Theosophische Gesellschaft etwas ganz anderes werden, als was sie ihren Grundlagen nach innerhalb der Gegenwart bis jetzt gewesen ist, oder sie wird ein Schauplatz sein müssen für diejenigen, welche aus ihr höhere Erfahrungen noch nicht gemacht haben.
Wer die Sachlage so anblickt, der wird anders denken und handeln müssen, als der Meinung auch manches Mitgliedes der Gesellschaft heute entspricht. Auch auf dem Pariser Kongreß der «Föderation europäischer Sektionen » ist ja vielfach auf die Gefahr der Autoritäten im Namen des «gesunden Menschenverstandes » in Reden und Diskussionen hingewiesen worden. Ja selbst der verdienstvolle Präsident-Gründer der Gesellschaft, H.S. Olcott, hielt es im gegenwärtigen Augenblicke für notwendig, recht stark auf den «gesunden Menschenverstand» hinzuweisen und zu betonen, daß kein Mitglied der Theosophischen Gesellschaft sich auf etwas anderes als auf die eigene Urteilskraft stützen solle und sich hüten solle, Autoritäten zu verfallen. Und er führte, um diese Warnung vor der Autorität: besonders einleuchtend zu machen — die Autorität des Buddha an, von dem die so wahren Worte herrühren: «Glaube nicht deswegen, weil es in einem Buche geschrieben steht, oder weil es von einem Weisen gelehrt wird, oder durch die Überlieferung gegeben ist, oder durch einen Gott inspiriert ist usw., sondern glaube allein das, was dir dutch deine eigene Vernunft und eigene Erfahrung einleuchtet.» Aber man kann eben diese Worte Buddhas in verschiedener Art sich zur Richtschnur nehmen. Der eine tut es so, daß er die Offenbarungen der Weisen für wertlos hält, weil sie seinem Verstande nicht einleuchten, der andere sucht seine Erkenntnisfähigkeiten dahin zu bringen, daß er sich ein selbständiges Urteil über solche Offenbarungen bilden könne.
Die Lebensbedingungen der theosophischen Bewegung wird man besser einsehen, als dies gegenwärtig noch vielfach geschieht, wenn man bedenken wird, daß das Wesentliche an ihr in der Veröffentlichung einiger derjenigen Wahrheiten besteht, die früher ausschließlich als sogenannte Geheimwissenschaften betrachtet worden sind. Solche Wahrheiten sind die jetzt durch Schrift und Wort verkündeten über das Wesen des Menschen, das heißt seinen Aufbau aus den Gliedern der physischen, seelischen und geistigen Welt, seine Entwickelung und allmähliche Vervollkommnung durch eine Reihe von Erdenleben hindurch; ferner über das Gesetz des Zusammenhanges von Ursache und Wirkung in der geistigen Welt, das man gewohnt ist als Karma zu bezeichnen; außerdem über gewisse Vorgänge der Erdentwickelung, die sich dem geöffneten Auge des Sehers erschließen, und die man kennen muß, wenn man des Menschen höhere Bestimmung verstehen will. Dazu kommen gewisse Erkenntnisse über die höheren geistigen Welten, ohne die man keine Einsicht haben kann in die Entwickelung des Weltgebäudes, und ohne deren Kenntnis man vor allen Dingen nichts darüber wissen kann, was sich hinter dem Tode verbirgt, was als der unsichtbare und unsterbliche Teil der menschlichen Natur anzusehen ist.
Diese Erkenntnisse sind in der Form, wie sie durch die theosophische Bewegung in Büchern, Aufsätzen und Vorträgen: verbreitet werden, seit langer Zeit vorhanden. Aber sie wurden in dieser Form nicht öffentlich verkündet. Man teilte sie nur denen mit, die man erst auf ihre intellektuellen, seelischen und moralischen Fähigkeiten hin sorgfältig geprüft hatte. Die Prüfung auf die intellektuellen Fähigkeiten hin hatte den Zweck, die Lehren nur an solche Menschen herankommen zu lassen, welche sie vermöge ihrer Verstandes- und Vernunftskraft wirklich einsehen können. Denn die hohen geistigen Wahrheiten sind eben derart, daß sie ein unvollkommener Verstand zunächst sogar unsinnig finden kann. Treten sie an einen solchen heran, so können sie nur mißverstanden werden. Und abgesehen davon, daß durch ein solches Mitteilen etwas völlig Unnützes gemacht würde, muß dasselbe im höchsten Grade beunruhigend auf das Gemüt dessen wirken, dem die Mitteilung gemacht wird. Denn während, wenn sie richtig verstanden werden, diese Lehren das Glück und die Seligkeit des Menschen bewirken, müssen sie, mißverstanden, Unheil in der Seele bewirken. Eine kleine Wahrheit wird, wenn sie durch eine zu geringe Urteilskraft verzerrt wird, kein besonderes Unheil anrichten, denn sie bewirkt nur geringe Gemütserschütterungen der Seele. Eine große Wahrheit wird als etwas empfunden, was in das Heil und in die Kräfte der Seele eingreift. Wird sie verzerrt oder karikiert, so bewirkt sie das Gegenteil dessen, was sie bewirken sollte. Bei richtigem Begreifen hebt sie den Menschen zu einer erhöhten Lebensführung, bei einer verkehrten Erfassung macht sie ihn niedriger, als er ohne sie sein würde. Auch führt ein mißverständliches Erfassen der höheren Wahrheiten nicht nur zu einer unnützen, sondern zu einer schädlichen Diskussion derselben. Es wird durch eine solche Diskussion die Seele verworren gemacht, und weil die Wahrheiten eben einschneidende sind, bleibt es nicht, wie bei der Diskussion über Unbedeutendes, bei einem bloßen Irrtume des Verstandes, sondern ein solcher Irrtum kann zur Zerrüttung des ganzen Seelengefüges, mit andern Worten, zur Erkrankung des ganzen Menschen führen. Und werden gar solche Erkenntnisse öffentlich mitgeteilt, dann ergreift der Schaden nicht nur einzelne, sondern viele.
Daher verlangte man in den Geheimschulen, daß zuerst die richtigen Verstandeskräfte da seien, dann teilte man stufenweise mit, was man für geraten fand, mitzuteilen ... Die seelischen Kräfte mußten vorbereitet sein, damit der Zögling der höheren Geheimnisse diese in würdiger Stimmung und Gemütsverfassung empfing. Denn das Gefühl, mit dem man an eine Wahrheit herantritt, gibt dieser eine gewisse geistige Färbung. Und es ist bei den höheren Wahrheiten so, daß sie unrichtig wirken, wenn man sich ihnen nicht in der richtigen Empfindung nähert. Eine Wahrheit, die sich auf physische Dinge bezieht, wird nicht sonderlich entstellt, wenn man sie in einer unrichtigen Stimmung empfängt. Bei einer höheren Wahrheit ist genau das Gegenteil der Fall ... Die moralischen Kräfte des Kandidaten der höheren Schulung mußten geprüft sein, weil die entsprechenden Erkenntnisse unbedingt den Schleier hinwegreißen, der für den Menschen selbst über gewisse verborgene Seiten seiner Natur gebreitet ist. Diese verborgenen Seiten des menschlichen Wesens werden an die Oberfläche getrieben. Im gewöhnlichen Leben sind sie verhüllt durch die anerzogenen Gewohnheiten, durch das, was nach den Lebensverhältnissen der Umgebung als das richtige angesehen wird und durch vielerlei andere Dinge. Dies ist der Fall zum Heile des einzelnen Menschen und der ganzen Menschheit. Wie viele Neigungen, Triebe, Affekte, Leidenschaften, die, wenn sie losgelassen, verheerend wirken würden, werden rein durch solche Dinge zurückgehalten.
Es gehört nun zu den ersten Wirkungen der höheren Wahrheiten, daß sie den Menschen ganz befreien von allen solchen Dingen. Alles, was von außen seine Natur mildert, fällt weg. Es verliert über ihn die Herrschaft, und er kann fernerhin nur mehr sein eigener Herr sein. Der Mensch braucht gar nicht einmal gleich einzusehen, daß dies der Fall ist. Sobald die höheren Erkenntnisse an ihn herantreten, wird er sich selbst überantwortet. Er muß nun stark genug dazu sein, die Führung seiner Moral, seiner Neigungen und Gewohnheiten usw. selbst in die Hand zu nehmen. Das kann er nur, wenn er durch eigene Kraft alles zurückdrängen kann, was früher die wohltuenden Verhältnisse der Außenwelt in das richtige Geleise gebracht haben. Nur ein Beispiel sei aus diesem Gebiete angeführt. In besonderem Maße zeigt sich bei dem angehenden Zögling der höheren Geheimnisse der Hang zur Eitelkeit. Hat er nicht die Kraft, diese zurückzudrängen, dann wächst sie ins Maßlose und bringt ihn auf die verderblichsten Wege. Es ist möglich, daß diese Eitelkeit sich in alle möglichen Masken, sogar in die ihres Gegenteiles verhüllt. Und während dann der Mensch glaubt, ganz besonders bescheiden zu werden, ist diese Bescheidenheit nichts als die Maske einer furchtbaren Eitelkeit ... Man sieht, warum die alten Geheimgesellschaften solch strenge Prüfung von ihren Zöglingen verlangt haben.
Gewiß muß sich nun solchen Tatsachen gegenüber sofort die Frage aufdrängen: wenn das so ist, warum werden diese Wahrheiten nicht weiter ebenso behandelt wie früher; ist es überhaupt recht, daß die theosophische Bewegung einiges von ihnen der Öffentlichkeit mitteilt? Es soll gleich gesagt werden, daß eine große Anzahl derjenigen Personen, die im Besitze solcher Wahrheiten sind, für diese auch gegenwärtig das Prinzip der Geheimhaltung befolgen, und manche derselben glauben, daß durch die theosophische Bewegung wirklich ein Unrecht geschehe.
Nun liegt aber die Sache so: Der höhere Teil der geistigen Erkenntnisse wird noch für lange Zeit in der angegebenen Weise geheim gehalten werden müssen. Was durch die theosophische Bewegung veröffentlicht wird, ist der elementare Teil. Dieser aber kann nicht länger geheim gehalten werden. Denn die Menschheit ist in vielen ihrer Teile auf einer Entwickelungsstufe angelangt, auf der sie ihn nicht entbehren kann. Er muß veröffentlicht werden, weil ohne ihn gewisse Seelenbedürfnisse der Menschheit nicht mehr befriedigt werden können. Ohne diese Veröffentlichung müßte das Seelenleben veröden.
Man darf nämlich nicht glauben, daß die bezeichneten Erkenntnisse bisher in jeder Form der Menschheit vorenthalten worden sind. Nur in der Form, wie sie in den Geheimschulen lebten, und wie sie nun durch die theosophische Bewegung mitgeteilt werden, sind sie geheim gehalten worden. Aber selbst die Menschen, die in den allereinfachsten Verhältnissen lebten, konnten sie in jener Form erhalten, in der es für sie angemessen war. Die Märchen und Mythen enthalten diese Wahrheiten in Form von Bildern, von Gleichnissen usw. Es kommt nur aus materialistischer Gesinnung heraus, daß man in den Märchen, Sagen, Mythen die in ihnen liegenden tiefen Weisheiten nicht erkennen oder nicht anerkennen will. Es kann hier zunächst nicht die Aufgabe sein, zu zeigen, was leicht gezeigt werden könnte, daß in Sagen und Mythen bildlich viel, viel größere Weisheiten über die Natur und die Menschheitsgeheimnisse enthalten sind, als in den Darlegungen unserer heute so fortgeschrittenen Wissenschaften. Völkern auf gewissen Kulturstufen muß man eben im Bilde geben, was bei einer höheren Entwickelung des Intellektes in Ideen an den Menschen herantreten muß. Allerdings gibt es viele Menschen noch heute, die da glauben, was nicht der Verstand begriffen hat, das sei überhaupt nicht verstanden. Dem gegenüber muß aber betont werden, daß nicht nur der Verstand ein Erkenntnisvermögen ist, sondern daß man wirklich auch durch das Gefühl, durch die Phantasie und durch andere Seelenkräfte die Dinge verstehen kann. Und es war ein wirkliches Verstehen für gewisse Stufen der Entwickelung, wenn die Menschen im Märchen, im Mythus die Weltgeheimnisse auf sich wirken ließen. Ja es kann für solche Entwickelungsstufen eine andere Form nicht einmal in Betracht kommen. Diejenige Form der höheren Wahrheiten, wie man sie heute in der Theosophie findet, verbleibt für solche Zeiten den Geheimlehren und ihren Schülern. Auf andern Entwickelungsstufen sind es die Religionen, in deren Form die Geheimnisse der unsichtbaren Welten den Menschen verkündet werden. In allen Religionen sind die höheren Geheimnisse in einer für das Gemüt und den Glauben zugerichteten Form enthalten. Wer nicht mit materialistischem Vorurteil, sondern ganz unbefangen und voraussetzungslos die Religionen studiert, der findet in ihnen alle Geheimlehren, so daß in einer jeden bestimmten Religion diese Lehren, angepaßt dem Charakter, dem Temperament und der Kultur desjenigen Volkes und derjenigen Zeit, für die sie bestimmt sind, enthalten sind.
Mythen, Sagen, Religionen sind die verschiedenen Wege, auf denen die höchsten Wahrheiten den Menschen in ihrer Mehrzahl übermittelt worden sind. Das mußte auch weiter geschehen, wenn es ausreichen würde. Aber es reicht nicht mehr aus. Die Menschheit ist gegenwärtig auf einer Entwickelungsstufe angelangt, auf der ein großer Teil von ihr alle Religion verlieren würde, wenn die ihr zugrunde liegenden höheren Wahrheiten nicht auch in einer Form verkündigt würden, so daß auch das schärfste Nachdenken sie als gültig ansehen kann. Die Religionen sind wahr, aber die Zeit ist für viele Menschen vorüber, in der Begreifen durch den bloßen Glauben möglich war. Und die Zahl der Menschen, für die das gilt, wird in der nächsten Zukunft mit ungeahnter Schnelligkeit zunehmen. Das wissen diejenigen, welche die Entwickelungsgesetze der Menschheit wirklich kennen. Wenn die den religiösen Vorstellungen zugrunde liegenden Weisheiten nicht in einer dem vollkommenen Denken standhaltenden Form in der Gegenwart öffentlich verkündet würden, so müßte alsbald der völlige Zweifel und Unglaube gegenüber der unsichtbaren Welt hereinbrechen. Und eine Zeit, in der das der Fall wäre, wäre trotz aller materiellen Kultur eine Zeit, schlimmer als eine solche der Barbarei. Wer die wirklichen Bedingungen des Menschenlebens kennt, der weiß, daß der Mensch ohne Verhältnis zum Unsichtbaren ebensowenig leben kann, wie eine Pflanze ohne nährende Säfte.
In dem eben erschienenen Aufsatze über die Erziehung des Kindes sieht man, wie nur die theosophischen Wahrheiten in der nächsten Zeit wirklich praktisch im Leben wirken können. Ein gleiches könnte für die verschiedensten Gebiete des Lebens gezeigt werden.
Die Wahrheit ist eben die, daß man gegenwärtig die Erkenntnisse über die unsichtbaren Welten in der theosophischen Form der Menschheit überliefern muß, wie man sie ihr chemals in der Form der Gleichnisse und Bilder überliefert hat. Theosophie, richtig verstanden, ist keine neue Religion, auch keine religiöse Sekte, sondern das richtige Mittel der gegenwärtigen Zeit, die Weisheit der Religion so zu zeigen, wie das für den Menschen dieser Zeit notwendig ist. Theosophie gründet keine neue Religion, denn sie liefert gerade die Beweise für die Gültigkeit der alten, und wird so dieser zur festesten Stütze ... Theosophie ist aber auch keine Sache für ein paar Schwärmer, denn sie macht den Menschen bekannt mit der unsichtbaren Welt, aus der er die Kräfte nehmen muß für die sichtbare.
So entspringt Theosophie aus der Erkenntnis dessen, was der Menschheit gegenwärtig notwendig ist. Und notwendig ist ihr, daß sie einige der geheimwissenschaftlichen Wahrheiten kennenlernt. Weil die Tatsachen so liegen, deshalb haben diese Wahrheiten so mächtig auf viele Seelen gewirkt, als sie vor einigen Jahrzehnten zuerst veröffentlicht worden sind, und deshalb liegt die wahre Mission der theosophischen Bewegung in der taktvollen Veröffentlichung solcher Wahrheiten. Man versuche nur einmal, die theosophische Bewegung auf eine andere Grundlage zu stellen, und sie wird in der kürzesten Zeit aufgehört haben, denen etwas zu sein, die seit ihrem Anfang, aus einem wahren gegenwärtigen Menschheitsbedürfnisse heraus, sich ihr zugewendet haben. Man sage nur ja nicht, daß diese Wahrheiten über die höheren Geheimnisse nur dem wertvoll seien, der sie hellseherisch erfassen kann. Nichts ist unrichtiger als dieses. Denn Hellsehen ist nur notwendig zum Auffinden dieser Wahrheiten. Sind sie aufgefunden, dann kann sie jeder Mensch verstehen, der seinen Verstand wirklich genügend anstrengt. Es ist nur leere Phrase, wenn etwa gesagt wird, diese Dinge müßten erst bewiesen werden. Sie sind bewiesen, sobald man sie nur wirklich begreifen will. Findet sie jemand unbewiesen, so rührt das nicht davon her, daß sie erst durch besondere Mittel bewiesen werden müßten, sondern lediglich davon, daß der betreffende Mensch noch nicht genügend darüber nachgedacht hat.
Nun besteht seit mehr als dreißig Jahren eine Theosophische Gesellschaft, die ein Mittel sein soll zur Pflege der theosophischen Bewegung. Diese Gesellschaft hat drei Grundsätze: Der erste ist: «Den Kern eines allgemeinen Bruderbundes der Menschheit zu bilden, ohne Unterschied des Glaubens, der Nation, des Standes, des Geschlechtes.» Der zweite Grundsatz ist: «Die Erkenntnis des Wahrheitskernes aller Religionen aufzudecken.» Ihre dritte Regel ist: «Die tieferen geistigen Kräfte zu erforschen, welche in der Menschennatur und in der übrigen Welt schlummern.»
Hält man sich an das in diesem Aufsatz über die eigentliche Mission der theosophischen Bewegung Gesagte, so wird man unschwer erkennen, daß die Theosophische Gesellschaft nur wegen des dritten Zieles eine Daseinsberechtigung hat.
Man sehe doch einmal vorurteilslos zu. Zweifellos muß die Begründung des Bruderbundes das Ziel jedes guten Menschen sein. Und deshalb bestehen unzählige Vereine und Gesellschaften, welche dieses Ziel als ihr Idealerkennen. Man braucht ganz gewiß nicht Theosoph zu werden, um sich zu einem solchen Ideale zu bekennen. Die Theosophische Gesellschaft hat überhaupt nur einen Sinn, wenn man sich innerhalb ihrer über dieses Ideal so ausspricht: Jeder gute Mensch anerkennt das Ideal der allgemeinen Bruderschaft. Es wird durch verschiedene menschliche Verbrüderungen zu verwirklichen gesucht. Es kommt nur darauf an, daß zur Verwirklichung die richtigen Mittel gewählt werden. Das untauglichste Mittel ist sicher das, fortwährend nur in sentimentaler Art davon zu reden, die Menschen sollen sich brüderlich lieben, sollen eine Einheit und Harmonie bilden, und wie eben die schönen Redensarten alle heißen, mit denen leider oft gerade von Theosophen nur so herumgeworfen wird. Solches Reden ist nicht mehr wert, als wenn sich jemand vor einen Ofen hinstellt und fortwährend sagt: Lieber Ofen, du bist mir dann ein braver Ofen, wenn du zur rechten Zeit das Zimmer heizest. Also sei nur immer recht hübsch warm, wenn es nötig ist. Will man, daß der Ofen wirklich warm mache, so rede man nicht von seiner Ofenaufgabe, sondern versorge ihn mit Heizmaterial. Die theosophische Bewegung kann als das richtige «Heizmaterial» für die menschliche Verbrüderung nur die oben besprochenen geheimwissenschaftlichen Erkenntnisse betrachten. Nimmt die Seele diese Erkenntnisse in sich auf, dann bewirken sie in ihr ebenso den Sinn für wahre Verbrüderung, wie in dem Ofen das Heizmaterial in richtiger Behandlung die Wärme bewirkt. Es ist im Sinne der theosophischen Einsicht, zu sagen: Gewiß verfolgen auch andere Leute als die Theosophen gegenwärtig dieses Ideal, aber sie können es nicht erreichen, weil sie nicht das rechte Mittel der geheimwissenschaftlichen Erkenntnis anwenden. Zweifellos ist es ja leichter, immer wieder zu sagen: Brüderlichkeit, Brüderlichkeit, als sich zu durchdringen mit den geheimwissenschaftlichen Erkenntnissen; aber es ist ja für den Christen auch leichter, immer wieder zu sagen: Herr, Herr, als sich mit wirklichem christlichem Inhalt zu durchdringen. Zudem ist das Reden von Brüderlichkeit gar nicht ungefährlich, weil es eine Wolke von intellektueller Bequemlichkeit um den Redenden breitet, welche das ernste Streben zu wirklichen Erkenntnissen in einer Art seelischer Wollust ersticken kann. Viele sind sich nämlich gar nicht bewußt, daß es eine Art intellektuellen Behagens ist, das sie in die Selbstberauschung hineintreibt, die sie empfinden, wenn sie immer wieder sich die Lust bereiten, die in den Gedanken: Brüderlichkeit, Eintracht, Harmonie liegt. Das beste Mittel, eine leichte Beute gewisser dunkler Mächte zu werden, ist der intellektuelle Wollustrausch, der von den Phrasen: Einheit, Brüderlichkeit, Harmonie ausgeht ... Gute Theosophen sollten es sich zum Gebot machen, möglichst die Worte: Brüderlichkeit, Harmonie, Einheit zu vermeiden und dafür die wirklichen geheimwissenschaftlichen Erkenntnisse zu pflegen, welche die rechten Mittel zur Erlangung dessen sind, für das man seine Schätzung am besten dadurch bekundet, daß man es nicht eitel ausspricht.
Ebensowenig aber kann die «wissenschaftliche» Erforschung der religiösen Urkunden als solcher ein selbständiges Ziel der theosophischen Bewegung sein. Dazu braucht man doch nur Gelehrter, nicht aber Theosoph zu sein. Gar die vergleichende Betrachtung der Urkunden: was hat sie anderes mit der theosophischen Bewegung zu tun, als daß sie zeigt, wie in diesen Urkunden die geheimwissenschaftlichen Wahrheiten enthalten sind? Aber das kann nur ein solcher zeigen, der die Geheimwissenschaft wirklich kennt. Ein wahres Muster einer echten geheimwissenschaftlichen Betrachtung der Religion hat Edouard Schuré in seinen «Großen Eingeweihten» gegeben. Er hat den geheimwissenschaftlichen Kern bei den großen Religionsstiftern bloßgelegt. Dabei mußte er natürlich über die bloße gelehrte Betrachtung hinausgehen. Es ist nur natürlich, wenn ihm bloße Gelehrte einwenden, er habe sich weniger an die Urkunden, als an seine Imagination gehalten. Es ist nur zu wünschen, daß ein 'Theosoph solch einen Einwand nicht mache, denn er machte sich dadurch zweier Irrtümer schuldig: erstens ist ein solcher Einwand naiv, so naiv, wie es der Einwender selbst gar nicht ahnt, denn jene Gelehrsamkeit zu verteidigen, die damit verteidigt wird, wäre eine Persönlichkeit wie Schuré natürlich ein leichtes, wenn sie sich zu ihrem Standpunkte herabschrauben wollte, und zweitens zeigt der Einwender, daß er gar nicht einmal ahnt, daß es wirklich noch andere Quellen der Erkenntnis gibt, als die ihm zugänglichen.
So kann als das grundlegende Ziel der theosophischen Bewegung nur der dritte Grundsatz der Theosophischen Gesellschaft, die Pflege der geheimwissenschaftlichen Wahrheiten, die man auch die spirituellen nennt, anerkannt werden. Wird sie einmal diesem Ziel untreu werden, dann muß die hier innen liegende Mission von einer anderen Bewegung übernommen werden, und die Theosophische Gesellschaft wird eine unter vielen anderen gutgemeinten menschlichen Vereinigungen sein, die Brüderlichkeit, Liebe, Pflege von allerlei Wissenschaft und anderes auf ihre Fahne schreiben.
Die Erkenntnis der übersinnlichen Welten zu pflegen ist in dem Vorangehenden als die wesentliche Aufgabe der theosophischen Bewegung bezeichnet worden. Wer diesen Gedanken vertritt, der darf sich nicht unklar darüber sein, welche Hindernisse und Schwierigkeiten einer damit gekennzeichneten Arbeit gerade in unserer Zeit entgegentreten. Darüber allerdings kann man sich bald Klarheit verschaffen, daß solche Erkenntnis einer unermeßlich großen Zahl von Menschen der Gegenwart stärkstes Bedürfnis ist. Viele bringen sich ihr da- hingehendes Verlangen mehr oder weniger zum Bewußtsein. Viele aber tun das auch nicht. Diese fühlen nur eine tiefe Unbefriedigung im Leben; sie greifen dieses oder jenes auf, was ihnen zunächst einen geistigen Lebensinhalt zu geben verspricht, und lassen es wieder fallen, weil sich nach einiger Zeit doch die Unbefriedigtheit wieder einstellt. Solche fühlen nur ihren Mangel, gelangen aber zu keinem fruchtbaren Gedanken, was ihnen eigentlich fehlt. Wer das Leben kennt, der weiß eben, daß der Einblick in die höheren Welten von einer Menge von Menschen ersehnt wird, die weitaus größer ist, als von vielen Seiten zugestanden wird. Es wird wirklich in weitesten Kreisen dasjenige gesucht, was gerade eine in rechten Bahnen wandelnde theosophische Bewegung geben kann. Wer Verständnis für diese «rechten Bahnen » hat, dem offenbart sich auch alsbald die Tatsache, daß die echte Pflege höherer Erkenntnisse in ihren Wirkungen so weit sich erstreckt, wie das Menschenleben selbst. Man kann ein Mensch sein, den das Schicksal auf den bescheidensten Platz im Leben gestellt hat, der im engsten Kreise beschäftigt ist: durch wahre Theosophie wird man imstande sein, ein gesundes Denken und ein frohes, in sich befriedigtes Herz zu haben. Das Dasein selbst in der scheinbar alltäglichsten, sonst unbefriedigendsten Lage wird einen tiefen Sinn erhalten. Und man kann Wissenschafter, Künstler, Geschäftsmann, Beamter usw. sein: man wird durch die Theosophie auf jedem Gebiete Schaffenskraft, Arbeitsfreude, Überblick, Sicherheit gewinnen.
Es ist ja durchaus nur die Folge einer mißverständlichen Auffassung der theosophischen Denkungsart, wenn diese dem Leben entfremdet. Wahre Theosophie kann nicht aus dem Leben heraus, sondern nur tiefer in dasselbe hineinführen. Gewiß ist es richtig, zu betonen, daß Theosophie nur dann etwas taugt für den Menschen, wenn dieser nicht bei einigen allgemeinen Gedanken oder Gefühlen stehenbleibt, sondern nicht davor zurückschreckt, wirklich kennenzulernen, was über das Wesen des Menschen, über die Vorgänge und Wesen der höheren Welten, über Menschheits- und Weltenentwickelung gewußt werden kann. Aber wer das kennenlernt, der lernt dadurch auch das Leben im Kleinsten verstehen, und — was nicht scharf genug ausgesprochen werden kann — behandeln.
Wenn in einem Menschen Theosophie in solcher Art wirken soll, dann muß allerdings von ihm eine weitverbreitete Abneigung einmal gründlich bekämpft werden. Diese drückt sich in einer gewissen Geringschätzung dessen aus, was an wirklichen Vorstellungen über die ebengenannten Gebiete durch die Theosophie erlangt werden kann. Man sagt da leicht: «Was brauche ich alle diese Dinge zu kennen über die Grundteile des Menschen, über die Weltentwickelung und so weiter. Das alles sind doch nur Verstandessachen; das ist etwas Intellektuelles. Ich aber will Vertiefung des Gemütes. Die göttlichen Grundlagen des Daseins können doch nicht in solchen «trockenen Begriffen erfaßt werden; sie können nur dutch die lebendige Seele erreicht werden» ... Wenn doch diejenigen, welche so sprechen, etwas mehr Geduld hätten, um sich in die wahre Sachlage zu vertiefen. Durch diese Geduld würden sie nämlich dahin geführt werden, zu erkennen, daß wirkliche Erkenntnisse in dem hier gemeinten Sinne nur ihnen als Verstandessache, als bloßes Intellektuelles erscheinen, weil sie davor Scheu haben, dabei etwas anderes in Bewegung zu bringen als ihren Verstand, ihr trockenes, nüchternes Denken. Sie würden durch solche Geduldaufwendung einsehen, daß eben dasjenige, was ihr Gemüt sucht, in dem gefunden werden muß, was sie als ein «bloßes Intellektuelles» zurückweisen. Sie schrecken davor zurück, daß sie hingebungsvoll sich vertiefen sollen in die Ideen der höheren Welten, und kommen daher gar nicht dahin, zu erfahren, wie warm, wie lebensvoll das Gemüt gerade durch diese Ideen wird. Es wird das unmittelbare Schicksal solcher Naturen sein, daß sich ihr heißes Sehnen nach einem Inhalt ihrer Seele in sich selbst verzehrt, weil sie zurückstoßen, was ihnen gerade Heilung bringen könnte. Die bloße Redensart «der Mensch kann sich in sich vertiefen, und er wird in sich den Gott finden » genügt wirklich nicht. Und sie genügt auch - nicht, wenn sie auf noch so verschiedene Arten wiederholt wird. Der Mensch ist aus der Welt heraus entstanden; er ist eine «kleine Welt», in welcher in einer gewissen Art alles zusammengedrängt ist, was in der sichtbaren und in einem großen Teil der unsichtbaren Welt enthalten ist. Und man kann den Menschen nicht verstehen, wenn man die Welt nicht versteht. Nicht, wer nur in sein Inneres hineinbrütet, lernt sich erkennen, sondern wer das wahre Wesen der Steine, Pflanzen und Tiere um sich herum erfaßt; denn deren Wesen in Eins zusammengedrängt ist er selbst. In den Sternen, ihrer Wandlung und Verwandlung kann der Mensch die Geheimnisse seiner Seele lesen. In dem, was in urältester Zeit geschehen ist, enträtselt sich dasjenige, was die Seele heute erlebt; und aus der Art, wie das Urälteste zum Gegenwärtigen geworden ist, versteht man, was man selbst ist: und aus diesem Verständnis kann man Befriedigung des Gemütes und Kraft zum Handeln gewinnen. Wahre Welterkenntnis ist eben zugleich wahre Selbsterkenntnis; und sie ist einzig fruchtbare Selbsterkenntnis. In solche Tatsachen sollten sich diejenigen vertiefen, welche zu dem Ausspruche sich immer und immer wieder gedrängt fühlen: « Ja, was die Theosophie uns sagt über Welten- und Menschheitsentwickelung, ist etwas für den Verstand; wir aber wollen Befriedigung des Gemütes.»
Nur das energische Vordringen zu Vorstellungen über höhere Welten in dieser Richtung kann für den Menschen die notwendige Brücke schaffen zwischen Denken, Fühlen und Leben.— Und in diesem Sinne sollen innerhalb der theosophischen Bewegung die Erkenntnisse der übersinnlichen Welten gepflegt werden. Es soll kein Gesichtspunkt zu hoch sein, um sich auf ihn zur Erlangung der Erkenntnisse zu stellen. Aber es muß auch immer wieder jede Möglichkeit gesucht werden, um die höchsten Erkenntnisse für die alleralltäglichsten Dinge des Lebens fruchtbar zu machen. Würde das letztere außer acht gelassen, dann müßte die Theosophie zu Dingen führen, zu denen sie am allerwenigsten führen sollte: zur Sektenbildung, zur engherzigen Dogmatik usw.
Und aus den obigen Andeutungen ist auch der Weg zu finden zu den tieferen Grundlagen dessen, was über die Wirksamkeit der theosophischen Bewegung auf das ethische Leben im Vorangehenden (Seite 276) berührt worden ist. Eine wahre Einsicht in das Wesen der Menschenseele läßt erkennen, daß sittliches Handeln im durchgreifenden Sinne nicht durch das Predigen auch noch so schöner Moralgrundsätze gefördert werden kann. Die Tugend ergibt sich nämlich nicht aus dem, was man als Moralprinzip lernen kann, sondern sie hat ihre Quelle in dem edlen Fühlen. Es ist unter Philosophen viel darüber verhandelt worden, ob die Tugend lehrbar sei. Nun ist sie das gewiß nicht in dem unmittelbaren Sinne, daß man tugendhaft würde, wenn man sich ein System von Tugenden einprägt. Man kann wirklich ein solches Tugendsystem ganz gut kennen, und braucht deshalb kein tugendhafter Mensch zu sein. Ja, man kann noch viel weiter gehen, und sagen — was eben im Vorangehenden schon angedeutet worden ist -: innerhalb der theosophischen Bewegung könnten noch so schöne Moralgrundsätze, noch so viele Prinzipien vertreten werden, wie allgemeine Menschenliebe beschaffen ist; gefördert würde dadurch Wesentliches nichts werden. Aber, wenn es auch durchaus richtig ist, daß auf diesem Wege Tugend nicht erworben werden kann, so wäre doch die Anschauung ganz irrtümlich, daß die Erkenntnis nicht eine Grundlage der Tugend, und die höhere Erkenntnis nicht eine Quelle umfassendster Menschenliebe sein könne. Was man in den Vorstellungen der Theosophie aufnimmt, sind zunächst gar keine Moralgrundsätze, sondern zum Beispiel Ideen über die Menschheits- und Erdenentwickelung. Aber wer vermag, sich diesen Ideen selbstlos hinzugeben, und zwar nicht mit seinem Verstande allein, sondern mit der ganzen Wärme seines Herzens, der entwickelt in sich jenen Quell von Gefühlen, der durch sich selbst das Handeln im Sinne der allgemeinen Menschenliebe aus sich hervorkommen läßt. Das rechte Verständnisfür den ersten Grundsatz der Theosophischen Gesellschaft - Kern eines allgemeinen Bruderbundes — hat man, wenn man rückhaltlos die Erkenntnisse der höheren Welten pflegt, und dabei in der untrüglichen Hoffnung lebt, daß die entsprechenden Tugenden in der sichtbaren Welt sich notwendig aus der Erkenntnis der unsichtbaren Welt ergeben. Denn aus dem geistig Wahren folgt das sittlich Gute.
Was unsere Zeit wirklich braucht, was von denen ersehnt wird, auf deren Seelenzustand oben hingedeutet worden ist: das ist Pflege der Erkenntnis des Übersinnlichen. Und wodurch die rechte Wirkung der theosophischen Bewegung im Leben erreicht werden kann, das ist eben die Erschließung der geistigen Wirklichkeiten. Von zwei Seiten her können nur die Lebensbedingungen dieser Gesellschaft fließen: das eine, worauf es ankommt, ist, den vorhandenen Schatz übersinnlicher Erkenntnisse zu pflegen, und — nach Möglichkeit zu mehren und fortzubilden; das andere aber ist, daß die im Felde der Theosophie Arbeitenden ein offenes Auge haben für die Verhältnisse des Lebens. Sie sollten überall, wo es nur sein kann, beobachten, wo das Leben eine Vertiefung durch die theosophische Vorstellungsart braucht und erfahren kann. Sie sollten das theosophische Licht fallen lassen auf alles, was den gegenwärtigen Menschen berührt. Daß jemand zum Beispiel eine Einsicht in die Gesetze der wiederholten Erdenleben und in die karmische Schicksalsverkettung hat, das ist nur das eine; daß daraus dem Leben Sinn und Kraft gegeben wird, daß der Mensch dadurch tüchtig für die alltäglichsten Aufgaben und zufrieden im Gemüte werde: dies ist das andere: das Wesentlichere.
Es ist auch recht schön, wenn in der Gesellschaft, die sich die Theosophische nennt, das Studium der verschiedenen Religionen getrieben wird, um deren Wahrheitskern zu finden. Aber es kommt eben darauf an, daß man diesen einen Wahrheitskern finde, nicht darauf, daß man die mannigfaltigen Religionen kennenlerne; das letztere ist Sache der Gelehrsamkeit. Die theosophische Bewegung wird auch nach dieser Richtung am günstigsten wirken, wenn ihr die Pflege übersinnlicher Einsichten das ersteist, und ihre Arbeiter, je nach ihren Fähigkeiten, von dem Gesichtspunkte übersinnlicher Welterkenntnis aus Licht verbreiten über das, was die Wissenschaft über die verschiedenen Religionsbekenntnisse zu erforschen vermag.
Wem die obigen Auseinandersetzungen einleuchten, dem ergeben sich ganz bestimmte Empfindungen über die innerhalb der theosophischen Bewegung notwendige Arbeitsweise. Denn die Verbreitung übersinnlicher Erkenntnisse erfordert ein anderes Verhalten als diejenige der gewöhnlichen sinnlichen. Davon legt schon Zeugnis ab, wie ganz anders sich die Träger der übersinnlichen Wahrheiten in früheren Zeiträumen verhalten haben als die Besitzer irgendeines auf die Sinnenwelt bezüglichen Wissens in der Gegenwart. Die letzteren werden sich in der Regel möglichst beeilen, ihr Wissen so schnell als nur irgend möglich der Öffentlichkeit mitzuteilen. Und sie tun damit auf ihrem Felde das Rechte. Denn, was der einzelne erforscht, soll seine Früchte für die ganze Menschheit tragen. Die älteren 'Träger der übersinnlichen Erkenntnisse haben zunächst ihr Wissen vor der Öffentlichkeit geheim gehalten. Sie haben es nur an jene mitgeteilt, welche auf Grund gewisser Bedingungen bewiesen haben, daß sie «berufen» seien. Damit haben sie nicht gegen den Grundsatz gesündigt, daß das Wissen des einzelnen der Gesamtheit dienen müsse. Denn sie haben doch die Wege gefunden, auf denen dieses Wissen für die Menschheit die entsprechenden Früchte trägt. Über diese Wege zu sprechen, ist hier nicht der Ort. Aber sie waren vorhanden. Es ist nun im Vorangehenden (Seite 272) gesagt worden, daß der Besitzer des übersinnlichen Wissens durch die gegenwärtigen Zeitverhältnisse gezwungen ist, mit einem gewissen Teile dieses Wissens an die Öffentlichkeit zu treten. Es geschieht durch das Buch, durch den Vortrag, dutch die Zeitschrift, und auf all die Arten, wie zum Beispiel die theosophische Bewegung zu wirken sucht. — Dadurch aber ergeben sich gewisse Schwierigkeiten. Einerseits fühlen diejenigen, welche sich die Pflege des übersinnlichen Wissens zur Aufgabe setzen, die Verpflichtung, dafür zu sorgen, daß dieses Wissen denen möglichst zugänglich sei, die es suchen. Und anderseits fühlen sie doch gegenüber den wohlbegründeten alten Methoden die Verpflichtung einer gewissen Zurückhaltung. Sie müssen ja, wenn sie wirklich in den Geist der übersinnlichen Erkenntnis eingedrungen sind, sich vollkommen vertraut mit einem Grundsatz gemacht haben, der da etwa so lautet: «Die Tatsache, daß du irgendeine Wahrheit erkannt hast, oder daß du von ihr überzeugt bist, darf für dich kein Grund sein, diese Wahrheit anderen Menschen aufzudrängen. Du sollst sie nur jenen mitteilen, die im rechten Sinne und in völliger Freiheit sie von dir verlangen dürfen.» Wer diesen letzten Grundsatz befolgt, der kann auch nicht im geringsten etwas haben von einem Fanatiker, von einem Sektenbildner. Denn gerade das kennzeichnet den Fanatismus und die Sektenbildung, daß Personen, welche diesen verfallen, in dem Glauben leben: was sie für das Richtige halten, müsse für möglichst viele eine Überzeugung werden. Sie halten ihre Ansichten für die alleinseligmachenden. Dieser Glaube verleitet sie oft, alle nur erdenklichen Mittel anzuwenden, um möglichst viele Anhänger zu gewinnen. Der Träger des übersinnlichen Wissens möchte am liebsten so wenig als nur irgend möglich für die Gewinnung von Anhängern tun. Die Gefühle des Fanatikers, des Sektenstifters sind ihm ganz und gar fremd. Und je mehr er sich auch in der Gegenwart an diese seine Grundgesinnung halten kann, desto mehr wird er es tun. Doch verbieten ihm eben, wie gesagt, die Verhältnisse der Gegenwart, sich ganz an dieses Prinzip zu halten. Er muß an die Öffentlichkeit treten. Aber er hält seine Gesinnung doch insoweit aufrecht, daß er in keinem anderen Sinne an die Öffentlichkeit tritt, als in dem, daß er sagt: «Dies oder jenes habe ich mitzuteilen aus dem Bereich der übersinnlichen Welten; ich sage es, weil es vor der Welt gesagt werden muß. Wer diesen Dingen nähertreten will, der muß es ganz allein deshalb tun, weil er es selber will. Ich werbe nicht um Anhänger; aber ich komme jedem nach Möglichkeit entgegen, der etwas von den Erkenntnissen höherer Welten begehrt.» Es ist dann die Sache des Pflegers höherer Erkenntnisse, daß er den rechten Weg finde zwischen rückhaltlosem Eintreten für seine Sache und jener Zurückhaltung, die niemand mit einer «alleinseligmachenden Weisheit» beglücken will. Er wird seine Sache am besten machen, wenn er so wenig als möglich von dem «fanatischen Weltbeglücker » an sich hat, welcher in dem Übertragen seiner Überzeugungen an andere sein wesentliches Ziel sieht. Man kann sagen: der Fanatiker wirbt um Anhänger; der Träger übersinnlicher Erkenntnisse wartet ganz ruhig, bis sie von selbst kommen. Das erscheint in der Theorie zunächst ganz einfach; in der Praxis ist es gar nicht leicht. Es zeigt aber auch, wieviel auf gewisse Empfindungen Wert gelegt werden soll, die der Arbeiter auf theosophischem Felde haben muß; und wieviel anderseits darauf ankommt, daß er keusch jene Begeisterung zurückdränge, die sich dem gegenwärtigen Menschen auf so natürliche Art ergibt: das der Welt mitzuteilen, was er selbst als seine heilige Überzeugung im Herzen trägt. Bezüglich gewisser höherer Gebiete des übersinnlichen Wissens könnte zum Beispiel gegenwärtig eine solche - vielleicht edle Mitteilungssucht gar nichts Nützliches haben, denn es würde nur ganz wenige geben, welche diese Dinge nicht für Narrheit, für die bedauerlichen Erzeugnisse eines kranken Geistes hielten. Zur Mitteilung darf den Träger des Geheimwissens eben gar nichts anderes reizen, als daß der einzelne Mensch, oder die Menschen, die in Frage kommen, die entsprechenden Mitteilungen zum Heile ihrer Seele und ihres ganzen Menschen brauchen.
Im folgenden Aufsatz über die «Lebensfragen der theosophischen Bewegung» soll über die Schwierigkeiten genauer gesprochen werden, welche insbesondere dem durch die gegenwärtigen Zeitanschauungen erwachsen, der die Arbeit der theosophischen Bewegung» in dem gekennzeichneten Sinne auffaßt.