18. Lebensfragen Der Theosophischen Bewegung
Theosophie und gegenwärtige Geistesströmungen
Wer das Wesen der theosophischen Geistesrichtung kennt und die Gründe, warum sie gerade in der Gegenwart aus einer Seelenangelegenheit einzelner weniger zu einem Gegenstand öffentlicher Vorträge, Zeitschriften, Literaturwerke und so weiter geworden ist, der weiß auch, inwiefern sie sich im Geistesleben der Menschen bewähren muß. Das, was ihr zugrunde liegt, ist als wirkende Kraft diesem Geistesleben notwendig; und es wird von diesem nicht nur angenommen, sondern sogar gefordert werden. Auf Namen und Bezeichnungen wird es dabei allerdings nicht ankommen, sondern auf die Sache. Ob der Name «Theosophie» als Bezeichnung für diese Geistesströmung aus berechtigten Gründen oder aus Vorurteil in den Hintergrund treten wird, das ist für die in Betracht kommende Vorstellungsart und für ihre Arbeit im Leben gleichgültig.
Wichtig aber ist es, daß diejenigen, welche sich zu dieser Vorstellungsart bekennen, sich keiner Illusion darüber hingeben, welche Schwierigkeiten der Annahme ihrer Ideen und Gefühle gerade im Geistesleben der Gegenwart entgegenstehen. Und es ist in unserer Zeit vieles vorhanden, was in weiteren Kreisen ein Verständnis für das eigentliche Wesen der theosophischen Denkungsart schwierig macht. Es liegt nun einmal in der Natur der Dinge, daß jemand, der sich nicht tiefer auf dieses Wesen einläßt, die Eigenart der Theosophie nach dem beurteilt, was ihm als das Kennzeichnende solcher geistigen Betätigungen erscheint, die er mit ihr in eines zusammenwirft. Man kann noch so oft darauf hinweisen, wie die theosophische Vorstellungsart ihren Grundlagen ganz untreu würde, wenn sie in «Sektiererei» verfallen wollte: diejenigen, welche nicht den Willen haben, auf sie einzugehen, werden doch nicht aufhören, ihre Bekenner als eine « Sekte » zu bezeichnen. —- Wer würde es sich zum Beispiel beifallen lassen, eine Anzahl von Menschen, die sich eine gewisse Summe von Naturerkenntnissen angeeignet haben, als Sekte zu bezeichnen. Und wer würde einer Gesellschaft, die sich zur Aufgabe setzt, einen gewissen Zweig der Naturerkenntnis zu pflegen, «Sektiererei» vorwerfen wollen. Diejenigen Menschen aber, die sich in derselben Art gewisse Wahrheiten über Seele und Geist anzueignen bestrebt sind, wird gar mancher mit der Bezeichnung «Sekte» abtun. Und die solches tun, werden nicht einsehen wollen, daß Menschen, die sich zur Pflege gewisser Erkenntnisse über Seelen- und Geistesleben gesellschaftlich zusammenschließen, dies in gar keiner anderen Gesinnung zu tun brauchen, als die ist, die zum Zusammenschlusse einer Gruppe von Menschen führt, welche sich die Pflege naturwissenschaftlicher Wahrheiten zur Aufgabe setzt.
Gegen Vorurteile, die aus solchen Grundlagen aufsprießen, wird eine Diskussion nicht viel fruchten. Nützlich aber wird es sein, sich klar zu werden über die Untergründe solcher Vorurteile.
Es gibt für den Menschen der Gegenwart zunächst drei Beweggründe, durch die er zur Annahme der theosophischen Vorstellungsart gelangen kann. Der erste ist ein gewisses gesundes Empfinden für die Wahrheit dieser Denkrichtung. Der zweite ergibt sich aus dem Betreten des Weges, welcher in diesen Heften als derjenige zur «Erlangung von Erkenntnissen der höheren Welten » vorgezeichnet wird. Der dritteistein bis in die letzten Konsequenzen vorschreitendes, allseitig gründliches Philosophieren. Der erste Weg kann der Vieler sein. Solche werden sich nicht auf viel Philosophie, auf Spekulation einlassen ; sie werden sich nicht breit in wissenschaftliche Darstellungen des Für und Wider vertiefen wollen. Sie lassen auf ihr unmittelbares Gefühl wirken, was in der Theosophie vorgebracht wird, und dieses von Philosophie und wissenschaftlicher Kritik ungetrübte gesunde Gefühl sagt ihnen, daß das Vorgebrachte richtig ist. Es werden zu dieser Art von Bekennern der Theosophie viele von denjenigen gehören, welche im Leben keine Gelegenheit oder Veranlassung gehabt haben, sich mit philosophischen oder wissenschaftlichen Lehren bekannt zu machen, die aber doch durch ihre ganze Geistesverfassung sich unmöglich bei dem beruhigen können, was sonst die Welt zur Befriedigung der großen Rätselfragen des Daseins zu bieten vermag. Diejenigen, welche auf solche Art Bekenner der Theosophie werden, sind in einer gewissen Beziehung die allerwichtigsten und wertvollsten. Wenn man gegen sie oft das Wort gebraucht von den «blinden» Gläubigen, welche ohne gründliche Prüfung auf ihr vertrauendes Gefühl hin gewisse Erkenntnisse annehmen, so bedenkt man eben nicht, daß dieses me nschliche « Gefühl » nicht auf Irrtum, sondern auf Wahrheit angelegt ist. Ein Mensch, dem die Gesundheit des Gefühles nicht durch klügelnden Verstand genommen ist, der empfindet wirklich die Wahrheit. Und wenn der Theosoph zugleich Menschenkenner ist, so wird er allen Grund zu der tiefsten Befriedigung gerade über solche Anhänger seiner Geistesrichtung haben. Denn er wird in ihnen Personen erkennen von echtem, gesundem und ursprünglichem Wahrheitsgefühl. Niemals wird er in den Fehler verfallen können, da von Urteilslosigkeit zu sprechen, wo die Empfindung so richtig urteilt. Und es muß gesagt werden, daß es der Gegenwart und nächster Zukunft zum großen Heile gereichen wird, wenn viele von denjenigen, welche aus diesem oder jenem Grunde den höheren Erkenntnispfad nicht betreten können und auch nicht in tiefere philosophische Gedankengänge sich einzulassen die Möglichkeit haben, sich aus ihrem gesunden Wahrheitssinn heraus zu den theosophischen Wahrheiten bekennen werden.
Der zweite Weg besteht in dem Aneignen der höheren Erkenntnisfähigkeiten. Über diesen wird in den Artikeln dieser Zeitschrift, die davon handeln, manches mitgeteilt. Die Dinge liegen gegenwärtig so, daß sich immer mehr Möglichkeiten eröffnen werden, um den ehrlich Suchenden wenigstens zu den Anfangsschritten dieses Weges zu führen. Wie weit jemand kommt, das hängt von mancherlei ab. Die erste Bedingung ist, daß die Quelle, aus der er seine Anweisungen für die höhere Erkenntnis schöpft, eine richtige und lautere ist. Dem Suchenden steht da kaum ein anderes Mittel zu Gebote als das Vertrauen, das er haben kann zu demjenigen, von dem solche Anweisungen ausgehen. Dieses Vertrauen mögen viele als eine bedenkliche Sache ansehen. Man kann ihnen nur erwidern: wenn dieses Vertrauen auf ruhige und gelassene Empfindungen bei dem Suchenden sich stützt, wenn nichts Leidenschaftliches in einem gewissen Sinne, wenn keine Selbstsucht im Spiele sind, so schwindet das Bedenkliche. Vorsicht ist allerdings etwas, was auf diesem Gebiete nicht stark genug empfohlen werden kann. Wer von wilder Begierde und Leidenschaft nach höherer Erkenntnis erfaßt ist, der kann gewiß leicht getäuscht werden. Wer sich ernstlich prüft, ob sein Streben der Pflicht entspringt, die jeder Mensch hat, seine Fähigkeiten so hoch zu steigern, als es ihm möglich ist, der wird kaum sich täuschen zu lassen brauchen. Und bei allen derartigen Anweisungen, die zu Recht bestehen, wird der Suchende sich bald das Gefühl erwerben können, daß etwas Wahres, Gutes in seinen Anweisungen liegt. Und obgleich dieses Gefühl ein viel intimeres ist als das oben geschilderte unmittelbare für die theosophischen Wahrheiten, so kann es doch auch ein untrüglicher Führer sein.
Ein zweites, das hier in Betracht kommt, ist die geistige Entwickelungsstufe des Suchenden. Wegen dieser wird der eine schneller, der andere langsamer vorwärtskommen. Mancher mag bald die ersten Anzeichen sehen, welche er für Beweise seines Eindringens in die höheren Welten deuten kann; bei manchem kann nach jahrelangem Ringen sich nichts dergleichen beobachten lassen. Es wäre nicht ganz richtig, wenn man sagen wollte, daß der entsprechende Fortschritt zur von dem Entwickelungsgrade des Suchenden abhänge. Es kommt auch darauf an, ob diejenige Quelle, aus welcher die Anweisungen stammen, das Richtige für die betreffende Persönlichkeit findet, und für welche Geschwindigkeit des Fortschreitens etwa ein Lehrer bei dem Suchenden die Verantwortung übernehmen kann und will. Das letztere hängt von vielen Umständen ab. Und in unserer Gegenwart gibt es vieles, was den Lehrenden in die Notwendigkeit versetzt, nicht allzuweit in manchen Fällen zu gehen. Denn er steht seinerseits unter dem strengen Gesetz, daß er niemandem schaden darf. Von der Strenge dieses Gesetzes kann sich der Außenstehende doch nur in geringem Maße eine Vorstellung machen. Es muß aber immer wieder betont werden: von einem wirklichen Lehrer auf diesem Gebiete wird in Wahrheit niemandem geschadet.
Je mehr Personen aus den Kreisen derer, welche sich zur Theosophie bekennen, diesen Pfad betreten, desto besser wird es sein für viele Dinge in Gegenwart und nächster Zukunft. Doch sollte niemand durch etwas anderes als durch seinen ungetrübten freien Willen dazu geführt werden. Denn für dasjenige, was die Theosophie ihrer Natur nach wollen muß, können nur solche Suchende bedeutungsvoll sein, deren Suchen so verläuft, daß sich in ihrem Innern eine immer größere unverbrüchliche Treue zu den geistigen Erkenntnissen und ein zunehmendes Verständnis für das Wesen der geistigen Welten entwickelt. Wenn dagegen Ungeduld und das Gefühl der Enttäuschung sich einstellen, weil man glaubt, auf dem betretenen Wege nicht schnell genug vorwärts zu kommen, so ist das für den Sucher und auch für die Menschheit vom Übel. Und wie leicht begreiflich muß man es finden, wenn sich bei jemand solches Gefühl der Enttäuschung einstellt, der gewisse Vorstellungen, die er sich von seinen. Fortschritten gemacht hat, gar nicht zutreffend finden muß. Und dabei braucht dieser Fort. schritt durchaus nicht wirklich zu fehlen. Er kann in einer gewissen Weise vorhanden sein und dem Sucher lange unbemerkt bleiben. Ohne daß deshalb gewisse elementare, ungeordnete höhere Erlebnisse gering geschätzt werden - das wird von dem wahren Lehrer gewiß nicht getan -, so ist es doch richtig, daß es in vielen Fällen dem Geheimlehrer lieber sein muß, wenn der Fortschritt auf anderen Gebieten liegt als auf dem elementarer höherer Erlebnisse. Die Entwickelung kann oft um so sicherer vor sich gehen, wenn solche Erlebnisse anfangs, ja für lange, ganz fehlen. Sie kommen ja doch mit Gewißheit einmal. Und der Suchende sieht dann auch ein, daß es gut war, daß er darauf so lange hat warten müssen.
Der dritte der angedeuteten Wege ist der, daß der Mensch durch eine gründliche Philosophie und wissenschaftliche Erkenntnis zur theosophischen Vorstellungsart geführt wird. Zwar Entdeckungen können auf diese Art in den höheren Welten nicht gemacht werden. Zum Erforschen, was in diesen Welten vorgeht, und welche Wesen da sind, dazu gehören die durch den Erkenntnispfad entwickelten übersinnlichen Wahrnehmungsfähigkeiten des Menschen. Sind aber die Dinge erforscht und werden sie mitgeteilt durch einen Forscher, so kann der gründlich philosophisch Geschulte ihre Möglichkeit und Richtigkeit einsehen. Er kann alles das finden, was man Verstandesgründe für die Wahrheit des in den höheren Welten Erforschten nennen mag. Allerdings gehört dazu eine wirklich gründliche Philosophie, nicht eine solche, die auf halbem Wege stehen bleibt. Denn ebenso wie eine vollkommene Philosophie und eine gründliche Wissenschaft zur Anerkennung der theosophischen Denkungsart führen, so bieten ungründliche Wissenschaft und unvollendete Philosophie die größten Hindernisse für deren Verständnis. Sie sind es gerade, welche das von der Theosophie Vorgebrachte für Phantasterei, Träumerei, wüste « Mystik » usw. usw. erklären müssen. So heilvolles wäre, wenn recht viele Personen sich auf eine Schulung in solch gründlicher Philosophie einließen, so wenig wird das in der Gegenwart der Fall sein. Gründliche Philosophie erfordert eine starke Hingabe an manches, was vielen Menschen nur das allergeringste Interesse abgewinnen kann. Schon daß dergleichen förderlich ist, werden die wenigsten ohne weiteres einsehen. Und mancher wird bei einem entsprechenden Studium bald nach den ersten Schritten die Sache fallen lassen. Entweder wird er finden, daß er nicht genügend geschult sei, oder er wird die entsagungsvolle Energie nicht aufbringen können. Verlockender mag es ja erscheinen, zu unmittelbarem Schauen auf dem Erkenntnispfade zu kommen; doch sollte nicht vergessen werden, daß auch für den Forscher auf den höheren Gebieten des Daseins ernste Gedankenarbeit keineswegs eine überflüssige Beigabe, sondern die denkbar beste Stütze ist.
Wenn man sich nun frägt: wie stellen sich nach den Bedingungen der Gegenwart weitere Kreise zu diesen drei Wegen, auf denen zunächst zur Theosophie zu gelangen ist, so wird man bald viele Hindernisse gewahr werden, welche sich einem vorurteilslosen Verständnis in den Weg legen.
Das geschilderte gesunde Gefühl für die Wahrheit ist bei vielen aus dem Grunde nicht vorhanden, weil sie unter den Eingebungen dessen stehen, was so vielfach als Ergebnis «streng wissenschaftlicher Tatsachen » hingestellt wird. Die Art, wie durch führende Persönlichkeiten und Kreise solche Tatsachen dargestellt werden, kommt dabei in Betracht. Und diese kann keineswegs leicht durchschaut werden. Deshalb ist es in den allermeisten Fällen durchaus begreiflich, wenn Menschen, welche die wissenschaftlichen Ergebnisse auf sich wirken lassen, zu dem Urteile kommen: gegenüber den sicheren Tatsachen der Wissenschaft seien die «Behauptungen» der Theosophie eitel Phantasterei, wüste 'Träumerei. Und wahr ist es, daß solche Menschen, von ihrem Standpunkte aus, recht haben. Aber nicht minder wahr ist auch, daß die Theosophen Wahnsinnige wären, wenn sie Dinge behaupteten, welche den festgestellten Tatsachen der Wissenschaft widersprechen. Keine theosophische Wahrheit kann im Ernste der sinnlichen und verstandesgemäßen Wissenschaft widersprechen. - Nun aber wird in den Darstellungen wissenschaftlicher Ergebnisse durchaus nicht etwa bloß Mitteilung gemacht von den festgestellten Tatsachen, sondern es wird mit den Tatsachen eine ganz bestimmte Vorstellungsart auf den Lernenden und Lesenden übertragen. Dieses ist in stärkstem Maße der Fall bei den sogenannten «volkstümlichen» Darstellungen wissenschaftlicher Ergebnisse; aber auch die gelehrten und «streng wissenschaftlichen » Leistungen sind davon durchaus nicht frei. In welchem Maße das der Fall ist, sind sich die Darsteller zumeist gar nicht bewußt. Und die Lernenden und Lesenden erst recht nicht. Viele glauben durchaus nur Tatsachen mitzuteilen und doch ist ihre Darstellung ganz beherrscht von einer Weltanschauung, die sich auf den Lernenden und Lesenden überträgt. Der letztere empfängt eine Eingebung; und diese Tatsache entzieht sich in solchem Grade seinem Bewußtsein, daß er meint: er habe sich ein Urteil rein aus Tatsachen gebildet. Das aber, was er mit den Tatsachen durch Eingebung - Suggestion ist ein ungeeignetes, aber heute viel gebrauchtes Wort — empfangen hat, ist geeignet, ihm alle Möglichkeit zunehmen, in den seelischen und geistigen Tatsachen etwas Wirkliches anzuerkennen. Wenn man voll aus denken würde, was mit diesen Dingen gesagt ist, würde man allerdings die gegenwärtige Lehrweise und Literatur mit anderen Augen ansehen, als dies vielfach der Fall ist. Man würde wissen, daß nicht etwa nur Haeckels «Welträtsel», sondern gar manche scheinbar recht harmlose Darstellung zoologischer, botanischer, geologischer, astronomischer Tatsachen in Wahrheit eine Weltanschauung einimpfen. Und viele wären nicht gutgläubige « Monisten » usw., wenn sie nicht in solcher Art mit den Tatsachen zugleich in einer ihnen unmerkbaren Weise geimpft würden.
Dazu kommen die Empfindungen und Gefühle des Zeitalters. Diese neigen auch noch dazu hin, nur das anzuerkennen als wirklich, was handgreiflich und sinnenfällig ist. Ist nun einer gar auf einem bestimmten Gebiete «Sachkenner», dann muß er — ganz ohne sein Bewußtsein — auf den «laienhaften Phantasten» und «Schwärmer» herabsehen, als der ihm der Bekenner der Theosophie nur erscheinen kann. (Man findet nachfolgend einen weiteren Artikel: «Vorurteile aus vermeintlicher Wissenschaft», welcher mit einigen besonderen Beispielen die obigen Wahrheiten illustriert. Es wird dieser letztere Artikel da auch gebracht, weil hier ein möglichst vollständiges Bild von den Hemmnissen, welche die theosophische Weltanschauung gegenwärtig findet, gegeben werden soll.) Nun gelangen die «fachmännischen» Urteile auf tausend und abertausend Wegen gegenwärtig in die weitesten Kreise. Und wenn etwas unter der Flagge «Wissenschaft » heute geht, dann überwältigt schon allein dieses Schlagwort alle eigene Urteilsfähigkeit. Dieser Sachlage muß die Theosophie klar ins Auge schauen. Sie muß verstehen, aus welchen Untergründen die Einwendungen gegen sie kommen. — Es wird von solchen, welche ihre Weltanschauung auf die oben beschriebene Art eingeimpft erhalten, viel getadelt werden über die «Utrteilslosigkeit » derer, welche zur 'Theosophie sich bekennen einfach aus ihrem Wahrheitssinne heraus, und von denen gesagt wird, daß sie gar keine Ahnung haben, wie lächerlich ihr «Glaube » sei gegenüber den feststehenden Tatsachen der Wissenschaft. Es soll gewiß nicht geleugnet werden, daß es Bekenner der Theosophie gibt, welche sich dann, wenn ihnen von seiten der «Wissenschaft» Einwendungen gemacht werden, recht ungeschickt, ja kindlich benehmen. Das ist dann eine gefundene Gabe für diejenigen, welche den blinden «Aberglauben » der Theosophen lächerlich machen wollen. Aber deshalb bleibt es doch richtig, daß gegenüber dem gesunden Wahrheitssinn Vieler die eingeimpften Urteile derjenigen gar nichts zu bedeuten haben, die sich auf ihre «wissenschaftlich begründete» Weltanschauung berufen. Wird man einmal lernen, wirklich nur die sinnenfälligen Tatsachen darzustellen und ihre verstandesgemäße Folge, dann wird man auch erkennen, daß wahre Naturerkenntnis die vollkommene Grundlage der Theosophie darstellen kann.
Vorläufig liegen allerdings die Dinge für die eigentlich gelehrten Kreise und ihren Anhang am schlimmsten. Nicht die Tatsachen, welche sie erforschen und deren Auffindung für die Menschheit ein Segen ist, wohl aber die in diesen Kreisen gewohnte Vorstellungsart und Weltanschauung hüllen sie in Befangenheit. Dies ist in so hohem Grade der Fall, daßesin der Tat für einen Angehörigen solcher Kreise nichtetwabloß kompromittierend, sondern eine völlige Unmöglichkeit ist, der Theosophie nahezutreten. Man braucht keinen herben kritischen Maßstab an solche Tatsachen anzulegen. Man tut besser, wenn man sie als eine notwendige Zeiterscheinung zu verstehen sucht. Man wird dann wissen, daß mancher wegen des geistigen Zusammenhangs, in dem er steht, gar nicht anders kann, als die Theosophie streng ablehnen. Das ist durchaus nicht etwa mit Bezug auf diejenigen gesagt, welche aus äußeren Rücksichten zu solcher Ablehnung kommen. Sondern es ist von jenen zahlreichen, vom Grund aus ehrlichen Seelen gemeint, die mit ihrem Urteile dutch ihren geistigen Zusammenhang Gefangene sind.
Für denjenigen Weg nun, welcher als Erkenntnispfad bezeichnet wird, muß notwendigerweise bei vielen das Verständnis auch nur ein geringes sein. Denn gegen ihn nimmt alles ein, was in der Gegenwart von «notwendigen Grenzen» der menschlichen Erkenntnis gefabelt wird. Man redet viel von Entwickelung: wenn aber jemand sagt, daß die Fähigkeiten der Erkenntnis, welche der Mensch auf seinem jeweiligen Standpunkte hat, kein Abschluß sind, sondern daß sie bewußt zu einem höheren Grade fortentwickelt werden können, dann begegnet eine solche Aussage entweder vollkommenem Zweifel oder der Gleichgültigkeit. Man wird sich immer wieder bemühen, festzustellen, was der Mensch nach Maßgabe seiner Fähigkeiten zu erkennen vermag; daß er dutch Steigerung dieser Fähigkeiten in neue Welten einzudringen vermag, das wollen viele nicht zugeben. Der Theosoph wird gewiß niemals behaupten, daß man mit den Fähigkeiten, die von vielen seiner Gegner gemeint sind, in höhere Welten dringen könne; doch weiß er, daß es dem Menschen möglich ist, solche Fähigkeiten in sich zu erwecken, die in diese Welten führen. Die Zeitgenossen halten es vielfach für Hochmut und Selbstüberhebung, wenn jemand von Fähigkeiten spricht, in übersinnliche Welten einzudringen. Aber ist es Hochmut, wenn man von dem spricht, was unter gewissen Voraussetzungen wahrgenommen werden kann; oder darf man es nicht vielmehr als Hochmut bezeichnen, wenn jemand als ausgemacht hält, daß alles Unsinn und Phantasterei sein müsse, wovon er kein Wissen hat oder haben will? Die Theosophie kann sich einzig und allein auf den Standpunkt stellen, daß man nicht entscheiden solle über das, worüber man nichts weiß.
Auch in bezug auf den dritten der angegebenen Wege zur Theosophie ergeben sich aus unseren Zeitverhältnissen heraus große Schwierigkeiten. Von diesen Schwierigkeiten läßt sich am schwersten sprechen, weil das zu Sagende nur allzu leicht als Anmaßung ausgelegt werden kann. Man möchte am liebsten über diesen Punktschweigen, wenn es nicht doch nützlich, ja notwendig wäre, gerade nach dieser Richtung zuweilen auf die Tatsachen hinzudeuten. Die philosophische Bildung unserer Zeit ist nämlich keineswegs eine hohe oder gründliche. Es sind viele Ursachen vorhanden, warum dies so ist. Unsere Philosophie ist unfruchtbar in bezug auf ein freies Denken, das den Tatsachen der sinnlichen Erfahrung mit souveräner Urteilskraft entgegentreten könnte. Sie ist von einer den Philosophen unbewußten Ängstlichkeit belastet, den sicheren Boden unter den Füßen zu verlieren. Sie sieht sich überall nach Stützen und Unterlagen für ihre Aussagen um, nur nicht da, wo sie zu finden sind, in gewissen inneren Tatsachen des sich selbst produzierenden und sich selbst seine Gewißheit gebenden Denkens. Es soll nicht geleugnet werden, daß da und dort mancher erfreuliche Ansatz zu finden ist. Aber die Zeitgesinnung lastet gerade auf dem philosophischen Denken am meisten. Und diese Zeitgesinnung hat einmal die Schwäche, die Quellen der Gewißheit nicht im Innern des Menschen zu erschließen, sondern sich von irgend etwas, was außer dem Menschen ist, die Gewißheit geben zu lassen. In der Naturwissenschaft kann das ein Segen in mancher Beziehung sein, denn ein undiszipliniertes Philosophieren kommt da gar leicht ins Schwärmen; aber für die Philosophie ist diese Gesinnung lähmend. Geradezu schlimm ist die Sache bei den erkenntnistheoretischen Untersuchungen. Sie werden gegenwärtig ganz eifrig betrieben, und waren es noch viel mehr in den letzten Jahrzehnten. Aber eine Gesundheit kann in ihnen nicht aufkommen, solange man nicht über das Vorurteil hinauskommt, daß der Mensch nur in seinen Vorstellungen lebe, und diese nicht die objektive Wirklichkeit in sich aufnehmen. Es ist etwas Ungeheuerliches für manchen Erkenntnistheoretiker, aber es muß doch gesagt werden: das Urteil, es gehe nichts von der Wirklichkeit in die Vorstellung ein, gleicht dem: es gehe nichts von dem Metalle des Petschaft ein in den Abdruck im Siegellack. Gewiß geht nichts von der Materie des Petschaft in den Siegelabdruck ein; aber das, worauf es ankommt, ist restlos in dem Abdrucke zu ersehen. So ist es mit der menschlichen Vorstellungswelt. Die ganze Welt — mit allen ihren Geheimnissen kann durch sie gefunden werden, wenn man sich nicht von vornherein durch die zwar zweifellose, aber nichts bedeutende Tatsache täuschen läßt, daß der «Tisch an sich» nicht in die «Vorstellung» des Tisches eingehe. (In meiner «Philosophie der Freiheit» kann man Erschöpfendes über diese Dinge lesen.) So ist es leider nur zu wahr, daß die gegenwärtig geltende Philosophie sich wenig geeignet erweist, zur Theosophie zu führen. Und derjenige, der unter der Autorität dieser Philosophie steht, hat an ihr nur ein Hindernis, zum Verständnisse der höheren Welten zu kommen.
Insonderheit die letztere Tatsache ist für die Theosophie schlimm. Denn diese ist dadurch in die Lage versetzt, den Anschein zu erwecken, als ob sie sich gegen alle berechtigten wissenschaftlichen Zeiterscheinungen auflehnen wollte. Für die Theosophen könnte es aber nichts Besseres geben, als wenn sie überall nur hinweisen könnten, wo es etwas für ihre volle Anerkennung und Zustimmung gibt. Zum Opponieren hat die Theosophie ganz und gar nicht den Beruf; und sie wird solches vermeiden sollen, solange es nur irgend möglich ist. Wer genauer zusieht, der wird auch unschwer erkennen können, daß die echte Theosophie nur Positives geben und sich eigentlich nirgends als Gegner aufspielen will. Aber sie kann auch nicht die Augen verschließen vor der Tatsache, daß ihr aus den Zeitstimmungen heraus ganz bestimmte Gegnerschaften erstehen müssen. Und sie muß diese Gegnerschaften in ihrer Eigenart ruhig charakterisieren. Würde sie das nicht tun, so müßte ein großer Teil ihrer Arbeit unfruchtbar bleiben. Denn die naturgemäßen Gegner müßten mit Recht zu dem Glauben kommen, daß die Theosophen weltfremde Leute seien, die nichts verstehen von den sicheren Widerlegungen ihrer «Behauptungen ». Um diesen Glauben als solchen brauchte sich die Theosophie ja auch nicht weiter zu kümmern, wenn es bloß um die theoretische Widerlegung sich handelte. Diese könnte man ganz auf sich beruhen lassen. Worauf es aber ankommt, das ist, mit sehenden Augen zu arbeiten und seine Arbeit so einzurichten, daß sie nicht wirkungslos abprallt an den Widerständen, die von den Empfindungen und Vorurteilen der Gegenwart aufgerichtet werden.