38. Wie verhalten sich Kräfte einer niederen Welt zu Wesenheiten in einer höheren?
Es wird folgendes gefragt: «In einem Vortrage wurde vor kurzem gesagt, den Kräften in einer niederem Welt -- auf niederem Plane — entsprechen Wesenheiten in einer höheren Welt — auf einem höheren Plane. Wie hat man sich das vorzustellen?»
Man muß, um diese Sache im richtigen Lichte zu sehen, von einer Analogie ausgehen. Man denke zum Beispiel an den Menschen. Er handelt aus seinen Absichten und Zwecken heraus als ein bewußtes Wesen. Nun sei vorausgesetzt, daß ein Tier nach seinen eigenen Fähigkeiten den Menschen beurteile. Es wird die Tätigkeiten des Menschen wahrnehmen, nicht aber die Absichten und Zweckbegriffe, aus denen sie hervorgehen. Das Tier nimmt somit eine Wirkung wahr, ohne die zugehörige Ursache durchschauen zu können, Man nehme nun weiter an, das Tier sehe gar nicht einmal den handelnden Menschen in einem gegebenen Falle, sondern stehe lediglich vor dem Resultat der Tätigkeit desselben, zum Beispiel vor einem Tisch. Es wird gar nicht weiter veranlaßt sein, die Ursachen zu bedenken, durch die der Tisch zustande gekommen ist, beziehungsweise das Wesen zu suchen, welches den Tisch gemacht hat.
In einem ganz ähnlichen Falle ist der mit seiner Beobachtung bloß auf die Sinneswelt beschränkte Mensch gegenüber den Naturerscheinungen. Er nimmt Wirkungen wahr, ohne die Ursachen zu sehen. Denn diese liegen in höheren Welten. Der Mensch nimmt Licht, Wärme, Elektrizitätserscheinungen und magnetische Wirkungen und so weiter wahr. Diese treten vor ihm auf wie etwa der Tisch in obigem Beispiele vor den Augen des Tieres. Die Ursachen, welche die Physiker und Chemiker zu den Erscheinungen bin zudenken, sind aber nichts anderes als Gedankenbilder. Denn bewegte Atome, Molekularkräfte usw. sind Vorstellungen, welche aus der gewöhnlichen Sinnenwelt entlehnt und in eine nicht sinnlich wahrnehmbare Welt hineingedichtet sind. Wenn der Physiker an solche Erdichtungen glaubt als an wahre Wirklichkeiten, so huldigt er einem Aberglauben, der in vieler Hinsicht tiefer steht als die Fetischanbetung niederer sogenannter Naturvölker. Unsere gegenwärtige Naturwissenschaft, sofern sie Theorien baut und sich nicht auf die bloße Beobachtung beschränkt, ist voll von Götzendienst und Aberglauben. Nichts weiter als Aberglaube ist die Atomtheorie, wenn sie als mehr genommen wird denn als eine vorläufige, brauchbare Arbeitshypothese.
Der Geheimforscher aber vermag von den sogenannten Naturkräften zu den wirklichen Ursachen der sinnlichen Tatsachen aufzusteigen. Er findet dann, daß elektrische Erscheinungen nichts weiter sind als die Ergebnisse der Handlungen gewisser Wesen, welche in höheren Welten ihr Dasein haben. Wie das Tier einen Tisch sieht, ohne weiter über den Verfertiger des Tisches eine zutreffende Vorstellung sich machen zu können, so hat der auf die Sinnenwelt beschränkte Beobachter die elektrischen Tatsachen vor sich, ohne sich einen rechten Begriff von den höheren Wesenheiten bilden zu können, deren Taten diese Erscheinungen sind. Es entsprechen wirklich den Wärmeerscheinungen gewisse die Wärme erzeugende Wesenheiten. Ebenso gibt es Lichtwesen, von denen die Licht- und Farbenwelt und so weiter geregelt wird. Man kann zur Erkenntnis dieser Wesenheiten nicht durch Spekulation kommen, sondern nur durch Entwickelung eigener höherer Fähigkeiten, welche dann denjenigen der höheren Wesen ähnlich sind, so wie auch das Tier die Natur des Menschen nur begreifen könnte, wenn es sich eben selbst einen menschlichen Verstand aneignete.
Zugeben wird das der Mensch allerdings erst in dem Augenblicke, in dem er sich die Einsicht angeeignet hat, daß eine Höherentwickelung des Menschen möglich ist. Vorher wird er naturgemäß das Sprechen von Licht-, Wärme- und Elektrizitätsgeistern für ein «Zurückfallen in die abergläubischen Vorstellungen der Mythologie» ansehen. Wer aber sich wirkliche Erkenntnis erwirbt, der muß eben umgekehrt die Atomtheorie usw. gleichstellen mit der Anbetung eines Holz- oder Steinklotzes. Die afrikanischen Neger haben den Götzendienst in der Religion, wir im Abendlande haben den Götzendienst in der materialistischen Wissenschaft. Der Mystiker spottet über den letzteren Götzendienst und Aberglauben sowenig wie über den ersteren, sondern er begreift das eine so wie das andere. Wie gewisse Völker notwendig auf einer Entwickelungsstufe zum Fetischismus kommen mußten, so die europäischen wissenschaftlichen Materialisten zum Atomismus.
Alle diese Dinge findet man auch ganz wissenschaftlich auseinandergesetzt in meinen Einleitungen zu Goethes naturwissenschaftlichen Schriften in Kürschners «Deutscher Nationalliteratur», in meiner «Philosophie der Freiheit» und in meinem Buche über «Goethes Weltanschauung». Aber die in materialistischen oder sogenannten positivistischen Vorstellungen befangenen Denker und Wissenschafter unserer Zeit können von diesen Auseinandersetzungen nichts verstehen. Sie müssen sie sogar für Dilettantismus halten. Ich selbst habe mich darüber nie gewundert. Denn ich weiß, daß die Menschen nicht nach Gründen, sondern nach Denkgewohnheiten und öffentlichen Suggestionen urteilen. Und ebenso weiß ich, daß eine Zeit kommen wird, in der man über den Materialismus unserer Gegenwart, auch zum Beispiel in der Form der Wundtschen Philosophie, so urteilen wird, wie gegenwärtig die Menschen über die «kindlichen» Götzen afrikanischer Naturvölker urteilen. — Es war notwendig, zum Zwecke dieser Auseinandersetzungen oben von einer Analogie auszugehen. Es ist natürlich, daß jede Analogie nur annähernd die Dinge wiedergeben kann. Aber man muß eben so vorgehen, wenn man sich deutlich machen will.