21. Notiz über Friedrich August Wolf

In bezug auf die in dem Aufsatze über «Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft» entwickelten Tatsachen mag es nicht uninteressant erscheinen, die tastenden Versuche eines Mannes kennenzulernen, der sich vor mehr als hundert Jahren ohne das Hilfsmittel der Geisteswissenschaft eine Vorstellung zu bilden bestrebte über die verschiedenen Lebensalter des heranwachsenden Menschen. Es ist gemeint der im Zeitalter Goethes berühmte Philologe Friedrich August Wolf. Etwas grotesk nimmt sich sein Versuch aus, die «Entwickelungsstufen des männlichen Individuums » zu beschreiben. Doch zeigte er zugleich, daß ein nach dem Wesen der Erziehung forschender Geist die Notwendigkeit empfinden muß, nicht mit allgemeinen Redensarten, wie sie so häufig in der Erziehungskunde zu finden sind, die betreffenden Fragen zu lösen, sondern, wie er darauf ausgehen muß, das Wesen der verschiedenen Lebensstufen im einzelnen zu überblicken. Wie nötig die Geisteswissenschaft ist, um an die Stelle willkürlicher Einteilungen und phantastischer Vorstellungen auf diesem Gebiete solche Erkenntnisse zu setzen, die in der Wirklichkeit begründet sind: das zeigt wohl anschaulich dieser doch gewiß gut gemeinte, aber ohne alle wirkliche Grundlage unternommene Versuch Friedrich August Wolfs. Er lautet:

  1. Goldenes mildharmonisches Zeitalter. Indianer- und Südseeinsulaner vom ersten bis zum.dritten Jahre ;unentzweiteKindheit.
  1. Asiatischer Kampf. Zustand der nordamerikanischen und anderer Wilden. Heroenzeit der Griechen. - Erste Kraftübungen, Begriffsbildung. Knabenalter bis zum sechsten Jahre.
  1. Griechenzeit von Homer bis Alexander. Noch nicht reflektierend, doch erfinderisch und dichterisch. — Jugendzeit bis etwa zum neunten Jahre.
  1. Römerzeit. Übergang in die sogenannten Flegeljahre (aber diese adle man durch Römerzeit). -— Etwa bis zum zwölften Jahre.
  1. Mittelalter. Ritterzeitgeist, Kraftwuchs. Bis zum fünfzehnten Jahre. Zu adeln durch Religion, geistige Liebe, Chevalerie, Achtung gegen das weibliche Geschlecht, kühne, schwärmerische Unternehmungen.
  1. Wiedererwachen der Künste und Wissenschaften mit reflektierendem, kritischen Geiste. Am Gymnasium. Geistige Ringerschule, geadelt durch Studium der Alten, aber mit später Übung des Erfindungs- und Entdeckungsgeistes, der Interpretation, Kritik — von der niedern bis zur höhern - im Herzen durch feinere Ritterzeit der Minnesänger und petrarchischen Liebe. Weitere Entdeckungsperiode. — Bis zum achtzehnten Jahre.
  1. Reformations- und systematische Wißzeit, geadelt durch edlere Freiheit, wärmste Erweckung bis zur Aufopferung für Wahrheit und Recht. Universitätszeit. - Bis zum einundzwanzigsten Jahre.
  1. Bildung für gegenwärtige Zeit. Zeitraum für praktische Versuche für Geschäfte des Lebens. Verteidigung des Edlen. Streben zur Erhebung über die Zeit. — Bis zum vierundzwanzigsten Jahre.
  1. Erhebung über die Zeit. Bis zum dreißigsten Jahre.
  1. Nun tritt der vollendete Mensch auf und wirkt, groß wie ein Gott.

Es wird dabei ausgegangen von dem Gedanken, daß der einzelne Mensch in Kürze noch einmal die Stufen dutchlebt, welche die Gesamtmenschheit bis in sein Zeitalter durchgemacht hat. Abgesehen davon, daß Friedrich August Wolf weniger den « Menschen » als solchen, sondern nur den «Philologen » im Auge zu haben scheint, ist sein Versuch voll von Beobachtungsfehlern in bezug auf die menschliche Entwickelung. Das Rüstzeug zu wirklicher Beobachtung auf diesem Gebiete kann eben nur die Geisteswissenschaft geben.

German original of Memorandum about Friedrich August Wolf · ← Previous · Next →