35. Wozu braucht der Theosoph Lehren und Theorien?

Es wird folgende Frage vorgelegt: «Ist es für den Theosophen von Wichtigkeit, daß er über die verschiedenen Teile des Menschen, über die Astral- und Mentalwelt, über die Entwickelung der Erde und Welt und so weiter sich unterrichte? Genügt es nicht, wenn er sich des «Gottmenschen» in sich selbst, der Einheit mit allen Wesen, und der Göttlichkeit aller Dinge bewußt werde? Wozu braucht er Lehren und Theorien?»

Dazu muß gesagt werden, daß es eine schöne Redensart ist, sich seines göttlichen Selbst und der Einheit mit allen Wesen bewußt werden, daß dies aber auch so lange nur eine Redensart bleibt, als bis man die Natur und die Taten des Göttlichen in der Welt wirklich erkennen will. Wer nur immer und immer wieder von seinem göttlichen Selbst spricht, der gleicht einem Menschen, der nichts wissen will von Tulpen, Veilchen, Narzissen, Rosen usw., sondern alles nur in den unbestimmten Begriff von «Pflanze» zusammenwerfen will. Gott kann nur erkennen, wer die Welt versteht, und Selbsterkenntnis kann nur haben, wer die Dinge um sich herum, sowohl sinnliche wie übersinnliche, erkennen will. Denn der Mensch ist für den Menschen die höchste Offenbarung aller Dinge, und deshalb ist Welterkenntnis zugleich Selbsterkenntnis. Wer also nicht mit allgemeinen Redensarten vorliebnehmen will, der muß zur Selbsterkenntnis die Erkenntnis der astralen, der mentalen usw. Welt sich erwerben. Denn alle die Erscheinungen dieser Welten haben Anteil an der menschlichen Wesenheit. Deshalb ist vollendete Selbsterkenntnis und volles Gottesbewußtsein auch ein unerreichbares Ideal. Erst wenn man die ganze Welt erkennen würde, könnte man sich ganz selbst erkennen. Nicht darum kann es sich handeln, daß wir wissen, daß ein Göttliches in uns lebt, denn ein Göttliches lebt in jedem Stein, in jeder Pflanze, in jedem Tier. Es kommt darauf an, daß wir immer mehr und mehr von den Offenbarungen Gottes im Weltall erkennen. Wiederholen wir daher weniger, daß Theosophie das Bewußtsein sei von der Einheit Gottes mit dem Menschen, und suchen wir mehr von den Geheimnissen der Welt, das heißt von dem göttlichen Wirken in den Dingen, wirklich zu verstehen. Dadurch werden wir auch bescheidener, als wenn wir immer unser Bewußtsein von dem Gottmenschen in uns betonen. Gewiß tragen wir diesen in uns; aber wir wissen in der Regel blutwenig von ihm. Es ist besser, einige wirkliche Kenntnisse davon zu besitzen, wie es in der astralen oder mentalen Welt aussieht, als mit einem Gottbewußtsein zu prunken, das ohne wahre, bestimmte Erkenntnisse doch nur ein leeres Wort bleibt. Ja, es ist sogar anmaßend, von dieser Einheit mit Gott zu sprechen, ohne sich auf weitere Vertiefung in die Taten Gottes im Weltall einlassen zu wollen. Was nützt es, wenn du immer sagst: Ich bin der Sohn dieses Vaters. Lerne von diesem Vater, eigne dir an, was er kann und vermag, dann bist du sein würdiger Sohn. Theosophie wird nur dann wahre göttliche Weisheit sein, wenn sie bestimmt und klar von den höheren Welten spricht und alle unbestimmten Redensarten vermeidet. Wieviel jemand von den Erkenntnissen der höheren Welten sich aneignet, das ist eine andere Sache; es kommt aber auf den Willen zur Erkenntnis an. Alles Unselige in der Welt kommt vom Nichtwissen. Dieses überwindet man aber nicht durch das Bewußtsein von dem göttlichen Selbst in sich. Denn auch der Unwissende kann mit vollem Recht von seinem göttlichen Selbst reden. Er hat es; nur erkennen kann er es nicht. Die Theosophie soll nicht sein ein Prunken mit einem göttlichen Bewußtsein, sondern ein wirkliches Lernen der göttlichen Weltgeheimnisse, die den Schlüssel geben zur echten Selbsterkenntnis.

German original of Why does the Theosophist Need Teachings and Theories? · ← Previous · Next →